Sonntag, 1. April 2012

Auf der Suche nach der Mopsfledermaus

Ja, hat bisher super geklappt, mit meinem Vorsatz, in diesem Jahr mehr zu schreiben, ich weiß… ; ). Aber so geht es mir mit all meinen Vorsätzen, sogar damit, endlich meiner inneren Crazy Cat Lady mehr Raum zuzugestehen.

Zu meinem Erstaunen hat das faktische Brachliegen des Blogs jetzt aber nicht unbedingt dazu geführt, dass die Klick-Zahlen weiter abgesackt sind – tatsächlich sind sie so (hoch oder niedrig) geblieben, wie sie waren. Die Pessimistin würde nun sagen, es ist also völlig egal, ob du für diese Seite noch Texte produzierst oder nicht. Die Optimistin sagt sich – ist doch toll, ist nichts verloren. Und die Leserinnen schauen immer mal wieder, was du so machst. Beides stimmt wohl ein bisschen, aber tatsächlich sind die halbwegs unveränderten Leserinnenzahlen insbesondere in letzter Zeit das Ergebnis der Nachfrage für einen bestimmten Beitrag: AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns. Seit Bestehen dieses Blogs, ist er nicht nur der meistgelesene Eintrag, er wurde tatsächlich über ACHTMAL öfter angeklickt, als der zweitmeistgelesene. Weil er in Suchmaschinen unter dem Begriff „Pro Ana“ aufgeführt wird. Und das interessiert offenbar sehr viel mehr (meiner Vermutung nach weibliche) Menschen, als Fettakzeptanz, „politische Körper“, oder…naja, tote Katzen.

Eine weitere Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass Bilder vielen Menschen sehr wohl erheblich mehr sagen, als Worte. Vielleicht hätte man das wissen können, aber ganz so klar war es mir dann doch nicht. Jeder Post eines Bildes auf dem frischen und ja auch noch immer gänzlich unerklärten und unkommentierten THE UGLY GIRL PROJECT hat mehr Publikum, als ein Blogbeitrag hier (na ja, mit einer Ausnahme eben). Gleichzeitig habe ich bestimmte Blogs von, zumeist amerikanischen, Fettaktivistinnen, verwaist vorgefunden. Oder Homepages von Projekten zur Fat Acceptance sind plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass es oft einfach zu viel Energie kostet, mit einem dicken Körper zu leben und diesen dann auch noch in einem Umfeld verteidigen zu wollen, das entweder ablehnend oder schlicht überhaupt nicht interessiert ist. Und ich gebe gern zu, dass ich es bis heute ja noch nicht einmal groß versucht habe. Stattdessen koche ich wieder Kohlsüppchen zum Abnehmen…aber dazu kommen wir dann später.

Die Revolution der Dicken, sie findet nicht statt. Auch und schon gar nicht in der Welt der Frauenzeitschriften. Was Leserinnen bekommen, sind leere Versprechungen und die gelegentliche Dicke, die einem dann als Errungenschaft angepriesen wird und im Gesamtspektrum der Modemagazine dennoch exotischer ist als eine Mopsfledermaus.

Die These des Beitrags von 2007 war, dass wir alle ein wenig pro Ana sind. Und er beschreibt ein wichtiges Motivationsinstrument der „Bewegung“: Thinspos (Thinspirations) – Sammlungen von Bildern von dünnen Frauenkörpern, die dabei helfen sollen, die eigene Diät durchzuhalten, um das vorgegebene Schönheitsideal selbst zu erreichen. Ungeachtet all der Dinge, die ich auch gern hier erzählen würde, habe ich gestern ein kleines Experiment begonnen und mich durch die aktuellen Ausgaben der folgenden Frauenzeitschriften gearbeitet: Für Sie, Freundin, Petra, Brigitte, Lisa, Gamour, Elle, und die amerikanische März-Vogue (mit der dicken Adele auf dem Titel, aber das ändert nichts am Inhalt). Dabei war ich auf der Suche nach Material, das für Thinspos geeignet wäre, aber auch nach Abbildungen von „fülligeren“ also mindestens normalgewichtigen Frauen. Das Ergebnis habe ich erst markiert, dann gescannt und dann zu einer Thinspo (der besonderen Art) verarbeitet - mit der für dieses "Mini-Genre" charakteristisch dramatischen Musik (P.S. da hat die GEMA mir nun einen Strich durch gemacht, die Musik ist jetzt nicht mehr ganz so mitreißend ; )). Pro Ana folgt, wie erwähnt, rigiden ästhetische Richtlinien – das heißt, es muss auffällige Magerheit gezeigt werden. Stockdünne Beine und Arme, Schlüsselbeine oder Rippen sollten deutlich erkennbar sein. Ich habe mich zum Schluss hauptsächlich an Beine gehalten – Oberschenkel, deren Umfang dem meiner Oberarme zu gleichen scheint. Und ich bin fündig geworden. Insbesondere Anna Wintour, nunmehr legendäres Chefredakteurinnenmonster der US-Vogue, lässt einen diesbezüglich nie im Stich. Grundsätzlich gilt natürlich: je teurer die Publikation, desto aufwendiger die Modestrecken – und desto dünner die Models. Ich habe jede Abbildung berücksichtigt, also auch die enthaltene Werbung. Die gelben und organgefarbenen Streifen stehen übrigens für „dünn“, die pinkfarbenen für „dick“.


Das Ergebnis spricht für sich. Wir haben nach wie vor alle unsere tägliche „Thinspiration“ auf dem Kaffeetisch rumzuliegen. Hier ist nun das Ergebnis meines Filmschaffens; "Triggerwarnungen" kann ich mir angesichts der oben genannten Quellen der Bilder eindeutig getrost sparen.

NH

Kommentare:

  1. Ich möchte nur mal betonen, dass ich nicht auf Deine Seite klicke, um irgendwelche Magersüchtigen zu sehen, sondern nur ob Du mal wieder was geschrieben hast!

    Das mit den Frauenzeitschriften ist wirklich erschreckend... Hast Du dabei berücksichtigt, dass die meisten Fotos stark bearbeitet sind? Ich erinnere da nur an die Jeanswerbung von Heide Klum, bei der auf den unbearbeiteten Fotos klar zu erkennen war, dass so eine Hüfthose selbst bei der Klum eine Speckrolle produziert...

    LG
    Sonja

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  2. Hey Sonja!

    Natürlich ist es so, dass alle, die regelmäßig vorbeischauen (und nichts freut mich mehr! : )) wissen, dass bei uns auf der Seite Pro Ana-technisch nicht viel zu holen ist. Offenbar "profitiert" auch nur der eine Beitrag von einer im Augenblick scheinbar steigenden Nachfrage nach Pro Ana im Internet.

    Die Fotos hier sind sicherlich stark bearbeitet - in jeder Hinsicht. Ich glaube allerdings, dass das für den negativen Effekt auf das Selbstwertgefühl einer Mehrzahl der Leserinnen keine Rolle spielt. Da sagt man sich hundertmal, dass das alles nicht echt ist, und fühlt sich doch schlechter im eigenen Körper. Und es stellt sich auch die Frage: Warum mache ich dünne Mädchen (und das sind sie ohnehin alle) am Computer noch dünner? Warum ändert sich da nie was?

    Hast du meine 5 "subversiven Dicken" im Filmchen entdeckt? : ) Am Ende ist es zweimal das Plus-Size-Model Tara Lynn. Das war vielleicht eine "Sensation", als die im Februar mit nackten (natürlich auch stark photogeschoppten) Beinen auf dem Cover der französischen Elle erschien! Halt so, als hätte man eine Mopsfledermaus aufs Titelbild gebracht...

    Herzliche Grüße
    Nicola

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  3. So, jetzt konnte ich mir Thinspiration 1 auch angucken. Okay, die Fotos sind echt heftig. Wenn man dauernd solche Fotos sieht, verliert man wirklich das Gefühl dafür, was normal ist.

    Ich hab die "Dicken" im Film entdeckt, musste dann über die bearbeiteten Beine dann wieder schmunzeln. So glatte Beine hat ja nicht mal eine Magersüchtige.....

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