Dienstag, 4. November 2014

Das Leben der A/anderen

Anton als Kätzchen im Hopfen, 1984.

Im dem Prozess, mich von Dingen in meinem Haushalt zu trennen, um mehr Luft und Leichtigkeit und Organisation zu ermöglichen, habe ich natürlich auch Schätze gefunden - Bilder über Bilder aus meinem Leben. Und dem Leben meiner Familie vor mir. Naturgemäß sind meine Eltern bevor sie meine Eltern wurden, Fremde. Die Tatsache, dass sie auch vor mir existiert haben, ist irgendwie immer ein wenig überraschend. Außerdem hatte mein Vater, wie wohl noch die meisten Väter von Kindern meiner Generation ohnehin ein geheimes Leben, weit weg von Frau und Kind. Von meinen Großeltern habe ich sogar niemanden kennengelernt. Viele der Bilder hatte ich zum ersten Mal in der Hand und vor Augen.

Aber auch bei der Durchsicht der Kisten mit aktuelleren Fotos habe ich mich oft gefragt: Wessen Leben ist das eigentlich? Die Bilder erzählen eine Geschichte über mich und meine Eltern, an die ich mich so kaum erinnere. Sie zeigen das Leben einer Anderen. Ein Leben, das sehr viel friedlicher wirkt, als es war. Oder scheinen die Ambivalenzen durch? Das ganze komplexe, oft selbstgemachte Unglück? Die störrische Exzentrik, die ich heute mehr zu schätzen weiß und vermutlich in weiten Teilen gar geerbt habe, aber die Kindern das Aufwachsen wahrhaftig keinesfalls erleichtert?

Ich habe mich ein wenig als Kuratorin betätigt, und dabei ist eine Art Familienalbum mit doppeltem Boden entstanden. Aber es ist auch eine Art Abschluss. So etwas wie "coming to terms". Nun kenne ich zumindest jede Fotografie, die in meiner Wohnung wohnt. Und ja...schon immer so viel Gelb...

NH
Die Mutter meiner Mutter. Ich habe meinen zweiten Vornamen von ihr: Elisabeth.
Garten.
Ich in gelber Wanne.
Ich in gelber Latzhose, ca. 11 Jahre
Mein Vater und ich - irgendwo in Italien.
Mein Vater und ich - beide überrascht voneinander.
Mein Vater als junger Reporter - und fremde Kulturen.
Mein Vater in der berliner Unterwelt, ca. 50er Jahre.
Mein Vater und Helmut Kohl - bizarre Überschneidung.
Sport war nie so sein Ding.
Mein Vater und ein Affe.
Hochzeitsbild, 1971
Ich mit ca. 3 Jahren und auf einer Reise.
Ich.
Gelbes Handtuch auf Sylt.
Ich im Schnee. Und in Gelb. Ca. 4 Jahre alt.
Elisabeths Beine.
Meine Mutter als Mittdreißigerin.
Meine Mutter geht in die Luft. Als Mittfünfzigerin.
Meine Mutter vorne rechts. Ja, sie liebte Schulausflüge ganz genauso sehr wie ich später.
Meine Mutter, Sylt, ca. Anfang zwanzig.
Meine Mutter und ich - Herbstspaziergang.
Meine Mutter als Mittsechzigerin.
Mein Vater mit seinem Vater.
Meine Eltern, Portugal, 1980.
Die Mutter meines Vaters mit Katze. Von ihr habe ich meinen dritten Vornamen: Meta.
Harry am Rednerpult.
Pietzke auf gelbem Kissen.
Ich mit südlichem Streuner, 1980.
Pünktchen.
Pünktchen und Anton. Die Kissenbezüge habe ich noch.
Ursula am Strand.
Winter in der Feldmark hinterm Haus.


© Nicola Hinz 2014

Kommentare:

  1. Eine tolle Auswahl! Viele Leben in wenigen Bildern angerissen. Man möchte mehr erfahren. Später, wenn ich mehr Zeit zum Lesen habe, noch mehr dazu.

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  2. Ja... Eine wunderbare Zeitreise.
    Bei dem Bild mit Kohl dachte ich im ersten Moment, da guckt einer in den Spiegel ;)
    Das Porträtfoto Deiner Mum wirkt sehr nachhaltig auf mich.

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  3. "Die Bilder erzählen eine Geschichte über mich und meine Eltern, an die ich mich so kaum erinnere. Sie zeigen das Leben einer Anderen. Ein Leben, das sehr viel friedlicher wirkt, als es war."

    Das mag ja daran liegen, dass Bilder "nur" Momentaufnahmen eines Lebens sind, die nur beschränkt Gefühle und andere Empfindungen übermitteln können. Gedanken, Emphatie, Beziehungen zu den dargestellten Personen uva. fehlen da ja komplett...

    Trotzdem (oder gerade deswegen?) eine tolle Zeitreise. Da kann ich mich meiner Vorrednerin nur anschließen :)
    Dankeschön für´s "mitnehmen" :)

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  4. Wenn das so aussieht könntest du wegen mir regelmäßig die Vergangenheit durchsortieren! Es hat sooo viel Spaß gemacht an dieser Zeitreise teilnehmen zu können... und sieht nach spannender Familiengeschichte aus. Ich stelle mir nun auch deinen Papa als inoffiziellen Kohl-Double vor (zumindest die Rückseite war äußerst überzeugend). Außerdem scheint gelb tatsächlich eine Schicksalsfarbe für dich zu sein :-) schöne Vorstellung du Sonnenschein.

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  5. Herzlichen Dank für euer Feedback!

    @ Drago
    Vielen lieben Dank! Stimmt ja – sind ja viele Leben. Oooh, und ich kenne keines davon wirklich… ; )

    @Helma
    Auch dir lieben Dank! Das Portrait habe ich von ihr gemacht - es war leider eines der letzten. Beweist aber auch, dass es noch gar nicht sooo lange her ist, dass ich noch mit „echtem Film“ fotografiert habe. Und ja – mein Vater und der Herr Kohl…eigenartiges Bild. ; )

    @Stefan
    Stimmt, Bilder sind nur winzige Ausschnitte, selbst wenn es so viele davon gibt. Und meistens fotografiert man ja nicht ausgerechnet die Katastrophen – also jedenfalls nicht die persönlichen. Freut mich natürlich sehr, wenn du meine „Bildergeschichte“ interessant findest! : )

    @Vicky
    Danke, du! : ) Ja, komisch – gelb, gelb, gelb. Natürlich war meine Mutter exklusiv für die häusliche Farbgebung zuständig…und es war und ist auch noch immer eine meiner Lieblingsfarben.

    Ich selbst habe bei der Durchsicht des Familienalbums auch noch so Einiges entdeckt, und bin ganz überrascht über meine eigene Auswahl der Bilder: Mein Vater tat sich immer schwer mit Bekleidung, die nicht „Anzug“ war – er war im Prinzip immer verkleidet, wenn er Freizeit hatte. Meine Mutter andererseits, hat offenbar, will man den Fotos glauben, die meiste Zeit ihres Leben im Bikini verbracht… ich frage mich, ob ich sie im Grunde so wahrgenommen habe – immer irgendwie an ihrem höchsteigenen Strand des Lebens.

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  6. Hallo Nicola,

    es stimmt... Fotos wirken immer irgendwie friedlich, glückvoll und so als wäre die Welt für alle damals in Ordnung gewesen.

    Tolle Bilder, tolle Eindrücke :-)

    Alles Liebe
    Andrea

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