Dienstag, 27. August 2019

Decluttering: Eine Dose für 99 Cent



Ich mag Behälter. Es ist von wirklich großer Wichtigkeit für mich, dass alles in meiner Wohnung seine eigene Wohnung hat. Wenn etwas ins Haus kommt, das keinen festen Platz hat, wird es leicht stressig. Bei mir hat nicht nur alles ein Zuhause - in den meisten Fällen hat es auch ein Türschild. Ein Label Maker ist seit vielen Jahren eine meiner Lieblingsmaschinen.

Ich habe auch einen Karton - auf dem steht "Dosen". In eben jenem Karton wohnen Dosen, die gerade keine eigene Aufgabe bzw. Inhalt haben. Der Karton ist voll, und ich brauche absolut keine leeren Dosen mehr.

Vor der Preis-Oase in Altona stand sie mit vielen anderen ihrer Art, aufgetürmt in einer großen Pappkiste. Ich nahm sie mit ins Geschäft und trug sie schuldbewusst mit mir durch die Gänge. Ich wollte sie natürlich am Ende der Reise zurücklegen, wusste, dass ich es wahrscheinlich nicht tun würde und überlegte angestrengt, warum nicht.

Früher waren die Dinge, die angeschafft wurden, zumeist für eine bessere Zukunft.

Oder das, was man sich halt so darunter vorstellte. Kleider für den dünnen Körper - der Klassiker. Kunstbedarf für das zukünftige Atelier. Keksausstecher für zukünftige Bäckerei. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und erklärt, warum das Aussortieren der Dinge immer und immer wieder so anstrengend ist. Das Ausmisten einer besseren Zukunft, die nicht stattgefunden hat, bzw. in der die ganzen hoffnungsfrohen Accessoires gar nicht gebraucht worden sind, ist und bleibt eine emotional hochaufgeladene Arbeit.

Was triggern Dinge heute?

Mit der unverschämten Buntheit und dem kitschig-freundlichen Mischdesign der Dose assoziierte ich offenbar eine Zeit die in meine Kindheit ragt und die Erwartungen an die Zukunft, die damals in der Luft lagen. Die Dose erinnerte mich urplötzlich wenn auch undeutlich an das, was war und gleichzeitig an das, was damals noch kommen sollte. Außerdem mag ich die putzige Spießigkeit und das damit einhergehende verschwommene Gefühl von Sicherheit.

Neue Dinge...sie triggern immer öfter etwas Altes: alte Erwartungen, alte Überzeugungen. Oder die Sehnsucht nach einer anderen alten Realität, die es jedoch so nie gab. Sie triggern die Rückversetzung in eine Zeit und Situation, in der noch bestimmte Hoffnungen bestanden und in der es sich vermeintlich noch lohnte, sich auf die bessere Zukunft vorzubereiten. Kein Wunder, dass ich die Dose schwermütig durch die Preis-Oase vor mir her getragen habe wie bei einer Prozession.

Dass mir die Zeit ausgeht, wird mir immer klarer. Alles begann bekannterweise mit dem Tod meiner Mutter. Ungefähr da war der Punkt der Wende. Die Nostalgie nahm zu - der Glaube an eine bessere Zukunft nahm ab. Das Verbittern über verpasste Ziele begann, sich so richtig hoch aufzubäumen. Ebenso ging das Suchen nach Antworten in der Vergangenheit so richtig los. Als ich nach dem Tod meiner Mutter nach Kettwig fuhr, um das Haus zu besuchen, in dem ich zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr gelebt hatte, konnte ich es (in mir) nicht wiederfinden. Ich hatte natürlich die Adresse. Aber ich konnte mich um nichts in der Welt mehr an das erinnern, von dem ich geschworen hätte, dass ich es immer wieder erkennen würde.

Dafür erkenne ich Lichtverhältnisse und Gerüche - und eben Farben und Muster - wieder. Milde bis geisterhafte Déjavus werden nach der ersten Hälfte meines Lebens mehr und mehr zu alltäglichen Vorkommnissen.

Tagebucheintrag 18.07.2011:

"Dass ich in der Hälfte meines Lebens bin, merke ich daran, dass ich bewusst und sofort jedes Licht wiedererkennen kann. Das Licht jeder Jahreszeit und jeder Tageszeit und jedes Wetters. Ich fahre durch die Landschaften meiner Kindheit und weiß, dass ich angefüllt mit unerzählten Geschichten und ungedrehten Filmen sterben werde. Voll bis an den Rand mit unerledigten Ideen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht."

Tagebucheintrag 14.08.2016

"Ich habe die tiefe Sehnsucht, in die Vergangenheit zurückzukehren, und sie zu heilen. Und vielleicht zu verstehen. Darum auch noch immer das gelegentliche physische Zirkeln um das Haus am Rand der Feldmark, in dem ich aufgewachsen bin. Wie Simon und Desi Ruges "Katze mit Hut" würde ich es gern glücklich wohnen. Ich habe eine Million von alternativen Hausgeschichten im Kopf. Jede besser als die, die meine bisher war."

Statt in einem glücklichen Haus habe ich mich nach dem Tod meiner Mutter dann aber mit Ende Dreißig vorsorglich und ängstlich in einer seniorInnenengerechten Wohnung geparkt. Ohne Garten für den Pool, den ich immer wollte. Dafür ebenerdig und mit Supermarkt, Ärzten, Bahnanbindung und Pflegediensten um die Ecke.

Mein eigentlicher Plan im Leben war es ja bekanntlich, nach dem College in Los Angeles, wo ich immerhin bereits wohnte, auf die Filmschule zu gehen und dann die damals als klassisch geltende Laufbahn vom Personal Assistant über die Regieassistenz bis hin zur Oscar-gewinnenden Drehbchautorin hinzulegen. Und das alles auf hohen Absätzen. Mein zukünftiger Wunscharbeitgeber war übrigens die Firma Miramax. Hätte das wirklich geklappt, bzw. wäre ich nicht seelisch vorzeitig aus den Latschen gekippt, anstatt mit einem Clipboard und Mobiltelefon über Studiogelände zu klappern, hätte ich nicht nur für eine der innovativsten Produktionsfirmen in Hollywood gearbeitet, sondern auch für Harvey Weinstein. Der Harvey Weinstein, der seit den 80er Jahren Dutzende, wenn nicht Hunderte von Frauen sexuell genötig oder vergewaltigt hat.

Sollte ich also womöglich froh sein, dass es nicht so gekommen ist, wie ich es mir eigentlich fest vorgenommen hatte? Die Erkenntnis, dass der Preis für Vieles, was wir für erstrebenswert halten, hoch und oft viel zu hoch ist, ist mir trotz allem noch immer keine Beruhigung.

Wenn so viel an einem Muster, einer Farbe, einem Lichteinfall oder einem Geruch hängt, wie soll es auch leicht sein, sich zu trennen? Die Dose  ist nun zum Symbol geworden - für nicht weniger als die Endlichkeit und Unkontrollierbarkeit des Lebens. Das dürfte es auch unmöglich machen, sie in näherer Zukunft wieder auszusortieren. Das macht sie selbst also ebenfalls unkontrollierbar. Und das ist die Tyrannei der Dinge.



NH


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Kommentare:

  1. Liebe Nicola,

    ich hoffe sehr, du schreibst diese bislang nicht erzählten Geschichten noch. Gerade auch deine Melancholie, hier beispielhaft, aber auch in allen anderen Artikeln vorhanden, kann anderen so viel geben. Danke dir. Tausendmal danke. Du hast mich so viel fröhlicher gemacht! Also zumindest mich, wenn auch nicht dich. Aber dafür kann ich nichts. :-)
    Das Stärkste an deinen Texten, ist, finde ich: Du zeigst jeder Frau beispielhaft an dir selber wie eine allmähliche Selbstannahme, die sich wehren kann, gehen kann.
    Weil die Selbstannahme so ein empfindliches Gut ist und wir alle unvollständig sind. Mitunter dauert es lange, bis wir uns in all unseren Nichtentsprechungen eines Ideals, das von allen geliebt wird, selber annehmen und über unsere tatsächlichen/ vermeintlichen/ selbst eingeredeten Schwächen und Fehler selber lachen können.
    Und deshalb bist du großartig und deine Leserinnen warten gespannt auf vielleicht noch ein weiteres Buch von dir. Das alte habe ich jedenfalls schon aus.

    Liebe Grüße
    Anonym

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    1. Vielen lieben Dank für deine freundliche Nachricht. Das tut natürlich gut, obwohl ich mich mit Lob ja immer schwer tue, bzw. damit, es einfach so fröhlich anzunehmen. Aber ich werde besser darin. : )

      Ich warte im Moment auch auf mein nächstes Buch - ich wünschte, es würde sich selbst schreiben. Aber gedanklich arbeite ich immer daran. Zunächst kommt aber vermutlich doch mein Keller dran.

      Liebe Grüße
      Nicola

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