Posts mit dem Label Erfahrungsbericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Erfahrungsbericht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 14. Februar 2015

Follow me around 16: Im Eimer / Wochenendausgabe


Hätte ich den heutigen Tag gevlogt, hätte man Folgendes zu sehen bekommen:

Auf der Fahrt zum Tierfuttermarkt habe ich begonnen, vor mich hinzuweinen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Als ich auf den Parkplatz fuhr, bekam ich eine freundliche E-Mail von einem Bekannten, fing mich ein wenig, blickte kurz ins Leere, wischte mir im Gesicht herum und ging dann in den Laden. Dort kaufte ich ein rotes Stoffherz, gefüllt mit Baldiran, für Corbi und ausnahmsweise ein paar Dosen von dem gaaanz teuren Futter, das er (dummerweise) halt am liebsten mag, denn ich hatte einen Valentinstagsgutschein über 5 Euro. Ich stieg zurück ins Auto und wollte schlicht nicht nach hause. 

Also begab ich mich auf die Flucht und fuhr weiter zum nahen Hello Kitty Outlet Store. Wohin auch sonst? Und was kauft man da, wenn man eigentlich gar nichts kaufen darf? Erstens, weil das Geld sowieso knapp ist. Und zweitens, weil man mit sich selbst ein Abkommen geschlossen hat, im Februar nichts zu erwerben, was nicht wirklich notwendig oder essbar ist? Einen pinkfarbenen Eimer. Was auch sonst? Hey, er ist pink. Er ist aus glänzendem Plastik. Man kann Dinge hineintun. Lass mich in Ruhe, ok?

Und weil sie quasi gegenüber vom Outlet liegt, fuhr ich kurzerhand weiter zur örtlichen Edel-Variante eines Edeka-Marktes, nur um festzustellen, dass die bei ihrem Umbau die kleine Abteilung mit Lebensmitteln aus den USA aufgelöst haben und nun keine Reese's Peanut Butter Cups mehr führen. Und auch keine Macaroni and Cheese von Kraft. 

Der Laden war gerammelt voll. Und ich war automatisch voller Abscheu. Und plötzlich voller Neid. Nein, nicht auf die flusigen Eltern um ihr hässliches Kleinkind, das unzureichend beaufsichtigt den Familien-Einkaufswagen mal in diese Person oder jenes Regal rammte. Und beileibe auch nicht auf das erschütternde Schicksal der Frau des offenkundig welt-stoffeligsten Ehemannes, der immerzu ihr und anderen im Weg stand, bis sie sagte: "Du kannst ja schon mal das Leergut wegbringen." Er: "Wo ist denn das Leergut?" Sie: "Na, im Einkaufswagen!" Er: "Wo ist denn der Einkaufswagen?" 

Mir ist schon klar, dass ich ein Eingebundensein in diese spezifischen Lebenssysteme unter den öffentlich sichtbaren Umständen vermutlich keine fünf Minuten ertragen könnte. Aber das Eingebundensein an sich, das war es, worum ich alle beneidete, die nicht allein und mit einem Körbchen für eine Person am Arm ziellos durch die Gänge wanderten. So sehr, dass vermutlich grüne Lichtblitze aus meinen Augen schossen. Wenigstens für einen Moment. Zu irgendwem irgendwie zu gehören. Und sich über die Organisation des gemeinsamen Systems auseinanderzusetzen - irgendwie. Ich will das. Und ich weiß schlicht noch immer nicht, wie man es bekommt. 

Mit grummelnder Bitterkeit schlich ich für eine unangemessen lange Zeit um die überteuerte Salatbar und kaufte mir am Ende mein eigenes All-you-can-eat-Buffet zusammen, das ich bei meiner Heimkehr fast nicht in den Kühlschrank bekommen habe.

Zu guter Letzt landete ich in einem Geschäft, das Retouren des Impressionen Versandes verkauft. Und da stand ein Sofa. Mein Sofa. Mit einem grünen Polster auf der breiten Sitzfläche und geschwungenen Rück- und Seitenwänden aus feinem, altmodischen Flechtwerk. Ich wünschte, ich hätte ein Foto gemacht. Es sind ja immer alle ganz erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich kein Sofa habe. Haben doch nun wirklich alle. Mit nem Tischchen davor. Und mit Blick auf einen Fernseher. Aber ich hatte noch nie eins. Nur drei Sessel. Zwei davon sind zerzauste Erbstücke. Und auf einen davon setzt man sich besser gar nicht. 

Ich habe natürlich im Augenblick gar kein Budget für ein Sofa. Und erst recht keinen Platz. Und auch niemanden, der mit mir darauf sitzt. Der Kater würde es vermutlich in wenigen Tagen in Fetzen reißen. Aber ich will jetzt das Sofa...

Mit all den vorgenannten Ereignissen als unspektakulärem Inhalt hätte sich mein Vlog nicht besonders von denen unterschieden, die bei YouTube täglich frisch und zu tausenden (wenn nicht mehr) zu bewundern sind. Inklusive der Heulerei im Auto übrigens. Nichts ist ungewöhnlich. Wenn man begreift, dass wir, zumindest im Kern unseres Wesens, alle gleich sind.


NH

Montag, 21. Juli 2014

Follow me around 3



Schön ist das nicht


Vor ein paar Stunden habe ich softpornografische Filmaufnahmen gemacht. Von mir selbst, um jemand anderem eine Freude zu machen. Zentrales Motiv der Arbeit war das Aufbringen von Sprühsahne auf meinen Busen...in den Initialen des Beschenkten...

Kennt das noch jemand, dass einem bei so ziemlich jeder Unternehmung mit mehr als einer Unbekannten fast unvermeidlich erst einmal alles um die Ohren fliegt? Nichts ist jemals einfach. So ziemlich alles, was einem wichtig ist, muss erkämpft werden. Wenn es mal nicht so ist, ist man komplett verwirrt und kann es nicht recht fassen. Durch den Impuls trotzdem zu rackern, um zu erringen, kann man dann gute, leichte Sachen auch schnell wieder dazu bringen, zu verschwinden. Und zwar noch bevor man sie als das erkannt hat, was sie sind.

Jedenfalls schüttelte ich enthusiastisch die Dose, drückte dann den kleinen Knopf, und es sagte vorwurfsvoll "kriggsch", worauf ich einen eingerissenen, blutigen Nagel und das Gesicht voller Sahne hatte. Der Dinosaurier auf dem Fensterbrett sah aus, als sei er in einen Schneesturm geraten und was ich heute außerdem noch gelernt habe, wäre dieses: Sprühsahne aus Jalousien zu putzen ist eine Schlacht, die man nicht gewinnen kann.

Ich sprühte noch einmal und traf diesmal, erregte aber auch die Aufmerksamkeit des Katers, der entschlossen auf meinen Schoß kletterte, fasziniert an mir roch und anfing, mir die Sahne vom Arm zu lecken. Als ich ihn endlich trickreich aus dem Bild befördert hatte, war die Sahne flüssig und unlesbar. Dafür tropfte sie umso wilder und unkontrollierbarer ÜBERALL HIN.

So ist das. Immerzu kracht irgendetwas zusammen und/oder auf den Boden, wo es dann in die hinterste Ecke und/oder unter den Schrank kullert. Wenn man dann hinterher kriecht, findet man einen Haufen von Dingen, die man wirklich lieber niemals gesehen hätte. Die Welt, in der ich lebe, ist eine gigantische Handtasche, in der konsequenterweise alles, was man braucht, gerade unauffindbar ist. Und wenn man dann die kleine Taschenlampe am Schlüsselbund anknipsen will, um die Sache hilfreich zu erhellen, ist die Batterie alle.

Was allerdings so schnell nicht verloren gehen wird, ist der Geruch der Sprühsahne auf der Haut. Dem war auch mit Körperpeeling irgendwie nicht beizukommen.

Das bisschen Haushalt


Erwähnte ich schon, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr koche? Weil mir regelmäßig alles anbrennt? Abgesehen von der frustrierenden Verschwendung von Lebensmitteln ertrug ich auch das Einweichen und Ausschrubben der Töpfe nicht mehr. Auch im Ofen verbrutzelte immer alles zu Kohle. Ich dachte, ich wäre clever, und stellte einen Timer. Der klingelte, die Pizza war noch nicht fertig, ich vergaß, die Uhr nochmals zu stellen - Bingo!

Nun mache ich nur noch Essen, das roh, oder für die Mikrowelle geeignet ist. Auf diese Weise schlagen mir zwar keine offenen Flammen mehr entgegen, dafür wird jetzt oft alles wieder kalt, bevor ich dazu komme, es aus der Küche abzuholen. Ja, ich vergesse zu essen. Ich habe tonnenweise Wichtigeres zu tun - äußerlich wie innerlich. Am vergangenen Wochenende habe ich hauptsächlich von Wassereis gelebt. Ich glaub' übrigens, daran könnte ich mich durchaus gewöhnen. Abendessen am Stiel. Gar kein Abwasch mehr...bis auf die Katzenteller. Die allerdings sind insbesondere bei den aktuellen Temperaturen eine echte Herausforderung.Hm, vermutlich hätte der Kater keine Probleme damit, auf Pappteller umzusteigen. Ich weiß, mein Kampf mit der Küche soll mir etwas sagen. Aber es wäre geprahlt, zu behaupten, ich wüsste wirklich, was.

Hautbild


Auch was meine Haut mir mit ihrem absurden Ausbruch mitteilen wollte, ist mir ich nicht so recht klar. Oder sagen wir, ich verstehe einfach nicht, warum sie so lange gewartet hat, und sich ausgerechnet jetzt als Spiegel der Seele aufspielen musste. Und ich will, dass sie wieder damit aufhört und traue ihr nicht. Darum beschmiere ich sie immer weiter mit antibiotischer Creme, damit sie ja die Klappe hält. Sie rächt sich und lässt einfach die Verfärbungen, die von der Dermatitis geblieben sind, nicht so richtig abklingen. So habe ich noch immer eine reduzierte, rötliche Weltkarte mitten im Gesicht. Links Südamerika, rechts Russland - und meine Nase als Bergkette dazwischen. 

Obendrein habe ich bei großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit immer ein Problem mit juckenden Pickelchen auf der Stirn. Normalerweise rücke ich diesen ziemlich erfolgreich mit Kortison zu Leibe. Aber in diesem Jahr geht das ja nicht. Also kratze ich mich viel am Kopf und trage weiterhin kein Make-up. Das könnte der m,kkkkk.l-öööö (Kater ist über die Tastatur gewandert) Anfang einer völlig neuen Phase des Ugly Girl Projects sein...ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dafür bereit bin. Für die ungeschminkte Wahrheit.

NH

Sonntag, 22. Juni 2014

Follow me around*



*"Follow me around" ist mittlerweile eine YouTube-Variante des filmischen Tagebuches. Vorreiterin oder zumindest Erfinderin der Überschrift war vermutlich die Vloggerin Bunny Meyer. Es schien mir die treffendste Bezeichnung für mein eigenes Vorhaben, im Internet wieder regelmäßig Schilderungen aus meinem persönlichen und unmittelbaren Leben zu veröffentlichen. Es waren noch andere Titel im Rennen: "Tagesnotizen". Und: "Ein ungeprüftes Leben...", das bekanntlich laut Sokrates nicht lebenswert ist.

Tagesnotizen müssten vielleicht täglich gemacht werden. Das schien mir dann doch zu viel verlangt. Und das "ungeprüfte Leben" war mir am Ende zu kalendersprüchig. Vlogs sind zumeist Alltagsgeschichten. Ihr Kern ist das Alltagsbanale, das allerdings erstaunlich spannend werden kann. Ich gehe z.B. furchtbar gern mit Vloggerinnen durch amerikanische Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants und Vergnügungsparks. So wie der gefilmte Haul an sich, erzählen auch diese beliebigen Ausflüge Geschichten, die mich auf ganz erstaunliche Weise unterhalten. Leute tun normale Dinge. Aber Leute sind eben nicht normal. Private Vlogs sind besser als Reality-Soaps. Sie sind zwar unpoliert, aber dafür oft klüger und interessanter. Natürlich hängt das aber auch maßgeblich von der Vloggerin ab, die so ihr Selbstportrait zeichnet und das eigene Leben observiert.

Ich habe eine Menge bisher noch unbetrachteten Alltag. Jeden Tag sammle ich aus meiner Perspektive als von Natur aus grimmige, dicke Dame Fragmente und Merkwürdigkeiten. Ich habe vor, sie hier in Zukunft regelmäßiger auszubreiten, weil ich glaube, dass mir das unter Anderem zu mehr Selbsterkenntnis verhelfen kann. So wie es hilfreich ist, über das Auf und Ab dicker Selbstakzeptanz zu schreiben. Das Ganze könnte natürlich aber auch ein wenig chaotisch werden. Und grell. Denn obwohl ich in meiner Selbstakzeptanz in den letzten anderthalb Jahren ziemlich große Fortschritte gemacht habe, starte ich heute noch immer aus einer Position der kläglichen Bedürftigkeit. Ich muss mich noch mehr trauen, denn ich brauche von allem mehr: Mehr Liebe, mehr Geld, mehr Zeit, mehr Frieden und insgesamt mehr Freude. Und übrigens auch mehr Sex. Viel mehr Himbeeren. Und mehr neue Schauplätze.

Natürlich könnte ich allein mit meiner Alltagsempörung weiterhin eine Menge Platz füllen. Das werde ich vermutlich auch tun, weil ich gar nicht anders kann.

Im diesem Sinne möchte ich mich sodann auch gleich noch einmal bei der männlichen Politesse bedanken, in deren persönlichen Ermessen es lag, mein Auto von der Stelle an der ich in der hamburger Hafencity stand, abschleppen zu lassen, oder mir doch nur einen Strafzettel unter die Scheibenwischer zu klemmen. Und zwar dafür, dass ich nun um eine haarsträubende Erfahrung und sehr viel Gesprächsstoff reicher bin.

Wenn man übrigens bei der hamburger Polizei anruft und sagt: "Sie haben mein Auto abgeschleppt!", dann bekommt man automatisch folgende Antwort: "ICH habe Ihr Auto nicht abgeschleppt." Ich habe es getestet: Drei verschiedene Beamte am Telefon - immer die selbe Antwort. Offenbar hat man ihnen beigebracht, die auf sie von aufgeregten Bürgern projezierte Schuld umgehend von sich zu weisen. Wer immer der hierfür verantwortliche Kommunikationsexperte war - er versteht offenbar nichts von Konfliktentschärfung, oder ist daran schlicht nicht interessiert. Denn womit kann man wohl jemanden, der unverhofft ohne Auto dasteht, noch ein wenig mehr auf die Palme bringen? Richtig: kindische, rhetorische Spitzfindigkeiten.

Was man den Polizisten der zuständigen Wache vielleicht lieber hätte beibringen sollen, ist die Adresse des Autoknastes, denn statt zur korrekten Hausnummer 179 schickte man mich zunächst zur 28. Dabei kann man jedoch schon froh sein, wenn die Polizei wenigstens eine ungefähre Ahnung hat, wo sie den Besitz anderer Leute hinschiebt. Vor ein paar Jahren hatten sie mein Auto vorübergehend ganz und gar verlegt. Allerdings musste man damals noch kein Lösegeld zahlen, um es erst einmal wieder in Besitz zu nehmen. (Als wir es dann endlich wiedergefunden hatten.)

Wie es überhaupt mit den Prinzipien eines Rechtsstaates vereinbar ist, die Herausgabe eines für so viele Menschen in ihrer Alltagsbewältigung essentiellen Gebrauchsgegenstand an die vorherige Zahlung von 278 Euro zu koppeln, ist und bleibt mir ein Rätsel. (Dass man durch solch eine Unverhältnismäßigkeit im ungünstigsten Falle sogar kurzerhand ganze Existenzen zerstören  kann, ist eine Überlegung, die offenbar nicht für jede männliche Politesse zu bewerkstelligen ist.) In meinem Fall beinhaltete dieser Betrag eine "Verwahrungsgebühr" von 73 Euro - für die Geiselhaft meines Wagens, die ca. ganze 90 Minuten dauerte. Der Autoknast Tiefstack ist übrigens eine privat betriebene Anstalt und gehört zur APCOA. Drum prüfe künftig, wer sich  in ein Parkhaus begibt. Privat fahre ich so bald  nicht mehr in die Innenstadt von Hamburg. Ich kaufe zukünftig nur noch dort ein, wo man keinen Psychokrieg gegen die eigenen Bürger führt.

NH

Freitag, 30. Mai 2014

Suchbild 2


Und wie läuft es nun eigentlich mit der Suche nach Liebe?...Steht alles. Wie in meinem algigen Wasserbecken auf der Terrasse…

Wenn man sich doch mal wieder so richtig hässlich und ungewollt fühlt, dann kann man sich einfach bei irgendeiner kostenlosen Online-Dating-Plattform anmelden, ein paar hübsche Fotos einstellen und den Benachrichtigungsservice so einstellen, dass man bei jedem Ereignis (einer guckt, einer mag die Bilder, einer sendet eine Nachricht, etc.) eine Mail bekommt. Am besten unterschlägt man im Profil für diesen Zweck auch die Tatsache, dass man eine dicke Dame ist - und los geht’s: Für ein bis zwei Tage kann man sich vor männlicher Aufmerksamkeit kaum retten und das Telefon macht PLING! PLING! PLING! Immerzu.

Der Fehler, den man dann allerdings AUF KEINEN FALL machen sollte, ist nachzusehen, wer einen alles bestaunt und angeschrieben hat…denn der Tümpel ist nach wie vor voller Frösche, denen man bereits vom Mond aus ansehen kann, dass aus ihnen niemals ein Prinz werden wird. Und es stärkt das Selbstbewusstsein halt oft nicht wirklich, zu erfahren, wer sich da wahrhaftig alles Chancen ausrechnet. Mit Fotos, auf denen sie eine Weihnachtsmütze tragen und eine Flasche Bier in der Hand halten. Und mit Profiltexten, in denen nach Frauenkörpern gesucht wird, die zu „seinem Körper passen“. Beunruhigend auch immer wieder, für wie viele Männer es offenbar eine Empfehlung zu sein scheint, „mal zu schaun, was so kommt“ und zu betonen, dass sie andere leben lassen.

Ich weiß, dass ich grausam klinge. Aber der Online-Dating-Prozess ist einer, bei dem man grausam wird. Man denkt über Menschen nach und denkt im selben Zusammenhang das Wort „Schrott“. Genau genommen eignet sich die oben geschilderte Übung auch sehr gut dazu, die eigenen fiesen Seiten mal so richtig zu erkunden. Wer sich bisher für eine nette Person gehalten hat – viel Glück mit dem neuen Ich. ; )

Ich hatte unlängst für ca. ganze zwei Wochen solch ein Eitelkeitsprofil bei Shop-A-Man. Da müssen sich Männer darum bewerben, von Frauen in deren Einkaufswagen gelegt zu werden, um diese dann kontaktieren zu dürfen. Insgesamt funktioniert das Ganze wie die Hackordnung in einer amerikanischen High-School-Komödie. Es geht vielleicht in zweiter Linie darum, einen Partner zu finden. Aber in der Hauptsache dürfte es das Ziel der meisten Teilnehmer sein, "beliebter" zu werden, bzw. zumindest in der fantastischen Resterampenwelt von Shop-A-Man seinen Marktwert kräftig zu erhöhen. Dazu muss man auf der Plattform möglichst umtriebig sein. Und so kam es, dass ich, nach dem Abklingen des obligatorischen Runs auf frische Mitglieder, am Ende meines Aufenthalts nur einen Beliebtheitsgrad von 76% hatte. Das bedeutet angeblich, dass 76% aller Frauen, die auf der Seite registriert sind, unbeliebter waren als ich. Und das klingt vielleicht gar nicht so niedrig, ist es aber. Tatsächlich war ich damit im Shop-A-Man-Universum ziemlich unten durch. Werte von über 90% waren zumindest bei den meisten „Produkten“ („Männern“ Anm. der DD), die mir dort begegnet sind, die Regel. Selbst der Herr, der schrieb „Ich mag am liebsen Frauen mit blondem Haaren. Und ich mag es ordentlich und sauber.“ hatte es bereits auf satte 88% gebracht. Oy vey… könnte ich nur auf Bestellung alles so gründlich vergessen, wie das, was ich gerade aus der Küche holen wollte…

Eigentlich wollte ich mich ja auch mit der Schilderung meiner Erfahrung bei Elitepartner.de gar nicht mehr groß aufhalten. Unrat soll man vorbeischwimmen lassen. Jedenfalls war das Lebensmotto meiner Mutter. Nicht, dass es ihr jemals wirklich gelungen wäre, sich nicht zu empören… Erstens bin ich also genetisch vorbelastet und dann dachte ich auch, dass ich damit, dem halbseidenen Horrorladen ein Jahr lang monatlich 40 Euro zwischen die Fänge geworfen zu haben, jetzt wenigstens das Recht erworben habe, hier eindringlich davor zu warnen, sich dort einzuschreiben. Da bin ich natürlich nicht die Erste. Das Internet ist voll von Schreckensberichten. Mit seinen rabiaten Geschäftspraktiken am Rand der Sittenwidrigkeit ist der Anbieter bisher nicht nur einmal von der Verbraucherzentrale verklagt bzw. abgemahnt worden. Und wer verärgert oder in der Überzeugung, gar keinen Vertrag mit Elitepartner geschlossen zu haben, Zahlungen zurückhält, bekommt es mit noch viel schattigeren Inkassounternehmen zu tun, die allesamt offenbar auch schon zweifelhafte Internet-Berühmtheit erlangt haben.

Vielleicht würde man sich über rechtswidrige Vertragsklauseln gar nicht aufregen, wenn der gebotene Service umso erfreulicher und erfolgreicher wäre. Aber Auseinandersetzungen mit dem Kundenservice sind, als würde man ohne Narkose die Fußnägel gezogen bekommen. Und auch die Partnersuche auf dem veralteten Portal mit den albernen Milchglasbildern der Suchenden, den unendlich vielen inaktiven Profilen, den abwegigen Standardnachrichten, die man verschicken muss, weil nichts anderes geht, sowie den endgültigen Absagen, nach denen man sich nicht noch einmal anders entscheiden kann, fühlt sich in etwa so an, als wollte man sich in einer eisernen Lunge am Zeh kratzen. Und weil da so gut wie niemand ist, antwortet auch ohnehin keiner auf die stümperhaft vorformulierten Anfragen, die man vielleicht doch noch versendet. Gucken kommt erst recht keiner. Gibt ja auch nichts zu gucken. Man kann sein Bild auch dann nicht allgemein sichtbar machen, wenn man dieses ausdrücklich wünscht.

Was dann doch noch kam, aus dem Elitetümpel der „handgeprüften“ Nutzerprofile,  war, bis auf einen wirklich ganz netten Kardiologen, der im letzten Jahr mein allererstes Online-Date überhaupt war, eine gänzlich verwunderliche Mischung aus Fußfetischisten, androgynen Frisörinnen, cULTURAL SOCIOLOGISTs mit Realschulabschluss, Herren, die von Beruf „Sonstiges“ sind oder – ungelogen – unter „Kuhpedikeur“ firmieren. Nachdem meine kostenpflichtige Mitgliedschaft vorbei war, füllte ich mein Profil übrigens für ein paar Tage, bevor ich es endgültig löschte, neu aus und war fortan eine Privatdetektivin aus Weißrussland, 52 Jahre jung, 1,85 m groß und Mutter von 5 Kindern. Und erstaunlicherweise plötzlich ein Renner – das soll heißen, dass ich tatsächlich mehrere Partneranfragen auf einmal bekam, was noch nie vorgekommen war. Die konnte ich aber leider nicht mehr lesen, weil ich ja kein Premium-Mitglied mehr war. Nun könnte man auf die Idee kommen, dass man mich mit fingierten Nachrichten einfach dazu motivieren wollte, einen neuen Vertrag abzuschließen, aber wer würde denn wohl jemals auf so unredliche Weise Kundenfang betreiben?...Im Elitepartner-System schreibt man „Weißrussland“ übrigens mit „ss“ im Weiß. Nun ja, Rechtschreibung ist halt auch bei der Mehrzahl der mir bekannt gewordenen männlichen Nutzer der Plattform keine echte Stärke, also dürften solche Patzer weiten Teilen der elitären Kundschaft kaum auffallen. Aber auch die hanebüchenen Psychotests, die ja selbst in Frauenzeitschriften dieser Tage eher aus der Mode gekommen sind, oder das groteske Ergebnis der pseudo-wissenschaftlichen „Persönlichkeitsanalyse“, die allein schon einen Wert von 100 Euro haben soll, sind Zumutungen für alle, die das Denken nicht lassen können. Und wir wollen auch schweigen, über die Artikel, die man zum Thema Partnersuche auf der Seite präsentiert bekommt, und die so vielverheißende Titel tragen, wie: „Küss mich! Was Sie über Bussis, Schmatzer und Co. wissen sollten“. Ich habe übrigens einmal versucht, im strunzbiederen Forum einen Thread zum Thema Vorliebe für runde Körper und die Dating-Chancen von Dicken zu platzieren. Diese Unternehmung wurde gleich ganz geblockt, bzw. nicht freigeschaltet. Also: FINGER WEG!

Wohl so ziemlich jedes andere Portal dürfte besser sein, weil zumindest unterhaltsamer – selbst Shop-A-Man. Wobei ein gewisser Grad an Unerschrockenheit bei der aktiven Partnersuche, sei es on- oder offline, wohl grundsätzlich ausgesprochen hilfreich ist. Andererseits habe ich ja auch schon über den Segen berichtet, den Kontaktbörsen im Internet bringen können, wenn man über eine so deviante Körperform verfügt, wie ich. ; )

Und obendrein kann ich am Ende eigentlich gar nichts anderes berichten, als dass ich im Internet sehr wohl Liebe fand. Eine große gar. Allerdings nur meine für jemand anderen. Der mich im Teich zwar zuerst ausmachte und aufmischte, aber dann doch nicht wollte. Und das ist in der Tat nichts anderes als schrecklich. An jedem verdammten Tag seither.

So steht’s im Moment.



© Nicola Hinz 2014