Donnerstag, 31. Dezember 2015

Follow me around 38: Was vom Jahr übrig blieb


Presseschau

Was ich wirklich bedauere ist, dass die Business Vogue nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch gelegentlich als Beilage zum eigentlichen Magazin erscheint. Ich sehe mir halt so gern Kostüme, Designer-Aktentaschen und Zeitplaner aus Schlangenleder an. Sie ergänzen mein ideales Selbstbild vermutlich einfach mehr als alles andere. In der letzten Ausgabe gab es natürlich auch Modestrecken, und ich habe das Bild oben ausgeschnitten und in mein Scrapbook geklebt, weil es mir besonders gefiel... aus vielen verschiedenen Gründen. Dass dieses Model ganz offensichtlich keine Mustergröße 34/36 trägt, habe ich zunächst gar nicht registriert. Streng genommen und insbesondere gemessen an Vogue-Standards handelt es sich bei ihr um ein geradezu fleischiges Plus-Size- Model. Als ich das Foto ausschnitt, fiel mir nichts Ungewöhnliches mehr auf - in meinem Kopf ist "nicht dünn und Model" offenbar nichts mehr, worüber ich gedanklich grundsätzlich stolpere. Und ich habe auch deshalb zunächst nichts gemerkt, weil mit keinem Wort in Über- oder Unterschrift darauf hingewiesen wurde. Bei den Fotos ging es nicht explizit um Mode für große Größen. Die Business Vogue steckt einfach ein runderes Mädchen (und lass sie nicht mehr als eine 38 sein) in Fotos und verliert kein Wort mehr darüber. So, als wäre das schlicht normal. ; ) Damit schafft sie das, was die Brigitte nicht einmal vollbracht hat, als sie sich, statt mit Models, mit "normalen Frauen" abgemüht hat. Wow.

Und wo wir sie gerade erwähnt haben: Der Artikel über Adele auf Seite 85 der Brigitte 25/2015 besteht aus rund 340 Wörtern. In ungefähr 120 davon (also einem guten Drittel) geht es darum, dass Adele die Spielregeln der Unterhaltungsindustrie vor allem dadurch bricht, dass sie sich weigert "ihr Übergewicht zu bekämpfen". Besonders vielsagend dürfte diese Zeile sein: "Auch Adele hat ein schönes Gesicht, aber..."

Die Wahrheit

Während mein nächtliches, einsames Turnen bei McFit ja ganz erfreulich war, ist die Werbung des Unternehmens regelrecht beängstigend (und) unoriginell - bis auf den Slogan "Mach dich wahr". Der wiederum ist auf verstörende Weise faszinierend. Und jeder Dicken in seiner Bedeutung und Reichweite nur zu vertraut. Da ist doch bekanntlich eine dünne Frau in jeder von uns. Eine, die im Gefängnis unserer Unzulänglichkeit festsitzt, und viel gesünder, schöner und erfolgreicher, kurz viel besser und wertvoller ist als wir. Denn wir sind nicht unser wahres Ich. Dick existieren wir in der Tat nur bedingt. Immerhin wird unsere Existenzberechtigung medial und gesellschaftlich immerzu und überall in Frage gestellt. Erst durch die Anpassung des Körpers an herrschende Körpernormen beginnt das wahre, weil gute und legitime Leben. Davor gibt es nichts bis auf das muffige Wartezimmer des Universums. Allein darum darf ich nicht vergessen, meine Mitgliedschaft auch wieder rechtzeitig zu kündigen.

In Eile

Und dann war da ja noch das Speed Dating am Sonntag in der Gecko-Bar, unter deren Kuppel auf staubigen Vorsprüngen irgendwie zerfleddert wirkende, aber dafür lebensgroße Actionfiguren und Dinosaurier im Kunstschilf lauern.

Das Dating war bereits zweimal verschoben worden und am fraglichen Nachmittag sowohl auf Frauen- als auch Männerseite eine veritable Seniorenveranstaltung. Angemeldet hatte ich mich gezwungenermaßen für die Altersgruppe 40 bis 54. Nur einer der 7 Männer, die auftauchten, lag tatsächlich innerhalb dieser Spanne, der Rest zum Teil deutlich darüber. Ein 72jähriger Taxifahrer seufzte, dass ich doch viel zu jung sei. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, mir in den 7 Minuten unseres "Dates" nuschelnd seine gesamte Lebensgeschichte zu unterbreiten. Ich saß da und nickte. Das war übrigens in der Mehrzahl der Unterhaltungen komplett ausreichend - die alten Herren interessierte wenig, und wenn ich mit Absicht aufhörte, die Unterhaltung durch knappe Nachfragen am Leben zu erhalten, erstarb sie tatsächlich auch immer wieder und wir saßen uns schweigend gegenüber.

Am Ende bin ich dann allerdings doch noch in meine ganz eigene Episode von "Bauer sucht Frau" katapultiert worden. Um herauszufinden, ob irgendeiner der Gesprächspartner eine gern noch einmal treffen würde, muss frau im Internet selbst auch ankreuzen, dass sie von diesem oder jenem gern die Kontaktdaten hätte. Vom Forscherinnendrang getrieben habe ich die Kontaktdaten der drei Männer angefordert, mit denen ich ein erneutes Treffen und einen kurzen Kaffee ziemlich sicher überstehen würde, sollten sich hier Übereinstimmungen ergeben. Von diesen hatte einer mich ebenfalls ausgewählt, bekam so vom System meine Telefonnummer und rief dann auch noch an. Nun habe ich also gleich am zweiten Tag des neuen Jahres eine Verabredung mit einem 56jährigen Landwirt (zu seinem Beruf waren wir in den sieben Minuten in der Bar gar nicht gekommen), der, der Natur seiner Profession gemäß, gar nicht in Hamburg, sondern sehr, sehr weit davon entfernt in der Pampa wohnt. Speed Dating: Hiermit erledigt. Im nächsten Jahr binde ich mir nicht mehr offenen Auges nur aus Neugier, verirrter Hoffnung und/oder Höflichkeit irgendwelche abwegigen Begegnungen ans Bein. Jedenfalls ist das einer meiner vielen guten Vorsätze.

Zu guter Letzt hier noch einmal mein Tipp für alle, denen bis jetzt eine zündende Idee für den Jahreswechsel fehlt.

Prost!

NH

Freitag, 25. Dezember 2015

Follow me around 37: In der Hitze der Weihnacht



Zur Geisterstunde bin ich bei elf Grad Außentemperatur in der heiligen Nacht zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder zum Fitness-Studio gefahren. Das beweist zwei Dinge: Ich bin sehr viel alleinstehender als alleinstehend. Und außerdem kann ich mich sehr wohl zu Vielem durchringen, wenn man mir nur die Straßen freiräumt und ich davon ausgehen kann, dass mir auch am Zielort keiner dumm im Weg rumsteht. 

Bei McFit an der Eiffestraße war nicht einmal mehr jemand am Empfang, obwohl es zwischen ein und fünf Uhr eigentlich zumindest eine Aufsicht geben soll. Dafür saß im Eingangsbereich allerdings noch ein fröhlicher Herr, der eine halbe Stunde lang einsam in sein Mobiltelefon schrie - wahrscheinlich Verwandtschaft, die am anderen Ende der Welt wohnt. Da beginnen Menschen mitunter ja auch heute noch instinktiv, am Telefon zu brüllen.

Im Umkleideraum für Damen traf ich auf eine einzige Geschlechtsgenossin, deren Spur sich dann aber verlor. Weil ich ja noch nie zuvor in den Räumen gewesen war, sah ich mich ein wenig um. Erstaunlicherweise hatte alles einen eigenartig subtil-muffigen Geruch - so wie ein altes Schulgebäude.

Im Raum für schwere Jungs, der neben den Umkleiden im oberen Stockwerk liegt, traf ich auf eine Hand voll von eben jenen, stellte dann aber fest, dass ich vermutlich doch  nur selten die Gelegenheit haben werde, mich dort aufzuhalten, weil sich die Abteilung mit den klassischen Mädchengeräten auf der unteren Ebene erstreckt, wo sich übrigens auch der Hantelbereich für Frauen befindet. Blickgeschützt und abgeschirmt (!?). Dort unten herrschte fast durchgängig gähnende Leere. Und als ich um halb zwei Uhr mit echten Schwierigkeiten kämpfte, mich unter den vielen freien Laufbändern für eins zu entscheiden (mit Blick auf diesen oder jenen Gang, oder den Bildschirm?), hatte ich auch schon den ganzen Laden für mich allein. 

Das Laufband ist tatsächlich meine neue Freundin. Mit der richtigen Musik und der Vorstellung, dass ich mich auf einem unendlichen Laufsteg befinde, war es erstaunlich, wie man von innerhalb 30 Minuten einen Rhythmus finden und sich in der Geschwindigkeit schon ganz schön steigern kann.

Zuvor hatte sich einer der Muskelmänner für einige Minuten in meine Gegend verwirrt. Er hatte reich bebilderte Arme und trug eine putzige Wollmütze. Wenn jedoch alle Exemplare seiner Peer-Group ähnliche Geräusche beim Bewältigen von Gewichten machen, bin ich ganz froh, dass sie eine Treppe höher unter sich bleiben. Das laute Stöhnen war ungezügelt und schwer einzuordnen. Beim ersten Mal zuckte ich zusammen und wusste nicht recht was zu tun sei. Oder wo ich hinsehen soll.Brauchte er Hilfe? Hatte er Schmerzen? War es Angabe? Dann stellte ich meine Musik im Kopfhörer lauter, um ihn zu übertönen, während ich meine Oberschenkel gegen den fitzeligen Widerstand von 25 kg zusammendrückte. Ich habe mittlerweile insgeheim ziemlich hochfliegende Hoffnungen für meine Oberschenkel.Vermutlich komplett ungerechtfertigterweise. Außerdem lief auf dem hauseigenen Kanal genau vor meiner Nase dieses Video - sieht schon elegant aus, so viel Körperkontrolle und -kraft.

Heute tut alles weh, als hätte man es zum ersten Mal benutzt. Was im Prinzip vermutlich auch so gut wie zutreffend ist. 


Allein, allein auf dem nächtlichen Parkdeck.


NH

Sonntag, 20. Dezember 2015

Follow me around 36: Große Erwartungen




Ich kann mich nicht daran erinnern, so darauf gewartet zu haben, dass es endlich Weihnachten wird. Weil ich es in diesem Jahr nicht erwarten kann, meine Ruhe zu haben. Ich nehme an, hier machen sich dann doch fünf urlaubsfreie Jahre bemerkbar. Frau wird in der Tat nicht jünger. Davor war ich ein ganzes Jahrzehnt ohne herkömmliche Verschnaufpause ausgekommen. Und mit denkbar wenig Erbauung zwischendurch.

Einen Schaden

Vor einer Woche stand ich mit einem Klempnermeister in meinem Bad und war mir klar darüber, dass ich gerade ausgeraubt wurde, während ich daneben stand. Und die Polizei konnte ich nicht rufen.

Sein Mitarbeiter hatte seiner Problemanalyse und seinem Geheiß zufolge ein Teil ausgetauscht, das gar nicht hätte ausgetauscht werden müssen. Der minderbemittelte Geselle hatte 45 Minuten nach dem vereinbarten Termin in meiner Wohnungstür gestanden und hatte auf meinen Hinweis angesichts der Verspätung geantwortet: "Ach, ich bin zu spät? Das ist ja schlecht." Da hätte ich ihn vors Schienbein treten und vom Hof jagen sollen. Aber ich bin zu zivilisiert. Leider.

Jetzt bekomme ich eine Rechnung für eine unnötige Reparatur. Dass sie unnötig war, hatte ich ermittelt, indem ich mich halb unter mein Klo geschoben und beobachtet hatte, wo das Wasser wirklich hervorquoll und sich zu Tropfen formte. Da war der Geselle schon weg. Vorher hatte er mir die Tupper-Schüssel gereicht, die unter dem Leck gestanden hatte, weil ich die ja nun nicht mehr brauchte. Aber ich hatte eine dunkle Ahnung, und stellte sie sofort wieder an Ort und Stelle. Der erste Tropfen fiel nur Minuten nach dem Abgang des Eingehirnzellers.

Auf meine vehemente telefonische Beschwerde hin erschien sein Chef einige Stunden später noch einmal höchstpersönlich. Er war sowieso im Ort und hatte gerade etwas bei der Polizei repariert, wie er mir stolz erklärte. Und als ich ihm sagte, dass er sich bei meinem Tropfproblem geirrt hatte, antwortete er: "Nein, nein. Das hat schon gestimmt. Vielleicht hat sich hier oben bei der Reparatur etwas gelockert." Damit zog er Schrauben und Dichtungen fest, die von Anfang an das das Problem gewesen waren. Der Kater und ich sahen ihm zu und ich sagte zum Kater: "Das glauben wir doch im Leben nicht, oder?" Der Kater zuckte die Schultern, während der Handwerksmeister pissig wurde und mir mitteilte, dass er "sowas" schließlich jeden Tag machen würde. Woraufhin ich ihm mitteilte: "Ja, darum dachte ich ja auch, dass Sie das eigentlich können müssten."

Ich habe die Nase sooo voll von solchen Typen. Sie lügen einem ins Gesicht und wissen genau, dass alle Anwesenden es wissen. Aber sie halten das ganz leicht aus, weil ihnen entscheidende, soziale und selbstbeschränkende Mechanismen schlicht ins Klo gefallen sind. Ich frage mich, ob die Polizeistation wohl noch steht, oder ob sie nach fachmännischer Reparatur inzwischen auf einer Flutwelle aus polizeilichen Exkrementen hinweg geschwommen und im Sachsenwald verschwunden ist...das wäre immerhin eine kleine Entschädigung. Ich und die Polizei sind bekanntlich auch nicht befreundet.

Ruhe

Möglichst wenig Kontakt mit der Außenwelt ist mein erklärtes Ziel für die Feiertage. Zwei Wochen, in denen man in der Welt so gut wie nichts bewegen kann - und darum auch nicht muss. Nichts müssen - das wäre mal was. Und damit ich nicht zwischen den Jahren rumsitze und immer denke "du müsstest", versuche ich vorher, noch alles Mögliche zu reißen - aufräumen, abschließen, abschicken, aufstocken...mein Albtraum ist, am 24. morgens festzustellen, dass ich vergessen habe, irgendetwas einzukaufen und doch noch einmal aus dem Haus muss.

Am liebsten wäre es mir, ich könnte mich bis Neujahr einigeln. Tatsächlich habe ich aber zumindest am 27. um 16:00 Uhr in der Gecko Bar einen neuen Termin zum Speed Dating. Der ist übrigens inzwischen schon zweimal mangels Teilnehmern verschoben worden. Diesmal wurde er nun bestätigt - offenbar versuchen einsame Leute ausgerechnet zwischen den Jahren doch noch einmal ihr Glück.

Mir fällt in den letzten Wochen noch öfter etwas runter/aus der Hand/daneben, als sonst. Vorhin knallte mir eine Schachtel mit Schokostreuseln auf den Küchenboden. Sie war voll. Und offen. Irgendjemand sagte: "Immer, wenn dir etwas runterfällt, denkt jemand an dich und will dich sehen." Ich frage mich, wer das wohl sein könnte. Muss irgendwie dringend sein.

Der Dekorateur...

...hat ein beunruhigend intensives Interesse an der Dekoration.

NH

Samstag, 12. Dezember 2015

Fragen über Fragen



Der Fragebogen zum Rückblick auf das Jahr ist seit 2011 hier eine Tradition. Die ursprüngliche Version habe ich von Shushan übernommen, die aber leider im Internet wohl nicht mehr da wohnt, wo ich sie einst traf... Ihn jedes Jahr neu auszufüllen eröffnet einem aufschlussreiche Einblicke in die persönliche Entwicklung. Das ist nicht immer lustig, aber interessant. Die Fragebögen der vorangegangenen Jahre gibt es hier: 

2014       2013

2012       2011


1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? Na, ich sag mal 5 bis 6. Es hat sich eben alles auch schon mal noch schlechter angefühlt.

2. Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. 

3. Haare länger oder kürzer? Gleich. Dafür neublond.

4. Mehr Kohle oder weniger? No comment.

5. Mehr Blogleserinnen, oder weniger? Mehr.

6. Was war das beste Buch, das du 2015 gelesen hast? Such A Pretty Face von Marcia Millman. Und obendrein das beste Buch über das persönliche Drama, als dicke Frau in einer fettphobischen Welt zu existieren, das ich je gelesen habe. Von 1980.

7. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Wieder nichts. Aber auch wenig um Glück gespielt.

8. Mehr bewegt oder weniger? Mehr. Vor allem Rad gefahren - im Wohnzimmer.

9. Die teuerste Anschaffung: Augencreme. Von Chanel. Glaube ich.

10. Die größte Überraschung: Es gibt vegane Schokolade, die wirklich gut (genug) ist. (iChoc)

11. Das schönste Geschenk: Eine afghanische Festtafel. : )

13. Die meiste Zeit verbracht wo? Schreibtisch und Auto. Auto und Schreibtisch. Bett.

14. Die größte Enttäuschung: Keiner will mit mir spielen.

15. Die besten Investitionen: Molly Bretts Bilderbücher im Antiquariat. Warum ich nicht viel eher darauf gekommen bin, dass die vermutlich alle, alle, alle im Internet zu bekommen sind... Wer weiß, vielleicht stellt sich noch heraus, dass die Anmeldung im Fitnessstudio die beste Investition war.



16. Die wichtigste Erkenntnis: Ich finde, ich habe genug gelernt. Ich will nichts mehr lernen. Ich will vor allem von allen weiteren Lebenslektionen verschont bleiben - besonders dann, wenn sie nur wieder zusätzliche Gemütsschwere und Grübelei mit sich bringen. Und das tun sie meistens, sonst würde man ja nichts daraus lernen.

17. Was machst du zu Weihnachten? Alles wie immer in den letzten Jahren: Kartoffelsalat, Michel in der Suppenschüssel (in Ermangelung eines Fernsehers auf DVD), selbstbestellte und von Amazon liebevoll verpackte Geschenke...

18. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Ach, fast mag man es nicht mehr sagen. Gesundheit vielleicht. Für den Kater und mich. Und vielleicht eine 
Buchveröffentlichung.

19. Was ist dein wichtigstes Ziel für 2016: Unbedingte Selbstfürsorge.

20. Und was jetzt? Was weiß denn ich? Schlafen oder so. Hab ich schon erwähnt, dass ich es bei "Nibblers" bereits bis zu Level 300 geschafft habe?

NH


Donnerstag, 10. Dezember 2015

Follow me around 35: Kästchen für Merkwürdigkeiten*

*Erich Kästner in Pünktchen und Anton

Was ich noch sagen wollte, bevor das Jahr endgültig vorbei ist:

1. Ist es sonst noch jemandem aufgefallen? Die erste Ausgabe des Magazins Barbara, dessen Editor at Large angeblich Barbara Schöneberger ist, ist trotz neongelber Verheißung auf dem Cover mitnichten ganz ohne "Diät". Erstaunlich, wie Redaktionen von Frauenmagazinen offenbar so gehirngewaschen und programmiert sind, dass sie nicht einmal bei klarster und selbstverordneter Vorgabe in der Lage sind, ihren Leserinnen überhaupt gar kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn die irgendetwas essen wollen. "Hüftgoldfaktor"? Echt jetzt? Wenigstens war die Modestrecke ganz schön und die erste Kolumne von Karina Lübke ("bitte recht feindlich") hat mir gut gefallen - auch weil ich selbst das Thema, dass nicht lächelnde Frauen sich leicht verdächtig und höchst unbeliebt machen, hier schon so oft bearbeitet habe.

2. Ich esse im Augenblick übrigens sehr viel Quark. Also bye-bye vegane Ernährung. Fürs Erste.

3. Meine Laufschuhe sind noch unbenutzt. Und bei den Muskelprotzen war ich auch noch kein einziges Mal. Wieder Monatsbeiträge, die anders besser verschwendet gewesen wären. Ich fühle mich deswegen aber nicht wieder unzulänglich und schuldig. Auch deshalb nicht, weil, während Sport vermutlich durchaus gesund ist, seine Rolle beim Abnehmen eher gering bis fragwürdig ist. Das ist übrigens schon lange Wissenschaft. Und überhaupt nicht erstaunlich. Denn Sport macht nicht zuletzt aber dafür natürlicherweise hungrig. Obendrein verbrauchen wir durch Bewegung in der Regel nicht annähernd so viele Kalorien, wie es sich anfühlt. ; ) Um z.B. ein Snickers "abzuarbeiten" (ca. 250 Kalorien) müsste ich 30 Minuten joggen. Was nicht passieren wird. Wer das alles nicht glaubt, kann es googeln. Oder hier nachsehen.

4. Ich habe sechs Adventskalender. Nicht die mit Schokolade, sondern die mit Bildern. Sechs mag ein wenig übertrieben scheinen, und eigentlich hatte ich vor, in diesem Jahr gar keinen zu kaufen, obwohl ich halt so gern die Türchen öffne. Was mal wieder beweist, dass Verbote nicht selten nur zu besonders großem Verlangen und, bei Gelegenheit, anschließender, panikartiger Überkompensation führen.

5. Im Leben habe ich mir bisher nur ein einziges Mal etwas von Christian Lacroix leisten können: einen Notizblock. Heute. Aber auch nur, weil er gerade bei TK Maxx verramscht wird.

6. Außerdem habe ich ein halbes Dutzend "Pro/Con-Blöcke" gekauft. Nicht dass man dafür wirklich Vordrucke bräuchte - man kann natürlich auch einfach eine Linie in der Mitte eines Blattes ziehen. Aber mich beruhigen designierte Notizblöcke im Allgemeinen. Ich bin ja auch eine feurige Anhängerin von Klemmbrettern und Listen, Listen, Listen. Jeder Block hat 60 Seiten, das reicht also für 360 Entscheidungen. Fast für jeden Tag eine. Und ich habe das Gefühl, ich werde so viel entscheiden müssen...

7. Ich habe mir selbst einen Brief zum 44. Geburtstag geschrieben. Dafür hatte ich eine Karte mit einem Leoparden darauf gekauft. Wie sich dann herausstellte, war sie aber viel zu klein. Und ich habe noch vier weitere Karten gebraucht. Dabei habe ich ziemlich viel geweint, aber der Text floss erstaunlich leicht aus der Hand. Ich habe mir viel Glück gewünscht, denn ich kann es brauchen. Lesen werde ich diese Post allerdings erst an meinem 45. Geburtstag.

8. Ich bin nicht sehr froh, in zwei Tagen wirklich eine Mittvierzigerin geworden zu sein. All die Zeit! All die Zeit ist weg. Und mit jeder Sekunde trudelt man dem Ende entgegen. Ich bin derweil bekanntlich noch immer nicht in einem Becken mit Nilkrokodilen geschwommen.

9.  Mein Nachbar hat seine alten Fenster aus Holz gegen Plastikfenster austauschen lassen, und ich kann gar nicht hinsehen. Ein Graus.

10. Der Mann, der die alten Fenster heute aus dem Vorgarten abholen sollte, blockierte mit seinem Pritschenwagen die Einfahrt, als ich nach hause kam. Er saß aber noch drin. Ich machte Gesten, dass ich genau da rein wollte, wo er stand. Er stieg aus, ich wunderte mich, ließ mein Fenster herunter und sagte: "Das ist meine Einfahrt." Er sagte: "Ich bleibe hier jetzt aber für eine Weile stehen." Und ich sagte: "Ich will in meine Einfahrt. Und zwar jetzt." Was er daraufhin erwiderte, weiß ich nicht, weil ich mein Fenster wieder hochfuhr und ihm für ein paar Sekunden dabei zusah, wie er unschlüssig und verschlagen zwischen unseren Fahrzeugen herumstand und vermutlich abwog, ob er das Ganze wohl gewinnen könnte. Ob er der dicken Zicke wohl zeigen könnte, wer der Herr der Auffahrt war. Und ihm war anzumerken, wie sehr es ihn wurmte, dass er da überhaupt groß überlegen musste. In einer besseren Welt würde sich ohnehin kein Weibsbild so aufspielen. Ich rief noch einmal "Jetzt!" und zeigte auf seine Fahrertür. Als er noch immer zögerte, drückte ich auf meine Hupe. Und zwar so lange, wie er brauchte, um ein verwirrtes Tänzchen zu machen, sich auf seinen Fahrersitz zu schwingen und widerwillig den Weg frei zu geben...Das Frausein im Kleinwagen - es geht mir sowas von auf die Eierstöcke...

NH

Sonntag, 29. November 2015

Rachekörper

Unter "Revenge Body" versteht man für gewöhnlich einen Körper, der nach dem unfreundlichen Ende einer Beziehung umfassend getunt und verschlankt worden ist, so dass der/die Verflossene sich gleißend grün vor Eifersucht in den Hintern beißt, weil er/sie solch heiße Ware hat ziehen lassen und sie nun nie wieder in seine Finger kriegen wird.


Für mich selbst ist das Konzept des Rachekörpers ein alter Hut, denn ich hatte Zeit meines Lebens sehr bunte und detailreiche Rachephantasien, und mein Körper spielte dabei tatsächlich fast immer eine entscheidende Rolle im Drehbuch.

Das lag zum einen daran, dass mein Körper(umfang) eben auch zumeist das zentrale Element der zu rächenden Verletzungen darstellte. Andererseits habe ich zwei Dinge sehr früh verinnerlicht: Erstens natürlich, dass es in unserer Gesellschaft  kaum etwas gibt, das der gültigen Legende zufolge glücklicher macht, als Dünnsein. Und zweitens, dass Leute sich über nichts mehr ärgern, als über das Glück anderer. Das heißt, um sich mit jemandem über Gewichtsabnahme aufrichtig zu freuen, muss man denjenigen wahrhaftig sehr gern haben, oder mindestens so sehr in sich selbst ruhen, wie Mutter Theresa. Ansonsten wird man es ihm vermutlich genauso wenig gönnen, wie einen Lotteriegewinn - auch wenn man selbst schon dünn ist.

Meine Mutter etwa, war schlank. Und ich war 28 Jahre jünger als sie. Und ihre Tochter. Ein echtes Wunschkind, übrigens. Sie war es, die mich im Kindergartenalter meine erste Diät machen ließ und maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass ich meinen Körper die meiste Zeit meines Lebens als Feind gesehen habe. Paradoxerweise hatte aber ausgerechnet sie, als ich erwachsen wurde, nur bedingt und nur höchst inkonsequent noch ein Interesse daran, dass ich langfristig schlank blieb. Im Rückblick muss man es ganz klar sagen - sie sabotierte sogar Diätversuche, schleppte mir ungefragt und unerwünscht Essen ins Haus, als ich bei ihr ausgezogen war, und schickte es mir sogar in die USA hinterher. Es war deutlich, dass sie das Scheitern von Diäten, bzw. eine erneute Gewichtszunahme mehr begrüßte als bedauerte, denn diese Wendungen hatten für sie jedesmal gleich zwei zufriedenstellende Auswirkungen: Die Tochter war abermals fett und somit sexuell "neutralisiert" - das machte sie emotional wieder abhängiger von ihrer Mutter und damit zuverlässiger. Und außerdem konnte man ihr ihr Versagen immer weiter unter die Nase reiben, was vermutlich gut für den eigenen Selbstwert war. Sie gewann bei diesem Spiel also immer. Mit diesen nur scheinbar widersprüchlichen Strategien des Tochter-Bashings war sie letztendlich jedoch auch nur eine Miniatur der uns umgebenden fettphobischen Gesellschaft. Die legt auch keinen echten Wert darauf, dass alle Dicken für immer dünn werden. Sie braucht die Dicken schließlich dringend, um sie zu verachten und zu piesacken.

Die Psychologin Catherine Herriger, deren Buch "Die böse Mutter" mir bereits 1990 (da war ich 19) in die Hände fiel, legt darin sehr plausibel dar, was auch meine Erfahrung reflektierte - dass es Mütter gibt, die ihre Töchter "kastrieren" und so auch als Erwachsene an sich binden, indem sie dafür sorgen, dass diese dick werden und dadurch erhebliche Startschwierigkeiten haben, wenn sie ein eigenes Leben gestalten wollen. Auch sinkt mit steigendem Gewicht die Gefahr, dass die Tochter eine Partnerschaft eingeht, und damit dem Einfluss der Mutter entzogen wird, bzw. nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht. Ich habe damals ein Paar Sätze im Einband des Buches notiert, die ich von meiner Mutter regelmäßig im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme zu hören bekam. Tatsächlich hat mich meine eigentlich zutiefst schlankheitsbesessene, perfektionistische Mutter regelmäßig zum Aufessen ermahnt: "Das bisschen wirst du doch noch schaffen."...Was das alles mal wieder beweist, ist, dass man Umstände nicht automatisch ändern kann, nur weil man sie ziemlich genau durchschaut.

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse einer Diät nicht erhalten werden können, so hoch ist, dass es ihrer Nachhilfe gar nicht bedurft hätte. Sie hatte die ganze Arbeit schon in meiner Kindheit erledigt, und ich saß als Teenager längst in der Jojo-Falle.

Ich muss sagen, ich freue mich darauf, Leute zu ärgern. Diesmal, im Zuge des "Thin Privilege Project", werde ich auf jeden Fall nicht zu verwirrt und nach innen gerichtet sein, um an verkniffenen, falschen Komplimenten von Menschen, die es viel besser fanden, als man keine "Konkurrenz" war, Spaß zu haben. Diesmal nehme ich das alles mit, wenn es kommt. Bekanntlich stehe ich ja auf Rache. ; )

NH

Sonntag, 22. November 2015

Würde ich wieder ein dickes Leben wollen?

"Being fat has been a gift -

and it has been worth it." 

Meghan Tonjes 

Die Sängerin und Fettaktivistin Meghan Tonjes hat ein Video veröffentlicht, in dem sie darlegt, dass sie ihren Lebens(ver)lauf, der durch ihr Fett entscheidend geprägt wurde, heute als stimmig und gar als Geschenk begreift. Das Dicksein als grundlegendes Hindernis hat sie im Leben zu Höchstleistungen angespornt, denn sie wollte die Peiniger ihrer Kindheit nicht gewinnen lassen. Sie hat sich sozusagen dadurch "gerächt", dass sie heute trotz aller Widrigkeiten ein "schönes" Leben hat. Obendrein ist sie dankbar dafür, dass die negativen Erfahrungen, die sie gemacht hat (und sie zählt all das Ungemacch auch auf), sie heute in die Lage versetzen, anderen Dicken zu helfen und um gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Sie sagt, all die Mühen und Traurigkeit waren es am Ende doch wert. Und sie würde sich immer wieder für ihr dickes Leben entscheiden - genau so, wie es eben war.

Würde ich noch einmal genau das gleiche dicke Leben wählen, wenn ich wählen sollte/könnte?

VERDAMMT, NEIN! Ich bin doch nicht verrückt! Die romantische Idee vom besseren Ich, das aus dem Leiden hervorgeht - zur Hölle damit! Was einen nicht umbringt, macht einen vielleicht stärker. Fröhlicher, zumindest meiner Erfahrung nach, eher nicht. Wieso um alles in der Welt sollte sich irgendwer wünschen, noch einmal zur Außenseiterin zu werden und das durch die gesamte Schulzeit hindurch aushalten zu müssen? Warum sollte ich mich abermals selbst hassen und vor der Welt verstecken wollen? Warum sollte ich mich dafür entscheiden, vor der schier unlösbaren Aufgabe zu stehen, mich noch einmal mit einem Selbstbewusstsein, das die meiste Zeit meines Lebens im Keller war, beruflich irgendwie zu etablieren? Warum sollte ich mir freiwillig erhebliche Einschränkungen bei der Partnersuche einhandeln? Oder Angst davor, zum Arzt zu gehen? Peinlichkeit? Groll? Probleme beim Kleiderkauf? Befürchtungen, nicht in den Kinosessel zu passen? Abfällige Blicke? Als Neutrum wahrgenommen, oder gleich ganz von der Welt ignoriert zu werden? Nein, tut mir leid: Wenn ich wählen könnte, käme ich beim zweiten Durchgang dünn auf die Welt. Körbchengöße und Gesicht dürften so bleiben, aber insgesamt wäre ich außerdem sehr viel lieber etwas dümmer und dafür besser gelaunt.

Nur damit das auch gleich klar ist: All das oben Gesagte heißt übrigens nicht, dass Dünnsein auch heute noch auf meiner Wunschliste stünde, käme eine gute Fee vorbei.

Ich verstehe und teile Meghan Tonjes' Überzeugungen - und jemand muss die Arbeit einer Fettaktivistin tun, wenn sich irgendetwas ändern soll. Sie hat diese Arbeit und die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat, als etwas empfunden, das sie ausreichend entschädigt hat für Anfeindungen, Enttäuschungen, Hindernisse und Lebensversäumnisse. Aber nicht jeder ist so stark wie sie. Ich bin es sicher nicht. Und Menschen sollten sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Demütigung und Diskriminierung herumschlagen müssen, egal wie sehr das die Persönlichkeit bildet und den Boden bereitet, auf dem eine womöglich zur Überfliegerin werden kann.

Im Prinzip sind diese Überlegungen natürlich ohnehin komplett müßig. Niemand wird fragen, ob wir das Ganze noch einmal machen wollen und wie. Die Dinge sind wie sie sind. Genau genommen ist das natürlich auch immer das Tragische an Lebensläufen, die sinnloser Herabsetzung, Diffamierung und Selbstverachtung zum Opfer fallen. Das hier ist keine Generalprobe.

Und um noch einmal selbst darauf zu kommen, welche Bedeutung Fettakzeptanz für mich hat (und gesellschaftlicher Aktivismus an sich): Es geht aus meiner Sicht durchaus vorrangig darum, zukünftige (dicke) Lebensläufe zu retten. Inwieweit man sich selber retten kann, wenn das eigene Leben schon halb rum ist, bleibt, zumindest in meinem Fall, weiterhin abzuwarten.

NH

Wall Candy



Für mich persönlich war es eine der wirksamsten Übungen auf dem Weg zu dicker Selbstakzeptanz, mich mit Farbe einzureiben und mich auf Leinwände fallen zu lassen, bzw. sie an mich zu drücken. Die Aktionen hatten mehrere wirksame Dimensionen: Die in den vorangegangenen Jahren ausgesprochen seltene Interaktion mit dem eigenen, nackten Körper. Die Erfahrung, dass diese Interaktion Spaß macht. Die Erkenntnis, dass der Körper als Werkzeug in einem kreativen Prozess verwendet kann, und dass mir selbst das Ergebnis und damit die Abbildung meines eigenen dicken Körpers durchaus gefällt, und dass ein dicker Körper eine ihm ganz und gar eigene ästhetische Qualität hat. Schließlich das öffentliche Herzeigen der fertigen Bilder. All meine Po-, Brust- und Körperabdrücke, die in drei Etappen und über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden und fertiggestellt worden sind, habe ich nun in einer Dia-Show zusammengestellt (s.o.).

Im Gegensatz zum Ugly Girl Project spielte das traditionell ach so "hübsche Gesicht" der dicken Mädchen keine Rolle. Auf den Leinwänden war nur Platz für den bis dahin gebeutelten und verachteten Körper. Er musste ganz allein arbeiten, um eine Aussage zu machen - mit all den Teilen, die klassischerweise und an so gut wie allen Frauen und fast schon automatisch als "problematisch" eingestuft werden: Hintern, Busen, Bauch, Hüften, Oberschenkel. Für mich hatte das am Ende etwas entschieden Befreiendes und Befriedendes in der Beziehung zu meinem Fett. Aber natürlich braucht man auch eine gute Portion Humor, um sich eine Leinwand an den bunten Po zu drücken.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen vor allem auch die deutliche Abbildung meines "Pussy Pouches" (mein fleischiger Venushügel), sowie die, wie ich finde, ziemlich ausdrucksvolle, gestalterische Rolle, die er einfach von selbst übernommen hat. Zusätzlich sind an machen Stellen die Details wirklich ganz erstaunlich - auf manchen Leinwänden zeichnen sich sogar die Dehnungsstreifen ab. Und werden damit zu einem stimmigen Teil der Gesamtkomposition, der wiederum seine unbestreitbare Berechtigung und Wert hat.

Die vorangegangenen Blog-Einträge über die Körperabdrücke:

Juni 2014

Oktober 2013

Vom Mai 2012 gibt es Videoaufnahmen. Vielleicht schneide ich da auch mal was zusammen. Ich hoffe, ich finde sie wieder...

Alle Bilder kann man außerdem in recht guter Qualität auch auf meiner Seite bei Saatchi Art ansehen.


NH

Samstag, 31. Oktober 2015

Was bedeutet Fettakzeptanz für euch?

In Anlehnung an die Internetaktionen Who needs feminism? (I need feminism, because...) / Wer braucht Feminismus? machten sich vor ca. zwei Jahren US-amerikanische Bloggerinnen daran, entsprechende Aussagen zu I need fat acceptance zu sammeln. Wenn ich recht gegoogelt habe, gab es eine solche Umfrage bzw. Aktion auf Deutsch nicht.

Und das hier soll eigentlich auch keine werden. Zumindest habe ich im Augenblick nicht den Plan, eigens eine Website anzulegen. oder so etwas in der Art. Aber interessieren würde es mich als fettaktivistische Bloggerin natürlich sehr, wie relevant das Thema, mit dem wir uns hier am Strand mittlerweile seit ein paar Jahren schwerpunktmäßig beschäftigen, für euch ist.

Darum würde ich mich sehr über Feedback / Kommentare freuen: Ist Fettakzeptanz für euch wichtig und warum (oder eben nicht)?

NH


Sonntag, 25. Oktober 2015

Follow me around 34: Budenkoller

Ich habe es getan - ich habe mich wieder im Fitness-Studio angemeldet. Hach, wie haben sie mir gefehlt, die aufgepumpten Männer mit den Halbkörpertätowierungen und den gezupften Augenbrauen.... Nicht wirklich. Aber nun habe ich nach 20 Jahren mal wieder einen Ausweis fürs Drehkreuz.

Ich spielte laut mit dem Gedanken, in den kommenden Monaten gern ein paar Geräte für bestimmte Körperteile nutzen zu können, bräuchte aber ein Studio, das wirklich günstig da liegt, wo ich auch oft und sozusagen natürlicherweise vorbeikomme, wo es niemals, wirklich niemals Parkprobleme und vor allem großzügige Öffnungszeiten gibt. Teuer sollte es bittesehr auch nicht sein. Ich hatte da auch schon eins im Auge, und ein schwuler Bekannter sagte dann, da würde er nicht hingehen wollen, denn er habe gehört, dass sei eine echte "Muckibude" voll mit lauter hypereitlen Muskelmännern, die dort voreinander angeben würden. Und schwupp - gekauft! Wenn ich schon turnen muss, dann will ich wenigstens die passende Show dazu sehen. Tatsächlich weiß ich zufällig, dass zwei meiner verpatzten Ex-Dates dort auch Mitglied sind/waren. Einer von ihnen litt bedauernswerterweise an einer Testosteroninsuffizienz, der andere an einer Gehirnzelleninsuffizienz. Aber das Risiko, einem von ihnen dort zu begegnen, halte ich angesichts all der anderen Vorteile jetzt einfach mal aus. Überhaupt muss man ja erst einmal hingehen.

In Eile

Und dann noch: Speed Dating. Ach, geh' mir wech.

Nicht die Männer waren das Problem. Die waren nämlich zu 50% gar nicht angetreten. Hatten tatsächlich die Schwänze eingezogen und waren der Veranstaltung ferngeblieben. Doch dann begannen die Dates in meiner Altersgruppe auch noch viel zu spät und wurden kurzerhand von zehn auf fünf Minuten verkürzt, vermutlich, weil "Love Angel" Arthur auch irgendwann mal Feierabend haben wollte. Die Organisation war schlecht. So schlecht, dass wir Gutscheine für ein weiteres, kostenfreies Speed Dating in Anspruch nehmen können. Wenn wir unbedingt wollen. Ich überlege noch.

Unter den fünf Männern, die anwesend waren, waren drei durchaus freundliche Gesprächspartner, sowie eine Nervensäge ohne böse Absicht, die ich aus einem Dating-Forum vom Sehen (auf meiner Besucherliste) schon kannte. Er erkannte mich auch - das war klar, aber wir haben es lieber nicht angesprochen. Der zweite echte Flop war ein Zahnarzt, der Golftennispolo spielt, pausenlos in die exotischsten Länder reist, schnelle Autos fährt und ansonsten sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel arbeitet. Hinterher waren sich in der "Frauenlounge" (also einer Ecke in der Turmbar) alle einig - das war DER ARSCH DES ABENDS. Überhaupt - Freundinnen hätte frau auf dem Event sehr viel leichter finden können, als einen Mann. Und es war ja auch mal interessant zu sehen, mit was für Frauen ich in meiner Altersklasse so oben auf dem Single-Regal sitze. Und ja, da scheinen sie sich wirklich zu tummeln, die starken Weiber mit dem trockenen Humor ; ).

Mein letztes Fünf-Minuten-Date hatte ich übrigens mit dem - einen Tusch bitte und das Augenrollen nicht vergessen - Vertreiber eines Diätprogrammes... Der hielt mich für gefundenes Fressen und wandelte unsere Unterhaltung mit leichtfüßigem Pragmatismus in ein Verkaufsgespräch um. Seufz. Darauf kam es aber dann auch schon nicht mehr an. Zumindest war er ganz hübsch und brachte eine zum Lachen.

Nach der Veranstaltung hatte jeder 48 Stunden lang Zeit, seine Dates im Internet zu bewerten. Erstens konnte man angeben, ob und wen man gern wiedersehen würde. Und zweitens konnte man einen ganzen Fragebogen zu den anderen Personen abarbeiten und ihren Sympathiewert, das Aussehen, die Kleidung, die Körpersprache und noch irgendetwas bewerten. Von den fünf Männern hatten nur zwei von dieser Möglichkeit überhaupt Gebrauch gemacht. Von diesen beiden (und ich weiß nicht, wer sie waren, weil man diese Informationen nur bei Übereinstimmung bekommt) wollte mich einer gern treffen und einer fand offenbar, dass ich ziemlich Scheiße aussehe.

Der Gründlichkeit halber hatte ich ja zwei Termine gebucht, bei zwei verschiedenen Veranstaltern. Der zweite Termin wäre heute gewesen. Ist aber abgesagt und auf den 22. November verschoben worden. Vermutlich gab es von vornherein nicht genug männliche Anmeldungen und ich war fast froh, mich heute nicht mehr aufrüschen zu müssen.

Trotzdem, wenn ich an das Universum glauben würde, würde ich mittlerweile den Verdacht hegen, es will schlicht verhindern, dass ich jemanden neues kennenlerne.

Ein Schwein ruft mich an

Allerdings ist es ja nun in den letzten Tagen nicht wirklich so gewesen, dass ich zuwenig männliche Aufmerksamkeit bekommen hätte. Und als Krönung kriegte ich dann doch nach 20 Jahren plötzlich auch mal wieder einen "obszönen" Anruf. Nachts um zwölf - da ruft hier sonst nur noch Ilse an, denn die sieht ja immer, ob noch Licht ist. War das wohl ein Zufall nach all dem, was hier auf dem Blog vorangegangen war? I think not. 

An all die besserwisserischen Heulsusen und Spinner, die hier in den letzten Tagen vorbeigetrieben sind, und die heutzutage offenbar noch immer Bücher kaufen müssen, um überhaupt zu wissen, dass Wenigessen oft dünner macht: Immer schön die Lippen zusammenpressen, damit ihr nicht am Ende zu viel von meinem Staub schluckt!

Es sei denn, da kommt mittendrin noch ein richtig schicker und schlauer Fettliebhaber mit wedelnden Armen um die Ecke gerannt und  ruft "Neiiiin!" - dann wäre das Thin Privilege Project nämlich mit einem Schlag sowas von gestorben, das kann ich euch aber versprechen. ; )


NH

Schwamm drüber



"Schwamm drüber" ist quasi eine Bravo Girl in Buchform. Und aus den 50er Jahren. Es gehörte meiner Mutter, die beim Erscheinen des Buches gerade in der Pubertät und damit die Zielgruppe war. Ich selbst habe es "geerbt" und als Mädchen öfter mal darin geblättert, aber eher geschaut als gelesen. Die nostalgischen Illustrationen haben mir immer besonders gefallen. Auf denen waren natürlich alle Taillen winzig, aber Schönheitsideale, ihre Entstehung, Manifestierung und wie sie - damals und heute weiterhin - vorrangig gegen Frauen verwendet werden, haben mich damals naturgemäß nicht so umgetrieben wie heute, obwohl ich mich zu der Zeit natürlich mit meinem eigenen Körper auch bereits seit Jahren mitten im Krieg befand.

Rosemarie Harbert, die Autorin des Buches, war streng und hatte natürlich viele komplett unmögliche Ansichten. So war sie z.B. ohne Umschweife dafür, dass Eltern ihren Töchtern durchaus eine klatschen können, wenn die sich daneben benehmen. Bemerkenswerterweise verbuchte sie die Teilnahme an Miss-Wahlen als schlechtes Benehmen. Insgesamt wollte sie Mädchen halt lieber an- und bodenständigals als glamourös. Und sie riet, etwas Sagrotan ins Waschwasser zu schütten, wenn man seine Tage hat. Für so neumodischen Kram wie Tampons hatte sie auch nicht viel übrig. Und sie war strikt gegen lila Unterwäsche: "Lila (...) ist nichts anderes als ordinär, trage niemals Lila. Es ist noch häßlicher als schwarze Leibwäsche."

Andererseits betrachtete sie "Schönheit" an vielen Stellen aus erstaunlich moderner und im Vergleich zur Bravo Girl regelrecht feministischer Perspektive. Eigentlich, so berichtet sie in der Einleitung, sollte der Titel des Buches "Sei gefälligst schön". Das aber habe ihr ihre Tochter ausgeredet - mit Hinweis darauf, dass sich moderne Mädchen gar nichts vorschreiben ließen.

Über die Sorge, zu dick zu sein, sagt sie etwas, was sich erstaunlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen jüngerer Zeit deckt: "(...) deine vielbeklagte Dicke  ist (...) Kükenfett, das zu vielen Mädchen deines Alters einfach dazugehört, um so besser sind deine Nerven. Es läuft sich demnächst ab, wenn du Studentin bist oder Schuhkartons vom Lager herauftragen musst."

Auch mahnt sie dazu, sein Geld nicht ausschließlich für Mode und Kosmetik auf den Kopf zu hauen: "Eines Tages brauchst du eine Aussteuer, und es wird bereits Zeit, damit anzufangen. Nicht gleich mit drei Dutzend Küchentüchern (...); aber vielleicht ist schon ein kleines Bücherregal da, das dir allein gehört. Und sieben oder vierundzwanzig Bücher, in denen dein Name steht." ...Hatte ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass in meiner Familie ausnahmslos alle (Mutter, Vater und ich) ihre Bücher immer umgehend beschriftet und mit dem Datum des Erwerbs versehen haben?

Und dann kommt sie zu Schönheitswettbewerben und wird mehr als deutlich: "Schönheitsköniginnen sind nicht schön, das ist ein Irrtum. Sie sind Mädchen, die im Badeanzug über einen Laufsteg gehen (...) und dafür prämiert werden. Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Es handelt sich um eine Fleischbeschau, die von der Badetrikot- und Strumpfindustrie finanziert wird. (...) Die Leute, die solche Veranstaltungen arrangieren, haben (...) die Vorstellung, daß die Schönheit des Menschen in Zentimetereinheiten festlegbar und feststellbar sei (...). Daß also Zollstock und Maßband das Maß für die Qualität von Menschen seien."

Und dann noch etwas, was meiner Auffasung nach damals wie heute ausgesprochen wahr war/ist: "In Antiquitätengeschäften sieht man schöne Granatringe, oder Ringe mit Gemmen, auch kunstvolle Korallenstücke. Diese so altmodisch wirkenden Dinge sind gerade für junge Mädchen , die ja nicht leicht in den Verdacht der Altjüngferlichkeit geraten, sehr apart (...)." : )

NH








Dienstag, 20. Oktober 2015

Warum sind manche Maskulisten ganz wild auf Diät-Blogs?

Ach HERRje, lauter empörte Männer. Mit so vielen von ihnen auf einmal hatte ich wirklich noch nie zu tun. Und ich bin ganz bestimmt keine, die groß bemüht ist, männerbewegte Verstimmung zu verhindern. Bei Theos und meinem Gespräch über Maskulismus waren wir ja auf ein paar unfreundliche Kommentare vorbereitet, und selbst da ist dann gar nichts passiert. Und nun bekomme ich plötzlich seitenweise wütende Abhandlungen darüber, was für eine beschränkte, fiese, und fette Feministin ich bin. Was sage ich dazu?

1. Als fette Feministin bezeichnet zu werden, ist für mich tatsächlich ein Kompliment und deckt sich durchaus mit meinem Selbstbild.
2. Nu is ja auch gut. Dass die Kommentare hier moderiert werden, steht sogar dran. Aber nur für alle, die es trotzdem immer wieder versuchen: Was mir nicht gefällt, wird hier nicht freigeschaltet. Punkt. Und ja, das ist Zensur, Zensur, Zensur! Und wenn ich bisher noch hier und da ein wenig gelesen habe, wandert von nun an alles, was mir die aufgebrachte Männerschar noch schreiben und an den Hals wünschen sollte, direkt in die Tonne.

Woher weiß ich, dass es sich um männerbewegte Männer handelt, die mir jetzt so viel schreiben? Nun, sie geben sich männliche Namen (gerne mal was Kriegerisches oder Rechtes). Und sie haben einen in der Szene häufig zu beobachtenden aufgebauschten Schreibstil, der durch eingestreute Fremdwörter und Versuche von "Wissenschaftlichkeit" beeindrucken soll. Leider rutscht das Ganze dazwischen immer wieder ab in die bloße Beschimpfung von "Feministinnen". All das findet man bei wütenden Frauen meiner Erfahrung nach eher nicht. Jedenfalls nicht in großer Zahl und in einem Rutsch.

Warum zetern all diese Männer ausgerechnet jetzt mit mir herum? Weil ich im letzten Beitrag, frau höre und staune, ein Diät-Blog kritisch erwähnt habe. Also, genau genommen habe ich von nicht mehr, als von "einem rabiaten Diät-Blog" gesprochen, dessen Link ich nicht in meinen Kommentaren haben wollte. Die naive und uneingeweihte Leserin (so eine wie ich) hätte vermutlich nie von dieser Bemerkung auf ein ganz bestimmtes Blog schließen können. All die wutschnaubenden Männerrechtler wussten offenbar sofort genau, wer gemeint war. Hm, wie war das nur möglich?...Pause for thought.

Wie haben die zunächst einmal überhaupt zu meinem Blogpost gefunden? Die Antwort ist einfach: Über einen Link bei der mädchenmannschaft. Denn da gehen Maskulisten im Feindesland shoppen, um sich neues Material für die Erhitzung des Gemüts zu beschaffen. Ja, das hat etwas leicht Masochistisches, aber so sind sie halt.

Und warum schwingt sich also ein ganzes Grüppchen von Männern auf, um die Ehre einer Diät-Bloggerin zu verteidigen? Und nicht, wie vielleicht eher zu erwarten gewesen wäre, haufenweise aufgewiegelte, diätelnde Frauen? Auf was für einem Diät-Blog treiben sich denn bitteschön überhaupt lauter Männer herum? Auf denen, die einige meiner Leserinnen betreiben, und auf denen ich auch öfter mal vorbeischaue, ganz sicher nicht.

Und wieso hatten die nun überhaupt einen blassen Schimmer, welches Blog ich angesprochen hatte? (Theoretisch könnte es übrigens auch noch immer ein ganz anderes sein, als ihr alle glaubt, Jungs.) Die Anwort ist: Weil das Diät-Blog in question nicht nur ein Diät-Blog ist. Es ist eins mit einer ganz bestimmten Reputation und Geschichte, die dazu führen, dass Maskulisten sich ausgerechnet dort verstanden fühlen. Die wussten gleich, um wen es ging, weil es von dieser Art Blog schlicht nicht so viele zu geben scheint, dass man sie leicht verwechseln könnte. Zwar mag die ideologische Allianz auf den ersten Blick verblüffen, aber die Autorin und ihre eifrigen Verteidiger teilen, offenbar zumindest in Ansätzen, ganz bestimmte Feindbilder: Sie arbeiten sich u.a. beide an Feminismus und Genderfragen ab, und beide wettern bekanntlich gern gegen Fettakzeptanz. Dem Maskulisten ist die fette Feministin ja ohnehin schon länger das Feindbild schlechthin.

Selbstverständlich kann man sich seine Fürsprecher nicht immer aussuchen. Aber oft hat man sie sich vermutlich auch redlich verdient.

Und wie gesagt - alle Anti-Fettakzeptanz-Ritter können sich ihr Geschreibe in meinem Kommentarfensterchen ab jetzt definitiv sparen. Hier ist Ende.

NH

Sonntag, 18. Oktober 2015

Warum hassen manche Ex-Dicke Dicke?

"The worst kind of fat haters are the ex-fat people."*




VORSICHT: NICHTS ALS UNGEHALTENES GEMECKER

Ich gebe die Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage am besten gleich. Die Sache ist nämlich ganz einfach: Weil sie sich selbst hassen.

Sie haben sich als Dicke gehasst, sie hassen die Erinnerung an ihr vormals dickes Ich - und sie haben eine Scheißangst, wieder dick oder in der nächsten Runde noch dicker zu werden. Diese Angst, wie wir alle wissen, ist mehr als berechtigt. Statistisch stehen die Chancen, das Ergebnis einer Diät über fünf Jahre zu erhalten denkbar schlecht. Je nach Studie schaffen das nur bis zu 5%.

Für die, die es schaffen wollen, muss die Diät zwangläufig zur Lebensaufgabe werden. Auch das verkraftet die eine Kandidatin besser, die andere schlechter. Getrieben von oben erwähnter Scheißangst, wieder dick zu werden, werden einige anderen Dicken gegenüber nicht nur denkbar biestig, sondern entwickeln den flammenden Fanatismus und das groteske Missionierungbestreben wiedergeborener Christen.

Und wenn man sich nach erfolgreichem und größerem Gewichtsverlust ohnehin lebenslang Tag für Tag mit Ernährungsprogrammen, mit Verboten, Reglementierungen und der eigenen immer wieder dazwischenfunkenden Willensschwäche auseinandersetzen muss, liegt es oft auch schlicht nah, Diäten kurzerhand zum Beruf zu machen und z.B. zum "Coach" für andere Abnehmwillige zu werden - auf die Weise muss man sein Diät-Universum nicht einmal mehr verlassen, um Geld zu verdienen.

Sie haben das Licht gesehen, aber wissen, dass sie nie ganz aus dem Tunnel herauskommen werden. Zudem befinden sie sich auf einem Laufband, das sie im Tunnel fortwährend in die entgegengesetzte Richtung zu fahren droht, so dass sie sich wirklich keine Verschnaufpause gönnen können, wenn sie nicht auf direktem Wege wieder in der fetten Hölle landen wollen. Bei so einer Perspektive für die Zukunft kann man schon mal grantig werden. Das verstehe ich sogar ziemlich gut. Aus eigener Erfahrung.

Natürlich kann es auch sein, dass das Dünnsein sie schlicht nicht für all die Strapazen, die sie auf dem Weg zur Erschlankung überstanden haben und weiterhin überstehen werden müssen, entschädigt. Auf anderen Dicken herumzutrampeln und sich selbst so zu erhöhen, ist sozusagen ein Bonus, dessen sie jetzt, da sie nicht mehr (ganz so) dick sind, habhaft werden können, und den sie gierig an sich raffen, weil ihr dünnes Leben ansonsten gar nicht so abhebt, wie sie sich das vielleicht gedacht haben.

Den Anlass für diesen Beitrag (wenn auch bei weitem nicht den einzigen für meine allgemeine Verstimmung) lieferte ein eigentlich komplett neutraler und freundlicher Kommentar einer Leserin, der dann aber von mir nicht freigeschaltet wurde, weil er einen Link zu ihrem Blog enthielt. Auch das wäre eigentlich kein Problem gewesen, wenn es sich nicht um ein äußerst rabiates Diät-Blog handeln würde, dessen ehemals dicke Autorin es insbesondere mit dem Missionieren und dem Dicken-Bashing verdammt ernst meint.

Bei ehemals dicken Dickenhasserinnen kommt das Fat-Shaming dann immer gern aus der selben Richtung, aus der es beim Rest der fettphobischen Gesellschaften auch kommt: Weil es ja unter Erwachsenen irgendwie nicht mehr so richtig zulässig ist, jemandem zu sagen, dass sein Fett schlicht hässlich und grässlich ist, muss das Gesundheitsargument als moralisches Schutzschild und argumentative Atombombe herhalten. "Fett ist ungesund!" schreien sie uns pausenlos entgegen. Und behaupten, uns nur zu unserem Besten anzuschreien. Tatsächlich würden sie uns aber viel lieber sagen, wie unbeschreiblich widerwärtig sie unser (und ihr Fett) finden (fanden).

Und weil sie ja schließlich mal mit uns in einem Boot gesessen haben, aber dann erlöst wurden, wissen sie ganz genau über uns Dicke Bescheid. Wir sind in der Tat faul und verfressen. (Denn sie waren faul und verfressen.) Wir können uns unmöglich in unseren Fettschichten wohlfühlen. (Denn sie konnten sich in ihrer Fettschicht nicht wohlfühlen.) Dicke erfinden Ausreden, warum sie nicht abnehmen können. (Weil sie Ausreden erfunden haben.) Wir haben alle Plattfüße, ächzende Knie, Bluthochdruck und Diabetes. (Denn sie hatten all das, oder - wieder mal - eine Scheißangst, all das zu kriegen.)

Eine Bekannte sagte, vielleicht sei da auch Neid in der Mixtur. Der Neid auf die, die die Kraft aufbringen, sich gegen den Abnahmezwang zu stemmen und sich nicht mehr von Angst und Anpassungsbedürfnis in den Tunnel saugen zu lassen. Wer weiß.

Ich plane bekanntlich auch, noch einmal eine Diät zu machen. Hier am Strand gilt natürlich noch immer und immer wieder, dass jeder mit seinem Körper tun und lassen soll, was er will. Aber er soll verdammt noch einmal auch alle anderen machen lassen, was sie wollen. Selbst wenn Dicksein ungesund wäre - READ MY LIPS: Meine Gesundheit geht andere einen SCHLEIMIGEN KRÖTENKOT (hoppla, da kommt die dicke Hexe wieder durch) an.

Ich habe sie alle so satt, die nicht einfach andere anders sein lassen können. Und insbesondere die, die es aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihrer eigenen Erfahrung von Herabsetzung und Diffamierung erst recht besser wissen müssten.


NH

*"Die schlimmsten Fetthasser sind die Leute, die mal dick waren."


Sonntag, 11. Oktober 2015

THE THIN PRIVILEGE PROJECT - Der Auftakt

Ich bleibe dabei: Es war eine wirklich interessante Idee, sich noch ein einziges Mal und diesmal mit vollem Bewusstsein einen "Thinsuit" überzustülpen, und das Ergebnis des Projektes hätte ausgesprochen aufschlussreich und erhellend sein können.
Trotzdem habe ich es nun endgültig verworfen. Aus dem Grund, den ich bereits früher als mögliche Begründung genannt habe: Der Mann, der heutzutage in meiner Küche steht, kocht einfach viel zu gut.

(Nachtrag vom 10. Juni, 2017)

***

So dick sehen wir uns nicht wieder. Jedenfalls nicht in den kommenden Monaten.

Ich weiß, wie es ist, dick zu sein. Denn die meiste Zeit meines Lebens galt ich als dick, oder war es tatsächlich. Ich habe "a fat mind", und ich verwende einen englischen Ausdruck in Ermangelung eines treffenderen auf Deutsch. Ich werde in meiner Interaktion mit der Welt von einem inneren, dicken seelischen und weltsichtlichen Programm gesteuert. Ich sehe alles durch eine "dicke" Brille. Daran ist nicht Verwunderliches. Wer im Kindergarten seine erste Diät macht, dem ist diese naturgemäß irgendwann auf der Nase festbetoniert. Im Unterschied zu früher, weiß ich nun, dass sie da ist, und wo sie herkam.

Ich weiß tatsächlich nicht, wie es ist, dünn zu sein. Das ist mir, wie so vieles, erst in letzter Zeit klar geworden. Aber es ist wahr. Denn ich war als Dünne immer ohne Bewusstsein. Buchstäblich wie gelähmt. Im Kopf weiter dick. Weiterhin auf der Flucht vor Spiegeln, bzw. auf Kriegsfuß mit meinem Äußeren und was meine Behandlung durch andere anging, zumeist mit nach innen gerichtetem Blick und mit der Decke über den Kopf gezogen, wie ein Kind in Gespensterangst.

Ich erinnere mich schon an plötzliche Komplimente und an das Gefühl großer, unter bitterer Entbehrung erstrittener Erleichterung, die sich hauptsächlich aus der Vorstellung speiste, dass ich dünner auch nicht mehr so unangenehm auffallen würde. Stolz war ich trotz des gewonnenen Kampfes gegen meinen eigenen Körper auf mein Post-Diät-Ich in der Regel eher nicht so sehr. Und mit den Komplimenten hatte ich immer Probleme und nahm sie eher zur Kenntnis als an - für gewöhnlich mit innerlich schnaubender Indignation und dem Gedanken: "Das könnt Ihr euch jetzt auch dahin schieben, wo die Sonne nicht scheint."

Obendrein war ich als Erwachsene ohnehin nie lange genug am Stück gleich dünn, um mich im Land von Thin Privilege einzurichten und genau umzusehen, oder um überhaupt zu begreifen, dass ich dort jetzt, zumindest theoretisch, wohnte.

Das hole ich jetzt nach. Wenn ich es schaffe.

Immer wieder mal ziehen sich dünne Leute im Rahmen eines Experiments für einen Tag einen Fat Suit an. Meistens sind sie hinterher demonstrativ erschüttert über die Behandlung, die sie als künstlicher Moppel erfahren haben. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, dass der Unterschied, insbesondere in so kurzer Zeit, so deutlich und offensichtlich wahrnehmbar ist. Ich bin als Dicke im Leben wenig persönlich gehänselt oder beschimpft worden - auch als Kind nicht. Meine Erfahrung dicker Stigmatisierung war immer eher dadurch geprägt, unsichtbar zu sein, ignoriert zu oder still gemieden zu werden. Leute haben hinter meinem Rücken über mein Fett geredet. Das heißt nicht, dass es auf mich keine Auswirkungen hatte.

Ich werde nun mein eigenes Experiment machen und versuchen, mir einen Thin Suit zuzulegen. Wie anders ist es wirklich dünn(er) zu sein? Wie anders wird man behandelt? Wie wird man wahrgenommen und gespiegelt? Wie viel leichter ist es, sich Gehör zu verschaffen, sich durchzusetzen oder Zustimmung zu erwirken? Wie viel freundlicher, interessierter und aufmerksamer begegnen einem andere Menschen? Wie viel mehr kann man sich erlauben, ohne automatisch die Sympathie anderer zu strapazieren/verlieren?

Thin(ner) Privilege

Thin Privilege steht für die Existenz von Bevorzugung und Vorteilen, die Menschen erleben, weil sie dünner sind als andere. Ebenso umfasst es die Abwesenheit von Stigmatisierung und Diskriminierung, die dicke(re) Menschen im Gegensatz erfahren, weil sie eben dick(er) sind. Tatsächlich greift Thin Privilege in Abstufungen: Eine dünnere Dicke kommt eher in den Genuss von Bevorzugung als eine dickere Dicke. Thin Privilege funktioniert, wenig überraschend, ganz genau dem selben Grundsatz folgend, wie unsere fettphobische Gesellschaft/Kultur auch: Je dünner desto besser.

Mehr Informationen, Beispiele und eine gründliche Erläuterung des Konzeptes "Thin Privilege" gibt es hier: This is Thin Privilege.

Versuchsaufbau

Es geht hier nicht darum, sich doch endlich all das zu holen, was einem als dicker Menschen alles entgeht. Das Ziel ist nicht, sich Vorteile zu verschaffen, indem man sich nun doch anpasst. Das ist schon deshalb nicht so, weil ich ja gar keine rechte Kenntnis habe, was mich erwarten könnte. Wie gesagt, ich leide unter ziemlicher Amnesie, was die Außenwelt in meinen dünnen Zeiten angeht. Es geht darum, heute zu guter Letzt zu begreifen, was für Vorteile Thin Privilege überhaupt mit sich bringt, und wie weitreichend sie sind. Es geht, genau genommen, um die Einschätzung des Ausmaßes der Benachteiligung, der ich als Dicke im Alltag in sämtlichen Lebensbereichen ausgesetzt bin und war, indem ich mir die Erfahrung des Gegenteils aus erster Hand verschaffe.

Für all das muss ich abnehmen. Klar. Das an sich bedeutet ja mittlerweile keinen totalen Bruch mit meinen Grundsätzen mehr, weil ich im Bemühen, meinen Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen, gezwungenermaßen ohnehin seit geraumer Zeit möglichst wenige Kohlenhydrate esse und mein Gewicht nach und nach reduziere. Für das Experiment wäre es allerdings günstig, etwas schneller Gewicht zu verlieren. Idealerweise sollten Leute die Veränderung plötzlich und deutlich mitbekommen und keine Zeit haben, sich graduell daran zu gewöhnen.

Wie viel dünner muss ich wohl werden, um Thin Privilege zu erleben? Nun, auch das werde ich auf diesem Wege wohl herausfinden. Ich weiß ja, wie man abnimmt. Das wissen schließlich alle Dicken. Und natürlich weiß ich alles über die Risiken. Nicht zuletzt bin ich mir über die fette Chance auf einen erneuten Clash mit Jojo sehr wohl bewusst. Und erst die Haut, oh, die Haut, die bei all dem Auf und Ab immer so leidet... Trotzdem - die Diät wird hier nicht zu Thema werden. Jedenfalls nicht im Hinblick darauf, wie ich abnehmen werde. Höchstens könnte ich die psychischen Auswirkungen stark reglementierter Ernährung thematisieren, denn auch hier gilt das, was für das Dünnsein ebenso stimmt: Ich habe nie wirklich darauf geachtet, was eine Diät mit der Seele eigentlich alles macht. Am liebsten war es mir bei Diäten natürlich immer, dass die Seele möglichst wenig Theater veranstaltet. Das ist ja auch, wie ich heute vermute, das berühmte "Klick", das es einem erlaubt, eine Diät durchzuhalten: das Klicken, wenn sich die rebellische Seele selbst ausknipst.


P.S. Und morgen nun Speed Dating. Und ich hab keine Ahnung, was ich anziehen soll. Oh Göttin...


NH

Sonntag, 4. Oktober 2015

Follow me around 33: Die Frau meiner Träume

"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr."

(Rilkes Herbsttag)


Vor ein paar Tagen habe ich nach einem Spaziergang um den Block mit meiner Nachbarin Ilse (77) auf der Bank im Dorfzentrum neben der Apotheke gesessen, und auf verzweigten Wegen sind wir irgendwie auf das Thema gekommen, was ich tun würde, wenn ich die wirtschaftliche/berufliche Unabhängigkeit hätte, ganz genau so zu leben, wie es mir gefällt. und das Ergebnis war einerseits nicht sehr erstaunlich: Ich lebe im Augenblick nicht so, wie ich es als ideal empfunden würde.

Andererseits war es ziemlich überraschend, weil sich an meiner Vorstellung vom wirklich guten Leben nicht viel geändert hat, seit ich ein Kind bin. Offenbar auch nicht im Zuge all der Selbstbespiegelung, der Analysen und all der Versuche der letzen Jahre, erwachsene und gesunde weil realistische Ziele und Pläne zu entwickeln. Obwohl ich mich lange nicht mit ihnen aufgehalten habe, sind die alten Vorstellungen und Wünsche nicht nur gar nicht aufgegeben, sie haben auch kein echtes vernünftiges Update erhalten: Haus mit wildem Garten und Pool, Katze(n), Hund, vom Schreiben leben,...

Ein Kleiderschrank voll mit Kostümen, so dass frau nie darüber nachdenken muss, was sie anzieht, war ja auch schon immer Teil des Märchenplans, der sich scheinbar nicht wirklich abschütteln lässt. Er bricht immer wieder durch. Dünnsein ist übrigens wirklich nicht mehr auf der Liste. Das wäre zumindest geschafft. Obgleich in letzter Zeit die Erkenntnis (egal wie das jetzt klingt, seien wir einfach ehrlich), dass ich insbesondere als junge Frau durchaus als norm-attraktiv hätte durchgehen können, wenn ich nicht dank Jojo wirklich immer mehr zugenommen und mich in dünneren Zeiten trotzdem verunsichert und traumatisiert durch die ständige negative Bewertung von außen in Sack und Asche versteckt hätte, immer mehr an mir nagt. Ich hätte in den Genuss der wissenschaftlich gesicherten, gesellschaftlichen Bevorzugung gutaussehender Menschen kommen können. Ich hätte von positiven Vorurteilen und womöglich einem ganz natürlich von außen gestärkten Selbstbewusstsein profitieren und getragen werden können. Aber daraus ist ja nun bekanntlich nichts geworden. Erst kam das von meiner nächsten Umgebung imaginierte Fett dazwischen, später das tatsächlich vorhandene.

Ich weiß, dass ich es in frühen Blogposts am Anfang meiner Selbstakzeptanz-Reise für absolut schlüssig hielt, was ich insbesondere in Ausführungen der Aktivistin Kate Harding gelesen hatte. Was im dicken Leben nicht gelingt, gelingt auch im dünnen nicht, weil Dünnsein nicht der Schlüssel zu Erfolg und Glück ist. Persönlichkeit und Talent sind wichtiger und am Ende maßgeblich. Und es ist für Dicke eine heilsame Übung, dass großartige, dünne Fantasieleben im Kopf endlich zugunsten der Realität aufzugeben. Wirklich? Ist das alles so? Heute würde ich das nicht mehr ganz so schnell und auch nicht mehr in vollem Umfang unterschreiben.

Denn natürlich ist man in einer fettphobischen Gesellschaft als dicker Mensch grundsätzlich im Nachteil, wenn es darum geht, das zu erreichen und zu bekommen, was man will. Und allein die Arbeit und Energie, die Dicke zumeist investieren müssen, um gegen den eigenen Selbsthass UND den der Gesellschaft anzukämpfen, bzw. sich darüber hinwegzusetzen und trotz dieser Hindernisse ihr Leben in die Hand zu nehmen, stellen eine Erschwernis dar, die ich nicht mehr unterschätzen, geschweige denn großzügig abtun würde. Schon gar nicht nach vier Jahren dicker Selbstakzeptanz. Ich weiß jetzt, wie hart die Arbeit ist.Und wie gigantisch die Widerstände.

Die Frage ist und bleibt: Wie viel einfacher wäre mein Leben wirklich gewesen? Wie viel unbeschwerter und glücklicher? Und wäre ich dünn womöglich mittlerweile doch zu meinem Swimming-Pool gekommen?

Vision Thing III

Mittlerweile ist es schon zwei Jahre her, dass ich mein letztes Vision Board erstellt habe. Vision Boards sind eine Visualisierung aktueller, persönlicher Ziele und Prioritäten. Sie sind ein Werkzeug zur Selbsterkenntnis, aber auch zur Motivation und zum Selbstmanagement. Zum Vergleich befinden sich hier Teil I und Teil II. Ich selbst sehe schon eine Entwicklung, glaube ich. Während ich nicht all das habe, was ich mir wünsche, ist die Liste doch, so mein Eindruck, knackiger und konsequenter geworden.

Eindrücke
Ordnung
Abgrenzung
Partnerschaft
Unabhängige Arbeit
Haltung
Heimkehr
Liebesbriefe
Freiraum
Bücher
Netzwerk
Geschichten
Swimmingpool
Selbstverteidigung
Sicherheit
Sichtbarkeit

Verlegenheit

Was mein dringendes Vorhaben angeht, mehr zu schreiben UND zu veröffentlichen, so werde ich nun zunächst einmal übungshalber meine ersten Schritte in die für mich bisher ambivalente Welt des Selbstverlegens machen. Ich habe Bücher in mir und auf der Festplatte. Und bislang war es ein wenig schwierig, einen Agenten hinreichend für das Thema Fettakzeptanz zu begeistern. Zumindest auf die Art und Weise, wie ich mir das so vorstelle.

Bisher gab es drei Buchveröffentlichungen in meinem Leben. Einen Gedichtband, einen Roman und einen Diät-Ratgeber. Zwar wurde jedes von einem Verlag angenommen und herausgebracht, aber Buch 1 und 2 waren, wenn man ehrlich ist, Flops. Das letzte war ein wenig erfolgreicher, aber das war eben auch nicht schwer. Was die Chancen angeht, schreibend zukünftig auch nur einen substantiellen Teil meines Lebensunterhalts zu bestreiten, mache ich mir wenig Illusionen. Aber ich erlaube mir auch, ein wenig zu träumen.

Der kleine Roman wurde 2003 unter dem Titel "Mirjas Macht" veröffentlicht. Das war der Titel des Verlags. Meiner war "Hexe im Regen", aber der wurde abgelehnt, weil sie fanden, er sei gleich doppelt negativ belegt. Ich liebe ja beides: Hexen und Regen. Nun werde ich die "Hexe" vielleicht neu überarbeiten und als, wie gesagt, ersten selbstverlegerischen Gehversuch und als Kindle-Version im Netz verfügbar machen.

Ach, und hier noch zwei Gedichte aus dem Bändchen, das 2000 erschienen ist. Ich kann mir nicht helfen - die Möglichkeit, Texte mithilfe des Internets heutzutage zumindest theoretisch der gesamten Welt zu zeigen, ist zu verführerisch. Für wen Lyrik nichts ist, dem wünsche ich schon mal eine gute Nacht! ; )


Erkältung

Seine dünnen langen
weißen Hände (mit dem tätowierten
Drachen über dem Daumen) graben
den Strand um auf der Suche
nach Kieselsteinen. Zum Spielen.
Geduldig blicken
die ältesten Geschöpfe über
das schwarze Wasser.
Todd sagt: Es wird gleich regnen. Und
du hast den Schirm im wagen gelassen.
Sie haben Altersringe in ihren
Panzern. Wie Bäume. Der
Strand ist leer. Was ist
im Herzen einer Schildkröte.
Meine Mutter
hat mich der Erde
übergeben bevor ich geboren
wurde. Sie vergrub mich
und kam nie zurück um nach mir
zu sehen. Wir alle
tragen unsere Leben
in Schachteln herum. Todd sagt:
Wenn wir jetzt nicht gehen
bin ich morgen erkältet. Ich
weiß es einfach.


Für Harry Hinz

Hey
alter Mann auf deine
Gesundheit.
Jetzt da sie dich
sicher unter die Erde gebracht
haben. Sieht so aus
ich werde du. Haben uns beide
in meiner Nabelschnur
verheddert. Hatte immer Angst
mir könnten über Nacht die Zähne
wegfaulen. Kindheit im Bad
verbracht. Bürste im Mund. Bukowski
auf den Knien. Was soll's.
Nu wird meine Tochter auch
ne Gauklerin.
Hey alter Gaukler
danke für die Stimmen
in meinem Kopf. Danke
dass du mir die
Revolution gegen die Frauen
beigebracht hast. Danke
dass du nicht so getan hast
als wären deine Hände
nicht leer. Wo wäre ich heute
wenn ich gewusst hätte
wo es lang geht.
Auf dich.


NH