Donnerstag, 2. Juni 2011

Märchenstunde

In ihrem Blogpost „The Fantasy of Being Thin“ beschreibt Kate Harding, dass sie sich Jahre nach ihrer Entscheidung, keine Diät mehr zu machen, gar nicht mehr daran erinnern kann, wie es war, zwischen dem Wunsch, dünn zu werden und dem, endlich mit dem eigenen dicken Körper Frieden zu schließen, hin- und hergerissen zu sein. (Hier habe ich an den Rand geschrieben „Aber an eben jenem Punkt bin jetzt.“) Kate Harding ist eine Fett-Aktivistin, Bloggerin und Mitautorin eines Buches über Fett-Akzeptanz (Lessons from the Fat-o-Sphere: Quit Dieting and Declare a Truce with Your Body).

Warte nicht auf schlanke Zeiten blablabla. Schiebe nicht dein Leben auf blablabla. Lebe so, als wärst du dünn BLA!BLA!BLA! Ganz neu dürfte den meisten von uns solch kerniges Aufmunterungsgerassel nicht mehr sein. Alles gut gemeint und vielleicht sogar irgendwie richtig. Und alles verdammt leicht gesagt. Und was dabei immer mitschwingt, ist das kleine böse Wörtchen „trotzdem“. „Trotzdem“ heißt aufzugeben, und nicht, sich klar zu entscheiden.

Hardings Ansicht nach ist es so verdammt schwer, diese endgültige Entscheidung gegen weitere Diäten zu treffen, weil man sich damit auch gleichzeitig gegen das Fantasie-Ich entscheidet, das von der Hoffnung auf die nächste Diät lebt. Unser dünnes Fantasie-Ich dient u. a. als hervorragende Entschuldigung, wenn die Dinge im wahren, dicken Leben nicht so richtig laufen. Und das tun sie ja oft nicht. Zumindest nicht so gut, wie erhofft. Das wiederum dürfte bei den meisten Menschen so sein. Aber als dicke Dame hat man die vermeintliche Ursache des Versagens an Bauch und Hüften immer gleich bei sich. Das ist praktisch. Und verhindert laut Harding gleichzeitig, dass man ernsthaft nach Problemlösungen abseits der Gewichtsabnahme sucht. Oder akzeptiert, dass es hier und da einfach keine Lösung gibt, weil man schlicht nicht in der Lage ist, bestimmte Probleme zu beseitigen oder gewisse Ziele zu erreichen. Das stellt sich spätestens dann heraus, wenn man dünner wird. Hardings These ist: Was man als dicker Mensch nicht auf die Beine stellt, wird man auch nicht wahrmachen, wenn man erst einmal dünn ist. Das sind fürwahr rosige Aussichten.

Freudvoll oder nicht – eine Überprüfung dieser Theorie anhand der eigenen Diätgeschichte ist ja nicht so schwer. Wenn ich zurückdenke - wie viel zufriedener und erfolgreicher war ich eigentlich in dünnen Zeiten? (In Zeiten mit einer Kleidergröße von 36-38…Ja, die gab es.)

War das Körpergefühl besser? – Ja. Doch. Schon. Man hatte halt weniger zu tragen und passte problemlos in jeden Flugzeugsitz. Und wie war es mit Beziehungen? – Naja…wenigstens hatte ich welche. Richtig lang gehalten hat keine. War mein Selbstbewusstsein größer? – Wenn ich es recht überlege – nein. Selbstbewusstsein und Mut kommen meiner Erfahrung nach eher mit zunehmendem Alter als mit schwindenden Kilos. Hat es wenigstens mehr Spaß gemacht, Kleider zu kaufen? – Ja. Und fand ich mich schön? War ich mit meinem Körper zufrieden? – Das kann ich sogar ganz klar beantworten: Nein. Ich war NIE wirklich zufrieden mit meinem Aussehen. Ich fange auch in dieser Hinsicht erst jetzt an, gnädiger mit mir zu werden. Und wie war es mit dem beruflichen Erfolg in dünnen Tagen? War ich klüger, berühmter, reicher? – Erm…Nö. Es stimmt schon, was Harding sagt. Wenn man kein Buch schreibt, kann man auch keins verkaufen. Und am meisten geschrieben habe ich beispielsweise in der Zeit, in der mein Gewicht seinen absoluten Höchststand erreichte.

Ich hatte also eine dünne Realität. So besonders schillernd war sie, wie eben gesehen, eigentlich nicht. Nicht gemessen an dem, was meine Vorstellungskraft auch jetzt noch imstande ist, sich auszumalen – so bunt, prächtig und in 3D, dass man es tatsächlich noch immer für eine wahre Option hält. Wenn man nur wieder dünn wird, wird diesmal alles anders...

Meine 6 Lieblingsfantasien vom dünnen Leben:

PLATZ 6: Ich lasse mir ein Leoparden-Tattoo machen, das sich vom Beckenknochen bis über den (superstraffen) Oberschenkel erstreckt.

PLATZ 5: Ich schmettere in einer Karaoke-Bar einem vor Verblüffung starren Publikum „My Heart Will Go On“ entgegen, und meine Haare wehen dabei dekorativ in der Brise einer Windmaschine.

PLATZ 4: Ich spreche fließend Japanisch. Und sehe großartig dabei aus. (Wie kommt es, dass mein dünnes Ich plötzlich Japanisch kann?...Ja, was weiß ich denn. Wer wird denn da anfangen, Erbsen zu zählen? Es ist ja schließlich nicht…real…hm.)

PLATZ 3: Ich sitze als Expertin in einer politischen Talkshow. Und bin SOWAS von schön.

PLATZ 2: Hunderte von Frauen stehen in Schlangen stundenlang um den Block, um eine signierte Kopie meines Kriminalromans zu bekommen. Und ich sehe toll aus.

Und schließlich PLATZ 1 (Trommelwirbel): Hunderte von Männern drängeln sich, um mein Autogramm zu bekommen - auf MEINEM PLAYBOY-COVER!

Über meinem Schreibtisch hängt seit Jahren das berühmte Zitat von George Eliot: „Es ist nie zu spät, das zu sein, was man hätte sein können.“ Ich habe es bestimmt schon einmal erwähnt, denn bis vor Kurzem hätte ich auch immer noch behauptet, dass es im Kern wahr ist. ALLES IST MÖGLICH, wenn man nur WILL, oder? Aber Kate Harding zufolge wird es erst möglich, sein dickes Ich zu akzeptieren, wenn man sein dünnes Fantasie-Ich in die Wüste schickt. Wenn man akzeptiert, dass man DAS nie sein wird. Man wird gegebenenfalls nicht nur nicht dünn sein, man wird womöglich auch keinen Oscar gewinnen, kein zweites Facebook erfinden und auch nicht Bundeskanzlerin werden. Womöglich ist im Leben NICHT alles immerzu möglich, egal wie stark man es will. (Und wenn ich mir so meine Oberschenkel ansehe, dann wird es vermutlich Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen.) Aber das bedeutet nicht, dass gar nichts möglich ist und dass das Leben nicht doch immer noch erheblich besser werden kann, als es ist. Wenn man sich nicht dauernd für das, was man nicht erreicht, bestraft. Und/Oder wenn man etwas unternimmt. Und dafür könnte mehr Energie zur Verfügung stehen, wenn für den Kampf gegen das Fett nicht mehr so viele Ressourcen draufgehen würden.


Wir Sind Helden - Müssen Nur Wollen von EMI_Music

Und selbst wenn man sich entschließt, das Gewicht wieder zu verlieren, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen dünnen Märchenwelt notwendig. Denn Abnehmen allein ist höchstwahrscheinlich nicht die Lösung (wofür auch immer) – und der Effekt, wenn man von der kurzlebigen Euphorie beim Schließen des Reißverschlusses absieht, vielleicht bei Weitem nicht so dramatisch und umfassend, wie ausgemalt.

Kate Harding verabschiedete sich auf ihrer persönlichen Reise zur Selbst-Akzeptanz von der Vorstellung, eine Alpaka-Farm zu betreiben und George Clooney zu heiraten. Einen Fantasie-Heiratskandidaten habe ich übrigens auch:…na, das verrate ich jetzt doch nicht. Man weiß ja nie ; ).

NH

4 Kommentare:

  1. Tja und manchmal tut es einfach nur gut zu lesen, wie es anderen so geht, was sie denken und fühlen und zu wissen, dass man doch nicht so unnormal ist. Andererseits, wenn ich meine schlanken Freundinnen so anschaue, was ist schon normal? Was ist schon glücklich? Nur weil man schlank ist, ist man noch lange nicht glücklich, aber in manchen Punkten (Gesundheit, Klamotten, Akzeptanz...) macht es das Leben halt einfacher.

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  2. Ja, was ist normal? Und will man das überhaupt? Wenn wir die Strapazen einer Diät auf uns nehmen, haben vermutlich die wenigsten von uns wirklich lediglich das von Ziel vor Augen, "normaler" zu werden. Ich jedenfalls wollte immer zumindest ein wenig "wundervoller" werden. ; )

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  3. Vermutlich ist es nie verkehrt, die eigene Motivation zu hinterfragen, aber gerade wenn es um die Herzenswünsche, die grundlegenden Traumziele geht, tut es manchmal weh, sich der Realität zu stellen.
    Weil man feststellen könnte, dass das vermeintliche Traumziel gar nicht das ist, was man wirklich will. Genau so ist es wohl mit dem Abnehmen. Warum will jemand unbedingt abnehmen? Weil das Leben als dünner Mensch so viel besser ist? Wohl kaum. Auch als dünner Mensch kann ich in einer schrecklichen Beziehung stecken (oder erst gar keine haben) und auch dünne Menschen haben öde Jobs. Das Leben wird nicht automatisch besser, nur weil man in Größe 36 passt. Erträume ich mir also ein tolles Leben mit großartigem Job, Ehemann und Kleidergröße 36, wäre es vielleicht sinnvoll, mehr Energie auf Job und Ehemann zu verwenden als auf die nächste Diät. Mit etwas Glück und Tatkraft sind die ersten zwei Ziele durchaus zu erreichen, und dann kann das dritte schon egal sein. Oder sich zumindest auf eine nette Kleidergröße 42 eingependelt haben, was für die Reißverschluss-Befriedigung durchaus ausreichend sein könnte. Langer Rede kurzer Sinn: Ein Leben, das auf den Traum basiert, als dünner Mensch wäre alles viel einfacher und besser, und dessen Energie allein auf das Finden einer Zauberdiät ausgerichtet ist, mit der das Traumgewicht erreicht wird, ist kein Leben. Alles im Leben aufzuschieben, bis die Waage das vermeintlich richtige Gewicht anzeigt, ist nicht wirklich klug. Es gibt kein passendes Gewicht für Glück. Es gibt nur die Suche danach, und ein Leben lässt sich nicht ewig aufschieben.
    (Sorry, dass das jetzt ein bißchen länger geworden ist. Diese ganze Aufschieberei beschäftigt mich gerade ziemlich, wie man sieht)

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  4. Stimmt, das Leben aufzuschieben ist dumm. Denn, ohne morbide sein zu wollen: der Vorhang kann schließlich jederzeit fallen. Man sollte eigentlich gleich einen Pakt mit sich schließen, dass man dem Gewicht ab jetzt nicht mehr die Schuld gibt, wenn es nicht vorangeht. Und dann sollte man sich eine Schlitz ins Kleid machen und aufbrechen, in eine freiere, selbstbestimmtere Zukunft. Leider sind uralte Programme auf der Festplatte nicht so einfach zu löschen. Ich persönlich bin ja schon dankbar, dass ich auf die Idee der ernsthaften Selbstakzeptanz überhaupt erst einmal gebracht worden bin. ; )

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