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| Die Sonne im Eingang. |
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| Willow in der Sonne. |
Ich habe einen Baum eingepflanzt, den ich schon immer im Garten haben wollte. Eine Trauerweide, die jetzt neben dem Teich steht. "Der Wind in den Weiden" war eines meiner Lieblingsbücher als ich ein Kind war. Wie ich immer wieder gern erzähle, erfreut mich auch heute noch kaum etwas so sehr, wie Geschichten von kleinen Wildtieren, die in Höhlen, Kaffeekannen, Pilzen oder Baumstämmen wohnen. Hoffentlich wächst sie schnell. Die Weide.
Endlich ist der Schnee weg und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben erleichtert, dass die Sonne scheint. Ich bin keine Freundin von prallem Sonnenschein, war ich noch nie, aber die Katzen saugen jeden Strahl gierig mit allen Seidenhärchen auf. Sie halten ihre Kuschelbäuche der Sonne entegegen, als ob es darum ginge, einen inneren Vorrat anzulegen. Offenbar waren wir alle komplett ausgezehrt. Der Winter hat uns alle total erledigt. Willow scheint es auch sonst besser zu gehen - sie ist weniger nervös und zoomt abends mit Tippi fröhlich von einem Ende des Hauses zum anderen. In der (noch immer nicht fertig eingeräumten) Bibliothek hat sie sich auf einem Sessel einen speziellen Ort in der Nachmittagssonne organisiert, um den sie nicht konkurrieren muss. Sie ist auch viel allein im Catio.
Ich bin ein wenig wie der Mauwurf in Kenneth Grahams "The Wind in the Willows" - ich rieche den Frühling und komme auf Ideen, die mich aus dem Haus treiben. Darum auch die Weide. Aber abgesehen davon läuft alles weiter schleppend. Und was sich nicht schleppt, das triggert. Die meiste Zeit verbringe ich mit dem Kampf gegen Angst und Gram. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und mit dem Frühling beginnt sie naturgemäß immer, besonders erfolgreich zu sprießen. Überall frische und erfolgreiche Anfänge in der Natur - das war noch nie hilfreich, wenn frau selbst dem Druck des Alltags alles entgegen stemmt, was sie erübrigen kann und damit natürlich kaum Resourcen hat für große Pläne und persönliche Ziele.
Frühjahrsmüde bin ich ja immer.
Insgeheim würde ich noch immer gern schön und reich werden. Und glücklich. Manch eine Programmierung sitzt so tief - frau wird sie niemals los. Was blöd ist, weil meine verstimmte Disposition eben auch immer so hartnäckig war, dass es nie für das Durchhalten großer Erfolgs- oder Selbstverbesserungsprogramme gereicht hat. Frau hat eine ziemlich genaue Ahnung, was zu tun wäre, um massiv etwas im Äußeren zu verändern, allein ihr fehlt der Saft. Und zwar schon immer. Aber seit jeher ploppt alle Nase lang der Wunsch auf, einfach doch noch einmal "alles in Angriff" zu nehmen - und bei dem Vorhaben zu gewinnen. Fit werden. Gesund werden. Finanziell stabil werden. Vegan werden. Politisch aktiv werden. Beliebt werden. Fröhlich werden. Organisiert werden. Wieder lesen. Wieder schreiben. Endlich mal schreiben, was erfolgreich ist. Endlich Gehör finden. Endlich gesehen werden. Sie lässt sich nicht abschütteln. Die Vorstellung, ich hätte mehr sein müssen und können - und es sei der Zeitpunkt zum Aufgeben noch gar nicht gekommen. Eine Vorstellung wie ein Klotz am Bein. Ich wünschte, ich könnte einfach aufgeben. Meine Bucket List, mein unrealistisches Selbstbild, meine Ansprüche, meine Erwartungen, Angst vor der Sinnlosigkeit, alles. Aber nicht einmal das klappt.
Am rechten Fuß habe ich einen mittleren Zeh, der seit Monaten so entzündet ist, dass er beim Laufen fast immer in verschiedenen Intensitäten schmerzt. Eine Behandlung mit Antibiotika war unlängst nur mäßig wirksam. Ich glaube ja, mir sitzen die enttäuschten Hoffnungen im Zeh. Sie erschweren jeden Schritt und hören nie auf zu nörgeln und zu sticheln. Auch das ist übrigens nichts Neues. Meine Füße haben in über 50 Jahren immer wieder ebenso überzeugende wie unberechenbare Gründe gefunden, mich nicht angemessen zu tragen. Sie sind eine angewachsene, täglich gültige Metapher. Die tatsächlichen Ursachen blieben mithin zumeist unklar. Ich erinnere mich an eine sehr lange Phase mit Mitte Dreißig, in der ich jeden Morgen die ersten Minuten auf Zehenspitzen gehen musste, weil es zu schmerzhaft war, aus dem Bett frisch aufgestanden mit der ganzen Sohle aufzutreten.
Immerhin haben ein paar Fische im Teich den Winter überlebt. Das hatte ich nicht erwartet. Aber da kamen sie plötzlich an die Oberfläche. Sie wollten wohl auch zur Sonne.
NH


