THE THIN PRIVILEGE PROJECT

Wie ist es eigentlich wirklich, das Leben nach der Diät? 

Ich weiß, wie es ist, dick zu sein. Denn die meiste Zeit meines Lebens galt ich als dick, oder war es tatsächlich. Ich habe "a fat mind", und ich verwende einen englischen Ausdruck in Ermangelung eines treffenderen auf Deutsch. Ich werde in meiner Interaktion mit der Welt von einem inneren, dicken seelischen und weltsichtlichen Programm gesteuert. Ich sehe alles durch eine "dicke" Brille. Daran ist nicht Verwunderliches. Wer im Kindergarten seine erste Diät macht, dem ist diese naturgemäß irgendwann auf der Nase festbetoniert. Im Unterschied zu früher, weiß ich nun, dass sie da ist, und wo sie herkam.

Ich weiß tatsächlich nicht, wie es ist, dünn zu sein. Das ist mir, wie so vieles, erst in letzter Zeit klar geworden. Aber es ist wahr. Denn ich war als Dünne immer ohne Bewusstsein. Buchstäblich wie gelähmt. Im Kopf weiter dick. Weiterhin auf der Flucht vor Spiegeln, bzw. auf Kriegsfuß mit meinem Äußeren und was meine Behandlung durch andere anging, zumeist mit nach innen gerichtetem Blick und mit der Decke über den Kopf gezogen, wie ein Kind in Gespensterangst.

Ich erinnere mich schon an plötzliche Komplimente und an das Gefühl großer, unter bitterer Entbehrung erstrittener Erleichterung, die sich hauptsächlich aus der Vorstellung speiste, dass ich dünner auch nicht mehr so unangenehm auffallen würde. Stolz war ich trotz des gewonnenen Kampfes gegen meinen eigenen Körper auf mein Post-Diät-Ich in der Regel eher nicht so sehr. Und mit den Komplimenten hatte ich immer Probleme und nahm sie eher zur Kenntnis als an - für gewöhnlich mit innerlich schnaubender Indignation und dem Gedanken: "Das könnt Ihr euch jetzt auch dahin schieben, wo die Sonne nicht scheint."

Obendrein war ich als Erwachsene ohnehin nie lange genug am Stück gleich dünn, um mich im Land von Thin Privilege einzurichten und genau umzusehen, oder um überhaupt zu begreifen, dass ich dort jetzt, zumindest theoretisch, wohnte.

Das hole ich jetzt nach. Wenn ich es schaffe.

Immer wieder mal ziehen sich dünne Leute im Rahmen eines Experiments für einen Tag einen Fat Suit an. Meistens sind sie hinterher demonstrativ erschüttert über die Behandlung, die sie als künstlicher Moppel erfahren haben. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, dass der Unterschied, insbesondere in so kurzer Zeit, so deutlich und offensichtlich wahrnehmbar ist. Ich bin als Dicke im Leben wenig persönlich gehänselt oder beschimpft worden - auch als Kind nicht. Meine Erfahrung dicker Stigmatisierung war immer eher dadurch geprägt, unsichtbar zu sein, ignoriert zu oder still gemieden zu werden. Leute haben hinter meinem Rücken über mein Fett geredet. Das heißt nicht, dass es auf mich keine Auswirkungen hatte.

Ich werde nun mein eigenes Experiment machen und versuchen, mir einen Thin Suit zuzulegen. Wie anders ist es wirklich dünn(er) zu sein? Wie anders wird man behandelt? Wie wird man wahrgenommen und gespiegelt? Wie viel leichter ist es, sich Gehör zu verschaffen, sich durchzusetzen oder Zustimmung zu erwirken? Wie viel freundlicher, interessierter und aufmerksamer begegnen einem andere Menschen? Wie viel mehr kann man sich erlauben, ohne automatisch die Sympathie anderer zu strapazieren/verlieren?

Thin(ner) Privilege

Thin Privilege steht für die Existenz von Bevorzugung und Vorteilen, die Menschen erleben, weil sie dünner sind als andere. Ebenso umfasst es die Abwesenheit von Stigmatisierung und Diskriminierung, die dicke(re) Menschen im Gegensatz erfahren, weil sie eben dick(er) sind. Tatsächlich greift Thin Privilege in Abstufungen: Eine dünnere Dicke kommt eher in den Genuss von Bevorzugung und Erleichterungenen, als eine dickere Dicke. Wenig überraschend, funktioniert Thin Privilege (insbesondere für Frauen) ganz genau dem selben Grundsatz folgend, wie unsere fettphobische Gesellschaft/Kultur auch: Je weniger Körperumfang, desto besser. Der Makel eines dicken Körpers ist in der Regel nur schwer, bzw. gar nicht auszugleichen - weder durch ein normschönes Gesicht (siehe THE UGLY GIRL PROJECT), noch durch Bildung, Klugheit, Humor, Freundlichkeit oder Engagement. Noch nicht einmal durch großen, beruflichen Erfolg (siehe Oprah).

Mehr Informationen, Beispiele und eine gründliche Erläuterung des Konzeptes "Thin Privilege" gibt es hier: This is Thin Privilege.

Versuchsaufbau

Es geht hier nicht darum, sich doch endlich all das zu holen, was einem als dicker Menschen alles entgeht. Das Ziel ist nicht, sich Vorteile zu verschaffen, indem man sich nun doch anpasst. Das ist schon deshalb nicht so, weil ich ja gar keine rechte Kenntnis habe, was mich erwarten könnte. Wie gesagt, ich leide unter ziemlicher Amnesie, was die Außenwelt in meinen dünnen Zeiten angeht. Es geht darum, heute zu guter Letzt zu begreifen, was für Vorteile Thin Privilege überhaupt mit sich bringt, und wie weitreichend sie sind. Es geht, genau genommen, um die Einschätzung des Ausmaßes der Benachteiligung, der ich als Dicke im Alltag in sämtlichen Lebensbereichen ausgesetzt bin und war, indem ich mir die Erfahrung des Gegenteils aus erster Hand verschaffe. 

Ist das Leben nach der Diät wirklich besser? Diesmal werde ich besser aufpassen, und alles, was mir auf dem Weg an Bemerkenswertem begegnet, genau festhalten. Ich werde genau Buch führen - darüber, wie es mir geht, wie ich mich möglicherweise verändere und was sich in der Außenwelt alles tut. Und ich werde übrigens auch testen, ob sich mein körperlicher Zustand durch die Abnahme tatsächlich maßgeblich verbessert. Das müsste er doch - schließlich ist das doch DAS große Heilsversprechen, das allgegenwärtig durch unsere Gesellschaft wabert und unsere Alltagskultur durchdringt wie John Carpenters Nebel. 

Für all das muss ich abnehmen. Klar. Das an sich bedeutet ja mittlerweile keinen totalen Bruch mit meinen Grundsätzen mehr, weil ich im Bemühen, meinen Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen, ohnehin seit geraumer Zeit möglichst wenige Kohlenhydrate esse und mein Gewicht nach und nach reduziere. Für das Experiment wäre es allerdings günstig, etwas schneller Gewicht zu verlieren. Idealerweise sollten Leute die Veränderung plötzlich und deutlich mitbekommen und keine Zeit haben, sich graduell daran zu gewöhnen.

Wie viel dünner muss ich wohl werden, um Thin(ner) Privilege zu erleben, bzw. relevante Erfahrungen zu machen? Nun, auch das werde ich auf diesem Wege vermutlich herausfinden. Im Augenblick ist es mein Ziel, in eine Größe 44 zu passen. Im Augenblick bin ich ungefähr eine Größe 50, und habe mir in den letzten Tagen überlegt, es mit einer erneuten Abnahme lieber doch nicht zu weit treiben zu wollen. Nicht zuletzt bin ich mir über die fette Chance auf einen erneuten Clash mit Jojo sehr wohl bewusst. Und dann ist da das Problem mit der sich abermals leerenden Haut. 

Offensichtlich werde ich auf diesem Blog keine Diät-Tipps verbreiten. Was ich jedoch sehr wohl tun werde, ist, meine erneute Diät-Erfahrung genau zu beschreiben. Ich werde die psychischen Auswirkungen stark reglementierter Ernährung gezielt beobachten, denn auch hier gilt das, was für das Dünnsein ebenso stimmt: Ich habe nie wirklich darauf geachtet, was eine Reduzierung meiner Nahrungszufuhr eigentlich mit der Seele (und mit dem Körper) alles macht. Am liebsten war es mir bei Diäten natürlich auch immer, dass die Seele möglichst wenig Theater veranstaltet. Das ist ja auch, wie ich heute vermute, das berühmte "Klick", das es einem erlaubt, eine Diät durchzuhalten: das Klicken, wenn sich die rebellische Seele selbst ausknipst.

NH

Kommentare:

  1. Hallo Schöne,

    habe ich das richtig verstanden? Frau Hinz nimmt wieder ab? Um nachvollziehen zu können, wie es sich anfühlt, dünn-privilegiert zu sein? Frau Hinz, Frau Hinz! Haben Sie die Beweggründe auch gründlich durchleuchtet? So von allen Seiten und so? Ob sich der Intellekt da nicht nur eine Rechtfertigung für das erneute Diäten ausgedacht hat? Ich fände es zum Kotzen, wenn es so wäre. Denn du kannst dich auch über die Dogmen der Fettakzeptanz-Szene hinwegsetzen (wenn es die denn gibt - ich kenne die Szene nicht). Einfach, weil Szene-Dogmen scheiße sind. Wenn du abnehmen willst, nimm' doch ab, auch wenn es die Szene nicht sehen will.

    E. aus B.
    mit viel L.G.

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  2. @E. aus B.

    Wirke ich wie jemand, der über die eigenen Beweggründe verwirrt ist?

    Und ja - WELCHE Szene bittesehr? Was hätte ich für ein wenig Aufregung und Diskussion gegeben. Aber die "Szene" mit der wir es hier zu tun haben, besteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus stummen Frauen, die sich gern mit "Hallo Herzis" anreden lassen und Fettakzeptanz mit der Verfügbarkeit von Kleidung in großen Größen gleichsetzen.

    Abgesehen davon fänden viele von ihnen es vermutlich schon ganz gut, wenn ich mein Fett sozusagen in Vertretung für sie und ihr eigenes, ungeliebtes Fett akzeptiere und zu ihrer Beruhigung hier darüber schreibe, während sie weiterhin eifrig in Diät-Foren Low-Carb-Rezepte austauschen, bis sie es - in ihrer Fantasie glücklich erschlankt - gar nicht mehr nötig haben, sich überhaupt mit Fettakzeptanz zu beschäftigen.

    DAS finde ich zum Kotzen.

    Liebe Grüße
    Nicola



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  3. Hatte es ja selbst in Frage gestellt, ob es eine Community gibt und mein Gedankengang war ähnlich, nämlich, dass es die Community natürlich lieber sieht, wenn du dick bleibst. Und aus diesem Grunde unterstellte ich dir, dass sich dein Intellekt im Wissen darum und um nicht als "Verräterin" dazustehen, das Privilegierten-Projekt als Diät-Vorwand ausgedacht hat.
    Scheint aber nicht so zu sein.

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  4. Nein, ich denke mir keine Vorwände aus. Aber die bloße Vorstellung, dass man unerreichbare Diättussizombies erstaunlicherweise im Prinzip durch nichts mehr ärgern kann, als sie in ihrer eigenen Disziplin zu schlagen, während man ihnen dennoch immer wieder nahelegt, sich selbst doch endlich besser zu behandeln und sich in dicker Selbstakzeptanz und Aktivismus zu üben, ist schon verdammt verführerisch. Und vermutlich wird sie mich auch ein Stück durch dieses Projekt tragen. Denn ich bin so biestig und eitel. Das gebe ich gern zu.
    Liebe Grüße
    Nicola

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  5. Liebe Nicola,
    gleich als Erstes: Ich finde Dein Blog super - mutig, vielseitig, stilvoll und inspirierend - und es hat mir sehr, sehr geholfen (ich fand so viele wertvolle und kreative Beiträge, angefangen bei dem Thema Selbstakzeptanz über Deine Buch- und Artikelbesprechungen, Vision Thing, Dating, Ugly Girl Project (die Fotos sind wirklich toll!!) bis Declutter und Organisation und vieles mehr). Ich lese es seit einiger Zeit (da Du leider seit Mitte April nichts mehr geschrieben hast, habe ich mich nun "zurückgearbeitet" und fast alles bis 2010 gelesen :-)), habe mich aber bisher nicht getraut, einen Kommentar zu hinterlassen. Ich denke, übrigens, dass es vielen eher introvertierten Menschen wie mir so geht - dass sie zwar Dein Blog sehr gerne lesen, aber sich nicht äußern.. Ich bin überzeugt davon, dass Du schon vielen Menschen geholfen hast, ohne es überhaupt zu wissen. Ich hoffe, dass Du uns weiterhin an Deinem Leben und an Deinen spannenden Projekten teilhaben lässt, ich bin schon wahnsinnig gespannt, wie es Dir mit dem "Thin(ner) Privilege Project" geht. Ich finde, übrigens, nicht, dass dieses Projekt in irgendeiner Weise dem Sinn dieses Blogs oder dem Konzept der Selbst- und Fettakzeptanz widerspricht, ganz im Gegenteil - es wird um weitere Erfahrungsberichte bereichert. Ich kann es kaum erwarten, Deine Erfahrungen lesen zu können. Du wolltest ja auch die psychischen Auswirkungen gezielt beobachten und darüber schreiben und ob tatsächlich eventuelle gesundheitliche Veränderungen eintreten (oder eben keine). Hast Du Dich entschlossen, die Abnahme für das Projekt lieber langsam anzugehen oder hast Du schneller Gewicht verloren? Ich nehme Letzteres an, da Du ja neulich Deine Kleidung in großen Größen verkauft hast. Aber hauptsächlich möchte ich, wie wahrscheinlich alle Deine Leser, gerne wissen, wie es Dir persönlich damit und auch sonst geht. Und natürlich auch Deinem Kater. Ich hoffe, alles ist allerbestens:-) und dass wir bald wieder von Dir hören bzw. lesen. Deine Katja

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  6. Hallo Nicola,
    gibt es das eigentlich noch? dieses Projekt meine ich?
    freu mich von dir zu lesen :-)
    viele grüsse
    anna

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