Sonntag, 15. Februar 2026

Winter


Ich bin zum ersten Mal fest angestellt. Nachdem mich eine Auftraggeberin nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit ohne Vorwarnung kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt hatte, habe ich in höchster Panik im Internet nach Optionen gesucht und bin ausgerechnet bei Instagram zum ersten Job als angestellte Arbeitnehmerin meines Lebens gekommen - teilzeit, mit Sozialabgaben und Krankenkasse und Urlaubstagen und all dem. Auch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit.

Aber ich war bisher immer selbständig. Ich habe mich mit Mitte zwanzig und mitten im Studium als Freiberuflerin in die Welt der unabhängigen Arbeit begeben und nie zurückgeschaut. Ich wollte nie Vorgesetzte - ich traf auf die Vorgesetzten von anderen Leuten in Besprechungszimmern und war zumeist verdammt erleichtert, dass diese Leute mir keine Vorschriften machen konnten. Ich hörte die Geschichten von anderen über ihre Chef*innen und war heilfroh, nur eine einzige Chefin je gehabt zu haben - mich selbst. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mit Kompromissen und stillem Rückzug/Groll die vermeintliche Sicherheit zu erkaufen, die ein festes Arbeitsverhältnis angeblich mit sich bringt. Ich habe nie verstimmt oder sehnsüchtig an dem Umstand geknabbert, dass frau mit sozialversicherungspflichtigem Job “auch mal krank werden konnte” ohne sofortige finanzielle Einbußen. Auch dann nicht, wenn ich krank war. Was so gut wie nie vorkam. Ich war nicht zu krank, um zu arbeiten. Ich war vielleicht zu krank, um im Rest meines Lebens klarzukommen. Aber ich falle nicht aus, wenn es darum geht, wirtschaftlich weiter irgendwie über die Runden zu kommen - auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe mich immer zusammengerissen, wie es meine Mutter mir beigebracht hat. Freiheit macht glücklicher als eine höchst trügerische Sicherheit. Ich war meine Sicherheit. Mit Ach und Krach. Und zusammengerissen bis zum Reißen.

Ich war also nie neidisch auf feste Arbeitsplätze. Als freier Coach und Beraterin in Unternehmen war mir immer klar, dass die Absicherung dort oft hart erkauft wurde, mitunter durch Wegducken und Aushalten. Ich war allerdings sehr wohl manchmal neidisch darauf, wie versorgt (mit Geld und Status) andere Frauen durch ihre Beziehungen zu sein schienen. Ich hätte zu bestimmten Zeiten im Leben gern daran geglaubt, dass es möglich ist, Verantwortung und Belastungen des Alltags, aber auch die Mühen der allgemeinen Lebensplanung, hin und wieder abzugeben oder zumindest einigermaßen gerecht zu teilen. Es ist mir bekanntlich nie gelungen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem das möglich gewesen wäre. Und ich weiß natürlich, dass es den meisten Cis-Frauen nicht gelingt. Allen voran meine Mutter.


Sie hat zugegebenermaßen ordentlich Status und Versorgung durch ihre Ehe mit meinem Vater an Land gezogen. Dafür ist er irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft mit mir eines Morgens vom Frühstückstisch aufgestanden, um sie zu würgen. Meine Mutter war vor ihrer Trauung schwanger geworden, weil sie unbedingt ein Kind wollte (mich) und meine Existenz zur Voraussetzung für eine Eheschließung gemacht hatte, damit sich mein mittelalter Vater (47 Jahre), der schon eine Tochter hatte, es sich nach der Hochzeit nicht plötzlich anders überlegen würde - so wie ihr erster Ehemann. Die Schneiderin, die ihr Hochzeitskleid nähte, überredete sie, den Mann, der sie gewürgt hatte, doch noch zu heiraten, weil das Kind (ich) doch einen Namen brauchte. Also den Nachnamen meines würgenden Vaters. 


In meiner Familie gab es danach meines Wissens nach keine körperliche Gewalt. Nur die Bedrohlichkeit, die das abwegige und unvorhersehbare Verhalten eines Alkoholikers mit Waffenschein so täglich mit sich brachte. 


Der Schnee liegt wie eine Kruste aus weißem Schorf um mein Haus herum. Zu bestimmten Zeiten in diesem Winter hatte ich panische Angst vor den Schneemengen auf meinem alten Dach. Ja, ich wohne im Hexenhaus am Wald, aber während der erste Winter, in dem ich auch eingezogen war, in erschöpfter aber auch triumphaler Hoffnung vorüberzog, habe ich nach dem ersten Jahr der vielen großen und kleinen Katastrophen in den letzten Monaten so sehr gefroren, wie noch nie zuvor in meinem Leben - innerlich wie äußerlich. Das Haus scheint nicht mehr warm zu werden - auch dann nicht, wenn das Feuer im Ofen lodert und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht ist (was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann). Der Dauerfrost droht mit Unberechenbarkeit und Zerstörung an Bauwerk und Anlagen.


Ich fürchte, mein Zitrusbaum hat trotz unordentlicher und zielloser Verhüllung in der Garage nicht überlebt. Er ist über fünfzig Jahre alt. ICH habe ihn vor über fünfzig Jahren gepflanzt. Meine Mutter gab mir einen Kern und zeigte mir, wie ich ihn in der Erde eines Blumentopfes versenken sollte, damit einst ein Baum daraus werden würde. Und eben jenen symbolträchtigen Baum haben das Haus im Wald und all die Umstände, die es mit sich gebracht hat, womöglich in unserem zweiten Winter dahingerafft. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht mehr ins Gästehaus verschieben. Ich hatte Rücken und Füße. Und ich habe gefroren wie noch nie. Und der Baum hat übrigens nie geblüht - darum war auch immer unklar, ob er eine Zitrone oder Orange ist. Aber Kerne aus einer Supermarktorange erzeugen offenbar keine blühenden Bäume. Natürlich nicht…


Die letzten Jahre waren ein unendlicher Fall über eine Böschung. Hier und da konnte frau sich am Gestrüpp festkrallen, um die Vehemenz zu drosseln. Nicht selten hat sie sich dabei Hände und Arme zerkratzt, musste vor Schmerzen wieder loslassen und fand nie echten Halt. Von außen hätte das keine gesehen oder auch nur vermutet. Nicht einmal mein eigener Psychiater hat mir vor Jahrzehnten zunächst geglaubt, dass mein Kampf, im und am Leben zu bleiben, nicht nur echt, sondern auch verdammt verzweifelt, verbissen und vor allem für immer war. Ich kannte nichts Anderes. Ich kenne nichts Anderes. Frau könnte denken, der Kampf wird durch Vertrautheit einfacher. Aber das ist nicht so. Der Körper wird müder. Die Enttäuschung und die Wut über die vertane Zeit werden größer und roher. Die Hoffnung auf Erklärung - wofür das alles? - und Erlösung/Erleichterung wird jedoch mit jeder Sekunde, in der ich frierend strample und klammere, durchscheinender und brüchig. Sie wabert und geistert und verglüht. Ich frage mich jeden Tag, wann sie wohl ausläuft. Und wie lebt es sich dann?


Irgendwie muss das Leben noch ein wenig friedlich und ein bisschen schöner werden, damit nicht alles umsonst war. 


Willow hat neue gesundheitliche Probleme. Vor einem knappen Jahr ist sie fast gestorben und hat nun vermutlich mit neurologischen Langzeiteffekten zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass es ihr endlich wieder richtig gut geht. Für Tippi wünsche ich mir das auch, denn der geht die wunderliche Willow ziemlich auf die Nerven.


Und die Zeit läuft. Immer. 


Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht dauernd. Ich hoffe wirklich, ich wiederhole mich nicht dauernd.


Und ich habe zum zweiten Mal ein totes Reh im Garten gefunden. Am hinteren Tor, das in den Wald führt. Da lag es, äußerlich scheinbar unversehrt, reglos im ewigen Schnee.


NH


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