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Freitag, 23. Februar 2024

Aus dem Nähkästchen: Beziehungstipps


Der mehrstufige, aufklappbaren Nähkasten, dessen Inhalt ich fotografiert habe, war ein Weihnachtsgeschenk. Ich habe ihn auf einem Weihnachtsmarkt an einem Stand für Antiquitäten gesehen und ihn mir gewünscht. Er war voll mit Utensilien, so wie der Nähkorb meiner Mutter, den ich auch noch immer besitze - zusammen mit ihren Garnspulen, die in einem transparenten, länglichen Plastikbehälter sorgfältig farblich sortiert auf kleinen Plastikstäbchen sitzen, wie in einem Bus. 

Nähkästen sind Frauengeschichte. Sie sind Wahrzeichen für die Sorge der Hüterin des Hauses für die Menschen und Dinge, die sich darin befinden. Es wird repariert, gepflegt, verwandelt und vor allem zusammengehalten. Es entsteht Neues. Manchmal aus Altem. Die Grundlegenden Dinge des Lebens werden von ihr im Fluss gehalten. Der Nähkasten markierte den Bereich ihrer Verantwortung und ihres Wirkens, aber auch die bis heute vorhandene Einschränkung. Denn natürlich steht der Nähkasten auch für erzwungene Häuslichkeit und unterschätzte bzw. missachtete Leistung und Wirkung - und für das spezifische Wissen, das aus einer solch eingeschränkten, weiblichen Existenz erwächst.



Ich bekam also den Kasten zu Weihnachten mit Inhalt und wartete dann Monate, um ihn zu öffnen und die Alltagsschätze meiner Vorbesitzerin zu sichten. Ich wartete auf den richtigen Moment, so als würde sich mit ihm womöglich ein größeres, umfassenderes Geheimnis eröffnen. Dafür würde ich Zeit und angemessene Ruhe und Aufmerksamkeit brauchen. So bewegt ich schließlich davon war, diesen kleinen persönlichen Einblick in das Leben einer Unbekannten zu bekommen, so war das Gefühl der Verbindung bzw. die zwischen den Knöpfen und Nadeln konservierte Weisheit nicht annähernd so stark wie gehofft. Und zwei Tage später beendete mein Ex unsere Beziehung.

Das Wissen anderer Frauen

Ich quäle mich gerade durch Nicole Jägers letztes Werk "Unkaputtbar". Erstens sind toxische Beziehungen seit geraumer Zeit mein Lebensthema - länger, als mir bewusst war. Und zweitens dachte ich mir, dass, wenn die Frau Jäger aus ihren vergangenen Liebschaften einen ganzen Ratgeber machen kann, dann kann ich zumindest einen Blogpost dabei rausholen. Natürlich ist es der Frau Jäger nur gelungen, ein dickes Buch zu schreiben, weil sie, wie bei jeder ihrer Veröffentlichungen, immer und immer wieder den gleichen Inhalt wiederkäut. Aber dazu mehr in der Rezension des Buches, die, hoffentlich, irgendwann zeitnah folgt.

Nachdem ich vor ein paar Monaten nach sechseinhalb Jahren verlassen und dadurch in das tiefste und schwärzeste Loch meines Lebens geschubst worden bin (und regelmäßige Leser*innen wissen, dass ich mit mich Depression und Unzufriedenheit Zeit meines Lebens schon immer ganz gut ausgekannt habe), kann ich rückblickend von festen Verbindungen mit Männern eigentlich ohnehin nur abraten. Wie gesagt: Vier maßgebliche gescheiterte Beziehungen (von kurzen Episoden und Dates ist hier natürlich nicht die Rede) liegen hinter mir. Das ist gut eine pro Jahrzehnt meines Erwachsenenlebens und mag für manche noch überschaubar erscheinen. Für mich war es mit meiner Verlustangst und meinen Ansprüchen an einen Partner auf jeden Fall zu guter Letzt nicht mehr so richtig verkraftbar.

Meiner Erfahrung nach ist der Preis, der hinterher und im Verlauf vermutlich gezahlt wird, ohnehin immer - ja wirklich immer - viel zu hoch, für das, was am Ende bleibt - selbst dann, wenn das Ganze nicht mit einem riesigen Getöse und Geheule in die Brüche geht, sondern sich immer weiter zieht, bis es gnädig versandet. Das will natürlich nicht jede*r hören. Ich eigentlich auch nicht, aber sei es drum.

Insbesondere zu den frühen Warnzeichen der ersten Tage, Wochen und Monate in der Beziehung mit einem Mann kann ich Folgendes zur Unterhaltung beitragen:

1. Du stehst zum ersten Mal in seiner Wohnung und er erzählt dir umgeben von Müll und Gerümpel, er sei nur nach seinem Einzug noch nicht zum Aufräumen gekommen, obwohl du ja nicht blöd bist und sehr wohl weißt, dass du dich in einer Messie-Wohnung befindest. Entweder du nimmst jetzt die Füße in die Hand, oder aber gibst den Wunsch nach einer gemeinsam komfortabel bewohnbaren Wohnung am besten gleich an der Tür ab. Lügen und Gerümpel sind eine richtig schlechte Basis für eine gemeinsame Zukunft.

2. Es befindet sich kein Buch in der Wohnung. So oder so ein schlechtes Zeichen. Auf Nachfrage erfährst du, dass er die Bücher, die er angeblich schon liest, im Keller lagert, weil sie die Optik stören. Auch hier stellt sich die Frage nach den Zukunftsplänen. Natürlich muss frau die gar nicht erst haben - dann ist sie fein raus.



3. Ein weiteres frühes Warnsignal ist, wenn bereits kurz nach dem offiziellen Start der Beziehung grundlegende Hygiene zum wiederkehrenden Problem wird. Schlechter Atem, Schweißgeruch, dreckige Fingernägel, usw. gab es vor dir auch schon, und es fehlt ihm der Drive (und der Respekt), über die Honeymoon-Phase hinaus normale Pflegerituale aufrechtzuerhalten und sich regelmäßig was Sauberes anzuziehen. Darum also der Rückfall in die alte Normalität. Grundsatzgespräche über Körperpflege werden ein ständig notwendiges Ereignis sein. Wenn du das nicht willst, zieh die Reißleine lieber gleich.

4. Erst soll alles ganz schnell gehen. Wohnungsschlüssel werden sofort ausgetauscht, Heiratspläne bereits nach Wochen geschmiedet (fast wird schon der Tanzkurs belegt, damit das Paar beim Hochzeitsfest eine gute Figur macht) und nach einem gemeinsamen Haus wird ebenfalls schon aktiv gesucht. Wenn in Wirbelwindgeschwindigkeit mit allem ernst gemacht soll, stellt sich die Frage, warum überhaupt so hastig? Was soll das sein - Love-Bombing? Auf jeden Fall ist es notwendig, hier zeitnah und ebenso rasch vorher alle wichtigen Informationen einzufordern - z.B. wer soll das alles bezahlen? Oder: Wie viele Leichen liegen da im Keller?



5. Wenn sein Auto überraschend abgeholt wird, weil die Raten nicht mehr bezahlt worden sind, ist das ein Zeichen, dass er offenbar etwas verschwiegen bzw. gelogen hat. Es ist deine Entscheidung, ob du dich mit den finanziellen Problemen eines Partners herumschlagen willst, denn das wirst du, wenn du in der Beziehung bleibst, aber mach dir auf jeden Fall klar, dass du nie alles weißt. Da ist auf jeden Fall immer noch mehr Geldärger, von dem du erst erfahren wirst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.

6. Alkohol und Drogen sind wie Schulden und Chaos oder Agoraphobie und Putzzwang - wenn du Lust hast, jemanden zu pflegen und zu therapieren, die sicheren Rückschläge und jahrelange Enttäuschung auszuhalten, dich regelmäßig anschwindeln zu lassen und dich in der Zwischenzeit über die (ganz) kleinen Dinge zu freuen, dann bleib ruhig da.

7. Mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von gegenseitiger Verantwortung füreinander sollten immer ein rotes Tuch sein. Wenn du fast an einer Fischvergiftung stirbst und er auch nach Stunden des Kotzens nicht aufsteht, um nach dir zu sehen, verabschiede dich besser, sobald es dir besser geht. Wenn du nach einer Routine-Operation auf der Intensivstation landest und das Krankenhaus ihn nicht erreichen kann, weil er bei fremden Nummern nicht ans Telefon geht, verabschiede dich, wenn es dir wieder besser geht. Oder tue es lieber gleich.



8. Zuverlässigkeit und Respekt gehen Hand in Hand. Wenn er mit deiner Zeit so umgeht, als wäre sie nichts wert und dich regelmäßig ohne guten Grund warten lässt, mach dir klar, dass du offenbar keine Priorität hast. 

9. Wenn in seiner Wohnung nur großformatige Bilder von ihm selbst hängen, lass es besser.

10. Wenn er sich nicht wirklich für deine Arbeit interessiert, bzw. seine immer wichtiger ist, ist das langfristig schlecht für dein Selbstwertgefühl. Das ist am Ende womöglich ein ziemlich hoher Preis.

11. Wenn die Trennung von der Partnerin vor dir erst eine kurze Zeit her ist, und er es ganz offenkundig auch noch nicht geschafft hat, sich komplett abzunabeln, wird das unweigerlich zu Problemen führen. Es gibt Fälle, da klappt das mit der Abnabelung von der Ex übrigens über Jahre hinweg nicht. Just sayin'. Schön ist das nicht.



12. Sollte es mit der Kommunikation von Anfang an holperig sein, sollte er Auseinandersetzungen und Klärung regelmäßig umgehen wollen und sich wegducken, wird es in Zukunft nicht besser werden. Auch wenn bereits in der ersten Phase der Beziehung seine Launen schwanken, es ihn augenscheinlich oft nicht interessiert, wie es dir eigentlich geht und du dir seiner Gefühle nicht wirklich sicher sein kannst, bringe dich besser in Sicherheit, denn ständige Ungewissheit kann zermürben und das Leben ziemlich unerträglich machen.

13. Wenn er Dinge, die dir gehören, in deinem Haushalt oder an deinem Auto kaputt macht, aber sich nie entschuldigt oder seine Haftpflichtversicherung ins Spiel bringt, ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.

14. Wenn er sich fortgesetzt über dich und das, was dir wichtig ist, milde lustig macht, bzw. häufig stichelt und dich mit Humor getarnt kritisiert, renn so schnell du kannst. Du kannst es dir auf keinen Fall leisten, dich so behandeln zu lassen.







NH

Samstag, 7. Oktober 2023

"Ich bin ja nicht weg"


The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster. 
(aus "One Art" von Elizabeth Bishop)

Die größte Angst, die mich im Augenblick hauptsächlich noch umtreibt, ist, jemanden komplett zu verlieren, so als wäre er tot, ohne dass er tot ist.

Um das mit einem vielleicht nicht ganz exakt passenden Beispiel noch zu verdeutlichen: Die absolute Horrorvorstellung als Katzenmutter von Freigängerkatzen war stets, nicht der Tod einer Katze, sondern das spurlose Verschwinden und die Ungewissheit über den Verbleib des Tieres, darüber, wie es ihm geht sowie die Frage, ob ich noch etwas tun könnte, um es zu retten, wenn ich nur das Richtige zu tun wüsste.

Wie wiederholt berichtet - ich verstehe was von Verlust. Worin ich naturgemäß nicht gut bin, ist Menschen oder Tiere zu verlieren. Wer ist das schon? Aber meine nicht unerhebliche Verlustangst traf in meiner letzten Beziehung auf sehr viel passiv-aggressive, emotionale und sogar tatsächliche Nicht-Verfügbarkeit. Das tat mir nie gut und war oft eine Quelle großer Enttäuschung, aber auch von Angst und Sorge. Wir haben nicht zusammen gewohnt, und wenn wir nicht räumlich beisammen waren, waren Kommunikation und Kontakt mitunter schleppend bis unterbunden. Ich habe mir daraufhin oft ganz praktisch Sorgen gemacht, ob etwas passiert sein könnte. Andererseits fühlte ich mich auch häufig ängstlich und unsicher, was meine Rolle und meinen Wert in der Beziehung anging.

Allerdings habe ich ein Recht auf das immerwieder fett unterstrichene Vorhaben, "Freunde zu bleiben", weiter Kontakt zu halten und gar zukünftig gemeinsam Dinge zu unternehemen, scheinbar verwirkt. Ich bin in Ungnade gefallen, weil ich angesichts dessen, was mir angetan worden war, mit Wut und Eifersucht und noch mehr Wut reagiert habe. Am Esstisch und am Telefon.

Wenn das mit der Freundschaft je ernst gemeint gewesen war (und wer weiß das schon), dann muss die Überraschung über meine normale und menschliche Reaktion ja ziemlich groß und regelrecht schockierend gewesen sein. Die offensichtliche Frage ist, wie kann das sein? Wer rechnet denn in so einem Szenario nicht mit einer solchen Reaktion? Und wie fair ist es, die blutrote Verzweiflung eines auf diese Weise betrogenen und verletzten Menschen wirklich am Ende auch noch gegen sie zu verwenden?

Lasst mich hier komplett klar sein: Keine meiner Reaktionen war überzogen oder unangemessen im Hinblick auf die Umstände, die ich nicht kreiert hatte. Das weiß ich ganz sicher. Ich bin vor den Bus geschubst worden. Dass der selbe Bus dann den Ex in seiner Gefühlswelt auch noch angefahren hat, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist schlicht kindlich und egozentrisch zu glauben, Menschen auf bestimmte Weise  behandeln zu dürfen und sich dann zu beschweren, wen sie adäquat und zutiefst menschlich antworten. Und dabei womöglich fluchen. Ich weiß, wie konnte ich nur...

Ich hätte mir gewünscht, in meinem Ausnahmezustand und meinem Schmerz auch besonders in der Phase der Zuspitzung noch irgendwie gesehen zu werden. Das hätte ich anständig und angebracht gefunden. Und ich hätte obendrein sehr gern ein wie auch immer fortgeführtes freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Das tue ich noch immer. Wut und ausgestreckte Hände schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle erzählt, dass ich neben Wut und Verzweiflung trotzdem auch stets dafür gekämpft habe - ich habe Angebote gemacht, ich habe Zeichen desetzt, ich habe mich geöffnet, ich habe ihn nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen oder ignoriert - weder vor noch nach dem ganz großen Knall. 

Und dessen Wirkung scheint, was mich betrifft, nun an manchen Tagen sogar weitgehend verpufft. So schnell kann es dann manchmal doch gehen. Die ohnmächtige Fassungslosigkeit angesichts der Eröffnung, wer meine Nachfolgerin war - geschenkt. 

Heute Nachmittag dachte ich, ich würde einfach nur gern anrufen können und fragen, ob er mal wieder Lust auf unser ehemaliges Sushi-Stammrestaurant hätte. Da war ich nun seit Monaten nicht. Aber ich könnte ihn dafür auch dann nicht anrufen, wenn ich es vorhätte. Für wichtigere, rein praktische Anliegen, die wir noch zu klären hätten, ginge das ebenfalls nicht. Ich bin nämlich geblockt worden. Und auch auf Textanfragen erhalte ich keine Antwort. Im Prinzip ist da ironischerweise mitunter gar kein Unterschied, ob wir in unserer Beziehung sind oder nicht... 

Dass wir auf diese Weise bestimmte Angelegenheiten nie komplett auseinanderfriemeln werden, die eigentlich jetzt abschließend noch anstünden, und die Entscheidungen alle an mir hängenbleiben, ist auch klar. Wer aber nun doch einen endgültigen Schlussstrich will, sollte die Abwicklung nicht pausenlos verhindern und alles mal wieder bis in alle Ewigkeit hinauszögern. Es sei denn, er will den Schlussstrich gar nicht. 


NH

Freitag, 11. Mai 2018

Follow me around 58: Aufholen

DAS will ich. Eine Festung. (Dömitz)
Also, ich entschuldige mich gleich schon einmal im Vorfeld, mit Nachdruck und bei fast allen, die in den letzten 18 Monaten irgendetwas von mir wollten, oder denen ich versprochen habe, dass ich mich melde. Ich habe es nicht getan, und werde es womöglich auch so schnell nicht nachholen. Darüber hinaus hat eine notwendige Wiederbelebung meines Handys gestern mein WhatsApp getötet. Wenn wir also lose Pläne hatten, besteht eine gute Chance, dass ich sie jetzt komplett aus den Augen verliere. Ich verspreche lieber nichts mehr.

Außer dass ich in den kommenden Tagen Nicole Jägers unsägliches "Nicht direkt perfekt" ausgelesen haben werde und dann hier garantiert die Rezension dazu schreibe. Der ganze Krampf kann schließlich nicht umsonst gewesen sein. Ich lese im Auto. Wenn ich zwischen zwei Terminen Wartezeit überbrücken muss. Da kommt man nicht rasend schnell voran. Heute fiel mir im Buchladen zufällig Sarina Nowaks "Curvy" in die Hände. Das nehme ich dann als nächstes mit ins Auto. Ich musste sie googeln...Sie lacht wirklich sehr, sehr viel auf ihren Unterwäschebildern, nicht wahr?...Aber ich versuche ja, unvoreingenommen zu sein. Hüstel.

Insgesamt bin ich gerade tatsächlich in eher mieser Stimmung. In einem netten Kommentar wurde vermutet, dass ich in dieser Phase meines Lebens zu glücklich sei, um Blogposts zu schreiben. Das bin ich nicht. Ich bin einfach selbstorganisatorisch so weit ins Hintertreffen geraten, seit Mann und Hund in die Alltags- und Lebensplanung einzubeziehen sind, dass an den Seiten vieles von dem, was mir durchaus auch wichtig wäre, runtergefallen ist. Ich bin jetzt so eine, die bei Einladungen von Freundinnen Sachen sagt, wie "Das muss ich kurz mit Oliver abklären" oder "Ich frag mal gerade, ob wir da was vorhatten". Und während ich über Mann und Hund weiterhin sehr froh bin, bin es ich über das sich vertiefende Chaos nicht. Die beiden (nicht mehr ganz so) Neuen brauchen Zeit und Platz in jeder Hinsicht. Sie machen Unordnung und Lärm - buchstäblich und auch sonst. Und ich habe als neurotische Einzelgängerin zunehmend echte Adjustment-Schwierigkeiten. Als ob mein eigener Klumpatsch im Alltag früher nicht schon genug Herausforderung für mich gewesen wäre. Der Göttin sei Dank verstehen sich die Tiere wirklich prächtig. Corbinian findet es super, dass er jetzt einen eigenen Hund hat. Wie es so meine Natur ist, versuche ich in der Zwischenzeit, uns alle nebst persönlicher Eigenheiten und Bedürfnisse zu koordinieren. Und scheitere mitunter im ganz großen Stil. Mir ist auch klar, dass es hier kaum eine zufriedenstellende Lösung gibt. Wo man viel und eng aufeinander hockt, da ist es eben so, dass man sich auch in die Quere kommt. So sind Beziehungen, die nicht locker sind. Und locker sind wir nicht.

Während ich das hier schreibe, sehe ich meinen neuen Nachbarn aus den Augenwinkeln seine Terrasse putzen. Er kommt mir dabei sehr nah. Mindestabstände zur Grundstücksgrenze sind halt oft nicht wirklich menschenfreundlich. Und nicht einen Zentimeter mehr hatten die neuen Nachbarn zu erübrigen. Zur Erinnerung: Ich habe mir vor 9 Jahren eine Wohnung ausgesucht, von deren Fenstern aus ich in dichte Gärten schaute. Erst in meinen und dann zusätzlich in den dahinterliegenden. Dann wurde vor ca. zwei Jahren das alte Häuschen mit dem großen Garten verkauft und von den neuen Besitzern mit dem geschmacklosesten, raffgierigsten Versorgungsbunker bebaut, den man sich so denken kann, bzw. der gesamte Garten wurde zugeschüttet, um die Besitzer, deren alte Eltern und noch drei zusätzliche Mietparteien gestapelt auf dem Gelände unterzubringen. Die Nachbarschaft fragt sich noch immer, wie die überhaupt die Baugenehmigung für so ein Ungetüm bekommen haben. Und erst bei der letzten Kommunalwahl scheint das Zukleistern des Ortes mit überdimensionierten Horrorkästen ein Thema von gewisser Dringlichkeit geworden zu sein. Zu spät für uns. Mir ging es mit der Baustelle nebenan ein Jahr lang wie einem Gorilla in einem WWF-Werbespot, während die Bullodozer eine Schneise durch den Urwald schlagen und sekündlich seinen Lebensraum niederwalzen.

Dummerweise hat sich das Gefühl nicht wirklich verändert. Die neuen Bewohner, die sich komplett freiwillig und für viel Geld (wir reden hier nicht von "bezahlbarem Wohnraum") so einquartiert haben, dass sie ihren Nachbarn direkt in die Fenster glotzen und in die Suppe spucken können, sind nämlich nicht dezent und unsichtbar. Dafür aber zwanghaft und freudlos. Sie fegen und wischen ihre Terrasse. Feucht. Manchmal auf Knien. Sie beziehen ihre Gartenmöbel zu deren Schutz mit Plastikfolie. Sie verteilen über Tage hinweg mit aufwendiger Planung und viel Geraschel graue Holzstückchen am Rand der Terrasse, um möglichen Unkräutern Einhalt zu gebieten. Unablässig werden Sitzkissen, Gartenlaternen in allen Formen und Keramikhühner hin und her drapiert, um den perfekten Camping-Chic endlich zu erreichen. Und wenn es dann dunkel wird, bescheinen solarbetriebene Libellen in Multicolor das Werk...Ja, ich bin ein Snob. Hab nie etwas anderes behauptet.

Und ich kann einfach nicht weggucken und nicht aufhören, mich zu grämen. Die Geräusche und die Bewegung im Augenwinkel sind wie eine nervige, hochmotorige Stubenfliege. Die Sinnlosigkeit des aufgeregten Treibens auf der Terrasse nebenan schafft mich, und einen hohen Zaun kann ich mir zur Zeit nicht leisten. Abgesehen davon, dass über den Zaun hinaus ja auch noch immer zwei Drittel des Grauens in die Höhe ragen würden. Bäume wären ganz gut. Aber die brauchen bekanntlich ein paar Jahrzehnte.

Ich will (eigentlich) weg.

Oliver und ich haben längst darüber gesprochen zusammenzuziehen. Wir haben sogar schon Häuser angesehen. Aber dann kam wieder was dazwischen. Gleichzeitig stehen mir beim Gedanken an eine Konsolidierung unserer Haushalte zumindest innerlich die Haare zu Berge. Ich bin mit der kompletten Ordnung und dem Decluttern, also Ausmisten meiner Habe, wie mit all meinen Projekten, erheblich im Rückstand. Aber ich bin noch dabei. Mehr oder weniger versessen und manchmal für Außenstehende vermutlich gar ein wenig verbissen. Aber ich weiß halt, dass Ordnung und das Beseitigen von Kram ganz sicher wirken, wenn es um Lebensqualität geht. Natürlich weiß ich auch, wie beschwerlich die Reise ist, und plane genau dazu schon seit langem eine Reihe von YouTube-Videos. Wenn es gut läuft, drehe ich das erste doch endlich mal nächste Woche.

NH

Samstag, 10. September 2016

Follow me around 52: Neid



Für einen winzigen Augenblick dachte ich, ich hätte plötzlich doch jemanden gefunden, mit dem vielleicht irgendwann unter Umständen eventuell eine Beziehung möglich werden könnte. Das Gefühl dauerte genau einen Tag. Und dann floppte zunächst alles wieder ins verhaltene, zwischenmenschliche Chaos, um danach, wie gewöhnlich, zu freudloser, grotesker Leere zu werden.

Warum kann ich nicht wenigstens einmal im Leben genau das bekommen, was ich in der gegenwärtigen Lebenssituation auch am dringendsten will? 

Einer meiner Nachbarn, Endreißiger, stockig und stumpf, trüber Tassenblick, langsamer Kopf, fragwürdige Grammatik, kümmert sich einen Scheiß um irgendwas auf der Welt, Socken in den Sandalen zum Iron-Maiden-T-shirt, verkauft übrigens seine Wohnung, um mit seiner (eigentlich noch recht neuen) Freundin zusammenzuziehen. Die beiden tragen schon Parkettmuster in einer Plastikwanne mit sich herum und stellen sie gelegentlich im Treppenhaus ab, so dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme. Irgendwann erwischt es offenbar jeden. Niemand kommt auf Dauer ohne Deckel davon. Nur an mir bliebe offenkundig auch dann keiner hängen, wenn ich fortan ausschließlich mit einer magnetischen Rüstung durch die Gegend liefe.

Man fragt sich, wie der Rest der Welt es schafft, doch am Ende immer wieder zumindest zeitweise in konventionelles Fahrwasser zurückzufinden, während man selbst seit seiner Geburt nicht im Stande gewesen ist, aus dem Strudel, der einem damals offenbar zugewiesen wurde, herauszurudern. Das ist selbstverständlich eine gänzlich sinnlose Frage, die sehr viel Realität ausblendet, das weiß ich auch, danke sehr - aber so fühlt sich nun einmal an. Und ich werde grün vor Neid, wenn ich mir vorstelle, wie die beiden (mein Nachbar und seine Freundin) in ihren Caterpillar-Sandalen durch Möbelhäuser laufen, auf der Suche nach einem Eckalcantarasofa in Rost, auf dem sie dann beide genug Platz haben, um sich beim Fernsehen lang auszustrecken.

Einmal würde ich noch gern so richtig gewollt werden, bevor ich komplett ergraut und verschrumpelt bin. Aber es sieht verdammt nicht gut aus. Und eigentlich hatte ich das Unterfangen ja auch aufgeben wollen.

Die hier ja schon öfter bemühte Rebecca Niazi-Shahabi macht sich natürlich zu Recht darüber lustig, dass Beziehungsfähigkeit aus ihrer Sicht wirklich nur von einer Sache abhängt, nämlich von der Bereitschaft, die eigenen Erwartungen an einen Partner möglichst radikal herunterzuschrauben. Wie ich dereinst schon berichtete, habe ich das sogar versucht...und bin dann abserviert worden, weil der, den ich gar nicht so schrecklich gern wollte, sich kurzerhand in jemand anderen verliebt hat, die sich erstaunlicherweise auch in ihn verliebt hat. Offenbar verlieben sich pausenlos Leute ineinander. In mich allerdings nicht. Aber ich kann das nicht ändern. Das wenigstens habe ich begriffen.

Mit der Akzeptanz hingegen  tue ich mich weiterhin denkbar schwer. Und habe mich so gestern in durchwachter Nacht bei Gleichklang.de angemeldet, den Mitgliedsbeitrag für ein Jahr bezahlt und es nach kaum mehr als 15 Minuten auch schon bereut. Ich hatte offenbar überlesen, dass man sich bei Gleichklang.de nicht selbst auf die Suche nach einem Partner machen darf, sondern dass einem basierend auf den persönlichen Angaben, die man auf einem recht langen Fragebogen hinterlegen muss, Partnervorschläge unterbreitet werden. Wenn man Glück hat. Ich habe bisher ganze sechs Vorschläge erhalten. Einer der für mich ausgewählten Kandidaten hat übrigens das Asperger-Syndrom. Oh, wie sehr ich mir ein paar Wendungen und Ereignisse in meinem Leben wünschen würde, die sich mal ausnahmsweise nicht automatisch zur Satire eignen.

Aber es geht nicht nur um nicht funktionierende Beziehungen. Gepaart mit beruflichen Pleiten, stetig zunehmender Dünnhäutigkeit und Empfindlichkeit, sowie unendlicher Müdigkeit haben sie mich nach jahrelanger Pause mal wieder ins Sprechzimmer meines Psychiaters gebracht. Der fragte mich, was er mich auch zuvor immer gefragt hat: "Warum darf es Ihnen denn eigentlich nicht gut gehen?" Ich glaube, dabei kommt er sich verwegen kryptisch vor, also lasse ich ihn. Gleichwohl wusste ich, auch wie immer, natürlich keine Antwort darauf. Dann fand er, ich sei reif für eine stationäre Behandlung. Sechs Wochen mit Gruppensitzungen und Kunsttherapie. Yippie! Als ich das ablehnte, riet er mir zu einem Yoga-Kurs ("Den bezahlt vermutlich sogar Ihre Kasse."), und ich erinnerte mich wieder, warum ich ihn so lange nicht aufgesucht hatte.

Mein Leben steht weiterhin wie ein Sumpf. Während die Welt um mich herum aus den in diesem Jahr besonders zahlreichen und gefühlt unendlich langen Urlauben wiederkehrt, entwickelt und ergibt sich hier rein nichts - außer den Neurosen. Ich gehe nirgendwohin. Außer nach nebenan zu Ilse, die mir einen Kaffeebecher mit einem Froschkönig darauf geschenkt hat, als Glücksbringer, "damit mein Prinz bald kommt". Das Ergebnis war, dass ich über ihrem Pflaumenkuchen Rotz und Wasser geheult habe. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich nun tun soll. Mit mir, dem Blog und auch sonst.

Und morgen ist schon wieder Flohmarkt. Diesmal direkt vor meiner Haustür; das ist wenigstens nicht so anstrengend. Und man muss nicht bereits um sechs Uhr mit dem Aufbau beginnen. 1890 Gegenstände weniger...immerhin.

NH

Samstag, 30. Juli 2016

Follow me around 50: Life Update


So nennt man das ja unter Blogger- und Vloggerinnen, wenn man sich länger nicht gemeldet hat, und mal schnell vorbei kommt, um Bescheid zu sagen, dass man noch lebt.

Ja, ja - ich lebe noch. Gerade so. So fühlt es sich an. Tatsächlich habe ich gestern morgen in Endlosschleife gedacht: "Jetztsterbeichgleichjetztsterbeichgleichjetztsterbeichgleich..." Ich fühlte mich bei Aufstehen so mies, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob ich es bis über die Schwelle zum Badezimmer schaffen würde.

Der desolate Zustand ist zu zwei Dritteln seelisch und zu einem Drittel körperlich begründet. Die Mischung macht's: Sehr wenig und schlechter Schlaf, die Schwüle der letzen Tage, viel Bücken, Schleppen und auf dem Boden-Herumgerutsche, Sorgen um die berufliche Zukunft, Sorgen um Geld, Sorgen um den Kater (der fraß plötzlich nicht richtig), relative persönliche Einsamkeit, relative persönliche Enttäuschung und (bekanntlich) eine Art Grundverbitterung über den Stand meines Lebens, eine wachsende Unfähigkeit, der Flut der täglichen Ärgernisse etwas entgegenzusetzen, und all das natürlich entscheidend und unablässig befördert durch die psychischen Anstrengungen beim Aussortieren.

1321 Gegenstände weniger 

...seit Beginn meiner letzten von unendlich vielen Ausmistaktionen, die übrigens im März begonnen hat und deren Ziel es war, sich in 30 Tagen um 500 Gegenstände zu erleichtern.

Aussortieren ist und bleibt das Stichwort. Und obwohl Ausmisten schwer ist und dieses ohnehin schwere Zeiten sind, muss es gerade jetzt sein. Oder besser: Gerade deswegen. Der Kram ist Denkmal und Anklage und Hindernis und Energieräuber. Er muss erledigt werden, damit die Dinge hier anders laufen. Ich kann ihn nicht länger im Weg herumstehen lassen und denken, ich könnte mein Leben erfolgreich um ihn herumleben. Er ist Symptom und Ursache zugleich.

Dass der Prozess so lange dauert (mitunter eben sogar Jahre) mag für Außenstehende unverständlich sein, aber besteht nun einmal aus einer Vielzahl von Schritten, von denen jeder mehr oder weniger emotional besetzt ist.

Zunächst muss man alles hervorkramen und begutachten, dann entscheiden, ob man den Gegenstand behält oder nicht. Um dieses zu bewerkstelligen, gibt es verschiedenen Methoden, die je nach Situation greifen können. Uff. Wenn man ihn behält, muss man entscheiden, wie er in Zukunft verwahrt, bzw. mit den anderen Dingen, die bleiben, organisiert werden soll, so dass der Alltag mit ihm reibungslos läuft.

Bei den Gegenständen, die gehen, stellen sich natürlich noch viel mehr Fragen. 1.783.655 Fragen, um genau zu sein: Soll das gespendet, verschenkt, verkauft oder weggeworfen werden? Wer soll es kriegen? Wer könnte es wollen? Wenn es in den Müll soll, in welchen Müll? Wenn verkaufen, wie? Und wo bis dahin lagern? Grundsätzlich gilt es, aussortierte Dinge so schnell wie möglich wegzuschaffen, damit man gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt, und sie doch behalten will.  Das finale Abwickeln der Dinge ist aber fast nie so leicht, wie man sich das vielleicht vorstellt. In der Tat kann es gerade da ganz schön höllisch werden, es sei denn man bestellt einen Container, wirft alles hinein und denkt sich "Nach mir die Sintflut". Aber wer das so einfach kann, der hat vermutlich ohnehin kein Problem in diesem Bereich. Ich muss mich nun für kommenden Monat für die Teilnahme an Flohmärkten anmelden, obwohl ich mir geschworen hatte, dass ich das im Leben nie wieder tun würde.

Grüße von Gustav 

Beim Impfbesuch beim Tierarzt haben mich die großartigen Helferinnen wieder auf den letzten Stand darüber gebracht, wie es Gustav bei seinen neuen Menschen so geht. Und alles läuft prima. Er darf mittlerweile raus, kommt aber immer wieder zuverlässig nach Hause und verträgt sich sogar mit dem anderen Kater im Nachbarhaus. Natürlich bin ich noch immer und immer wieder unendlich erleichtert. Es sticht ein wenig, dass er und Corbinian sich nicht vertragen konnten...aber was hatten wir am Ende wirklich für ein unendliches Glück in dieser Sache.

Und dann auch noch das...

Wie durch Zufall bin ich in den letzen Wochen mit drei Männern kollidiert (zwei neu, einer alt). Das war vor allem im Abgang nicht schön - in keinem der drei Fälle. Wobei ich es bei einem hätte wissen können - bei dem war es jetzt der zweite Anlauf nach langer Zeit. Ich bin auch echt zu bescheuert.

Aber egal wie sorgfältig und, anders lässt es sich fast nicht sagen, kleinlich frau auswählt, mit wem sie ja wenigstens mal telefonieren oder einen Kaffee trinken könnte - am Ende implodiert stets alles. Gerne mal über einer Diskussion über weibliche Endungen in der deutschen Sprache und darüber, ob es denn nun wirklich nötig sei, Ampelweibchen einzuführen. Wohlgemerkt, diese Themen werden nicht von mir auf den Tisch gebracht. Im Leben käme ich nicht darauf. Vielmehr ist es so, dass Männer in einer Kennenlernsituation, die eigentlich im Idealfall zu einer Partnerschaft führen sollte, unbegreiflicherweise gern beginnen, mit mir zu streiten. Es ist, als ob auf meiner Stirn plötzlich der Schriftzug "radikale Feministin" (was ich vermutlich auch bin) sichtbar wird. Und dann geht es los. Dann fangen sie an, sich ganz und gar ohne Angriff zu verteidigen, was das Zeug hält. Obwohl sie mich kurz vorher noch für ganz hübsch und freundlich gehalten haben. Dass ich ab dem Punkt dann schnell genervt bin von all dem aufgewiegelten Gejaule um Privilegien und dieses auch äußere - das gebe ich unumwunden zu.

Die letzen männlichen Flops - ich habe sie mir, wie fast alle zuvor, nicht selbst gesucht. Sie haben mich, wie immer, auf einer Dating-Seite im Internet gefunden. Warum ich mich bei all dem Ungemach, und obwohl ich es schon lange vorhabe, nicht endlich bei finya.de abgemeldet habe? Ach, wer weiß...es wäre halt so schön und buchstäblich wunderbar, wenn doch noch der Richtige käme und mich dann auch noch ertragen könnte. Irgendwer, ich glaube, es war eine Freundin, nannte es "dem Schicksal zumindest eine Chance geben".

Zur Strafe für meine Inkonsequenz und Trudelei bekam ich dann von der Plattform unlängst als "Partnervorschlag" meine letzte und zutiefst traurig verlaufene große Liebe untergeschoben. Ich blinzelte, schluckte und klickte dann auf das Bildchen, obwohl ich das sicher nicht hätte tun sollen...whatever. Sieht ganz so aus, als ob wir beide ähnlich unverkäuflich sind. Was damit zu tun haben könnte, dass wir uns in vielerlei Hinsicht verdammt ähnlich sind.

Jetzt guck doch nicht schon wieder so empört, weißt du doch selber.

Der Himmel verschwindet

Das Haus nebenan wird immer höher. Die Vermutung ist, dass auf den ersten Stock nun noch so eine Art Penthouse gesetzt wird. Was auch immer es ist, ich werde danach von meinen Fenstern aus den Himmel nicht mehr sehen können. Wie es möglich war, eine Genehmigung für einen solchen Bau an dieser Stelle zu bekommen, ist mir schleierhaft.

Ich hatte vor Monaten bereits ein Informationsverfahren bei der Bauaufsicht angestrengt, und als es in die zweite Phase gehen sollte, den Vorgang an unsere Hausverwaltung abgegeben, weil die sich angeboten hatte, mir die Arbeit ab da abzunehmen. Ich war erstaunt und dankbar. Danach kam nix mehr. Weil die Hausverwaltung offenbar Besseres zu tun und ich schlicht keine Energie mehr hatte, um sie auf angemessene Weise zu erinnern...Irgendwann in meinem Leben möchte ich mal die sein, die sich anderen auf massive und permanente Art aufzwingt, sei es durch Lärm, Dreck, Gestank Verrücktheit, Mauern oder Hindernisse, und damit einfach so davon kommt. Ich wüsste gern, wie sich das anfühlt. Es muss eine Befriedigung sein, die ich gern kennen würde. Wahrscheinlich könnte man diese aber ohnehin nur so richtig spüren, wenn man nicht zu sehr über sich selbst nachdenkt und nicht womöglich Zweifel oder ein schlechtes Gewissen hat.

Coming soon

Heute kam ein Mängelexemplar von Nadja Hermanns "Fettlogik überwinden" mit der Post. Amazon macht natürlich auch immer fleißig Vorschläge - und offenbar "kauften Kundinnen, die Nicole Jägers Schwindeldiätbuch gekauft haben, auch dieses", was nicht ohne Ironie ist, da die beiden "Camps" von Anhängern sich augenscheinlich auf den Tod nicht ausstehen können, und einer der höchstbewerteten  und längsten Kommentare zu Nicole Jägers Buch ein negativer ist - und den Titel "Fettlogik" trägt.

Bereits beim ersten Durchblättern von "Fettlogik" wird klar, dass das Werk vermutlich ganz genauso toxisch sein wird, wie ich es mir gedacht habe. Und ich habe mir für eine Sekunde überlegt: "Warum willst du dir das eigentlich antun?" Aber hey, dazu sind wir ja eigentlich hier...Ich werde jetzt erst einmal den "Forscher Rüther" googeln. Der wird im Buch auf Seite 153 augenscheinlich mir nichts, dir nichts als wissenschaftliche Quelle in den Ring geworfen, hat aber keine Fußnote und ist im Quellenverzeichnis unter seinem Namen nicht zu finden. Der "Forscher Rüther"...?! Ehrlich jetzt? Das kann ja heiter werden.


NH

Mittwoch, 12. August 2015

DIE DICKE DAME SUCHT DIE LIEBE: Das Herz ist ein einsamer Jäger*



Reality TV

Es hilft ja nix. Ich muss mich wieder auf die Suche machen. Ich will nämlich nicht allein sein. Ich will einen Lebenspartner. Denn zusammen ist man weniger allein. Und gleichzeitig hätte ich gern jemanden, für den ich in ein brennendes Haus zurücklaufen würde (außer dem Kater). Denn das gibt so etwas wie Sinn. Außerdem möchte ich zu jemandem gehören, jemanden unterstützen und mich auch festhalten können, wenn alles sonst eher wackelig ist.

Nun bin ich natürlich noch älter, als vor zwei Jahren und, es lässt sich nicht anders sagen, durch die Flops der hinter mir liegenden Dating-Phase ein wenig geschwächt und entmutigt.

Das zweitgrößte Hindernis ist und war mein Fett. Nicht, weil ich mich hässlich finde. Obwohl ich in letzter Zeit immer mal meine sich abermals leerende Haut betrachte und mir schon überlege, ob das jemandem, der nicht explizit darauf steht, doch noch irgendwie vermittelbar ist. Das Fett macht die Männerjagd schwieriger, weil es den Kreis der Interessierten, an denen ich auch interessiert bin, deutlich verringert. Das ist eine rein statistische Angelegenheit, der auch mit dickem Selbstbewusstsein nur schwer beizukommen sein dürfte: Die meisten Männer wollen, aus welchen Gründen es auch sei, noch immer keine dicke Partnerin (jedenfalls nicht öffentlich und offiziell), und damit wollen die meisten tollen Männer auch keine. Und tolle Kerle an sich gibt es ohnehin nicht wie Sand am Meer. 

Das wiederum bringt uns zum immer-und-ewigen Hauptproblem, dem eigenen Anspruch.
Klar, ich könnte zumindest mal versuchen, komplett offen zu sein. Für alles. Grrr. So wie es einem dusselige Selbsthilfebücher für Single-Frauen immer vorsorglich weismachen wollen. (Gibt es eigentlich ähnliche Dating-Ratgeber für Männer, abseits unsäglicher Pickup-Artistry? Und wird denen auch immer nahegelegt, mit ihren Partnerschaftszielen stets hübsch weit unten anzusetzen? Note to self: Bitte googeln!) Wenn man so ziemlich jeden nehmen würde, bleibt selbstverständlich auch einer kleben. Wenn alles, was man noch erwartet, ist, dass der Zukünftige möglichst nicht dreißig Jahre älter und kein verrückter Massenmörder ist, kann man das Aufgebot innerhalb von ein paar Stunden bestellen. Aber so läuft das halt nicht – und insbesondere bei mir hat sich nach den Erfahrungen der letzten Zeit ein noch zusätzlich erschwerender Antagonismus eingeschlichen. Ich mag zwar älter und unstraffer und noch unvermittelbarer sein denn je, aber will gleichzeitig nicht mal mehr einen doofen Prinzen auf’m Pferd. Ich. will. einen. König.

WANTED (am besten lebendig). Gestandener Mann mit Charakterstärke, persönlicher Größe, klarer Haltung und starker Schulter. Ferner unerlässlich: Intelligenz, Kreativität, progressive und liberale Grundeinstellung, schwarzer Humor, Selbstreflektiertheit, Kommunikativität, Leidenschaft, Feingefühl, Mut, sowie anständige Rechtschreibung. Muss in meinen Augen schöne Augen und Hände, sowie eine angenehme Stimme haben, gut riechen und Katzen mögen. Und Sex. Nett muss er übrigens nicht sein. Respektvoll ist besser.


Nun sagt mal, das ist doch nicht wirklich zu viel verlangt, oder? Das kann doch so unmöglich nicht sein! Also echt, jetzt…

Die DICKE DAME DATING TOUR 2015 beginnt übrigens todesmutig (meine Therapeutin wird stolz sein, wie Bolle) am kommenden Samstag (15. August), so ab 22:30 Uhr im Goldbekhaus. Da findet die Winterhuder Tanznacht statt…Göttin steh‘ mir bei.


NH


*Carson McCullers