Donnerstag, 25. Juli 2024

Follow me around 60: Nach Hause

"Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube gewesen."
Henrik Ibsen (Nora oder Ein Puppenheim)

"Nach Hause telefonieren." E.T.





Ich würde in der letzten Zeit wieder nachts oft gern jemanden anrufen. Ich wüsste aber noch immer nicht, wo ich anrufen soll. So hilfreich die Telefonseelsorge vor einem Jahr noch war, so wenig kann sie jetzt für mich tun. Der Vibe ist nicht mehr danach. Dank unseres Clubs, Zeit, Sertralin und ein paar kurzen Monaten der Ablenkung durch einen Beziehungsversuch, der sich vom wundersamen Höhen- schneller in einen Sturzflug verwandelte, als ich mit den Augen rollen konnte, bin ich nicht mehr zutiefst verzweifelt - sondern nur so verzweifelt, wie sonst ohnehin auch. Das Leben ist sinnlos, und das ist ein ewiges Ärgernis für mich. Seit meiner Kindheit weiß ich es und seitdem knabbere ich daran, dass offenbar niemand um mich herum das auch so sieht. 

Seit meiner Kindheit versuche ich auch, endlich nach Hause zu kommen. Ich berichtete und berichtete und berichtete. Und seit ich dieses Blog vor über einem Jahrzehnt zur Anti-Diät-Zone umgebaut habe, erzähle ich hier von der scheinbar aussichtslosen Suche, die nach der fürchterlichen Unterbrechung durch den Tod meiner Mutter einfach mit unverminderter Sehnsucht und Orientierungslosigkeit weiterging. Das weiß ich, weil ich vor ein paar Tagen in meinen alten Blogposts gebrowst habe. So, wie beim Blick in alte Tagebücher, steht das ewig trübe, sumpfige Ungemach im Grunde unveränderlich Jahr für Jahr und ich finde den Stöpsel nicht, um die Soße abzulassen und auf den Grund zu blicken. Das Blog und die Tagebücher beweisen, dass ich für immer auf der Stelle zu trete, aber mich zumindest für immer an eben dieser Stelle über Wasser halte - verbissen trotz schwindender Hoffnung.

Fast tut es mir leid, meine Leser*innen beständig mit den selben Nörgeleien vollgetextet zu haben. Das Ausmaß war mir gar nicht so bewusst. In den letzten zehn Jahren hat sich nichts verändert. Obwohl ich täglich daran arbeite. Eigentlich ist das eher zum Lachen. Nichts ändert sich jemals wirklich.  

Wo wäre zuhause? 

Es ist in meinem Fall und meiner Vorstellung in der Tat ein physischer Ort. Mit freistehenden Wänden und genug Abstand zwischen mir und den Nachbar*innen. Mit einem Zaun. So hoch wie möglich. Mit Sicherheit und Frieden und Ruhe. Ich liebe Häuser. Ich liebe Puppenhäuser, Ich liebe bekanntlich Bilderbücher mit Mäusewohnungen in Baumstämmen und chaotischen Hexenhäusern. Ich liebe es, durch die Gegend zu fahren oder zu laufen und Häuser anzusehen. Ich kann mir stundenlang Häuser ansehen und im Geiste automatisch Kurzgeschichten über ihre Bewohner*innen aufploppen lassen.

Meine Kindheit hat maßgeblich in einem Haus mit Garten stattgefunden. Aber das Haus hat das alles, Ruhe Frieden und Sicherheit, trotzdem nie hergegeben. Eine Kindheit mit meinen Eltern war eine psychisch höchst unsichere Sache. Ausbrüche, Unberechenbarkeit, Ungerechtigkeiten, physische Bedrohung, die sich nicht wirklich manifestierte, aber sich zu regelmäßigem Terror verstetigte, Alkoholsucht, Depression, Desinteresse und gleichzeitige symbiotische Vereinnahmung standen immer ausgeprägten Privilegien, Toleranz, Werten, Freiheit, Bücherwänden und Humor gegenüber. Meine Eltern waren beides: Monster und irgendwie auch toll. Das geht. Und das ist besser, als vieles Andere, was auch möglich ist. Aber sie haben mich zurückgelassen mit der Suche nach dem Zuhause, das nicht zutiefst ambivalent ist. Wie bei der Katze mit Hut, würde ich das Haus meiner Kindheit gern "glücklichwohnen" dürfen. Aber natürlich hatten es meine Eltern nur gemietet. Ich weiß, da sind viele von uns auf der Suche nach dem seelischen Heimweg. Es ist mir, wie bei allem, klar, dass keine Erfahrung, die wir im Leben machen, einzigartig ist. 

Die Vorstellung, dass das Zuhause kein Ort, sondern ein Mensch sein könnte, hat sich im letzten Jahrzehnt immer weiter zerfasert. Menschen kommen in meiner Idee von einem sicheren Zuhause nur noch am Rande vor. Vor gut einem Jahr dachte ich, ich sterbe an dem Kummer des Verlassenwerdens. Der war auch deshalb so groß, weil ich selbstverständlich ebenfalls in der Beziehung auf ein Zuhause hingearbeitet hatte. So wie mein ganzes Leben lang. Und diese Arbeit hatte ich in eben jener Phase meines Lebens eng an die Gegenwart meines Ex-Partners geknüpft. Aus heutiger Sicht war das womöglich blöd. Aber ich mag es doch nicht so recht als blöd bezeichnen. Es war damals folgerichtig, sich mit meinem ehemaligen Partner auf der Reise zusammenzutun, weil das Versprechen so leuchtend und groß war und die Reise allein so aussichtslos und beschwerlich. Aber mein Reisebegleiter war schnell überfordert und hatte die Überforderung dann bekanntlich nach sechseinhalb Jahren satt.

Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns mit großer Freude von Makler*innen Häuser weit auf dem Land zeigen lassen. Ich dachte, wir hätten beide vor, eins zu kaufen und war bereit, im Wendland auf 200 renovierungsbedürftigen Quadratmetern im Team mit ihm ganz neu anzufangen. Ob er je den selben Plan hatte, wird ewig ein Mysterium bleiben. Jedenfalls zerschellte das Vorhaben lange vor unserer Trennung an Sprachlosigkeit und seinen weltlichen Schwierigkeiten.








Dafür hat mir der Ex zu einem unserer Weihnachtsfeste tatsächlich ein Haus gebaut, s.o.. Das Puppenheim blieb allerdings immer ein etwas wackeliger Rohbau, an dem frau sich leicht einen Splitter einfangen konnte. Sein Bau wurde auf experimenteller Ebene als Vorschlag begonnen und danach niemals weiterverfolg. Und damit war es als Symbol für unsere Pläne hochkonsequent. In meiner Wohnung verbreitete es als grimmiger Fremdkörper zuletzt nur noch den traurigen Dunst des erneuten Scheiterns. Und so habe ich mich vor ein paar Wochen davon befreit.





Mein neuester Vorstoß, nach Hause zu gelangen, hängt derzeit vom Wohnungsverkauf ab. Ich brauche das Geld aus dem Wohnungsverkauf, um allein (nicht ganz so weit) auf das Land zu ziehen. Meine Wohnung will aber seit Monaten niemand kaufen. Wenn ich an Zeichen glauben würde, müsste ich mich wohl langsam dafür entscheiden, doch in dieser Wohnung auszuharren. Es bleibt dabei: Es ist nie etwas einfach. 

Ach, und noch ein paar Durchsagen:

Der Club der dicken Damen trifft sich weiterhin regelmäßig. Unser Motto ist noch immer: Und Wie geht es dir so? Das nächste Treffen ist am Sonntag, dem 04.08.2024 um 17.30 Uhr über Skype. Jede*r kann sich anmelden unter office(at)nicola-hinz.com.

Noch gebe ich ja trotz allem nicht so recht auf, meinen Menschen zu finden. Wenn jemand mich heiraten (oder mit mir die NordArt in Büdelsdorf besuchen will) - mein Profilname bei Finya lautet übrigens Katzundbuch.

Sollte außerdem eine*r auf der Suche nach einer Eigentumswohnung (im Auto 30 Minuten vom Stadtzentrum Hamburgs entfernt und direkt am Sachsenwald liegend) sein - ich habe da zufällig eine zu verkaufen. Spread the word.

Und schließlich - wenn ihr ihn noch nicht kennt: HeyWolfie ist ein sehr sympathischer und sehr gründlicher antifaschistischer Kommentar-Channel für Gesellschaftliches, Politik und Medien bei YouTube, der es dringend verdient zu wachsen. Es war mir irgendwie ein Bedürfnis, ihn hier weiterzuempfehlen. :)


NH

Montag, 24. Juni 2024

Ausgelesen: Unkaputtbar von Nicole Jäger

Die Frage ist ja immer, was frau der Frau Jäger eigentlich glauben kann. Denn sie hat die Eigenschaft, über angeblich selbst gemachte Erfahrungen so zu schreiben, als habe sie keinen blassen Schimmer, wie sich diese für sie angefühlt haben, bzw. wie ihre Manifestation in der persönlichen Realität ausgesehen hat. Dafür gibt es zwei Antworten: 1. Sie ist eine richtig schlechte Schriftstellerin und kann Erlebtes halt nicht plausibel darstellen. Oder 2. Sie hat das, worüber sie schreibt, nicht wirklich erlebt. Es könnte sich natürlich auch um eine kraftlose Mischung aus beidem handeln. Ich persönlich halte das sogar für ziemlich wahrscheinlich.

In ihrem letzten Buch "Unkaputtbar" (und es ist auf jeden Fall, das letzte, das ich von ihr lesen werde) treibt sie, wie vormals, eine wohlbekannte Sau durchs Dorf, von der sie und ihr Verlag annahmen, dass sie sich trotzdem noch immer ganz gut vermarkten lassen würde. Erst waren es Diäten (geht ja irgendwie immer), dann Body Positivity (da war sie eigentlich ein wenig zu spät auf der Party angekommen) und nun ist sie vorerst bei toxischen Beziehungen gelandet. Das Thema ist natürlich ein rund um die Uhr wiedergekäuter Dauerbrenner - besonders wenn es in den Beziehungen so richtig laut knallt. 

Als nächstes kommt von ihr vermutlich ein Buch über chronischen Schmerz auf den Markt. Das fühle ich irgendwie im großen Zeh. Der Boden dafür wird von der Frau Jäger jetzt schon auf sozialen Medien vorbereitet - mit dem Hashtag #Fibromyalgie. Ich könnte mich irren, aber bisher ist diese Erkrankung in keinem der langatmigen Werke der Frau Jäger je auch nur angedeutet worden. Hinzu kommt, dass in medizinischen Kreisen auch noch immer diskutiert wird, ob es sich hierbei um eine konkrete Erkrankung oder nicht vielmehr um einen individuellen Beschwerdekomplex mit einer Vielzahl von Ausprägungen und nur wenigen klinisch eindeutig zu diagnostizierenden Indikatoren handelt. Das würde sie natürlich zu einer perfekten Grundlage für eine weitere Märchenstunde machen.

Die Frau Jäger und ihre angeblich persönlichen Betroffenheiten sind wie die wirre Frau vor uns in der langen Schlange an der Supermarktkasse, die uns als Geisel nimmt und die Wartezeit nutzt, um über ihr wildes, unordentliches Leben in sprunghafter Reihenfolge zu dozieren. Eigentlich lohnt es sich nicht, zuzuhören, aber trotzdem muss frau sich zurückhalten, um nicht dauernd nachzufragen, wie das denn passiert sein soll, wenn gleichzeitig noch das und das und das passiert ist. Eine logische Reihenfolge in die Lebensstränge der Frau Jäger bringen zu wollen, ist müßig weil unmöglich. Und das ist Absicht. Denn nur im vagen Dunst kann die/der Leser*in auch nur ansatzweise auf einen passenden Holzweg geführt werden, ohne dass es bei vernunftbegabten Erwachsenen pausenlos zu fragendem Stirnrunzeln kommt. Diese Verschleierungstaktik hat sie bereits im ersten Buch mehr schlecht als recht angewendet, um Leser*innen nicht zu klar erkennen zu lassen, dass sie im Grunde keine Ahnung davon hat, wie es sich mit 340 kg lebt.

Auch in "Unkaputtbar" arbeitet sie wieder mit Auslassungen, klischeehaften Versatzstücken und verheddert sich in Ungereimtheiten, Allgemeinplätzen und verblüffenden zeitlichen Eskalationssprüngen. Die Szenen, auf die es ankäme, weil sie nämlich die Gewalt schildern, um die es gehen soll, klingen mitunter so künstlich zusammengezimmert, wie ein öffentlich-rechtlicher Vorabendkrimi. Sie lesen sich so, wie sich das eine*r ausdenkt, der/die mal wieder nicht so recht weiß, wovon er/sie redet: "Ich habe dich so sehr geliebt. Das war das Letzte, was ich hörte, ehe ich den Kampf gegen seine Hände verlor und damit mein Bewusstsein." (S. 62) Auch bemerkenswert: "Außerdem habe er mir meine Verfehlungen einmal aufgeschrieben und sie mir als Mail geschickt. Eine Excel-Datei mit Auflistungen all meiner Schwächen (...) (S. 27). Aber vielleicht lebt die Frau Jäger ja auch wirklich in einer nie endenden, mittelmäßigen Filmschulabschlussarbeit...kann ja durchaus sein.

Wohlgemerkt - das Thema ist: Häusliche Gewalt.

Womit sie sich jedoch auch in diesem Buch treu bleibt, ist die ganz und gar nicht ironische Selbstdarstellung als unschlagbarer Cis-Vamp und Penismagnet. Die Frau Jäger ist jetzt 41. Und nach wie vor will sie uns Loser*innen, die es im Leben bestenfalls auf eine Handvoll substantieller Beziehungen bringen, weismachen, dass sie in ihren relevanten Dating-Jahren nicht nur eine Ehe und eine ganze, unüberschaubare Reihe von gewalttätigen Langzeitbeziehungen untergebracht hat, sondern auch mindestens tausendfach männliches Kleinvieh: "Nicht das erste Sofa, auf dem es so ist. Nicht der erste Mann, mit dem es so ist. Die Orte wechseln, die Namen wechseln, die Teppichäquivalente wechseln, nur die Situationen wiederholen sich wie die schlechteste Version von "Und täglich grüßt das Murmeltier"." (S. 27) Dumm nur, dass sie offenbar wirklich bis zuletzt nichts am Fließband der flüchtigen Männlichkeit gelernt hat: "Männer stehen in meiner Welt für Kraft im positivsten Sinne. Für Schutz. Für Stärke. Für Sicherheit und Halt." (S. 61)

Warum ist ihr das so wichtig, dass wir die Sache mit den Horden von Männern glauben? Na, weil sie trotz aller öffentlich demonstrierter Verletzlichkeit supertoll ist. Viel toller, als wir anderen alle zusammen. Und toll ist in der Welt der Frau Jäger stets diejenige, die am meisten männliche Aufmerksamkeit abbekommt. Das gilt ganz offenkundig sogar für ambivalente und negative Aufmerksamkeit. Selbst mit der wird geprahlt und der Kummer, der dadurch entsteht, wird mal wieder (siehe oben) nach Art eines Film Noir für Arme romantisiert und mit einem zutiefst spießigen Versuch, im Damenklo eines Nachtclubs verheulte Hipster-Melancholie heraufzubeschwören, verharmlost: "Der unwirklichste Ort der Welt ist das Klo in einem Club um drei Uhr morgens. Wenn einem der eigene Kopf vorkommt wie ein gut geschüttelter Cocktail aus gebrüllten Gesprächen (...) und den Dramen einer durchzechten Nacht (...) (S. 31ff).

Und ich kann mir nicht helfen. Ich finde, das ist unappetitlich und im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt unangemessen.

Nein, ich besitze keinen Freifahrtschein, über Dicke herzuziehen, weil ich selbst dick bin. Und NEIN, ich sollte auch kein klischeedurchweichtes und in Teilen regelrecht kitschiges Buch über Gewalterfahrungen in Beziehungen schreiben, bloß weil ich sie (vielleicht) gemacht habe. Nicht, wenn ich anderen Betroffenen damit wirklich beistehen will. Dazu bräuchte es ein anderes, ein entschlossenes und solidarisches Buch.

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage, wie es einer so großartigen und toughen Frau wie der Frau Jäger überhaupt passieren konnte, in einer Beziehung über längere Zeit Missbrauch zu erfahren. Damit arbeitet sich die Autorin erwartungsgemäß vorrangig am Unvermögen des Opfers und nicht an den Defiziten der Täter ab: 
"Ich habe mich immer gefragt, was das wohl für Frauen sind (...)" (S. 53)
"Ich, die immer dachte, mir könne so was ja nicht passieren." (S. 54) 
"Warum bin ich also nicht einfach gegangen?" (S.102)
"Ich wusste nicht, dass er mich misshandelt." (S. 105)
"Ich habe mich niemals zuvor als Opfer gefühlt. Keinen einzigen Tag lang." (S. 107)
"Ich passe nicht zum Klischeebild einer Frau, die zum Opfer Häuslicher Gewalt wird." (S. 109)
"Ich lebe nicht in einem Umfeld, in dem diese Form von Missbrauch vermutet wird." (S. 109)
Und so wird der Blick konsequent vom Täterverhalten und dessen Ursprung bzw. Verwerflichkeit abgewandt - einer der Täter kriegt am Ende sogar noch einen Liebesbrief zum Abschied. Ja, ungelogen. Im selben Buch: "(...) und bitte wisse, ich liebe dich sehr." (S. 185)
Wieso sie nicht versteht, DASS ihr passieren kann, was ihr nach eigener Schilderung seit gut 20 Jahren immer wieder passiert, bleibt schleierhaft: "Die Frage, wie es zu all diesen (...) toxischen Beziehungen (...) kommen konnte, ist also nur ein Aspekt meines Weges." (S.150) Dass sie sich selbst hier und da eine Portion Mitschuld rüberschiebt, überrascht hingegen nicht mehr: "Mich macht Liebe nicht blind, sie macht mich ans Debile grenzend dumm." (S. 75). Dass sie eine Vergewaltigung schildert, aber nicht als eine solche benennt, ist schließlich regelrecht verstörend: "Es war schmerzhaft, aber es hat mich nicht kaputtgemacht. Das war's." (S.107)

Das Problem ist, dass die Frau Jäger mit ihren unehrlichen und anti-feministischen Produkten Schaden anrichtet. Auch und gerade bei denen, die ihr ausgerechnet Geld dafür geben, sich gesehen und verstanden zu fühlen. Ein Publikum, das sich z.B. selbst traditionell hasst, weil es aus Frauen besteht, die sich zu dick finden, bezahlt offenbar gern dafür, verunglimpft zu werden. Die Frau Jäger ist nie eine Freundin - sie reißt sich eine menschliche Unbill nach der anderen unter den Nagel, um damit Aufmerksamkeit und im Nachgang wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Innerhalb dieses Vorganges saugt sie ihren Themen Glaubwürdigkeit und Bedeutung aus. In ihrer Selbstbespiegelung bietet sie keine Hilfe, sondern lediglich eitle Held*innensagen, in denen sie mit ihren "Schwächen" nur kokettiert. Wie eine volkstümelnde Politikerin auf dem Schützenfest tut sie so, als wäre sie eine von ihren Zuschauer*innen oder Leser*innen und verspürt offenbar gleichzeitig den Drang, immer wieder Zeichen zu setzen, die klarmachen, dass sie zumindest inständig hofft, mit diesem wenig glamourösen Haufen nicht wirklich allzu viel gemeinsam zu haben. Sie ist ja im Fernsehen, gibt Interviews, schreibt Bestseller, bekommt stehende Ovationen, hat ein Haus in einer teuren Gegend mit einem teuren Sicherheitssystem, Termine mit ihrer Lektorin und ein Einkommen, das so hoch ist, dass es wohl zumindest einen ihrer fünf Millionen Lebenspartner komplett verunsichert hat. Obwohl der angeblich selbst reich und erfolgreich war...aber vielleicht komme ich auch einfach nicht mehr hinterher bei all den Schilderungen über Status und Grandiosität. Von Frau Jäger über Frau Jäger. Wenn es einer wie ihr passiert ist, kann es jeder passieren, in einer Beziehung angeschrien, bedroht, gewürgt und gedemütigt zu werden. Und mit dieser Nachricht fühlen wir uns doch auch gleich alle viel besser, oder?

Wer wissen will, für wie viel wertvoller als alle anderen sich die Frau Jäger hält, kann sich die unsägliche Danksagung an die angeblich beste Freundin zu Gemüte führen und dabei das Bild einer eilfertigen Gesellschafterin vor dem inneren Auge aushalten. Der Dank an die Lektorin - bei all den inhaltlichen und wortwörtlichen Wiederholungen, den fehlenden Satzzeichen sowie den Sturzbächen aus selbstbeweihräucherndem Schnulz und Schmalz - ein Witz. Ja, auch sprachlich ist das Buch unerträglich. 

NH

Freitag, 23. Februar 2024

Aus dem Nähkästchen: Beziehungstipps


Der mehrstufige, aufklappbaren Nähkasten, dessen Inhalt ich fotografiert habe, war ein Weihnachtsgeschenk. Ich habe ihn auf einem Weihnachtsmarkt an einem Stand für Antiquitäten gesehen und ihn mir gewünscht. Er war voll mit Utensilien, so wie der Nähkorb meiner Mutter, den ich auch noch immer besitze - zusammen mit ihren Garnspulen, die in einem transparenten, länglichen Plastikbehälter sorgfältig farblich sortiert auf kleinen Plastikstäbchen sitzen, wie in einem Bus. 

Nähkästen sind Frauengeschichte. Sie sind Wahrzeichen für die Sorge der Hüterin des Hauses für die Menschen und Dinge, die sich darin befinden. Es wird repariert, gepflegt, verwandelt und vor allem zusammengehalten. Es entsteht Neues. Manchmal aus Altem. Die Grundlegenden Dinge des Lebens werden von ihr im Fluss gehalten. Der Nähkasten markierte den Bereich ihrer Verantwortung und ihres Wirkens, aber auch die bis heute vorhandene Einschränkung. Denn natürlich steht der Nähkasten auch für erzwungene Häuslichkeit und unterschätzte bzw. missachtete Leistung und Wirkung - und für das spezifische Wissen, das aus einer solch eingeschränkten, weiblichen Existenz erwächst.



Ich bekam also den Kasten zu Weihnachten mit Inhalt und wartete dann Monate, um ihn zu öffnen und die Alltagsschätze meiner Vorbesitzerin zu sichten. Ich wartete auf den richtigen Moment, so als würde sich mit ihm womöglich ein größeres, umfassenderes Geheimnis eröffnen. Dafür würde ich Zeit und angemessene Ruhe und Aufmerksamkeit brauchen. So bewegt ich schließlich davon war, diesen kleinen persönlichen Einblick in das Leben einer Unbekannten zu bekommen, so war das Gefühl der Verbindung bzw. die zwischen den Knöpfen und Nadeln konservierte Weisheit nicht annähernd so stark wie gehofft. Und zwei Tage später beendete mein Ex unsere Beziehung.

Das Wissen anderer Frauen

Ich quäle mich gerade durch Nicole Jägers letztes Werk "Unkaputtbar". Erstens sind toxische Beziehungen seit geraumer Zeit mein Lebensthema - länger, als mir bewusst war. Und zweitens dachte ich mir, dass, wenn die Frau Jäger aus ihren vergangenen Liebschaften einen ganzen Ratgeber machen kann, dann kann ich zumindest einen Blogpost dabei rausholen. Natürlich ist es der Frau Jäger nur gelungen, ein dickes Buch zu schreiben, weil sie, wie bei jeder ihrer Veröffentlichungen, immer und immer wieder den gleichen Inhalt wiederkäut. Aber dazu mehr in der Rezension des Buches, die, hoffentlich, irgendwann zeitnah folgt.

Nachdem ich vor ein paar Monaten nach sechseinhalb Jahren verlassen und dadurch in das tiefste und schwärzeste Loch meines Lebens geschubst worden bin (und regelmäßige Leser*innen wissen, dass ich mit mich Depression und Unzufriedenheit Zeit meines Lebens schon immer ganz gut ausgekannt habe), kann ich rückblickend von festen Verbindungen mit Männern eigentlich ohnehin nur abraten. Wie gesagt: Vier maßgebliche gescheiterte Beziehungen (von kurzen Episoden und Dates ist hier natürlich nicht die Rede) liegen hinter mir. Das ist gut eine pro Jahrzehnt meines Erwachsenenlebens und mag für manche noch überschaubar erscheinen. Für mich war es mit meiner Verlustangst und meinen Ansprüchen an einen Partner auf jeden Fall zu guter Letzt nicht mehr so richtig verkraftbar.

Meiner Erfahrung nach ist der Preis, der hinterher und im Verlauf vermutlich gezahlt wird, ohnehin immer - ja wirklich immer - viel zu hoch, für das, was am Ende bleibt - selbst dann, wenn das Ganze nicht mit einem riesigen Getöse und Geheule in die Brüche geht, sondern sich immer weiter zieht, bis es gnädig versandet. Das will natürlich nicht jede*r hören. Ich eigentlich auch nicht, aber sei es drum.

Insbesondere zu den frühen Warnzeichen der ersten Tage, Wochen und Monate in der Beziehung mit einem Mann kann ich Folgendes zur Unterhaltung beitragen:

1. Du stehst zum ersten Mal in seiner Wohnung und er erzählt dir umgeben von Müll und Gerümpel, er sei nur nach seinem Einzug noch nicht zum Aufräumen gekommen, obwohl du ja nicht blöd bist und sehr wohl weißt, dass du dich in einer Messie-Wohnung befindest. Entweder du nimmst jetzt die Füße in die Hand, oder aber gibst den Wunsch nach einer gemeinsam komfortabel bewohnbaren Wohnung am besten gleich an der Tür ab. Lügen und Gerümpel sind eine richtig schlechte Basis für eine gemeinsame Zukunft.

2. Es befindet sich kein Buch in der Wohnung. So oder so ein schlechtes Zeichen. Auf Nachfrage erfährst du, dass er die Bücher, die er angeblich schon liest, im Keller lagert, weil sie die Optik stören. Auch hier stellt sich die Frage nach den Zukunftsplänen. Natürlich muss frau die gar nicht erst haben - dann ist sie fein raus.



3. Ein weiteres frühes Warnsignal ist, wenn bereits kurz nach dem offiziellen Start der Beziehung grundlegende Hygiene zum wiederkehrenden Problem wird. Schlechter Atem, Schweißgeruch, dreckige Fingernägel, usw. gab es vor dir auch schon, und es fehlt ihm der Drive (und der Respekt), über die Honeymoon-Phase hinaus normale Pflegerituale aufrechtzuerhalten und sich regelmäßig was Sauberes anzuziehen. Darum also der Rückfall in die alte Normalität. Grundsatzgespräche über Körperpflege werden ein ständig notwendiges Ereignis sein. Wenn du das nicht willst, zieh die Reißleine lieber gleich.

4. Erst soll alles ganz schnell gehen. Wohnungsschlüssel werden sofort ausgetauscht, Heiratspläne bereits nach Wochen geschmiedet (fast wird schon der Tanzkurs belegt, damit das Paar beim Hochzeitsfest eine gute Figur macht) und nach einem gemeinsamen Haus wird ebenfalls schon aktiv gesucht. Wenn in Wirbelwindgeschwindigkeit mit allem ernst gemacht soll, stellt sich die Frage, warum überhaupt so hastig? Was soll das sein - Love-Bombing? Auf jeden Fall ist es notwendig, hier zeitnah und ebenso rasch vorher alle wichtigen Informationen einzufordern - z.B. wer soll das alles bezahlen? Oder: Wie viele Leichen liegen da im Keller?



5. Wenn sein Auto überraschend abgeholt wird, weil die Raten nicht mehr bezahlt worden sind, ist das ein Zeichen, dass er offenbar etwas verschwiegen bzw. gelogen hat. Es ist deine Entscheidung, ob du dich mit den finanziellen Problemen eines Partners herumschlagen willst, denn das wirst du, wenn du in der Beziehung bleibst, aber mach dir auf jeden Fall klar, dass du nie alles weißt. Da ist auf jeden Fall immer noch mehr Geldärger, von dem du erst erfahren wirst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.

6. Alkohol und Drogen sind wie Schulden und Chaos oder Agoraphobie und Putzzwang - wenn du Lust hast, jemanden zu pflegen und zu therapieren, die sicheren Rückschläge und jahrelange Enttäuschung auszuhalten, dich regelmäßig anschwindeln zu lassen und dich in der Zwischenzeit über die (ganz) kleinen Dinge zu freuen, dann bleib ruhig da.

7. Mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von gegenseitiger Verantwortung füreinander sollten immer ein rotes Tuch sein. Wenn du fast an einer Fischvergiftung stirbst und er auch nach Stunden des Kotzens nicht aufsteht, um nach dir zu sehen, verabschiede dich besser, sobald es dir besser geht. Wenn du nach einer Routine-Operation auf der Intensivstation landest und das Krankenhaus ihn nicht erreichen kann, weil er bei fremden Nummern nicht ans Telefon geht, verabschiede dich, wenn es dir wieder besser geht. Oder tue es lieber gleich.



8. Zuverlässigkeit und Respekt gehen Hand in Hand. Wenn er mit deiner Zeit so umgeht, als wäre sie nichts wert und dich regelmäßig ohne guten Grund warten lässt, mach dir klar, dass du offenbar keine Priorität hast. 

9. Wenn in seiner Wohnung nur großformatige Bilder von ihm selbst hängen, lass es besser.

10. Wenn er sich nicht wirklich für deine Arbeit interessiert, bzw. seine immer wichtiger ist, ist das langfristig schlecht für dein Selbstwertgefühl. Das ist am Ende womöglich ein ziemlich hoher Preis.

11. Wenn die Trennung von der Partnerin vor dir erst eine kurze Zeit her ist, und er es ganz offenkundig auch noch nicht geschafft hat, sich komplett abzunabeln, wird das unweigerlich zu Problemen führen. Es gibt Fälle, da klappt das mit der Abnabelung von der Ex übrigens über Jahre hinweg nicht. Just sayin'. Schön ist das nicht.



12. Sollte es mit der Kommunikation von Anfang an holperig sein, sollte er Auseinandersetzungen und Klärung regelmäßig umgehen wollen und sich wegducken, wird es in Zukunft nicht besser werden. Auch wenn bereits in der ersten Phase der Beziehung seine Launen schwanken, es ihn augenscheinlich oft nicht interessiert, wie es dir eigentlich geht und du dir seiner Gefühle nicht wirklich sicher sein kannst, bringe dich besser in Sicherheit, denn ständige Ungewissheit kann zermürben und das Leben ziemlich unerträglich machen.

13. Wenn er Dinge, die dir gehören, in deinem Haushalt oder an deinem Auto kaputt macht, aber sich nie entschuldigt oder seine Haftpflichtversicherung ins Spiel bringt, ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.

14. Wenn er sich fortgesetzt über dich und das, was dir wichtig ist, milde lustig macht, bzw. häufig stichelt und dich mit Humor getarnt kritisiert, renn so schnell du kannst. Du kannst es dir auf keinen Fall leisten, dich so behandeln zu lassen.







NH

Samstag, 17. Februar 2024

Wie es mir so geht - Teil 3: Geld und Selbstsabotage



Mir geht es weiterhin ziemlich mies. Die Medikamente müssen überdacht werden und die Lage schwankt gewaltig. Es gibt auch bemerkenswert weite Ausschläge nach unten. Diese werden allerdings fast immer durch äußere Faktoren getriggert. (Kommt alles ins Buch.) 

In den letzten Wochen habe ich ein für allemal begriffen und begreifen wollen, was bekanntlich nicht das Selbe ist, dass in der aktuellen Phase meines Lebens das wahre Problem und gleichsam am Ende wirklich die Lösung für fast alles - dieses ist: 

Geld. 

Ganz ehrlich, auch der abgehauene Ex ließe sich mittlerweile gefühlsmäßig durch einen vintage Jeep Cherokee Wagoneer mit Verkleidung in Holzoptik mehr als angemessen ersetzen. Siehe oben. Das alles war irgendwie schon ewig klar, aber nun hat sich das Nachdenken über Geld auf Platz 1 der To-Do-Liste eingenistet und ist mittlerweile sogar bestimmendes Thema in der Therapie. 

Dabei geht es natürlich nicht wirklich um die Anschaffung von Luxusartikeln zur Kompensation inneren Leidensdrucks; es geht konkret darum, dass Geld bzw. ein real eintretender oder befürchteter Mangel daran den größten Stressfaktor in meinem momentanen Leben darstellt. Meine Verzweiflung ist nur anteilig das Ergebnis einer persönlichen Disposition. Sie scheint im Gegenteil, oh Wunder, so gut wie komplett käuflich zu sein. Wenn ich keine Angst vor der nächsten Werkstattrechnung hätte, die anfällt, damit das unbedingt benötigte Auto durch den TÜV kommt, wäre mir schon viel wohler. Wenn ich mich und meine MS regelmäßig in den Urlaub schicken könnte, wäre ich vermutlich gesünder. Wenn ich nicht immer Angst hätte, dass mir jederzeit Aufträge und damit der Lebensunterhalt für mich und die Katzen kurzfristig wegbrechen könnten, wäre ich nicht täglich im Kampf- oder Fluchtmodus. Wenn ich nicht immerzu Angst haben müsste, dass ich mir angesichts überraschender Sonderumlagen das Wohnen in meiner Wohnung womöglich irgendwann nicht mehr leisten kann, obwohl sie mir gehört, fände ich es vermutlich auch einfacher, mich wenigstens in meinen eigenen vier Wänden sicher zu fühlen. Wie sich das wohl anfühlen würde, ist mir nicht wirklich bekannt, aber ich stelle es mir ziemlich geil vor. 

Ich weiß, ich bin - wie immer - nicht allein mit diesen Sorgen. Ich weiß, dass Rücklagen etwas sind, wovon inzwischen mehr und mehr Haushalte nur noch träumen können. Und mir ist aus meiner Arbeit mit Menschen ziemlich bewusst, dass beim Wegfall finanzieller Ungewissheit häufig vermutlich auch die Einnahme von Psychopharmaka sofort eingestellt werden könnte. Es ruiniert das Leben, wenn die zuverlässige Finanzierung einer normalen, würdigen Existenz immer auf der Kippe steht und frau nicht über genug Resilienz und Grundvertrauen verfügt, um sich damit zu beruhigen, dass sich schon immer alles irgendwie finden werde.

Geld wird ein neues Themenfeld auf diesem Blog sein. Es ist bekanntlich ein Empfindliches - übrigens auch im Hinblick auf die Erwartungen von Leser*innen und die gefühlte Integrität bzw. den Idealismus von Content-Creator*innen. 

Es stellen sich einige Fragen: Darf ich überhaupt über Geld reden? Darf ich zugeben, dass ich nicht genug habe, bzw. mehr brauche? Darf ich womöglich sogar sagen, dass ich schlicht mehr Geld verdienen und haben will? Soll ich darüber reden, wie ich meine eigene finanzielle Situation verändern will oder muss? Was ist meine Arbeit wert und wie bekomme ich das, was ich wert bin?

Natürlich kann frau auch die Systemfrage stellen. Warum müssen wir überhaupt in einer Welt leben, in der irgendwer jemals Angst um seine Existenz haben muss? Aber die Veränderung des Systems wird sie nicht erleben.

Meine persönlich größte Frage ist dieser Tage somit eine dem System total angepasste: Wie schaffe ich es, meine wirtschaftliche Situation, die mich oft so sehr bedrückt und meine Anxiety* in immer neue Höhen treibt, trotz dieser psychischen Beschwerden zu verbessern? Wie ergreife ich Maßnahmen gegen äußere Umstände, deretwegen ich mich eigentlich viel zu kraftlos fühle, um Maßnahmen zu ergreifen? Hinweise in den Kommentaren sind (meistens) erwünscht. 

Was mich an dieser Stelle noch zum Begriff "Selbstsabotage" bringt. Da hieß es vor einiger Zeit in den Kommentaren, dass ich meine Kraft (die vermutlich schon besäße) gegen mich "selbst drehe". Das war als Ratschlag gegen meine "lebenslange Selbstsabotage" gemeint. Auf Nachfrage wurde noch ausgeführt, dass es sich hierbei nicht um einen Vorwurf handle, sondern um einen "sanften Hinweis" dass, wenn bei einer Person, die, so wie ich, über vermeintlich viele Ressourcen verfügt und einen "sehr privilegierten Start ins Leben" hatte, im Leben dann alles so schief läuft bzw. sie so unglücklich ist über den Verlauf der eigenen Biographie, hier eine innere Verweigerung bzw. Blödheit im Spiel sein muss, die verhindert hat, dass die dumme Nuss eben jene überreichen Ressourcen hat nutzen können.

Es mag ja sein, dass in manchen Kreisen unwissenschaftlicher Motivationsscharlatanerie der Begriff "Selbstsabotage" noch modern ist, aber kein*e Therapeut*in, die ihr Geld wert sind, würde damit arbeiten, weil es sich hier natürlich um nichts anderes, als um eine verächtliche Umdeutung mit eingebauter Schuldzuweisung handelt. Natürlich kann ich es Selbstsabotage nennen, wenn ich unglückliche und/oder erfolglose Menschen nicht mag. Alle anderen reden hier wohl lieber von Trauma und Depression. Und darüber haben wir wiederum nur bedingt Kontrolle. Mitunter, frau mag es kaum glauben, fast genauso wenig Kontrolle, wie über Schicksalsschläge, Erkrankungen, Wetterkatastrophen, Todesfälle, unsere Eltern und andere dumme Zufälle. 

Wie frau auf die Idee kommt, dass Privilegien vor Unglück retten, ist mir zusätzlich schleierhaft. Ich kriege jeden Tag Werbe-E-Mails von der Firma, die Kate Spade einst gegründet hat. Erstens, weil ich ihre Taschen gerne ansehe. Und zweitens, weil mich ihre Geschichte berührt hat. Sie hat sich im Alter von 55 Jahren in einem Luxusapartment in Manhattan erhängt, obwohl sie wirklich alles zu haben schien, was wir gemeinhin als Zeichen eines erfolgreichen Lebens deuten würden. Vielleicht sollte frau sich lieber noch einmal gründlicher in der Welt umschauen, bevor sie anderen als Rat getarnte Zurechtweisungen in die Kommentare schreibt.


*Generalisierte Angststörung


PS: Zum Thema Geld und Bloggen fiel mir dieser Post von Ragen Chastain wieder ein - nicht komplett zur Thematik oben passend, aber dennoch interessant, finde ich.


NH


Sonntag, 17. Dezember 2023

The Ugly Girl Project: Closure

Was vielleicht jetzt einmal noch als trendige Körnigkeit zu rechtfertigen ist, ist tatsächlich nichts Anderes, als das Ergebnis des Versuchs, eine alternde Kamera noch einmal zu annehmbaren Resultaten zu zwingen. Sie hat offenbar so ziemlich den Geist aufgegeben. Das passt zu meinem Jahr, könnte aber auch ein Zeichen sein, dass das Projekt des hässlichen Mädchens jetzt auch langsam ausläuft. 

Der Göttin sei Dank ist es dieser Tage nichts so richtig Besonderes mehr, dicke Frauen in Zusammenhängen von Normschönheit darzustellen. Das wenigstens scheint geschafft, wenn die von mir bevorzugte Frauenzeitschrift, die VOGUE, jetzt regelmäßig dicke Models beschäftigt und sie auch aufs Cover hebt. Es ist ein (sehr) kleiner Sieg für die "Normalisierung" von dicken Körpern. Es ist kein Sieg gegen Objektifizierung und den Terror von Schönheitsanforderungen und -normen. Das ist mir bewusst. 

Ich hatte trotzdem noch einmal meine Beine in die Kamera halten wollen, habe dann aber gemerkt, dass das Ablichten des eigenen dicken Körpers für mich kein sehr wichtiges Werkzeug mehr ist, um diesen Körper zu akzeptieren. Ich akzeptiere meinen Körper. Wenigstens das ist auch erreicht. BTW, nein - es ist nicht notwendig, den eigenen Körper zu lieben. Das ist nur wieder so eine schnulzige Behauptung von denen, die es nicht lassen können, neue Quellen des Druckes zu erschließen. Darum sage ich es ja auch immer wieder gern: Body Positivity my ass. ;)










 NH