THE UGLY GIRL PROJECT

UPDATE: Das Projekt habe ich inzwischen beendet. Eine Sammlung aller Selbstportraits, die im Zusammenhang mit dem Projekt und damit mit meiner Reise zu dicker Selbstakzeptanz in den letzten fünf Jahren entstanden sind, habe ich hier erstellt.

Die Füße meiner Mutter

Als Teenager habe ich mich gefragt, warum ich, ausgerechnet ich, mit so einer Kartoffelnase gestraft worden war, die obendrein, aus ungünstiger Perspektive betrachtet,  auch noch in der Mitte unschön einknickt. Ich hätte mir eine Operation gewünscht. Meine Mutter sagte, du spinnst wohl. Und erst nachdem sie gestorben war und ich Ende dreißig, wurde mir plötzlich klar, dass ich genau die Nase habe, die so ziemlich alle Frauen auf ihrer Seite der Familie hatten – bis auf meine Mutter, denn die hatte sich ihre als junge Frau chirurgisch korrigieren lassen. Das erzählten mir die Verwandten und waren überrascht, dass ich das gar nicht gewusst hatte. Ich bin heute alt genug, um meine Nase und ihre Geschichte zu schätzen. Meine Tante hat sie auch. Sie ist sozusagen unser Clubabzeichen.
Die Nase meiner Mutter © Nicola Hinz 2012

Meine Mutter war eine schöne Frau. Hellblond war ihre natürliche Haarfarbe. Sie hatte hellblaue Augen, lange Beine, war schlank und groß und hatte bis zuletzt einen Mörderbusen, von dem heute jeder annehmen würde, er sei falsch und um den ich sie immer beneiden werde. Ich weiß, es wäre ihr peinlich, das hier zu lesen. Sie war nicht so gut im Umgang mit Komplimenten. Dafür gab es eine Menge von Dingen, die sie an sich nicht leiden konnte. Und sie hasste ihre Füße. Immer mal wieder hat sie mir von ihrem Spaziergang mit einem jungen Mann am Strand erzählt, und darüber, wie anstrengend es war, ihre Füße möglichst die ganze Zeit über im Sand zu verstecken. Es muss auch für sie intuitiv eine Schlüsselszene gewesen sein, nur gelang ihr nie eine für ihr Selbstbild günstigere Interpretation. Damals, am Strand, war sie vielleicht gerade zwanzig. Ich weiß, was sie meinte. Vom Verstecken verstehe ich was.

Meine Mutter mit 24 Jahren

Du hast so ein hübsches Gesicht…

…heißt nichts anderes,  als „Warum bist du nur so fett?“. Dieser Satzanfang, der täglich weltweit  durch die Ohren von Millionen dicker Mädchen dröhnt, er ist auch der Anfang von Diäten, Essstörungen,  dem Verlust von Selbstwertgefühl und Selbstrespekt  - und der großen Jagd nach dem Goldenen Vlies: Schönheit. Und die kam noch nie von innen. Das wirklich Perfide ist, dass  ein „hübsches Gesicht“ keinesfalls schon einmal die halbe Miete ist. Ein „hübsches Gesicht“ ist vielmehr ein Anklagepunkt. Es ist nicht nur nicht besser als nichts. Es ist, im Gegenteil, verschwendet an einen dicken Körper. Es ist ein Druckmittel, ja nicht so zu bleiben, wie man ist. Und das, obwohl es womöglich noch nicht einmal besonders hübsch ist. Es ist aus Sicht des Redners nur nicht so grauslich, wie der dicke Rest.

Es gibt in unserer Kultur kaum etwas, das einen in den Augen der Öffentlichkeit mehr entstellen könnte, als Fett. Nichts macht einen so zum Störfaktor in der Landschaft, an dem sich andere automatisch abarbeiten werden, und auf wundersame Weise komplett unsichtbar zugleich. Hässlichkeit hat immer die Scham im Gepäck. Meine Mutter wusste das. Aber hätte sie auf Segelohren jemals mit der gleichen Panik reagiert, wie auf Babyspeck? Vermutlich nicht. Meine Kartoffelnase fand sie ja auch irgendwie in Ordnung. Die Akne, die mich mit 15 plötzlich aussehen ließ, als wäre ich kopfüber in ein Wespennest gefallen, hat sie nicht zu einer einzigen beißenden oder verletzenden Äußerung veranlasst. Das (mitunter imaginäre) Fett war der ewige Feind. Da war immer zu viel Fett an diesem Körper, um SCHÖN ZU SEIN. Aber dabei war es doch so verdammt wichtig, SCHÖN ZU SEIN. Und ich war vielleicht renitent, was die Umsetzung und das Diäthalten betraf, aber nicht wenn es um die Verinnerlichung ging: Ich wollte mein Leben lang die Schlacht um das „hübsche Gesicht“ gewinnen. Dumm nur, dass der Krieg gegen das Fett Krieg gegen den eigenen Körper bedeutet. Gelegentlich wächst man als altes, hässliches Mädchen über sich hinaus und schafft es, das Ganze nicht mehr so wichtig zu nehmen. Mitunter macht man sich lustig über den eigenen Kampf (und den der Gesellschaft) gegen das Fett. Man sieht, dass er lächerlich und sinnlos ist. Und trotzdem – die Enttäuschung bleibt. Was hätte aus einem werden können, wäre einem nicht das eigene Gesicht auf einer Woge von „Fett“ davongeschwommen?  In einer Episode der Fernsehserie „Ugly Betty“ bekommt die Heldin von einer Fee namens Dr. Frankel  präsentiert, wie ihre Realität aussähe, hätte sie nicht schiefe Zähne gehabt und jahrelang eine feste Klammer tragen müssen. Die Erkenntnis ist, dass sie zwar erfolgreicher, aber dafür auch oberflächlich und egoistisch geworden wäre. Ihre „Hässlichkeit“ hat sie in der Tat zu einem besseren Menschen werden lassen. Also, mich würde das ganz und gar nicht beruhigen…

Das lass mal schön sein

Obwohl das Internet als Schauplatz niemals endender Beliebtheitswettbewerbe voller Fallstricke ist, gibt es dort Räume, die ein hässliches Mädchen betreten kann, ohne dass einer merkt, dass es hässlich ist. Es wird endlich, endlich für schön gehalten und erfährt die entsprechende Bewunderung und Aufmerksamkeit. Social Media machen es möglich – sie sind der Ballsaal, in dem jeder als Aschenputtel das Tanzbein bis an die Decke schwingen kann, ohne dass einem einer auf die Schliche kommt. Natürlich kann man sich eine ganz neue Identität zulegen. Man kann ein neues Ich uploaden, und niemand wird es je wissen. Aber das ist gar nicht nötig – die Kunst liegt im Weglassen und im Portionieren der Wirklichkeit. Das gilt sowohl für Informationen als auch für Bildmaterial. Um als hässliches Mädchen für seine Schönheit und sein „buntes“ Leben bewundert zu werden, bedarf es nur ein paar verschwommener Fragmente. Das Publikum nimmt diese auf und erfindet sich den Rest der Geschichte selbst. Weil es das so will. Ich habe einmal versucht, einer aufdringlichen Twitter-Bekanntschaft aus New York City klarzumachen, dass ich in Wirklichkeit 75 Jahre alt und verheiratet sein könnte  – und dass mein Name Paul sein könnte. Das hat ihn nicht wirklich beeindruckt. Ein unbearbeitetes, ehrliches Foto von mir im Badeanzug hätte ihn möglicherweise sehr wohl dazu gezwungen, seine Geschichte umzuschreiben. Aber das schien mir zu grausam ; ). Dann wiederum wäre es möglich gewesen, seine Geschichte abermals durch pure Auslassung zu untermauern:

                                                    Kopflos / Beheaded © Nicola Hinz 2012

So tun als ob
Mit dem Mobiltelefon, der Webcam oder billigen Digitalkameras aufgenommene Selbstportraits sind zumeist überbelichtet, körnig  oder unscharf – kurz gesagt, sie sind in der Regel ungenau. Zudem lässt die Perspektive oder Qualität oftmals keine Schlüsse über den Zusammenhang der Aufnahme zu. Es ist die „Gnade“ dieser Ungenauigkeit, und wieder: dieser Fragmentierung, die es vor ein paar Jahren möglich machte, dass ich auf einmal tatsächlich in den Besitz von Bildern von mir kam, auf denen ich mich nicht fürchterlich fand. Denn das tat ich immer - egal ob es selbstgeknipste Urlaubsfotos oder professionell gemachte Aufnahmen waren. Natürlich kann man mit Photoshop leicht dünner und pickelfrei werden, den gleichen Effekt der zufälligen aber heilsamen Auslassung  hatte das für mich bis dahin jedoch nicht.

Ich erinnere mich gut daran, wie beeindruckt ich war, als ich vor gut 25 Jahren zum ersten Mal  Cindy Shermans „Untitled Film Stills“ sah, Selbstportraits, die Film-Standfotos der 40er und 50er Jahre nachahmen. In Schwarz-Weiß und in jeweils nur einem Bild erzählte sie nicht selten bedrückende Geschichten, von großen Erwartungen, verpassten Chancen, unheilvollen Obsessionen und lauernder Gefahr. Was Cindy Sherman zeigt, sind weibliche Stereotypen. Aber ihre Arbeiten sind mit so großer Deutlichkeit keine perfekten Kopien der Vorbilder, dass es ihnen möglich ist, eine ganz eigene Version der Handlung nahezulegen. Shermans Bilder zeigen sie selbst, weil sie ihr eigenes Arbeitsmaterial ist, aber es sind keine Selbstportraits. Sie tut so als ob.

THE UGLY GIRL PROJECT ist nun ein kleines Versuchsfeld, auf dem ich, ursprünglich (und noch immer) auf der Suche nach dem eigenen Gesicht, begonnen habe, so zu tun als ob. Ich nenne es „pretending to be pretty“ – etwas was man, wie beschrieben, durch schlichte Auslassung  erreichen kann, oder natürlich doch auch durch genaue Inszenierung. Die Grundfrage hierzu war, in was für Bildzusammenhängen werden Frauenstereotypen heute hauptsächlich gezeigt? Da ist zum einen natürlich nach wie vor die dramatisch bearbeitete Mode- und Beauty-Fotografie, deren Ästhetik mit der Selbstdarstellung von Amateurinnen (z.B. Lookbook) allerdings zunehmend überlappt.  Da gibt es die schon beschriebenen mit dem Smartphone geschossenen Snapshots und Profilbilder (Markenzeichen: der ausgestreckte Arm), die nicht selten sorglose Zufälligkeit lediglich vorgaukeln,  in Wirklichkeit jedoch ziemlich große Produktionen sind, bis sie die „richtige“ Geschichte über die Protagonistin erzählen, die hundertmal abgedrückt hat, bis sie wirklich zufrieden war. Interessant, weil oftmals so verwaschen, aber von so großem Einfluss und mit so viel Raum für Geschichten, sind auch Paparazzi-Bilder. Ich erlaube mir ein wenig von allem und gebe mir Rollen, die ich immer mal spielen wollte, wohlwissend, dass sie nicht wirklich meine sind. So zu tun als ob, bedeutet aber eben auch zu fragen: „Was wäre wenn?“ Vom Gesicht arbeite ich mich vielleicht eines Tages vor bis zum Körper. Das ist ein Ziel.

Neue Bilder werden von Zeit zu Zeit unter THE UGLY GIRL PROJECT als Blogeinträge eingestellt.

NH


Kommentare:

  1. Es funktinoniert aber wunderbar, mit einem Foto von sich eine Internetbekanntschaft loszuwerden. Ich hatte mich mal auf so einer Social-Media-Seite angemeldet. Ohne Foto. Sofort meldeten sich einige Männer, obwohl ich überhaupt nicht auf der Suche war. Mit einem hab ich ein paarmal ganz nett hin und her geschrieben, wie gesagt ohne jeglichen Hintergedanken. Mit dem Tag an dem ich ein Foto von mir einstellte, habe ich nix mehr von ihm gehört. War echt krass...

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  2. Muss ja ein Klassetyp gewesen sein - da kann man nur froh sein, dass er sich früh verkrümelt hat! ; )

    Eine Freundin von mir war mal sehr aktives Mitglied einer Dating-Seite im Internet. Ich habe sie wirklich dafür bewundert, mit was für einer Grandezza sie die ständige Anmache, Bewertung und dann natürlich auch die Körbe ausgehalten hat. Und das alles im Grunde basierend auf der Angabe der Hobbies - und natürlich dem Bild. Das wäre mit meinem lahmen Selbstwertgefühl nicht möglich gewesen! ; )

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  3. Das was Sonja da geschildert hat, habe ich schon häufiger erlebt. Man schreibt sich noch 1-2 mal und dann verstummt der Kontakt für immer.

    Ich seh es nach dem Motto "das sollte wohl nichts werden" und mach mir meist nichts drauß. :)

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  4. Hi, bin grad zufällig auf deinen Blog gestoßen und hier ein wenig hängengeblieben... :) Sehr interessant finde ich es, aus der Perspektive einer Frau zu lesen, die sich selbst "hässlich" findet. Das ist wirklich spannend. Wie so eine Sache das ganze Leben beeinflussen kann, gerade in unserer Mode- und Beauty-World.
    mal abgesehen von dem Schönheitsthema, um das es hier geht, finde ich deinen Schreibstil sehr gut. Du drückst dich hervorragend aus und manche Sätze sind ein "Gehirnschmaus", wie etwa dieser hier: "Was hätte aus einem werden können, wäre einem nicht das eigene Gesicht auf einer Woge von „Fett“ davongeschwommen?"
    Solche Formulierungen lese ich mit größtem Vergnügen. Weiter so. ich werde jetzt öfter mitlesen. Grüße, IndiGo

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  5. Das ist für mich ein sehr spannendes Thema. Vor allem, weil ich mich selbst am ehesten mit der Rolle einer nicht hübschen Frau indentifiziere und da gerade Grenzen für mich abstecke. Ich komme meistens nicht mal in den "Genuss" von "du hast so ein schönes Gesicht" und kann damit mittlerweile fast leben. Fixierung auf Schönheit ist so verwurzelt, dass man sie kaum noch hinterfragt. Würde man (oder noch eher frau) sich auch gekränkt fühlen, wenn man andere Komplimente nicht bekäme? Wenn es z.B. darum ginge ein Auto zu reparieren oder gut auf einem Bein balancieren zu können? Ich glaube, ich habe immer weniger Lust da mitzumachen.
    Auf deine Bilder bin ich jedenfalls sehr gespannt. :D

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  6. Ja, das ist unser Dilemma, dass wir (fast) alle so erfolgreich programmiert wurden, uns nicht über Leistung und Fähigkeiten zu definieren, sondern über den Zustand unserer Hülle. Wie alles-bestimmend dieser Mechanismus ist und die Verzweiflung, den Standards einfach nicht entsprechen zu können, wurde mir erst wirklich klar, als ich mich entschieden habe, keine Diät mehr zu machen – und dann feststellte wie absolut abwegig sich das am Anfang anfühlte: Wie soll man sich denn bitteschön NICHT dauernd damit beschäftigen, was am eigenen Körper verbesserungswürdig wäre? ; ) Nun, ich arbeite noch immer am Ausstieg.

    Viele Grüße
    Nicola

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  7. Ein sehr interessanter Beitrag - bei einigen Punkten finde ich mich selbst wieder. Dieses "du hast ein hübsches Gesicht" hab ich auch schon so oft gehört....was gibt einem das Recht, damit zu sagen, dass der Körper nicht schön ist? Oh man da könnte ich mich immer aufregen.

    Kannst ja auch mal auf meinem Plus Size Blog vorbeischauen. Würde mich freuen.

    LG :-)

    http://mrs-flippers-glitzerwelt.blogspot.de

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  8. Ich habe bisher nur sehr gute Erfahrungen gemacht, d.h. ich habe nur per Mail geantwortet, Bilder verschickt und auch Besuch erhalten.
    Sie brachte Heidehonig mit und die Liebste hat gelacht!
    LG - Wolf

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