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Mittwoch, 2. Oktober 2019

Decluttering: Handtaschenreport

Anders als früher, habe ich diesmal unter dieser Rubrik nicht nur meine Handtasche gelehrt und aufgeräumt (obwohl ich das auch mal wieder tun könnte), sondern mich mit meinem gesamten Taschenbestand beschäftigt. Das war langwierig - das entstandene Video ist fast eine Stunde lang. Aber es war auch für mich interessant, den "Trennungkampf" noch einmal von außen beobachten zu können. Das schwierige, innere Verhandeln für und wider einen Gegenstand, den ich oftmals seit Jahen nicht gesehen, geschweige denn benutzt habe. Es hängt noch immer so viel an den Dingen. Insbesondere die Handtaschen meiner Mutter waren eine Herausforderung. Denn hier ging es insgesamt um die letzten Überlebenden - ich weiß, ich werde nicht müde, es zu betonen, aber ALLES, was ich besitze ist bereits viele Male bearbeitet worden im Kampf gegen die Dinge.

Eigentlich sollte 2019 dieser Kampf ja beendet werden. Ein für alle Mal. Dummerweise wird das Jahr langsam kurz und der Angriff auf den Keller ist noch nicht einmal gedanklich groß begonnen worden. Das Ziel aber bleibt. Ich gebe mich erst zu Silvester geschlagen und verspreche, das nächste Vlog kommt aus eben jenem Keller.

Bis dahin - hier ist mein Taschenfilmchen:




NH



MEHR LESESTOFF GIBT ES HIER:




Freitag, 25. Mai 2018

VLOGGING: Decluttering 1 / Aussortieren


Ich habe das im letzten Post versprochene erste Video zum Ausmisten tatsächlich gedreht und, zack!, auch einfach gleich veröffentlicht. Sehen könnt ihr es HIER. 

Ich plaudere darin ein wenig über die Tücken des Aussortierens von emotionalem und anderem Kram, den man aus höchst irrationalen aber auch vielfältigen Gründen überhaupt jemals aufgehoben hat. Bei dem Filmchen handelt es sich auch um so eine Art Auftaktveranstaltung zum Themenkreis Horten und Aufräumen, weil ich dazu noch eine ganze Reihe von Beiträgen plane. Denn ich befinde mich bekanntlich seit Jahren (wenn nicht Jahrzehnten) und immer weiter im Kampf gegen die Dinge in meinem unmittelbaren Lebensraum. Und wenn ich Kampf sage, dann meine ich das auch ganz genau so. Außerdem wird man halt irgendwann beim langjährigen Ringen mit der eigenen Problematik ganz nebenbei auch zur Expertin für eben diese. Wenn es um Strategien und Methoden des Ausmistens geht, macht mir so leicht keine was vor. Wie auf dem weiten Feld der Diäten habe ich alles ausprobiert und vieles scheitern sehen.

Allerdings werde ich nicht aufhören, aufzuräumen. Anders als im Falle von Diäten, bin ich hier nach wie vor überzeugt, dass sich der Kampf lohnt, und dass das erwünschte Ergebnis auch erhalten werden kann. Denn das Leben ist so viel einfacher, wenn alles im Haus einen Platz hat, der idealerweise auch noch leicht zu erreichen ist. Gerade heute habe ich im Auto so darüber nachgedacht, dass ich eigentlich mittlerweile nur noch sehr wenig Zeit damit verbringe, Dinge zu suchen. Die Regel "ein Platz für alles und alles an seinem Platz" ist bei mir zu Hause tatsächlich inzwischen umgesetzt worden. Mein größtes Problem ist nun, den Strom von Dingen, die hereinkommen, wirksamer zu verringern. Soll heißen: Ich schleppe noch immer viel zu viel neuen Kram an, der oft erst einmal keinen Platz hat. Und das nicht nur organisatorisch, sondern buchstäblich. Dann muss Altes raus, um Platz zu schaffen. Aber sich zu trennen, ist oft nicht einfach, Und dann kommt alles ins Stocken, Ärger und Überforderung blühen ganz schnell wieder in grellen Farben und man bekommt das vertraute Gefühl, schlicht niemals wirklich Herrin der Lage zu sein.

Meine Herausforderungen für die kommenden Monate liegen im Keller (mal wieder), in der Küche, dem Schafzimmer und dem Kabäuschen. Also eigentlich überall, wobei Schlafzimmer und Keller am gruseligsten sind. Der Keller ist, nachdem er bereits ein paarmal recht aufgeräumt und organisiert gewesen ist, im Augenblick wieder so voll, dass mir Kartons entgegen fallen, wenn ich die Tür öffne.

Im Schlafzimmer ist der Kleiderschrank das größte Projekt. Darin ist im Augenblick nicht genug Luft für all meine Kleider. Die stehen zum Teil in Wäschekörben davor. Gleichzeitig habe ich Schwierigkeiten, im vollgestopften Schrank meine Kleidung für den Tag morgens schnell und einfach zu finden. Das größte Ziel ist aber Vereinfachung. Ich bestehe quasi darauf, dass der Alltag leicht wird. Da ist überhaupt der Grund, warum ich das Chaos und die Dinge so verbissen aufhalten will.

Und irgendwann werde ich dann die Kamera todesmutig in den Keller tragen. Da gibt es genug  Material für einen zünftigen Messie-Mehrteiler. Aber vorerst nun erst einmal eine milde Einleitung auf YouTube. Es würde mich übrigens außerordentlich interessieren, über euer Verhältnis zu den Dingen auch etwas zu erfahren. : )

NH

Montag, 2. Mai 2016

Walking Vlog #2: Die dicke Dame sucht die Liebe (nicht mehr)

Ich habe mich also wieder auf die Socken gemacht und habe die Kamera mitgenommen*. Dummerweise hatte ich vom letzten Mal wenig gelernt (oder schon wieder alles verdrängt) und so habe ich auf den Wind das himmlische, nervige Kind natürlich wieder überhaupt nicht geachtet. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass ich an einigen Stellen Untertitel einblenden musste, so als wäre ich mit einem sehr exotischen Dialekt in eine Doku-Soap geraten...

Die Themen Liebe und Partnerschaft sind bekanntlich keine, bei denen ich zu den Gewinnerinnen gehöre. Und dieser Beitrag wird vermutlich der letzte zum Thema sein - es sei denn, ich mache im Zuge des Thin Privilege Projektes noch erhellende Erfahrungen auf dem Gebiet.

Oder ich schwinge mich doch noch einmal einsam und verfügbar dreinblickend auf einen Barhocker. Das passiert aber nicht absehbarer Zeit - auch deshalb nicht, weil mir Zeit und das Geld für Cocktails fehlen - und bei meinem Glück mit den Männern müsste ich mich vermutlich den ganzen Abend auf eigene Kosten mit Flüssigkeit versorgen. Selbst dann, wenn einer anbeißt...

Das ist überhaupt ein Punkt, den ich im Vlog gar nicht angesprochen habe, obwohl ich ihn mir auf meine Stichwortliste gesetzt hatte: Wenn Männer mit einem einzigen Aspekt der Emanzipation WIRKLICH GANZ UND GAR NICHT UND NIEMALS UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EIN PROBLEM haben, dann damit, dass sie nicht mehr automatisch diejenigen sind, die die Rechnung zahlen. Eigentlich ist es meiner Erfahrung nach eher so, dass sie automatisch nicht mehr die sind, die einladen. Dafür finden sie aber überhaupt nichts dabei, sich automatisch einladen zu lassen und so lassen Professoren, die zehn Jahre älter sind als ihr Date, dieses anstandslos den Kaffee zahlen. Nicht alle, wohlgemerkt. Aber fast alle und unabhängig davon, wie gut es ihnen finanziell geht...Seufz.

Das war es also. 

Ein "Lebens-Update" gibt es im nächsten Blogbeitrag. Ich bin schon gefragt worden, wo ich denn bin, und dazu kann ich nur sagen: Weiterhin so ziemlich außer mir. Aber dazu später mehr. Hier kommt jetzt das Filmchen. Links zu alten Beiträgen aus meiner Dating-Geschichte findet ihr darunter.

Sonntag, 7. Februar 2016

Follow me around 41: Gehn wir ein Stückchen



Ich habe endlich zwei Dinge erledigt, die ich ja schon lange vorhatte: Ich habe mir meine brandneuen High-Tech-Turnschuhe angezogen und bin seit langer Zeit mal wieder (für meine Verhältnisse) zügig durch die Landschaft gegangen. Genau genommen, durch den Hinterwald meiner Kindertage. Außerdem habe ich dabei Selbstgespräche geführt und damit mein allererstes Vlog gefilmt.

Wie alles, was ich hier tue, war es natürlich ein Selbstexperiment und keine sehr ausgeklügelte Produktion (Was kann ich tun, was traue ich mich und wie sehe ich dann eigentlich von außen aus?). Darum wirkt das erste Filmchen auch wieder etwas experimentell. Es ist verwackelt, die Kamera zickt rum, am Ende geht das Licht weg und zwischendrin stockt der Redefluss (es geht übrigens im weitesten Sinne um den vorangegangenen Blogpost), die Stimme wird piepsig, es gibt Wiederholungen und Pausen, und Haare und Gesicht sitzen irgendwie auch nicht (oh, das Kinn, das Kinn). Aber schließlich geht es hier ja nun gerade darum: Selbstakzeptanz. Für mich war es mal wieder eine Übung darin, mich selbst auszuhalten. Und das kann ich eben glücklicherweise immer besser. Ich glaube sogar ganz sicher, dass ich beim nächsten Spaziergang wieder so vor-gehe, weil es mir zu guter Letzt dann auch wirklich Spaß gemacht hat.

Und ja, der Wind im Ton nervt enorm. Den habe ich beim Schneiden gar nicht so wahrgenommen.





© Nicola Hinz 2016

Freitag, 28. August 2015

Back to School Special

Another day, another drama...

(Britney Spears)

Kipperkarten zum Wahrsagen - Ausgabe von Regula E. Fiechter und Urban Trösch


Ich schlurfe seit geraumer Zeit durch mein Leben und habe das dringende Gefühl, dass es Zeit ist, etwas abzuschließen. Ich weiß zwar nicht was das „etwas“ wirklich ist, existiere aber in der Atmosphäre einer auslaufenden Lebensphase – ein wenig diffuse Erleichterung, ein wenig Desorientierung, eine stark verwackelte Aussicht auf Transformation. Etwas mehr Desorientierung als alles andere, vermutlich.

Fettakzeptanz. Been there, done that.*

Beim Durchgehen meiner Sprachmemos habe ich folgende Nachricht vom 24. April an mich selbst gefunden: "Das Blog hilft mir nicht mehr." Das stimmt übrigens immer wieder mal. Vielleicht sogar öfter als nicht. Ich habe aus meinen Zweifeln und meiner Frustration eigentlich nie ein Geheimnis gemacht. Die Tatsache, dass sich Fettaktivismus auf Deutsch nicht realistisch etablieren und ausweiten lässt und dass er sich weitgehend darin erschöpft, sich in Community-Schutzräumen zusammen zu tun und sich „trotzdem hübsch“ anzuziehen – all das lässt mich pausenlos an meinen Nägeln kauen, mit den Zähnen knirschen und mir meine Haare raufen.

Darüber hinaus stößt frau wieder und wieder auf das Phänomen, dass die Gemeinschaften und Foren von Dicken erstaunlich unzugängliche, ja geradezu elitäre und obendrein von Konkurrenz geprägte Strukturen haben können. Das mag natürlich auch auf das übergroße Bedürfnis zurückzuführen sein, sich zu schützen. Vor schlechten Gefühlen. Vor Negativität. Aber eben auch vor der Wahrheit über das Dicksein in unserer Gesellschaft. Leah hat mehrere Beiträge über dieses Thema und ihre gelegentlich aufflammende Enttäuschung darüber geschrieben. Sie und ich haben im Internet mithin ähnliche Beobachtungen gemacht. Wie startet man z.B. ein so richtig erfolgreiches „Fettakzeptanz-Blog“? 1. Sei nicht zu dick. 2. Lächeln, lächeln, lächeln.

Obwohl ich für mich selbst riesige Schritte in Richtung Selbstakzeptanz gemacht habe, und ich mein Blog tatsächlich für richtig und manchmal auch richtig wichtig halte, komme ich doch in beiden Disziplinen an Grenzen, die mich nun immer öfter anhalten lassen. Und dann sehe ich mich um – nach neuen Wegen. Wie setze ich in Zukunft die Reise zu dicker Akzeptanz für mich selbst fort? Und wie viel Energie kann ich zukünftig investieren, um andere ebenfalls aufzuwiegeln, sich auch auf die Reise zu machen? Wie wichtig kann es mir weiterhin sein, andere trotz ihres offenkundig nur zögerlichen oder ambivalenten Interesses irgendwie doch in den fahrenden Zug zu zerren? Denn so fühlt es sich mitunter an, wenn man sich pausenlos quasi in Vertretung für andere echauffiert. Und das ist etwas, was ich nicht nur im Hinblick auf Fettakzeptanz tue. Mir antue. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. 

Und garantiert nie wieder werde ich meine Nase in ein Weight Watchers Magazin stecken, nur um noch mehr über Fettphobie zu begreifen. Obwohl ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, wie weite Teile der Leserinnenschaft diese Art von Lektüre, die im Hinblick auf weiblichen Selbsthass jede konventionelle Frauenzeitschrift weit in den Schatten stellt, offenbar regelmäßig überstehen, ohne sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wie man wiederholt derartige sektengesteuerte Attacken auf das eigene Selbstwertgefühl aushält, ist mir ein Rätsel...

Aber wo war ich eigentlich gerade?

Ach, ja...ich muss meine Zuständigkeiten klären. Und ab jetzt bin ich radikal für mich selbst zuständig. Und wenn es in diesem Blog natürlich auch jetzt schon meistens irgendwie um mich geht, dann wird es in Zukunft sogar so sein:

I’m sorry if that sounds selfish, but it’s ME, ME, ME! 
(Jennifer Saunders, Absolutely Fabulous)
 Der Stand:
  • Ich bin 43 Jahre alt.
  • Ich bin Single. Das ist nicht das, was ich mir wünsche.
  • Beruflich und finanziell befinde ich mich in einem desorientierten und eigentlich auch ziemlich desolaten Zustand.
  • Gesundheitlich arbeite ich daran, einen erhöhten Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen. Außerdem fühle ich mich bei Weitem nicht so stark und körperlich fit, wie ich gern wäre.
  • Und was ich trotz aller Fortschritte auf meinem Weg zu dicker Selbstakzeptanz an meinem Körper wirklich gern ändern würde, das sind die ballonartigen, omahaften Wasserfüße, die ich am Abend habe. Da! Ich hab’s gesagt! Diese Füße vertragen sich auch heute einfach nicht mit meinem Selbstbild. Und schon gar nicht mit dem, was von meiner Schuhsammlung übrig ist.
  • Ich hätte wirklich gern mehr Spaß im Leben.

Zunächst einmal werde ich wohl das UGLY GIRL PROJECT abschließen. Da braucht es nun noch ein Finale. Und dann leere ich die Hälfte der Bilderrahmen, die hier in meinem Zuhause herumstehen, und mache Platz für zukünftige Erinnerungen. (In den meisten Rahmen steckt übrigens meine Mutter.) Dann werde ich (u.U. zeitgleich) beginnen, zu trainieren und zu vloggen. In den kommenden Monaten lese ich nur noch Krimis und National Geographic. Womöglich buche ich mir zwischendurch auch noch einige Coaching-Termine mit ein paar Pinguinen. Und dann sehen wir mal weiter.

*Kenn' ich alles schon. / Erledigt.


NH


Samstag, 21. März 2015

Follow me around 20: A day in the life...

...ist ja auch so eine beliebte Vlogging-Kategorie. Aber die meisten meiner Tage eignen sich wahrhaftig nicht für pastellige Selbstdarstellung in bewegten Bildern. Und wer würde schon ernsthaft meine alltägliche, kleinlich-säuerliche Wirklichkeit betrachten wollen? Vorsicht: Nichts für schwache Nerven. ; ) 

Um es noch einmal deutlich mit den Worten von Jack Nicholson in "A Few Good Men" zu sagen: "You can't handle the truth!"


Dienstag:

8:30 Bürste bleibt im Haar hängen, fliegt mir aus der Hand und durchs Badezimmer.

9:00 Kundin ist krank und nicht da. Ich stehe bei ihr vor der Tür. Offenbar hat sie früh am Morgen eine Nachricht auf meinem AB hinterlassen, die ich aber nicht abgehört habe.

9:20 Zurück zu Hause. Sehr gesprächiger Nachbar fängt mich auf der Auffahrt ab und berichtet über den Stand seiner Zahnfleischprobleme.

10:42 Tasche auf dem Beifahrersitz fällt in scharfer Kurve seitlich um.

10:53 Stau vorm Hauptbahnhof. Habe Telefonnummer von Kunden nicht dabei. Muss Mail schreiben, dass ich mich verspäte.

11:05 Muss jetzt dringend aufs Klo. Noch immer im Stau.

11:11 Krampf im linken Fuß.

11:35 Beim Kunden. Mir fehlt Material, das vermutlich aus der Tasche gefallen sein muss.

12:40 Beifahrersitz hakt, lässt sich nicht nach hinten schieben. Aber die verlorenen Unterlagen liegen darunter.

12:42 Rüchwärtsgang hakt auch.

12.50 Essen im Auto. Sandwich-Soße am Jackenärmel.

12.51 Stelle fest, dass ich einen Anruf verpasst habe. Private Nummer. Nun kann ich mich für immer fragen, wer das wohl war.

13:21 Bauchschmerzen. Ziemlich stark sogar.

16:50 Bleibe bei Gang durch fremdes Gartentor am Riegel hängen. Loch in T-shirt.

18:15 Im Auto. SMS, dass ich meine Schreibmappe habe liegen lassen. Drehe um, fahre 20 Minuten zurück, um sie abzuholen.

20:37 Keine Blaubeeren bei Penny.

23:07 Klingeln im Ohr.


Donnerstag:

8:31 Kater reißt aus Übermut erst Loch in Schlafanzughose und dann in meine Wade.

8:36 Beim Aufreißen einer Tüte mit Katzenfutter spritzt mir die Soße ins Gesicht und auch sonst überall hin.

18:55 Ankunft in der "Galerie der Gegenwart" in Hamburg.

18:58 Bekomme mit meinem Ticket, für das ich 12 Euro bezahle (obwohl die Deutsche Bank die Ausstellung sponsort), einen orangefarbenen Aufkleber überreicht, den ich sichtbar auf mir anbringen soll.

18:59 Gerate mit übereifriger Kartenabreißerin in einen Streit, als sie mich "beraten" will, wo ich den Aufkleber am besten platziere. Sie ist beleidigt, weil ich ihren Rat nicht will. Und weil sie natürlich nicht begreift, dass ich orangefarbene Markierungen (aus vielerlei Gründen) an den Revers von Leuten echt daneben finde.

19:03 Kann das Klo nicht finden. Weil es im Treppenhaus kein Schild gibt.

19:09 Kein Abfallbehälter in der Kabine. Muss Müll in der Hand mit in den Vorraum tragen.

19:34 Einige deutsche Übersetzungen der englischen Titel sind mir aufgefallen. Sie sind nicht sehr gut/genau, bzw. im Prinzip falsch und verändern damit regelrecht die Bedeutung und/oder Auslegungsmöglichkeiten der betreffenden Kunstwerke.

ORLAN: "LE BAISER DE L'ARTISTE", 1977
Renate Bertlmann

19:44 Erstaunlich, dass eine Ausstellung der "Feministischen Avantgarde der 1970er Jahre" in der Hauptsache voll ist mit Darstellungen nackter Frauenkörper. Und mit Körpern, die durch ihre Besitzerinnen manipuliert und dargestellt werden (Selbstportraits). Körper, die selbst vor feministischem Hintergrund zumindest zum Teil noch immer zu posieren scheinen und irgendwie gefallen wollen (siehe besonders Hannah Wilke). Die hier dargestellte Anklage der damals und heute ja auch noch herrschenden Machtverhältnisse ist zahm. Die Wut ist eher ambivalent und mitunter, scheint sie sogar nach innen gerichtet. Stille Verwirrung bei der Bestimmung und Annäherung an die eigene Identität, Sexualität und Körperlichkeit, ein nicht enden wollendes, aus heutiger Sicht naiv anmutendes Abarbeiten von stereotypen Frauenrollen und Schönheitsstandards, sowie die Gefangenheit in eben jenen, bestimmen die Ausstellung. Die Werke sind, in Übereinstimmung mit fehlender Drastik, zumeist eher kleinformatig und schwarz-weiß. Eine radikalere Ausnahme ist Renate Bertlmann mit ihrer "Schwangeren Braut im Rollstuhl". Persönlich suche ich während meines Rundganges nach irgendeiner inneren Verbindung. Schließlich arbeite ich auch mit Selbstportraits, um mich selbst besser zu erkennen, und um mich in einer Situation der Rebellion zu stärken. Aber (fast) die ganze Zeit denke ich nur: Mehr Lärm! Mehr Farbe! Dann würde das alles vielleicht nicht so verdammt lange dauern! Mit der Freiheit. Man kann nicht rebellieren und kritisieren - und gleichzeitig nicht unangenehm auffallen. Und ja, wie am Meinungsbrett richtig bemerkt: Obendrein sind hier augenscheinlich nur weiße Künstlerinnen vertreten.

19:45 Am schwarzen Brett, an dem man auf roten Zetteln seine Meinung zur Ausstellung mitteilen soll, gibt es keine Stifte mehr in den Haltern. Kunstbewachungsdamen laufen hin und her und am Brett vorbei. Bleiben sogar davor stehen. Merken aber nichts.

20:02 Es gibt im Museumsshop so gut wie keine Postkartenmotive aus der Ausstellung. Nur den Katalog für 40 Euro. Den kaufe ich diesmal nicht.


 20:08 Kartenabreißerin grüßt nicht zum Abschied, wirft mir aber hämisch-giftigen Blick zu.

20:20 Gehe durch die Bahnhofshalle auf dem Weg zum Auto. Offenbar komplett zugedröhnter, gefährlich schwankender Herr taucht neben mir auf und schickt sich an, einen Schluck aus dem Strohhalm zu nehmen, der aus meinem Smoothie ragt.

20:25 Kaufe neuen Smoothie.

20:29 Gehirnfrost.

20:49 Im Auto. Sehe die Leuchtreklame für den Dom am Horner Kreisel. Ist wieder keiner da, der mit mir in der Geisterbahn knutscht...

NH

Samstag, 14. Februar 2015

Follow me around 16: Im Eimer / Wochenendausgabe


Hätte ich den heutigen Tag gevlogt, hätte man Folgendes zu sehen bekommen:

Auf der Fahrt zum Tierfuttermarkt habe ich begonnen, vor mich hinzuweinen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Als ich auf den Parkplatz fuhr, bekam ich eine freundliche E-Mail von einem Bekannten, fing mich ein wenig, blickte kurz ins Leere, wischte mir im Gesicht herum und ging dann in den Laden. Dort kaufte ich ein rotes Stoffherz, gefüllt mit Baldiran, für Corbi und ausnahmsweise ein paar Dosen von dem gaaanz teuren Futter, das er (dummerweise) halt am liebsten mag, denn ich hatte einen Valentinstagsgutschein über 5 Euro. Ich stieg zurück ins Auto und wollte schlicht nicht nach hause. 

Also begab ich mich auf die Flucht und fuhr weiter zum nahen Hello Kitty Outlet Store. Wohin auch sonst? Und was kauft man da, wenn man eigentlich gar nichts kaufen darf? Erstens, weil das Geld sowieso knapp ist. Und zweitens, weil man mit sich selbst ein Abkommen geschlossen hat, im Februar nichts zu erwerben, was nicht wirklich notwendig oder essbar ist? Einen pinkfarbenen Eimer. Was auch sonst? Hey, er ist pink. Er ist aus glänzendem Plastik. Man kann Dinge hineintun. Lass mich in Ruhe, ok?

Und weil sie quasi gegenüber vom Outlet liegt, fuhr ich kurzerhand weiter zur örtlichen Edel-Variante eines Edeka-Marktes, nur um festzustellen, dass die bei ihrem Umbau die kleine Abteilung mit Lebensmitteln aus den USA aufgelöst haben und nun keine Reese's Peanut Butter Cups mehr führen. Und auch keine Macaroni and Cheese von Kraft. 

Der Laden war gerammelt voll. Und ich war automatisch voller Abscheu. Und plötzlich voller Neid. Nein, nicht auf die flusigen Eltern um ihr hässliches Kleinkind, das unzureichend beaufsichtigt den Familien-Einkaufswagen mal in diese Person oder jenes Regal rammte. Und beileibe auch nicht auf das erschütternde Schicksal der Frau des offenkundig welt-stoffeligsten Ehemannes, der immerzu ihr und anderen im Weg stand, bis sie sagte: "Du kannst ja schon mal das Leergut wegbringen." Er: "Wo ist denn das Leergut?" Sie: "Na, im Einkaufswagen!" Er: "Wo ist denn der Einkaufswagen?" 

Mir ist schon klar, dass ich ein Eingebundensein in diese spezifischen Lebenssysteme unter den öffentlich sichtbaren Umständen vermutlich keine fünf Minuten ertragen könnte. Aber das Eingebundensein an sich, das war es, worum ich alle beneidete, die nicht allein und mit einem Körbchen für eine Person am Arm ziellos durch die Gänge wanderten. So sehr, dass vermutlich grüne Lichtblitze aus meinen Augen schossen. Wenigstens für einen Moment. Zu irgendwem irgendwie zu gehören. Und sich über die Organisation des gemeinsamen Systems auseinanderzusetzen - irgendwie. Ich will das. Und ich weiß schlicht noch immer nicht, wie man es bekommt. 

Mit grummelnder Bitterkeit schlich ich für eine unangemessen lange Zeit um die überteuerte Salatbar und kaufte mir am Ende mein eigenes All-you-can-eat-Buffet zusammen, das ich bei meiner Heimkehr fast nicht in den Kühlschrank bekommen habe.

Zu guter Letzt landete ich in einem Geschäft, das Retouren des Impressionen Versandes verkauft. Und da stand ein Sofa. Mein Sofa. Mit einem grünen Polster auf der breiten Sitzfläche und geschwungenen Rück- und Seitenwänden aus feinem, altmodischen Flechtwerk. Ich wünschte, ich hätte ein Foto gemacht. Es sind ja immer alle ganz erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich kein Sofa habe. Haben doch nun wirklich alle. Mit nem Tischchen davor. Und mit Blick auf einen Fernseher. Aber ich hatte noch nie eins. Nur drei Sessel. Zwei davon sind zerzauste Erbstücke. Und auf einen davon setzt man sich besser gar nicht. 

Ich habe natürlich im Augenblick gar kein Budget für ein Sofa. Und erst recht keinen Platz. Und auch niemanden, der mit mir darauf sitzt. Der Kater würde es vermutlich in wenigen Tagen in Fetzen reißen. Aber ich will jetzt das Sofa...

Mit all den vorgenannten Ereignissen als unspektakulärem Inhalt hätte sich mein Vlog nicht besonders von denen unterschieden, die bei YouTube täglich frisch und zu tausenden (wenn nicht mehr) zu bewundern sind. Inklusive der Heulerei im Auto übrigens. Nichts ist ungewöhnlich. Wenn man begreift, dass wir, zumindest im Kern unseres Wesens, alle gleich sind.


NH

Montag, 21. Juli 2014

Follow me around 3



Schön ist das nicht


Vor ein paar Stunden habe ich softpornografische Filmaufnahmen gemacht. Von mir selbst, um jemand anderem eine Freude zu machen. Zentrales Motiv der Arbeit war das Aufbringen von Sprühsahne auf meinen Busen...in den Initialen des Beschenkten...

Kennt das noch jemand, dass einem bei so ziemlich jeder Unternehmung mit mehr als einer Unbekannten fast unvermeidlich erst einmal alles um die Ohren fliegt? Nichts ist jemals einfach. So ziemlich alles, was einem wichtig ist, muss erkämpft werden. Wenn es mal nicht so ist, ist man komplett verwirrt und kann es nicht recht fassen. Durch den Impuls trotzdem zu rackern, um zu erringen, kann man dann gute, leichte Sachen auch schnell wieder dazu bringen, zu verschwinden. Und zwar noch bevor man sie als das erkannt hat, was sie sind.

Jedenfalls schüttelte ich enthusiastisch die Dose, drückte dann den kleinen Knopf, und es sagte vorwurfsvoll "kriggsch", worauf ich einen eingerissenen, blutigen Nagel und das Gesicht voller Sahne hatte. Der Dinosaurier auf dem Fensterbrett sah aus, als sei er in einen Schneesturm geraten und was ich heute außerdem noch gelernt habe, wäre dieses: Sprühsahne aus Jalousien zu putzen ist eine Schlacht, die man nicht gewinnen kann.

Ich sprühte noch einmal und traf diesmal, erregte aber auch die Aufmerksamkeit des Katers, der entschlossen auf meinen Schoß kletterte, fasziniert an mir roch und anfing, mir die Sahne vom Arm zu lecken. Als ich ihn endlich trickreich aus dem Bild befördert hatte, war die Sahne flüssig und unlesbar. Dafür tropfte sie umso wilder und unkontrollierbarer ÜBERALL HIN.

So ist das. Immerzu kracht irgendetwas zusammen und/oder auf den Boden, wo es dann in die hinterste Ecke und/oder unter den Schrank kullert. Wenn man dann hinterher kriecht, findet man einen Haufen von Dingen, die man wirklich lieber niemals gesehen hätte. Die Welt, in der ich lebe, ist eine gigantische Handtasche, in der konsequenterweise alles, was man braucht, gerade unauffindbar ist. Und wenn man dann die kleine Taschenlampe am Schlüsselbund anknipsen will, um die Sache hilfreich zu erhellen, ist die Batterie alle.

Was allerdings so schnell nicht verloren gehen wird, ist der Geruch der Sprühsahne auf der Haut. Dem war auch mit Körperpeeling irgendwie nicht beizukommen.

Das bisschen Haushalt


Erwähnte ich schon, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr koche? Weil mir regelmäßig alles anbrennt? Abgesehen von der frustrierenden Verschwendung von Lebensmitteln ertrug ich auch das Einweichen und Ausschrubben der Töpfe nicht mehr. Auch im Ofen verbrutzelte immer alles zu Kohle. Ich dachte, ich wäre clever, und stellte einen Timer. Der klingelte, die Pizza war noch nicht fertig, ich vergaß, die Uhr nochmals zu stellen - Bingo!

Nun mache ich nur noch Essen, das roh, oder für die Mikrowelle geeignet ist. Auf diese Weise schlagen mir zwar keine offenen Flammen mehr entgegen, dafür wird jetzt oft alles wieder kalt, bevor ich dazu komme, es aus der Küche abzuholen. Ja, ich vergesse zu essen. Ich habe tonnenweise Wichtigeres zu tun - äußerlich wie innerlich. Am vergangenen Wochenende habe ich hauptsächlich von Wassereis gelebt. Ich glaub' übrigens, daran könnte ich mich durchaus gewöhnen. Abendessen am Stiel. Gar kein Abwasch mehr...bis auf die Katzenteller. Die allerdings sind insbesondere bei den aktuellen Temperaturen eine echte Herausforderung.Hm, vermutlich hätte der Kater keine Probleme damit, auf Pappteller umzusteigen. Ich weiß, mein Kampf mit der Küche soll mir etwas sagen. Aber es wäre geprahlt, zu behaupten, ich wüsste wirklich, was.

Hautbild


Auch was meine Haut mir mit ihrem absurden Ausbruch mitteilen wollte, ist mir ich nicht so recht klar. Oder sagen wir, ich verstehe einfach nicht, warum sie so lange gewartet hat, und sich ausgerechnet jetzt als Spiegel der Seele aufspielen musste. Und ich will, dass sie wieder damit aufhört und traue ihr nicht. Darum beschmiere ich sie immer weiter mit antibiotischer Creme, damit sie ja die Klappe hält. Sie rächt sich und lässt einfach die Verfärbungen, die von der Dermatitis geblieben sind, nicht so richtig abklingen. So habe ich noch immer eine reduzierte, rötliche Weltkarte mitten im Gesicht. Links Südamerika, rechts Russland - und meine Nase als Bergkette dazwischen. 

Obendrein habe ich bei großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit immer ein Problem mit juckenden Pickelchen auf der Stirn. Normalerweise rücke ich diesen ziemlich erfolgreich mit Kortison zu Leibe. Aber in diesem Jahr geht das ja nicht. Also kratze ich mich viel am Kopf und trage weiterhin kein Make-up. Das könnte der m,kkkkk.l-öööö (Kater ist über die Tastatur gewandert) Anfang einer völlig neuen Phase des Ugly Girl Projects sein...ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dafür bereit bin. Für die ungeschminkte Wahrheit.

NH

Freitag, 11. Juli 2014

Follow me around 2


Nicht schwanger

Vor ein paar Wochen bekam ich meine Periode nicht rechtzeitig. Und ich dachte mir zunächst überhaupt gar nichts dabei. Nach zwei Wochen wunderte ich mich, aber dachte noch immer nicht weiter. Nach vier Wochen wurde ich plötzlich ausgesprochen unruhig. Mich ergriff eine flammende Panik, und ich kaufte nach über einem Jahrzehnt mal wieder einen Schwangerschaftstest. Ich trug ihn nach Haus, legte ihn in eine Schublade und begriff, dass ich alt werde.

Ich wollte nie Kinder haben. Mein Leben lang war ich in Verhütungsangelegenheiten immer  übergründlich. Und niemals wäre zuvor ein ganzer blutungsfreier Monat ins Land gegangen - der Sache wäre innerhalb weniger Tage auf den Grund gegangen worden. Es gab ja auch keine Entscheidung zu fällen, keinen inneren Konflikt. Eine Schwangerschaft wäre in meinem Fall immer ungewollt gewesen und damit auch automatisch beendet worden.

Bis jetzt. Jetzt bin ich zweiundvierzig Jahre alt. Und ich fand mich mit Herzklopfen auf meinem Badezimmerhocker kauernd, das Gesicht in den Händen, den Kopf voller verstörender weil zutiefst konventioneller Fragen: Was, wenn nun kurz vor Ladenschluss doch noch was passiert ist? Was das Kinderkriegen angeht, wäre das hier mit ziemlicher Sicherheit dein allerletzter Aufruf...WAS WÜRDEST DU ALSO TUN, WENN ES WIRKLICH SO WÄRE?! Ein Kind wäre endlich mal was Normales in deinem Leben. Das wäre die Gelegenheit, am Ende doch noch wenigstens ein gängiges Lebensritual abzuarbeiten. Außerdem - vielleicht ist es ja tatsächlich sinnstiftend, wer weiß...zumindest käme deine gesamte Bilderbuchsammlung noch einmal so richtig zum Einsatz.

Die Freundin, mit der ich dann darüber sprach, kriegte sich über die ungelegten Eier fast gar nicht mehr ein vor Vorfreude: "Oh, wie schön! Das ist doch super! Das würde mich aber für dich freuen! Kinder sind doch sowas Schönes! Und eins kriegt man doch immer groß - auch, wenn man alleinerziehend ist...!" (Bitte gedanklich hier das Geräusch quietschender Bremsen einfügen.) Beruhigter war ich danach keinesfalls, denn sie hatte mich ja erst an einen nicht unbedeutenden Aspekt erinnert: Dem Vater müsste man dann vermutlich auch noch irgendwann Bescheid geben...

Dann machte ich den Test, und er war negativ. Ich war in der Tat erleichtert, wenn vielleicht auch nicht ganz so sehr, wie erwartet.

Weg

"Womit denn seine Stunden verbringen, wenn die Lippen müßig sind? Mit der Liebe? Mit der Liebe? Diese Betrachtungen gehen über meinen Verstand, in ihnen liegt eine Fähigkeit zum Glück und zur Trägheit, etwas Befriedigtes, das mich anwidert." (Flaubert)




Erst wusch ich einen Korb voll schwarzer, alleinstehender Socken. Als es dann ans Sortieren ging, gab ich entnervt und im wahrsten Sinne angewidert auf, stopfte sie in eine Plastiktüte und warf sie kurzerhand weg. An einigen von ihnen hatten noch Fusseln und Haare geklebt. Ein paar hatten durchscheinende Sohlen. Ich wollte mich mit dem Elend nicht mehr befassen. Ich wollte den Quatsch für immer vom Tisch. Jetzt bin ich komplett ohne schwarze Socken, aber noch ist ja Sommer.

Und es landete noch etwas im Container. Ich bin jetzt so alt, dass es in meinem Haushalt Bücher gibt, die ich immer lesen wollte, aber bei denen mir langsam klar wird, dass ich es in diesem Leben vermutlich trotzdem nicht mehr tun werde. Ich habe mir vermutlich so ungefähr ein gutes Semester in der Hamburger Staatsbibliothek um die Ohren geschlagen, um dort die 360 Seiten zu kopieren, aus denen Ralph-Rainer Wuthenows "Muse, Maske, Meduse - Europäischer Ästhetizismus" besteht. Die oben stehende Textstelle stammt daraus.Vermutlich wäre es ohnehin sehr viel billiger gewesen, es schlicht fertig im Laden zu erwerben. Wobei - heute bekommt man halt fast alles im Internet. Möglicherweise war es damals vergriffen. So oder so - nun liegt es ungelesen im Müll. Ein Projekt weniger.

Periorale Dermatitis


Zwischendrin verlor ich dann mein Gesicht. Die biestige Ironie und Ambiguität blieben mir nicht verborgen. Jetzt war ich keine dicke Frau mit dem vielbemühten "hübschen Gesicht" mehr. Ich war eine dicke Frau mit einem nässenden, brandroten Ausschlag um den Mund, vor dem sich Menschen merklich erschreckten, wenn sie mich sahen. Ich war ein komplett "hässliches" Mädchen - ohne Milderung oder Alibi. Ganz unbekannt war mir dieser Zustand nicht. Als Teenager litt ich an Akne. Und ich habe noch immer die Angewohnheit, an Pickeln oder Insektenstichen zu pulen, bis Blut fließt. Trotzdem - was für eine Ausweitung des Übungsfeldes im Hinblick auf Selbstakzeptanz.

Der Verlust des Gesichtes wirkte sich übrigens auch auf persönlicher Ebene umgehend aus. Ich bekam keinen Abschiedskuss mehr. Dabei wäre das lebensnotwendig gewesen.

Weil es sich nun gerade so anbietet, und ich selbst im Internet hilfreiche Tipps zur Behandlung einer perioralen Dermatitis fand, werde ich hier in guter Beauty-Blogger-Manier kurz schildern, wie ich das Ganze wieder halbwegs in den Griff bekommen habe.

Die periorale Dermatitis wird auch volksmundig als "Stewardessenkrankheit" bezeichnet. Sie resultiert wohl zumeist aus einer Überpflegung der Haut, gepaart mit Stress, Bakterien und einer persönlichen Disposition, diese Krankheit zu bekommen. Sie beginnt mit Bläschen um Nase und Mund (und manchmal am Auge), bei denen man noch nichts Böses vermutet und geht dann, wenn es mies läuft, ziemlich schnell in entzündliche, schuppende Schollen über.

Was mir (relativ) schnell, also innerhalb von drei bis vier Wochen, geholfen hat:

  • Nulldiät für die Gesichtshaut, d.h. es dürfen gar keine Kosmetika mehr verwendet werden. Das Gesicht soll auch nur noch mit Wasser gewaschen werden. (Ich verwende manchmal einen Wattebausch mit Isopropylalkohol, wenn es mir zu klebrig wird, das desinfiziert auch.)
  • Tägliches Wechseln des Kopfkissenbezuges.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Erythromycin für die Nacht.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Metronidazol für den Tag.
  • Heilerde-Masken (allerdings selbst angerührt, nicht die fertigen Masken aus der Tube).
  • Die anfänglich starken Entzündungen haben bei mir ganz gut auf Kühlung mit Eiswürfeln aus schwarzem Tee reagiert.
  • Autogenes Training zum Stressabbau.

Braves Mädchen

Und noch mehr ist weg. Gewicht. Ich erzähle gern allen, dass ich heute 12 kg weniger wiege, als Ende 2013. Weil alle genauso reagieren, wie ich es vermutet habe, und ich halt so gern Recht behalte. ; ) Obwohl die meisten dieser Menschen genau wissen, dass ich ein Blog über Fettakzeptanz schreibe, hält sich kaum einer mit Ambivalenz auf. Sie sind wie die Roboter - wo Gewicht verloren wird, da ist nach wie vor alles gut und uneingeschränkt beklatschbar. Einige scheinen regelrecht froh, dass die dicke Nicola offenbar zur Vernunft gekommen ist. "Oh, schöön! Dünner ist ja doch auch gesünder." "Toll, was tust du denn so, um abzunehmen?" "Find ich richtig gut, dass du das jetzt machst." "Du, das sieht man auch schon!" "Weiter so! Wollen Sie sich nicht vielleicht doch mal einer Laufgruppe anschließen?" (Das war meine Frauenärztin.) Und dann kam auch noch Theo: "Cool."... Ja, das hat er gesagt. Und was gäbe ich für ein Foto von meinem Gesichtsausdruck in eben jener Sekunde.

NH