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Freitag, 29. Mai 2020

Na schön



Ich bezeichne mich ja gern als "Vogue-Leserin forever". Und ich erzähle immer wieder gern jeder, die es hören oder nicht hören will, dass ich als Teenager begann, das Magazin regelmäßig zu kaufen und es später dann für eine sehr lange Zeit in meinem Leben abonniert habe. Dieses vielleicht nebensächlich scheinende Detail meiner Sozialisierung biete ich stets gern aus zwei Gründen an:

1. In einer Zeit, in der wir naturgemäß am empfänglichsten sind für Kritik an unserem Äußeren bzw. für die Internalisierung von Attraktivitätsnormen saß ich mit eben jenem Organ allein in meinem Zimmer, das auch heute noch die rigidesten, einheitlichsten und selbstverständlich dünnsten Schönheitsstandards verschreibt, die frau sich (nicht selbst) ausdenken könnte.

2. Forever geht nicht mehr weg. So wie ich "Goth forever" (im Herzen), "Feminist forever" und "Vegetarian forever" (wenn auch mit Unterbrechungen) bin. Vorlieben, gepaart mit Überzeugungen und Haltungen, die uns in prägenden Phasen der Kindheit und Jugend gefunden und sich dann kräftig in uns entwickelt haben, werden wir nicht mehr los. Jedenfalls nicht einfach so. Das kann frau aktuell ja auch besonders beeindruckend an den Biographien von mittelalten Neonazis nachvollziehen.

Wenn frau dann noch die These hinzuzieht, dass wir im Laufe unseres Lebens schlicht sehr viel weniger persönliche Veränderungen durchmachen, als wir gerne denken, ist klar, warum mir meine internalisierten Vogue-Regeln auch heute noch zum Verhängnis werden, wenn es um mein eigenes Hauptthema der letzten Jahre geht: Fettakzeptanz. Ich bin streng. Mit mir selbst und mit anderen. Je nachdem, um welches eingeprägte Wertesystem es geht, kann das ok oder ziemlich verheerend sein. Meine Vorstellung von Schönheit und mein Blick auf mich und andere war bis vor Kurzem auf jeden Fall fast so etwas wie eine eigene Abteilung des Zynismus.

Dass Vogue und Feminismus sich in meiner Welt nicht ohnehin ständig gegenseitig auf die High Heels getrampelt sind, sondern über Jahrzehnte gut miteinander klar kamen, liegt daran, dass die Vogue keine Kochrezepte, Beziehungstipps, oder Glossen über Problemzonen enthält. Dass ihr Schönheitsdiktat nicht viel mit "Empowerment" und sehr viel mit der systematischen Schwächung von Frauen zu tun hat, ist mir schon lange irgendwie klar. Aber es war mir eben nicht BEWUSST. Bis heute entgleitet mir dieses Wissen. Als Kundin am Kosmetik-Counter im Kaufhaus. Aber eben auch als dicker Frau, die um Selbstakzeptanz kämpft - ja, noch immer kämpfen muss.

Bekanntlich war es dafür auch nötig, den Wunsch nach annähernder Normschönheit (denn die erlangt frau grundsätzlich niemals wirklich, so lange sie dick ist) erst einmal in einer langen Serie von Selbstportraits abzuarbeiten. (Motto: "Dicke können auch schön sein.")

Gestern habe ich noch einmal in klassischer YouTube-Tradition Make-up aussortiert und mich dabei gefilmt. Die meisten Produkte, die ich behalten habe, sind uralt. Sie stehen für vieles - auch für mein Bedürfnis, Dinge für den Ernstfall zu horten. Oder für das ideale Ich der Vergangenheit, das ebenfalls noch immer gelegentlich hier herumschabt, wie ein träger Hausgeist. Eine Anzahl von Produkten habe ich behalten, weil sie nun einmal Lebenssouvenirs und mit bestimmten Stationen verbunden sind. Gesichtspuder und Lippenstifte als Markierungspunkte in der eigenen Biographie...ich hatte doch bestimmt schon erwähnt, dass ich auch noch Lippenstifte meiner Mutter besitze...? : )




NH


Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:

Freitag, 22. Juni 2018

Warum ich den Film "Embrace" wirklich schlecht finde

Es soll ja Frauen geben, die bei der Doku "Embrace" der Australierin Taryn Brumfitt vor Ergriffenheit geweint haben. Mich ergriff mal wieder nur die kalte Wut. Denn der Film ist echt schlecht. Und so unehrlich wie ein Sechseuroschein. Was er nicht ist, ist feministisch - auch wenn Wikipedia das behauptet. 

In dem Film geht es um das westliche weibliche Schönheitsideal. Eigentlich sollte es wohl herausgefordert und hinterfragt werden, aber dazu war offenbar wieder keiner so richtig in der Lage. Zu tief hängen doch immer wieder die Wurzeln im Sumpf der jahrzehntelangen eigenen Programmierung. Trotz der Auftritte der Aktivistin Jes Baker (die mit der Abercrombie-Fitch-Fotoreihe) und der Wissenschaftlerin und Aktivistin Linda Bacon schafft es der Film zu keiner Zeit, die Orientierung am Normativen zu überwinden. 

Es ist das alte, ermüdende Spiel. Wir sind für eine Minute ganz doll empört über rigide Schönheitsnormen, denen wir bis dahin und eigentlich auch weiterhin gern selbst entsprächen und tun außerdem ganz kurz so, als seien schließlich alle Menschen irgendwie schön, besonders dann, wenn wir "Ausstrahlung" mit ins Spiel bringen. Es gibt natürlich auch Wichtigeres als Schönheit - z.B. Kinder zu kriegen und Marathons zu laufen. Aber dazu später. 


Ob es "Schönheit" überhaupt gibt und warum irgendwer überhaupt schön, bzw. ersatzschön sein muss, ist kein Thema. Das ließe sich auch nicht mehr in ganz so flauschiger Art verpacken. Aber Radikalität ist Frau Brumfitts Sache selbstverständlich nicht. Da ist auch Mitproduzentin Nora Tschirner wenig hilfreich. Die wird nicht müde zu betonen, wie unwichtig ihr Äußerlichkeiten und wie langweilig Glamour und rote Teppiche sind - nur um im Film selbst mit Brumfitt auf einem eben solchen zu stehen. Damit wir wissen, dass sie sehr wohl ein Teil der Glitzerwelt ist, obwohl es ihr nichts, aber auch gar nichts bedeutet...Yupp.

Für Taryn Brumfitt begann ihr Engagement auf dem Gebiet der Selbstakzeptanz mit einem biederen Nacktfoto (der biedere Ehemann beschreibt es erleichtert als "geschmackvoll"), das im Internet virale Verbreitung erfuhr. Es zeigte ihren Post-Baby-Body sitzend mit Rettungsring um den Bauch. Als dreifache Mutter wollte sie ein Zeichen setzen und die Welt wissen lassen, dass sie sich ihr "Wellfleisch verdient" habe. Soll heißen - der angenommenen Unattraktivität des Körpers steht hier eine Leistung, bzw. ein Nichtselbstverschulden gegenüber.


In einer Flut von E- Mails von verzweifelten Frauen wurde Taryn danach angeblich gefragt, wie sie es geschafft habe, ihren etwas abgenutzten Körper zu lieben. Dummerweise sind sie da alle an die falsche geraten. Denn Taryn Brumfitt liebt ihren Körper nicht. Wer seinen Körper liebt, muss sein Aussehen nicht in einem Film von 90 Minuten Länge pausenlos rechtfertigen.

Zu kitschiger Musik wird Brumfitts erstes Kind vor unseren Augen geboren. (Das mit den Kreißsaalvideos hab ich ja ehrlich noch nie verstanden.) Trotz der "Jellybellymess", die dadurch entsteht, sagt Brumfitt den Termin für die Bauchstraffung doch noch ab, um ihrer Tochter ein "gutes Vorbild" zu sein. Als ob es eine zur moralischen Heldin macht, keine Schönheitsoperation zu haben, sondern lieber etwas viel Drastischeres zu tun, um zu genügen: Nach 15 Wochen Training nimmt Brumfitt an einem Body-Building-Wettbewerb teil. 


Das Foto von gestählten Muskeln wird zum Vorher-Foto, das mit dem Rettungsring zum Nachher-Foto. Verkehrte Welt und gut für 3,6 Millionen Klicks.

Im Film bespricht Brumfitt die bedauerliche Tatsache, dass sich "45% aller Frauen mit gesundem Gewicht für übergewichtig halten" mit der Chefredakteurin der australischen Cosmopolitan, Mia Freedman. Die setzt sich ja irgendwie schon seit immer dafür ein, dass sich daran etwas ändert. Was, wird mithin nicht klar, bzw. eher nicht weiter thematisiert. Viel wichtiger ist aber, dass hier ganz selbstverständlich von beiden Frauen davon ausgegangen wird, dass es Körper gibt, deren Eigentümerinnen sie fälschlicherweise für maßlos, also für zu dick, halten und solche, die wirklich zu dick sind. Denen, die sich zu dick finden, sollte geholfen werden. Die "echten" Dicken fallen unter den Tisch. Klonk! Die sind ja auch nicht gesund.

Und schwupps - da joggt Taryn Brumfitt schon wieder durchs Bild. Das passiert im Film öfter mal, denn schließlich ist sie kein "lazy pig". Ihr Körper ist "fit and strong" und kann, wir hörten schon davon, einen Marathon überstehen. Kurz danach stehen die Chancen übrigens ziemlich gut, wieder Bilder von Schwangeren zu sehen. Das kitschig-penetrante Herumreiten auf weiblicher Fruchtbarkeit als ultimativem Leistungsbeweis und Ablassbrief im Hinblick auf das Lockern von Körpernormen ist regelrecht ein wenig eklig. Offenbar sind Dellen und hängende Brüste vor allem dann akzeptabel, wenn sie durch Fortpflanzung entstanden sind. Weil: Geburt = Leistung = Normabweichung verdient. Was bitteschön ist also mit Körpern, die nichts leisten? Die weder Kinder bekommen, noch joggen, noch fit sind, noch Öffentlichkeitsarbeit machen? Und was ist mit Körpern, die den gängigen Standards noch nie entsprochen haben? Einfach so. Ohne besonderen Grund oder Niederlage?

Grundsätzlich geht es in dem Film nämlich vorrangig um "schuldlos" verlorene Normattraktivität. Bei zwei der Gesprächspartnerinnen haben gar Tumore bzw. ein Feuer zu großen Veränderungen im Gesicht geführt. Aber auch diese Frauen "verdienen" sich ihr Recht auf diese Abweichung durch außergewöhnliches öffentliches Engagement und einen unerschütterlichen, ja fast übermenschlichen Optimismus: "Maybe it was the best thing that ever happened to me." (Turia Pitt, Brandopfer)

Was oberflächlich so aussieht wie eine rosafarbene  Pyjamaparty unter mittelalten Frauen mit Selbsthilferuppeneinschlag ist in Wirklichkeit am Ende auch nicht anderes als knallharte Beurteilung, Festhalten an Normen und Leistungsprinzipien und entsprechend der Aufruf - na, wozu wohl - richtig, an sich zu arbeiten. Und zwar immerzu. Wenn schon nicht am Körper, so doch an der eigenen Einstellung.

NH

Freitag, 15. Juni 2018

Ausgelesen: "Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger

"Ich mache mir immer Gedanken darüber, wie ich wohl gerade aussehe. Immer." (S. 10)


Einer meiner Vorsätze für 2018 war, keine schlechten Bücher mehr zu lesen. Hat bekanntlich mal wieder nicht geklappt. Erst die relative Enttäuschung über Magda Albrechts biederes "Fatshionsta" und nun auch noch das.

Obwohl es im Fall von Nicole Jägers "Nicht direkt perfekt" streng genommen keinerlei Enttäuschung gab - es bestanden ohnehin keine großen Hoffnungen. Das Buch ist erwartungsgemäß sprachlich daneben und vollgestopft mit Quatsch. Und dann noch mit den Wiederholungen von eben jenem Quatsch. Im Zuge ihrer unsäglichen, SIEBZEHN!!!seitigen Danksagung bedankt sich Nicole Jäger übrigens auch bei ihrer Lektorin Susanne Frank. Jeder gequälten Leserin, die sich bis zu diesem Punkt durchgearbeitet hat, bleibt nur noch, mit letzter Kraft aufzuheulen: "Wofüüür?!" Bei der Vorstellung, wie unerträglich der Ausgangstext tatsächlich gewesen sein muss, wenn hier wirklich noch eine professionelle Nachbearbeitung erfolgt sein soll, kräuseln sich einem die Fußnägel hoch. Selten habe ich ein Buch in Händen gehalten, bei dem so klar war, dass hier irgendwie und wie auch immer Papier gefüllt werden sollte. Weil man halt unbedingt einen Nachfolger für den vorangegangenen Bestseller "Die Fettlöserin" herauspressen wollte.

Dummerweise ist der Nachfolger (zumindest relativ) gefloppt. Nicht wegen des Lektorats, das war beim Vorgänger wie gesagt auch nicht besser. Sondern, weil die (vermutliche) Superlügengeschichte vom Rekordgewicht von 340 kg, die den ersten Erguss weit ins Land trug, im zweiten Werk eben nicht mehr zieht. Denn die Frau Jäger nimmt nicht mehr ab. Sie hat es noch immer vor. Jedenfalls sagt sie das. Aber sie tut es nicht. Ganz so, wie wahrscheinlich die meisten ihrer zuvor begeisterten Leserinnen.

Glauben sollte man der Frau Jäger sodann auch im zweiten Werk nicht allzu viel. Das Buch ist nicht nur verdammt langatmig und redundant - es war offenbar der Versuch, auf einen komplett artfremden Zug aufzuspringen und sich weibliche Selbstakzeptanz (im allerweitesten Sinne) als neues Betätigungsfeld und Einnahmequelle unter den Nagel zu reißen. Solange es mit dem Dünnwerden nichts wird, nimmt sie eben einen Umweg über die Selbstakzeptanz. Ist ja jetzt auch irgendwie in.

Auf der Hand liegt, dass die Frau Jäger auch ganz ohne gezielten Umbau der Wahrheit hierbei ein substantielles Glaubwürdigkeitsproblem hat, hat sie doch im Vorgängerbuch tausendmal ihren Leserinnen in deren Ärsche treten wollen, damit sie bitteschön endlich abnehmen. Auch so etwas, was das Lektorat damals nicht verhindert hat. Eine deutliche Distanzierung von ihrem ursprünglichen Lob des Diätens nimmt Frau Jäger im neueren Werk mithin nicht vor.

Dafür verrät jedoch der Titel "Nicht direkt perfekt"schon genau, was dann zwischen den Buchdeckeln hauptsächlich stattfindet - von der Gültigkeit von Schönheitsnormen mag sich die Autorin gedanklich gar nicht trennen, denn offenbar gibt es in ihrer Welt sehr wohl so etwas wie ein "perfektes" Äußeres sowie deutliche Abweichungen davon. Das führt zum einen dazu, dass ihre Solidarität mit der "nicht direkt perfekten Leserinnenschaft" nur eine verlogene ist - so wie die von Frauenzeitschriften in der Regel auch. Zum anderen veranlasst es die Autorin zu einer auf verwirrende Weise selbstbeweihräuchernden Selbstdarstellung als eine Mischung aus einsamer Drama Queen, kapriziöser Sitcom-Protagonistin und Femme Fatale. Tatsächlich bezeichnet sie sich quer durch das Buch hindurch selbst als "Diva". Bei den kuscheligen Aufzählungen ihrer "Schwächen" (das dünne Haar, die hängende Haut, die chaotische "Künstlerseele" (S. 251)) scheint es sich mithin lediglich um Koketterie zu handeln, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigentlichen Grandiosität zwecks Sympathierhalts eben einfach schickt.

Wenn frau den Schilderungen der Frau Jäger glauben mag, dann ist sie in der Tat ein männermordender Vamp, ein veritabler Penis-Magnet, bei dem große, breitschultrige Männer vom vordersten Ende der Nahrungskette in Bars und Clubs regelmäßig Schlange stehen. Das Buch fängt an mit Film Noir für Anspruchslose: "Ein Club, ein Abend, ein angekratztes Ego, ein paar Gin und plötzlich war er da." (S. 9) Und geht dann auch schön platt weiter: "Der Boy neben mir ist auch nice (...) und sowie er guckt, werde ich schon bald herausfinden, wie sein Body aussieht." (S. 11)

Wieder und wieder jubelt uns die Autorin ihren vermeintlich immensen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Frau-Mann-Beziehung unter: "Mein Körpergefühl habe ich mir erarbeitet, erheult, erfickt..." (S. 66) "Ich brauchte Männer, die mir auf den Hintern (...) und ab und an sogar ins Gesicht guckten. (...) ich brauchte schlechte One-Night-Stands, tausend Laufmaschen, abgebrochene Absätze, verlaufenes Make-up, beschissene Beziehungen..." (S. 67/68) "Ich wurde schon für alle möglichen Arten von Frauen verlassen..." (S. 149) "Ich habe schon so manche Beziehung (...) gegen die Wand gesetzt..." (S. 175) "Ich trennte mich. Man trennte sich von mir. Man trennte sich im beiderseitigen Einverständnis, wie es immer so schön heißt,..." (S. 176)

Und dann wäre da ja auch noch eine in die Brüche gegangene Ehe zeitlich unterzubringen, bei deren Aufarbeitung im Buch die Frau Jäger ihrem verspießerten Ex mit einer gehörigen Portion Bitterkeit so richtig eins überbrät: "Eine Trennung, die das Ende einer Beziehung markierte, die vom ersten Tag an ein Ablaufdatum hatte." (S. 180) Und er ging ihr "auf die Eier, die er nicht hatte." (S. 185) Autsch...

Da staunt der Laie und Nicola wundert sich. Die hat bekanntlich unter großen Anstrengungen das Erstbuch komplett gelesen und fragt sich, wann die Frau Jäger bis Mitte dreißig bloß all diese Millionen von Affären und Beziehungen gehabt haben will, auch im Hinblick auf die Tatsache, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer besonders dating-relevanten Jahre in einem Körper verbracht haben muss, mit dem es mitunter gar nicht so leicht gewesen sein kann, sich ohne Hilfe zu bewegen, geschweige denn mit ihm in tausenden von Nachtclubs Horden von Verehrern abzuwehren. Wenn die erste Lebensgeschichte stimmen soll, scheint die zweite schlicht nicht machbar.

Was hilft es anderen Frauen überhaupt, wenn man ihnen erzählt, was für eine Sexbombe man ("trotz" eines Gewichts von 170 kg und damit einer erheblichen Abweichung von gängigen Schönheitsnormen) ist? Wäre es nicht sinnvoller, zu verkünden, dass es schlicht für niemanden wichtig ist, eine Sexbombe zu sein?  Das würde der Frau Jäger freilich niemals in den Sinn kommen, denn: "Ich für meinen Teil bin jedenfalls in keinem Moment schöner als in jenem, in dem mich ein Mann begehrt." (S. 218)

Davon handelt im Grunde das ganze lange Buch. 

Von der Validierung durch männliche Zustimmung und der Tatsache, dass bestehende Körpernormen durchaus gelten, aber für das Gelingen individueller Lebensgeschichten, insbesondere in sexueller Hinsicht, nicht immer von ganz sooo großer Bedeutung sein müssen, wenn Frau eben nur anderweitig genug Großartigkeit entwickeln kann. Wie frau das macht? Nun, frau ist natürlich selbst dafür verantwortlich. Und natürlich selbst schuld, wenn es ihr nicht gelingen mag: "Ich glaube, das Problem liegt nicht im Spiegelbild und auch nicht im Auge des Betrachters, sondern in unseren eigenen Köpfen." (S. 82) Alles findet eh nur "in unseren Köpfen statt." (S. 83) Und "letztlich haben wir alle an dieser Misere Schuld." (S. 129)

Sprach's, und hub an zu einer bemerkenswerten Body-Shaming-Tirade: "...Meister-Verkorkserin meiner eigenen Figur..." (S. 51), "...dick zu sein ist kein Drama..." (S. 35), "Scheiß drauf, dass du nicht perfekt bist..." (S. 131), "...weil man figürlich nicht der Knaller ist..." (S. 151), "...darf ich mich wohlfühlen (...), obwohl ich nicht so perfekt aussehe?" (S. 205), "...obwohl ich genau weiß, ich sehe aus wie eine gestrandete Boje." (S. 242) "...und wenn alles straffer, schlanker (...) oder filigraner wäre, wäre es vielleicht auch nicht schlecht." (S. 117), "...aber, Himmel!, sehe ich nackt beschissen aus. Das lässt sich nicht schönreden." (S. 79), "Du darfst gerne 'Problemzonen' haben..." (S. 63), u.s.w.

Wenigstens ist die Menstruation nichts Ekliges. Das erklärt die Frau Jäger uns in befremdlicher Breite zwischen Seite 88 und Seite 105, denn offenbar "huschen nicht wenige Frauen durch Drogeriemärkte und verstecken ihre Tampons und Binden unter ein paar Bananen..." (S. 89) Donnerwetter. So einen Satz muss frau ja auch erst einmal erdenken, aufschreiben und dann selbst aushalten. Damit hat die Frau Jäger nebst Lektorats-"Vasallin" Frank (S. 250) jedoch erwartungsgemäß ganz und gar keine Probleme. Ganz im Gegenteil - für ein wenig Pathologisierung der menstruierenden Frau findet sich natürlich immer noch ein Plätzchen auf dem Papier: "PMS macht aus uns weinerliche Lappen, ekelhafte Furien, gemeine Drachen, todtraurige Gestalten, hoffnungslose Jungfern und heroische Kriegerinnen. (...) Und wir sind machtlos dagegen." (S. 101)

Was mir noch aufgefallen ist: Im Kapitel "Große Schwester" (ab S. 133) geht es um eine Essstörung, die im Diätratgeber meines Wissens nach nicht wirklich thematisiert worden ist. Die Frau Jäger gibt hier nun aber an, esssüchtig zu sein, stilisiert ihre Essstörung mit Pomp und Pathos zur Person und spricht sie direkt an. In der Tat handelt es sich bei der Essstörung um die "große Schwester" aus der Überschrift (S. 141), was mich ganz frappierend an meine Nachforschungen in der Pro-Ana-Bewegung vor ein paar Jahren erinnert hat. Da bekam Ana (die Anorexie) ebenfalls die Rolle einer ganz besonderen, düsteren Freundin und Begleiterin in den Leben der Betroffenen zugesprochen. Über die Rolle der großen Schwester im Leben der Frau Jäger mag ich nicht wirklich noch mehr spekulieren - immerhin droht sie: "Ich bringe zur nächsten emotionalen Messerstecherei meine große Schwester mit." (S. 146) Aber ein wenig gruselig ist das jetzt schon, oder? Might wanna get that checked out.*

Ach, und, als ob nicht alles schon fürchterlich genug wäre, redet die Frau Jäger zu guter Letzt auch noch über Feminismus. Warum eigentlich - das hat sich mir einfach nicht erschlossen. Und mir fällt erst recht kein Grund ein, warum das irgendeine lesen sollte. Wer Beweise braucht: "In dem Moment, in dem Männer nicht mehr Kerle sein dürfen und Frauen dafür welche sein sollen, läuft meinem Erachten nach etwas ganz fürchterlich schief." (S. 228) Nun ist es schon so, dass die Frau Jäger dafür ist, dass alle die gleichen Rechte haben. Aber sie will auf keinen Fall damit aufhören müssen, sich zu rasieren. (S. 233) Facepalm. Sie weiß selbstverständlich auch, dass wir "selbst den unangenehmsten Zeitgenossinnen unter ihnen (den Feministinnen) verdanken, dass wir heute stehen, wo wir stehen" (S. 231), aber der Begriff Feministin ist nun einmal so "muffig" und "schlimm verstaubt". (S. 226) Noch einmal: Facepalm.

Interessant wird das Buch für mich nur an einer einzigen Stelle, weil ich dort einen Schimmer Wahrhaftigkeit vermute - und, wie so oft, ist die Wahrheit nicht beabsichtigt. Aus heiterem Himmel betreibt die Frau Jäger Publikumsbeschimpfung. Angriffe im Internet setzen ihr offenbar sehr viel mehr zu, als es professionell wäre. Sie schreibt diese dem Neid der Angreifer auf sie zu und ist zutiefst enttäuscht darüber, dass Ihre Fans sie nicht mehr und wirkungsvoller verteidigen. Offenbar haben die nicht wirklich begriffen, wer sie eigentlich ist: "Weil Neid eben doch von allen Seiten hässlich ist und die Community der 'Zu-mir-Halter' allem Anschein nach vergesslich ist, wenn Worte wie Pflastersteine fliegen und die Luft brennt, ich dabei zusehen muss, wie der 'Ich stehe hinter dir'-Fresseaufreißer wegrennt, immer dann, dann, (nein, kein Typo) wenn ich einen Wingman bräuchte." (S. 246)

Nein, zu beneiden ist sie wirklich nicht.


NH

*Da würde ich an deiner Stelle mal einen Arzt fragen.



Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachgetragen

Fette Logik


Die Frau Herrmann hat meine Rezension ihres Buches auf ihrem Blog "kurz" kommentiert. Gaaanz kurz - auf nur sieben ultrakurzen Seiten. Dabei beschwert sie sich in der Hauptsache darüber, dass ich sie quasi durchgehend mit Absicht aus dem Zusammenhang zitiert hätte und dass die Kritik von mir als Frau an ihr als Frau schlicht "unfeministisch" sei. Insbesondere bezieht sie sich darauf, dass ich ihren Status als vermeintliches "Stalkingopfer" nicht als Ausrede dafür akzeptiert habe, dass es aus unklaren Gründen unmöglich war, die Doktorarbeit der Frau Hermann (die offenbar gar nicht Frau Hermann heißt), einzusehen. 

Ihre Leser tröten in den Kommentaren unter ihrem Kommentar, oh Wunder, nur zu gern ins gleiche Horn: "Der Feminismus ist eben (...) keine Bürgerrerchtsbewegung, sondern eher eine Art Sekte;..."; "Genderterror..."; "Femifaschomob..."; "Feministische Kritik fällt in jeder Lebenslage so aus. Gegen alles und jeden."; "(...) diese Frauen, die sich selbst so aggressiv als Feministin bezeichnen sind nur eins: Rassisten der reinsten Form."; (...) hat mir der Feminismus (...) nix zu bieten außer Dresche. Insbesondere wenn ich auch noch eine weiße Hautfarbe habe..." Undsogehtdasseitenweiseweiter.

Lasst mich dazu nur dieses noch kurz einwerfen: "Opferabo", anyone?

Dabei verdankt die Frau Hermann den Erfolg ihres dumpfen Büchleins in der Tat maßgeblich ausgerechnet gerade jenem Netzfeminismus, über den sie und ihre Blogleser sich so vortrefflich echauffieren können. Auf einem "Diät-Blog" wohlgemerkt...hüstel/augenroll. Hätten sich Feministinnen nämlich nicht vernehmbar im Cyberspace über sie geärgert, wären die traurigen Männer vom virtuellen Maskulistenstammtisch ihr nicht in aufgebrachten Schwärmen zur Seite gesprungen und hätten so viel Lärm und Werbung für sie gemacht. Und zwar so vehement, fanatisch und nachhaltig, dass da in den Weiten des Internets keine betuliche Presseabteilung irgendeines Verlages je ernsthaft mitkommen könnte. Es ist übrigens noch immer schier unmöglich, bei Amazon eine negative Bewertung für das Werk abzugeben, ohne dass einem ihre Anhänger oder gar die Autorin selbst über den Mund fahren. Das Buch, das die Frau Hermann als Cartoonistin herausgebracht hat, scheint übrigens nicht annähernd die gleiche Liebe und Unterstützung zu erfahren.

Noch einmal ganz langsam für alle, die es noch immer nicht begriffen haben, zum Mitschreiben: Die Frau Hermann hat KEIN Diät-Buch geschrieben Sie hat auch KEIN Buch über "Diätmythen" geschrieben. Sie hat ein Anti-Fettakzeptanz-Buch verfasst. Denn Fettakzeptanz ist eine Filiale des (Netz-)Feminismus. Die Frau Hermann ist eine erbitterte Anti-Feministin und kein verdammter Fitness-Guru. 

Wenn man immer ganz anders verstanden wird, als man wirklich verstanden werden will, dann hat man halt ein echtes Vermittlungsproblem. Man kann nicht pausenlos aus Zusammenhängen gerissen werden, wenn die Zusammenhänge weitgehend zusammen hängen, bzw. stimmen. Wenn alles, was man sagt, "aus dem Kontext gerissen wird", sobald es überhaupt zitiert wird, ist das schon...na, sagen wir mal...bemerkenswert. Das scheint irgendwie seltsamerweise auch immer Leuten mit dem gleichen unfreundlichen Weltbild zu passieren. Ständige Probleme mit den selbstverfassten Zusammenhängen, wie die Frau Hermann sie hat, bekommt man eben nur, wenn man entweder ein ganz anderes Selbstbild hat, als der Rest der Welt, oder aber man das eine sein, aber bitteschön zumindest von bestimmten Teilen des Publikums als das andere wahrgenommen werden will.

Wenn man z.B. mich aus dem Zusammenhang reißt, bleibt am Ende trotzdem immer die böse, dicke, linke Feministin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denn ganz genau die bin ich auch.

Direkt unperfekt


 Und wo wir gerade bei Frauen sind, die andere Frauen berufsmäßig vor den Bus schubsen: 

Nicole Jäger, selbsternannter fetter Diätcoach, hat offenbar Probleme beim Abnehmen. Das kann passieren. Im Prinzip ist es normal. Und normalerweise läge es mir selbstverständlich fern, dieses in irgendeiner Form kritisch zu erwähnen, wenn die Frau Jäger nicht mit einem Buch und Bühnenprogramm berühmt geworden wäre, in dem sie nicht nur behauptet hat, einst "selbstverschuldet" 340 kg gewogen zu haben, sondern auch noch allen anderen Dicken mit einer unerträglichen und obendrein total unglaubwürdigen Moralkeule von Buch eins auf die Rübe gegeben hätte. 

Das Nachfolgewerk der Frau Jäger, "Nicht direkt perfekt", erscheint offenbar im September. Der Untertitel lautet "Die nackte Wahrheit über das Frausein" und Ziel der Frau Jäger ist es angeblich, ab jetzt jeder Frau zu ihrem "Recht auf ein positives Körpergefühl (und) auf Weiblichkeit" (amazon.de) zu verhelfen. Das ist man doch erst einmal beruhigt, dass Frauen tatsächlich ein verbrieftes Recht auf Weiblichkeit haben....Und dann fragt man sich, was denn wohl eine Frau automatisch ist, wenn nicht weiblich. Und dann begreift man, dass "unperfekte" Frauen in unserer Kultur natürlich mitnichten einfach so weiblich sind. Auch und ganz besonders nicht in den Augen der Frau Jäger, die immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie faul, dumm und scheiße Dicke sind. Weiblichkeit muss man sich "verdienen". Und mit nichts verliert man den Status des Weibchens zuverlässiger als mit Hässlichkeit, Fett oder Feminismus : ). Es wird wieder um Äußerlichkeiten gehen, bei der Frau Jäger. Mit dem Inneren hat sie es nämlich nicht so. Dummerweise eben auch nicht so sehr mit dem Abnehmen. Darum tritt sie jetzt plötzlich dafür ein, dass man als Frau auch irgendwie halbwegs okay ist, wenn man eben "nicht direkt perfekt" ist (denn dellig, alt, dick, zu groß, zu klein, mit dünnen Haaren, etc. kann man eben niemals perfekt sein) und wird sich so weltbewegenden Fragen widmen wie "Und warum ziehen alle beim Sex den Bauch ein?" (amazon.de)

Tun übrigens gar nicht alle. Ich nicht. Just sayin'.

Wenn die nackte Wahrheit über das Frausein der Frau Jäger ungefähr soviel Wahrheitsgehalt hat, wie die Geschichte von den 340 kg Ausgangsgewicht, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die eigene Tochter das Buch nicht in die Finger kriegt. 

Man fragt sich ja noch immer, wie das eigentlich passieren konnte, oder? Dass keiner der Milliarden von Journalisten, die die Frau Jäger in den letzten zu ihren buchstäblich märchenhaften Abnehmerfolgen befragt haben, jemals genauer wissen wollte, wie es sich eigentlich so angefühlt hat, im Körper der schwersten Frau der Welt* zu leben? Und warum dieser zusätzliche Superlativ eigentlich nie Teil der werbeträchtigen Geschichte war?

*Als schwerste, lebende Frau der Welt wurde Pauline Potter 2012 mit 293,6 kg ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Diesen Titel hat ihr bisher offenbar keiner streitig machen wollen. Tatsächlich wurde ihr Gewicht je nach Nachrichtenmedium und Zeitpunkt zwischen knapp 300 und 330 kg angegeben. Wenn man sich die Bilder von Pauline Potter zu Höchstgewichtszeiten ansieht, erscheint es einem umso absurder und unbegreiflicher, dass die Lebenssituation der Frau Jäger mit einem angeblich sogar noch höheren Gewicht bei der Berichterstattung nicht erheblich stärker oder eigentlich überhaupt mal substantiell dokumentiert und thematisiert worden ist. 


NH

Samstag, 6. Februar 2016

(K)ein bisschen Frieden...

Eine Freundin von mir brachte mir die Februarausgabe von myself  mit, weil sie einen Artikel zum Thema Selbstakzeptanz enthält. Die Freundin weiß, dass das mein großes Thema ist und fand ihn eigentlich auch ganz gut, bis sie meine kugelrunden, entsetzen Augen sah, nachdem ich begonnen hatte, ihn zu überfliegen. Das ist nicht ungewöhnlich - man muss halt Übung darin haben, sich unmittelbar so zu echauffieren wie ich.

Halbherzige, ambivalente und im Grunde total verlogene Aufrufe, sich nicht mehr schönheits- oder wahlweise schlankheitsterrorisieren zu lassen, sind in Frauenmedien weit verbreitet und verdammt in. Immer wenn ich eine Frauenzeitschrift aufschlage, kräuseln sich ja bekanntlich schon in Erwartung haarsträubenden Unfugs meine Fußnägel. Und niemals, wirklich niemals, werde ich eines Besseren belehrt. Dafür werde ich immer enttäuscht. Von der unsolidarischen Biestigkeit der meisten Verfasserinnen.

Bei dem Artikel von Susanne Kaloff handelt es sich um einen triefigen Brief an den eigenen Körper, der insofern ausgesprochen aufschlussreich ist, als dass das lächerliche Pathos, das durch die Zeilen schwingt, mal wieder verrät, wie völlig unmöglich es für Frau Kaloff in Wahrheit ist, ihre verinnerlichten Standards auch nur für einen Augenblick auszusetzen. Sie kann nicht einmal in einer zweiseitigen Kolumne überzeugend so tun, als meine sie es ernst. Dieser Umstand ist übrigens auch normal und prägt so ziemlich jeden schriftlichen Erguss, den ich bisher zum Thema in Frauenmagazinen gelesen habe.

Zwar erwähnt sie zunächst, dass sie in einer familiären Umgebung aufgewachsen ist, in der körperliche Perfektionierung eine absolute Priorität war, und dass sie das bereits als Kind geprägt hat. Als sie mit 15 in einer Diskothek wegen ihres Gewichtes beleidigt worden ist, hat sie das allerdings mit Hilfe ihres "inneren Gurus" weggesteckt, denn der hat sie daran erinnert, "wo (ihre) innere Anmut wirklich wohnt." Tja, gut für sie.

Aber dann das: Jahrzehnte später erst hat sie begriffen, dass man auch innere Schönheit braucht (ja, Schönheitsbullshitbingo Rang 1) - offenbar damit man überhaupt noch etwas hat, wenn die äußere Schönheit im Alter verschwindet ("Wenn die Hülle Risse bekommt"), denn sonst "verzweifelt man beim Blick in den Spiegel". Die Frau Kaloff hat angeblich unlängst beim Betrachten ihrer eigenen Hände geweint. Und das, obwohl sie bereits vor 19 Jahren bei ihrem Körper angefragt hat, ob er und sie nicht "Frieden schließen" wollten. Dass Selbstakzeptanz bei ihr ein offenkundig verdammt langer und ziemlich schleppender Prozess zu sein scheint, mag ich ihr nicht vorhalten. Da weiß ich schließlich genau, wie schwer das ist. Was ich ihr allerdings ehrlich übel nehme, sind Sätze wie dieser: "Ich glaube allerdings nicht, dass Mut dabei hilft, sich selbst zu lieben. Mut hat etwas Aggressives, und diese scheinbar couragierte Haltung kommt mir oft vor wie Zynismus."

Da ist sie wieder, die gute alte Unterstellung, dass man sich SO (dick, alt, faltig, kleinbrüstig, kartoffelnasig) auf gar keinen Fall wirklich wohl fühlen kann. Und wenn man ehrlich zu sich wäre, das wird natürlich insbesondere Dicken täglich um die Ohren gehauen, dann wüsste man auch, dass man sich als zufriedene Dicke nur selbst betrügt und der Welt etwas vorspielt.

Darum setzt die faltige Frau Kaloff auch nicht auf grellen Mut oder Aufbegehren gegen geltende Körpernormen, sondern bei Konfrontierung mit dem eigenen im Grunde unmöglichen, verwitterten Spiegelbild auf "ruhiges Atmen", "softness beneath it all" (Hä?!?) und natürlich auf die Schönheit "unter der Oberfläche", die einem ja angeblich nicht verlustig gehen kann - bis man vielleicht eines Tages dement mit nem Schlüpper auf dem Kopf das Pflegepersonal anpöbelt (Anm. der dicken Dame). Außerdem ist die Frau Kaloff ihrem Körper dankbar, dass er beim Yoga noch so gut mitmacht und hat sich auf ihr Handgelenk das Wort "perfect" eintätowieren lassen, um sich stets daran zu erinnern, dass sie "ein vollkommenes menschliches Wesen" ist, "in der Welt (...), in der alles, was ist und geschieht, okay ist." Nichts, absolut nichts auf dieser Welt ist wichtiger für die Frau Kaloff, als das Aussehen ihres Körpers. Der Körper der Frau Kaloff ist darüber hinaus offenbar ihre Welt. Den Rest der wahren Welt kann sie hier ja wohl kaum meinen, so blöd und vermessen wäre doch wohl keiner, oder? Die Frau Kaloff hat es nicht leicht. "Aber leicht hat's einen", hätte mein Vater jetzt natürlich geantwortet.

So, und nun reden wir mal wirklich über Mut und Selbstakzeptanz:

Mit dem Körper Frieden zu schließen kann man nur gegen den vehementen und glühenden Widerstand der Umwelt - ganz besonders wenn man dick ist. Diese Wahrheit wird gern und aus ersichtlichen Gründen besonders gern von Frauenzeitschriften immer und immer wieder unter den Teppich gekehrt. Die betten das zeitgeistige Thema zwischen Diäten* und Motivationstipps für mehr Sportlichkeit in ihre Blätter ein, weil es halt neuerdings irgendwie dazu gehört, und verbreiten gern das Märchen, dass man sich halt selbst einfach mit ein wenig freundlicheren Augen betrachten und nett zu sich selbst sein solle.Wenn man sich dann noch jeden Freitagabend ein Bad einlässt, eine Duftkerze anzündet und einen Kräutertee aufgießt, um "gut für sich selbst zu sorgen", kann im Prinzip mit dem Frieden im eigenen Körper nicht mehr viel schiefgehen.

In Wahrheit befinde ich mich als dicke Frau nicht mit meinem Körper im Krieg. Sondern mit der Gesellschaft. Ich bin nicht mit einem Selbsthass-Gendefekt auf die Welt gekommen. Ich finde mich nicht von Natur aus die meiste Zeit meines Lebens selbst scheiße. Die Welt hat dafür gesorgt, dass ich und Aber- und Abermillionen von Frauen sich täglich scheiße fühlen, weil sie dick sind. Ich bin nichts Besonderes in meinem Krampf und Kampf. Man würde halt immer denken, dass sich so viele sinnlos und oft zutiefst unglückliche Frauen im Zeitalter der Information leichter mobilisieren ließen, um eben jene Außenwelt sehr viel vehementer in die Pflicht zu nehmen, aber das ist eine andere Sache. Jedoch ganz bestimmt auch eine Frage des Mutes. Des aggressiven.

Noch einmal für alle, die besonders schwer kapieren und damit auch für alle Redakteurinnen von Frauenzeitschriften: Das Problem liegt nicht innen. Das Problem liegt außen. Nur das Individuum hat natürlich das Problem und am Ende das verpfuschte Leben. Und sich selber bis an sein Lebensende auszuhungern und anzupassen, erscheint auf den ersten und zweiten Blick oft als die einfachere Lösung, als eine Existenz als angefeindete und belächelte Rebellin.

Darum braucht wer immer sich in seinem Körper von innen heraus besser fühlen will, so verdammt viel Kraft. UND AUCH MUT! Das ist ganz genau so und nicht anders. Denn das ist letztendlich so, als wollte man unter einem Wasserfall schwimmen lernen. Heißt nicht, dass sich der Versuch nicht trotzdem lohnt. Und wenn ihr etwas Mut gefunden habt, teilt ihn doch bitte mit anderen.


*Auf Seite 141 der selben Ausgabe von myself  wundert sich die Redaktion übrigens darüber "wie glücklich 1200 Kalorien machen können". Wohlgemerkt, auf dem Titel wird großmundig versprochen: "Nie wieder Diät!" Dabei geht es dann um California Cuisine - und das ist eine...Diät.
Man würde sich wünschen, die Redaktion möge ihre eigenen Ratschläge für ein "kreativeres, schlaueres und inspirierteres Gehirn" irgendwann auch endlich einmal selbst beherzigen.


NH

Sonntag, 25. Oktober 2015

Schwamm drüber



"Schwamm drüber" ist quasi eine Bravo Girl in Buchform. Und aus den 50er Jahren. Es gehörte meiner Mutter, die beim Erscheinen des Buches gerade in der Pubertät und damit die Zielgruppe war. Ich selbst habe es "geerbt" und als Mädchen öfter mal darin geblättert, aber eher geschaut als gelesen. Die nostalgischen Illustrationen haben mir immer besonders gefallen. Auf denen waren natürlich alle Taillen winzig, aber Schönheitsideale, ihre Entstehung, Manifestierung und wie sie - damals und heute weiterhin - vorrangig gegen Frauen verwendet werden, haben mich damals naturgemäß nicht so umgetrieben wie heute, obwohl ich mich zu der Zeit natürlich mit meinem eigenen Körper auch bereits seit Jahren mitten im Krieg befand.

Rosemarie Harbert, die Autorin des Buches, war streng und hatte natürlich viele komplett unmögliche Ansichten. So war sie z.B. ohne Umschweife dafür, dass Eltern ihren Töchtern durchaus eine klatschen können, wenn die sich daneben benehmen. Bemerkenswerterweise verbuchte sie die Teilnahme an Miss-Wahlen als schlechtes Benehmen. Insgesamt wollte sie Mädchen halt lieber an- und bodenständigals als glamourös. Und sie riet, etwas Sagrotan ins Waschwasser zu schütten, wenn man seine Tage hat. Für so neumodischen Kram wie Tampons hatte sie auch nicht viel übrig. Und sie war strikt gegen lila Unterwäsche: "Lila (...) ist nichts anderes als ordinär, trage niemals Lila. Es ist noch häßlicher als schwarze Leibwäsche."

Andererseits betrachtete sie "Schönheit" an vielen Stellen aus erstaunlich moderner und im Vergleich zur Bravo Girl regelrecht feministischer Perspektive. Eigentlich, so berichtet sie in der Einleitung, sollte der Titel des Buches "Sei gefälligst schön". Das aber habe ihr ihre Tochter ausgeredet - mit Hinweis darauf, dass sich moderne Mädchen gar nichts vorschreiben ließen.

Über die Sorge, zu dick zu sein, sagt sie etwas, was sich erstaunlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen jüngerer Zeit deckt: "(...) deine vielbeklagte Dicke  ist (...) Kükenfett, das zu vielen Mädchen deines Alters einfach dazugehört, um so besser sind deine Nerven. Es läuft sich demnächst ab, wenn du Studentin bist oder Schuhkartons vom Lager herauftragen musst."

Auch mahnt sie dazu, sein Geld nicht ausschließlich für Mode und Kosmetik auf den Kopf zu hauen: "Eines Tages brauchst du eine Aussteuer, und es wird bereits Zeit, damit anzufangen. Nicht gleich mit drei Dutzend Küchentüchern (...); aber vielleicht ist schon ein kleines Bücherregal da, das dir allein gehört. Und sieben oder vierundzwanzig Bücher, in denen dein Name steht." ...Hatte ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass in meiner Familie ausnahmslos alle (Mutter, Vater und ich) ihre Bücher immer umgehend beschriftet und mit dem Datum des Erwerbs versehen haben?

Und dann kommt sie zu Schönheitswettbewerben und wird mehr als deutlich: "Schönheitsköniginnen sind nicht schön, das ist ein Irrtum. Sie sind Mädchen, die im Badeanzug über einen Laufsteg gehen (...) und dafür prämiert werden. Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Es handelt sich um eine Fleischbeschau, die von der Badetrikot- und Strumpfindustrie finanziert wird. (...) Die Leute, die solche Veranstaltungen arrangieren, haben (...) die Vorstellung, daß die Schönheit des Menschen in Zentimetereinheiten festlegbar und feststellbar sei (...). Daß also Zollstock und Maßband das Maß für die Qualität von Menschen seien."

Und dann noch etwas, was meiner Auffasung nach damals wie heute ausgesprochen wahr war/ist: "In Antiquitätengeschäften sieht man schöne Granatringe, oder Ringe mit Gemmen, auch kunstvolle Korallenstücke. Diese so altmodisch wirkenden Dinge sind gerade für junge Mädchen , die ja nicht leicht in den Verdacht der Altjüngferlichkeit geraten, sehr apart (...)." : )

NH








Freitag, 21. August 2015

Ausgelesen: Das kleine Übungsheft - Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Die "Kleinen Übungshefte" aus dem Trinity Verlag haben eine hübsche Aufmachung, und man braucht vielleicht eine halbe Stunde, um sie zu lesen.

Und im Falle des o.g. Übungsheftes von Anne Marrez & Maggie Oda ist das auch wirklich das Äußerste, was man an Zeit investieren sollte. Die Broschüre sieht so klein und unschuldig aus - und ist doch ein echt fieses Terrorwerk. Eine der Autorinnen ist übrigens im Diätgeschäft...

Um es kurz zu machen: Die 62 Seiten enthalten mindestens fünfmal das Wort "Makel" und viermal das Wort "Mangel". Diese hat frau nun einmal, soll sie aber nicht so tragisch nehmen.

Das heißt, Schönheit als im Grunde objektiver und ziemlich klar definierter Wert wird hier überhaupt nicht herausgefordert. Es geht nur darum, dass man sich nicht von der eigenen Hässlichkeit (den naturgegebenen "Makeln") komplett runterziehen lässt. Wobei man am eigenen negativen Körperbild ohnehin selbst Schuld ist: "der (...) Schönheitskult (...) entsteht (...) in erster Linie in Ihrem Kopf." Na dann.

Die automatische Verbindung von Dicksein und Hässlichkeit taucht erstaunlich konsequent auf. Denn viele Frauen fühlen sich "dick und hässlich" (S. 5) und "zu hässlich, zu dick" (S. 28). Sie denken, ihr "fetter Bauch steht raus" (S.38), oder "Ich bin hässlich, ich bin fett" (S.34), und das, OBWOHL sie "in Wirklichkeit ein gesundes Gewicht" haben (S.11). Auf Seite 6 ist sie dann auch abgebildet - die dünne Frau, die ja eigentlich gar nicht hässlich ist, aber sich selbst im Spiegel als dicke, und im Gesicht zusätzlich wirklich ungünstig aufgedunsene Frau sieht.

Damit wird ziemlich schnell klar, dass sich dieses giftige Heftchen mit seinen biederen, flachen Übungen für Selbstakzeptanz offenbar in der Hauptsache an Frauen wendet, die sich "fett und hässlich" fühlen, und ganz klar nicht an solche, die fett (und damit offenbar in den Augen der Autorinnen unübertroffen hässlich) sind.

Fett ist, wie immer, auch hier das Allerallerallerschlimmste. So schlimm, dass man echtes Dicksein auch nicht so wie die anderen möglichen "Makel" mithilfe von Atemübungen und durch Lächeln (kein Witz, S. 58) wegakzeptieren kann. Stattdessen wird den Leserinnen auch hier nahegelegt, sich nicht abzukapseln und zu essen (S. 50), denn das "gefährdet Ihre Gesundheit." Statt "zu viel zu essen", sollte man lieber "Sport treiben" (S. 51).

Wenn Ratgeber zur Akzeptanz des eigenen Körpers vollgestopft sind mit Fettphobie und Abweichungen von Normschönheit tatsächlich durchgängig als "Mangel" identifizieren, wird es echt eng. Dummerweise ist dieser bekanntlich nicht der erste seiner Art, der uns hier unter die Augen kommt. Was bitte soll das sein? Eine besonders perfide, subversive Form der fortgesetzten Demoralisierung von ohnehin bereits angeschlagenen Frauengemütern?

FUCK 'EM! Ernsthaft.

NH 

Dienstag, 18. August 2015

Ausgelesen: "Such a Pretty Face", 1980

Von meinem ersten bis zum zwölften Schuljahr hatte ich immer ganz besondere Pläne für die Sommerferien. Und im Prinzip sind sie bis heute in mir verankert, wie ein uralter, knorriger, verwurzelter Traum. Er handelt von Transformation und plötzlicher, alles überstrahlender und vor allem öffentlicher Großartigkeit. Kurz gesagt: Ich hatte immer den Plan, in den den sechs freien Wochen endlich dünn zu werden. Ich rechnete mir vorher aus, wie viel ich unter Umständen abnehmen könnte, wenn ich mich wirklich anstrengen, quälen und unablässig hungern und turnen würde. Und ich hatte die Absicht, es bei meiner Rückkehr in die Schule allen so richtig zu zeigen...

Das, was mich an "Such a Pretty Face - Being Fat in America" von Marcia Millman, das bereits 1980 erschienen ist, ganz besonders berührt und mitgenommen hat, sind zwei Dinge: 1. Das zehnte und letzte Kapitel (dazu komme ich gleich noch ausführlicher)*. 2. Die Tatsache, dass das Buch sowie die darin enthaltenen Schilderungen der Lebensumstände und Lebensgefühle dicker Frauen 35 Jahre alt sind. Und dass man das gleiche Buch heute noch einmal ganz genauso schreiben müsste. Die Ängste, die Scham, der Selbsthass, die Bevormundung, die erfahrenen Schuldzuweisungen und Herabsetzungen, die verlogene Drohung, dass Dicke ihre Gesundheit ruinieren, indem sie so sind, wie sie sind. Das Absprechen von Weiblichkeit und Attraktivität. Gesellschaftliches Außenseiterinnentum. Das war alles schon vor mir da, es war alles zutreffend in meinem Leben, und es prägt nachweislich weiterhin die Leben von (dicken) Frauen und Mädchen, die sehr, sehr viel jünger sind als ich. Es hat sich nichts verändert. Wenn überhaupt, hat sich das Klima noch verschäft. Tatsächlich ist mir eben aufgefallen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit das Gleiche über ein anderes Buch zu dem Thema festgestellt habe (Shadow on a Tighrope, 1983). Dass sich für Dicke und gegen ihre Diskriminierung in drei Jahrzehnten wenig getan hat, ist und bleibt halt zutiefst deprimierend. Und es wirft eine (mich) im Hinblick auf mein kleines Blog immer wieder umtreibende Frage auf: Bringt das hier eigentlich was? Aber auch das erzähle ich natürlich nicht zum ersten Mal.

Millmans Buch basiert auf Interviews mit dicken Frauen und spiegelt auf verstörend-faszinierende Weise die Muster, die sich vermutlich durch die Mehrzahl dicker, weiblicher Leben ziehen. Es ist mithin eins der besten Bücher, die ich zur Analyse der durch gesellschaftliche Herabwürdigung gebeutelten Innenwelten von dicken Frauen gelesen habe. Das Buch sei trotz seines Alters ausdrücklich jedem empfohlen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Es liefert ein breites und gut ausgeleuchtetes Bild ihrer Selbstwahrnehmung, ihrer Strategien zur Unsichtbarwerdung, sowie ihrer ambivalenten Überlebenstechniken. Und es findet sich alles wieder, was wir so gut kennen: Die ersten Diäten werden bereits im Kindesalter gemacht und setzen eine aufsteigende Gewichtsspirale in Gang. Familienmitglieder sind die, die am grausamsten mit dicken Kindern umgehen. Aus Scham und zum Teil selbst gewählter Isolation werden Berufswünsche nicht erfüllt, Ärzte nicht aufgesucht, große und kleine Lebensziele nicht verwirklicht. Dicke Mädchen/Frauen haben aber auch objektiv weniger Chancen, bzw. müssen härter für Erfolge arbeiten, weil man sie für faul, langsam, dumm aber auch für rebellisch und deviant hält.

Bei der Partnersuche haben Dicke es schwerer als normgewichtige Frauen. Dicksein galt auch 1980 als hässlich und unweiblich. Dicke Frauen geraten und gerieten leicht in den Verdacht der "Vermannweiblichung", und das zog bereits vor 35 Jahren eine schnelle Einordnung als Feministin nach sich. Und, oh wie sich die Bilder gleichen, das war auch 1980 bei weiten Teilen der männlichen Bevölkerung kein weibliches Qualitätsmerkmal. Millmans Schlussfolgerung aus den geführten Gesprächen, dass dicke Frauen von weiten Teilen ihrer Umwelt in der Hauptsache als asexuell oder aber als sexuell besonders leicht zu haben, gierig, bedürftig, freakish, und belastbar betrachtet werden, erscheint mir einleuchtend und sicherlich auch noch immer zutreffend. Dicke Frauen attraktiv zu finden, finden noch immer nicht alle komplett "normal", bzw. halten es für einen Fetish / eine Perversion. Die Tatsache, dass sich dicke Frauen insbesondere nicht gern in letztere Rolle drängen lassen, ist einer der Gründe, die bei vielen zu einer gedanklichen und emotionalen Abkopplung vom Körper ("disembodiment") führen.

Nicht nur die Umwelt redet vom sprichwörtlichen "hübschen Gesicht" der Dicken, welches als Ausgleich zum hässlichen Körper herhalten muss, sondern dicke Frauen nehmen sich selbst auch oft nur noch vom Hals aufwärts (Gesicht und Verstand) bewusst wahr, bzw. definieren sich ausschließlich über ihren Kopf: "The alienated body may not only be viewed as a serious handicap that spoils the accomplishments of the face and head or that defies control by the person. It may be experienced as an enemy that is capable of destroying the self."** (S. 199/200)

Der Körper als Feind, der das "hübsche Gesicht" und den hellen Verstand zurückhält - welche Dicke kennt diese Assoziation nicht? Ich bitte um Handzeichen. Sie wurde Generationen von Dicken von außen angetragen, verinnerlicht und so vermutlich den meisten von ihnen zum Lebensprogramm. Und dieses Programm ist gekennzeichnet durch eine handvoll widerstreitender Elemente: Selbsthass und Aufschieben, aber gleichzeitig ebenfalls die Hoffnung auf und Vermutung von persönlicher Großartigkeit, die nur auf ihre Freisetzung wartet. Diese Freisetzung erfolgt durch die Beseitigung des Fettes. Wenn das Fett geht, beginnt das wahre und obendrein großartige Leben. Die Beseitigung des Fettes hat man selbst in der Hand. Die dicke Frau ist quasi ihre eigene gute Fee. Das haben ihr die Welt und am Ende sie sich selbst in Endlosschleife eingeredet. Sie entscheidet höchstpersönlich, wann das große Wunder passiert. Und was für ein Wunder es werden wird...

Denn das Gesicht ist schließlich so hübsch und der Kopf so clever, weil man immer wenig auf Parties war und dafür mehr gelesen hat. Und das Wesen wurde durch die erlebte Härte des Lebens so freundlich und sozial... Man selbst hält es als Dicke am Ende mitunter nur für fair, dass die dünne Zukunft von all diesen hervorragenden Qualitäten extra hell angestrahlt wird. Nicht nur die Erwartungen an die Reaktionen der Umwelt, sondern auch die, die an ein dünnes Ich, das sich aus seinem Fett "hervorkämpfen" muss (in jeder dicken Person steckt bekanntlich eine dünne, die versucht, zum Vorschein zu kommen) gestellt werden, sind oftmals so überhöht, dass Diäten laut Millman auch deshalb zumeist abgebrochen werden, bevor das Zielgewicht erreicht ist, weil sich eine derartige Großartigkeit gar nicht einstellen kann. Wer abnimmt, findet oft heraus, dass die formidable Vorher-Nachher-Wiedergeburtsphantasie eine regelrechte Lüge war. Wer dünn wird, wird nicht automatisch wunderbar. Er wird halt wie viele andere Dünne auch. Und bei denen ist schließlich häufig gar nicht alles supertoll. Und die sind auch nicht alle brilliant. Und bloß weil man als dicke Frau viele Verletzungen und Enttäuschungen hinnehmen musste, wird man vom Leben nicht mit extra viel Glanz und Glück entschädigt, wenn man es schafft abzunehmen. Diese Erkenntnis kann auch bei erfolgreichen Diätlerinnen zu erheblicher Ernüchterung führen. Einige finden sich in einem dünnen aber trotzdem noch immer unerwartet schwierigen Leben schlechter zurecht als vorher. Und wünschen sich die phantasieumnebelte Existenz, in der sie wenigstens was essen durften, zurück.

Als Schlussfolgerung rief Millman dann bereits 1980 dazu auf, das Leben im JETZT und im aktuellen Körper endlich in die Hand zu nehmen und nach besten Kräften zu gestalten - gegen alle Widerstände, mit denen Dicke regelmäßig zu kämpfen haben.

*Der Titel des zehnten Kapitels lautet: "Before and After: Living a Postponed Life"*** (S. 208), und die darin enthaltene Beschreibung des Konzeptes des "aufgeschobenen Lebens", das Dicke oft führen ("Wenn ich erst einmal dünn bin...") ist mir natürlich nicht neu, aber bei Millman besonders eindringlich. Der dicke Körper (Gegenwart), der fein säuberlich getrennt von Gesicht und Verstand (Zukunft) als Gegner eben jener Zukunft bekämpft wird, wird auch entsprechend schlecht behandelt. Schlucken musste ich persönlich bei der Beobachtung, dass viele dicke Frauen über keinen guten Wintermantel verfügten, weil sie erst Geld dafür investieren wollten, wenn sie abgenommen hätten.

Ich hatte auch jahrelang keine anständige Jacke für den Winter. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass ich über zweckmäßige, warme Winterkleidung verfüge. Weil ich es mir vorher nicht wert war. Und ich habe verdammt viel gefroren...

Erstaunliches Buch, wirklich.


**Der entfremdete Körper wird dabei möglicherweise nicht nur als schwerwiegendes Handicap betrachtet, das die Leistungen des Gesichts und des Kopfes untergräbt oder sich der Kontrolle der Person entzieht. Er kann sogar als Feind wahrgenommen werden, der in der Lage ist, das Selbst zu zerstören.

***Vorher und Nachher: Ein aufgeschobenes Leben leben


NH

Sonntag, 28. Juni 2015

Follow me around 27: Presseschau


"Und hast du in letzter Zeit etwas 
Schönes gelesen?"

Hat Theo gefragt. Aber nur, um von einem anderen Thema abzulenken. Aber na gut, falls es jemanden doch interessiert - wobei, schön war es eher nicht.


Bravo Girl! 
Nr. 13 (17.6.2015)

Denn ich kann mir ja nicht helfen - während ich in letzter Zeit an Kassen stand und der Blick über die Zeitschriften glitt, blieb er natürlich immer wieder an sowas hier hängen: "Schummel dich schlank!" Seitdem ich so voll im Thema bin, kann ich ja nicht mehr wegsehen, so fasziniert und entsetzt bin ich von der perfiden Allgegenwart von auf Frauen (und in diesem Fall sehr junge Frauen und Mädchen) abgefeuerten, negativen Körperbotschaften, die mir vorher in ihrem vollen Ausmaß schlicht nicht bewusst war. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich bisher immer dachte, es müsse heißen "Schummle dich schlank"...aber was ist schon Grammatik, wenn es darum geht, dünner auszusehen?

Es war die erste Bravo Girl!, die ich gekauft und durchgeblättert habe, und ich gebe weder an noch versuche ich unnötig dramatisch zu sein - mir wurde tatsächlich vor Ärger erst ein wenig schwindelig und dann regelrecht übel. Erst wollte ich auch gar nicht mehr darüber schreiben, denn ich wollte den Kram eigentlich nur noch in die Tonne pfeffern, aber Drecksarbeiten müssen bekanntlich auch erledigt werden. Der Artikel zur Schlagzeile auf dem Titelblatt beginnt auf Seite 8 und endet auf Seite 13. Es geht um Bikinis und welchen man mit welcher Problemzone tragen sollte, wenn man sich fürs Schwimmbad eine "schönere, schlankere und knackigere" Traumfigur erschummeln will. Beim ersten Model dachte ich für einen Augenblick erschrocken, sie streckt den Arm hoch zum Hitlergruß...aber wahrscheinlich bin ich wieder die einzige, die solch verdrehte Assoziationen hat.

Natürlich impliziert schon das Wort "schummeln" in diesem Zusammenhang nichts anderes als schuldhafte Hässlichkeit. Wer ES nicht wirklich hat, hat Pech und ist im Prinzip selber Schuld. Und muss halt ein wenig betrügen. Denn Hässlichkeit ist natürlich noch immer um Einiges schlimmer als Unehrlichkeit. Darum verteilt die Bravo Girl! schließlich auch großzügig solche Schummeltipps an die Bedürftigen, aber eigentlich hätte man sich ja auch mal mehr zusammenreißen können, und insgesamt schöner geboren worden sein.

Die folgenden 12 Mädchen in Bikinis repräsentieren 12 körperliche "Mängel", die durch die Wahl des richtigen Bikinis abgemildert werden können:

1) Großer Busen / Kleine Brüste

2) Zierliche Figur / Kurvige Silhouette / Groß und schlaksig

3) Wenig Taille und großer Po / Flacher Popo

4) Volle Oberschenkel

6) Breite Schultern (?!)

7) Etwas Bäuchlein

8) Breite Hüften

Zusätzlich gibt es eine Liste für Dos und Don'ts - wiederum für wenig Busen, viel Busen, kleine Pos, große Pos sowie für kräftige Beine. Was bei dieser Gegenüberstellung mal wieder klar wird, ist, dass es in der absurden Welt der Frauenzeitschriften schier unmöglich ist, einen "richtigen" Körper zu haben, der keiner Nachhilfe bedarf - kein Körper ist ok. ALLES muss korrigiert werden. Und das Gegenteil von allem eben auch: "Bikinitops mit Rüschen tricksen dir eine größere Oberweite." Aber: "Tief ausgeschnittene Neckholder (...) lassen deine Oberweite kleiner erscheinen." Es gibt kein Gewinnen.

Auf der letzten Seite ist eine Galerie von Leserinnen zu bewundern, die ihre Bilder per Instagram oder Mail an die Redaktion geschickt haben. Die meisten von ihnen dürften, wenn überhaupt, gerade eben so die Pubertät erreicht haben...ich frage mich, was man als Mutter überhaupt tun könnte, um seine Tochter wirksam vor so viel Gift und Angriffen auf ihren Selbstwert und ihre Gesundheit zu schützen.

Und wofür ist eigentlich das lächerliche Ausrufezeichen da? Offenbar, um die Mädchen pausenlos anzuschreien und anzufeuern, alles nur nicht sie selbst zu sein: "Fit und sexy!", "Schummel dich schlank!", "Mund auf, Augen zu!", "Sexy aussehen!", "Aber wer braucht Rettungsringe um die Taille?!", "(...) zarte Strähnchen herausziehen!", "Nach dem Baden neu eincremen!", "Schüttle die negativen Gedanken ab!", "Süße Looks, die jeden Jungen sofort verzaubern!"...

...überhaupt ist es offenbar von erstaunlicher Bedeutung, was Jungs so gut finden. Auf Seite 48 lernen wir, dass "Jungs sich ruckzuck in dich verlieben", wenn frau nur genug - Achtung! - lächelt. "Du bekommst alles, was du willst - ohne Worte."

Ohne Worte.


Brigitte
Nr. 12, 27.05.2015

Auch da sollte ich ja zu meinem eigenen Besten die Finger weglassen, und konnte es doch nicht, als ich gesehen habe, dass in dem Heft ein Artikel über Frauen in Mauretanien war. "Dick und geschieden" stand auf dem Titel. Mir schwante Schlimmes...und ich behielt Recht. Denn wenn die Brigitte über Frauen in einer anderen Kultur berichtet, verlieren ihre Autorinnen selbstverständlich niemals den Blick auf das Wesentliche: Dicksein ist schlecht, schlecht, schlecht. Und die Frauen in Mauretanien werden gemästet, um dick, dick, dick zu werden - weil das da das herrschende (für Brigitte-Redakteurinnen selbstverständlich total abwegige) Schönheitsideal ist. "So jedenfalls erzählt man sich von den Frauen in Mauretanien." Hoppla!?

Dass nicht eine jener gemästeten, mythischen Monsterfrauen der Fotografin vor die Linse gekommen ist, weil die Frauen in Mauretanien gar nicht mehr zwangsgemästet werden, hat die Autorin dann zwangsläufig auch mitbekommen. Das hindert sie nicht daran, sich immer weiter abfällig über die Praxis und über aus ihrer Sicht zu dicke Körper auszulassen: "(...) dick, das hat sich herumgesprochen, heißt auch: unbeweglich und krank.", "Fette Frauen gibt es nur wenige. (...) viel weniger als beispielsweise in den USA.", "(Es) wird gezeigt, wie eine sehr dicke Frau (...) äußerst unästhetisch versucht (...) aufzustehen.", "(...) Elys Kampagnen (...) erreichen (die), die schon vernünftig sind."

Die Ironie, dass eine Diät hier mitunter als emanzipatorischer Akt verstanden werden kann, geht an der Autorin offenbar komplett vorbei, und obwohl sie sogar die mauretanische Frauenrechtlerin Ely Aminetou zitiert, die ausführt, dass die heute nur noch freiwillig stattfindende absichtliche Gewichtszunahme unter jungen Frauen auf Männerfang nichts anderes ist, als der "Magerwahn im Westen", kann sie ihre Abneigung für Frauen, die ihr Gewicht gezielt erhöhen, um so ihre Normschönheit zu steigern und über möglichst viele Ehen und Scheidungen wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, nur schlecht verbergen: Die zwanzigjährige Belkiss ist "verwöhnt", "killt" ihre Zeit mit Facebook und Instagram, schwänzt die Schule, um shoppen zu gehen und ist somit schon dreimal durch den Schulabschluss gefallen. Die 54jährige Horya Mint Nana hat "sich achtmal mit Tabletten vollgestopft", um dick zu werden, zusammen mit ihrer Schwester hat sie bereits über ein Dutzend Ehemänner "entsorgt" und sie "kommandiert" ihre "Diener" mit "herrischen Worten".

Unter dem Artikel behauptet ein kleiner Absatz, dass die Autorin Andrea Jeska es nicht leiden kann, "wenn Frauen sich kleinmachen oder dünn hungern". Darum war sie angeblich "sehr beeindruckt von der Präsenz (...) und dem Stolz (...) der mauretanischen Frauen."

Tsss...could have fooled me.*


Micky Maus
vom 12.06.2015

Und dann endlich aufatmen und basteln. Wo wir doch gerade von Monstern sprachen... ; )





*Das ist aus dem Artikel weiß Göttin nicht ersichtlich - darum: Fast hätte sie mich an der Nase herumgeführt. Da dachte ich doch für einen Augenblick, sie hat was gegen Fett...

© Candybeach.com 2015


Sonntag, 12. April 2015

Heim und Welt


Damals wie heute: In ihren Träumen. ; )

Anleitung zur Entwicklung einer Essstörung von 1964 (mit einem Schuss frühzeitlicher und bis heute beliebter  "Schlacken"-Esoterik) - endlich zum dünnen Wunschkörper mit Abführmitteln!

Das Archiv meines Vaters ist nun, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, aussortiert und ausgedünnt auf sieben Ordner (ohne seine Briefe und Postkarten an mich). Erst vor ein paar Wochen habe ich festgestellt, dass ich tatsächlich Erbin eines gesamten Jahrgangs der Frauenzeitschrift "Heim und Welt" bin, was daran liegt, dass mein Vater als junger Journalist zwischen 1963 und 1964 für das Blatt gearbeitet hat.

Erst vor ein paar Tagen habe ich dann begonnen zu erahnen, was für ein Reichtum sich da auftut im Hinblick auf die Geschichte der Sozialisierung von Frauen. Jedes Blatt ist eine Schatzkiste an Kuriositäten - hoch amüsant und haarsträubend zugleich. Allerdings wird einem natürlich auch voller Wucht mal wieder klar, wie verdammt rau und unverblümt der öffentliche Ton damals (schon) war, wenn es darum ging, Frauen zu ermahnen, ja nicht aus dem Rahmen zu fallen (weder körperlich noch was ihr Verhalten betraf). Was heute die Unnachgiebigkeit von Photoshop ist, war damals eine mitunter noch ganz besonders spitze Feder: So musste die Callas ihre Schönheit "opfern" und sich in eine fette Monströsität verwandeln, um überhaupt noch richtig singen zu können...schier zum Kotzen so ein grauenhaftes Schicksal...




























































Zu trauen war einem weiblichen Körper bekanntlich noch nie. Zuzutrauen war ihm hingegen natürlich schon immer alles. Und Frauen, die ihn ins Arbeitsleben und womöglich gar auf die Karriereleiter zwangen, konnten dann auch ganz schnell erleben, was sie davon hatten. Das schweißtreibende Vorhaben, es Männern beruflich gleichzutun, führte zunächst einmal hierzu: Gestank. Verheerend, denn wenn Männer nun Frauen schon hören mussten - riechen wollten sie sie bitteschön nicht auch noch.

Bemerkenswert auch der "Rat der Woche" oben rechts. Da war wohl eher die "Ratte der Woche" am Werk, um den Geschlechtsgenossinnen was einzureden.

Wobei ich Ratten ja eigentlich mag...

Ratte der Woche: Lächeln ist entwicklungsgeschichtlich eine Unterwerfungsgeste!

Man kann drüber lächeln oder entsetzt sein. Aber sollte ich jemals vorgehabt haben, eines Tages doch noch eine "bezaubernde" Frau (also, jetzt nicht wie in "Hexe") zu werden, so kann ich den Plan nun endlich und mit großer Gewissheit verwerfen. Denn ich lächle ja grundsätzlich nur sehr widerwillig ohne Grund. Mein Leben, von der Kindheit in den Siebzigern bis heute, hat mich mithin immer wieder gelehrt, dass das bei einem weiblichen Menschen zumeist gar nicht gut ankommt. Ich sage es noch einmal: Wenn ich einen Groschen hätte für jede Ermahnung doch mal zu lächeln, über die Jahrzehnte hinweg unermüdlich verteilt von Fotografen, Lehrern, Männern, etc., hätte ich ihn schon längst, meinen apfelgrünen Porsche...Und auch in den Sechzigern wäre ich pausenlos unangenehm aufgefallen - und hätte ein Vermögen machen können:

Und auch hier: verschärftes Dicken-Bashing. 

Um aber noch einmal zum väterlichen Archiv im Allgemeinen zurückzukommen - was hat mein Vater wohl in der Pressemappe der Second Allied Tactical Air Force verwahrt? Richtig...Kunst. Um genau zu sein das Werk einer feministischen Avantgardistin. "Blattfrau mit Muschelaugen" von Nicola Hinz, vier Jahre alt. ; )

NH


Samstag, 21. März 2015

So ziemlich



"Du bist ziemlich dick. Darf Dein Partner denn auch ziemlich dick sein ? Oder betreibst Du hier eine Art von Doppelmoral ?"(Nachricht an mich, erhalten bei finya.de am 20.03. um 18.05 Uhr von einem Mitglied mit dem Profilnamen "Firstforward", nach eigenen Angaben 44 Jahre alt, Profil ohne Foto - die liebe ich ja ohnehin immer ganz besonders.)


Man könnte weinen. Wenn es nicht so komisch wäre. Und ja - es wird wirklich höchste Zeit, Worten auch Taten folgen zu lassen und endlich alle meine Profile auf Dating-Plattformen platt zu machen, bevor sie mich doch noch schaffen.  
Natürlich habe ich Fuckfucker oderwieauchimmer nicht direkt geantwortet, sondern habe ihn nur geblockt. Aber ich werde seine Frage beantworten. Hier. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass sie vielen auf den ersten Blick gar nicht so abwegig und anmaßend vorkommt, wie sie tatsächlich ist. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele Leute unbedarfterweise sagen würden, dass man "sowas" doch durchaus auch mal fragen dürfen muss.
Also:
Erstens: Dicke haben selbstverständlich keinerlei Verpflichtung, andere Dicke attraktiv zu finden. Schon gar nicht als potentielle Partner. So wie für jemanden mit blauen Augen oder langen Haaren oder großen Füßen ganz sicher keine Obligation besteht, sich zu Partnern mit blauen Augen, langen Haare oder großen Füßen hingezogen zu fühlen. Im Hinblick auf Vorlieben bei der Partnerwahl Moral ins Spiel zu bringen (so es sich nicht um Pädophilie handelt), passiert meiner Erfahrung nach nur Menschen, die noch viel, viel, viel verbitterter sind als ich. Wir alle sind jedoch sehr wohl dazu verpflichtet, andere nicht auf der Basis körperlicher Eigenschaften herabzusetzen, zu diskriminieren und ihrer Würde zu berauben.
Zweitens bin ich tatsächlich nicht dumm genug, um nicht ziemlich genau zu verstehen, was der unsympathische Steller der vorangestellten Frage tatsächlich gemeint hat: Der Frager findet schlicht, dass Dicke hässlich sind. Um sich überhaupt mit ihnen abzugeben, muss man in seinem Universum schon ganz gehörig Toleranz und Milde mitbringen, um dann erfüllt von Edelmut über die ekelerregende Hülle hinwegzusehen und sich womöglich für innere Werte zu interessieren. Und wenn Dicke einen solch enormen Kraftakt von anderen verlangen, werden sie ja wohl bereit sein, diesen ebenfalls auf sich zu nehmen. Was da außerdem ganz deutlich mitschwingt ist dieses: Wer hässlich ist, kann nicht einfach ankommen und womöglich mehr verlangen, als ihm zusteht. Denn es steht Hässlichen nun einmal nicht viel zu. Am besten bleiben sie also ohnehin gleich unter sich.
Tja. Was soll man dazu sagen? Zunächst siehe natürlich „Erstens“. Und dann erlaube ich mir, hier auf einen offensichtlichen und zutiefst egozentrischen, aber natürlich oft gemachten Denkfehler hinzuweisen: Denn das, was ich selbst hässlich finde, muss noch lange nicht für den Rest der Welt auch hässlich sein…Aber natürlich war ich all meinen Fettliebhabern immer ausgesprochen dankbar, dass sie sich so großzügig überwunden haben, mir ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl sie selbst so gar nicht dick und hässlich waren. ; ) Allerdings ist es ja auch längst kein Geheimnis mehr, dass ich dieser Tage sehr viel mehr Probleme habe, meine inneren Werte dauerhaft an den Mann zu bringen, als meine äußeren.
Damit drittens keiner auf die verwirrte, nörgelnde Idee kommt, ich würde mich vor einer persönlichen Antwort drücken: Klar könnte mein Partner dick sein. Er könnte aber auch muskulös oder dünn sein. Denn ich gucke zuerst in Gesichter und Augen. Und dann auf Hände. Dann kommt die Stimme. Der Geruch. Und dann das Gehirn. Wenn ich all das wirklich will, will ich vermutlich auch den Rest. Denn das ist dann ohnehin schon ein Lottogewinn.
Und viertens habe ich das dringende Bedürfnis, vorzuschlagen, dass Idioten endlich unter sich bleiben sollten. Zu ihrem eigenen Besten. Denn dann müssen sie auch unter dem Rest von uns nicht immer so schrecklich leiden.

NH

Samstag, 21. Juni 2014

Alles eine Frage der Perspektivität*

Irgendwie ist es einfach passiert. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Als jahrzehntelange Vogue-Anschauerin (denn wer liest denn bitte die Vogue?), fiel es mir jetzt nach ungefähr zwei Jahren Bemühungen um eine neue Sicht, wenn es um meine eigene und die Körperformen anderer geht, wie Schuppen von den Augen. Ich kann neu sehen! (Ja, ich weiß - Redewendungen-Overkill. Aber ich kann mir einfach nicht helfen. ; ))

Um genau zu sein - bestimmte Anblicke kommen mir gar nicht mehr neu/außergewöhnlich vor. Meine unmittelbare Bewertung hat sich komplett geändert. Ich denke nicht mehr: Das sieht ja auch ganz gut aus. (Also dafür, dass das Model keine Größe 34 trägt). Ich denke: Sieht toll aus, das Kleid will ich auch. Spätestens ab hier sollten alle Moderedakteurinnen mitschreiben - und zwar hinter ihren Ohren. Denn was ich kann, können wir selbstverständlich alle. Wir können unsere inneren Programme tatsächlich ändern. Und wenn wir es alle machen, dann wird die Erde rund. 

Die folgenden Bilder sind aus einem Persona-Katalog, den ich im Vorbeigehen aus einem Modegeschäft für "Übergrößen" mitgenommen habe. Ich würde sagen, die Models tragen ungefähr Größe 40/42. Da würde ich natürlich nicht reinpassen. Und im Prinzip ärgert es mich selbstverständlich, dass man Mode für Dicke noch immer nicht konsequent auch an dicken Frauen präsentiert. Aber zumindest passiert hier etwas, von dem die Modeindustrie mit ihrer unerträglichen Hochnäsigkeit und Dummheit noch immer in weiten Teilen behauptet, dass es eigentlich gar nicht geht: Es ist sehr wohl möglich, statistisch "normale" Frauenkörper im High-Fashion-Modus abzulichten. Und der Blick der Allgemeinheit auf sie kann sehr wohl "normal" werden. Und das vermutlich sogar seeehr viel schneller, als so manchem lieb wäre. 

Lassen wir uns also bloß keine Märchen mehr erzählen, dass es tatsächlich eine Frage von objektiven Attraktivitätsstandards sei, wie dick oder dünn jemand sein darf, um vor die Kamera und dann auf unseren Kaffeetisch zu kommen. Das ist es nicht. Dünn ist nicht schöner als dick. 34 ist nicht schöner als 42. 34 ist lediglich das, was wir kennen. Es ist eine Frage von (Seh-)Gewohnheit. Wer glaubt, er erträgt den Anblick des eigenen Fettes und das von anderen nicht, der muss nur lange genug hinsehen. Ist alles ein Frage der Übung und der Öffnung für neue Ausblicke. Wer immer auf den selben Punkt starrt, kriegt halt einen steifen Nacken. Und verpasst viel.

NH




*"Perspektivität und Perspektivismus bezeichnen philosophische Lehren, die besagen, dass die Wirklichkeit von Standpunkt und Eigenschaften des betrachtenden Individuums abhängig ist." (Wikipedia)