Freitag, 5. September 2014

Follow me around 7: Dame ohne Unterleib



"Das ist ja doch nur alles für deinen Block." Männer werden unerwartet dünnhäutig, wenn sich in ihrem Kopf der Gedanke formt, dass man es nicht ganz so ernst mit ihnen meint, wie sie es für angemessen halten. Wie ernst sie es meinen, ist dabei kein echtes Thema. Und wenn sie eigentlich auch ursprünglich nur ein wenig Telefonsex* wollten, können sie erstaunlich kitschig werden in ihrem Anspruch an die "Aufrichtigkeit" der Gefühle des Gegenübers. Sie wollen nur "ein unkompliziertes, unverbindliches Treffen" und "sich erst mal kurz beschnuppern" und fangen dann an zu zicken, wenn sie erfahren, dass frau erstens vor ihnen auch schon einmal einen Mann getroffen hat, und sich zweitens zu diesem Vorgang auch noch öffentlich Gedanken gemacht hat.

Drittens halten sie mich nach der Analyse des "Blocks" leicht mal für eine Männerheldin, bzw. Schlampe. Was ich ja gern  wäre, wenn ich dann bitte auch die nötige Kaltblütigkeit und gefühlsmäßige Kondition mitgeliefert bekäme, um mich im Land der "ausgeprägten Soziosexualität"** (Cosmopolitan) auf lange Sicht einzurichten. Aber es gibt Dinge, die hat frau, oder sie hat sie eben nicht wirklich.Viertens haben sie es nicht gern, dass ein anderer Mann in meiner Casting Show irgendwann offenbar gut weggekommen ist, weil sie das eifersüchtig macht. Außerdem verdächtigen sie einen in diesem Zusammenhang gern des Mitschleppens von emotionalen "Altlasten". Und die zu haben, ist schlimmer, als ein Emma-Abo. Fünftens regt es sie auf, dass einige andere Männer bei der ganzen Sache wiederum eher keine nennenswerte Spur hinterlassen haben, weil sie Angst haben, dass sie sich in dieser Galerie der verpufften Nieten womöglich in naher Zukunft wiederfinden könnten. Sie wollen nicht bewertet werden und am liebsten auch gar kein Foto schicken, aber stattdessen stichprobenartig mal schnell im Café um die Ecke die "gemeinsamen Interessen" abklopfen. Denn gemeinsame Interessen sind offenbar das Wichtigste für eine Liebesbeziehung. Wenn beide das Akkordeon spielen, kann nicht mehr so viel schief gehen...

Manchmal ist es neuerdings offenbar selbst zu viel verlangt, sich an einem Tisch in einem echten Haus zu treffen, um rasch mal persönliche Eckdaten auszutauschen. Ich hatte in den letzten paar Wochen tatsächlich "völlig unkomplizierte" Dates in Autos. Ja. Ganz genauso wie amerikanische Teenager, die gleich von inzestgeplagten Ödnisbewohnern aus dem Vehikel gezerrt und ermordet werden. Nur ohne Fummelei. Wahrscheinlich sollte frau froh sein, wenn sie nicht während der Fahrt mit wehendem Haar auf- und wieder abspringen muss. Dafür wären wir einmal fast in eine Wand gerollt...war wohl was mit der Handbremse.

Nicht so schlimm (revisited)

Ja, natürlich bin ich selbst schuld. Vieles, dem ich mich als jüngere Frau und vor dem Internet Dating niemals ausgesetzt hätte, gehört jetzt einfach dazu. Damals lief es ja auch nicht so rasant. So viele Kontakte, Telefonunterhaltungen und Verabredungen mit potentiellen Lebenspartnern wie in diesen Wochen hatte ich sonst nicht pro Jahr. Man hängt halt schnell drin. Man hängt halt auch schnell an der Strippe und begreift möglicherweise nach nur ein paar Sätzen, dass man sich SO RICHTIG vertan hat. Aber dann ist es schon zu spät, und die Erfahrung im Kopf.

Expertenvorträge über den weiblichen Orgasmus nach nur 60 Sekunden am Apparat. Jäh beendet durch einen Lachanfall meinerseits. Immer mal wieder Komplimente für mein Aussehen in untrennbarer Kombination mit: "Aber du kommst total arrogant rüber." Ich bezeichne das Phänomen mittlerweile  als "vorauseilende Minderwertigkeitskomplexe". Als jemand anfragte, ob ich für ihn Obst mit meinen Füßen zerquetschen würde, wollte ich wissen, ob das ein geschäftliches Angebot sei. Aber die Klasse, für Dienstleistungen dieser Art auch durchaus bezahlen zu wollen, hatte er natürlich nicht. Ein anderer schlug doch tatsächlich vor, die Rechnung zu teilen, wohl wissend, dass sein Anteil der höhere war. Als ich das ablehnte, bezichtigte er mich des Geizes. Noch einer äußerte sich negativ über meine Berufswahl, weil er vermutete, dass ich nicht genug verdiene. Genug wofür wurde nicht mehr erörtert. Und dann natürlich Bemerkungen über meinen Körperumfang... ACHTUNG - es folgt die wohl älteste Form des selbstgerechten, verdeckten Dickenbashings: "So schlimm isses doch gar nicht (mein Dicksein). Und du hast ein superschönes Gesicht." (Bitte hier gedanklich das Thema von "Psycho" einspielen). Oder: "Du bist nicht dick. Du bist weiblich." Hier hätte man natürlich ein großes Fass aufmachen können. Die Fragen, die durch Dumpfheit dieser Art plötzlich im Raum stehen, könnten und werden mich wahrscheinlich bis ans Ende der Zeit beschäftigen. Sind dünne Frauen womöglich gar nicht weiblich? Wenn nicht, was sind sie dann? Kann dick nicht weiblich sein? Wenn nicht, was sind dann dicke Frauen? Wie dick muss Frau sein, um schlicht dick und nicht mehr weiblich zu sein? Ist "weiblich" in Wahrheit ein neuer Euphemismus für "dick"? Ist "weiblich" dann, so wie "mollig", eigentlich auch nicht besonders gut, aber noch immer besser als "dick"? Als ich Theo zum ersten Mal begegnete, bemerkte er ganz erstaunt: "Du hast ja wirklich echtes Fett." Und freute sich sichtlich. "Das ist doch nicht so schlimm," sagte er bei verlaufenem Make-up und Rasierpickelchen in der Bikinizone. Das sind halt die Unterschiede.

Man könnte im oben beschriebenen Zusammenhang ja auch noch auf eine ganz andere Schiene kommen: Was bestimmt und definiert das Geschlecht einer Person? Hier würde ich gern mein Lieblingsdate der letzten Zeit erwähnen: Ein reizender Mensch, der mir die Wagentür öffnete, in Ermangelung einer Decke sein Hemd auf dem Rasen ausbreitete, damit ich mich im Park darauf setzen konnte, mir ganz viel zu trinken kaufte und die Leute, die uns die Sicht auf die Wasserspiele bei Planten un Blomen verstellten, kurzerhand verscheuchte. Er hatte ein freundliches Gesicht und genug Gehirn, bemühte sich sichtlich und ziemlich erfolglos, mir nicht ins Dekolleté zu starren und hätte womöglich ein glatter Hauptgewinn werden können. Wenn da nicht die Kleinigkeit eines chronischen Testosteronmangels wäre, der dazu führt, dass er sich das Hormon täglich über die Haut zuführen muss. Nicht immer ist die Dosis gleich. Wenn sie hoch ist, fliegt er auf mich. Und hört Hardrock im Auto. Zu hohe Dosen erhöhen allerdings das Krebsrisiko, so dass weniger im Alltag besser ist. Aber dann sinkt auch das Interesse an Brüsten. Und das an der dazugehörigen Frau gleich mit. Hat er mir alles ehrlich erzählt. Im ersten Augenblick sagte ich mir "Nobody is perfect." Aber dann kam eine zweite Stimme hinzu, die gellend schrie: "Jetzt mach' aber mal halblang. Ist dein Leben wirklich noch immer nicht kompliziert genug!!?" Ich sag's jetzt, wie es ist: Ich könnte vielleicht  noch mit sexueller Dysfunktion umgehen. Aber es ist das zumindest gelegentliche Leuchten in den Augen des anderen, wenn er mich ansieht, ohne das ich nicht mehr auskommen kann/will.

Puh.

Ich frage mich, wie man es aushält, das Dating Game jahrelang zu spielen. Und ich wundere mich nicht mehr, warum in so vielen US-amerikanischen Komödien die Erleichterung thematisiert wird, endlich mit dem Zirkus der ritualisierten Partnerbeschaffung fertig zu sein. Oder im Gegenzug das Drama, womöglich wieder auf dem Marktplatz aufzuschlagen, nachdem eine Beziehung in die
Binsen gegangen ist.

Und du! Wie nutzlos ist es, sich aneinander vorbei zu grämen, sollte es so sein. Das Geburtstagsgeschenk liegt hier noch immer eingepackt auf dem Tisch und ich kann es und mich auch offiziell anbieten, weil ich ja bekanntlich keine Krone habe, aus der man noch Zacken brechen kann und mich mein Geschwätz von gestern schon lange nicht mehr interessiert. Ich brauche allerdings schon eine Aufforderung bzw. einen symbolischen Hinweis (von mir aus auch im öffentlichen Raum). Am liebsten in Grün. Oder was mit Katzen.

*Ich hasse übrigens Telefonsex. 

Er langweilt mich zu Tode.

In meiner Kapazität als Kussbudeninhaberin (Meine Profilnamen sind TheKissingBooth und ThePhoneBooth) bei LiveJasmin.com habe ich nunmehr auch gelernt, wie es sich anfühlt, wenn die Zeit steht wie das faulige Wasser in einem Tümpel, während man darauf wartet, dass ein Kunde sich endlich erfolgreich einen runterholt, während man seinen bloßen Busen in die Kamera hält. Auf dem Bildschirm hatte sich unten rechts vorher ein weiteres Fenster geöffnet, in dem der Kunde in diesem Fall auf eigenen Wunsch zu sehen war. Also, sein Schwanz war zu sehen. Ein Schwanz aus der Lüneburger Heide, der einfach nicht zum Ende kam.

Eigentlich hätte ich mich darüber nicht ärgern sollen, weil ich schließlich für jede Minute, die ins Land ging, bezahlt wurde. Aber obwohl ich mich auch dieser Erfahrung um des Erkenntnisgewinnes willen freiwillig (wenn auch im Widerspruch zu meiner ursprünglichen Planung - ich hatte eigentlich nur gegen Bezahlung chatten und flirten wollen) ausgesetzt hatte, machte mich der Gedanke daran, wie herabsetzend es wohl erst sein muss, sich und seinen Körper tatsächlich greifbar zur Verfügung zu stellen, um Geld zu verdienen, nichts anderes als wütend und im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Dabei kann ich nicht einmal sagen, dass meine Kunden an jenem Nachmittag menschlich unangenehm gewesen wären. Insbesondere der letzte war ein äußerst freundlicher Amerikaner, der mir elegante Komplimente machte und sich nach seinem Höhepunkt ausgiebig bedankte. Als ich ihm sagte, dass ich das erste Mal vor der Webcam arbeitete, versicherte er mir: "You're gonna do very well."***

"Steh' mal auf und dreh dich!"; "Zeig mal deine Unterhose!"; "Kannst du dir Wasser über das Hemd schütten?"; "Kannst du dir an die Pussy fassen, und den Finger nah an die Kamera halten?"; "Kannst du an deinen Nippeln lecken?"... Wohlgemerkt - all diese Bestellungen sind harmlos gegen das, was von einem Camgirl in einer normalen Hardcore-Kategorie verlangt wird. Ich weiß ehrlich nicht, wie man das aushält. Darum habe ich in einem früheren Post auch von "Knochenarbeit" gesprochen. Das ist das, was Sexarbeit ist. Ich persönlich kann mir schlicht nicht vorstellen, wie man es schafft, sich so weit von der persönlichen, sexuellen Integrität abzuspalten, dass man in der Lage ist, die Grenzen so weit nach innen zu verschieben und sich von Fremden regelmäßig so nah auf die Pelle und die Seele rücken zu lassen. Das hat nichts mit Prüderie zu tun. Das ist eine Frage von Selbstfürsorge. Und wahrscheinlich bin ich doch eine alte Romantikerin.

Verdient habe ich bei meinem Experiment übrigens ca. 15 Dollar pro Stunde.


NH


** Scheinbar nur ein anderer Begriff für "Promiskuität".
***"Du wirst sehr erfolgreich sein."

Kommentare:

  1. Du schreibst göttlich. Danke :-)

    E aus B

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  2. @E

    Wow - göttlich?!
    Danke, du!...Bitte! ; )
    LG
    Nicola

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