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Dienstag, 17. März 2026

Männer - eine Abschlussrede


Wusstet Ihr, was der Begriff  "Alpine Divorce" bedeutet? Ich auch nicht, bis ihn mir @mirgehts_gucci auf Instagram erklärt hat. Offenbar beschreibt er das Phänomen, dass Männer als primär verantwortliche weil erfahrenere Wanderer und Bergsteiger mit ihren Partnerinnen Ausflüge in die wilde und potentiell gefährliche Natur der Berge machen, um sie dann dort zurückzulassen - mit der Absicht, sich ihrer so zu für immer zu entledigen. Mal klappt das, mal nicht. Wenn es klappt, ist eine Mordabsicht schwer nachweisbar. Alpine Divorce ist offenbar kein isoliertes Freak-Ereignis, es kommt wohl schon lange vor und öfter, als frau sich träumen lässt. It's quasi a thing.

Igitt, was ist das denn?

Im letzten Jahr schrieb Chanté Joseph für Vogue einen Artikel darüber, dass es peinlich ist, mit einem Mann verpartnert zu sein - besonders als Frau. Er sorgte für viel Aufregung, allerdings nicht bei mir, denn ich hatte ja keinen Partner mehr. Und als ich einen hatte, war das fraglos immerzu und auf vielfältige Art extrem peinlich.

Aber Peinlichkeit bringt dich nicht um. Wenn dein Freund nur peinlich ist, dann sei froh. Es ist immerhin erschreckend wahrscheinlich, dass er auch eine Gefahr für Leib und Leben darstellt. Männer bringen dich dauernd in Gefahr, z.B. dann, wenn frau ihnen das Steuer eines Autos überlässt. Meine Mutter hat bereits in grauer Vorzeit meinem Vater gedroht, sie würde mit mir an der nächsten Raststätte nicht mehr weiter mitfahren, wenn er nicht aufhören würde, so zu rasen. Ich habe Jahrzehnte später meinen Partner angeschrien, weil er in Rage auf ein Auto zuraste, das auch mit Idioten besetzt war. Keiner der Männer wollte ausweichen. Ich war diejenige, die eine zusätzliche Versicherung abgeschlossen hatte und diese auch bezahlte, damit er überhaupt mit meinem Auto fahren konnte. Denn er selbst hatte kein Auto mehr. Er war pleite. Und hätte mich an jenem Tag mit meinem eigenen Vehikel womöglich beinahe umgebracht. Ich erinnere mich übrigens auch noch gut an den waidwunden Blick, als ich ihm einst auf einem Parkplatz zurief, er solle sich zum Pinkeln nicht an sondern hinter den Baum stellen, schließlich sei er kein Hund.

Männer sind also gern beides: Peinlich und lebensgefährlich. Und mir kommt keiner mehr ins Haus. Denn der, den ich noch aushalten wollte, müsste aus einem Holz sein, das so gut wie nicht zu finden sein dürfte.

Das Private ist politisch. 

Im toxischen Dunste der Epstein-Files, angesichts der Trumpisierung der USA und fassungslos konfrontiert mit dem schamlosen Rechtsgeruckel durch unsere aktuelle Regierung unter einem Kanzler Merz (#MerzleckEier), dem Prototyp des alten weißen Mannes, und mit einem Frauenanteil von gerade noch 32% im  Budestag, erwarte ich von Männern, dass sie sich erklären, distanzieren, entschuldigen und einschreiten. Die Welt brennt und das ist und war ihre Schuld. Sie verhelfen Faschisten an die Macht. Sie zerstören die Umwelt. Sie beginnen Kriege. Sie vergewaltigen und morden. Alle zehn Minuten wird eine Frau auf dieser Welt Opfer eines Femizids. ALLE ZEHN MINUTEN. 

Frauen hassen das Patriarchat. Männer hassen Frauen.

Natürlich plane ich nach meinem letzten Beziehungscrash, als Crazy Cat Lady zu "enden". Was mehr könnte Frau wollen? Don't threaten me with a good time. Es hat halt nur wieder sehr viele Lektionen gebraucht, um zu begreifen und umzusetzen, was jüngere Generationen sehr viel einfacher kapiert haben. Unter jungen Frauen spricht es sich schneller rum, dass es peinlich ist, in einer Beziehung mit einem Mann zu "enden".

In vier Jahren werden, so die Berechnungen, 45% aller Frauen in westlichen Industrienationen unter 40 kinderlos und alleinlebend sein. Und das ist gut so, denn Frauen, die ohne Mann und Kinder sind, sind statistisch glücklicher. Und sie leben länger.

Warum sollte ich mit mehr als fünf Jahrzehnten und mit vermutlich rund 100 Beziehungsanbahnungsversuchen (Dates) mit Männern auf dem Buckel noch ein einziges Mal meinen häuslichen Frieden und meine Sicherheit für das Privileg eintauschen, einem ebenso alten Mann erklären zu dürfen, wie die Spülmaschine eingeräumt wird und warum es rassistisch ist, sich über asiatische Akzente lustig zu machen. 

Männer laufen entweder auf der Straße in dich rein, wenn du dich weigerst, ihnen auszuweichen. Oder sie laufen 100 Meter vor dir her. Ich bin dann immer mal gern stehengeblieben um abzuwarten, wie lang es wohl dauern würde, bis mein Partner merkt, dass er allein unterwegs ist. Manchmal war er schon außer Sichtweite, wenn das endlich passierte.

Was hat dich radikalisiert?

Ich war immer Feministin - immer, seit ich ungefähr zehn war und "Die dressierte Frau" von Hannelore Schütz in den Bücherwänden meiner Familie fand. Das war eine feministische Antwort auf das lächerliche, antifeministische Werk "Der dressierte Mann" von Esther Vilar und es machte mich zu dem, was ich heute noch immer bin. Ich erzähle immer wieder gern, dass meine Eltern von der Existenz des Buches gar nichts gewusst haben wollten und dementsprechend auch nicht wussten, wie es ins Haus gekommen war. Für mich war es ein intellektuelles und prägendes Wunder. Meine Mutter habe ich in den Jahren danach mit meinen Versuchen, sie zu emanzipieren, fast in den Wahnsinn getrieben - sie war damals gedanklich noch nicht so weit. Kurz danach wurde ich dann auch noch Vegetarierin. Es hörte halt nie auf mit dem Kind.

Ich dachte als junge Frau zuerst, Feministin und in einer Beziehung mit einem Mann zu sein - das geht. Mir wurde schnell klar, dass es nicht geht, ohne Federn zu lassen. Es kostete in (beinahe) jedem Fall unendliche Kraft, Prinzipien aufrechtzuerhalten, dauernde Konflikte auszuhalten und auszudiskutieren, zu erklären und zu belehren, oder sich mit den Kompromissen kompromittiert und mies zu fühlen. 

Die romantisch gemeinte Gesellschaft eines Mannes, das ist nun auch endlich bei mir angekommen, ist die Mühe nicht wert. Und Sex war meiner Erfahrung nach auch immer mit unverhätnismäßig viel Aufwand verbunden für etwas, was ich am Ende ohne Mann viel einfacher hätte haben können. Ehrlich, wenn ich noch einmal so viel Zeit für irgendetwas übrig habe, lese ich lieber mal wieder ein gutes Gedicht.


NH

Montag, 24. Juni 2024

Ausgelesen: Unkaputtbar von Nicole Jäger

Die Frage ist ja immer, was frau der Frau Jäger eigentlich glauben kann. Denn sie hat die Eigenschaft, über angeblich selbst gemachte Erfahrungen so zu schreiben, als habe sie keinen blassen Schimmer, wie sich diese für sie angefühlt haben, bzw. wie ihre Manifestation in der persönlichen Realität ausgesehen hat. Dafür gibt es zwei Antworten: 1. Sie ist eine richtig schlechte Schriftstellerin und kann Erlebtes halt nicht plausibel darstellen. Oder 2. Sie hat das, worüber sie schreibt, nicht wirklich erlebt. Es könnte sich natürlich auch um eine kraftlose Mischung aus beidem handeln. Ich persönlich halte das sogar für ziemlich wahrscheinlich.

In ihrem letzten Buch "Unkaputtbar" (und es ist auf jeden Fall, das letzte, das ich von ihr lesen werde) treibt sie, wie vormals, eine wohlbekannte Sau durchs Dorf, von der sie und ihr Verlag annahmen, dass sie sich trotzdem noch immer ganz gut vermarkten lassen würde. Erst waren es Diäten (geht ja irgendwie immer), dann Body Positivity (da war sie eigentlich ein wenig zu spät auf der Party angekommen) und nun ist sie vorerst bei toxischen Beziehungen gelandet. Das Thema ist natürlich ein rund um die Uhr wiedergekäuter Dauerbrenner - besonders wenn es in den Beziehungen so richtig laut knallt. 

Als nächstes kommt von ihr vermutlich ein Buch über chronischen Schmerz auf den Markt. Das fühle ich irgendwie im großen Zeh. Der Boden dafür wird von der Frau Jäger jetzt schon auf sozialen Medien vorbereitet - mit dem Hashtag #Fibromyalgie. Ich könnte mich irren, aber bisher ist diese Erkrankung in keinem der langatmigen Werke der Frau Jäger je auch nur angedeutet worden. Hinzu kommt, dass in medizinischen Kreisen auch noch immer diskutiert wird, ob es sich hierbei um eine konkrete Erkrankung oder nicht vielmehr um einen individuellen Beschwerdekomplex mit einer Vielzahl von Ausprägungen und nur wenigen klinisch eindeutig zu diagnostizierenden Indikatoren handelt. Das würde sie natürlich zu einer perfekten Grundlage für eine weitere Märchenstunde machen.

Die Frau Jäger und ihre angeblich persönlichen Betroffenheiten sind wie die wirre Frau vor uns in der langen Schlange an der Supermarktkasse, die uns als Geisel nimmt und die Wartezeit nutzt, um über ihr wildes, unordentliches Leben in sprunghafter Reihenfolge zu dozieren. Eigentlich lohnt es sich nicht, zuzuhören, aber trotzdem muss frau sich zurückhalten, um nicht dauernd nachzufragen, wie das denn passiert sein soll, wenn gleichzeitig noch das und das und das passiert ist. Eine logische Reihenfolge in die Lebensstränge der Frau Jäger bringen zu wollen, ist müßig weil unmöglich. Und das ist Absicht. Denn nur im vagen Dunst kann die/der Leser*in auch nur ansatzweise auf einen passenden Holzweg geführt werden, ohne dass es bei vernunftbegabten Erwachsenen pausenlos zu fragendem Stirnrunzeln kommt. Diese Verschleierungstaktik hat sie bereits im ersten Buch mehr schlecht als recht angewendet, um Leser*innen nicht zu klar erkennen zu lassen, dass sie im Grunde keine Ahnung davon hat, wie es sich mit 340 kg lebt.

Auch in "Unkaputtbar" arbeitet sie wieder mit Auslassungen, klischeehaften Versatzstücken und verheddert sich in Ungereimtheiten, Allgemeinplätzen und verblüffenden zeitlichen Eskalationssprüngen. Die Szenen, auf die es ankäme, weil sie nämlich die Gewalt schildern, um die es gehen soll, klingen mitunter so künstlich zusammengezimmert, wie ein öffentlich-rechtlicher Vorabendkrimi. Sie lesen sich so, wie sich das eine*r ausdenkt, der/die mal wieder nicht so recht weiß, wovon er/sie redet: "Ich habe dich so sehr geliebt. Das war das Letzte, was ich hörte, ehe ich den Kampf gegen seine Hände verlor und damit mein Bewusstsein." (S. 62) Auch bemerkenswert: "Außerdem habe er mir meine Verfehlungen einmal aufgeschrieben und sie mir als Mail geschickt. Eine Excel-Datei mit Auflistungen all meiner Schwächen (...) (S. 27). Aber vielleicht lebt die Frau Jäger ja auch wirklich in einer nie endenden, mittelmäßigen Filmschulabschlussarbeit...kann ja durchaus sein.

Wohlgemerkt - das Thema ist: Häusliche Gewalt.

Womit sie sich jedoch auch in diesem Buch treu bleibt, ist die ganz und gar nicht ironische Selbstdarstellung als unschlagbarer Cis-Vamp und Penismagnet. Die Frau Jäger ist jetzt 41. Und nach wie vor will sie uns Loser*innen, die es im Leben bestenfalls auf eine Handvoll substantieller Beziehungen bringen, weismachen, dass sie in ihren relevanten Dating-Jahren nicht nur eine Ehe und eine ganze, unüberschaubare Reihe von gewalttätigen Langzeitbeziehungen untergebracht hat, sondern auch mindestens tausendfach männliches Kleinvieh: "Nicht das erste Sofa, auf dem es so ist. Nicht der erste Mann, mit dem es so ist. Die Orte wechseln, die Namen wechseln, die Teppichäquivalente wechseln, nur die Situationen wiederholen sich wie die schlechteste Version von "Und täglich grüßt das Murmeltier"." (S. 27) Dumm nur, dass sie offenbar wirklich bis zuletzt nichts am Fließband der flüchtigen Männlichkeit gelernt hat: "Männer stehen in meiner Welt für Kraft im positivsten Sinne. Für Schutz. Für Stärke. Für Sicherheit und Halt." (S. 61)

Warum ist ihr das so wichtig, dass wir die Sache mit den Horden von Männern glauben? Na, weil sie trotz aller öffentlich demonstrierter Verletzlichkeit supertoll ist. Viel toller, als wir anderen alle zusammen. Und toll ist in der Welt der Frau Jäger stets diejenige, die am meisten männliche Aufmerksamkeit abbekommt. Das gilt ganz offenkundig sogar für ambivalente und negative Aufmerksamkeit. Selbst mit der wird geprahlt und der Kummer, der dadurch entsteht, wird mal wieder (siehe oben) nach Art eines Film Noir für Arme romantisiert und mit einem zutiefst spießigen Versuch, im Damenklo eines Nachtclubs verheulte Hipster-Melancholie heraufzubeschwören, verharmlost: "Der unwirklichste Ort der Welt ist das Klo in einem Club um drei Uhr morgens. Wenn einem der eigene Kopf vorkommt wie ein gut geschüttelter Cocktail aus gebrüllten Gesprächen (...) und den Dramen einer durchzechten Nacht (...) (S. 31ff).

Und ich kann mir nicht helfen. Ich finde, das ist unappetitlich und im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt unangemessen.

Nein, ich besitze keinen Freifahrtschein, über Dicke herzuziehen, weil ich selbst dick bin. Und NEIN, ich sollte auch kein klischeedurchweichtes und in Teilen regelrecht kitschiges Buch über Gewalterfahrungen in Beziehungen schreiben, bloß weil ich sie (vielleicht) gemacht habe. Nicht, wenn ich anderen Betroffenen damit wirklich beistehen will. Dazu bräuchte es ein anderes, ein entschlossenes und solidarisches Buch.

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage, wie es einer so großartigen und toughen Frau wie der Frau Jäger überhaupt passieren konnte, in einer Beziehung über längere Zeit Missbrauch zu erfahren. Damit arbeitet sich die Autorin erwartungsgemäß vorrangig am Unvermögen des Opfers und nicht an den Defiziten der Täter ab: 
"Ich habe mich immer gefragt, was das wohl für Frauen sind (...)" (S. 53)
"Ich, die immer dachte, mir könne so was ja nicht passieren." (S. 54) 
"Warum bin ich also nicht einfach gegangen?" (S.102)
"Ich wusste nicht, dass er mich misshandelt." (S. 105)
"Ich habe mich niemals zuvor als Opfer gefühlt. Keinen einzigen Tag lang." (S. 107)
"Ich passe nicht zum Klischeebild einer Frau, die zum Opfer Häuslicher Gewalt wird." (S. 109)
"Ich lebe nicht in einem Umfeld, in dem diese Form von Missbrauch vermutet wird." (S. 109)
Und so wird der Blick konsequent vom Täterverhalten und dessen Ursprung bzw. Verwerflichkeit abgewandt - einer der Täter kriegt am Ende sogar noch einen Liebesbrief zum Abschied. Ja, ungelogen. Im selben Buch: "(...) und bitte wisse, ich liebe dich sehr." (S. 185)
Wieso sie nicht versteht, DASS ihr passieren kann, was ihr nach eigener Schilderung seit gut 20 Jahren immer wieder passiert, bleibt schleierhaft: "Die Frage, wie es zu all diesen (...) toxischen Beziehungen (...) kommen konnte, ist also nur ein Aspekt meines Weges." (S.150) Dass sie sich selbst hier und da eine Portion Mitschuld rüberschiebt, überrascht hingegen nicht mehr: "Mich macht Liebe nicht blind, sie macht mich ans Debile grenzend dumm." (S. 75). Dass sie eine Vergewaltigung schildert, aber nicht als eine solche benennt, ist schließlich regelrecht verstörend: "Es war schmerzhaft, aber es hat mich nicht kaputtgemacht. Das war's." (S.107)

Das Problem ist, dass die Frau Jäger mit ihren unehrlichen und anti-feministischen Produkten Schaden anrichtet. Auch und gerade bei denen, die ihr ausgerechnet Geld dafür geben, sich gesehen und verstanden zu fühlen. Ein Publikum, das sich z.B. selbst traditionell hasst, weil es aus Frauen besteht, die sich zu dick finden, bezahlt offenbar gern dafür, verunglimpft zu werden. Die Frau Jäger ist nie eine Freundin - sie reißt sich eine menschliche Unbill nach der anderen unter den Nagel, um damit Aufmerksamkeit und im Nachgang wirtschaftlichen Erfolg zu generieren. Innerhalb dieses Vorganges saugt sie ihren Themen Glaubwürdigkeit und Bedeutung aus. In ihrer Selbstbespiegelung bietet sie keine Hilfe, sondern lediglich eitle Held*innensagen, in denen sie mit ihren "Schwächen" nur kokettiert. Wie eine volkstümelnde Politikerin auf dem Schützenfest tut sie so, als wäre sie eine von ihren Zuschauer*innen oder Leser*innen und verspürt offenbar gleichzeitig den Drang, immer wieder Zeichen zu setzen, die klarmachen, dass sie zumindest inständig hofft, mit diesem wenig glamourösen Haufen nicht wirklich allzu viel gemeinsam zu haben. Sie ist ja im Fernsehen, gibt Interviews, schreibt Bestseller, bekommt stehende Ovationen, hat ein Haus in einer teuren Gegend mit einem teuren Sicherheitssystem, Termine mit ihrer Lektorin und ein Einkommen, das so hoch ist, dass es wohl zumindest einen ihrer fünf Millionen Lebenspartner komplett verunsichert hat. Obwohl der angeblich selbst reich und erfolgreich war...aber vielleicht komme ich auch einfach nicht mehr hinterher bei all den Schilderungen über Status und Grandiosität. Von Frau Jäger über Frau Jäger. Wenn es einer wie ihr passiert ist, kann es jeder passieren, in einer Beziehung angeschrien, bedroht, gewürgt und gedemütigt zu werden. Und mit dieser Nachricht fühlen wir uns doch auch gleich alle viel besser, oder?

Wer wissen will, für wie viel wertvoller als alle anderen sich die Frau Jäger hält, kann sich die unsägliche Danksagung an die angeblich beste Freundin zu Gemüte führen und dabei das Bild einer eilfertigen Gesellschafterin vor dem inneren Auge aushalten. Der Dank an die Lektorin - bei all den inhaltlichen und wortwörtlichen Wiederholungen, den fehlenden Satzzeichen sowie den Sturzbächen aus selbstbeweihräucherndem Schnulz und Schmalz - ein Witz. Ja, auch sprachlich ist das Buch unerträglich. 

NH

Mittwoch, 15. Februar 2017

Follow me around 54: Valentinstage

Zwei Tage nachdem ich in meinem Fragebogen zum Jahresende auf die Frage nach der wichtigsten Erkenntnis aus 2016 geantwortet hatte, dass ich einen Mann so dringend brauche, wie ein Fisch das berühmte Fahrrad, hatte ich dennoch eine weitere Verabredung mit jemandem, der mich auf einem der Partnersuche-Portale, bei denen ich mich eigentlich gerade abmelden wollte, doch noch gefunden und angeschrieben hatte.

Eine etwas längere Unterbrechung mittendrin mitgerechnet, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bekanntlich vier Jahre Online-Dating hinter mir und die Nase erklärtermaßen gestrichen voll.

Unsere erste Begegnung fand im Museum der Arbeit statt - bemerkenswerterweise auch noch in einer Ausstellung rund um das Thema Entscheidungsfindung. Mit Übungen, nach deren Erledigung ein Computer analysieren sollte, was für ein Entscheidungstyp man ist. Im Prinzip war die Ausstellung wie ein begehbarer Psychotest in einer Frauenzeitschrift. Wir amüsierten uns in spontaner Einigkeit angesichts der Schlichtheit  des Ausstellungskonzeptes und hatten obendrein die Öffnungszeiten nicht beachtet, so dass wir ohnehin nur eine knappe Stunde hatten, um all unsere Entscheidungen zu treffen. Bei uns beiden ging seither dann aber auch immer alles ziemlich schnell. In Windeseile haben wir einen Entwicklungsstand erreicht, bei dem wir uns gegenseitig anrufen, um die Einkaufsliste fürs Abendessen zu besprechen und jeder des anderen Schlüssel in Verwahrung hat. Bei mir lag zwischenzeitlich nun sogar schon männliche Bekleidung im Wäschekorb. Ist das zu glauben...?

Nur zwei der Rosensträuße, die ich in meinem Leben bekommen habe, waren von einem Mann (der Rest war von meiner Mutter zu Geburtstagen). Tatsächlich habe ich diese beiden Sträuße von ein und dem selben Mann erhalten. In den letzten zwei Monaten. Und ich musste 45 werden, damit das passiert.

Am vergangenen Valentinstag stellten wir nun fest, dass wir es auf den Tag genau seit bereits neun Wochen miteinander ausgehalten haben. Ich staune Bauklötze. Ich hatte ja gar keine Ahnung mehr, was Paaralltag so ausmacht. So hatte ich z.B. auch kein Bewusstsein mehr dafür, dass einer womöglich sofort eine Nachricht schreibt, ob er sich Sorgen machen müsse, wenn ich eine Verspätung nicht rechtzeitig ankündige. Weil er sich Sorgen macht. Um mich. Unfassbar.

Nun habe ich natürlich von euch auch Nachfragen erhalten, wo ich stecke. Danke dafür, ihr Guten! Ich bin noch immer hier. Aber zuerst hat das Blog darunter gelitten, dass alles zu traurig war. Und nun ist alles zu aufregend. Und die Zeit rennt bekanntlich, wenn man Freude hat. Ich jedenfalls komme zu so gut wie nichts anderem mehr.

Irgendwann kommt vielleicht wieder eine gewisse Ordnung in die Sache... : )

NH

Samstag, 30. Juli 2016

Follow me around 50: Life Update


So nennt man das ja unter Blogger- und Vloggerinnen, wenn man sich länger nicht gemeldet hat, und mal schnell vorbei kommt, um Bescheid zu sagen, dass man noch lebt.

Ja, ja - ich lebe noch. Gerade so. So fühlt es sich an. Tatsächlich habe ich gestern morgen in Endlosschleife gedacht: "Jetztsterbeichgleichjetztsterbeichgleichjetztsterbeichgleich..." Ich fühlte mich bei Aufstehen so mies, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob ich es bis über die Schwelle zum Badezimmer schaffen würde.

Der desolate Zustand ist zu zwei Dritteln seelisch und zu einem Drittel körperlich begründet. Die Mischung macht's: Sehr wenig und schlechter Schlaf, die Schwüle der letzen Tage, viel Bücken, Schleppen und auf dem Boden-Herumgerutsche, Sorgen um die berufliche Zukunft, Sorgen um Geld, Sorgen um den Kater (der fraß plötzlich nicht richtig), relative persönliche Einsamkeit, relative persönliche Enttäuschung und (bekanntlich) eine Art Grundverbitterung über den Stand meines Lebens, eine wachsende Unfähigkeit, der Flut der täglichen Ärgernisse etwas entgegenzusetzen, und all das natürlich entscheidend und unablässig befördert durch die psychischen Anstrengungen beim Aussortieren.

1321 Gegenstände weniger 

...seit Beginn meiner letzten von unendlich vielen Ausmistaktionen, die übrigens im März begonnen hat und deren Ziel es war, sich in 30 Tagen um 500 Gegenstände zu erleichtern.

Aussortieren ist und bleibt das Stichwort. Und obwohl Ausmisten schwer ist und dieses ohnehin schwere Zeiten sind, muss es gerade jetzt sein. Oder besser: Gerade deswegen. Der Kram ist Denkmal und Anklage und Hindernis und Energieräuber. Er muss erledigt werden, damit die Dinge hier anders laufen. Ich kann ihn nicht länger im Weg herumstehen lassen und denken, ich könnte mein Leben erfolgreich um ihn herumleben. Er ist Symptom und Ursache zugleich.

Dass der Prozess so lange dauert (mitunter eben sogar Jahre) mag für Außenstehende unverständlich sein, aber besteht nun einmal aus einer Vielzahl von Schritten, von denen jeder mehr oder weniger emotional besetzt ist.

Zunächst muss man alles hervorkramen und begutachten, dann entscheiden, ob man den Gegenstand behält oder nicht. Um dieses zu bewerkstelligen, gibt es verschiedenen Methoden, die je nach Situation greifen können. Uff. Wenn man ihn behält, muss man entscheiden, wie er in Zukunft verwahrt, bzw. mit den anderen Dingen, die bleiben, organisiert werden soll, so dass der Alltag mit ihm reibungslos läuft.

Bei den Gegenständen, die gehen, stellen sich natürlich noch viel mehr Fragen. 1.783.655 Fragen, um genau zu sein: Soll das gespendet, verschenkt, verkauft oder weggeworfen werden? Wer soll es kriegen? Wer könnte es wollen? Wenn es in den Müll soll, in welchen Müll? Wenn verkaufen, wie? Und wo bis dahin lagern? Grundsätzlich gilt es, aussortierte Dinge so schnell wie möglich wegzuschaffen, damit man gar nicht erst auf dumme Gedanken kommt, und sie doch behalten will.  Das finale Abwickeln der Dinge ist aber fast nie so leicht, wie man sich das vielleicht vorstellt. In der Tat kann es gerade da ganz schön höllisch werden, es sei denn man bestellt einen Container, wirft alles hinein und denkt sich "Nach mir die Sintflut". Aber wer das so einfach kann, der hat vermutlich ohnehin kein Problem in diesem Bereich. Ich muss mich nun für kommenden Monat für die Teilnahme an Flohmärkten anmelden, obwohl ich mir geschworen hatte, dass ich das im Leben nie wieder tun würde.

Grüße von Gustav 

Beim Impfbesuch beim Tierarzt haben mich die großartigen Helferinnen wieder auf den letzten Stand darüber gebracht, wie es Gustav bei seinen neuen Menschen so geht. Und alles läuft prima. Er darf mittlerweile raus, kommt aber immer wieder zuverlässig nach Hause und verträgt sich sogar mit dem anderen Kater im Nachbarhaus. Natürlich bin ich noch immer und immer wieder unendlich erleichtert. Es sticht ein wenig, dass er und Corbinian sich nicht vertragen konnten...aber was hatten wir am Ende wirklich für ein unendliches Glück in dieser Sache.

Und dann auch noch das...

Wie durch Zufall bin ich in den letzen Wochen mit drei Männern kollidiert (zwei neu, einer alt). Das war vor allem im Abgang nicht schön - in keinem der drei Fälle. Wobei ich es bei einem hätte wissen können - bei dem war es jetzt der zweite Anlauf nach langer Zeit. Ich bin auch echt zu bescheuert.

Aber egal wie sorgfältig und, anders lässt es sich fast nicht sagen, kleinlich frau auswählt, mit wem sie ja wenigstens mal telefonieren oder einen Kaffee trinken könnte - am Ende implodiert stets alles. Gerne mal über einer Diskussion über weibliche Endungen in der deutschen Sprache und darüber, ob es denn nun wirklich nötig sei, Ampelweibchen einzuführen. Wohlgemerkt, diese Themen werden nicht von mir auf den Tisch gebracht. Im Leben käme ich nicht darauf. Vielmehr ist es so, dass Männer in einer Kennenlernsituation, die eigentlich im Idealfall zu einer Partnerschaft führen sollte, unbegreiflicherweise gern beginnen, mit mir zu streiten. Es ist, als ob auf meiner Stirn plötzlich der Schriftzug "radikale Feministin" (was ich vermutlich auch bin) sichtbar wird. Und dann geht es los. Dann fangen sie an, sich ganz und gar ohne Angriff zu verteidigen, was das Zeug hält. Obwohl sie mich kurz vorher noch für ganz hübsch und freundlich gehalten haben. Dass ich ab dem Punkt dann schnell genervt bin von all dem aufgewiegelten Gejaule um Privilegien und dieses auch äußere - das gebe ich unumwunden zu.

Die letzen männlichen Flops - ich habe sie mir, wie fast alle zuvor, nicht selbst gesucht. Sie haben mich, wie immer, auf einer Dating-Seite im Internet gefunden. Warum ich mich bei all dem Ungemach, und obwohl ich es schon lange vorhabe, nicht endlich bei finya.de abgemeldet habe? Ach, wer weiß...es wäre halt so schön und buchstäblich wunderbar, wenn doch noch der Richtige käme und mich dann auch noch ertragen könnte. Irgendwer, ich glaube, es war eine Freundin, nannte es "dem Schicksal zumindest eine Chance geben".

Zur Strafe für meine Inkonsequenz und Trudelei bekam ich dann von der Plattform unlängst als "Partnervorschlag" meine letzte und zutiefst traurig verlaufene große Liebe untergeschoben. Ich blinzelte, schluckte und klickte dann auf das Bildchen, obwohl ich das sicher nicht hätte tun sollen...whatever. Sieht ganz so aus, als ob wir beide ähnlich unverkäuflich sind. Was damit zu tun haben könnte, dass wir uns in vielerlei Hinsicht verdammt ähnlich sind.

Jetzt guck doch nicht schon wieder so empört, weißt du doch selber.

Der Himmel verschwindet

Das Haus nebenan wird immer höher. Die Vermutung ist, dass auf den ersten Stock nun noch so eine Art Penthouse gesetzt wird. Was auch immer es ist, ich werde danach von meinen Fenstern aus den Himmel nicht mehr sehen können. Wie es möglich war, eine Genehmigung für einen solchen Bau an dieser Stelle zu bekommen, ist mir schleierhaft.

Ich hatte vor Monaten bereits ein Informationsverfahren bei der Bauaufsicht angestrengt, und als es in die zweite Phase gehen sollte, den Vorgang an unsere Hausverwaltung abgegeben, weil die sich angeboten hatte, mir die Arbeit ab da abzunehmen. Ich war erstaunt und dankbar. Danach kam nix mehr. Weil die Hausverwaltung offenbar Besseres zu tun und ich schlicht keine Energie mehr hatte, um sie auf angemessene Weise zu erinnern...Irgendwann in meinem Leben möchte ich mal die sein, die sich anderen auf massive und permanente Art aufzwingt, sei es durch Lärm, Dreck, Gestank Verrücktheit, Mauern oder Hindernisse, und damit einfach so davon kommt. Ich wüsste gern, wie sich das anfühlt. Es muss eine Befriedigung sein, die ich gern kennen würde. Wahrscheinlich könnte man diese aber ohnehin nur so richtig spüren, wenn man nicht zu sehr über sich selbst nachdenkt und nicht womöglich Zweifel oder ein schlechtes Gewissen hat.

Coming soon

Heute kam ein Mängelexemplar von Nadja Hermanns "Fettlogik überwinden" mit der Post. Amazon macht natürlich auch immer fleißig Vorschläge - und offenbar "kauften Kundinnen, die Nicole Jägers Schwindeldiätbuch gekauft haben, auch dieses", was nicht ohne Ironie ist, da die beiden "Camps" von Anhängern sich augenscheinlich auf den Tod nicht ausstehen können, und einer der höchstbewerteten  und längsten Kommentare zu Nicole Jägers Buch ein negativer ist - und den Titel "Fettlogik" trägt.

Bereits beim ersten Durchblättern von "Fettlogik" wird klar, dass das Werk vermutlich ganz genauso toxisch sein wird, wie ich es mir gedacht habe. Und ich habe mir für eine Sekunde überlegt: "Warum willst du dir das eigentlich antun?" Aber hey, dazu sind wir ja eigentlich hier...Ich werde jetzt erst einmal den "Forscher Rüther" googeln. Der wird im Buch auf Seite 153 augenscheinlich mir nichts, dir nichts als wissenschaftliche Quelle in den Ring geworfen, hat aber keine Fußnote und ist im Quellenverzeichnis unter seinem Namen nicht zu finden. Der "Forscher Rüther"...?! Ehrlich jetzt? Das kann ja heiter werden.


NH

Montag, 2. Mai 2016

Walking Vlog #2: Die dicke Dame sucht die Liebe (nicht mehr)

Ich habe mich also wieder auf die Socken gemacht und habe die Kamera mitgenommen*. Dummerweise hatte ich vom letzten Mal wenig gelernt (oder schon wieder alles verdrängt) und so habe ich auf den Wind das himmlische, nervige Kind natürlich wieder überhaupt nicht geachtet. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass ich an einigen Stellen Untertitel einblenden musste, so als wäre ich mit einem sehr exotischen Dialekt in eine Doku-Soap geraten...

Die Themen Liebe und Partnerschaft sind bekanntlich keine, bei denen ich zu den Gewinnerinnen gehöre. Und dieser Beitrag wird vermutlich der letzte zum Thema sein - es sei denn, ich mache im Zuge des Thin Privilege Projektes noch erhellende Erfahrungen auf dem Gebiet.

Oder ich schwinge mich doch noch einmal einsam und verfügbar dreinblickend auf einen Barhocker. Das passiert aber nicht absehbarer Zeit - auch deshalb nicht, weil mir Zeit und das Geld für Cocktails fehlen - und bei meinem Glück mit den Männern müsste ich mich vermutlich den ganzen Abend auf eigene Kosten mit Flüssigkeit versorgen. Selbst dann, wenn einer anbeißt...

Das ist überhaupt ein Punkt, den ich im Vlog gar nicht angesprochen habe, obwohl ich ihn mir auf meine Stichwortliste gesetzt hatte: Wenn Männer mit einem einzigen Aspekt der Emanzipation WIRKLICH GANZ UND GAR NICHT UND NIEMALS UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EIN PROBLEM haben, dann damit, dass sie nicht mehr automatisch diejenigen sind, die die Rechnung zahlen. Eigentlich ist es meiner Erfahrung nach eher so, dass sie automatisch nicht mehr die sind, die einladen. Dafür finden sie aber überhaupt nichts dabei, sich automatisch einladen zu lassen und so lassen Professoren, die zehn Jahre älter sind als ihr Date, dieses anstandslos den Kaffee zahlen. Nicht alle, wohlgemerkt. Aber fast alle und unabhängig davon, wie gut es ihnen finanziell geht...Seufz.

Das war es also. 

Ein "Lebens-Update" gibt es im nächsten Blogbeitrag. Ich bin schon gefragt worden, wo ich denn bin, und dazu kann ich nur sagen: Weiterhin so ziemlich außer mir. Aber dazu später mehr. Hier kommt jetzt das Filmchen. Links zu alten Beiträgen aus meiner Dating-Geschichte findet ihr darunter.

Samstag, 23. Januar 2016

Follow me around 39: Eine schreckliche Geschichte


Listen. I wish I could tell you it gets better, but... it doesn't get better. You get better. (Joan Rivers)*


Unlängst hatte ich die unendlich beschämende Erfahrung, mich im Theater während der Zugabe aus der Mitte einer Sitzreihe quetschen zu müssen. Die betroffenen Parteien sahen davon ab, aufzustehen und ihre Knie aus dem Weg zu nehmen. Schließlich war ich die unmögliche Aggressorin mit dem unzulässigen Verhalten.Und an einer Stelle steckte ich dann fest und stand auf den Zehenspitzen. Und geriet in echte Panik. Ich dachte ich falle um. Ich dachte, ich kippe rückwärts und in die vor uns liegende Reihe. Ich dachte, ich falle auf jemanden. Den demoralisierenden Effekt, den dieses Ereignis auf mich hatte, die niederschmetternde Erniedrigung, die ich als dicke Frau empfand, traf mich aus dem Hinterhalt wie eine sich plötzlich vor mir öffnende Autotür. Ich hatte schlicht nicht erwartet, mich in meinem Leben jemals noch einmal so zu fühlen. Am Ende gewann ich die Kontrolle zurück, entkam, indem ich über fremde Füße trampelte, sah in entsetze/genervte Gesichter und atmete hundertmal "Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung" auf sie herab.

Die Welt ist zu klein für mich.

Es wird ja immer mal wieder diskutiert, ob Dicksein eine Behinderung ist. 2014 hatte der Europäische Gerichtshof im Falle eines dicken Tagesvaters (160 kg) in Billund, Dänemark ein Urteil gefällt, dass besagt, dass "chronische Adipositas" eine Behinderung sein kann. Und während man gegen Dicke diskriminieren , bzw. sie aufgrund ihres Dickseins entlassen darf, werden Menschen mit Behinderungen in der EU gesetzlich vor Diskriminierung am Arbeitsplatz geschützt.

Ich würde sagen, Dicksein ist es sehr wohl mitunter eine Behinderung. Schließlich erfahren Menschen zumeist dann Behinderung, wenn sie bestimmten körperlichen "Normalitätsstandards" nicht entsprechen und darum bei ihrer Interaktion mit der Welt, die nicht auf sie und ihre individuellen Parameter eingestellt ist, immer wieder auf Hindernisse und Störungen treffen und sich in der Folge auch noch komplett unverdient unwohl in ihrer Haut fühlen.

Hier ist die Welt in der Verantwortung. Ein Welt, die weniger gedankenlos, großzügiger und vielfältiger konstruiert wäre, würde in der Tat viele Menschen weniger behindern. Ausreichend große Sitze im Flugzeug oder Toilettenkabinen, in denen sich jeder ohne Schwierigkeiten um sich selbst drehen kann (insbesondere in öffentlichen Gebäuden) betrachte ich mithin als Menschenrecht.

Taxi nach Nirgendwo 

Joan Rivers' kluges Zitat (s.o.) hat mir vor ein paar Tagen eine gute Freundin geschickt. Und gerade weil es so wahr ist, macht es mich so unglaublich betroffen. Und sowas von müde. Ich will aber gar nicht mehr besser werden. Ich habe ja auch schon gesagt, dass ich keine verdammte Lektion mehr brauche. Ich will, dass ich endlich gut genug bin,VERDAMMT! Ich VERLANGE, dass ES besser wird, und ich will nur noch alle Viere von mir strecken und den Zufall mit freundlicher Effizienz alles regeln lassen. Ich will, dass die Dinge und Fragen endlich durch glückliche Fügung an ihre Plätze fallen. Ich will nix mehr schieben und schleppen und denken. Ich will nicht. Ich will nicht mehr.

Aber natürlich ist auch hier alles kompliziert und inkonsequent, denn es liegt bekanntlich nicht in meiner Natur, die Dinge einfach so sein zu lassen, wie sie sind. Ich tue bisher immerzu irgendetwas, um die Welt zu beeinflussen, auch wenn es meistens schief geht. Und es gibt genug, von dem man denken würde, dass ich es gelernt hätte - aber wohl nie lernen werde...

Darum habe ich mich vor einigen Tagen auch wieder bei verschiedenen Partnerbörsen angemeldet. (Mein Profilname ist TaxinachX bei Finya.de und rubensfan.de.) Im wahren Leben treffe ich ja bekanntlich auf keine Männer, die was wollen könnten, und auf den Portalen gaukelt einem zumindest die Flut des männliches Interesses in den ersten Tagen nachdem man ein frisches Profil eingestellt hat, vor, dass vielleicht doch noch etwas zu holen ist.

Leider ist der Kick für das Selbstbewusstsein  nicht mehr so stark, wie der, den man sich auf diese Weise vielleicht noch vor zwei Jahren verschaffen konnte. Weil die Desillusion mittlerweile schon von Anfang an mit im Boot sitzt. Die Tatsache, dass einem anfänglich listenweise Fische ins Netz gehen, wird sofort dadurch zu Tode dadurch relativiert, dass man sie fast alle umgehend als so klein und hässlich erkennt, dass man sie im Minutentakt auch zurück ins trübe Wasser wirft. Viele der Männer in meiner Altersklasse sind ohnehin aus zweiter Hand. Sie waren in großen Zahlen verheiratet und haben Kinder. Irgendwelche Frauen fanden diese Typen irgendwann begehrenswert genug, um sie zu heiraten und sich mit ihnen zu vermehren. Wer um alles in der Welt waren diese Frauen? Aber das frage ich mich natürlich auch oft bei Frauen, die bestimmte Ehemänner behalten haben.

Einige erkennen einen wieder und begrüßen einen, wie eine alte Bekannte. Andere können sich die Häme nicht verkneifen, dass man es offenbar auch nicht geschafft hat, dem Singledasein anhaltend zu entfliehen, und nun wieder dazu gezwungen ist, mit ihnen in der Dating-Hölle auszuharren. Bitterkeit bricht sich Bahn. Einsame Seelen schlagen regelrecht um sich. Und ich verstehe sie: Eigentlich ist das alles nur zum Kotzen. Quälendes, elendes und tagelanges Hin-und Hergeschreibe in Einzelsätzen mit Männern, die man nicht auf Anhieb so unattraktiv fand, dass man sie nach dem ersten blutleeren Anschreiben sofort in die Wüste geschickt hat. So, wie es sich eigentlich gehört hätte. Was frau hier wirklich noch immer lernen kann, ist, wie entscheidend eine noch rigidere Abgrenzung und noch weniger Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer im Sinne von Selbsterhalt sein können.

Und dann ist da viel dummes Gerede über mein Gewicht. Mehr noch, als es in meiner Erinnerung in der Vergangenheit gab. Gewicht ist DAS Thema - so oder so. Einige finden es noch immer nicht "so schlimm", dass ich dick bin und verstehen meine säuerlichen Reaktionen darauf nicht. Einige finden dicke Frauen allerdings besser, als die immer und immer wieder bemühte "Hungerharke". Und wundern sich, dass ich es nicht lustig finde, wenn sie die Körper von Frauen, die nicht dick sind, runtermachen. Einige finden mich nicht dick genug. Einige wiederum glauben nicht, dass ich dick bin, weil ich (ungelogen) "doch so ein hübsches Gesicht habe". Danach will frau eigentlich allen nur noch ins Gesicht springen.

Bei Finya.de lautete mein Profiltext zunächst: "Ich suche einen Mann, der klug und gebildet ist. Und Ironie versteht. Das ist eigentlich auch schon alles." Bemerkenswert war, wie viele Männer daraufhin versuchten, dadurch auf meine grüne Seite zu gelangen, indem sie die geistigen Kapazitäten ihres Geschlechtes regelrecht dissten - immer reich versehen mit Smileys: "Ich verstehe die Ironie in "einen Mann, der klug und gebildet ist :-)", "Ein kluger und gebildeter Mann - du kleiner Scherzkeks, du! ;-)", "Du suchst also gar keinen Mann, du suchst eine Frau! :-))))". Und dann sogar noch: "Hast du in deiner Karriere als Frau schon einmal einen klugen und gebildeten Mann gesehen???".

Ja, hab ich.


NH

* Hör zu. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es besser wird, aber...es wird nicht besser. Du wirst besser.

Sonntag, 10. Januar 2016

Die dicke Dame sucht die Liebe / Ausgelesen: ...

Marie Laveaus's Everything-You-Need Xecutive Voodoo Kit for Love, gekauft 1997 in New Orleans, nie benutzt - offenbar...

Bauer attackiert Frau

Und am ersten Tag des Jahres war es dann (fast) soweit. Endlich, nach 20 Jahren, würde ich mal all das anwenden können, was ich im Selbstverteidigungskurs im (Frauen-)College gelernt hatte. Erst zwei Finger gezielt und scharf in die Augen rammen, dann mit aller Kraft zwischen die Beine treten und dann alles tun, was noch nötig ist, um genug Zeit zu haben, um sich in Sicherheit zu bringen. Was einer durch den Kopf geht, wenn sie plötzlich annehmen muss, jetzt könnte es zum ersten Mal in ihrem Leben so richtig brenzlig werden, weil ein notgeiler Großgrundbesitzer (siehe "In Eile") sie nach dem gemeinsamen, ganz friedlichen Abendessen auf einem eiskalten und mäßig beleuchteten Parkplatz trotz deutlichen Protests festhält und sich anschickt, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, war zunächst einmal für den Bruchteil einer Sekunde dieses. Dann schoss mir ernsthaft Jenny Holzers Arbeit "Men don't protect you anymore", durchs Hirn, direkt gefolgt von der rettenden, inneren Ermahnung: "LÄRM MACHEN! LÄRM MACHEN! LÄRM MACHEN!" (Danke, Wells College.) Als ich anfing ihn anzuschreien, ließ mein Angreifer mich tatsächlich los, sprang in sein Auto und fuhr ab. Ich stieg in meins und legte meinen Kopf in die Hände. Dabei stellte ich fest, dass ich im Gerangel offenbar einen meiner Ohrringe verloren hatte. Ich habe ihn nicht wiedergefunden. Ich beweinte ihn ein wenig. Und mich auch.


Die Bibliothek des Grauens

Im Grunde schien es nach dem letzten Erlebnis dann beinahe ein wirklich sinnloses, müßiges Unterfangen, tatsächlich noch die Ratgeber zur Partnersuche durchzugehen, die ich mir vor Weihnachten aus der Bücherei mitgenommen hatte. Aber ich tat es trotzdem, denn ich witterte, wie so oft, allerschaurigste Realsatire. Und behielt Recht.

"Wer sagt, dass Männer glücklich machen?", Eva Gerberding und Evelyn Holst, 2013

Beide Autorinnen sind übrigens verheiratet und haben Kinder in die Welt gesetzt. Darüber, dass Kinder womöglich auch nicht glücklich machen, haben sie sogar ein Zweitbuch geschrieben. Dem vorliegenden Bändchen merkt frau selbstverständlich von vorn bis hinten an, wie heilfroh die Schreiberinnen sind, nicht zu ihrer sitzengebliebenen Zielgruppe zu gehören, und so beginnt das Ganze dann auch munter mit eben diesem Vergleich: Sich mit Größe 44 abzufinden, ist, wie sich mit Männerlosigkeit abzufinden. (S.11) Besser wäre es, nicht so fett zu bleiben, aber man kann halt trotzdem eine lustige Dicke/Singlefrau werden, denn wenn wir nicht in der Lage wären, unseren Kummer über die verpatzte Partnersuche zu verdrängen, "würden wir alle zu verkniffenen, Männer hassenden Furien werden." (S.13) An diesem Punkt wurde mir natürlich klar, dass ich vermutlich nur vom bloßen Weiterlesen zur Furie werden würde, aber ich tat es trotzdem. Und lernte, dass ich für Sex und Fortpflanzung keinen Mann brauche. Ich kann es mir doch tatsächlich selbst machen und Sperma kann ich per Post bekommen. Und da Männer in ca. 125.000 Jahren aufgrund ihres genetischen Defektes (das Y-Chromosom) aussterben werden, gewöhnt frau sich ohnehin am besten beizeiten daran, ohne sie auszukommen. Na, das ist doch mal tröstlich.

Und dann kommt das Klagelied der achtundreißijährigen Conny: "...ich (habe) das Gefühl, als wäre ich die Einzige, die es nicht geschafft hat. Das, was vor mir Millionen von Frauen anscheinend mühelos hinbekommen haben: einen Mann zu finden, der sie heiratet." (S. 24) Dass Conny keinen abkriegt, ist kein Wunder. Denn sie hat vermutlich schon wieder viel zu hohe Ansprüche: "Es ist einfach so, je weniger wir erwarten, desto mehr bekommen wir. Je anspruchsvoller wir sind, desto größer ist der Haufen verschreckter Männer, die sich in die Arme pflegeleichterer Frauen flüchten." (S. 29) Die höchsten Singlequoten haben statistisch akademisch gebildete Frauen und "bildungsschwache" Männer. Also muss eine "tolle" Frau ihre tollen Ansprüche aufgeben, oder allein bleiben. Frau hätte jung "zugreifen" müssen (S. 52), aber da hat sie eben immer gedacht, da kommt noch etwas Besseres. Und sie wollte ja außerdem unbedingt erst ihr Studium beenden und ein wenig Karriere machen. Selbst schuld also.

In den Augen der Autorinnen sind Frauen auch daran selbst schuld, dass sie zu schnell und viel zu sehr lieben, und Männer so zusätzlich in die Flucht treiben, denn "nichts finden Männer lästiger, als Frauen, die sie mit Liebe zuschütten" (S.62). Welcher Mann kann das auch wollen - eine gebildete, selbständige Frau, die ihn aus voller Seele liebt? Apropos Seele, auch die Eva und die Evelyn versteigen sich gern zu eben jener Theorie, die ich hier auf dem Blog schon mehrmals und auch jetzt als esoterischen Bullshit bezeichne: Nur mit leichter Seele und ohne den Wunsch, einen Partner zu finden, wird frau angeblich doch noch einen finden. (S. 57) Darum raten die Autorinnen dazu, sich den Partnerwunsch regelrecht abzutrainieren. Ich frage mich indessen, ob die beiden so auch nach ihren Autoschlüsseln suchen. Die nächste biologistische Unterstellung folgt sogleich: "Früher oder später ist der Kinderwunsch da." (S.74) Es sei denn, so die Autorinnen, frau ist ein etwas wunderliches Exemplar mit leicht rabiater Grundeinstellung. Also so eine wie ich.

Am Ende plädieren die Autorinnen dafür, sich mit einer "kleinen" Liebe zufrieden zu geben. Das mag resignativ sein, ist aber angesichts der faktischen Unvermittelbarkeit der hoffnungslos überqualifizierten Akademikerin mit ihren neurotischen Erwartungen und der wummernden biologischen Uhr womöglich die reife und pragmatische Lösung, um nicht zu sagen, der letzte Ausweg. Und immerhin: "Verheiratete Männer sind oft die besseren Liebhaber, weil sie sexuell ausgehungert und deshalb sehr dankbar sind." (S. 123) Hm, Man-Sharing also...

Im Sinne der Selbsterkenntnis schließt das Werk mit einer Typisierung der Frauen, die unter Garantie jeden noch so bindungswilligen Kerl abschrecken. Während man Männer sehr wohl mit "Sex und guter Laune" einfangen könne, seien diese weiblichen Exemplare auf jeden Fall hoffnungslose Fälle (ab S. 171). Meiner persönlichen Analyse zufolge, handelt es sich bei mir selbst um eine hochexplosive Mischung aus der "Naturbelassenen" (politisch korrekt), der "Bedürftigen" (mag Duftkerzen und hat immer eine 2. Zahnbürste da), sowie der Dauernörglerin (denn die ist nie zufrieden).

All das giftige Gegurgel gegen Männer und vor allem Frauen findet dann auch am Ende sein polterndes Finale in folgender Festellung: "Okay wir sind uns einig, dass zu unserem Lebensglück nicht unbedingt ein Mann gehören muss, aber dass es (...) natürlich MIT schöner ist als OHNE." (S. 175) Ja, die Großbuchstaben sind Teil des Zitats. Soll vermutlich heißen: Männer sind Scheiße. Aber Frauen ohne Männer sind noch viel scheißer.

"Die Diva Taktik - Warum starke Frauen bei Männern ein leichtes Spiel haben", Martin Fraas, 2010

Martin Fraas stimmt den Autorinnen der oben durchlittenen Lektüre nicht zu. Er behauptet schlicht, Männer wollten "lieber eine stolze Löwin als ein braves Schaf." (S. 12) Außerdem sagt er, was immer und immer wieder gern in Ratgebern für Singlefrauen steht: Männer wollen angeblich nichts, was sie leicht haben können. Diese Theorie beißt sich allerdings mit der Feststellung, die sich ebenfalls durch alle hier besprochenen Ratgeber zieht, nämlich, dass Männer gern den Weg des geringsten Widerstandes wählen, bzw. in Beziehungen mitunter regelrecht faul seien. Außerdem ist der Rat, sich als Frau rar zu machen, meiner Auffassung nach in der Regel nichts anderes, als eine puritanische Ermahnung, nicht gleich mit jedem ins Bett zu hopsen. Fraas schlägt tatsächlich vor, Kandidaten erst nach 5 Dates mit Sex quasi zu belohnen. Da ist sie auch schon wieder, die alte Unterstellung: Männer wollen Sex dringender, als Frauen - darum können und sollten Frauen ihn auch taktisch und im Prinzip zur Manipulation nutzen. Außerdem hat der Autor folgenden Rat zu vergeben: "Strahlen Sie unmissverständlich und selbstbewusst aus, dass es keine echte Alternative zu Ihnen gibt." Das klingt gut. Gleichwohl habe ich sofort erst einmal auf YouTube nach einem Tutorial gesucht. Das erklärte dann auch, warum ich beim "Diva-Test" am Ende des Buches mit nur 28 von 60 möglichen Punkten total abgeschmiert bin: "Sorry, aber auf dem Weg zur Diva haben Sie noch Nachholbedarf. (...) Nehmen Sie sich ganz bewusst vor, ab und zu auch Ihren verrückten Seiten eine Chance zu geben." (S. 154) Ehrlich jetzt?! Na, wenn der Martin das sagt...

"Scheißkerle", Roman Maria Koidl, 2010

Wie der Titel u. U. vermuten lässt, ist der Autor nicht sehr optimistisch, wenn es um Beziehungen und insbesondere die Rolle seiner Geschlechtsgenossen darin geht. Anders, als vielleicht zu vermuten gewesen wäre, ist der Titel nicht ironisch gemeint.

Wie schon die Eva und die Evelyn, spricht auch er von "mehr guten Frauen als guten Männern" (S. 14). Soll heißen: Statistisch setzt sich die Gruppe derjenigen, die keinen Partner abgekriegt haben, mehrheitlich aus akademisch ausgebildeten "Superweibern" und "männlichen Hartz-IV-Empfängern" zusammen. Das führe dazu, dass Frauen ihre Ansprüche zwangsläufig herunterschrauben und sich nicht selten mit irgendwem zusammentun würden, nur um nicht ganz ohne Anhang zu sein. Der Autor scheint diesen Umstand ehrlich zu bedauern und versucht zu warnen: Dass Männer mit Frauen, die sie eigentlich gar nicht so besonders toll finden, mehr oder weniger feste Beziehungen eingehen, sei tatsächlich die Regel, und kein Einzelfall. Wenn ein Mann verliebt sei, dann würde die gemeinte Frau das auch auf jeden Fall wissen, denn "wenn ein Mann es ernst meint, setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um sie zu erobern." (S. 45) Außerdem gibt er zu bedenken, dass es "keine "komplizierten" Situationen mit Männern" gibt. "Wenn eine Situation mit einem Mann "kompliziert" ist, ist sie immer verlogen. Ohne Ausnahme." (S. 48) Die entscheidende Frage ist in einer Beziehung mit einem Mann also laut Koidl nicht, ob er einen guten Charakter hat, sondern vielmehr, ob sein Interesse groß genug ist. Das bestimmt sein Verhalten innerhalb der Verbindung.

Tatsächlich hat der Autor noch ein paar andere, eigentlich ganz hilfreiche, weil auf gesundem Menschenverstand basierende Hinweise (ab S. 215):

1. Frau sollte die Reißleine konsequent und zeitig ziehen.
2. Eine Geliebte spielt für immer die zweite Geige.
3. Wenn ER sich keine Mühe gibt, sollte frau die Sache beenden.
4. Was schon am Anfang kompliziert ist, wird vermutlich niemals blühen.
5. Frau sollte die Suche dennoch nicht aufgeben, aber sich klar darüber sein, dass die Voraussetzungen halt stark erschwert sind.
Und schließlich:
6. "Suchen Sie sich einen Kerl, der Sie liebt." (Tutorial?...Anyone?)

"Wann kommt denn endlich der blöde Prinz auf seinem dämlichen Gaul! 100 Tipps, wie Sie Ihren Traummann finden", Oliver Stöwing, 2009, vom Grabbeltisch

Auf dem Rückcover wird der Autor dieser Perle als "Frauenflüsterer" bezeichnet. Sollte frau den Herrn Stöwing ernsthaft irgendwann, irgendwo flüstern hören, sollte sie rennen, rennen, rennen, was die Absätze hergeben.

Laut Stöwing braucht frau für die "Prinzenjagd (...) Zeit, Energie und Geld." (S. 19) Was sie auch braucht, wenn sie darauf besteht, sich Stöwings Ergüsse komplett zu Gemüte zu führen, sind verdammt starke Nerven.

Ich werde mich darauf beschränken, nur eine Hand voll  seiner absurden und teilweise unerträglich langatmigen "Tipps" wiederzugeben:

1. Das Ziel, einen Partner zu finden, sollte in zeitliche Etappen unterteilt werden, z.B. Bis Mitte Juli Sex haben.
2. Manche Frauen "leiden an Futtersucht und verringern dadurch ihre Marktchancen."
3. Frau sollte Frauen nachahmen, die bei Männern erfolgreich sind (Diese leuchtenden Beispiele nennt der Autor "Mrs. Wunderbar", S. 74.)
4. "Ein sexy Body braucht Bewegung." (S. 86)
5. "Hunger ist kein Defizit, das sofort behoben werden muss." (S. 93) Und ja, der Autor meint den Hunger nach Essen.
6. Und was die Handtasche betrifft: "Für ein Date wählen Sie besser ein schlichtes, zeitloses Modell mit dezentem Label." (S. 151)
7. "Ein Quasselhuhn wird ihm schnell auf die Nerven gehen." (S. 156)
8. "Männer wollen fitte Frauen." (S. 191)
9. "Packen Sie mit an, wenn es etwas zu tragen gibt." (S. 193)
10. "Zügeln Sie Ihre Launen!" (S. 196)
11. "Ein Mann muss nicht aussehen, wie Hugh Jackmann, damit Sex Spaß macht." (S. 206) (Anm. d. dicken Dame: Wer ist Hugh Jackmann?)
12. "Forcieren Sie niemals das Thema Kinderkriegen..." (S. 265)
...

13. Was immer Sie tun: Verschwenden Sie nicht Ihre letzten fruchtbaren Jahre damit, bescheuerte Ratgeber von frauen- und im Prinzip ebenso männerhassenden Idioten zu lesen. 

NH



Mittwoch, 12. August 2015

DIE DICKE DAME SUCHT DIE LIEBE: Das Herz ist ein einsamer Jäger*



Reality TV

Es hilft ja nix. Ich muss mich wieder auf die Suche machen. Ich will nämlich nicht allein sein. Ich will einen Lebenspartner. Denn zusammen ist man weniger allein. Und gleichzeitig hätte ich gern jemanden, für den ich in ein brennendes Haus zurücklaufen würde (außer dem Kater). Denn das gibt so etwas wie Sinn. Außerdem möchte ich zu jemandem gehören, jemanden unterstützen und mich auch festhalten können, wenn alles sonst eher wackelig ist.

Nun bin ich natürlich noch älter, als vor zwei Jahren und, es lässt sich nicht anders sagen, durch die Flops der hinter mir liegenden Dating-Phase ein wenig geschwächt und entmutigt.

Das zweitgrößte Hindernis ist und war mein Fett. Nicht, weil ich mich hässlich finde. Obwohl ich in letzter Zeit immer mal meine sich abermals leerende Haut betrachte und mir schon überlege, ob das jemandem, der nicht explizit darauf steht, doch noch irgendwie vermittelbar ist. Das Fett macht die Männerjagd schwieriger, weil es den Kreis der Interessierten, an denen ich auch interessiert bin, deutlich verringert. Das ist eine rein statistische Angelegenheit, der auch mit dickem Selbstbewusstsein nur schwer beizukommen sein dürfte: Die meisten Männer wollen, aus welchen Gründen es auch sei, noch immer keine dicke Partnerin (jedenfalls nicht öffentlich und offiziell), und damit wollen die meisten tollen Männer auch keine. Und tolle Kerle an sich gibt es ohnehin nicht wie Sand am Meer. 

Das wiederum bringt uns zum immer-und-ewigen Hauptproblem, dem eigenen Anspruch.
Klar, ich könnte zumindest mal versuchen, komplett offen zu sein. Für alles. Grrr. So wie es einem dusselige Selbsthilfebücher für Single-Frauen immer vorsorglich weismachen wollen. (Gibt es eigentlich ähnliche Dating-Ratgeber für Männer, abseits unsäglicher Pickup-Artistry? Und wird denen auch immer nahegelegt, mit ihren Partnerschaftszielen stets hübsch weit unten anzusetzen? Note to self: Bitte googeln!) Wenn man so ziemlich jeden nehmen würde, bleibt selbstverständlich auch einer kleben. Wenn alles, was man noch erwartet, ist, dass der Zukünftige möglichst nicht dreißig Jahre älter und kein verrückter Massenmörder ist, kann man das Aufgebot innerhalb von ein paar Stunden bestellen. Aber so läuft das halt nicht – und insbesondere bei mir hat sich nach den Erfahrungen der letzten Zeit ein noch zusätzlich erschwerender Antagonismus eingeschlichen. Ich mag zwar älter und unstraffer und noch unvermittelbarer sein denn je, aber will gleichzeitig nicht mal mehr einen doofen Prinzen auf’m Pferd. Ich. will. einen. König.

WANTED (am besten lebendig). Gestandener Mann mit Charakterstärke, persönlicher Größe, klarer Haltung und starker Schulter. Ferner unerlässlich: Intelligenz, Kreativität, progressive und liberale Grundeinstellung, schwarzer Humor, Selbstreflektiertheit, Kommunikativität, Leidenschaft, Feingefühl, Mut, sowie anständige Rechtschreibung. Muss in meinen Augen schöne Augen und Hände, sowie eine angenehme Stimme haben, gut riechen und Katzen mögen. Und Sex. Nett muss er übrigens nicht sein. Respektvoll ist besser.


Nun sagt mal, das ist doch nicht wirklich zu viel verlangt, oder? Das kann doch so unmöglich nicht sein! Also echt, jetzt…

Die DICKE DAME DATING TOUR 2015 beginnt übrigens todesmutig (meine Therapeutin wird stolz sein, wie Bolle) am kommenden Samstag (15. August), so ab 22:30 Uhr im Goldbekhaus. Da findet die Winterhuder Tanznacht statt…Göttin steh‘ mir bei.


NH


*Carson McCullers

Samstag, 8. August 2015

Damenbart

I woke up one morning, I looked like Arafat!*

(Sophia, The Golden Girls)


Seit ich Anfang zwanzig bin, entferne ich mir die Haare über der Oberlippe. Genau genommen habe ich in Los Angeles damit angefangen. Die Epiliercreme (Surgi Cream) fürs Gesicht habe ich ein paar Jahre später, als ich wieder nach Deutschland zurückzog, quasi tonnenweise im Koffer importiert, weil es sowas Gutes in Deutschland nicht gab (und noch immer nicht gibt) - und das Internet mit seinen Einkaufsmöglichkeiten im Prinzip auch noch nicht so wirklich. Wann ich eigentlich begonnen habe, Achseln und Beine regelmäßig zu rasieren, weiß ich gar nicht mehr. Aber es muss vor meinem sechzehnten Geburtstag gewesen sein, weil ich nämlich beim Vorbereitungsseminar für das Austauschjahr in den USA ganz und gar nicht überrascht war, als man uns erklärte, genau das müssten wir dort tun, um nicht unangenehm aufzufallen. Die Karikatur der Europäerin an sich ist ja in den USA auch heute noch notorisch haarig. Vorbild fürs Rasieren war meine Mutter, klar. Die hatte sich, glaube ich schon immer die Haare an den Beinen entfernt. Ich erinnere mich auch noch an den beißenden Geruch ihrer Enthaarungscreme vor ein paar Jahrzehnten. 

Als ich vor über zwei Jahren begann, meine Bikinizone/meinen Unterleib wieder öfter herzuzeigen, gab es bei mir, wie immer in solchen Phasen, einen kompletten Kahlschlag - hauptsächlich fürs Gefühl, aber auch für die Optik. Denn ich finde meine Pussy so schöner. Dass ich abseits der Stoßzeiten nicht ganz so penibel bin, was ihre Enthaarung angeht, liegt daran, dass ich tatsächlich bis heute kein komplett wirksames Mittel gegen die anschließende Reizung der Haut gefunden habe. Gleich nach dem Rasieren Cortison aufzutragen, ist meiner Erfahrung nach noch immer die beste Lösung. Die Haare mit Wachs entfernen zu lassen, kommt nicht in Frage. Das muss man irgendwo machen lassen, und das ist mir - im wahrsten Sinne des Wortes - zu aufrissig. In den Tiefen meines Kleiderschrankes steht seit Jahren eine Wunderlichtmaschine zur Epilierung. Unbenutzt, denn sie macht mir irgendwie Angst.

Die Männer, die mir in jüngerer Vergangenheit so begegnet sind, teilen diese Vorliebe für haarlose Unterwelten übrigens zu einem erstaunlich hohen Anteil nicht. Auch das ist offenbar nur wieder einer dieser Mythen über das, was Männer angeblich von Frauen wollen. (Denen fallen ja auch gern immer und immer wieder Feministinnen anheim.**) Eine ganze Reihe sprach sich für üppiges Buschland aus, und ich hatte sogar ein, zwei Anfragen, ob im Hinblick auf eine Langzeitpespektive für unsere Verbindung nicht vielleicht auch das Muschihaar in der gemeinsamen Zukunft wieder länger werden dürfte. 

Darf es nicht. Und was noch hinzu kommt: Wenn ich in nahen Kontakt mit männlichen Unterleibern komme, ist es mir seit jeher sehr, sehr, sehr viel lieber, diese sind rasiert oder zumindest sorgfältig getrimmt.Tatsächlich ist das langfristg eine echte Forderung, die ich an einen Partner habe. Wenn ich es mir aussuchen kann, ist mir auch sonst überall weniger Haar lieber. Achseln, Beine, Rücken, Brust, Gesicht - glatt und frisch poliert macht mir grundsätzlich mehr Freude als stoppelig oder flaumig. Ich habe überdies auch durchaus nichts gegen kurz geschorene Köpfe, die fühlen sich nämlich wirklich gut an.

Ist es unfeministisch, seine Körperhaare zu entfernen?

Insbesondere Achselhaare sind ein neues/altes Symbol für weibliche Rebellion gegen gängige Körper- und Weiblichkeitsnormen. Twitter (#hairyarmpits) und Instagram sind gegenwärtig voll mit Selfies, auf denen zum Teil buntgefärbtes, aber auf jeden Fall unbeschnittenes obwohl weibliches Achselhaar stolz präsentiert wird. Und Madonna als Trendsetterin machte selbstverständlich bereits im letzten Jahr mit ihren Achseln Schlagzeilen.

Ich gebe zu, dass ich noch immer gelegentlich zusammenzucke, wenn ich plötzlich Haare unter Achseln oder unter Feinstrumpfhosen sehe. Aber ich weiß, dass das mein eigenes Problem ist, und nicht das der Achselhaarträgerin. Haarlosigkeit ist ein sich immer weiter durchsetzender und immer mehr verpflichtend werdender Körperstandard, der sich eher zufällig mit meinen persönlichen Präferenzen deckt. 

Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass der Zwang, seinen natürlichen Körper auf bestimmte Weise zu bearbeiten und herzurichten, im Hinblick auf Körperbehaarung für viele andere auch genau das ist - ein gesellschaftlich erzeugter Zwang und dem entsprechend eine Belastung. Das ist falsch und unfair. Schließlich geht es mir mit meinem Körperfett genauso. Das soll ja auch immer weg, wenn man die Gesellschaft fragt. Wie wir hier am Strand dazu stehen, dürfte klar sein: Jeder muss das Recht haben, so zu bleiben, wie er ist, oder sich äußerlich so zu verändern, wie er will, ohne Häme, Verunglimpfung und Diskriminierung fürchten zu müssen.

Es ist immer schwer, der gesellschaftlichen Forderung, den Körper gewissen Normen entsprechend zu gestalten und unter Kontrolle zu bringen, etwas entgegenzusetzen. Schließlich geht es dabei stets um nicht weniger, als darum "nachzuweisen", dass frau auch wirklich weiblich ist. Die Drohung, dass einer der Status "richtige" Frau entzogen werden könnte, wenn frau sich nicht an einen Haufen von Körper- und Verhaltensregeln hält, hängt schließlich immerzu über unseren Köpfen. Das muss man erst einmal aushalten. Am Ende ist es eben auch diese Drohung, die Frauen daran hindert, sich selbst als "Feministin" zu bezeichnen. Oder die Haare schlicht da zu lassen, wo sie sind, wenn sie eigentlich gar keine Lust mehr dazu haben, sich zu rasieren. 

Die Perlen an der absurden Kette der Disqualifizierung sind ohnehin immer die gleichen: Weiblichen Körperstandards nicht entsprechend + kämpferisch/selbstbestimmt = Lesbe = Feministin = unweiblich.

Damenbart

Ich glaube, ich war wohl Anfang dreißig, als ich die ersten zwei drahtigen, dunklen und stets rasant nachwachsenden Stoppeln an meinem Kinn fand. Das fiel zeitlich ungefähr mit der Entdeckung einiger langer an meinen Brustwarzen sprießenden Haaren zusammen. Mittlerweile sind es am Kinn ungefähr ein Dutzend. Haare im Gesicht stehen natürlich ganz besonders stark für "Vermannweiblichung". Und wenn ich sie für ein paar Tage nicht mit einer Pinzette wegzupfe, werden sie schnell - zumindest in meiner eigenen Wahrnehmung - deutlich sichtbar. Darüber bin ich nicht wirklich froh. Aber manchmal habe ich wenig Zeit und finde es zu mühsam, meine Barthaare zu bearbeiten. Und dann gehe ich neuerdings einfach so vor die Tür. Das ist dann quasi meine eigene, gelegentliche Übung in haariger Selbstakzeptanz und selbstbewusster "Unweiblichkeit".


*Eines Morgens bin ich aufgewacht und sah aus wie Arafat.



**Ach, und für alle, die es zusätzlich noch interessiert: Mein Blog-Post zum Thema Körperhaare von 2008. Er war eine Antwort auf einen Artikel in der Emma, in dem der Enthaarungszwang auf, wie ich fand, falschen Prämissen basierend kritisiert wurde:

Regula Stämpfli ist dagegen. Sie findet, die Intimrasur ist ein Politikum: „Im Zeitalter der Bio-Politiken rückt der nackte Körper ins Zentrum. Immer mehr Menschen entledigen sich ihrer Scham(haare).“ Daher fordert sie, das Schamhaar – und damit offenbar auch die Scham – sollen bleiben, wo sie sind – und vielleicht auch noch möglichst schön buschig. Im Zuge der in die Jahre gekommenen PorNO-Kampagne der EMMA, wird in der aktuellen Ausgabe auf zwei Seiten unter der verwirrenden Überschrift „Politisch Korrekt? – Die Scham ist vorbei“ mal wieder gewettert – gegen die Pornographisierung der Kultur, der Gesellschaft, der Welt, die sich natürlich in letzter Instanz am Körper der Frau vollzieht. Da wird hergezogen, nicht nur über das Rasieren von Schamhaaren, sondern natürlich auch über Brüste, „rausgestreckte Ärsche“ und „Plusterlippen“. Da wird verächtlich über „Nuttenlook“ gelästert, so dass man sich als EMMA-Leserin plötzlich vorkommt, als wäre man in einer Nachmittgastalkshow zu Gast (Thema: Du siehst aus wie ein Flittchen – Zieh dir was an!). Besonders unschön wird es, als Regula Stämpfli ihr offenbar bekannten Müttern, die sonst „jeden Kindervergewaltiger am liebsten kastrieren möchten“, vorwirft, ihre Töchter „als Mini-Playboyhäschen“ herzurichten, weil sie den Mädchen erlauben, T-shirts mit Bunny-Logo zu tragen. In der guten alten Zeit des Feminismus war es ja noch so – da galt der Grundsatz, dass eine Frau/ein Mädchen anhaben darf, was sie/es will und dass kein Mann aus der Kleidung oder der Aufmachung einer Frau irgendwelche Rechte herleiten durfte. Insofern dürften sich T-shirts mit Bunny-Logo für die Tochter und Verachtung für Kinderschänder  NICHT wirklich groß behindern. Bei Frau Stämpfli und dem Magazin, das ihre wilde Anti-Schamrasur-Rede gedruckt hat, hat man was das betrifft, offenbar und betrüblicherweise die Orientierung verloren. Aber Frau Stämpfli hat natürlich noch mehr zu beklagen: Amerikanerinnen machen Strip-Kurse und lesen Sex-Ratgeber mit Titeln wie „How to Make Love Lika a Porn Star“, weil sie, wie die Regula nur Kopfschütteln abtun kann, so hoffen, IHRE Weiblichkeit und IHRE Sexualität zu entdecken. Und man kann gerade der „weißen Mittelschichtsfrau“ in Minnesota nur wünschen, dass sie die Suche nicht aufgibt. Die Pornographie generiert mitnichten nur Abbilder weiblicher Unterwerfung. Es ist kein Zufall und auch kein Unglück, dass das Bild des Pornostars heute aus einem bestimmten Blickwinkel auch als Ausdruck einer bestimmten Komponente weiblicher Freiheit betrachtet werden kann. Frauenfiguren in Pornos sind oftmals überaus fordernd, entschlossen, aktiv und bestimmend. Was sie vermutlich eher selten sind, ist gehemmt. Die Hauptrolle spielen sie ohnehin. In vielen Pornos werden Männer ganz und gar durch Plastikspielzeug ersetzt. All das sind Gründe, warum „der Pornostar“ im wahren Leben die meisten Männer wohl eher in Panik versetzen würde, käme er plötzlich wirklich durch die Schlafzimmertür. (Außerdem wüssten viele Männer ohne die Pornographie vermutlich noch immer nichts von der Existenz der Klitoris.) Der gedankliche Fehler, den die EMMA-Frauen mit erschütternder und unerbittlicher Starrhalsigkeit machen, ist die Annahme, dass Frauen das alles (Stripkurse, Unterwäsche, hohe Absätze, Kosmetik, Schönheitsoperationen) täten, um Männern zu gefallen. Das ist aber doch gar nicht wahr. Zumindest  stimmt es für viele nicht. Sie tun es tatsächlich für SICH. Wo Regula systematische Entblößung und Herrichtung der Ware Frau vermutet, spielen Männer oft schon lange gar keine Rolle mehr. Oder sie sind Zuschauer und Statisten. Um männliche Wunschvorstellungen geht es hingegen immerzu in den PorNO-Aktionen der EMMA. Frauen verkleiden sich, spielen mit Phantasien (auch Machtphantasien soll es geben), probieren was aus. Und fühlen SICH womöglich plötzlich zum ersten Mal so richtig sexy, wenn sie unbeobachtet im eigenen Keller um eine Striptease-Stange wirbeln. Fast könnte der Eindruck entstehen, offensive und bunt verpackte weibliche Sexualität ist Emma-Frauen nicht geheuer. Aber es gibt viele Arten des Ausdrucks sexueller Identität. Und die Intimrasur kann eine von ihnen sein. Auch wenn Frau Stämpfli das „stechende und juckende“ Kratzen nach einer solchen beklagt: Tatsache ist auch, dass weniger Haar einen gefühlstechnisch ganz schön weit nach vorn bringen kann ; ). Was wirklich anstößig ist, ist nicht der (angebliche) Verlust der Scham. Was wirklich anstößig ist, Frau Stämpfli, ist es, in einem zweiseitigen Artikel über vermeintlich sexuelle Objektisierung fünfmal das Wort „Kindermöse“ unterzubringen. Da würde frau gleich im Anschluss ihr EMMA-Abo kündigen. Wenn sie noch eins hätte.
Wer jetzt was zur Aufheiterung braucht: Fettes Brot haben ein ironisches, wildes Liedchen darüber gemacht, wie es mit Männerphantasien und ihrer Gültigkeit im echten Leben wirklich so ist. Bezeichnender Titel: „Bettina– zieh dir bitte etwas an“.

NH

Samstag, 18. Juli 2015

Follow me around 29: Stimmengewirr



Freitagabend war doch erst gestern.

Meine Therapeutin, die auf Hochtouren gegen meine Vereinsamung anarbeitet, wenngleich auch ohne maßgebliche Unterstützung von mir, will, dass ich "den Plan, Liebe zu finden" nicht aufgebe, bzw. wiederaufnehme. Ich werde bei dem Gedanken nur unendlich müde und traurig. Trotzdem habe ich heute Nachmittag aus einem Stapel Flohmarktbücher, die im Flur liegen, einen angegilbten Dating-Ratgeber wieder herausgezogen: "Jeder Fisch ist schön, wenn er an der Angel hängt" von Susanne Fröhlich und Constanze Kleis. Von 2002. Ich habe es selbst im letzten Jahr in einem Antiquariat gekauft - eigentlich, weil ich, wie immer bei solchen Büchern, dachte, es wäre eine gute Quelle für Satire. Aber mir war heute nicht mehr so recht zum Lachen. Natürlich steht in diesen Büchern immer das gleiche: 1. Ansprüche zurückschrauben. Und zwar so weit wie möglich. 2. Positiv sein. Und offen, offen, offen. 3. Unter Menschen gehen. Und das so viel wie möglich. Das alles sagt meine Therapeutin auch. Aber das alles liegt natürlich ganz und gar nicht in meiner Natur. Und damit schließt sich der Kreis. Die Vorbesitzerin hat 2002 ihren Namen auf die Innenseite des Covers geschrieben. Ob sie wohl im letzten Jahrzehnt angeleitet von Susanne Fröhlich einen dicken Fang gemacht hat?

Die Autorinnen empfehlen außerdem, nicht nur deshalb Orte außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen, weil sich dort womöglich viele Kerle herumtreiben (wie z.B. ein Fußballstadium oder einen Golfplatz), sondern weil man auch gern an diesen Orten ist. Wenn es dann nichts mit der Männerbekanntschaft wird (und das ist ziemlich wahrscheinlich), hat man wenigstens trotzdem ein wenig Spaß gehabt. Damit ist es erst recht besiegelt - ich bleibe für immer alleinstehend mit Katze. Denn wenn man in Museen, bei nächtlichen Kinovorstellungen und in Schuhgeschäften interessante Männer kennenlernen würde, dann wüsste ich das inzwischen.

Insgesamt habe ich Ratgeber-Burnout. Ich weiß ohnehin alles besser. Ich wurde alt geboren und bin mittlerweile naturgemäß steinalt. Ich kann selbst Ratgeber schreiben...ach stimmt ja, das habe ich bereits. Der gehört übrigens auch in den Flohmarktstapel.

Wobei,...

...seit ich blond bin, gehen mir Männer überall aus dem Weg...im Sinne von "Platz machen". Im Auto lassen Sie mich plötzlich vor ihnen abbiegen oder die Spur wechseln. Und im Supermarkt, wenn sich die Wege unserer Einkaufswagen kreuzen, weichen sie aus oder halten an. Sie nicken mir zu und lassen mich in den Fahrstuhl vorgehen. Offenbar macht mich die neue Haarfarbe sehr viel sichtbarer. So komme ich plötzlich wieder vermehrt in den Genuss allgemeiner Höflichkeiten, die ich eigentlich nicht mehr kannte. Und das macht mich wirklich, wirklich...verdammt sauer. Es gibt Klischees, die sind so absurd und ärgerlich - die dürften einfach nicht stimmen...Es könnte natürlich auch sein, dass ich mich selbst mit der neuen Haarfarbe so verändert habe, dass ich allein dadurch bei anderen Leuten entsprechend neuartige Reaktionen hervorrrufe. An sowas glaube ich ja bekanntlich nicht so recht. Aber neugierig wäre ich schon, zu erleben, was ich erst für Veränderungen in der Beziehung zwischen mir und meiner Umwelt beobachten könnte, wenn ich mit heutigem Blick und Wissen noch einmal mit einem normschlanken Körper (und blond) durch die Weltgeschichte laufen würde...Thin Privilege* noch einmal bewusst und vor dem Hintergrund der zur Genüge gemachten gegenteiligen Erfahrung wahrzunehmen, das wäre vermutlich ein ausgesprochen erhellendes und gleichzeitig zutiefst deprimierendes Experiment. Wenn man feststellt, dass alles, was man über die Oberflächlichkeit der anderen lieber nicht so recht glauben wollte, doch stimmt - das muss echt fürchterlich sein.

Dass in meinem Fall "dick und blond" allerdings noch immer in der Hauptsache "dick und mittelalt" ist, habe ich im Zuge des unerwarteten Vorgelassenwerdens auch mitbekommen. Ich glaube, ich habe noch nie die männliche Abscheu gegen die dicke Frau, die ich bin, so deutlich gespürt, wie bei dem Schnösel, der mir eine Tür aufhalten musste, weil sein Kollege mir zuvor woanders den Vortritt gelassen hatte. Da musste er mitziehen, um nicht wie ein unerzogener Arsch dazustehen - und fand mich so widerwärtig, dass ich es schier riechen konnte, als ich an ihm vorbeiging.

Aber wo ich gerade bei Thin Privilege bin...

Beim Surfen durch deutsche Fettakzeptanz-Blogs bin ich auf einen ein paar Tage alten Fernsehbeitrag über die Curvy Modemesse gestolpert (ZDF, Hallo Deutschland). Der Bericht war fünf Minuten lang und zeigte mehrere kurze Interviews mit dicken Modebloggerinnen, einer Designerin und einem Model für große Größen. Und diese Gespräche wiederum enthielten so viele fettphobische Spitzen, dass ich schon wieder mal meinen fleischigen Ohren (kein Witz übrigens, die habe ich von meinem Vater geerbt) kaum trauen konnte/wollte. Die Selbstverständlichkeit, mit in der in der Branche offenbar unablässig Publikumsbeschimpfungen stattfinden, ist mir absolut rätselhaft. Denn mich hat dieser Umstand bereits wiederholt dazu gebracht, lieber nichts zu kaufen. Wie gut für Anna Scholz und ihre Kollegen, dass die meisten anderen Kundinnen das scheinbar nicht annähernd so eng (ha!) sehen, wie ich alte Meckerziege. Denn die Anna hat nach eigener Aussage "ihre Schwäche" (eine große Kleidergröße) zu einer Stärke gemacht. Eine Bloggerin gibt zu bedenken, dass die Models, die die Mode auf der Messe präsentieren, zwar Plus-Size-Models sind, weil sie ja immerhin Größe 40 oder 42 tragen, aber eigentlich "keine übergroßen Models" sind, weil sie ja "wunderschöne Proportionen" und einfach eine "tolle Figur" haben. Bei Größe 40/42 ist also noch nicht alles "sooo schlimm". Von einer anderen Bloggerin will die Interviewerin wissen, wie sie nun eigentlich ihre "Pölsterchen versteckt", woraufhin diese prompt darauf hinweist, dass eine bestimmte Rockform sehr hilfreich ist, wenn es darum geht, zu "kaschieren". Das Model Caterina Pogorzelski findet allerdings generell: "Man sieht nicht oft irgendwie ne übergewichtige Frau, die gut gestylt ist, gut zurecht gemacht ist." Das im Kern zumeist zutiefst fettphobische Gebaren von Modefirmen, die sich zwar auf große Größen spezialisiert haben, aber ihre eigenen Kundinnen pausenlos ermuntern, sich wegzukaschieren und ihre große Mode verlogenenerweise noch immer mehrheitlich an vergleichsweise dünnen Models präsentieren, könnte mich, glaube ich, eines schönen Tages durchaus so wütend machen, dass ich womöglich abnehmen würde, nur um ihnen kein Geld mehr zu geben und mich nie mehr mit ihnen und ihren spießigen Katalogen auseinandersetzen zu müssen. 

So. Und nun ist schon wieder Samstag. Bevor ich gehe - wie wäre es mit einer schnellen Runde Plus-Size-Bullshit-Bingo: Curvy, kurvig, kaschieren, mollig, starke Frauen, Pölsterchen, Formen, Problemzonen, wegzaubern, verstecken, strecken, ablenken, betonen, mildern, Rundungen, weiblich, weich, schmeichelhaft, Vollweib, Rubensfrau, Lebensfreude, mogeln, schummeln, wegzaubern, ein paar Kilos zu viel, fließend...wer macht weiter? ; )



*Die Abwesenheit negativer Reaktionen, Bewertung und Diskriminierung durch die Umwelt, die zur grundsätzlichen und durchgängigen Lebenserfahrung Dicker gehören.


NH