Sonntag, 12. Juni 2016

Follow me around 47: Räumungen


Plötzlich habe ich so viel Platz, dass ich gar nicht weiß, wohin damit. Ich habe quasi gar keinen Platz für den Platz. Ja, Platz kann man natürlich bewegen und verschieben. Ich tue das bereits seit Tagen - und nun auch schon den ganzen Nachmittag. Und ich habe schlicht überhaupt gar keine Übung darin, Teile meines Raumes einfach leerstehen zu lassen. Es verwirrt mich regelrecht.

Aus den angepeilten 500 Gegenständen, die ja innerhalb eines Monats meinen Haushalt verlassen sollten, sind nun, mit mehrwöchiger Verspätung, am heutigen Tag 700 geworden. Das hängt auch maßgeblich mit den ca. 250 Büchern zusammen, die ich in den letzten paar Tagen habe gehen lassen, und obwohl das nur gut 10% der Bibliothek waren, macht sich das Verschwinden der Dinge im Ganzen nun doch langsam bemerkbar.

Ich bin mit der Verwaltung eines Übermaßes an Dingen beschäftigt, so lange ich denken kann. Ich habe bereits als Kind sortiert und umgeräumt und organisiert und gelagert. Wenn Dinge gingen, verhielt es sich ironischerweise immer ganz genauso wie mit meinem Gewicht nach Diäten - sie kamen multipliziert wieder zurück.

Als ich noch zu Hause wohnte, war ich außerdem involviert in die Verwaltung der Dinge meiner Mutter. Wie viele Nachkriegskinder hatte sie eine Hang dazu, Gegenstände zu horten, "weil man sie ja irgendwann noch einmal brauchen könnte." Das führte auch zu ewigen Kreisläufen des vernunftgetriebenen Aussortierens und des anschließenden, fast trotzig anmutenden Wiederanhäufens. In der Doppelgarage, die zur Wohnung gehörte, die wir einige Jahre bewohnten, nachdem sich meine Eltern getrennt hatten, war jedenfalls nicht einen Tag lang Platz für ein Auto.

Meine Mutter wohnte vor ihrem Tod allein in einem kleinen Haus auf ca. 120 Quadratmetern. Ihre Wohnräume waren nicht vollgestopft mit Kram. Er lag nicht überall offen herum. Das wahre Ausmaß ihres Festhaltens an Gegenständen eröffnete sich mir erst nach ihrem Tod, als ich ihre Schränke öffnete und zwei Monate lang jedes einzelne ihrer Besitztümer in die Hand nahm, bevor ich entschied, was damit geschehen sollte.

Sie besaß ungefähr 50 BHs. Weil man nie weiß, ob man nicht auf der Straße umkippt und ins Krankenhaus muss, war es in ihrer Welt eine Frage der Ehre, auch in einem medizinischen Notfall unter keinen Umständen in abgewetzten Unterkleidern erwischt zu werden. Aber die alten Dinge wurden mal wieder nicht weggeworfen, sondern für schlechte Zeiten aufgehoben. Die älteste Dose in den Tiefen ihres Vorratsschrankes war übrigens 10 Jahre alt.

Ihr Haus beherbergte neben allem anderen auch einige Sammlungen: Eine Glassammlung, eine Hühnergöttersammlung (Steine, die natürlicherweise ein Loch haben), eine Stuhlsammlung, eine Sammlung chinesischer Glücksbringer,...irgendwann fand ich mich am Glascontainer wieder und warf - quasi in Selbstverteidigung - Cocktailgläser aus den 50er Jahren hinein. Denn man kann halt nur so viele Kisten mit Spenden überall in der Stadt anliefern.

Und ich fand Gebirge aus Bett- und Tischwäsche - hoch und scharf gebügelte Kante auf Kante aufgestapelt. Der Besitzerinnenstolz, die Tiefe der Verschriebenheit und der Bemühungen im Dienste der Dinge erschütterte und rührte mich zugleich. Einen Stapel antiker Leinenhandtücher habe ich damals, so wie er war, mitgenommen und in meinen Schrank gelegt. Er war ein Denkmal an die Liebe für die Dinge, die im Leben meiner Mutter immer eine übergeordnete Rolle spielten. In der Zwischenzeit bin ich dazu übergegangen, die streng aufbereiteten Handtücher in der Küche zu verwenden und habe das Denkmal damit aufgelöst.

Sich jetzt noch einmal gezielt und systematisch von Gegenständen zu trennen, ist auch deshalb weiterhin so anstrengend, weil die Dinge nach wie vor mit Gefühlen und Erinnerungen und Plänen aufgeladen sind. Und je mehr ich meine Besitztümer und vor allem auch die ererbten gehen lasse, desto schwerer und emotional geladener werden die Entscheidungen für oder gegen die Dinge, denn vieles von dem, was jetzt wieder zur Disposition steht, habe ich in einem vorherigen Aussortierungsprozess nicht aufgegeben, und dafür gab es zum jeweiligen Zeitraum eben Gründe, die jetzt vielleicht weniger schwer wiegen, aber sich deswegen noch lang nicht komplett aufgelöst haben. Seit zwei Tagen habe ich nun einen blasigen, juckenden Ausschlag an beiden Händen, der, wenn man dem Internet glauben darf, zu einem erheblichen Anteil stressinduziert sein dürfte. Mit den Dingen gerät einem halt auch die eigene Geschichte wieder in die Finger.

Aber es muss sein. 

In diesem Jahr gewinne ich ihn ein für allemal - den Kampf gegen die Macht der Dinge. Am Ende dieses Jahres bin ich nur noch von Dingen umgeben, die mir wirklich gut tun, und deren Anwesenheit einen Zweck und Sinn hat. Außerdem werden es nur noch so viele Dinge sein, dass der Alltag komplett reibungslos und störungsfrei organisiert werden kann. Dazu muss übrigens noch sehr viel mehr Kram hier raus, denn: "You cannot organize the clutter, and if you want to live an organized life, you have to minimize the things that you have."* (Kathy Roberts, TheTidyTutor.com)

Wissenschaftlich erforscht und herausgefunden wurde in der Tat, dass Frauen auf unübersichtliche Räume voll mit Kram und Unordnung mit einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen reagieren. Männer tun das übrigens nicht. (UCLA)

Wobei man bei einigen Dingen schon eine geistesblitzartige Eingebung haben muss, um sie überhaupt eines schönen Tages als überflüssiges Gerümpel zu erkennen. Bei mir ging heute nun endlich der hässliche Mixer, in dem der letzte Smoothie vor ungezählten Monden angerührt wurde. Smoothies my ass...


*Du kannst Krimskrams nicht organisieren, und wenn du ein organisiertes Leben führen willst, musst du die Dinge, die du hast, minimieren."

NH

Kommentare:

  1. 700 Dinge losgelassen - das ist stattlich. Herzlichen Glückwunsch! Ich miste immer noch.
    Es hilft ja alles nichts. Schließlich bin ich keine keltische Fürstin, für die irgendwann einmal ein riesiges Grabmal mit Platz für 16 Tonnen Beigaben errichtet wird.
    Oft mache ich Fotos, danach kann ich mich leichter trennen.
    Habe sehr geschmunzelt (weil TOUCHÈ!) bei 'man könnte es ja noch mal brauchen' und auch ich wähle meine Unterwäsche so aus, dass ich mich nicht schämen muss, wenn der Notarzt kommt.
    Dem Ausschlag beste Besserung. Womöglich hast du doch auch etwas 'angepackt' das noch nicht an der Reihe war.
    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für die Glückwünsche! : )
      Fotos zu machen, ist eine sehr gute und hilfreiche Strategie - ich tue das auch. Erstaunlicherweise habe ich das (unbewusst) auch schon als junge Frau gemacht. Heute frage ich mich allerdings manchmal allen Ernstes, wo die Fotos von dem oder dem Gegenstand sind...seufz...
      Liebe Grüße
      Nicola

      Löschen
  2. ha, das ist ja witzig, dass Du gerade darüber schreibst.

    Ich hatte über die letzten 30 Tage meine eigene raus-damit-Challenge laufen: 300 Dinge in 30 Tagen.
    Wobei die 300 als Motivation zu verstehen ist.
    Ich dachte, wenn ich 100 zusammenkriegen sollte, wäre das für mich schon sehr gut.

    Naja, ich merk schon, ich verquatsch mich. Also, um's relativ kurz zu machen:
    Vorgestern dachte ich plötzlich: warum stehen die Bücher eigentlich so schludrig? Das sah doch schon viel besser aus.
    ...es hat dann tatsächlich ein paar Momente gedauert bis ich drauf kam, dass jetzt eben Platz ist zum Kippen & Umfallen. Den hatten die Bücher vorher definitiv nicht.

    Ich hab dann meine Liste geholt, gezählt & gerechnet & war dann doch überrascht vom Ergebnis. Übrigens war ich schon bei 31 Tagen, aber sei's drum.

    Jetzt bin ich in meiner Challenge v.02 , wundere mich über freie Plätzchen, freu mich drüber & bin trotzdem, wie auch Du sagst, irgendwie verwirrt.

    Das "Gelbe Foto" oben gefällt mir übrigens SEHR gut & macht mir jetzt auch Laune, heut noch was zu tun.
    Trotz Gefühlen, Erinnerungen & schlag-mich-tot.

    Gute Wünsche auf Deinen Weg,
    Nele

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da wünsche ich dir auch noch viel Erfolg und Energie in der zweiten Runde! Es lohnt sich ja wirklich. Freut mich, dass dir mein minimalistisches Regalbrett gefällt. Ich hätte ja gern noch mehr davon...Jetzt gucke ich da vom Schreibtisch aus drauf, und das beruhigt irgendwie...
      Liebe Grüße
      Nicola

      Löschen
  3. @ mo jour: Den Vergleich mit der keltischen Fürstin find ich klasse! ♥

    @ Nicola: ich wünsche dir viel Kraft im Kampf gegen die Macht der Dinge und eine gute, schnell wirkende Salbe für deine Hände.

    Ich schleiche seit Tagen um meine eigene Baustelle herum, wo ich seit Wochen und Monaten alles einfach nur abgelegt habe, was mir irgendwie in die Finger kam (und das ich - ta-daaah! - irgendwann man brauchen könnte). Für nächste Woche nehme ich mir vor, dort endlich wieder klar Schiff zu machen.

    Viele Grüße von der Isar an die Elbe
    von der Bunten

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo, ich hoffe, dein eigenes Decluttering-Projekt ist mittlerweile auch erfolgreich in Angriff genommen worden. "Später" macht einem im Leben ja oft ziemlichen Ärger. Das merke ich auch gerade wieder an der Küche: Was, wenn ich doch irgendwann Gurken einlegen oder Brot backen will? Hm...da muss man sich wirklich ganz schön disziplinieren...

      Liebe Grüße
      Nicola

      Löschen
  4. So, der dritte Versuch eines Kommentars. Zweimal hab ich mich in meinem Passwort-Dschungel verlaufen. Auch da gibt es zuviel Kram, genau wie in meiner Wohnung und meinem Leben. Hochachtung, liebe Nicola. Ich bin noch im lähmenden Zustand der genervten Überforderung. Und ich hasse jede Minute.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das ist genau der Zustand - lähmende, genervte Überforderung. Ich hoffe, du hast vielleicht in der Zwischenzeit auch ein paar Schritte machen können...jeder noch so kleine ist auch bei mir eine echte Anstrengung, und durchgängig leichter wird es auch nicht unbedingt, finde ich. Aber es lohnt sich einfach so sehr, wenn man dann was geregelt und geleert hat.
      Liebe Grüße
      Nicola

      PS: Meine Passwortliste müsstest du mal sehen - sie besteht aus 100 Post-It-Zetteln

      Löschen
    2. Ja, das ist genau der Zustand - lähmende, genervte Überforderung. Ich hoffe, du hast vielleicht in der Zwischenzeit auch ein paar Schritte machen können...jeder noch so kleine ist auch bei mir eine echte Anstrengung, und durchgängig leichter wird es auch nicht unbedingt, finde ich. Aber es lohnt sich einfach so sehr, wenn man dann was geregelt und geleert hat.
      Liebe Grüße
      Nicola

      PS: Meine Passwortliste müsstest du mal sehen - sie besteht aus 100 Post-It-Zetteln

      Löschen
  5. Ausmisten, sich von Dingen trennen, loslassen ist so anstrengend, eigentlich Seelenarbeit. Meine Baustellen bearbeite ich derzeit in kleinen Zeitfenstern. Immer ein Stückchen.

    Viele Grüße aus Leipzig,
    Ulrike

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh ja, das ist es - fast ganz und gar. Die Seele hat immer damit zu tun, wenn die Wohnung unübersichtlich ist, bzw. einen daran hindert, sich dort den Raum zu genehmigen, den man braucht. Sind ja oft auch alles Geschichten um einen herum - über die, die man war oder gern wäre...
      Liebe Grüße
      Nicola

      Löschen
    2. Oh ja, das ist es - fast ganz und gar. Die Seele hat immer damit zu tun, wenn die Wohnung unübersichtlich ist, bzw. einen daran hindert, sich dort den Raum zu genehmigen, den man braucht. Sind ja oft auch alles Geschichten um einen herum - über die, die man war oder gern wäre...
      Liebe Grüße
      Nicola

      Löschen

Kommentare müssen zur Veröffentlichung freigegeben werden. Danke für eure Geduld.