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Samstag, 17. Februar 2024

Wie es mir so geht - Teil 3: Geld und Selbstsabotage



Mir geht es weiterhin ziemlich mies. Die Medikamente müssen überdacht werden und die Lage schwankt gewaltig. Es gibt auch bemerkenswert weite Ausschläge nach unten. Diese werden allerdings fast immer durch äußere Faktoren getriggert. (Kommt alles ins Buch.) 

In den letzten Wochen habe ich ein für allemal begriffen und begreifen wollen, was bekanntlich nicht das Selbe ist, dass in der aktuellen Phase meines Lebens das wahre Problem und gleichsam am Ende wirklich die Lösung für fast alles - dieses ist: 

Geld. 

Ganz ehrlich, auch der abgehauene Ex ließe sich mittlerweile gefühlsmäßig durch einen vintage Jeep Cherokee Wagoneer mit Verkleidung in Holzoptik mehr als angemessen ersetzen. Siehe oben. Das alles war irgendwie schon ewig klar, aber nun hat sich das Nachdenken über Geld auf Platz 1 der To-Do-Liste eingenistet und ist mittlerweile sogar bestimmendes Thema in der Therapie. 

Dabei geht es natürlich nicht wirklich um die Anschaffung von Luxusartikeln zur Kompensation inneren Leidensdrucks; es geht konkret darum, dass Geld bzw. ein real eintretender oder befürchteter Mangel daran den größten Stressfaktor in meinem momentanen Leben darstellt. Meine Verzweiflung ist nur anteilig das Ergebnis einer persönlichen Disposition. Sie scheint im Gegenteil, oh Wunder, so gut wie komplett käuflich zu sein. Wenn ich keine Angst vor der nächsten Werkstattrechnung hätte, die anfällt, damit das unbedingt benötigte Auto durch den TÜV kommt, wäre mir schon viel wohler. Wenn ich mich und meine MS regelmäßig in den Urlaub schicken könnte, wäre ich vermutlich gesünder. Wenn ich nicht immer Angst hätte, dass mir jederzeit Aufträge und damit der Lebensunterhalt für mich und die Katzen kurzfristig wegbrechen könnten, wäre ich nicht täglich im Kampf- oder Fluchtmodus. Wenn ich nicht immerzu Angst haben müsste, dass ich mir angesichts überraschender Sonderumlagen das Wohnen in meiner Wohnung womöglich irgendwann nicht mehr leisten kann, obwohl sie mir gehört, fände ich es vermutlich auch einfacher, mich wenigstens in meinen eigenen vier Wänden sicher zu fühlen. Wie sich das wohl anfühlen würde, ist mir nicht wirklich bekannt, aber ich stelle es mir ziemlich geil vor. 

Ich weiß, ich bin - wie immer - nicht allein mit diesen Sorgen. Ich weiß, dass Rücklagen etwas sind, wovon inzwischen mehr und mehr Haushalte nur noch träumen können. Und mir ist aus meiner Arbeit mit Menschen ziemlich bewusst, dass beim Wegfall finanzieller Ungewissheit häufig vermutlich auch die Einnahme von Psychopharmaka sofort eingestellt werden könnte. Es ruiniert das Leben, wenn die zuverlässige Finanzierung einer normalen, würdigen Existenz immer auf der Kippe steht und frau nicht über genug Resilienz und Grundvertrauen verfügt, um sich damit zu beruhigen, dass sich schon immer alles irgendwie finden werde.

Geld wird ein neues Themenfeld auf diesem Blog sein. Es ist bekanntlich ein Empfindliches - übrigens auch im Hinblick auf die Erwartungen von Leser*innen und die gefühlte Integrität bzw. den Idealismus von Content-Creator*innen. 

Es stellen sich einige Fragen: Darf ich überhaupt über Geld reden? Darf ich zugeben, dass ich nicht genug habe, bzw. mehr brauche? Darf ich womöglich sogar sagen, dass ich schlicht mehr Geld verdienen und haben will? Soll ich darüber reden, wie ich meine eigene finanzielle Situation verändern will oder muss? Was ist meine Arbeit wert und wie bekomme ich das, was ich wert bin?

Natürlich kann frau auch die Systemfrage stellen. Warum müssen wir überhaupt in einer Welt leben, in der irgendwer jemals Angst um seine Existenz haben muss? Aber die Veränderung des Systems wird sie nicht erleben.

Meine persönlich größte Frage ist dieser Tage somit eine dem System total angepasste: Wie schaffe ich es, meine wirtschaftliche Situation, die mich oft so sehr bedrückt und meine Anxiety* in immer neue Höhen treibt, trotz dieser psychischen Beschwerden zu verbessern? Wie ergreife ich Maßnahmen gegen äußere Umstände, deretwegen ich mich eigentlich viel zu kraftlos fühle, um Maßnahmen zu ergreifen? Hinweise in den Kommentaren sind (meistens) erwünscht. 

Was mich an dieser Stelle noch zum Begriff "Selbstsabotage" bringt. Da hieß es vor einiger Zeit in den Kommentaren, dass ich meine Kraft (die vermutlich schon besäße) gegen mich "selbst drehe". Das war als Ratschlag gegen meine "lebenslange Selbstsabotage" gemeint. Auf Nachfrage wurde noch ausgeführt, dass es sich hierbei nicht um einen Vorwurf handle, sondern um einen "sanften Hinweis" dass, wenn bei einer Person, die, so wie ich, über vermeintlich viele Ressourcen verfügt und einen "sehr privilegierten Start ins Leben" hatte, im Leben dann alles so schief läuft bzw. sie so unglücklich ist über den Verlauf der eigenen Biographie, hier eine innere Verweigerung bzw. Blödheit im Spiel sein muss, die verhindert hat, dass die dumme Nuss eben jene überreichen Ressourcen hat nutzen können.

Es mag ja sein, dass in manchen Kreisen unwissenschaftlicher Motivationsscharlatanerie der Begriff "Selbstsabotage" noch modern ist, aber kein*e Therapeut*in, die ihr Geld wert sind, würde damit arbeiten, weil es sich hier natürlich um nichts anderes, als um eine verächtliche Umdeutung mit eingebauter Schuldzuweisung handelt. Natürlich kann ich es Selbstsabotage nennen, wenn ich unglückliche und/oder erfolglose Menschen nicht mag. Alle anderen reden hier wohl lieber von Trauma und Depression. Und darüber haben wir wiederum nur bedingt Kontrolle. Mitunter, frau mag es kaum glauben, fast genauso wenig Kontrolle, wie über Schicksalsschläge, Erkrankungen, Wetterkatastrophen, Todesfälle, unsere Eltern und andere dumme Zufälle. 

Wie frau auf die Idee kommt, dass Privilegien vor Unglück retten, ist mir zusätzlich schleierhaft. Ich kriege jeden Tag Werbe-E-Mails von der Firma, die Kate Spade einst gegründet hat. Erstens, weil ich ihre Taschen gerne ansehe. Und zweitens, weil mich ihre Geschichte berührt hat. Sie hat sich im Alter von 55 Jahren in einem Luxusapartment in Manhattan erhängt, obwohl sie wirklich alles zu haben schien, was wir gemeinhin als Zeichen eines erfolgreichen Lebens deuten würden. Vielleicht sollte frau sich lieber noch einmal gründlicher in der Welt umschauen, bevor sie anderen als Rat getarnte Zurechtweisungen in die Kommentare schreibt.


*Generalisierte Angststörung


PS: Zum Thema Geld und Bloggen fiel mir dieser Post von Ragen Chastain wieder ein - nicht komplett zur Thematik oben passend, aber dennoch interessant, finde ich.


NH


Mittwoch, 13. Dezember 2023

Rachearie* - und kein Abgesang


Heute wäre der siebte Jahrestag meiner Beziehung gewesen, wenn es die Beziehung noch gäbe. Diese endete in diesem Sommer - am siebten Juli, um genau zu sein. Was dann kam, war mein freier Fall. Garniert mit Lügen und Hinhalten und unbegreiflichen Peinlichkeiten und Demütigung und Beleidigungen und Drohungen und übler Nachrede und noch mehr Bösartigkeit. Ich bin auf absurd langatmige Weise über Monate hinweg verlassen und abserviert worden. Zuerst hieß die Trennung nur "Pause". Dass ich das geglaubt habe und als Grund für Hoffnung begriff, hat vermutlich auf der anderen Seite für ordentlich viel Häme und Belustigung gesorgt. Getriggert durch, wie ich nur vermuten kann, Scham und den Wunsch, schon wieder alles Belastende zu verdrängen, hat mein Ex-Partner dann an einem bestimmten Punkt plötzlich alle Kommunikation unterbunden, was echt unpraktisch war angesichts der Tatsache, dass es trotz allem noch administrative Dinge zu klären gibt. Nun werden wir womöglich sogar um eine juristische Auseinandersetzung nicht mehr herumkommen. 

Nein, ich weiß bis heute nicht so ganz genau, wohin mit meiner Wut. Und ich nehme weiterhin Tabletten, damit die erlebte Verletzung, die die entscheidende Kirsche auf dem Kuchen des Grauens war, mich nicht daran hindert, irgendwie durch die Tage zu kommen. 

Eine Leserin schrieb mir, sie sei manchmal erschrocken, wenn sie meine Blogposts liest. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die rückhaltlose Thematisierung der persönlichen Katastrophe und der Unwille, sich endlich davon zu lösen und gutgemeinte, konventionelle Ratschläge zur Heilung anzunehmen, ungewöhnlich drastisch und redundant wirken. Aber meine Grundsätze zur Heilung widersprechen nun einmal ganz klar dem, was therapeutische Angebote gängigerweise im Repertoire haben.

1) Ich werde den Teufel tun und vergessen. Und ich werde mich auch nicht künstlich und verbissen ablenken.

2) Ich werde nicht die "Klügere" sein, die nachgibt (und in der Folge verliert).

3) Ich werde nie verzeihen und womöglich dem Täter am Ende noch alles Gute wünschen. Ha, soweit kommt das noch! Es wäre verlogen. Und weder souverän noch "erwachsen", sondern eher schwächlich und sinnlos - egal, was immerzu überall behauptet wird.

4) Ich werde Wut nicht als fortgeschrittene, vorübergehende Station in einem niedlichen, abgestuften "Heilungsprozess" begreifen, sondern als nie versiegende Energiequelle.

5) Ich werde mich revanchieren - auf total legale Weisen.

6) Ich werde Wut zu Kunst machen.

7) Ich werde mich und meine Wut immer weiter ins Schaufenster stellen, solange es mir und anderen hilft.

8) Ich werde nie behaupten, dass diese Phase meines Leben für irgendeinen Scheiß gut gewesen sei.

9) Ich werde mich nie aus der Arena verdrücken, um billigen, unechten "inneren Frieden" zu finden.  Der bedeutet mir nichts. Ich strebe bekanntlich stattdessen nach Genugtuung.

10) Ich verlange eine Entschuldigung. Ich wäre also tatsächlich bereit, echten Frieden zu schließen. Aber wenn sie nie kommt, die Entschuldigung, dann endet auch die Forderung nie. Damit kann ich auch gut leben.

Die Weihnachtstage werden, allein verbracht, voraussichtlich eine harte Zeit. Aber ich werde sie, wenn möglich, auch nutzen, um mich nach besten Kräften zu ordnen und in Stellung zu bringen. Und ich wünsche allen, denen es zum Jahresende ähnlich geht, genug Bestimmtheit, klare Gedanken und ausreichend Egoismus, um weiterzumachen.

See you on the other side, ihr Lieben! 
Happy Everyhing - und ein akzeptables Neues.


*Königin der Nacht


NH


Sonntag, 9. Juli 2023

Und wie geht es dir so?


Am Samstagabend war ich so verzweifelt und allein, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben versucht habe, bei der Telefonseelsorge anzurufen. Spoiler: Ich habe es kurz nach Mitternacht und dutzenden Versuchen geschafft. Zuvor war stundenlang kein Durchkommen. Eine merkwürdig strenge (vermutlich soll sie nur neutral wirken) Stimme teilte mir immer wieder mit, dass alle im Gespräch seien und mein Anruf deshalb jetzt nicht angenommen werden könne. Was sie mir nicht mitgab, war der Hinweis, dass ich besser den Notruf oder die Polizei anrufen solle, bevor ich mich aus dem Fenster stürze. Das war ernüchternd und beunruhigend. Die Hotline reicht ganz offensichtlich nicht aus, um Menschen in akuter Not beizustehen. Denn am Ende des Abends kann es zu spät sein. Dass das zermürbende Warten Verzweifelten erheblich zuzusetzen vermag, kann frau im Internet in Erfahrungsberichten nachlesen.

Allerdings scheint die Telefonseelsorge so ziemlich das einzige Angebot dieser Art zu sein, das existiert. Überall, wo im Internet Suizid-Notfallhilfe draufsteht, sind die Nummern der Telefonseelsorge drin. Was dann allerdings nach der kühlen Bandansage immer folgte, war noch zusätzlich verstörend: Nach der Aufnahme erklingt dann das quäkende „Kein-Anschluss-unter-dieser-Nummer“-Zeichen. Bis die*der Hilfesuchende auflegt. Ob sich irgendwer bei der offenbar kirchlichen Veranstaltung der Ironie bewusst ist, wage ich zu bezweifeln. Dass das für Ratsuchende in gefühlt ausweglosen Situationen leicht wie eine Ohrfeige wirken kann, scheint dort auch keinem*r bewusst zu sein. Im Anschluss versuchte ich, mich für die Seelsorge per Chat zu registrieren und landete auf einer Liste mit zehn Terminen. Der letzte davon war bereits am Dienstag um 20:30 Uhr. Und alle Termine waren eh schon vergeben.

Wie immer, wenn ich im Leben versuche, irgendwo adäquate Hilfe für mich selbst oder andere zu bekommen (bei Behörden, Ärzt*innen, Tierheimen, Polizei etc.) und dabei fast immer scheitere, verwandelt sich Sorge nach und nach in Ärger und Fassungslosigkeit. Das ist ein Nebeneffekt, für den ich vielleicht dankbar sein sollte, weil er mich wieder aufpeppt und in Kampfposition bringt, aber…ganz ehrlich Leute, so geht das doch nicht. Was soll das? Bei angeblich 7700 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die laut Angabe auf der Website dazu verpflichtet sind, im Monat 15 Stunden für die Telefonseelsorge zu arbeiten, haben die am Wochenende ganze 10 Chat-Termine zu vergeben? Was läuft da schief? Und wieso überlasse ich eine so wichtige gesellschaftliche und in bestimmten Fällen lebensnotwichtige Aufgabe überhaupt einem kirchlichen Verein? Wieso ist das nicht staatlich, gut finanziert und ordentlich ausgebaut?

Der Herr, der schließlich abnahm, war in der Hauptsache freundlich und hatte definitiv etwas Beruhigendes. Ich glaube, dass er einem lebensmüden Menschen den Interventionspunkt bieten könnte, der den rollenden Zug erst einmal stoppt. So weit so gut. Ich sagte am Anfang überrascht, ich hätte gar nicht mehr damit gerechnet, noch mit jemandem sprechen zu können. Er sagte, er würde sich dafür nicht entschuldigen. Und ich dachte, das ist mal ein echt unangebracht konfrontativer Einstieg, aber zum Glück kriegten wir das noch umgebogen. Dann versuchte er es im Laufe der Unterhaltung mit praktischen Tipps, wo ich mir Rat holen könnte. Ich hörte mich sagen: „Ja, ja.“ Und dann wollte er mich am Ende als Mitarbeiterin für die Telefonseelsorge rekrutieren…gelacht haben wir auch ein wenig.

Die App der Telefonseelsorge habe ich mir dann auch noch runtergeladen. Entweder bin ich zu blöd, oder aber das Produkt ist schon wieder viel zu hakelig, buglastig und inhaltsleer, als dass ich erkennen könnte, was ich damit machen soll, damit es mir besser geht. Ich habe bei der Navigation nur geflucht. Und mich noch mehr gewundert.

Warum habe ich überhaupt bei der Telefonseelsorge angerufen?

Weil es mir mies ging. Das passiert. Und in den letzten Jahren immer öfter. Das miese Gefühl wächst zu einer überwältigenden und komplett unübersichtlichen Flutwelle und es ist, als würde frau in der Tat gleich im Chaos der Sorgen und Beschwernisse erdrückt werden.

Ich habe gesundheitliche Befürchtungen und fühle mich oft medizinisch nicht besonders gut versorgt. Allein der Versuch, als Neupatient*in irgendeiner Fachärztinnenpraxis aufgenommen zu werden…don’t get me started. Gefühle wirtschaftlicher Instabilität und Statusangst sind seit Beginn meiner Berufstätigkeit vor knapp 30 Jahren meine ständige Begleitung. Zahlreiche Lebensträume sind über die Jahrzehnte evaporiert und haben einer wabernden Bitterkeit immer mehr Platz gemacht. Hinzu kommt, dass ich ohnehin in meinen Werkseinstellungen eher motzig und nicht besonders fröhlich bin. Ich bin empfindlich und anspruchsvoll.

Und allein.

Das hat sich so ergeben – aus einer Mischung aus Persönlichkeit und Lebensumständen. Auf der Liste meiner WhatsApp-Kontakte gibt es nur zwei private. Wenn ich eine Party feiern wollte, wüsste ich nicht, wen ich überhaupt einladen soll. Und dass eine Partnerschaft eine*n nicht unbedingt davor bewahrt, sich allein und verloren zu führen, dürfte so ziemlich jeder Frau in mittleren Jahren klar sein. Dass eine Partnerschaft diese Gefühle auch gern erst erzeugt, liegt ebenso auf der Hand. Der Herr von der Telefonseelsorge sagte mir, dass sich dort mindestens 50% aller Anrufer*innen wegen akuter Einsamkeit meldeten. Die Mehrheit der Anrufenden ist weiblich.

Und wie geht es dir so?

Ich plane ja schon so lange, einen Club der dicken Damen zu gründen. Nun nehme ich diesen persönlichen Tiefpunkt zum Anlass. Das ist vielleicht nicht furchtbar elegant, aber dass sich einige Leser*innen hier am Strand ebenfalls mitunter einsam und ungesehen fühlen, scheint mir sicher. Mir schwebt ein Platz zum Quatschen vor, ein Ort, an dem frau einfach was loswerden kann – Schlechtes oder Gutes. Ein Netz aus Unterstützer*innen und Zuhörer*innen. Mit einem Forum und einem regelmäßigen Online-Treffen. Im Grunde eher ein „Und-wie-geht-es-dir-so?“-Club.

Die Frage ist nun: Wärt Ihr interessiert? 

(E-mail, Kontaktformular oder Kommentare sind natürlich alle gleich gut geeignet für Feedback. : ))

office(at)nicola-hinz.com

NH

 

Sonntag, 5. April 2020

Corona-Lockdown Tag 21



Schön ist das nicht.


Ich bin ja keine, die das Leben liebt. Ich bin eine, die am Leben hängt, weil sie immer hofft, dass gleich noch was ganz Tolles passiert. 

Wohlgemerkt, es muss schon einfach so passieren, denn um Großartiges planvoll herbeizuführen - dazu fehlt mir seit jeher die nötige Energie, bzw. das anpackende oder verbissene Gemüt einer konventionell als erfolgreich wahrgenommenen Persönlichkeit. Natürlich wäre ich viel erfolgreicher, wenn ich trotz Krise und allgemein nicht so doller Verfassung früh morgens, sagen wir mal so um sechs, aufstehen und all das tun würde, was dafür notwendig ist, damit alles viel besser läuft. Der Versuch, alles zu tun, wenn frau für nur viel weniger Kraft hat, würde vermutlich wie immer direkt in die Selbstoptimierungsfalle führen. Frau denkt, das Unmögliche muss jetzt endlich doch gehen. Diesmal wird der inneren Antagonistin bestimmt beizukommen sein. Aber dann geht, so wie vormals, fast nichts und frau fühlt sich noch viel bescheuerter als vorher. Und die Verzweiflung über das erneute Versagen lähmt zusätzlich.

Jetzt hätte ich doch endlich mal Zeit für Rückengymnastik und Weiterbildung und Werbung und Social Media Networking und das Erstellen einer eigenen App. Ja, ist klar. Geschafft habe ich in drei Wochen weitgehend untätiger Corona-Krise meine Ablage (bis auf den Batzen von Dokumenten, die noch eingescannt werden sollen, versteht sich). Dafür habe ich mittlerweile alle Episoden der DDR-Kinderserie Spuk im Hochhaus gesehen. Stellenweise fast ein wenig wie Fellini...

Währenddessen geht Oliver in regelmäßigen Abständen mit dem Hund raus und kommt mit den merkwürdigsten Geschichten zurück. Der Sachsenwald steht voller Autos mit hamburger Kennzeichen, dabei ist Schleswig-Holstein für Touristen gesperrt. Am Bahnhof treffen sich Grüppchen von Fahrradfahrer*innen zur gemeinsamen Ausfahrt, die garantiert nicht alle im selben Haushalt wohnen. Ein paar Häuser weiter sitzen lauter junge Leute im Garten und scheinen tatsächlich noch immer so etwas wie eine Party zu feiern. Auf dem Gehweg vor dem Haus schieben Großeltern ihre Enkel vergnügt in einer Schubkarre hin und her - und just in diesem Augenblick sehe ich gerade eine alte Frau aus dem Nachbarbunker mit ihrem Enkel über den Parkplatz gehen. Die wohnen übrigens auch nicht zusammen... Millionen von Menschen zerbröselt die wirtschaftliche Existenz, während vor allem auch diejenigen, deretwegen wir das alles hier in der Hauptsache veranstalten, sich mitunter an gar nichts halten, um sich selbst und andere zu schützen. Das macht mich sauer. Verdammt noch viel saurer, als ich es naturgegeben ohnehin schon bin. Und die Sonne hilft ebenfalls überhaupt nicht. Was wir bräuchten, wären fortgesetzte Schneestürme bis Ende April.

Beim Sortieren von Papieren bin ich auf einen Ordner mit Themen für das Blog gestoßen. Zum Teil sind da sogar schon fast fertige Texte drin. Handschriftlich. Einiges werde ich nicht mehr verwenden, weil es sich inzwischen komplett überholt hat. Für andere Themen ist jetzt mitten in der Krise ihre Zeit definitiv gekommen, z.B.für das Folgende. Der Text stammt aus dem Winter 2018. Der Inhalt ist allerdings so aktuell wie damals.

Ich werde unsichtbar 


Unlängst haben sich zwei Frauen beinahe auf mich gesetzt. Am selben Ort. In einem zeitlichen Abstand von ca. 15 Minuten. Ich saß auf einer Bank an einem Tisch des Restaurants im Völkerkundemusem in Hamburg (heute heißt es Markk) und wartete auf Oliver, der dabei war, das Essen zu holen. Seit über einem Jahrzehnt esse ich einmal im Jahr im Herbst die Sieben Köstlichkeiten vom Büffet, wenn ich zum Markt der Völker gehe.

Während ich so in meiner Tasche herumkramte, näherten sich von linkes hinten eine junge und eine alte Frau. Die Junge hielt ein Baby im Arm. Die Alte verkündete, dass sie - ach ja - Glück gehat hätten, freie Plätze gefunden zu haben. Während der Platz mir gegenüber tatsächlich frei war, saß auf meinem Platz ja...ich. Die laute Oma schob sich mir nichts dir nichts in meine Reihe und zwang mich und Oliver, der gerade mit unseren Tellern angekommen war und sich gesetzt hatte, uns aneinanderzuquetschen. Ich sah ihn an und fragte laut: "Sag mal, kannst du mich sehen?" Er guckte mich verwirrt an, worauf ich ihm meine Befürchtung erklärte, nun endgültig unsichtbar geworden zu sein. Woraufhin die Idiotin sich munter und unerklärlich ahnungslos in unsere Unterhaltung einklinkte und bekundete, dass sie manchmal auch das Gefühl habe, nicht gesehen zu werden. Insbesondere Ausländer seien ja oft so unhöflich. Aber ihre Lösung sei es nun, sich bewusst innerlich groß zu machen. Dabei lächelte sie mir aufmunternd zu. Offenbar war alles mal wieder nur eine Frage der inneren Einstellung, und ich hatte die falsche. Darum hatte sie ja jetzt auch meinen Platz.

Dann allerdings wurde neben ihrer Tochter ein Platz auf der gegenüberliegenden Bank frei, und so setzte sie sich um, um näher bei der Enkelin zu sein. Ich war gerade auf meinen alten Platz zurückgerückt, als abermals von links hinten eine Frau kam und sich fröhlich fast auf meinen Schoß setzte. Sie hatte einen Mann im Schlepptau, und weil Oliver und ich ja fast mit dem Essen fertig zu sein schienen, passte das ja richtig super. Oliver und ich starrten uns an, und ich schwöre, in diesem Augenblick hatte jeder am Tisch enormes Glück, dass ich es vor lauter Verblüffung wieder nicht so recht schaffte, mich innerlich ganz groß zu machen. Tatsächlich muss man zugeben, dass wir wohl eher die Flucht vor so viel Unverschämtheit und Blödheit nahmen. Wir rafften das Geschirr zusammen und stießen noch so etwas wie "Jetzt reicht's!" aus, woraufhin die Frau mit angeschlossenem Mann fröhlich rief: "Es war aber nicht unsere Absicht, Sie zu vertreiben!", während sie bereits unsere Plätze eingenommen hatten. Ich machte kehrt, ging auf sie zu und zischte: "Und WAS GENAU war dann Ihre Absicht?" Ich konnte Olivers Sorge um den Landfrieden hinter mir spüren und sah die gähnende Leere in den Augen der nun nicht mehr ganz so fröhlichen Frau. Und dann entschied ich mich, einfach zu gehen. 

Es war, so meine ich mich zu erinnen, in einem Interview mit Bascha Mika, in dem ich zum ersten Mal von der Unsichtbarkeit der mittelalten Frau gehört habe. Ich weiß nicht mehr, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieses Phänomen sich tatsächlich als Lebenrealität manifestieren könnte. Kurz, ich hielt es für Quatsch, bis es anfing, mir zu passieren. Ich bin jetzt Ende vierzig, und Frauen, die deutlich älter sind, setzen sich auf mich drauf, wie auf ein Möbel. Ich kann mit 110 kg Lebendgewicht, von durchschnittlicher Körperhöhe und eingehüllt in pinkfarbene Wolle vorn in der Schlange beim Bäcker stehen und der Mann mit dem grauen Gesicht und der grauen Windjacke hinter mir kommt plötzlich vor mir dran. Neulich spazierte ein Herr bei Aldi in der Schlange kurzerhand an mir vorbei und stellte sich vor mir an. Er bemerkte seinen Fehler allerdings irgendwie doch noch und war ein wenig beleidigt, als ich ihm nahelegte, seinen Platz jetzt einfach zu behalten, denn sowas würde mir jetzt ohnehin andauernd passieren. Offenbar falle ich außerdem mittlerweile aus jeder Rangordnung heraus. Alte Frauen laufen grundsätzlich in mich hinein, wenn ich nicht Platz mache, genauso wie junge Männer. 

Als dicke Frau kannnte ich bisher das zermürbende Spannungsfeld aus der Unsichtbarkeit als weiblicher Mensch einer- und der Hypervisibilität als devianter Körper andererseits. Das ist übrigens auch ein verdammt unangenehmer Zustand. Ob komplette Unsichtbarkeit besser ist? Wenn ich demnächst ungehindert durchs Weißen Haus schlendern kann, dann ja.

Da ist noch mehr...
in dem Ordner mit Blogmaterial, das sich lohnen würde. Hoffentlich komme ich in den nächsten Tagen wieder in die Puschen - bis dahin #bleibtzuHause.

NH


Vielleicht braucht ihr ja Lesestoff - den gäbe es hier:



Donnerstag, 7. September 2017

Follow me around 56: Unboxing


Mein inneres Kind und ich
Ich bin gestresst. Das ist zwar nichts Neues, aber während ich nicht so deprimiert bin, wie vor einigen Blogposts noch, so wächst mir doch meine schiere Selbstorganisation wieder und immer weiter über den Kopf. Wer hätte gedacht, dass eine fröhliche Beziehung so viel Zeit und auch Energie fordert... Dass ich zu diesem Post komme, liegt zumindest teilweise daran, dass Oliver seit Sonntag mit Schnupfen bei sich zu Hause im Bett liegt. (Mittlerweile kennen wir uns seit Weihnachten 2016 und planen nun unsere gemeinsame Weihnachtskarte für dieses Jahr - ja, ich weiß wir sind unausstehlich). Außerdem wohne ich streng genommen halt nicht mehr allein bei mir. Ein Mann mit Hund wohnt für mindestens die Hälfte der Woche hier und hat natürlich seine Sachen mitgebracht und im Bad, der Küche und im Schlafzimmer deponiert. Seine Dinge sind willkommen - dass hier kein Missverständnis entsteht. Trotzdem ist sein Alltagskram neuer Kram in einer Zone, in der der Kampf gegen den Kram seit Jahren (und davor seit Jahrzehnten) auf Hochtouren läuft. Seit meiner ersten Declutter-Challenge auf diesem Blog habe ich 2625 Gegenstände aussortiert. Ja, ich führe noch immer Buch, denn das motiviert mich. 2625 Dinge könnte man vielleicht für viel halten - bei der Masse meiner Dinge ist es das nicht. Merklich - ja. Komplett transformierend - nein. Ich wünschte, ich könnte Minimalismus. Aber das bin ich nicht.

Und alles liegt augenblicklich wieder im Argen: die Küche, die Wäsche, das Büro, das Blog, der Keller, der schon lange aufgeräumt werden sollte, die Kisten mit Dingen, die verkauft oder abgewickelt werden sollen. Routine fällt mit zwei Terminkalendern noch schwerer als ohnehin schon. Der Plan ist natürlich, nicht aufzugeben. Tatsächlich ist der Plan, aus den chaotischsten Baustellen in meinem Lebensraum Vlog-Projekte zu machen, weil mir selbst die Filme von anderen YouTuberinnen immer wieder so sehr dabei geholfen haben, mich aufzuraffen. Ich weiß, wem nicht ohnehin schon genug im Kopf herumschwirrt, der sucht sich eben noch ein paar hochfliegende Ideen...

Das innere Kind

Meine Therapeutin findet ja, ich sorge nicht gut genug für mich. Ich müsste viel mehr auf meine persönlichen Bedürfnisse hören, mehr Zeit für mich haben und vor allem mehr schlafen. Insgesamt ist sie der Ansicht, dass mein inneres Kind mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Führung braucht. Und Yoga bräuchte es angeblich auch, aber mittlerweile weiß sie, dass ich hier ein hoffnungsloser Fall bin. Yoga kommt mir nicht ins Haus.
Dafür überfiel mich in der Spielzeugabteilung dann die Idee, dass ich eine sichtbare, symbolische Erinnerung im Regal gut gebrauchen könnte, um im Bereich Selbstfürsorge stetig besser zu werden. Göttin weiß, ich arbeite ja auch erst seit 5 Jahren daran. Aber Entschuldigungen, einen Drachen aus Plastik zu erwerben und in meine Behausung zu tragen, sind schwer zu finden. Also ergriff ich die Gelegenheit und kann nun verkünden, dass ich mich noch immer täglich über die Drachenmutter (ich) und ihr Junges (mein inneres Kind) freue, aber deshalb ganz bestimmt nicht einmal früher ins Bett gegangen bin.

Der Bademantel

Seit dem Tod meiner Mutter, bin ich im Besitz eines Kartons, in dem ich ihren hellgrünen Bademantel aus dem Krankenhaus ungewaschen aufhebe. Sie trug ihn dort bis zuletzt und ich habe sie ganz besonders schmerzlich in Erinnerung, wie sie mich in ihm zum letzten Mal auf eigenen Füßen zum Ausgang des UKEs brachte. Ich sah ihr hinterher, wie sie sich langsam und leicht gebeugt auf den Rückweg durch die Gänge machte und wie das Grün des Stoffes im abendlichen Sonnenlicht fast rosa schimmerte.

Vor ein paar Monaten fand ich, dass es Zeit wäre, ihn auszupacken und über seine Zukunft zu entscheiden. Ich hatte das Gefühl, jetzt müsse auch mal Schluss sein, mit der Trauer. Und insbesondere mit der Verknüpfung des Gefühls mit einem Gegenstand. Und wenn solch eine Verknüpfung schon notwendig ist, vielleicht würde dann auch der Gürtel des Mantels in einer viel kleineren Schachtel reichen.

Ich nahm ihn heraus, streichelte über die Blutflecken am Ärmel von den Infusionsnadeln, roch an ihm und roch nur Muff. Dann fing ich an zu weinen und Oliver, der mir gegenüber saß, fragte, warum der Mantel denn um alles in der Welt überhaupt unbedingt aussortiert werden müsste. Recht hatte er. Ich packte den Mantel in seinen Karton zurück und stellte ihn wieder ins Regal. Manche Dinge bleiben. Das ist eben auch ein Entscheidung. Und um Entscheidungen geht es bei der Selbstorganisation ja vor allem.


Memories (like the corners of my mind)

Das Bedürfnis, zu sammeln, zu archivieren und zu verwahren ist mir vererbt worden. Von meiner Mutter. Mit großer Sentimentalität und Akribie hing sie an den großen und kleinen Fundstücken des Lebens. Dabei kann man keiner von uns Unordnung vorwerfen. Alles wurde sorgfältig verpackt und zumeist auch beschriftet. Als ich vor ein paar Wochen zum Xten Mal meine Erinnerungsschublade durchgearbeitet habe, stieß ich auf die folgenden vielsagenden Schatzkästchen. Nr. 1 und 3 stammen von meiner Mutter, Nr. 2, 4 und 5 sind von mir. Wir sind, wie wir sind, weil wir sind, wie wir sind. ; )


Libellenflügel
Meine Milchzähne
Haizähne
Souvenirs, souvenirs...


NH

Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachgetragen

Fette Logik


Die Frau Herrmann hat meine Rezension ihres Buches auf ihrem Blog "kurz" kommentiert. Gaaanz kurz - auf nur sieben ultrakurzen Seiten. Dabei beschwert sie sich in der Hauptsache darüber, dass ich sie quasi durchgehend mit Absicht aus dem Zusammenhang zitiert hätte und dass die Kritik von mir als Frau an ihr als Frau schlicht "unfeministisch" sei. Insbesondere bezieht sie sich darauf, dass ich ihren Status als vermeintliches "Stalkingopfer" nicht als Ausrede dafür akzeptiert habe, dass es aus unklaren Gründen unmöglich war, die Doktorarbeit der Frau Hermann (die offenbar gar nicht Frau Hermann heißt), einzusehen. 

Ihre Leser tröten in den Kommentaren unter ihrem Kommentar, oh Wunder, nur zu gern ins gleiche Horn: "Der Feminismus ist eben (...) keine Bürgerrerchtsbewegung, sondern eher eine Art Sekte;..."; "Genderterror..."; "Femifaschomob..."; "Feministische Kritik fällt in jeder Lebenslage so aus. Gegen alles und jeden."; "(...) diese Frauen, die sich selbst so aggressiv als Feministin bezeichnen sind nur eins: Rassisten der reinsten Form."; (...) hat mir der Feminismus (...) nix zu bieten außer Dresche. Insbesondere wenn ich auch noch eine weiße Hautfarbe habe..." Undsogehtdasseitenweiseweiter.

Lasst mich dazu nur dieses noch kurz einwerfen: "Opferabo", anyone?

Dabei verdankt die Frau Hermann den Erfolg ihres dumpfen Büchleins in der Tat maßgeblich ausgerechnet gerade jenem Netzfeminismus, über den sie und ihre Blogleser sich so vortrefflich echauffieren können. Auf einem "Diät-Blog" wohlgemerkt...hüstel/augenroll. Hätten sich Feministinnen nämlich nicht vernehmbar im Cyberspace über sie geärgert, wären die traurigen Männer vom virtuellen Maskulistenstammtisch ihr nicht in aufgebrachten Schwärmen zur Seite gesprungen und hätten so viel Lärm und Werbung für sie gemacht. Und zwar so vehement, fanatisch und nachhaltig, dass da in den Weiten des Internets keine betuliche Presseabteilung irgendeines Verlages je ernsthaft mitkommen könnte. Es ist übrigens noch immer schier unmöglich, bei Amazon eine negative Bewertung für das Werk abzugeben, ohne dass einem ihre Anhänger oder gar die Autorin selbst über den Mund fahren. Das Buch, das die Frau Hermann als Cartoonistin herausgebracht hat, scheint übrigens nicht annähernd die gleiche Liebe und Unterstützung zu erfahren.

Noch einmal ganz langsam für alle, die es noch immer nicht begriffen haben, zum Mitschreiben: Die Frau Hermann hat KEIN Diät-Buch geschrieben Sie hat auch KEIN Buch über "Diätmythen" geschrieben. Sie hat ein Anti-Fettakzeptanz-Buch verfasst. Denn Fettakzeptanz ist eine Filiale des (Netz-)Feminismus. Die Frau Hermann ist eine erbitterte Anti-Feministin und kein verdammter Fitness-Guru. 

Wenn man immer ganz anders verstanden wird, als man wirklich verstanden werden will, dann hat man halt ein echtes Vermittlungsproblem. Man kann nicht pausenlos aus Zusammenhängen gerissen werden, wenn die Zusammenhänge weitgehend zusammen hängen, bzw. stimmen. Wenn alles, was man sagt, "aus dem Kontext gerissen wird", sobald es überhaupt zitiert wird, ist das schon...na, sagen wir mal...bemerkenswert. Das scheint irgendwie seltsamerweise auch immer Leuten mit dem gleichen unfreundlichen Weltbild zu passieren. Ständige Probleme mit den selbstverfassten Zusammenhängen, wie die Frau Hermann sie hat, bekommt man eben nur, wenn man entweder ein ganz anderes Selbstbild hat, als der Rest der Welt, oder aber man das eine sein, aber bitteschön zumindest von bestimmten Teilen des Publikums als das andere wahrgenommen werden will.

Wenn man z.B. mich aus dem Zusammenhang reißt, bleibt am Ende trotzdem immer die böse, dicke, linke Feministin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denn ganz genau die bin ich auch.

Direkt unperfekt


 Und wo wir gerade bei Frauen sind, die andere Frauen berufsmäßig vor den Bus schubsen: 

Nicole Jäger, selbsternannter fetter Diätcoach, hat offenbar Probleme beim Abnehmen. Das kann passieren. Im Prinzip ist es normal. Und normalerweise läge es mir selbstverständlich fern, dieses in irgendeiner Form kritisch zu erwähnen, wenn die Frau Jäger nicht mit einem Buch und Bühnenprogramm berühmt geworden wäre, in dem sie nicht nur behauptet hat, einst "selbstverschuldet" 340 kg gewogen zu haben, sondern auch noch allen anderen Dicken mit einer unerträglichen und obendrein total unglaubwürdigen Moralkeule von Buch eins auf die Rübe gegeben hätte. 

Das Nachfolgewerk der Frau Jäger, "Nicht direkt perfekt", erscheint offenbar im September. Der Untertitel lautet "Die nackte Wahrheit über das Frausein" und Ziel der Frau Jäger ist es angeblich, ab jetzt jeder Frau zu ihrem "Recht auf ein positives Körpergefühl (und) auf Weiblichkeit" (amazon.de) zu verhelfen. Das ist man doch erst einmal beruhigt, dass Frauen tatsächlich ein verbrieftes Recht auf Weiblichkeit haben....Und dann fragt man sich, was denn wohl eine Frau automatisch ist, wenn nicht weiblich. Und dann begreift man, dass "unperfekte" Frauen in unserer Kultur natürlich mitnichten einfach so weiblich sind. Auch und ganz besonders nicht in den Augen der Frau Jäger, die immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie faul, dumm und scheiße Dicke sind. Weiblichkeit muss man sich "verdienen". Und mit nichts verliert man den Status des Weibchens zuverlässiger als mit Hässlichkeit, Fett oder Feminismus : ). Es wird wieder um Äußerlichkeiten gehen, bei der Frau Jäger. Mit dem Inneren hat sie es nämlich nicht so. Dummerweise eben auch nicht so sehr mit dem Abnehmen. Darum tritt sie jetzt plötzlich dafür ein, dass man als Frau auch irgendwie halbwegs okay ist, wenn man eben "nicht direkt perfekt" ist (denn dellig, alt, dick, zu groß, zu klein, mit dünnen Haaren, etc. kann man eben niemals perfekt sein) und wird sich so weltbewegenden Fragen widmen wie "Und warum ziehen alle beim Sex den Bauch ein?" (amazon.de)

Tun übrigens gar nicht alle. Ich nicht. Just sayin'.

Wenn die nackte Wahrheit über das Frausein der Frau Jäger ungefähr soviel Wahrheitsgehalt hat, wie die Geschichte von den 340 kg Ausgangsgewicht, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die eigene Tochter das Buch nicht in die Finger kriegt. 

Man fragt sich ja noch immer, wie das eigentlich passieren konnte, oder? Dass keiner der Milliarden von Journalisten, die die Frau Jäger in den letzten zu ihren buchstäblich märchenhaften Abnehmerfolgen befragt haben, jemals genauer wissen wollte, wie es sich eigentlich so angefühlt hat, im Körper der schwersten Frau der Welt* zu leben? Und warum dieser zusätzliche Superlativ eigentlich nie Teil der werbeträchtigen Geschichte war?

*Als schwerste, lebende Frau der Welt wurde Pauline Potter 2012 mit 293,6 kg ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Diesen Titel hat ihr bisher offenbar keiner streitig machen wollen. Tatsächlich wurde ihr Gewicht je nach Nachrichtenmedium und Zeitpunkt zwischen knapp 300 und 330 kg angegeben. Wenn man sich die Bilder von Pauline Potter zu Höchstgewichtszeiten ansieht, erscheint es einem umso absurder und unbegreiflicher, dass die Lebenssituation der Frau Jäger mit einem angeblich sogar noch höheren Gewicht bei der Berichterstattung nicht erheblich stärker oder eigentlich überhaupt mal substantiell dokumentiert und thematisiert worden ist. 


NH

Freitag, 1. Juli 2016

Follow me around 49: Baustellen


Gustav geht es gut.


Frau Behr, ihres Zeichens Tierarzthelferin, Pferdebesitzerin und Vermittlerin von Gustavs neuem Zuhause hatte ja gesagt, dass ich mich in ca. einer Woche melden solle, um zu erfahren, ob Gustav in der neuen Umgebung zurecht kommt. 

Ja, eine Woche ist der tränenreiche Abschied nun schon wieder her. Aber ich weine gelegentlich noch immer ein wenig vor mich hin und hatte von gestern auf heute eine unruhige Nacht, weil mich zunehmend gruselige Fragen und horrende Befürchtungen plagten: Was, wenn irgendetwas schief gegangen ist? Was, wenn es ihm da nicht gefällt? Was, wenn er weggelaufen ist?...Um 9:30 Uhr stand ich heute auf der Matte, bzw. am Empfang der Praxis. 

Frau Behr, die Liebe, rannte gerade von einem Behandlungszimmer zum nächsten, winkte, rief, sie habe jetzt leider gar keine Zeit, aber Gustav gehe es sehr gut, und alles habe sich ganz wunderbar eingespielt. Dann hob sie beide Daumen, um sicherzustellen, dass ich die gehörten Informationen auch ganz sicher richtig einordnen konnte, und ich wischte mir imaginären Schweiß von der Stirn und rief: "Vielen, vielen Dank!"

Puh, das scheint geschafft.

881 Dinge weniger.


Bis jetzt. Und eigentlich wären es mehr, wenn ich nicht manchmal Gruppen von Gegenständen als nur einen Posten vermerken würde. Aber ich arbeite mich auch noch immer und immer weiter vor. Und ich blase das, was in dieser Organisationsphase vor ein paar Wochen als "30 Day Decluttering Challenge" begann, erst ab, wenn ich hier fertig bin. Mit allem. An diesem Wochenende ist vielleicht die Küche dran. Oder zumindest ein Teil von ihr. Auch da gibt es Schubladen, über dessen Inhalt ich nichts mehr weiß, weil ich seit dem Umzug vor sechs Jahren nicht wirklich hineingesehen habe. 

Oh, leere Oberflächen! Nach einem Leben voller Kampf gegen die Übermacht der Dinge, sehe ich jetzt endlich Land. Irgendwann erreicht man den Punkt, da will man nur noch Platz (da!), Ordnung und reibungslose Alltagsabläufe - auch im Kleinsten. Besonders, weil ohnehin kaum jemals etwas leicht zu sein scheint, und ich nun wirklich keine Energie mehr zu verkleckern habe. 

Die Wirkung wird täglich deutlicher. Weniger Kram führt zu mehr Ordnung, Ordnung zu Vereinfachung, Vereinfachung zu weniger Stress, weniger Stress zu mehr Freude, Klarheit und Zeit. Und zumindest Klarheit und Zeit meine ich tatsächlich schon fühlbar etwas mehr zu haben - das mit der Freude kommt vielleicht, wenn ich erst einmal die Abstellkammer zum Xten Mal bezwungen habe.

Tonnen - in Worten: TONNEN von Modeschmuck habe ich unlängst aussortiert. Dabei bin ich nach der Konmari-Methode vorgegangen. Man nimmt jedes Teil aus einer bestimmten Kategorie in die Hand und fragt sich, ob es "Freude in einem entfacht". Nur Dinge, die das tun, können bleiben. Für Modeschmuck eignet sich die Methode gut, weil man den ja niemals wirklich braucht - während man aber z.B. den Dosenöffner sehr wohl braucht, obwohl ich den trotzdem nicht besonders leiden kann. Eigentlich habe ich eine regelrechte Abneigung gegen ihn, wenn ich es recht bedenke...

Anders als zu früheren, reicheren Zeiten werde ich mich in naher Zukunft daran machen, den Schmuck zu fotografieren und Ohrring für Ohrring bei Ebay zu verscherbeln. Ich bin bekanntlich alt und brauche das Geld - und dieser Tage nun ganz besonders, denn:

Der Computer ist hin.


Ja, der Albtraum wurde wahr. Und ich bin selbst am erstauntesten, dass ich das offenbar überlebt habe. Der Bildschirm wurde einfach schwarz, das heftige Schnaufen der Lüftung verstummte, aber die Maschine ging nicht aus. Als ich sie dann ausstellte, um sie neu zu starten, was ja vorher noch immer geklappt hatte, machte es auch nicht mehr ärgerlich "Ping", sondern seufzte nur noch leise und resigniert mit schwachem Stimmchen... Das war das letzte, was ich von ihr gehört habe. Sie lässt sich nicht mehr hochfahren, und ich habe nun die Aufgabe, eine Entscheidung hinsichtlich der Verschrottung zu treffen. 

In einem lichten Moment habe ich mich daran erinnert, dass die Festplatte noch bis zum Rand voll ist mit hausgemachter Pornographie, an die mich die Maschine jetzt ja nicht mehr heranlässt, um sie zu löschen, bevor ich das Gerät aus den Händen gebe. Und dann habe ich natürlich auf irgendwo gelernt, dass man eine Festplatte ohnehin nicht wirksam und vollständig leeren kann...der Computer muss aber weg, weil er in mir schlicht keine Freude mehr entfacht. 

So, wer hierzu im eigenen Interesse u. U. noch ein paar Lösungsvorschläge zu unterbreiten hätte, möge jetzt sprechen (oder so). Oder für immer schweigen...

NH


Sonntag, 29. November 2015

Rachekörper

Unter "Revenge Body" versteht man für gewöhnlich einen Körper, der nach dem unfreundlichen Ende einer Beziehung umfassend getunt und verschlankt worden ist, so dass der/die Verflossene sich gleißend grün vor Eifersucht in den Hintern beißt, weil er/sie solch heiße Ware hat ziehen lassen und sie nun nie wieder in seine Finger kriegen wird.


Für mich selbst ist das Konzept des Rachekörpers ein alter Hut, denn ich hatte Zeit meines Lebens sehr bunte und detailreiche Rachephantasien, und mein Körper spielte dabei tatsächlich fast immer eine entscheidende Rolle im Drehbuch.

Das lag zum einen daran, dass mein Körper(umfang) eben auch zumeist das zentrale Element der zu rächenden Verletzungen darstellte. Andererseits habe ich zwei Dinge sehr früh verinnerlicht: Erstens natürlich, dass es in unserer Gesellschaft  kaum etwas gibt, das der gültigen Legende zufolge glücklicher macht, als Dünnsein. Und zweitens, dass Leute sich über nichts mehr ärgern, als über das Glück anderer. Das heißt, um sich mit jemandem über Gewichtsabnahme aufrichtig zu freuen, muss man denjenigen wahrhaftig sehr gern haben, oder mindestens so sehr in sich selbst ruhen, wie Mutter Theresa. Ansonsten wird man es ihm vermutlich genauso wenig gönnen, wie einen Lotteriegewinn - auch wenn man selbst schon dünn ist.

Meine Mutter etwa, war schlank. Und ich war 28 Jahre jünger als sie. Und ihre Tochter. Ein echtes Wunschkind, übrigens. Sie war es, die mich im Kindergartenalter meine erste Diät machen ließ und maßgeblich dafür verantwortlich zeichnete, dass ich meinen Körper die meiste Zeit meines Lebens als Feind gesehen habe. Paradoxerweise hatte aber ausgerechnet sie, als ich erwachsen wurde, nur bedingt und nur höchst inkonsequent noch ein Interesse daran, dass ich langfristig schlank blieb. Im Rückblick muss man es ganz klar sagen - sie sabotierte sogar Diätversuche, schleppte mir ungefragt und unerwünscht Essen ins Haus, als ich bei ihr ausgezogen war, und schickte es mir sogar in die USA hinterher. Es war deutlich, dass sie das Scheitern von Diäten, bzw. eine erneute Gewichtszunahme mehr begrüßte als bedauerte, denn diese Wendungen hatten für sie jedesmal gleich zwei zufriedenstellende Auswirkungen: Die Tochter war abermals fett und somit sexuell "neutralisiert" - das machte sie emotional wieder abhängiger von ihrer Mutter und damit zuverlässiger. Und außerdem konnte man ihr ihr Versagen immer weiter unter die Nase reiben, was vermutlich gut für den eigenen Selbstwert war. Sie gewann bei diesem Spiel also immer. Mit diesen nur scheinbar widersprüchlichen Strategien des Tochter-Bashings war sie letztendlich jedoch auch nur eine Miniatur der uns umgebenden fettphobischen Gesellschaft. Die legt auch keinen echten Wert darauf, dass alle Dicken für immer dünn werden. Sie braucht die Dicken schließlich dringend, um sie zu verachten und zu piesacken.

Die Psychologin Catherine Herriger, deren Buch "Die böse Mutter" mir bereits 1990 (da war ich 19) in die Hände fiel, legt darin sehr plausibel dar, was auch meine Erfahrung reflektierte - dass es Mütter gibt, die ihre Töchter "kastrieren" und so auch als Erwachsene an sich binden, indem sie dafür sorgen, dass diese dick werden und dadurch erhebliche Startschwierigkeiten haben, wenn sie ein eigenes Leben gestalten wollen. Auch sinkt mit steigendem Gewicht die Gefahr, dass die Tochter eine Partnerschaft eingeht, und damit dem Einfluss der Mutter entzogen wird, bzw. nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung steht. Ich habe damals ein Paar Sätze im Einband des Buches notiert, die ich von meiner Mutter regelmäßig im Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme zu hören bekam. Tatsächlich hat mich meine eigentlich zutiefst schlankheitsbesessene, perfektionistische Mutter regelmäßig zum Aufessen ermahnt: "Das bisschen wirst du doch noch schaffen."...Was das alles mal wieder beweist, ist, dass man Umstände nicht automatisch ändern kann, nur weil man sie ziemlich genau durchschaut.

Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass die Ergebnisse einer Diät nicht erhalten werden können, so hoch ist, dass es ihrer Nachhilfe gar nicht bedurft hätte. Sie hatte die ganze Arbeit schon in meiner Kindheit erledigt, und ich saß als Teenager längst in der Jojo-Falle.

Ich muss sagen, ich freue mich darauf, Leute zu ärgern. Diesmal, im Zuge des "Thin Privilege Project", werde ich auf jeden Fall nicht zu verwirrt und nach innen gerichtet sein, um an verkniffenen, falschen Komplimenten von Menschen, die es viel besser fanden, als man keine "Konkurrenz" war, Spaß zu haben. Diesmal nehme ich das alles mit, wenn es kommt. Bekanntlich stehe ich ja auf Rache. ; )

NH

Sonntag, 27. September 2015

Follow me around 32: Haul


Schon wieder Samstagabend. Nicola allein zu Hause. Wenigstens habe ich vorher eingekauft. So habe ich nun trotz allem Trott was zu erzählen. Wenn meine Mutter und ich früher zusammen einkaufen gegangen sind, gab es hinterher immer beim Kaffee eine Runde "Schätze herzeigen". So etwas Ähnliches sind ja auch die "Hauls" im Internet heute.

Zunächst einmal würde ich gern sagen, dass die veganen Reissirup Schoko Flakes mit Zartbitterschokolade von 3 PAULY nichts, ABER AUCH NICHTS mit herkömmlichen Choco-Crossies zu tun haben. Eigentlich, wenn man mir eine Pistole auf die Brust setzen und mich zu rückhaltloser Ehrlichkeit zwingen würde, müsste ich sagen, dass sie meiner Ansicht nach noch nicht einmal viel mit Nahrung zu tun haben. Und, oooh ja, sie sind verdammt bitter.

Was auch vegan, aber natürlich ausgesprochen essbar ist, ist meine (zumindest bei mir selbst) allseits beliebte, alljährliche Kürbissuppe. Zum Kürbis habe ich mir in diesem Jahr ein schickes, scharfes Messer gekauft, um nicht, wie vormals, Stunden damit zu verbringen, ihn in der Mitte zu spalten. Mit dem richtigen Messer könnte ich das nun den ganzen Tag über tun. Sozusagen als Prelude zu Halloween und als Hommage an Michael Myers. Und als Ventil, um schnaubende Wut über die kleinen Dinge abzulassen.

Denn "die kleinen Dinge" im Leben, sind nicht immer die, die sprichwörtlich Freunde bereiten. Wenn ihr mich fragt, sind ihr Einfluss und Ruf in dem Bereich komplett überbewertet. Denn die "kleinen Dinge" sind es auch, die einen absolut fertig machen können. Dauernd klemmt was. Dauernd fällt was. Dauernd ist irgendetwas im Weg oder ganz anders als gedacht. Aber ich nehme an, Gemüse kleinzuhämmern, wäre vermutlich die bessere Wahl als...na, sagen wir mal, als auf den Computer einzudreschen, nachdem er zum hundertsten Mal abgestürzt ist. Es war nicht wirklich seine Schuld. Was ihm zugesetzt hat, waren die abgegrabbelten DVDs, die ich aus der Zentralbibliothek ausgeliehen habe. 

Ja, zum ersten Mal seit dem Studium bin ich wieder Mitglied einer öffentlichen Leihbücherei. Das Konzept, Bücher und Medien nicht mehr kaufen und dann auch noch auf meinen 62 Quadratmetern permanent lagern zu müssen, schien mir plötzlich eine himmlische Lösung für viele Probleme zu sein -  und die ruhigen Hallen voller Bücher kamen mir natürlich ohnehin paradiesisch vor. Zu meinem Entzücken hat die hamburger Zentralbibliothek sogar ein Parkhaus!

Das ändert nichts daran, dass ich schon Probleme beim Ausleihen der Medien hatte, weil erst der dritte Automat sie erkannt und freigegeben hat. Und nun kann mein Computer sie nicht störungsfrei abspielen, und die vierte Staffel von "Parks and Recreation" schlingert bereits zum x-ten Mal im Laufwerk. Ich kann so nicht arbeiten... wünscht mir und Bette Davis für den Rest des Abends Glück. 

Ganz habe ich natürlich nicht damit aufgehört, Bücher zu erwerben. Insbesondere was Bilderbücher für meine Sammlung angeht, ist der Besitzerstolz natürlich Teil des Deals. Und meine Liebe für Mäuse, die in Baumwurzeln wohnen, ist ungebrochen. Das antiquarische Bilderbuch, das ich letzte Woche bestellt habe, kam mir plötzlich merkwürdig bekannt vor, als ich es ausgepackt hatte...jupp, das passiert mir übrigens mit Büchern öfter mal. Was das beweißt ist aber auch, dass man auf vielen Feldern keine großen Wandlungen durchmacht / durchmachen kann, bzw. im Kern erstaunlich konsistent ist. 


 Und dann sah ich im Schaufenster Ohrringe, die ich wirklich nicht brauche und dachte, dass ich sie ganz dringend brauche, um mich für irgendeinen zukünftigen Anlass hübsch zu machen. Es war das Swimming-Pool-Blau und dass das scheinbar opake Glas doch Licht hindurch lässt und bricht, wenn es im richtigen Winkel einfällt. Anprobiert habe ich sie im Laden nicht. Wer kommt denn auch auf die Idee, dass die Hänger für meine fleischigen und langen Ohrläppchen (wie bereits berichtet, vom Vater geerbt) zu kurz sind? Und da sie nicht angedrahtet sondern angelötet sind, kann ich sie nun zum Juwelier tragen, und ändern lassen. In Ohrring-Hänger könnte man sich vermutlich nicht hineinhungern, selbst wenn man es vorhätte.


Durch puren Zufall und in Begleitung einer lauferfahrenen Person fand ich mich letzte Woche in einem Marken-Outlet in Neumünster wieder. Dass ich große Pläne habe, was meinen Fitness-Level angeht, aber bisher wenig bis nichts unternommen habe, um ihn zu steigern, erzähle ich ja immer gern jedem der es hören oder nicht hören will. Und obwohl ich natürlich über Turnschuhe verfüge, habe ich noch nie zuvor ein Paar ausgewiesene High-Tech-Laufschuhe besessen. Jetzt schon. Quasi wie die Jungfrau zum Kinde.Und preiswert geschossen.

Ich tue mich mit der unruhigen Optik der meisten modernen Sportschuhe schwer. Sie sehen fast alle aus, wie grelle Omagesundheitsschuhe. Am Fuß allerdings sind die, die ich dann doch mitgenommen habe (asics, GEL-Super J33 in Purple/Lime/Raspberry (!!!)), fast nicht zu spüren. Es fühlt sich an, als wäre man irgendwie barfuß, aber mit einem Luftpolster zwischen Fußsohle und dem Boden. Sie sehen schrill und wirr aus, aber das Laufgefühl ist wirklich ziemlich gut. Jetzt müsste ich also wirklich nur noch losschweben.


Sonntag, 19. April 2015

Follow me around 22: Wen die ständige Motzerei nervt, der liest besser nicht bis zum Ende




Der Griff ins Klo

Nachdem nun fast alles aufgeräumt ist, kommt der Dreck dran. Bei mir gibt es zugegebenermaßen ziemlich viel alten Dreck. Vor allem Staub und Kalk. Aber auch durstiges Holz (Parkett und Möbel). Fingerabdrücke an der Wand. Katzenhaare auf Kissen und Stühlen. Zutiefst mysteriöse Flecken im Teppich...

Mit dem Putzen verhält es sich nun neuerdings bei mir, wie mit dem Jäten von Unkraut. Wenn ich erst einmal damit anfange, höre ich mitunter so schnell nicht wieder auf, denn wenn man seine Aufmerksamkeit erst einmal bewusst auf den Schmutz lenkt, fällt einem alle paar Minuten wieder etwas vorher Unbekanntes ins Auge. Und ich interessiere mich zum ersten Mal in meinem Leben für Putzmethoden und Schmutzlösungen.

Ein besonders schwieriges Projekt war seit meinem Einzug vor fünf Jahren das Klo mit einem Kranz aus Urinstein, den mir mein Vorbesitzer vermacht hat, und den ich nie wirklich wegbekommen habe. Probiert hatte ich alles Mögliche: Ich habe die Ablagerungen eingeweicht in Scheuermilch, Baking Soda, Essig, Chlor, Zitronensäure, Orangenöl. Ich habe geschrubbt mit Scotch Brite und zuletzt mit Stahlwolle - mit dem Ergebnis, dass sich der gesamte Innenraum der Toilette grau verfärbte...

YouTube war mir bekanntlich bei der Ausdünnung und Neuorganisation meiner Wohnung eine hervorragende Informations- und Motivationsquelle. Und jetzt hat es mir geholfen, endlich mein Klo und mich von den Spuren den vergangenen Pipi zu befreien. Zwei unerschrockene, reizend verschrobene und unterhaltsame Putzexpertinnen aus England (How clean is your house?) haben mir die Lösung geliefert. Zitronensäure (damit lag ich also gar nicht so falsch) und - aufgepasst - Bimsstein!!! Aber nur der echte, graue! Nicht etwa der aus Plastik...

Jetzt gucke ich immer staunend ins Klo und wundere mich jedes Mal, wie einfach das war. Und ich frage mich, was im Leben wohl noch eigentlich ganz einfach wäre, wenn man nur wüsste, wie...


Die Heimatlosen

Das ist das neue "Obdachlosenheim" in meiner Wohnung. Auch Klöterkiste genannt. Alles, was zunächst kein Zuhause hat, alle, deren Zuhause gerade schlecht zu erreichen ist, und Dinge, bei denen unklar ist, ob sie überhaupt eins bekommen, landen erst einmal hier. Schrauben unbekannter Herkunft, Kieselsteine, Murmeln, alte Filmrollen, verwaiste Schlüssel, ausländisches Kleingeld, kaputte Schlüsselanhänger, Figuren aus Überraschungseiern, Osterdekoration, die beim Gang in den Keller vergessen wurde, etc.

So eine Kiste hilft, chronisch Clutter-Belasteten wie mir, Entscheidungen über Gegenstände unter Zeitdruck ohne schlechtes Gewissen verschieben zu können. Natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt, denn irgendwann ist die Schachtel voll. Ein sehr kluge Einrichtung.


Kalte Küche

In meiner Küche kann es ja nun bekanntlich niemandem mehr zu heiß werden, weil dort (außer in der Mikrowelle) nicht mehr gekocht wird. Außerdem wird bewusst möglichst wenig Geschirr verwendet, um das Ausbrechen einer erneuten Auftürmung und Versiffung zu unterbinden. Und da der Kater sich ja weigert, von Papptellern zu essen, brauche ich den Vorrat nun auf. Ich bin da nicht so anspruchsvoll, wie er. ; )

Frühstück

Public Service Announcement:

Und dann habe ich noch ausgerechnet bei Lidl und Budnikowsky die (fast) ideale kochfreie Verpflegung gefunden: Vegetarische Schnellgerichte mit einem anständigen Eiweißanteil, die auch noch wirklich gut schmecken und preiswert sind.



Und dann noch...

Am Freitag war ich bei Gisela Enders in ihrer berliner Coaching-Praxis, wo sie vorab aus ihrem bald erscheinenden Buch "Wohl in meiner Haut" gelesen hat. Die Lesung war sehr erhellend, und ich freue mich schon auf das ganze Buch.

Die Unterhaltungen waren auch hochinteressant, aber im Rückblick und im Hinblick auf die Möglichkeiten in den Bereichen dicke Selbstakzeptanz und die Bekämpfung von Verunglimpfung und Diskriminierung Dicker fast ein wenig desillusionierend. Das kann ich eigentlich gar nicht brauchen, weil ich ohnehin schon unsicher bin, was die Chancen auf echten Wandel angeht. Und was die Sinnhaftigkeit von tatsächlich stattfindenden Veränderungen betrifft, bin ich momentan auch nicht besonders optimistisch.

Tatsächlich bin ich mit einem leicht flauen Gefühl im Magen wieder nach Hause gefahren.

Ein Thema war die Szene/Community dicker Modebloggerinnen und ihr politischer Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz dicker Menschen. Wobei es hier natürlich fast ausschließlich um Frauen und Kleidung für Frauen geht. Meine Frustration darüber, dass Mode in großen Größen augenscheinlich nicht nur das wichtigste, sondern gefühlt das fast einzige Scharnier ist, an dem sich deutscher "Fett-Aktivismus" im Internet (woanders findet er ja ohnehin noch weniger statt) aufhängt, äußere ich ja immer wieder mal.

Ja, natürlich ist mir der gesellschaftspolitische Zweck der öffentlichen Sichtbarmachung selbstbewusster dicker Körper und ihrer Besitzerinnen durchaus klar. Ich bin mir auch bewusst, dass Kleidung und die Frage, ob man welche kaufen kann, die einem passt, einem sehr nah ist und viel mit dem Gefühl gesellschaftlicher Dazugehörigkeit zu tun hat. Ich bin selbstverständlich sogar der Überzeugung, dass die Tatsache, dass Dicke nicht nur im Bereich Mode, sondern auch bei anderen Aspekten einer "zu kleinen Welt" (ich sage nur Flugzeugsitze) systematisch übergangen und damit pausenlos öffentlich gedemütigt und ins Abseits gestellt werden, ein riesiges und wichtiges Thema wäre. Allein, über Flugzeugsitze habe ich in einem deutschen Fett-Akzeptanz-Blog, soweit ich mich erinnere, noch nie etwas gelesen. Überhaupt geht es in Modeblogs sehr selten um das, was man als dicke Kleiderkäuferin und als Konsumentin im Allgemeinen alles nicht angeboten bekommt. Da wird nicht gern geklagt. Da wird das Beste draus gemacht. Und so geht es eigentlich immer nur um all das Tolle, das man heutzutage trotz seines dicken Körpers schon kaufen kann.

Ich bleibe dabei: Fatshion interessiert mich nur, wenn sie gängige Sehgewohnheiten (bewusst) herausfordert, ohne womöglich den Versuch zu unternehmen, diese Erfahrung für das Publikum gefällig abzumildern. Und nur dann ist sie aus meiner Sicht überhaupt Fatshion - und politisch.

Dream big

Was ich mir ja noch immer wünsche, wäre ein komplettes Umdeuten von Körpernormen, bzw. eine komplette Abschaffung solcher Normen. Wenn ich dann aber dicke Modebloggerinnen im Fernsehen sehe, die eine andere Dicke modisch "umgestalten" dürfen, und ihr eine Kette umhängen, um zu strecken und vom runden Gesicht abzulenken, dann kann ich mir nicht helfen. Dann finde ich, da läuft etwas ganz fürchterlich schief. Das ist Verrat. Und zutiefst beunruhigend. Denn was im Bereich Mode durch die gelegentliche Einbeziehung Dicker vielleicht als positive Veränderung wahrgenommen wird, ist doch nur die halbherzige Aufnahme der Dicken in einen Club, der ohnehin abgeschafft gehört.

Es ist, wenn man tatsächlich mal die ganz große Bühne des Lebens in ihrer tatsächlichen Weite zum Maßstab nimmt, nicht wichtig, was einer anhat. Und es ist nicht wichtig, wie einer aussieht. Ich habe schon mal gesagt, dass die Dicken mit ihrem Kampf um Akzeptanz einen Prozess anstoßen könnten, von dem alle, und vor allem Frauen, wirklich mal etwas hätten: Das Auflösen der Schönheitsstandards überhaupt. Und womöglich die Abschaffung von Modediktaten und Uniformierungsregeln gleich mit. Das könnten sie, wenn sie in ihrer Mehrheit nicht doch so verdammt anpassungswillig wären. An gängige und geltende Körper- und Frauenbilder. Einge dicke Modebloggerinnen bloggen ja zusätzlich auch noch über ihre aktuellen und Diätbemühungen...kann man da eigentlich noch Teil einer Community sein, deren Ziel die Förderung dicker Selbstakzeptanz ist?

Aber ja, ich verstehe auch das (irgendwie zumindest): Es wäre halt doch so schön, "normal" zu sein. 

Ich gebe zu - ich bin nicht gut darin, "Menschen da abzuholen", wo sie gedanklich und emotional gerade stehen. Mir ist halt oft nicht einmal klar, wie sie überhaupt da hinkommen konnten, wo sie gerade stehen. ; ) Ich schnappe nach Luft und rufe dann aufgebracht: "Jetzt komm' endlich da weg! Was ist denn bloß los mit dir?!"

Und nach der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch bei Gisela Enders' Lesung hat sich bei mir mal wieder sehr deutlich die Frage aufgetan, ob dicker Aktivismus überhaupt einen Sinn hat, bzw. zu gegebener Zeit endlich nennenswerten gesellschaftlichen und öffentlichen Einfluss entfalten kann. Meiner Ansicht nach hat er den nur, wenn er nicht in der Hauptsache daraus besteht, physische und mediale Schutzräume für Betroffene zu schaffen. Was jedoch vermutlich mehrheitlich gerade deren sehr persönliches Hauptanliegen ist.

Aktivismus wird, wenig überraschend, da richtig anstrengend, wo er aus seinem Schutzraum und dem Kreis der ohnehin Überzeugten heraustritt. Und ich müsste irgendwann wohl mal begreifen, dass nicht jede dicke Frau auch nur annähernd so wütend ist wie ich. Und viele wollen wirklich schlicht nur ein einfacheres Leben für sich selbst, bis sie doch endlich abnehmen. Und weil das bald sein wird, lohnt es sich eigentlich auch nicht, sich zwischendurch noch auf den steinigen Weg der Fett- und Selbstakzeptanz zu begeben.

Ich habe ja schon einmal beklagt, dass der Aktivismus offenkundig selbst für die einstigen Anführerinnen einer Bewegung oftmals so anstrengend wird, dass sie sich an einem bestimmten Punkt doch zurückziehen und die von ihnen angestoßene Entwicklung sowie die erfolgreich angestachelten Anhängerinnen sodann sich selbst überlassen.

Golda Poretzky, ehemals Coach für dicke Selbstakzeptanz mit Praxis in New York, hat eben diese faktisch stillgelegt. Ich verdanke ihr was, weil mich die eintägige Online-Vorlesungsreihe, die sie vor zwei Jahren organisiert hat, sehr beeindruckt und mir ziemlich viele neue Felder zum anschließenden, gründlichen Bedenken eröffnet hat.

Wie dem auch sei - Golda Poretzky lebt nicht mehr das Leben einer Aktivistin. Und sie ist heilfroh darüber. Das ist ihrem letzten Blog-Post vom Dezember des letzten Jahres deutlich zu entnehmen. Ich unterstelle nun, es ist nicht nur die Tatsache, dass sie als Anwältin in Festanstellung ein besseres Einkommen hat. Ich unterstelle, es ist auch einfach die Erleichterung, in einem "normalen" und irgendwie regelrecht "dünnen" Leben angekommen zu sein, d.h. in einem Leben, in dem man sich nicht dauernd auch und vor allem in eigener Sache empören, solidarisieren und rüsten muss. Und in dem man nicht pausenlos durch die Kundinnen auch mit dem eigenen Lebenshindernis konfrontiert ist. Und welches sie für sich als Dicke, Coach hin oder her, selbst vielleicht gar nicht für erreichbar gehalten hat. Sie sagt, man darf seine Lebensträume ändern. Das darf man natürlich. Ich aber unterstelle: Die Lebensberatung für Dicke war von Anfang an nicht der große Traum. Es war der Versuch, die eigenen Hürden zum Sprungbrett zu machen. Auch daran ist nichts Verwerfliches. Es ist halt nur blöd für das interessierte und betroffene Publikum, wenn die Bemühungen eingestellt werden, weil es am Ende für die Anführerin eben doch besser ist, "normal" zu werden. Wenigstens Golda ist nun erleichtert, auch nicht mehr so viel twittern zu müssen.

Besser scheitern

Soll man schwierige Ziele besser irgendwann aufgeben, um das Leben zu vereinfachen? Um es im Zuge des faktischen Scheiterns dann zu verbessern? Schließlich ist zumindest die Vereinfachung des persönlichen Alltags seit geraumer Zeit eines meiner Hauptprojekte...Und wenn es um Diäten geht, würde ich die Frage selbstverständlich mit einem lauten "Ja!" beantworten. Wenn es aber um das Durchsetzen gesellschaftlicher Fettakzeptanz geht, wäre eine Antwort noch immer "Nein!".

Ich bin ja mitunter so viel zu viel und so vergnatzt, dass ich selbst meine Therapeutinnen dazu bringe, zu entgleisen und alle Professionaltät über Bord zu kippen. Meine vorletzte schleuderte mir in einer der letzten Sitzungen entgegen, dass das mit mir und meiner psychischen Genesung ohnehin nichts werden könne, "weil Sie sich selbst abgrundtief hassen!". Sie war überwältigt und ratlos angesichts der offenbar in ihrer Praxis noch nie dagewesenen Härte und dem hochfrustrierten Perfektionismus einer dicken Dame, die damals seit über drei Jahrzehnten nicht einen Tag in friedvoller Übereinstimmung mit ihrem aktuellen Selbst verbracht hatte, weil es ihr die Welt seit früher Kindheit unmöglich gemacht hatte. Ich behaupte: Die Ärmste kannte schlicht nicht allzu viele dicke Damen. Denn gerade das, was sie so erschreckt hat, ist etwas, was viele von uns vermutlich gemeinsam haben.

In einer meiner aktuellen Therapiesitzungen vor zwei Wochen schrieb ich dann spontan folgende, eigentlich sehr einfache Erkenntnis auf: "Die heute (noch) gefühlte Selbstverachtung speist sich maßgeblich aus nicht erfüllten Erwartungen an das eigene, ideale Ich. Und das (ist so) seit ich ein Kind bin."

Wobei sich die Vorstellungen, wie der eigene Körper eigentlich sein sollte, in den letzten zwei Jahren tatsächlich komplett verändert hat. Ich kam aus dem Bad, huschte am Spiegel vorbei, stutzte, kam noch einmal zurück - und fand mich tatsächlich schön. Nicht nur akzeptabel. Schön.

It can be done. ; )



NH

© Candybeach.com 2015

Samstag, 14. Februar 2015

Follow me around 16: Im Eimer / Wochenendausgabe


Hätte ich den heutigen Tag gevlogt, hätte man Folgendes zu sehen bekommen:

Auf der Fahrt zum Tierfuttermarkt habe ich begonnen, vor mich hinzuweinen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Als ich auf den Parkplatz fuhr, bekam ich eine freundliche E-Mail von einem Bekannten, fing mich ein wenig, blickte kurz ins Leere, wischte mir im Gesicht herum und ging dann in den Laden. Dort kaufte ich ein rotes Stoffherz, gefüllt mit Baldiran, für Corbi und ausnahmsweise ein paar Dosen von dem gaaanz teuren Futter, das er (dummerweise) halt am liebsten mag, denn ich hatte einen Valentinstagsgutschein über 5 Euro. Ich stieg zurück ins Auto und wollte schlicht nicht nach hause. 

Also begab ich mich auf die Flucht und fuhr weiter zum nahen Hello Kitty Outlet Store. Wohin auch sonst? Und was kauft man da, wenn man eigentlich gar nichts kaufen darf? Erstens, weil das Geld sowieso knapp ist. Und zweitens, weil man mit sich selbst ein Abkommen geschlossen hat, im Februar nichts zu erwerben, was nicht wirklich notwendig oder essbar ist? Einen pinkfarbenen Eimer. Was auch sonst? Hey, er ist pink. Er ist aus glänzendem Plastik. Man kann Dinge hineintun. Lass mich in Ruhe, ok?

Und weil sie quasi gegenüber vom Outlet liegt, fuhr ich kurzerhand weiter zur örtlichen Edel-Variante eines Edeka-Marktes, nur um festzustellen, dass die bei ihrem Umbau die kleine Abteilung mit Lebensmitteln aus den USA aufgelöst haben und nun keine Reese's Peanut Butter Cups mehr führen. Und auch keine Macaroni and Cheese von Kraft. 

Der Laden war gerammelt voll. Und ich war automatisch voller Abscheu. Und plötzlich voller Neid. Nein, nicht auf die flusigen Eltern um ihr hässliches Kleinkind, das unzureichend beaufsichtigt den Familien-Einkaufswagen mal in diese Person oder jenes Regal rammte. Und beileibe auch nicht auf das erschütternde Schicksal der Frau des offenkundig welt-stoffeligsten Ehemannes, der immerzu ihr und anderen im Weg stand, bis sie sagte: "Du kannst ja schon mal das Leergut wegbringen." Er: "Wo ist denn das Leergut?" Sie: "Na, im Einkaufswagen!" Er: "Wo ist denn der Einkaufswagen?" 

Mir ist schon klar, dass ich ein Eingebundensein in diese spezifischen Lebenssysteme unter den öffentlich sichtbaren Umständen vermutlich keine fünf Minuten ertragen könnte. Aber das Eingebundensein an sich, das war es, worum ich alle beneidete, die nicht allein und mit einem Körbchen für eine Person am Arm ziellos durch die Gänge wanderten. So sehr, dass vermutlich grüne Lichtblitze aus meinen Augen schossen. Wenigstens für einen Moment. Zu irgendwem irgendwie zu gehören. Und sich über die Organisation des gemeinsamen Systems auseinanderzusetzen - irgendwie. Ich will das. Und ich weiß schlicht noch immer nicht, wie man es bekommt. 

Mit grummelnder Bitterkeit schlich ich für eine unangemessen lange Zeit um die überteuerte Salatbar und kaufte mir am Ende mein eigenes All-you-can-eat-Buffet zusammen, das ich bei meiner Heimkehr fast nicht in den Kühlschrank bekommen habe.

Zu guter Letzt landete ich in einem Geschäft, das Retouren des Impressionen Versandes verkauft. Und da stand ein Sofa. Mein Sofa. Mit einem grünen Polster auf der breiten Sitzfläche und geschwungenen Rück- und Seitenwänden aus feinem, altmodischen Flechtwerk. Ich wünschte, ich hätte ein Foto gemacht. Es sind ja immer alle ganz erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich kein Sofa habe. Haben doch nun wirklich alle. Mit nem Tischchen davor. Und mit Blick auf einen Fernseher. Aber ich hatte noch nie eins. Nur drei Sessel. Zwei davon sind zerzauste Erbstücke. Und auf einen davon setzt man sich besser gar nicht. 

Ich habe natürlich im Augenblick gar kein Budget für ein Sofa. Und erst recht keinen Platz. Und auch niemanden, der mit mir darauf sitzt. Der Kater würde es vermutlich in wenigen Tagen in Fetzen reißen. Aber ich will jetzt das Sofa...

Mit all den vorgenannten Ereignissen als unspektakulärem Inhalt hätte sich mein Vlog nicht besonders von denen unterschieden, die bei YouTube täglich frisch und zu tausenden (wenn nicht mehr) zu bewundern sind. Inklusive der Heulerei im Auto übrigens. Nichts ist ungewöhnlich. Wenn man begreift, dass wir, zumindest im Kern unseres Wesens, alle gleich sind.


NH