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Montag, 23. Dezember 2024

A Very Merry Flexmas!*

                A bigger splash (David Hockney)

If you leave the light on, I'll leave the light on. (Maggie Rogers)

Show me my silver lining. (First Aid Kit)

Als Kind im Grundschulalter hatte ich für mein erwachsenes Leben die Vision, als Hexe mit Katze in einem Häuschen im Wald zu wohnen. Fast zwei Jahrzehnte später hatte ich dann den Plan, eine große Nummer in Hollywood zu werden und in einer Villa am Hang zu wohnen – mit einem großen, blau blitzenden und schillernden Swimming-Pool.

Als meine Mutter 2009 starb, erwarb ich mit ihrem Geld eine Wohnung vor den Toren Hamburgs, um mich und meine Trauer zu parken. Für den Fall, dass ich mich nie wieder erholen würde, hatte ich alles vorher sorgfältig und hoch vernünftig geplant – in dieser Wohnung konnte Frau auf praktische Weise alt und/oder krank sein: Erdgeschoss, klein genug, um bei Hartz IV sicher zu sein, keine Miete, gleich zwei Krankenhäuser im Umkreis weniger Kilometer, zu Fuß fünf Minuten bis zu den Allgemeinärzt*innen und, ebenso naheliegend, zwei Apotheken, eine Bäckerei, ein Supermarkt, eine Optikerin – und eine S-Bahn nach Hamburg, ebenfalls in 10 bis 15 Gehminuten zu erreichen (sollte ich mit 99 Jahren nicht mehr Auto fahren können oder wollen).

Was sich jedoch schnell herausstellte, war, dass die Aussicht, in dieser Wohnung wirklich alt zu werden, eher dazu angetan war, mich tatsächlich noch verzweifelter zu machen, als ich es ohnehin schon war. Nervige WEG*-Sitzungen, untätige, unverschämte und haarsträubend inkompetente Hausverwaltungen, durchgeknallte und bösartige Nachbar*innen, die auf ihre Weise für Cringe, Creep, Lärm und Chaos sorgten und schließlich der Bau eines zutiefst geschmacklosen Mehrfamilienbunkers direkt vor meiner Nase, wo sich ursprünglich ein großer, wilder Garten befunden hatte. Abgesehen davon, dass trotz kostspieliger Anfragen meinerseits unklar bleiben wird, wie dieses Ungetüm, das ganz klar mit dem Bebauungsplan kollidiert, genehmigt werden konnte, hatten meine Eichhörnchen die Nase voll von der Versiegelung nebenan und zogen in kürzester Zeit um – auf Nimmerwiedersehen – und ließen meine Nussstation verwaist zurück.

Ich hätte es ihnen umgehend gleichtun sollen.

Hab ich damals aber nicht. Duh.

Dann stellte sich zu Beginn meiner Beziehung zu meinem Ex-Partner sehr schnell und zu meiner ausgesprochenen Freude heraus, dass wir den Haustraum, wie so Vieles, teilten. Wir besichtigten potentielle Eigenheime für eine gemeinsame Zukunft mit viel Platz, Ruhe und Natur (ich berichtete). Ich schmiedete kühne Pläne. Er tat nur so, weil er mir verheimlicht hatte, dass er und seine Ressourcen längst alle aus der Kurve geflogen waren.

Es wäre mir ehrlich nicht in den Sinn gekommen, uns ein Haus zu kaufen. Ich machte mich in den folgenden Jahren unserer Beziehung vielmehr daran, ihn in die Verfassung zu hieven, das Vorhaben mit mir gemeinsam zu verwirklichen. In meinem Drehbuch kauften wir uns ein Haus. Außerdem sollte meine Wohnung als „Stadtwohnung“ für Ausflüge in die Zivilisation und zum Zwecke des Theater- oder Museumsbesuches, zum Einkaufen und für berufliche Einsätze idealerweise erhalten bleiben. So unsere Überlegung. Aus heutiger Sicht: Facepalm. Klar.

Für das letzte Weihnachten, bevor er mich verließ, hatten wir ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst, dass wir dieses endlich „im neuen Haus“ feiern würden, bzw. nun ernsthaft in die Umsetzung einsteigen würden. Geklappt hat es dann bekanntlich wieder nicht.

Bibbidi-bobbidi-boo!  

Aber eineinhalb Jahre, nachdem der Ex mich hat sitzen lassen, ist es jetzt soweit. Ich wohne im Wald. Mit meinen Katzenmädchen. Im eigenen Hexenhaus, das allerdings gar nicht so klein ist, wie frau sich ein Hexenhaus gemeinhin vorstellen mag. Ich habe mir ein Haus gekauft.

Und so ist es nun Zeit, kurz vor den Feiertagen auch einmal aus vollstem Herzen Danke zu sagen:

Wenn du mich nicht entsorgt hättest, wäre unsere Geschichte womöglich auf eine von zwei Weisen weitergegangen:

a)

Wir säßen vielleicht zu diesen Festtagen gemeinsam in einem Haus mit Glasfaser nur eine Stunde entfernt von Hamburg am knisternden Feuer des Ofens mit Blick auf ein Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Garten, in dem es genug Platz gäbe für ein Dutzend vintage Wohnmobile, einen Zaun und Hecken, die für jeden Hund hoch genug wären – und einen Swimming-Pool.

(Ja, ich bin endlich Besitzerin eines Pools. Eines himmelblauen Hexenpools im Wald. So verweben sich in meinem neuen Zuhause nun meine Kindheitspläne mit den Zielen meines Ichs bis Mitte Zwanzig auf ganz bemerkenswerte Weise. Hometour folgt im neuen Jahr.)

b)

Oder wir würden heute weiterhin zusammen leicht verunsichert und/oder angesäuert vor uns hin stagnieren und das Beste daraus machen. Seien wir ehrlich. Das wäre der wahrscheinliche Ausgang gewesen.

Also, mein Lieber: Danke für alles! Ich habe es verdient. :)


NH

*Flexen – angeben

*WEG – Wohnungseigentümer*innengemeinschaft

Donnerstag, 25. Juli 2024

Follow me around 60: Nach Hause

"Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube gewesen."
Henrik Ibsen (Nora oder Ein Puppenheim)

"Nach Hause telefonieren." E.T.





Ich würde in der letzten Zeit wieder nachts oft gern jemanden anrufen. Ich wüsste aber noch immer nicht, wo ich anrufen soll. So hilfreich die Telefonseelsorge vor einem Jahr noch war, so wenig kann sie jetzt für mich tun. Der Vibe ist nicht mehr danach. Dank unseres Clubs, Zeit, Sertralin und ein paar kurzen Monaten der Ablenkung durch einen Beziehungsversuch, der sich vom wundersamen Höhen- schneller in einen Sturzflug verwandelte, als ich mit den Augen rollen konnte, bin ich nicht mehr zutiefst verzweifelt - sondern nur so verzweifelt, wie sonst ohnehin auch. Das Leben ist sinnlos, und das ist ein ewiges Ärgernis für mich. Seit meiner Kindheit weiß ich es und seitdem knabbere ich daran, dass offenbar niemand um mich herum das auch so sieht. 

Seit meiner Kindheit versuche ich auch, endlich nach Hause zu kommen. Ich berichtete und berichtete und berichtete. Und seit ich dieses Blog vor über einem Jahrzehnt zur Anti-Diät-Zone umgebaut habe, erzähle ich hier von der scheinbar aussichtslosen Suche, die nach der fürchterlichen Unterbrechung durch den Tod meiner Mutter einfach mit unverminderter Sehnsucht und Orientierungslosigkeit weiterging. Das weiß ich, weil ich vor ein paar Tagen in meinen alten Blogposts gebrowst habe. So, wie beim Blick in alte Tagebücher, steht das ewig trübe, sumpfige Ungemach im Grunde unveränderlich Jahr für Jahr und ich finde den Stöpsel nicht, um die Soße abzulassen und auf den Grund zu blicken. Das Blog und die Tagebücher beweisen, dass ich für immer auf der Stelle zu trete, aber mich zumindest für immer an eben dieser Stelle über Wasser halte - verbissen trotz schwindender Hoffnung.

Fast tut es mir leid, meine Leser*innen beständig mit den selben Nörgeleien vollgetextet zu haben. Das Ausmaß war mir gar nicht so bewusst. In den letzten zehn Jahren hat sich nichts verändert. Obwohl ich täglich daran arbeite. Eigentlich ist das eher zum Lachen. Nichts ändert sich jemals wirklich.  

Wo wäre zuhause? 

Es ist in meinem Fall und meiner Vorstellung in der Tat ein physischer Ort. Mit freistehenden Wänden und genug Abstand zwischen mir und den Nachbar*innen. Mit einem Zaun. So hoch wie möglich. Mit Sicherheit und Frieden und Ruhe. Ich liebe Häuser. Ich liebe Puppenhäuser, Ich liebe bekanntlich Bilderbücher mit Mäusewohnungen in Baumstämmen und chaotischen Hexenhäusern. Ich liebe es, durch die Gegend zu fahren oder zu laufen und Häuser anzusehen. Ich kann mir stundenlang Häuser ansehen und im Geiste automatisch Kurzgeschichten über ihre Bewohner*innen aufploppen lassen.

Meine Kindheit hat maßgeblich in einem Haus mit Garten stattgefunden. Aber das Haus hat das alles, Ruhe Frieden und Sicherheit, trotzdem nie hergegeben. Eine Kindheit mit meinen Eltern war eine psychisch höchst unsichere Sache. Ausbrüche, Unberechenbarkeit, Ungerechtigkeiten, physische Bedrohung, die sich nicht wirklich manifestierte, aber sich zu regelmäßigem Terror verstetigte, Alkoholsucht, Depression, Desinteresse und gleichzeitige symbiotische Vereinnahmung standen immer ausgeprägten Privilegien, Toleranz, Werten, Freiheit, Bücherwänden und Humor gegenüber. Meine Eltern waren beides: Monster und irgendwie auch toll. Das geht. Und das ist besser, als vieles Andere, was auch möglich ist. Aber sie haben mich zurückgelassen mit der Suche nach dem Zuhause, das nicht zutiefst ambivalent ist. Wie bei der Katze mit Hut, würde ich das Haus meiner Kindheit gern "glücklichwohnen" dürfen. Aber natürlich hatten es meine Eltern nur gemietet. Ich weiß, da sind viele von uns auf der Suche nach dem seelischen Heimweg. Es ist mir, wie bei allem, klar, dass keine Erfahrung, die wir im Leben machen, einzigartig ist. 

Die Vorstellung, dass das Zuhause kein Ort, sondern ein Mensch sein könnte, hat sich im letzten Jahrzehnt immer weiter zerfasert. Menschen kommen in meiner Idee von einem sicheren Zuhause nur noch am Rande vor. Vor gut einem Jahr dachte ich, ich sterbe an dem Kummer des Verlassenwerdens. Der war auch deshalb so groß, weil ich selbstverständlich ebenfalls in der Beziehung auf ein Zuhause hingearbeitet hatte. So wie mein ganzes Leben lang. Und diese Arbeit hatte ich in eben jener Phase meines Lebens eng an die Gegenwart meines Ex-Partners geknüpft. Aus heutiger Sicht war das womöglich blöd. Aber ich mag es doch nicht so recht als blöd bezeichnen. Es war damals folgerichtig, sich mit meinem ehemaligen Partner auf der Reise zusammenzutun, weil das Versprechen so leuchtend und groß war und die Reise allein so aussichtslos und beschwerlich. Aber mein Reisebegleiter war schnell überfordert und hatte die Überforderung dann bekanntlich nach sechseinhalb Jahren satt.

Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns mit großer Freude von Makler*innen Häuser weit auf dem Land zeigen lassen. Ich dachte, wir hätten beide vor, eins zu kaufen und war bereit, im Wendland auf 200 renovierungsbedürftigen Quadratmetern im Team mit ihm ganz neu anzufangen. Ob er je den selben Plan hatte, wird ewig ein Mysterium bleiben. Jedenfalls zerschellte das Vorhaben lange vor unserer Trennung an Sprachlosigkeit und seinen weltlichen Schwierigkeiten.








Dafür hat mir der Ex zu einem unserer Weihnachtsfeste tatsächlich ein Haus gebaut, s.o.. Das Puppenheim blieb allerdings immer ein etwas wackeliger Rohbau, an dem frau sich leicht einen Splitter einfangen konnte. Sein Bau wurde auf experimenteller Ebene als Vorschlag begonnen und danach niemals weiterverfolg. Und damit war es als Symbol für unsere Pläne hochkonsequent. In meiner Wohnung verbreitete es als grimmiger Fremdkörper zuletzt nur noch den traurigen Dunst des erneuten Scheiterns. Und so habe ich mich vor ein paar Wochen davon befreit.





Mein neuester Vorstoß, nach Hause zu gelangen, hängt derzeit vom Wohnungsverkauf ab. Ich brauche das Geld aus dem Wohnungsverkauf, um allein (nicht ganz so weit) auf das Land zu ziehen. Meine Wohnung will aber seit Monaten niemand kaufen. Wenn ich an Zeichen glauben würde, müsste ich mich wohl langsam dafür entscheiden, doch in dieser Wohnung auszuharren. Es bleibt dabei: Es ist nie etwas einfach. 

Ach, und noch ein paar Durchsagen:

Der Club der dicken Damen trifft sich weiterhin regelmäßig. Unser Motto ist noch immer: Und Wie geht es dir so? Das nächste Treffen ist am Sonntag, dem 04.08.2024 um 17.30 Uhr über Skype. Jede*r kann sich anmelden unter office(at)nicola-hinz.com.

Noch gebe ich ja trotz allem nicht so recht auf, meinen Menschen zu finden. Wenn jemand mich heiraten (oder mit mir die NordArt in Büdelsdorf besuchen will) - mein Profilname bei Finya lautet übrigens Katzundbuch.

Sollte außerdem eine*r auf der Suche nach einer Eigentumswohnung (im Auto 30 Minuten vom Stadtzentrum Hamburgs entfernt und direkt am Sachsenwald liegend) sein - ich habe da zufällig eine zu verkaufen. Spread the word.

Und schließlich - wenn ihr ihn noch nicht kennt: HeyWolfie ist ein sehr sympathischer und sehr gründlicher antifaschistischer Kommentar-Channel für Gesellschaftliches, Politik und Medien bei YouTube, der es dringend verdient zu wachsen. Es war mir irgendwie ein Bedürfnis, ihn hier weiterzuempfehlen. :)


NH

Freitag, 23. Februar 2024

Aus dem Nähkästchen: Beziehungstipps


Der mehrstufige, aufklappbaren Nähkasten, dessen Inhalt ich fotografiert habe, war ein Weihnachtsgeschenk. Ich habe ihn auf einem Weihnachtsmarkt an einem Stand für Antiquitäten gesehen und ihn mir gewünscht. Er war voll mit Utensilien, so wie der Nähkorb meiner Mutter, den ich auch noch immer besitze - zusammen mit ihren Garnspulen, die in einem transparenten, länglichen Plastikbehälter sorgfältig farblich sortiert auf kleinen Plastikstäbchen sitzen, wie in einem Bus. 

Nähkästen sind Frauengeschichte. Sie sind Wahrzeichen für die Sorge der Hüterin des Hauses für die Menschen und Dinge, die sich darin befinden. Es wird repariert, gepflegt, verwandelt und vor allem zusammengehalten. Es entsteht Neues. Manchmal aus Altem. Die Grundlegenden Dinge des Lebens werden von ihr im Fluss gehalten. Der Nähkasten markierte den Bereich ihrer Verantwortung und ihres Wirkens, aber auch die bis heute vorhandene Einschränkung. Denn natürlich steht der Nähkasten auch für erzwungene Häuslichkeit und unterschätzte bzw. missachtete Leistung und Wirkung - und für das spezifische Wissen, das aus einer solch eingeschränkten, weiblichen Existenz erwächst.



Ich bekam also den Kasten zu Weihnachten mit Inhalt und wartete dann Monate, um ihn zu öffnen und die Alltagsschätze meiner Vorbesitzerin zu sichten. Ich wartete auf den richtigen Moment, so als würde sich mit ihm womöglich ein größeres, umfassenderes Geheimnis eröffnen. Dafür würde ich Zeit und angemessene Ruhe und Aufmerksamkeit brauchen. So bewegt ich schließlich davon war, diesen kleinen persönlichen Einblick in das Leben einer Unbekannten zu bekommen, so war das Gefühl der Verbindung bzw. die zwischen den Knöpfen und Nadeln konservierte Weisheit nicht annähernd so stark wie gehofft. Und zwei Tage später beendete mein Ex unsere Beziehung.

Das Wissen anderer Frauen

Ich quäle mich gerade durch Nicole Jägers letztes Werk "Unkaputtbar". Erstens sind toxische Beziehungen seit geraumer Zeit mein Lebensthema - länger, als mir bewusst war. Und zweitens dachte ich mir, dass, wenn die Frau Jäger aus ihren vergangenen Liebschaften einen ganzen Ratgeber machen kann, dann kann ich zumindest einen Blogpost dabei rausholen. Natürlich ist es der Frau Jäger nur gelungen, ein dickes Buch zu schreiben, weil sie, wie bei jeder ihrer Veröffentlichungen, immer und immer wieder den gleichen Inhalt wiederkäut. Aber dazu mehr in der Rezension des Buches, die, hoffentlich, irgendwann zeitnah folgt.

Nachdem ich vor ein paar Monaten nach sechseinhalb Jahren verlassen und dadurch in das tiefste und schwärzeste Loch meines Lebens geschubst worden bin (und regelmäßige Leser*innen wissen, dass ich mit mich Depression und Unzufriedenheit Zeit meines Lebens schon immer ganz gut ausgekannt habe), kann ich rückblickend von festen Verbindungen mit Männern eigentlich ohnehin nur abraten. Wie gesagt: Vier maßgebliche gescheiterte Beziehungen (von kurzen Episoden und Dates ist hier natürlich nicht die Rede) liegen hinter mir. Das ist gut eine pro Jahrzehnt meines Erwachsenenlebens und mag für manche noch überschaubar erscheinen. Für mich war es mit meiner Verlustangst und meinen Ansprüchen an einen Partner auf jeden Fall zu guter Letzt nicht mehr so richtig verkraftbar.

Meiner Erfahrung nach ist der Preis, der hinterher und im Verlauf vermutlich gezahlt wird, ohnehin immer - ja wirklich immer - viel zu hoch, für das, was am Ende bleibt - selbst dann, wenn das Ganze nicht mit einem riesigen Getöse und Geheule in die Brüche geht, sondern sich immer weiter zieht, bis es gnädig versandet. Das will natürlich nicht jede*r hören. Ich eigentlich auch nicht, aber sei es drum.

Insbesondere zu den frühen Warnzeichen der ersten Tage, Wochen und Monate in der Beziehung mit einem Mann kann ich Folgendes zur Unterhaltung beitragen:

1. Du stehst zum ersten Mal in seiner Wohnung und er erzählt dir umgeben von Müll und Gerümpel, er sei nur nach seinem Einzug noch nicht zum Aufräumen gekommen, obwohl du ja nicht blöd bist und sehr wohl weißt, dass du dich in einer Messie-Wohnung befindest. Entweder du nimmst jetzt die Füße in die Hand, oder aber gibst den Wunsch nach einer gemeinsam komfortabel bewohnbaren Wohnung am besten gleich an der Tür ab. Lügen und Gerümpel sind eine richtig schlechte Basis für eine gemeinsame Zukunft.

2. Es befindet sich kein Buch in der Wohnung. So oder so ein schlechtes Zeichen. Auf Nachfrage erfährst du, dass er die Bücher, die er angeblich schon liest, im Keller lagert, weil sie die Optik stören. Auch hier stellt sich die Frage nach den Zukunftsplänen. Natürlich muss frau die gar nicht erst haben - dann ist sie fein raus.



3. Ein weiteres frühes Warnsignal ist, wenn bereits kurz nach dem offiziellen Start der Beziehung grundlegende Hygiene zum wiederkehrenden Problem wird. Schlechter Atem, Schweißgeruch, dreckige Fingernägel, usw. gab es vor dir auch schon, und es fehlt ihm der Drive (und der Respekt), über die Honeymoon-Phase hinaus normale Pflegerituale aufrechtzuerhalten und sich regelmäßig was Sauberes anzuziehen. Darum also der Rückfall in die alte Normalität. Grundsatzgespräche über Körperpflege werden ein ständig notwendiges Ereignis sein. Wenn du das nicht willst, zieh die Reißleine lieber gleich.

4. Erst soll alles ganz schnell gehen. Wohnungsschlüssel werden sofort ausgetauscht, Heiratspläne bereits nach Wochen geschmiedet (fast wird schon der Tanzkurs belegt, damit das Paar beim Hochzeitsfest eine gute Figur macht) und nach einem gemeinsamen Haus wird ebenfalls schon aktiv gesucht. Wenn in Wirbelwindgeschwindigkeit mit allem ernst gemacht soll, stellt sich die Frage, warum überhaupt so hastig? Was soll das sein - Love-Bombing? Auf jeden Fall ist es notwendig, hier zeitnah und ebenso rasch vorher alle wichtigen Informationen einzufordern - z.B. wer soll das alles bezahlen? Oder: Wie viele Leichen liegen da im Keller?



5. Wenn sein Auto überraschend abgeholt wird, weil die Raten nicht mehr bezahlt worden sind, ist das ein Zeichen, dass er offenbar etwas verschwiegen bzw. gelogen hat. Es ist deine Entscheidung, ob du dich mit den finanziellen Problemen eines Partners herumschlagen willst, denn das wirst du, wenn du in der Beziehung bleibst, aber mach dir auf jeden Fall klar, dass du nie alles weißt. Da ist auf jeden Fall immer noch mehr Geldärger, von dem du erst erfahren wirst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.

6. Alkohol und Drogen sind wie Schulden und Chaos oder Agoraphobie und Putzzwang - wenn du Lust hast, jemanden zu pflegen und zu therapieren, die sicheren Rückschläge und jahrelange Enttäuschung auszuhalten, dich regelmäßig anschwindeln zu lassen und dich in der Zwischenzeit über die (ganz) kleinen Dinge zu freuen, dann bleib ruhig da.

7. Mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von gegenseitiger Verantwortung füreinander sollten immer ein rotes Tuch sein. Wenn du fast an einer Fischvergiftung stirbst und er auch nach Stunden des Kotzens nicht aufsteht, um nach dir zu sehen, verabschiede dich besser, sobald es dir besser geht. Wenn du nach einer Routine-Operation auf der Intensivstation landest und das Krankenhaus ihn nicht erreichen kann, weil er bei fremden Nummern nicht ans Telefon geht, verabschiede dich, wenn es dir wieder besser geht. Oder tue es lieber gleich.



8. Zuverlässigkeit und Respekt gehen Hand in Hand. Wenn er mit deiner Zeit so umgeht, als wäre sie nichts wert und dich regelmäßig ohne guten Grund warten lässt, mach dir klar, dass du offenbar keine Priorität hast. 

9. Wenn in seiner Wohnung nur großformatige Bilder von ihm selbst hängen, lass es besser.

10. Wenn er sich nicht wirklich für deine Arbeit interessiert, bzw. seine immer wichtiger ist, ist das langfristig schlecht für dein Selbstwertgefühl. Das ist am Ende womöglich ein ziemlich hoher Preis.

11. Wenn die Trennung von der Partnerin vor dir erst eine kurze Zeit her ist, und er es ganz offenkundig auch noch nicht geschafft hat, sich komplett abzunabeln, wird das unweigerlich zu Problemen führen. Es gibt Fälle, da klappt das mit der Abnabelung von der Ex übrigens über Jahre hinweg nicht. Just sayin'. Schön ist das nicht.



12. Sollte es mit der Kommunikation von Anfang an holperig sein, sollte er Auseinandersetzungen und Klärung regelmäßig umgehen wollen und sich wegducken, wird es in Zukunft nicht besser werden. Auch wenn bereits in der ersten Phase der Beziehung seine Launen schwanken, es ihn augenscheinlich oft nicht interessiert, wie es dir eigentlich geht und du dir seiner Gefühle nicht wirklich sicher sein kannst, bringe dich besser in Sicherheit, denn ständige Ungewissheit kann zermürben und das Leben ziemlich unerträglich machen.

13. Wenn er Dinge, die dir gehören, in deinem Haushalt oder an deinem Auto kaputt macht, aber sich nie entschuldigt oder seine Haftpflichtversicherung ins Spiel bringt, ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.

14. Wenn er sich fortgesetzt über dich und das, was dir wichtig ist, milde lustig macht, bzw. häufig stichelt und dich mit Humor getarnt kritisiert, renn so schnell du kannst. Du kannst es dir auf keinen Fall leisten, dich so behandeln zu lassen.







NH

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Rachearie* - und kein Abgesang


Heute wäre der siebte Jahrestag meiner Beziehung gewesen, wenn es die Beziehung noch gäbe. Diese endete in diesem Sommer - am siebten Juli, um genau zu sein. Was dann kam, war mein freier Fall. Garniert mit Lügen und Hinhalten und unbegreiflichen Peinlichkeiten und Demütigung und Beleidigungen und Drohungen und übler Nachrede und noch mehr Bösartigkeit. Ich bin auf absurd langatmige Weise über Monate hinweg verlassen und abserviert worden. Zuerst hieß die Trennung nur "Pause". Dass ich das geglaubt habe und als Grund für Hoffnung begriff, hat vermutlich auf der anderen Seite für ordentlich viel Häme und Belustigung gesorgt. Getriggert durch, wie ich nur vermuten kann, Scham und den Wunsch, schon wieder alles Belastende zu verdrängen, hat mein Ex-Partner dann an einem bestimmten Punkt plötzlich alle Kommunikation unterbunden, was echt unpraktisch war angesichts der Tatsache, dass es trotz allem noch administrative Dinge zu klären gibt. Nun werden wir womöglich sogar um eine juristische Auseinandersetzung nicht mehr herumkommen. 

Nein, ich weiß bis heute nicht so ganz genau, wohin mit meiner Wut. Und ich nehme weiterhin Tabletten, damit die erlebte Verletzung, die die entscheidende Kirsche auf dem Kuchen des Grauens war, mich nicht daran hindert, irgendwie durch die Tage zu kommen. 

Eine Leserin schrieb mir, sie sei manchmal erschrocken, wenn sie meine Blogposts liest. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die rückhaltlose Thematisierung der persönlichen Katastrophe und der Unwille, sich endlich davon zu lösen und gutgemeinte, konventionelle Ratschläge zur Heilung anzunehmen, ungewöhnlich drastisch und redundant wirken. Aber meine Grundsätze zur Heilung widersprechen nun einmal ganz klar dem, was therapeutische Angebote gängigerweise im Repertoire haben.

1) Ich werde den Teufel tun und vergessen. Und ich werde mich auch nicht künstlich und verbissen ablenken.

2) Ich werde nicht die "Klügere" sein, die nachgibt (und in der Folge verliert).

3) Ich werde nie verzeihen und womöglich dem Täter am Ende noch alles Gute wünschen. Ha, soweit kommt das noch! Es wäre verlogen. Und weder souverän noch "erwachsen", sondern eher schwächlich und sinnlos - egal, was immerzu überall behauptet wird.

4) Ich werde Wut nicht als fortgeschrittene, vorübergehende Station in einem niedlichen, abgestuften "Heilungsprozess" begreifen, sondern als nie versiegende Energiequelle.

5) Ich werde mich revanchieren - auf total legale Weisen.

6) Ich werde Wut zu Kunst machen.

7) Ich werde mich und meine Wut immer weiter ins Schaufenster stellen, solange es mir und anderen hilft.

8) Ich werde nie behaupten, dass diese Phase meines Leben für irgendeinen Scheiß gut gewesen sei.

9) Ich werde mich nie aus der Arena verdrücken, um billigen, unechten "inneren Frieden" zu finden.  Der bedeutet mir nichts. Ich strebe bekanntlich stattdessen nach Genugtuung.

10) Ich verlange eine Entschuldigung. Ich wäre also tatsächlich bereit, echten Frieden zu schließen. Aber wenn sie nie kommt, die Entschuldigung, dann endet auch die Forderung nie. Damit kann ich auch gut leben.

Die Weihnachtstage werden, allein verbracht, voraussichtlich eine harte Zeit. Aber ich werde sie, wenn möglich, auch nutzen, um mich nach besten Kräften zu ordnen und in Stellung zu bringen. Und ich wünsche allen, denen es zum Jahresende ähnlich geht, genug Bestimmtheit, klare Gedanken und ausreichend Egoismus, um weiterzumachen.

See you on the other side, ihr Lieben! 
Happy Everyhing - und ein akzeptables Neues.


*Königin der Nacht


NH


Mittwoch, 22. November 2023

Memory Lane

Die Feldmark hinter Kuddewörde in Schleswig Holstein, 2022


Ich bin kein Zauberer, doch kenn einen Trick
Leih mir irgendwas, ich geb' dir einen Müllhaufen zurück
Ein'n Müllhaufen zurück, ein'n Müllhaufen zurück
Ich verwandele dein Lächeln in ein'n bestürzten Blick 

(Antilopen Gang: Hokus Pokus)

Irgendjemand hat mich für den Newsletter des 3Pagen Versands angemeldet. Ich hab keine Ahnung wer und warum, aber ich bekam die Aufforderung, meine Registrierung zu bestätigen - mit dem Hinweis:  "Sollten Sie diese Mail nicht angefordert haben, dann können Sie die E-Mail ignorieren." Ich aber habe die fremde Registrierung bestätigt, weil ich durch diese kleine Merkwürdigkeit in einem kuriosen Wägelchen auf die Straße der Erinnerung geschoben wurde. Der Katalog des 3Pagen Versands (1954 gegründet) mit seinen kitschigen Dekoartikeln und den betulichen, bunten Haushaltsartikeln war ein Teil meiner frühen Kindheit in den Siebzigern. Er lag regelmäßig frisch auf dem Wohnzimmertisch und ich hatte einen riesigen Spaß, all die wunderbaren, sinnlosen Dinge anzusehen., die damals wie heute vorgaben, absolut essentiell zu sein. 

Vor ein paar Jahren erinnerte ich mich durch puren Zufall daran und forderte aus schierer nostalgischer Neugier den Papierkatalog an, den das Unternehmen noch immer verschickt. Ich war überrascht, wie wenig sich scheinbar verändert hatte und war fasziniert von den kunstvoll und komplett unironisch gezwirbelt formulierten Texten, die die Produkte anpriesen. Von innen erleuchtete, winkende Pinguine, solarbetriebene Libellen, Teetassen mit Veilchen bedruckt...ich kam aus der Freude gar nicht mehr raus. An meinem Esstisch wurde dann für einige Zeit wieder eine Tradition daraus, jeden neuen Katalog genau zu studieren, und es war hervorragendes Entertainment, denn mein Ex-Freund las mir die Texte in angemessen grandios-theatralischer und begeisterter Rede vor. Ich habe regelmäßig geweint vor lachen. Es war großartig. Zum Dank an den Versand habe ich ein paar kleine Bestellungen aufgegeben. Aber nicht genug - irgendwann wurde die Zustellung des Katalogs wieder eingestellt. Und nun poppte plötzlich diese Mail auf.

Seit ich noch tiefer im Jammertal stecke, als vor dem Verlassenwerden ohnehin schon, fordern alle möglichen Leute, die in therapeutischen Berufsfeldern arbeiten, dass ich mich bitte darauf konzentriere, was im Leben alles gut war/ist. Frau wird pausenlos dazu ermahnt, sich auf das Positive zu konzentrieren und sich ins Bewusstsein zu rufen, dass niemals alles nur schlecht ist. Es ist unmöglich, dass alles nur schlecht ist - das soll ich bitte jetzt endlich begreifen! 

Nun, solange mein Gegenüber sich nicht dazu versteigt, mir einreden zu wollen, alles - auch jede persönliche Katastrophe - sei für etwas gut, bleibe ich zumeist noch halbwegs höflich. Wer insistiert, guckt allerdings leicht mal schnell betroffen aus der Wäsche, wenn ich fertig bin. 

Manchmal machen sie lenkende Vorschläge, um mir auf die Sprünge zu helfen. Das geht immer schief:

"Sie haben doch so eine schöne Wohnung." - "Ja, die ich mir vielleicht irgendwann nicht mehr leisten kann, und die Sorge lässt mich nachts nicht schlafen. Außerdem finde ich sie schon lange nicht mehr besonders schön. Aber es kauft sie mir auch keiner ab, wie es aussieht."

"Aber Sie haben doch zwei süße Katzen." - "Ja, die ich mir vielleichtt irgendwann nicht mehr leisten kann, und das erfüllt mich täglich mit Panik. Außerdem halten sie mich nachts wach und fallen mir immer öfter auf die Nerven. Dann fühle ich mich dafür schuldig, dass ich von ihnen genervt bin. Und dass ich nicht mehr mit ihnen spiele, weil mir die Energie fehlt."

"Sie waren in Ihrer Beziehung doch auch nicht komplett glücklich. Da ist es doch gut, dass Sie jetzt frei für etwas schönes Neues sind." - "Ich habe mich nicht getrennt, weil ich nicht den letzten Funken Hoffnung auf eine fröhlichere Zukunft aufgeben wollte. Und diese Hoffnung hing an der Beziehung und unseren Plänen. Ich wollte nicht zugeben, dass ich Jahre an ein augenscheinlich sinnloses Projekt verschwendet hatte, das mir trotzdem so sehr am Herzen lag. Ich wollte ein Zuhause und es war, verdammt nochmal, wirklich der schlechteste Moment für einen solchen Schlag, weil es mir eh schon so fürchterlich mies ging. Und Waren Sie in letzter Zeit mal auf einem Partnersuche-Portal? Schön ist es da wirklich nicht. Ach, und hatte ich schon erwähnt, dass der Ex neuerdings versucht, über gemeinsame Bekannte an Informationen über mich heranzukommen? Das ist ein ganz schön gruseliger Gipfel, das kann ich Ihnen sagen."

"Sie können doch stolz sein, dass Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn so vielen Menschen Unterstützung und Hilfe haben zukommen lassen." - "Wissen Sie, was ich eigentlich beruflich vorhatte? Einen Oscar für das beste Drehbuch zu gewinnen."

"Was könnten Sie sich denn heute noch Gutes tun, um es sich ein bisschen schön zu machen?" - "Ich will lieber nicht auch noch im Knast landen. Gehe ich wohl besser schlafen."

"Es wird wieder besser. Es dauert eben nur seine Zeit." - "Was soll das heißen, wieder besser? Ich erinnere mich wirklich nicht daran, dass es nachhaltig gut war. Ich erinnere mich hauptsächlich an 52 Jahre Kampf. Und jetzt bin ich langsam zu müde für all das."

Mir ist nicht klar, was die Tatsache, dass nicht alles im Leben schlecht war oder ist, damit zu tun hat, dass ich dieser Tage dieses Leben immer öfter nicht mehr will. Ich soll doch eigentlich auch immer im Jetzt leben. Oder wie war das bitte noch? Und wäre vorher tatsächlich so ziemlich alles wunderbar gewesen, würde es mir jetzt wirklich besser gehen, wenn ich mich an das erinnere, was ich mit einem Fingerschnippen verloren habe? 

Ich erzähle ja immer wieder gern von einem Zitat, das ich vor Jahrzehnten in einer Traumschiff-Episode aufgeschnappt habe: Es ist besser, etwas gehabt und verloren zu haben, als es nie besessen zu haben. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Mir scheint, der Preis für vieles, was sich gelegentlich oder kurz gut anfühlt, ist hinterher oft unverhältnismäßig hoch.

Im Grunde ist das Herumgereite auf dem Hervorheben des Positiven genauso hilfereich, wie der Hinweis, dass es anderen Menschen in ihren Lebensgeschichten noch viel schlechter geht/ging. Der Vergleich ist wirkungslos, egal ob mit dem eigenen oder anderen Leben. Denn das individuelle Leiden im Innern ist immer unvergleichlich. Und ja, das eigene Hemd lässt sich nicht ausziehen.

Einkaufen hilft. Vielleicht bestelle ich irgendetwas Leuchtendes bei 3Pagen.

NH