Sonntag, 28. Dezember 2014

The Shit List

Now, is there anything else 

                                                   I can get you? 

     A killer blow to the face? 

                                                                                                                                                                       (Miranda Hart)                        

Jetzt wo Weihnachten und das ganze Besinnlichkeitsgedusel hinter uns liegen, kann ich's ja sagen: Ich halte die Vorstellung, Verzeihen sei der Schlüssel zum Seelenfrieden für ausgemachten Quatsch. Weil geplantes und isoliertes Verzeihen um des Verzeihens willen ohnehin nicht klappt. So wie Selbstliebe nicht einfach herbeigeredet oder -gewünscht werden kann. Denn davor schaltet sich das antagonistische Prinzip ein - und die Chancen stehen gut, dass man auf einen anderen niemals sauerer sein wird, als zu dem Zeitpunkt, zu dem man versucht, sich einzureden, man sei es nicht mehr.  So wie man niemals dringender Schokolade will, als zum Beginn einer Diät.

Ich stehe ja auf Rache.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich auf dem Land in Schleswig Holstein gelebt – an zwei verschiedenen Enden des selben Dorfes zu unterschiedlichen Zeiten. Zweimal wurden Katzen von mir dort von Jugendlichen eingefangen, gequält und beinahe getötet. Auch an beiden Enden, aber von Mitgliedern der selben Familie. Das kann auf dem Dorf ja leicht mal vorkommen. Einmal war es ein männlicher Teenager (Kater Anton kam mit zertrümmertem Kiefer und abgeschnittenen Krallen zurück nach Haus), viele Jahre später drei Schwestern in einer ähnlichen Altersklasse. Sie und ihre Freunde hatten bei einer Party offenbar versucht, Kasimir aufzuspießen, hatten aber letztendlich nur die Hautschichten am Rücken durchstochen. Auch er überlebte schwer verletzt. Und ja, ich denke manchmal, womöglich säße ich heute im Gefängnis, hätte ich nicht eine Mutter gehabt, die mich nach dem zweiten Vorfall zurückgehalten hat. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich verfüge ich trotz all meiner lodernden Wut über eine im Notfall doch noch halbwegs funktionierende Schwelle, wenn es um Gewalt geht und leide nicht unter der gleichen kriminellen Entgrenztheit, wie die von einer Lehrerin in einem ökologischen Holzhaus großgezogene Brut aus der Hölle. Sonst hätte ich womöglich doch noch Gas gegeben, und wäre ihnen in die Kniekehlen gefahren, als sie, ein paar Tage nachdem sie meinen Kater fast umgebracht hatten, provokativ die Straße blockierten und langsam und ganz nah vor meiner Stoßstange hergeschlenderten. Sie fühlten sich sicher. Zu recht. Ich bin nun einmal für andere nicht lebensgefährlich. Was mich noch immer im Rückblick verblüfft, ist, wie sie eigentlich dazu kamen, anzunehmen, dass es ganz genau so sein würde. Wirklich wissen konnten sie doch eigentlich nicht, ob sie es am Ende nicht womöglich doch mit Ihresgleichen zu tun hatten - mit einer Psychopathin, die kurz den Rückwärtsgang einlegt, Anlauf nimmt und sie ins Jenseits oder zumindest für ziemlich lange Zeit ins Krankenhaus befördert. Weil sie schlicht denkt, sie darf das. Vielleicht waren sie einfach zu dumm, um Angst um ihre Unversehrtheit zu haben. Oder sie hatten einfach nicht besonders viel zu verlieren. Ich nehme an, es dürfte eine großzügige Mischung aus beidem gewesen sein.

Ich vergesse fast nie - über viele Dinge, die mir im Leben passiert sind, war ich bisher für immer wütend und empört und fassungslos. Aber nach dem Entrümpeln meiner Umgebung geht es nun in der Tat an das Entrümpeln im Innern. Und da türmt sich weiß Göttin der Unrat. Die Shit List an sich ist schon mal eine hübsche Übung, sich von negativen Gefühlen gegenüber Menschen und den Erfahrungen, die man mit ihnen gemacht hat, zu lösen. Man schreibt einfach alle auf - alle, alle, alle die man gern mit einem Mähdrescher überrollen würde. All jene, denen man wünscht, dass sie am nächsten Bissen, den sich runterschlucken, ersticken werden. Alle, denen man nicht eine Träne nachweinen würde, wenn sie im Schlund eines durch den Asphalt hervorbrechenden Monsterkrokodils verschwinden würden. Alle, denen man ihre höchstpersönliche Lawine oder Flutwelle herbeizaubern würde, wenn man es könnte. Wer besonders gründlich sein will, schreibt auch noch den Grund für die Wut oder Verachtung auf.

Meine Liste umfasst rund 80 Personen, Gruppen und Organisationen. Darunter findet sich z.B. jeder Vermieter, den ich in Deuschland je hatte. Oder der Hausmeister, der aus dem Fenster des Treppenhauses gegenüber spannte. Meine Schwester, die das Grab unseres Vaters aufgelöst hat, ohne Bescheid zu sagen. Ziemlich viele Ärzte und Ärztinnen diverser Krankenhäuser, die an der Behandlung meiner Mutter beteiligt waren. Meine ehemalige Bank. Alle, die mich jemals wegen meines Gewichtes herabgesetzt oder beleidigt haben. Freundinnen meiner Mutter, die sie nicht ein einziges Mal besucht haben, nachdem sie krank wurde. Die Jäger, die Molly erschossen haben. Eine ganz bestimmte Gynäkologin. Polizisten. Mitarbeiter von Stromversorgern. Versicherungsvertreter. Bauunternehmer. Und natürlich die bereits erwähnte abscheuliche Kinderschar aus der Nachbarschaft. UND SO WEITER. Ja, es ist eine sehr, sehr, sehr lange Liste. Aber wenn man schon einmal dabei ist, aufzuräumen, sind auch keine Grenzen gesetzt. Es ist egal, wie groß oder klein die Verletzung - die, an die man sich erinnert, haben Spuren hinterlassen, für die sie jetzt endlich bezahlen werden.

Natürlich symbolisch.

Denn im zweiten Teil jagt man sie dann allesamt in die Luft! Dazu bietet Silvester einen pragmatischen Rahmen, sowie einen perfekten Anlass. Erstens: Wenn es ohnehin überall knallt, fällt dieser Teil der persönlichen Reinigungsaktion nicht groß auf.  Wenn man nämlich so viel Rache zu üben hat, wie ich, wird die Sprengung ein wenig länger dauern. Zweitens: Man startet idealerweise um einige Tonnen Groll erleichtert und erfrischt ins neue Jahr.

Meine Shit List habe ich entsprechend auf schmalen Etiketten verfasst. Jedes Etikett kriegt sodann seinen eigenen Böller. Und ich kann es kaum erwarten, ein Streichholz dranzuhalten. ; )

Die Beschriftung der Etiketten ist mit Absicht unleserlich, aber ich denke, der Versuchsaufbau ist klar. ; )
Die Vorbereitungen erfolgten zunächst unter den wachsamen Augen eines Sprengstoffexperten,...
...dem das Ganze am Ende aber doch ohnehin total am A..., also am haarigen Luxuspo vorbeiging.

Mögen wir uns 2015 möglichst immer gleich, geistesgegenwärtiger und wirksamer wehren, damit die Listen gar nicht erst so lang werden.

EIN MUTIGES NEUES JAHR!


PS: Der Soundtrack zur Übung

NH

Kommentare:

  1. genial.
    danke.
    nun weiß ich was zu tun ist.

    was für ein ungeheuerlich befreiendes vorhaben!
    ich werde dem vermieterböller noch die im lauf der jahre gesammelten katzenkrallen unterjubeln.

    ich lese hier sonst nur still mit. silent stalking, sozusagen.
    meistens schaff ich's nicht, mich zu äußern, weil deine texte so vieles in mir anrühren, dass ich ganz sprachlos bin, weil es zu viel wäre, was ich schreiben möchte.
    (blöder schachtelsatz)

    lass knallen!
    ich wünsche ein glitzerliebeglücksfunkelndes 2015!

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  2. @mo jour

    Jaaa, lassen wir es scheppern und knallen!!! Erst den ganzen vergangenen Mist, dann die Korken. Ich denk' am 31. um Mitternacht an dich! : )

    Und glitzerliebeglückfunkelnd wird das Wort des Jahres 2015!

    Liebe Grüße
    Nicola

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  3. Hallo Nicola,

    ich bin, bis jetzt , eine neue stille Mitleserin deines Blogs.
    Aber diese Idee mit den Böllern-einfach super.
    Danke für den Tip.
    Bis jetzt habe ich immer alles im stillschweigend mit mir selbst abgemacht und dabei meine Gedanken vergiftet.So nicht mehr.
    Jetzt müssen Böller her.

    Wünsche dir auch einen
    wunderbaren Jahresbeginn.

    P.S: Hätte jemals Jemand so etwas meinen Katzen angetan...ich weiß nicht, was ICH getan hätte.

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  4. Du bist herrlich :) Ich glaube, meine Liste würde genauso lang und da muss ich sicher nicht lange für überlegen. Vermutlich ist so eine Aktion SEHR befreiend.

    Wobei ich ja vor Knallkörpern voll Angst habe, ich würde mich mit einem Runterspülen ins Klo der Liste begnügen (am besten noch mit viel WC-Reiniger hinterher LOL)

    Ich schleppe gerade in diesen Tagen auch sehr viel Wut auf einige Menschen mit mir mit, das tut nicht gut.

    Auf dass das Jahr 2015 weniger für die Shitliste bereithält und zunächst mal, dass Du es ordentlich krachen lässt!

    Liebe Grüße

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  5. Saugeile Idee, echt!!
    Nur blöd, dass ich so ein Feuerwerksschisser bin... :-/
    Aber mir fällt bestimmt was vergleichbares ein, ohne Bumm...
    Alles Liebe Dir!
    *lila*

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  6. @Alle

    Vielen Dank für eure lieben Nachrichten! Ich wünsche uns allen einen wirklich knalligen Befreiungsschlag/überschäumenden Hausputz - mit extra viel Spaß, Sektlaune und richtig biestiger Fantasie!!!

    Liebe Grüße und bis im nächsten Jahr!

    Nicola

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  7. Ich hab gerade mal überlegt, mit wem ich eine solche Liste bestücken könnte, aber die Leute, die früher fies zu mir waren, sind mir inzwischen echt egal.

    ABER hätte jemand jemals einer meiner Katzen (oder einem geliebten Menschen) etwas vorsätzlich angetan, ich bin mir nicht sicher, ob mir in der beschriebenen Situation nicht eine Sicherung durchgegangen wäre. Da finde ich die Böller-Lösung viel zu milde. Was gibt es nur für unglaubliche Arschlöcher!

    Ich wünsche Dir jedenfalls ein schönes 2015!

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  8. @Christiane

    Nun noch etwas spät und mit wehendem Mantel: Dir auch ein gutes und gesundes Neues Jahr!

    Ja, die Nachbarsmädchen sind Arschlöcher. D.h. jetzt sind sie mittlerweile garstige Frauen. Ich erwarte in der Angelegenheit ja immer noch, dass man sich womöglich zweimal im Leben trifft. ; )

    Liebe Grüße
    Nicola

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  9. Was für eine tolle Idee, Nicola.

    Und ich dachte schon, ich sei abgrundtief perfide. Ich habe einen Ofen und verbrenne Holz. Zu Asche und jedesmal, wenn ich die Asche draußen im Garten entleere, denke ich, dass ist die Asche von jemandem, den ich hasse. Was soll ich sagen, es hilft.

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