Sonntag, 15. Februar 2026

Winter


Ich bin zum ersten Mal fest angestellt. Nachdem mich eine Auftraggeberin nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit ohne Vorwarnung kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt hatte, habe ich in höchster Panik im Internet nach Optionen gesucht und bin ausgerechnet bei Instagram zum ersten Job als angestellte Arbeitnehmerin meines Lebens gekommen - teilzeit, mit Sozialabgaben und Krankenkasse und Urlaubstagen und all dem. Auch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit.

Aber ich war bisher immer selbständig. Ich habe mich mit Mitte zwanzig und mitten im Studium als Freiberuflerin in die Welt der unabhängigen Arbeit begeben und nie zurückgeschaut. Ich wollte nie Vorgesetzte - ich traf auf die Vorgesetzten von anderen Leuten in Besprechungszimmern und war zumeist verdammt erleichtert, dass diese Leute mir keine Vorschriften machen konnten. Ich hörte die Geschichten von anderen über ihre Chef*innen und war heilfroh, nur eine einzige Chefin je gehabt zu haben - mich selbst. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mit Kompromissen und stillem Rückzug/Groll die vermeintliche Sicherheit zu erkaufen, die ein festes Arbeitsverhältnis angeblich mit sich bringt. Ich habe nie verstimmt oder sehnsüchtig an dem Umstand geknabbert, dass frau mit sozialversicherungspflichtigem Job “auch mal krank werden konnte” ohne sofortige finanzielle Einbußen. Auch dann nicht, wenn ich krank war. Was so gut wie nie vorkam. Ich war nicht zu krank, um zu arbeiten. Ich war vielleicht zu krank, um im Rest meines Lebens klarzukommen. Aber ich falle nicht aus, wenn es darum geht, wirtschaftlich weiter irgendwie über die Runden zu kommen - auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe mich immer zusammengerissen, wie es meine Mutter mir beigebracht hat. Freiheit macht glücklicher als eine höchst trügerische Sicherheit. Ich war meine Sicherheit. Mit Ach und Krach. Und zusammengerissen bis zum Reißen.

Ich war also nie neidisch auf feste Arbeitsplätze. Als freier Coach und Beraterin in Unternehmen war mir immer klar, dass die Absicherung dort oft hart erkauft wurde, mitunter durch Wegducken und Aushalten. Ich war allerdings sehr wohl manchmal neidisch darauf, wie versorgt (mit Geld und Status) andere Frauen durch ihre Beziehungen zu sein schienen. Ich hätte zu bestimmten Zeiten im Leben gern daran geglaubt, dass es möglich ist, Verantwortung und Belastungen des Alltags, aber auch die Mühen der allgemeinen Lebensplanung, hin und wieder abzugeben oder zumindest einigermaßen gerecht zu teilen. Es ist mir bekanntlich nie gelungen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem das möglich gewesen wäre. Und ich weiß natürlich, dass es den meisten Cis-Frauen nicht gelingt. Allen voran meine Mutter.


Sie hat zugegebenermaßen ordentlich Status und Versorgung durch ihre Ehe mit meinem Vater an Land gezogen. Dafür ist er irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft mit mir eines Morgens vom Frühstückstisch aufgestanden, um sie zu würgen. Meine Mutter war vor ihrer Trauung schwanger geworden, weil sie unbedingt ein Kind wollte (mich) und meine Existenz zur Voraussetzung für eine Eheschließung gemacht hatte, damit sich mein mittelalter Vater (47 Jahre), der schon eine Tochter hatte, es sich nach der Hochzeit nicht plötzlich anders überlegen würde - so wie ihr erster Ehemann. Die Schneiderin, die ihr Hochzeitskleid nähte, überredete sie, den Mann, der sie gewürgt hatte, doch noch zu heiraten, weil das Kind (ich) doch einen Namen brauchte. Also den Nachnamen meines würgenden Vaters. 


In meiner Familie gab es danach meines Wissens nach keine körperliche Gewalt. Nur die Bedrohlichkeit, die das abwegige und unvorhersehbare Verhalten eines Alkoholikers mit Waffenschein so täglich mit sich brachte. 


Der Schnee liegt wie eine Kruste aus weißem Schorf um mein Haus herum. Zu bestimmten Zeiten in diesem Winter hatte ich panische Angst vor den Schneemengen auf meinem alten Dach. Ja, ich wohne im Hexenhaus am Wald, aber während der erste Winter, in dem ich auch eingezogen war, in erschöpfter aber auch triumphaler Hoffnung vorüberzog, habe ich nach dem ersten Jahr der vielen großen und kleinen Katastrophen in den letzten Monaten so sehr gefroren, wie noch nie zuvor in meinem Leben - innerlich wie äußerlich. Das Haus scheint nicht mehr warm zu werden - auch dann nicht, wenn das Feuer im Ofen lodert und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht ist (was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann). Der Dauerfrost droht mit Unberechenbarkeit und Zerstörung an Bauwerk und Anlagen.


Ich fürchte, mein Zitrusbaum hat trotz unordentlicher und zielloser Verhüllung in der Garage nicht überlebt. Er ist über fünfzig Jahre alt. ICH habe ihn vor über fünfzig Jahren gepflanzt. Meine Mutter gab mir einen Kern und zeigte mir, wie ich ihn in der Erde eines Blumentopfes versenken sollte, damit einst ein Baum daraus werden würde. Und eben jenen symbolträchtigen Baum haben das Haus im Wald und all die Umstände, die es mit sich gebracht hat, womöglich in unserem zweiten Winter dahingerafft. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht mehr ins Gästehaus verschieben. Ich hatte Rücken und Füße. Und ich habe gefroren wie noch nie. Und der Baum hat übrigens nie geblüht - darum war auch immer unklar, ob er eine Zitrone oder Orange ist. Aber Kerne aus einer Supermarktorange erzeugen offenbar keine blühenden Bäume. Natürlich nicht…


Die letzten Jahre waren ein unendlicher Fall über eine Böschung. Hier und da konnte frau sich am Gestrüpp festkrallen, um die Vehemenz zu drosseln. Nicht selten hat sie sich dabei Hände und Arme zerkratzt, musste vor Schmerzen wieder loslassen und fand nie echten Halt. Von außen hätte das keine gesehen oder auch nur vermutet. Nicht einmal mein eigener Psychiater hat mir vor Jahrzehnten zunächst geglaubt, dass mein Kampf, im und am Leben zu bleiben, nicht nur echt, sondern auch verdammt verzweifelt, verbissen und vor allem für immer war. Ich kannte nichts Anderes. Ich kenne nichts Anderes. Frau könnte denken, der Kampf wird durch Vertrautheit einfacher. Aber das ist nicht so. Der Körper wird müder. Die Enttäuschung und die Wut über die vertane Zeit werden größer und roher. Die Hoffnung auf Erklärung - wofür das alles? - und Erlösung/Erleichterung wird jedoch mit jeder Sekunde, in der ich frierend strample und klammere, durchscheinender und brüchig. Sie wabert und geistert und verglüht. Ich frage mich jeden Tag, wann sie wohl ausläuft. Und wie lebt es sich dann?


Irgendwie muss das Leben noch ein wenig friedlich und ein bisschen schöner werden, damit nicht alles umsonst war. 


Willow hat neue gesundheitliche Probleme. Vor einem knappen Jahr ist sie fast gestorben und hat nun vermutlich mit neurologischen Langzeiteffekten zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass es ihr endlich wieder richtig gut geht. Für Tippi wünsche ich mir das auch, denn der geht die wunderliche Willow ziemlich auf die Nerven.


Und die Zeit läuft. Immer. 


Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht dauernd. Ich hoffe wirklich, ich wiederhole mich nicht dauernd.


Und ich habe zum zweiten Mal ein totes Reh im Garten gefunden. Am hinteren Tor, das in den Wald führt. Da lag es, äußerlich scheinbar unversehrt, reglos im ewigen Schnee.


NH


Dienstag, 9. Dezember 2025

Follow me around 61 - Stille Wasser


Ich habe ein totes Reh im Pool gefunden.

Heute am frühen Morgen hat es Tippi außerdem geschafft, im Catio gleich zwei Mäuse hintereinander umzubringen und ins Haus zu schleppen, um sie hier noch weiter durch die Luft zu schleudern und sie zu jagen, als lebten sie noch.

Die letzten Wochen des Jahres fühlen sich an, wie einer von diesen trüben, dunstigen Psychokrimis, die auf dem Land und in alten Häusern spielen. Durchtränkt mit reflexartiger Symbolik für Tod und Verderben, die quasi schon vor der Tür stehen. 

Wartet, da war doch was. Ach ja, ich bin vor einem Jahr aufs Land in ein altes Haus gezogen. 

Wer nach unserem Umzug tatsächlich fast gestorben wäre, das war Willow. Sie musste operiert werden und eine Woche in der Klinik bleiben. Sie war erst auf der Intensivstation, konnte zwischendurch nicht mehr sehen, brauchte dann sehr lange sehr teure Medikamente, bekam Physiotherapie und ist nun nach Monaten weitgehend wiederhergestellt, wenn sie auch neurologisch und motorisch nicht mehr ganz die Alte werden wird. Hätte es Willow nicht zufällig gerade dann erwischt, als ich noch Geld vom Wohnungsverkauf übrig hatte, wäre sie jetzt tot. Ihre Rettung hat Tausende gekostet und damit ein weit aufgerissenes Loch ins Budget getrieben. Aber sie ist noch da und weitgehend fröhlich, wie es scheint, und dafür bin ich sehr dankbar. Sie hat wie die sprichwörtliche Löwin um ihr Leben gekämpft und es auf jeden Fall komplett verdient, dass ich sie mit allem unterstützt habe, was ich geben konnte.

Dann bin ich in diesem Jahr zweimal buchstäblich auf die Fresse geflogen. Einmal in Eppendorf und einmal in Barmbek. Vermutlich durch die MS. Mein rechtes Bein ist ja seit Jahren eine 'Wackelkandidatin" und gibt hin und wieder ohne Vorwarnung nach. Na, jedenfalls konnte ich danach wochenlang meine Arme nicht mehr richtig benutzen, weil die vom Trauma des Abstützens beim Fallen schmerzten und blockierten.

Als ich sie dann wieder bewegen konnte, schickte ich mich im Spätsommer an, einen Aufsitzmäher von einer Palette herunterzuheben, auf der er mir geliefert worden war. Dabei habe ich mir den Rücken so verletzt, dass ich erst jetzt halbwegs wieder genauso schlecht laufen kann, wie vorher. Ich habe wochenlang im Bett gelegen (wenn ich nicht gerade auf Krücken damit befasst war, angemessene medizinische Hilfe zu kriegen - don't get me started über das Gesundheitssystem), Einkünfte verloren und geglaubt, das sei jetzt wirklich das Ende von allem. Mir ist mithin in der Zeit nicht nur meine Lendenwirbelsäule sondern auch meine Depression um die Ohren geflogen.

Die Kirsche auf dem Kuchen kam rechtzeitig zu Weihnachten. Ein größerer Auftraggeber teilte mir gerade mit, dass er mich und meine Dienste nach jahrelanger Zusammenarbeit ab sofort nicht mehr braucht. 

Mit Kleinkram wie einer Überschwemmung im Keller oder einem Auto, das nicht durch den TÜV kommt, will ich euch gar nicht weiter aufhalten.  

Und nun ist also ein Reh in eben jenem Pool ertrunken, den ich in diesem Jahr nicht in Betrieb nehmen konnte, weil zumeist einfach gar nichts mehr ging.

Der Pool und die Erfüllung eines lebenslangen Wünschens und Strebens haben für mich nicht stattgefunden. Es gab kein Gewinnen. Ich bin nicht angekommen. Das ist die Wahrheit. Und deutlicher kann ich es auch nicht gesagt bekommen.

Wie es weitergeht, wird frau sehen. Ob sie will oder nicht.

Ich drücke uns allen die Daumen für 2026 - also allen, die es wollen und brauchen können.

Der Club der dicken Damen existiert übrigens noch und trifft sich online wieder Ende Januar. Wer zu kämpfen hat, kann da Unterstützung finden und ist wirklich von Herzen eingeladen.


NH

Montag, 23. Dezember 2024

A Very Merry Flexmas!*

                A bigger splash (David Hockney)

If you leave the light on, I'll leave the light on. (Maggie Rogers)

Show me my silver lining. (First Aid Kit)

Als Kind im Grundschulalter hatte ich für mein erwachsenes Leben die Vision, als Hexe mit Katze in einem Häuschen im Wald zu wohnen. Fast zwei Jahrzehnte später hatte ich dann den Plan, eine große Nummer in Hollywood zu werden und in einer Villa am Hang zu wohnen – mit einem großen, blau blitzenden und schillernden Swimming-Pool.

Als meine Mutter 2009 starb, erwarb ich mit ihrem Geld eine Wohnung vor den Toren Hamburgs, um mich und meine Trauer zu parken. Für den Fall, dass ich mich nie wieder erholen würde, hatte ich alles vorher sorgfältig und hoch vernünftig geplant – in dieser Wohnung konnte Frau auf praktische Weise alt und/oder krank sein: Erdgeschoss, klein genug, um bei Hartz IV sicher zu sein, keine Miete, gleich zwei Krankenhäuser im Umkreis weniger Kilometer, zu Fuß fünf Minuten bis zu den Allgemeinärzt*innen und, ebenso naheliegend, zwei Apotheken, eine Bäckerei, ein Supermarkt, eine Optikerin – und eine S-Bahn nach Hamburg, ebenfalls in 10 bis 15 Gehminuten zu erreichen (sollte ich mit 99 Jahren nicht mehr Auto fahren können oder wollen).

Was sich jedoch schnell herausstellte, war, dass die Aussicht, in dieser Wohnung wirklich alt zu werden, eher dazu angetan war, mich tatsächlich noch verzweifelter zu machen, als ich es ohnehin schon war. Nervige WEG*-Sitzungen, untätige, unverschämte und haarsträubend inkompetente Hausverwaltungen, durchgeknallte und bösartige Nachbar*innen, die auf ihre Weise für Cringe, Creep, Lärm und Chaos sorgten und schließlich der Bau eines zutiefst geschmacklosen Mehrfamilienbunkers direkt vor meiner Nase, wo sich ursprünglich ein großer, wilder Garten befunden hatte. Abgesehen davon, dass trotz kostspieliger Anfragen meinerseits unklar bleiben wird, wie dieses Ungetüm, das ganz klar mit dem Bebauungsplan kollidiert, genehmigt werden konnte, hatten meine Eichhörnchen die Nase voll von der Versiegelung nebenan und zogen in kürzester Zeit um – auf Nimmerwiedersehen – und ließen meine Nussstation verwaist zurück.

Ich hätte es ihnen umgehend gleichtun sollen.

Hab ich damals aber nicht. Duh.

Dann stellte sich zu Beginn meiner Beziehung zu meinem Ex-Partner sehr schnell und zu meiner ausgesprochenen Freude heraus, dass wir den Haustraum, wie so Vieles, teilten. Wir besichtigten potentielle Eigenheime für eine gemeinsame Zukunft mit viel Platz, Ruhe und Natur (ich berichtete). Ich schmiedete kühne Pläne. Er tat nur so, weil er mir verheimlicht hatte, dass er und seine Ressourcen längst alle aus der Kurve geflogen waren.

Es wäre mir ehrlich nicht in den Sinn gekommen, uns ein Haus zu kaufen. Ich machte mich in den folgenden Jahren unserer Beziehung vielmehr daran, ihn in die Verfassung zu hieven, das Vorhaben mit mir gemeinsam zu verwirklichen. In meinem Drehbuch kauften wir uns ein Haus. Außerdem sollte meine Wohnung als „Stadtwohnung“ für Ausflüge in die Zivilisation und zum Zwecke des Theater- oder Museumsbesuches, zum Einkaufen und für berufliche Einsätze idealerweise erhalten bleiben. So unsere Überlegung. Aus heutiger Sicht: Facepalm. Klar.

Für das letzte Weihnachten, bevor er mich verließ, hatten wir ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst, dass wir dieses endlich „im neuen Haus“ feiern würden, bzw. nun ernsthaft in die Umsetzung einsteigen würden. Geklappt hat es dann bekanntlich wieder nicht.

Bibbidi-bobbidi-boo!  

Aber eineinhalb Jahre, nachdem der Ex mich hat sitzen lassen, ist es jetzt soweit. Ich wohne im Wald. Mit meinen Katzenmädchen. Im eigenen Hexenhaus, das allerdings gar nicht so klein ist, wie frau sich ein Hexenhaus gemeinhin vorstellen mag. Ich habe mir ein Haus gekauft.

Und so ist es nun Zeit, kurz vor den Feiertagen auch einmal aus vollstem Herzen Danke zu sagen:

Wenn du mich nicht entsorgt hättest, wäre unsere Geschichte womöglich auf eine von zwei Weisen weitergegangen:

a)

Wir säßen vielleicht zu diesen Festtagen gemeinsam in einem Haus mit Glasfaser nur eine Stunde entfernt von Hamburg am knisternden Feuer des Ofens mit Blick auf ein Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Garten, in dem es genug Platz gäbe für ein Dutzend vintage Wohnmobile, einen Zaun und Hecken, die für jeden Hund hoch genug wären – und einen Swimming-Pool.

(Ja, ich bin endlich Besitzerin eines Pools. Eines himmelblauen Hexenpools im Wald. So verweben sich in meinem neuen Zuhause nun meine Kindheitspläne mit den Zielen meines Ichs bis Mitte Zwanzig auf ganz bemerkenswerte Weise. Hometour folgt im neuen Jahr.)

b)

Oder wir würden heute weiterhin zusammen leicht verunsichert und/oder angesäuert vor uns hin stagnieren und das Beste daraus machen. Seien wir ehrlich. Das wäre der wahrscheinliche Ausgang gewesen.

Also, mein Lieber: Danke für alles! Ich habe es verdient. :)


NH

*Flexen – angeben

*WEG – Wohnungseigentümer*innengemeinschaft

Donnerstag, 25. Juli 2024

Follow me around 60: Nach Hause

"Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube gewesen."
Henrik Ibsen (Nora oder Ein Puppenheim)

"Nach Hause telefonieren." E.T.





Ich würde in der letzten Zeit wieder nachts oft gern jemanden anrufen. Ich wüsste aber noch immer nicht, wo ich anrufen soll. So hilfreich die Telefonseelsorge vor einem Jahr noch war, so wenig kann sie jetzt für mich tun. Der Vibe ist nicht mehr danach. Dank unseres Clubs, Zeit, Sertralin und ein paar kurzen Monaten der Ablenkung durch einen Beziehungsversuch, der sich vom wundersamen Höhen- schneller in einen Sturzflug verwandelte, als ich mit den Augen rollen konnte, bin ich nicht mehr zutiefst verzweifelt - sondern nur so verzweifelt, wie sonst ohnehin auch. Das Leben ist sinnlos, und das ist ein ewiges Ärgernis für mich. Seit meiner Kindheit weiß ich es und seitdem knabbere ich daran, dass offenbar niemand um mich herum das auch so sieht. 

Seit meiner Kindheit versuche ich auch, endlich nach Hause zu kommen. Ich berichtete und berichtete und berichtete. Und seit ich dieses Blog vor über einem Jahrzehnt zur Anti-Diät-Zone umgebaut habe, erzähle ich hier von der scheinbar aussichtslosen Suche, die nach der fürchterlichen Unterbrechung durch den Tod meiner Mutter einfach mit unverminderter Sehnsucht und Orientierungslosigkeit weiterging. Das weiß ich, weil ich vor ein paar Tagen in meinen alten Blogposts gebrowst habe. So, wie beim Blick in alte Tagebücher, steht das ewig trübe, sumpfige Ungemach im Grunde unveränderlich Jahr für Jahr und ich finde den Stöpsel nicht, um die Soße abzulassen und auf den Grund zu blicken. Das Blog und die Tagebücher beweisen, dass ich für immer auf der Stelle zu trete, aber mich zumindest für immer an eben dieser Stelle über Wasser halte - verbissen trotz schwindender Hoffnung.

Fast tut es mir leid, meine Leser*innen beständig mit den selben Nörgeleien vollgetextet zu haben. Das Ausmaß war mir gar nicht so bewusst. In den letzten zehn Jahren hat sich nichts verändert. Obwohl ich täglich daran arbeite. Eigentlich ist das eher zum Lachen. Nichts ändert sich jemals wirklich.  

Wo wäre zuhause? 

Es ist in meinem Fall und meiner Vorstellung in der Tat ein physischer Ort. Mit freistehenden Wänden und genug Abstand zwischen mir und den Nachbar*innen. Mit einem Zaun. So hoch wie möglich. Mit Sicherheit und Frieden und Ruhe. Ich liebe Häuser. Ich liebe Puppenhäuser, Ich liebe bekanntlich Bilderbücher mit Mäusewohnungen in Baumstämmen und chaotischen Hexenhäusern. Ich liebe es, durch die Gegend zu fahren oder zu laufen und Häuser anzusehen. Ich kann mir stundenlang Häuser ansehen und im Geiste automatisch Kurzgeschichten über ihre Bewohner*innen aufploppen lassen.

Meine Kindheit hat maßgeblich in einem Haus mit Garten stattgefunden. Aber das Haus hat das alles, Ruhe Frieden und Sicherheit, trotzdem nie hergegeben. Eine Kindheit mit meinen Eltern war eine psychisch höchst unsichere Sache. Ausbrüche, Unberechenbarkeit, Ungerechtigkeiten, physische Bedrohung, die sich nicht wirklich manifestierte, aber sich zu regelmäßigem Terror verstetigte, Alkoholsucht, Depression, Desinteresse und gleichzeitige symbiotische Vereinnahmung standen immer ausgeprägten Privilegien, Toleranz, Werten, Freiheit, Bücherwänden und Humor gegenüber. Meine Eltern waren beides: Monster und irgendwie auch toll. Das geht. Und das ist besser, als vieles Andere, was auch möglich ist. Aber sie haben mich zurückgelassen mit der Suche nach dem Zuhause, das nicht zutiefst ambivalent ist. Wie bei der Katze mit Hut, würde ich das Haus meiner Kindheit gern "glücklichwohnen" dürfen. Aber natürlich hatten es meine Eltern nur gemietet. Ich weiß, da sind viele von uns auf der Suche nach dem seelischen Heimweg. Es ist mir, wie bei allem, klar, dass keine Erfahrung, die wir im Leben machen, einzigartig ist. 

Die Vorstellung, dass das Zuhause kein Ort, sondern ein Mensch sein könnte, hat sich im letzten Jahrzehnt immer weiter zerfasert. Menschen kommen in meiner Idee von einem sicheren Zuhause nur noch am Rande vor. Vor gut einem Jahr dachte ich, ich sterbe an dem Kummer des Verlassenwerdens. Der war auch deshalb so groß, weil ich selbstverständlich ebenfalls in der Beziehung auf ein Zuhause hingearbeitet hatte. So wie mein ganzes Leben lang. Und diese Arbeit hatte ich in eben jener Phase meines Lebens eng an die Gegenwart meines Ex-Partners geknüpft. Aus heutiger Sicht war das womöglich blöd. Aber ich mag es doch nicht so recht als blöd bezeichnen. Es war damals folgerichtig, sich mit meinem ehemaligen Partner auf der Reise zusammenzutun, weil das Versprechen so leuchtend und groß war und die Reise allein so aussichtslos und beschwerlich. Aber mein Reisebegleiter war schnell überfordert und hatte die Überforderung dann bekanntlich nach sechseinhalb Jahren satt.

Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns mit großer Freude von Makler*innen Häuser weit auf dem Land zeigen lassen. Ich dachte, wir hätten beide vor, eins zu kaufen und war bereit, im Wendland auf 200 renovierungsbedürftigen Quadratmetern im Team mit ihm ganz neu anzufangen. Ob er je den selben Plan hatte, wird ewig ein Mysterium bleiben. Jedenfalls zerschellte das Vorhaben lange vor unserer Trennung an Sprachlosigkeit und seinen weltlichen Schwierigkeiten.








Dafür hat mir der Ex zu einem unserer Weihnachtsfeste tatsächlich ein Haus gebaut, s.o.. Das Puppenheim blieb allerdings immer ein etwas wackeliger Rohbau, an dem frau sich leicht einen Splitter einfangen konnte. Sein Bau wurde auf experimenteller Ebene als Vorschlag begonnen und danach niemals weiterverfolg. Und damit war es als Symbol für unsere Pläne hochkonsequent. In meiner Wohnung verbreitete es als grimmiger Fremdkörper zuletzt nur noch den traurigen Dunst des erneuten Scheiterns. Und so habe ich mich vor ein paar Wochen davon befreit.





Mein neuester Vorstoß, nach Hause zu gelangen, hängt derzeit vom Wohnungsverkauf ab. Ich brauche das Geld aus dem Wohnungsverkauf, um allein (nicht ganz so weit) auf das Land zu ziehen. Meine Wohnung will aber seit Monaten niemand kaufen. Wenn ich an Zeichen glauben würde, müsste ich mich wohl langsam dafür entscheiden, doch in dieser Wohnung auszuharren. Es bleibt dabei: Es ist nie etwas einfach. 

Ach, und noch ein paar Durchsagen:

Der Club der dicken Damen trifft sich weiterhin regelmäßig. Unser Motto ist noch immer: Und Wie geht es dir so? Das nächste Treffen ist am Sonntag, dem 04.08.2024 um 17.30 Uhr über Skype. Jede*r kann sich anmelden unter office(at)nicola-hinz.com.

Noch gebe ich ja trotz allem nicht so recht auf, meinen Menschen zu finden. Wenn jemand mich heiraten (oder mit mir die NordArt in Büdelsdorf besuchen will) - mein Profilname bei Finya lautet übrigens Katzundbuch.

Sollte außerdem eine*r auf der Suche nach einer Eigentumswohnung (im Auto 30 Minuten vom Stadtzentrum Hamburgs entfernt und direkt am Sachsenwald liegend) sein - ich habe da zufällig eine zu verkaufen. Spread the word.

Und schließlich - wenn ihr ihn noch nicht kennt: HeyWolfie ist ein sehr sympathischer und sehr gründlicher antifaschistischer Kommentar-Channel für Gesellschaftliches, Politik und Medien bei YouTube, der es dringend verdient zu wachsen. Es war mir irgendwie ein Bedürfnis, ihn hier weiterzuempfehlen. :)


NH

Montag, 24. Juni 2024

Ausgelesen: Unkaputtbar von Nicole Jäger

Die Frage ist ja immer, was frau der Frau Jäger eigentlich glauben kann. Denn sie hat die Eigenschaft, über angeblich selbst gemachte Erfahrungen so zu schreiben, als habe sie keinen blassen Schimmer, wie sich diese für sie angefühlt haben, bzw. wie ihre Manifestation in der persönlichen Realität ausgesehen hat. Dafür gibt es zwei Antworten: 1. Sie ist eine richtig schlechte Schriftstellerin und kann Erlebtes halt nicht plausibel darstellen. Oder 2. Sie hat das, worüber sie schreibt, nicht wirklich erlebt. Es könnte sich natürlich auch um eine kraftlose Mischung aus beidem handeln. Ich persönlich halte das sogar für ziemlich wahrscheinlich.

In ihrem letzten Buch "Unkaputtbar" (und es ist auf jeden Fall, das letzte, das ich von ihr lesen werde) treibt sie, wie vormals, eine wohlbekannte Sau durchs Dorf, von der sie und ihr Verlag annahmen, dass sie sich trotzdem noch immer ganz gut vermarkten lassen würde. Erst waren es Diäten (geht ja irgendwie immer), dann Body Positivity (da war sie eigentlich ein wenig zu spät auf der Party angekommen) und nun ist sie vorerst bei toxischen Beziehungen gelandet. Das Thema ist natürlich ein rund um die Uhr wiedergekäuter Dauerbrenner - besonders wenn es in den Beziehungen so richtig laut knallt. 

Als nächstes kommt von ihr vermutlich ein Buch über chronischen Schmerz auf den Markt. Das fühle ich irgendwie im großen Zeh. Der Boden dafür wird von der Frau Jäger jetzt schon auf sozialen Medien vorbereitet - mit dem Hashtag #Fibromyalgie. Ich könnte mich irren, aber bisher ist diese Erkrankung in keinem der langatmigen Werke der Frau Jäger je auch nur angedeutet worden. Hinzu kommt, dass in medizinischen Kreisen auch noch immer diskutiert wird, ob es sich hierbei um eine konkrete Erkrankung oder nicht vielmehr um einen individuellen Beschwerdekomplex mit einer Vielzahl von Ausprägungen und nur wenigen klinisch eindeutig zu diagnostizierenden Indikatoren handelt. Das würde sie natürlich zu einer perfekten Grundlage für eine weitere Märchenstunde machen.

Die Frau Jäger und ihre angeblich persönlichen Betroffenheiten sind wie die wirre Frau vor uns in der langen Schlange an der Supermarktkasse, die uns als Geisel nimmt und die Wartezeit nutzt, um über ihr wildes, unordentliches Leben in sprunghafter Reihenfolge zu dozieren. Eigentlich lohnt es sich nicht, zuzuhören, aber trotzdem muss frau sich zurückhalten, um nicht dauernd nachzufragen, wie das denn passiert sein soll, wenn gleichzeitig noch das und das und das passiert ist. Eine logische Reihenfolge in die Lebensstränge der Frau Jäger bringen zu wollen, ist müßig weil unmöglich. Und das ist Absicht. Denn nur im vagen Dunst kann die/der Leser*in auch nur ansatzweise auf einen passenden Holzweg geführt werden, ohne dass es bei vernunftbegabten Erwachsenen pausenlos zu fragendem Stirnrunzeln kommt. Diese Verschleierungstaktik hat sie bereits im ersten Buch mehr schlecht als recht angewendet, um Leser*innen nicht zu klar erkennen zu lassen, dass sie im Grunde keine Ahnung davon hat, wie es sich mit 340 kg lebt.

Auch in "Unkaputtbar" arbeitet sie wieder mit Auslassungen, klischeehaften Versatzstücken und verheddert sich in Ungereimtheiten, Allgemeinplätzen und verblüffenden zeitlichen Eskalationssprüngen. Die Szenen, auf die es ankäme, weil sie nämlich die Gewalt schildern, um die es gehen soll, klingen mitunter so künstlich zusammengezimmert, wie ein öffentlich-rechtlicher Vorabendkrimi. Sie lesen sich so, wie sich das eine*r ausdenkt, der/die mal wieder nicht so recht weiß, wovon er/sie redet: "Ich habe dich so sehr geliebt. Das war das Letzte, was ich hörte, ehe ich den Kampf gegen seine Hände verlor und damit mein Bewusstsein." (S. 62) Auch bemerkenswert: "Außerdem habe er mir meine Verfehlungen einmal aufgeschrieben und sie mir als Mail geschickt. Eine Excel-Datei mit Auflistungen all meiner Schwächen (...) (S. 27). Aber vielleicht lebt die Frau Jäger ja auch wirklich in einer nie endenden, mittelmäßigen Filmschulabschlussarbeit...kann ja durchaus sein.

Wohlgemerkt - das Thema ist: Häusliche Gewalt.

Womit sie sich jedoch auch in diesem Buch treu bleibt, ist die ganz und gar nicht ironische Selbstdarstellung als unschlagbarer Cis-Vamp und Penismagnet. Die Frau Jäger ist jetzt 41. Und nach wie vor will sie uns Loser*innen, die es im Leben bestenfalls auf eine Handvoll substantieller Beziehungen bringen, weismachen, dass sie in ihren relevanten Dating-Jahren nicht nur eine Ehe und eine ganze, unüberschaubare Reihe von gewalttätigen Langzeitbeziehungen untergebracht hat, sondern auch mindestens tausendfach männliches Kleinvieh: "Nicht das erste Sofa, auf dem es so ist. Nicht der erste Mann, mit dem es so ist. Die Orte wechseln, die Namen wechseln, die Teppichäquivalente wechseln, nur die Situationen wiederholen sich wie die schlechteste Version von "Und täglich grüßt das Murmeltier"." (S. 27) Dumm nur, dass sie offenbar wirklich bis zuletzt nichts am Fließband der flüchtigen Männlichkeit gelernt hat: "Männer stehen in meiner Welt für Kraft im positivsten Sinne. Für Schutz. Für Stärke. Für Sicherheit und Halt." (S. 61)

Warum ist ihr das so wichtig, dass wir die Sache mit den Horden von Männern glauben? Na, weil sie trotz aller öffentlich demonstrierter Verletzlichkeit supertoll ist. Viel toller, als wir anderen alle zusammen. Und toll ist in der Welt der Frau Jäger stets diejenige, die am meisten männliche Aufmerksamkeit abbekommt. Das gilt ganz offenkundig sogar für ambivalente und negative Aufmerksamkeit. Selbst mit der wird geprahlt und der Kummer, der dadurch entsteht, wird mal wieder (siehe oben) nach Art eines Film Noir für Arme romantisiert und mit einem zutiefst spießigen Versuch, im Damenklo eines Nachtclubs verheulte Hipster-Melancholie heraufzubeschwören, verharmlost: "Der unwirklichste Ort der Welt ist das Klo in einem Club um drei Uhr morgens. Wenn einem der eigene Kopf vorkommt wie ein gut geschüttelter Cocktail aus gebrüllten Gesprächen (...) und den Dramen einer durchzechten Nacht (...) (S. 31ff).

Und ich kann mir nicht helfen. Ich finde, das ist unappetitlich und im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt unangemessen.

Nein, ich besitze keinen Freifahrtschein, über Dicke herzuziehen, weil ich selbst dick bin. Und NEIN, ich sollte auch kein klischeedurchweichtes und in Teilen regelrecht kitschiges Buch über Gewalterfahrungen in Beziehungen schreiben, bloß weil ich sie (vielleicht) gemacht habe. Nicht, wenn ich anderen Betroffenen damit wirklich beistehen will. Dazu bräuchte es ein anderes, ein entschlossenes und solidarisches Buch.

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage, wie es einer so großartigen und toughen Frau wie der Frau Jäger überhaupt passieren konnte, in einer Beziehung über längere Zeit Missbrauch zu erfahren. Damit arbeitet sich die Autorin erwartungsgemäß vorrangig am Unvermögen des Opfers und nicht an den Defiziten der Täter ab: 
"Ich habe mich immer gefragt, was das wohl für Frauen sind (...)" (S. 53)
"Ich, die immer dachte, mir könne so was ja nicht passieren." (S. 54) 
"Warum bin ich also nicht einfach gegangen?" (S.102)
"Ich wusste nicht, dass er mich misshandelt." (S. 105)
"Ich habe mich niemals zuvor als Opfer gefühlt. Keinen einzigen Tag lang." (S. 107)
"Ich passe nicht zum Klischeebild einer Frau, die zum Opfer Häuslicher Gewalt wird." (S. 109)
"Ich lebe nicht in einem Umfeld, in dem diese Form von Missbrauch vermutet wird." (S. 109)
Und so wird der Blick konsequent vom Täterverhalten und dessen Ursprung bzw. Verwerflichkeit abgewandt - einer der Täter kriegt am Ende sogar noch einen Liebesbrief zum Abschied. Ja, ungelogen. Im selben Buch: "(...) und bitte wisse, ich liebe dich sehr." (S. 185)
Wieso sie nicht versteht, DASS ihr passieren kann, was ihr nach eigener Schilderung seit gut 20 Jahren immer wieder passiert, bleibt schleierhaft: "Die Frage, wie es zu all diesen (...) toxischen Beziehungen (...) kommen konnte, ist also nur ein Aspekt meines Weges." (S.150) Dass sie sich selbst hier und da eine Portion Mitschuld rüberschiebt, überrascht hingegen nicht mehr: "Mich macht Liebe nicht blind, sie macht mich ans Debile grenzend dumm." (S. 75). Dass sie eine Vergewaltigung schildert, aber nicht als eine solche benennt, ist schließlich regelrecht verstörend: "Es war schmerzhaft, aber es hat mich nicht kaputtgemacht. Das war's." (S.107)

Das Problem ist, dass die Frau Jäger mit ihren unehrlichen und anti-feministischen Produkten Schaden anrichtet. Auch und gerade bei denen, die ihr ausgerechnet Geld dafür geben, sich gesehen und verstanden zu fühlen. Ein Publikum, das sich z.B. selbst traditionell hasst, weil es aus Frauen besteht, die sich zu dick finden, bezahlt offenbar gern dafür, verunglimpft zu werden. Die Frau Jäger ist nie eine Freundin - sie reißt sich eine menschliche Unbill nach der anderen unter den Nagel, um damit Aufmerksamkeit und im Nachgang wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Innerhalb dieses Vorganges saugt sie ihren Themen Glaubwürdigkeit und Bedeutung aus. In ihrer Selbstbespiegelung bietet sie keine Hilfe, sondern lediglich eitle Held*innensagen, in denen sie mit ihren "Schwächen" nur kokettiert. Wie eine volkstümelnde Politikerin auf dem Schützenfest tut sie so, als wäre sie eine von ihren Zuschauer*innen oder Leser*innen und verspürt offenbar gleichzeitig den Drang, immer wieder Zeichen zu setzen, die klarmachen, dass sie zumindest inständig hofft, mit diesem wenig glamourösen Haufen nicht wirklich allzu viel gemeinsam zu haben. Sie ist ja im Fernsehen, gibt Interviews, schreibt Bestseller, bekommt stehende Ovationen, hat ein Haus in einer teuren Gegend mit einem teuren Sicherheitssystem, Termine mit ihrer Lektorin und ein Einkommen, das so hoch ist, dass es wohl zumindest einen ihrer fünf Millionen Lebenspartner komplett verunsichert hat. Obwohl der angeblich selbst reich und erfolgreich war...aber vielleicht komme ich auch einfach nicht mehr hinterher bei all den Schilderungen über Status und Grandiosität. Von Frau Jäger über Frau Jäger. Wenn es einer wie ihr passiert ist, kann es jeder passieren, in einer Beziehung angeschrien, bedroht, gewürgt und gedemütigt zu werden. Und mit dieser Nachricht fühlen wir uns doch auch gleich alle viel besser, oder?

Wer wissen will, für wie viel wertvoller als alle anderen sich die Frau Jäger hält, kann sich die unsägliche Danksagung an die angeblich beste Freundin zu Gemüte führen und dabei das Bild einer eilfertigen Gesellschafterin vor dem inneren Auge aushalten. Der Dank an die Lektorin - bei all den inhaltlichen und wortwörtlichen Wiederholungen, den fehlenden Satzzeichen sowie den Sturzbächen aus selbstbeweihräucherndem Schnulz und Schmalz - ein Witz. Ja, auch sprachlich ist das Buch unerträglich. 

NH