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Samstag, 25. August 2018

Blogsale 1


Oblgleich dieses beileibe kein Modeblog ist, habe ich nun, einem doppeltem Motto folgend (#siewaraltundbrauchtedasgeld und #declutteryouridealself), ein paar nigelnagelneue Kleider in großen Größen bei Ebay zum Verkauf eingestellt und mir gedacht, dass sie unter Umständen für die eine oder andere Leserin von Interesse sein könnten.

Denn die Kleider verdienen es, das Tageslicht zu sehen. Aber bei mir wird das vermutlich doch nicht passieren. Ich bin meistens zu bequem, um mich schick zu machen, und ich habe begonnen, das zu akzeptieren. Außerdem ist mein Kleiderschrank ohnehin noch immer zu klein für all meine Schätze. Darum habe ich mich im Zuge einer neuen Aussortierungswelle nun getrennt. Vermutlich kommt da auch noch mehr. Vielleicht wollt ihr ja HIER mal vorbeischauen. Ist viel Pink dabei...; ).

NH


Freitag, 9. Februar 2018

Ausgelesen: Fa(t)shionista von Magda Albrecht

Man könnte es so sehen: Dafür, dass sie uns beim Ullstein Verlag unlängst das antifeministsche, gegen Fettakzeptanz wetternde Werk "Fettlogik" beschert haben, schulden die uns jetzt auch etwas. Magda Albrecht ist Feministin und Fettaktivistin und ihr Buch über Fettakzeptanz ist, weil von einer deutschsprachigen Autorin, eine absolute Rarität. Es ist ein ok Buch. Für Einsteigerinnen als freundlicher Denkanstoß und lockere Einführung in die Thematik auf jeden Fall zu empfehlen. Für alle anderen, (aber wo gibt es die hierzulande ohnehin schon groß), steht vermutlich eher nicht viel Neues drin.

Es gibt einen Abriss der persönlichen dicken Biographie, Hinweise zu Diäten und Vorurteilen, was die Gesundheit von Dicken betrifft, eine ausführliche Schilderung der Entstehung des BMI, Betrachtungen über die mediale Darstellung von Dicken, die Diskriminierung im öffentlichen Leben sowie die Hindernisse im öffentlichen Raum (z.B. beim Fliegen). Magda Albrecht thematisiert Adipositaschirurgie, intuitives Essen, Schönheitsnormen und liefert eine kurze Geschichte der Fettakzeptanzbewegung. Sie beschreibt ihren Weg zu mehr Selbstliebe und dickem Selbstbewusstsein (mit Rückschlägen) und betont, dass dicke Selbstakzeptanz in einer Welt, in der Dicksein so negativ besetzt ist, ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen ist.

Und dann sind da das Recht der Dicken auf Mode und die Rolle von Fatshion in der Bewegung, die, wie der Titel auch vermuten lässt, viel Raum einnehmen. Die Autorin deckt im Plauderton und mit Humor alles Grundlegende irgendwie ab, was zur Basisausstattung gehört (bis hin zur Venus von Willendorf und Rubens), und kann so bestimmt Aha-Erlebnisse liefern und so mancher Mut machen.

Nur mir halt nicht. 

Denn ich bin freudlos und streng, wenn es um meine Diskriminierung geht. Ich spürte schon ein leises Verzagen beim Lesen des schmissigen Untertitels ("Rund und glücklich durchs Leben"), und als ich entdeckte, dass sie der Autorin für das Coverfoto allen Ernstes einen Schokoriegel auf das Notebook gelegt hatten, schnappte ich natürlich bereits nach Luft.

Ich verstehe, dass für den Verkauf eines Produktes Kompromisse gemacht werden müssen. Aber in ähnlicher Fluffigkeit geht es zwischen den Buchdeckeln dann tatsächlich auch weitgehend weiter. Magda Albrecht schreibt in weiten Teilen ihres Buches als lustige, putzige Dicke gegen das Klischee der lustigen Dicken an. Dass sich das beißt, liegt auf der Hand. Nicht einmal bei der abschließenden Formulierung ihrer "Wünsche und Forderungen" entwickelt sie besonders viel Feuer oder auch nur durchgängig größere Genauigkeit. Sie "möchte" etwas mehr davon, etwas weniger hiervon und offenbar auch "selbstorganisierte Kleidertauschpartys, Flohmärkte und Nähklubs", sowie "Frauenzeitschriften, die Frauen in ihrer Vielfalt stärken". (S. 308)

Im Kapitel über dicken Sex wird (gefühlt) hauptsächlich gekichert und sich zugeprostet. Die tatsächliche Erörterung des Themas erschien mir mithin unangebracht zurückhaltend. Dafür ist das Kapitel darüber, wie frau ihre wahre BH-Größe ermittelt und vermutlich ein viel größeres Körbchen braucht als gedacht, eines der längsten im Buch (13,5 Seiten und damit genauso lang wie das über die Geschichte der Fettakzeptanz-Bewegung). Für die zwischendrin ausgetragenen "Outfitdramen" bin ich definitiv zu alt. Eine genauere Betrachtung der Verbindung zwischen Fettakzeptanz und Feminismus muss ich irgendwie überlesen haben.

Was ich andererseits schlicht nicht ignorieren konnte, waren die vielen - scheinbar augenzwinkernden (?) Hinweise darauf, wie schrecklich gern die Autorin isst. ("Ich war ein hungriges Mädchen...", "...ich liebe Essen!", "Ich gestehe...", "Der Löffel in der Hand und ich - wir sind ein echtes Dreamteam!", "...ausgestattet mit Snacks zur Beruhigung der Nerven...", "...ich stolz den Laufsteg des Lebens begehe, und sei es nur zur nächsten Bäckerei...", "Da lohnt es sich (...) ihn (Anmerkung: den Körper) ab und zu zum Eis einzuladen. Mit Streuseln. Und Sahne.") Mit der zuletzt aufgeführten Bemerkung endet übrigens auch das Buch. Sich im Dienste der Fettakzeptanz als fröhliche Dicke zu präsentieren, die außerdem angeblich immerzu unbekümmert Nahrung zu sich nimmt, führt zwangsläufig auf dünnes Eis. Das Bild der fortwährend essenden Dicken hat sogar eine zweischneidige Klinge - entweder bedient sie das Klischee der übermäßig lustvoll-instinktiven, (oftmals leicht unzivilisierten) Lebensfreude oder das von dicker Disziplinlosigkeit und Unwissenheit. Beides ist nicht wirklich schön. Denn wie vielen Märchen über Dicke möchte man als Fettaktivistin denn noch auf einen Schlag Gültigkeit zuschustern?

Und dann ist da diese merkwürdige und gehäufte Verwendung von im Grunde milde herabsetzenden bzw. tadelnden Beschreibungen von dicken Körpern sowie dem Vorgang des Essens selbst.  ("wegmampfen", "schob mir den Riegel komplett in die Backen", "meine (...) Spitzendisziplin Löffelstemmen", "Schwabbel", "Speckrollen", "Schwergewichte", "speckig", "Dickerchen", "wegschmatzen", "Schleckermaul", "stattliche 90 Kilo", "...das fette Schlemmen..., "...der Schrecken jedes Kuchentischs...", "Moppeln", "Moppelchen", "ausladend", "Wampe", "spachteln", etc.) War das nun auch augenzwinkernd gedacht? Und wenn ja, warum all das überhaupt? Ist das nicht genau das, was "gute Dicke" tun? Hat sich all das nur unbewusst eingeschlichen? Oder sollen all diese Begriffe quasi im Laufen spontan positiv umdefiniert werden? Das wird dann aber ganz schön anstrengend.

Auch hier bleibt...na sagen wir mal...ein wenig erschrockene Verwunderung.


NH





Freitag, 7. August 2015

OOTD: Die perfekte Unterhose

Mit den Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit, wie sie momentan hier sind, ist SIE das Unter-kleidungsstück der Wahl für alle schweißtreibenden Ausflüge in die Wildnis. Sie ist so eine Art Wohlfühlrüstung.

Und bei heruntergelassenen Jalousien ist sie derzeit auch und vor allem für alle meine einsamen und inhäusigen Wochenendtätigkeiten, schreiben, lesen, staubsaugen, das genau richtige Outfit.


Geräumig, gemütlich, nachgiebig, mit weichen aber zuverlässigen Gummis und Nähten, schon eingetragen, aus blasser, bereits oft gewaschener Baumwolle (keine Chemie mehr drin), saugfähig, mit hohem Bündchen und niedrigem Beinabschluss. Die Superstars in meinem Kleiderschrank und immer nur sehr aufwendig und schwer zu ersetzen.

Und nein - das ist kein Scherz. Sondern eine Lektion in (dicker) Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge. Fühl' dich wohl in deiner Kleidung. Scheiß' drauf, ob's anderen gefällt!

NH




Sonntag, 24. Mai 2015

Proseminar Selbstakzeptanz für Dicke


Fimo-Vagina - eines meiner "entweder du verwendest den Kram JETZT, oder er kommt weg"-Werke. Die Masse war schon ganz bröckelig, aber ich bin froh, dass ich diese Vagina noch  geknetet habe - sie steht für die Freude am Körper, die entsteht, wenn man neu  und mutig hinsieht, Grenzen und Tabus im Kopf überwindet, unbekanntes Land endlich richtig kennen lernt und sich selbst zurückerobert.

11 Programmpunkte auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz und zu einem friedlicheren Zusammenleben mit dem eigenen, dicken Körper:


1. Den eigenen Körper wahrnehmen / kennenlernen

Wie gut hast du dir deinen dicken Körper überhaupt in der letzten Zeit / den letzten Jahren angesehen? Weißt du ganz sicher, wie dein nackter Rücken aussieht? Kennst du deine Oberarme wirklich? Oder deine Knie? Die Unterseite des Busens? Den Verlauf der Dehnungstreifen und Krampfadern? Wie ist es mit der Innenseite der Oberschenkel? Oder der Poritze? Oder den Achseln?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers ist der erste Schritt zu dicker Selbstakzeptanz. Dazu sind mehrere größere und kleinere Spiegel natürlich hilfreich. Ich selbst habe mich am Anfang meiner Reise von allen Seiten fotografiert und gefilmt - auch die Stellen, die schwerer zugänglich sind. Es kann übrigens auch nicht schaden, sich mal so richtig zu beschnuppern.

Wer besonders gründlich sein will, kann ein kurzes "Reisetagebuch" führen: Wie sieht es aus in den Achseln? Sind da Narben vom Rasieren, von denen man nichts wusste? Ist die Farbe der Haut etwas dunkler? etc.

Der Zweck der Übung ist folgender: Man kann nur wirksam akzeptieren, was man auch kennt. Außerdem stehen die Chancen gut, dass diese Art der Betrachtung aus dem gefühlt unförmigen, unbekannten Monsterkörper wieder einen guten Bekannten macht, der ganz bestimmt nicht überall so grauslich ist, wie man ihn für lange Zeit zuvor verbucht hat. Selbst das, was man nicht schön findet, verdient es, betrachtet und beschrieben zu werden. So wie man es auf einer tatsächlichen Reise auch tut.

Das Beste: Man gewöhnt sich an den Anblick der eigenen dicken Körperlandschaft, wenn man sie regelmäßig wahrnimmt. Der Anblick wird "normal". Und was wir "normal" finden, TATATAAA, finden wir automatisch irgendwann auch nicht mehr hässlich.

2. Vorbilder suchen

Einige Jahre bevor ich mich entschied, mich dem Schlankheitsterror zu entziehen, saß ich in einem Café und der Kaffee wurde von einer wirklich coolen, hübschen, jungen und sehr dicken Kellnerin serviert. Sie war tätowiert und hatte ein paar Piercings im Gesicht. Sie hatte braune, hochgezwirbelte Haare, einen sehr großen Busen unter dem engen, weißen T-shirt und trug abgewetzte Birkenstock-Sandalen. Ihre Fußnägel waren dunkel lackiert.Sie war nicht einmal besonders freundlich, sondern eher ein wenig genervt. Aber sie war vermutlich (und leider) die allererste dicke Frau, bei der ich die Körperfülle nicht als störend empfand, sondern als stimmiges und dazugehöriges Merkmal ihrer Erscheinung. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mutter sagte: "Die ist aber hübsch." Und meine Mutter drehte sich ein wenig überrascht um, guckte und sagte dann: "Ja, stimmt." Und ich dachte damals: "Wenn es möglich ist, dick und cool zu sein - warum schaffe ich das nicht?" Ich erinnere mich an all das so genau, weil ich tatsächlich einen Tagebucheintrag über die Begegnung verfasst habe - auf meinem Blackberry (so lange ist das schon her), noch während ich dort am Tisch saß. Trotzdem war ich gedanklich noch immer im Diät-Modus.

Das Internet ist eine ganz besonders gute Quelle, um sich dicke Vorbilder zu suchen und zu finden. Fatshion- und Fettakzeptanzblogs und- vlogs sind voll mit dicken, schicken und mutigen Frauen, die öffentlich interessante Dinge tun und wissen. Auch die Zahl dicker Popkultur-Vorbilder hat in den letzten Jahren zugenommen - ich persönlich verdanke ja Beth Dito und Melissa McCarthy eine ganze Menge.

Wenn man sich mit attraktiven, dicken Vorbildern / Bildern umgibt, passieren drei Dinge: Man gewöhnt sich daran, dass dicke Körper überhaupt auf positive Weise sichtbar gemacht und in den Vordergrund gerückt werden. Der eigene, innere Richter verändert seine Kriterien, und man gewöhnt sich an die Idee, dass dick gut/erfolgreich/schön/etc. ist. Das führt irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass das eigene Fett auch schön und erfolgreich sein kann.

3. Andere dicke Körper wahrnehmen

Andere dicke Körper im wahren Leben oder in Büchern und im Internet zu betrachten, ist ein sinnvolle Übung, weil man feststellt, dass es natürgemäß recht viele Ähnlichkeiten gibt. Und an anderen Körpern findet man Dehnungstreifen mitunter weniger "unansehnlich", als an sich selbst. Dabei sind es im Prinzip die gleichen Streifen. Wieder geht es um eine Veränderung der Perspektive hin zu "Normalität". Wer sich regelmäßig andere Körper, die gängigen Schönheitsstandards nicht entsprechen, genau ansieht, stellt fest, dass es "normal" ist, diesen Standards nicht zu entsprechen.

4. Lesen, Lesen, Lesen

Teil meines Einstiegs in die dicke Selbstakzeptanz war die eifrige Lektüre von einschlägigen Blogs und Büchern zum Thema Fettakzeptanz, die mich dankenswerter Weise und üppig mit Strategien, Informationen und moralischer Unterstützung versorgt haben. Leider ist Fettakzeptanz bisher kein wirklich großes Thema in Deutschland, so dass die folgende kurze Liste mit "Klassikern" zum Thema ausschließlich auf Englisch zu haben ist.

Lesley Kinzel: Two Hole Cakes

Virgie Tovar (Hrsg.): Hot & Heavy

Golda Poretsky: Stop Dieting Now

Wendy Shanker: The Fat Girl's Guide to Life

Marilyn Wann: Fat!So?

Rebecca Jane Weinstein: Fat Sex

Kate Harding, Marianne Kirby: Lessons from the Fat-O-Sphere

5. Sex

Ich habe immer wieder beschrieben, was für eine große Hilfe die Begegnung mit Fettliebhabern dabei war, meinen dicken Körper selbst schön zu finden und mich auch in sexueller Hinsicht nicht mehr für ihn zu schämen, sondern regelrecht stolz auf ihn zu sein. Kontakt zu gutaussehenden, respektvollen und leidenschaftlichen Fettliebhabern findet frau im Internet in der Regel ohne große Schwierigkeiten. Natürlich sind gesunder Menschenverstand, konsequente Selbstfürsorge und Klarheit über die eigenen Wünsche und Grenzen, sowie angemessene Gründlichkeit bei der Auswahl immer essentielle Voraussetzungen beim Online-Dating.

Es lohnt sich sehr, Sex mit jemandem zu haben, der den oftmals lang schamhaft verhüllten und diffarmierten Körper einfach nur super findet. Es ist eine unbezahlbare Erfahrung, die ich jeder von unserer fettphobischen Kultur entmutigten Frau wünsche.

Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der das Gegenüber eine im Grunde negative/neutrale Einstellung zum Fett hat, sollte die Sache unbedingt auf den Tisch bringen. Partner, die einem nicht das Gefühl geben, dass man attraktiv ist, sind nicht gut. Für niemanden! Und ganz besonders nicht für jemanden, der um Selbstakzeptanz kämpft.

In einigen, komplett anders gelagerten Fällen könnte sich bei einem offenen Grundsatzgespräch herausstellen, dass der Partner das Fett lieber mag, als man selbst geglaubt hat. Das ist dann ja auch mal gut zu wissen. ; )

6. Intuitives Essen

Dicke Selbstakzeptanz und Diät-Programme schließen einander aus. Ich kann nicht mit einem Bein im Diät-Land stehen bleiben, wenn ich eine wirkliche Veränderung meines Lebens und meiner Einstellung zu mir selbst erreichen will. Diäten scheitern. Scheitern fühlt zu Schuldgefühlen, und Schuldgefühle fahren das Selbstwertgefühl in den Keller. Das kann man sich auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz schlicht nicht leisten.

Dicke Selbstakzeptanz heißt, sich heute für den Körper zu entscheiden, den man heute hat, und fortan gut zu ihm zu sein. Das bedeutet, ihn nicht mehr mit Verachtung zu strafen und ihn gedanklich zu beschimpfen. Das Bedeutet aber auch, ihn nicht mehr phasenweise hungern zu lassen, oder mit klumpigen Weight-Watchers-Fertiggerichten zu quälen.

Ich habe ja, wie berichtet, sehr gute Erfahrungen mit "intuitivem Essen" gemacht. Die Regeln des intuitiven Essens sind sehr einfach: Iss das, was du willst, wann du es willst und höre auf, wenn du satt bist. Nein, man wird sich in Zukunft nicht nur von Kartoffelchips ernähren. Das ist die Erfahrung so ziemlich aller intuitiven Esserinnen, von denen ich gelesen oder mit denen ich gesprochen habe: Wer isst, was er will, stellt fest, dass der Körper sehr viele verschiedene Sachen will, wenn er alles haben DARF. Und nein, er wird auch bestimmt nicht so groß wie ein Zeppelin, weil ein Körper, der alles essen darf, keine Angst vor Hungersnöten hat, und außerdem nicht durch Schuldgefühle bei jedem Bissen gestresst ist, gar nicht mehr alles essen WILL.

7. Sich endlich Wut gestatten und Angriffe abwehren

Angreifer lauern überall. Ich habe sogar schon von meinen Fettliebhabern gesagt bekommen, dass sie ein wenig auf ihre Figur achten müssen und lieber keinen Apfelkuchen wollen. Freundinnen und Kollegen jammern auch gern über ihre schier unförmigen Körper, während man dick daneben steht. Verwandte und Partner werden leicht mal etwas deutlicher und persönlicher, wenn es darum geht, das Fett von Angehörigen zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Und offenbar gibt es auch Idioten auf freier Wildbahn, die einen im Supermarkt über Ernährung belehren wollen, die Beleidigungen über die Straße schreien oder am Nebentisch tuscheln. Ärzte können ja auch oft nur schwer mit ihren Vorurteilen hinterm Berg halten.

Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass man eine solch respekt- und oft gedankenlose Behandlung durch die Umwelt NICHT VERDIENT. Die anderen sind die, die falsch liegen. Sie haben die Regeln einer fettphobischen Gesellschaft so stark verinnerlicht, dass ihnen Feingefühl und Kinderstube in den beschriebenen Situationen offenbar komplett abhanden kommen. Und das muss man nicht hinnehmen. Das muss man ansprechen.

Man könnte damit beginnen, das Gegenüber in ruhigem Ton darüber zu informieren, dass man sich in Zukunft nicht mehr über die Bekämpfung von Fett auseinandersetzen wird, weil man sich so OK findet, wie man ist. Man kann auch (Fremden) mitteilen, wie mies man sich eigentlich jedes Mal fühlt, wenn jemand negative Bemerkungen über Dicke macht. Eine anschließende Diskussion ist übrigens nicht nötig und auch nicht wünschenswert. Tatsächlich fordert man hier nämlich nur die Einstellung eines Verhaltens, das man niemals so lange hätte aushalten sollen.

Man kann sich alternativ auch über die Angreifer lustig machen - man kann z.B. der jammernden Freundin zustimmen, wenn sie wieder über ihre Oberarme nörgelt und sie ausfragen, was sie denn nun endlich dagegen zu tun gedenkt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie was merkt.

Wer sich im Ringen um Selbstakzeptanz so richtig weit zurückgeworfen fühlen will, muss neben allem anderen natürlich nur den Fernseher einstellen, oder eine Zeitschrift aufschlagen. Mainstream-Medien sind etwas, das man als Dicker im Interesse des eigenen Selbstbewusstseins ohnehin nur sehr sorgfältig ausgewählt nutzen sollte. Und dabei sollte man gedanklich immer seine kugelsichere Weste tragen.

8. Regelmäßige Angreifer aussortieren

Manchmal dauert es etwas, bis das Umfeld begreift, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Bemerkungen über Diäten und Fett gehen vielen Menschen reflexartig über die Lippen, und oft fällt es ihnen ausgesprochen schwer, damit aufzuhören - selbst wenn sie es wollen. Wenn sie verstehen, worum es geht und sich bemühen, ist schon sehr viel gewonnen. Bei allen, die das nicht tun, muss man sich irgendwann fragen, wie viel Zeit man noch mit ihnen verbringen kann. Dicke Selbstakzeptanz ist schwer und kein Spiel, und es hängt viel davon ab.

9. Mit anderen Dicken kommunizieren

Der Austausch mit anderen "Betroffenen" hilft immer! Dicke Biographien ähneln sich oft auf erstaunliche Weise, und es ist keine Neuigkeit, dass es schlicht gut tut, zu wissen, dass man mit seinen negativen Erfahrungen nicht allein ist. Auch hier dürfte das Internet wieder eine bevorzugte Anlaufstelle sein, aber es gibt natürlich auch analog dicke Stammtische, Selbsthilfegruppen etc.. Ich selbst trage mich ja auch immer noch mit dem Gedanken, irgendwann einen "Club der dicken Damen" zu gründen.

10. Den Kleiderschrank überarbeiten

Ein Kleiderschrank, der voll ist mit Kleidern, die einem erst in schlanker Zukunft passen, ist voll mit Schuld und Versagen und Negativität - egal wie schön die Kleider sind. Weg damit! Die Umgestaltung meiner Garderobe war ein ganz entscheidender Schritt für mich. Schöne Kleidung, die man gern anzieht, ist Wertschätzung, die der Körper endlich verdient hat. Ich habe heute (fast*) nur noch Kleidungsstücke im Schrank, die ALLE der folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Ich finde sie schön.
2. Sie passen mir gut.
3. Sie sind bequem.
4. Sie sind heil**.

Mein Ziel war/ist es außerdem, mich bei meiner Kleiderwahl zukünftig "mehr zu trauen" (enger, bunter, ausgefallener), und dadurch sichtbarer zu werden. Denn öffentliche Sichtbarkeit ist für Dicke oft eine regelrechte Mutprobe. Und eine wichtige Übung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.

*Bis auf ein paar Erb- und Erinnerungsstücke.

**Das ist in der Tat eine große Sache, denn ich habe ja schon mal über die Hosen mit den zerschrabbelten Stellen zwischen den Oberschenkeln gesprochen, und wie schmerzhaft das werden kann.

11. Aktiv werden (in jeder Hinsicht)

All die vorangegangenen Punkte erfordern, dass man den Mut zusammennimmt, den es braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist das aber etwas, was man trainieren kann, und was bei regelmäßiger Übung immer leichter wird. Man sollte dann bei den oben beschriebenen Punkten auch nicht Halt machen. Man sollte sich und seinen dicken Körper ins Leben stürzen, und sich immer mehr trauen. Etwas, was vielen Dicken große Schwierigkeiten macht, ist z.B. der Gang ins öffentliche Schwimmbad. Vermeidung ist nur selten eine befriedigende Lösung.

Aber weil man sich selbst schneller akzeptieren wird, als die Umwelt, muss man als dicker Mensch auch in Zukunft oft Mut aufbringen, um öffentlich das zu tun, was man will: Schwimmen, Tanzen, Vorträge halten, bunte Hüte tragen, seine Meinung sagen, Eis essen. Aber man muss es tun, weil man das Leben nicht vermeiden kann, ohne es zu vertun.

Wie gesagt: Es wird alles leichter. Selbstakzeptanz führt zu mehr Mut, und mehr bestandene Mutproben zu noch mehr Selbstakzeptanz.


NH

Sonntag, 17. Mai 2015

Follow me around 24: Grün, grün, grün...

Hier erst einmal mein Beitrag zur Fatty Fashion Fun Challenge

Das Thema war Grün, und das ist bekanntlich eine meiner Lieblingsfarben.

Kleid: Joe Browns, mindestens ein Jahr alt


...or not

Mein Blog diente mir schon immer auch zur Selbsterkenntnis und -positionierung. Die Schilderungen von Aufräum- und Organisationsarbeiten sind Teil der Denk- und Planungsprozesse. Das Abarbeiten von Frustration und Zweifeln über die eigenen, beschränkten Möglichkeiten, auf dem Gebiet Fettakzeptanz als Bloggerin wirklich Veränderungen herbeiführen zu können, helfen dabei, sich über die eigenen Ziele und Gründe klarzuwerden. Berichte über Dating-Katastrophen, Neurosen und schlechte Diagnosen sind ein Ventil und gleichzeitig Grundlage für Entscheidungsprozesse.

Als ich heute Mittag meinen Jade-Armreif, den ich vor Jahren in China gekauft habe, zum Kleid tragen wollte, passte er nicht über meine Hand, weil sie offenbar zu dick (geschwollen) war. Überhaupt ist bei mir so Einiges überhaupt nicht im grünen Bereich, obwohl ich mein Gewicht ein wenig verringert habe, und das ist doch immer gesund, gesund, gesund! Oder was jetzt? 

Tatsächlich habe ich in letzter Zeit manchmal die Befürchtung, dass ich eines nahen Tages einfach implodieren werde. Es fühlt sich so an, als ginge mir jetzt mit fast Mitte vierzig der Saft aus. Ich habe geschwollene Füße und Hände, wechselnd und wandernd mal Schmerzen in Füßen, Beinen, Schultern, Armen, Rücken, Zähnen, Kopf und Magen. Mein Plastik-Netz um den Nabel zwickt hin und wieder. Dass die Haut im Gesicht unruhig ist, habe ich ja schon lang und breit berichtet. Meine Haare werden dünner. Die Nase läuft. Ich niese und huste unvermittelt, aber regelmäßig. Manchmal wird mir schwindelig. Manchmal verschwimmt mir die Sicht. Ich habe milde bis mittlere Panikattacken, wenn ich an die Zukunft denke und weiß gleichzeitig nicht, was ich wirklich wollen soll. Ich könnte oft den ganzen Tag schlafen, wenn das ginge. Und was die Nebenwirkungen des Metformins angeht, möchte ich gar nicht erst anfangen. 



Es fließt nicht.

Und ich habe das Gefühl, etwas Drastisches unternehmen zu müssen. Nachdem meine Wohnung (bis auf den Keller) nun wirklich komplett sortiert und organisiert ist, muss ich irgendwie meinen Körper sortieren und organisieren, denn ganz ehrlich: Ich fühle mich ziemlich alt. Aber ich habe keine Lust, auf der Hälfte des Weges schlapp zu machen. Und schon gar nicht, wo ich so viel harte Arbeit in die Umgestaltung meines Lebensraumes gesteckt habe, um endlich stromlinienförmig und leicht durch den Alltag zu segeln und damit mit freier Zeit und  klarem Kopf zu größeren Projekten aufzubrechen. Was sind das für Projekte? Weiß der Kuckuck.


An diesem Wochenende habe ich nun endlich den neuen Teppich ausgerollt, der seit Monaten auf seinen großen Auftritt wartet. Ich habe drinnen und draußen zu Feier des Tages für Blumen gesorgt, und sogar das Wasserbecken bepflanzt, in der kühnen Hoffnung, das mit der Seerose möge in diesem Jahr endlich klappen. Vorangegangen sind die letzten, schweren, weil noch immer hochemotionalen Clutter-Entscheidungen: Der rote, maßgeschneiderte Mantel, mit dem meine Mutter in den 70ern durch Berlin lief - er kommt nun in die Altkleidersammlung. 





Nur noch Grünzeug

Wenn ich davon spreche, dass im Hinblick auf meine Gesundheit und mein Körpergefühl etwas "Drastisches" passieren muss, weiß ich auch (noch) nicht, was ich damit meine. Für mich wäre es übrigens schon ein ziemlich "drastischer" Schritt, mich mal wieder bei ein paar Ärzten sehen zu lassen. Aber mir schwant, es muss wohl auch etwas mit der Aufnahme von Nahrung zu tun haben. Und mit - hier bitte mal wieder das Thema von "Psycho" einspielen - Sport. Veganes Low Carb? Am besten auch noch "clean"? Fasten? Zitronenwasser und Kräutertee? Eine erneute Mitgliedschaft im Fitnessstudio? Schrittzähler? Jakobsweg? Marathon? Geht es mir dann wieder besser? Und wird Schlimmeres verhütet? 

Diese Gedankenwelt wiederum wirft für dieses Blog geradezu existentielle Fragen auf: Kann und soll eine so enge Beschäftigung mit Ernährung und Sport hier überhaupt thematisiert werden? Wenn nein, wie schreibe ich hier weiter, ohne dass das Blog, das immer sehr persönlich war, eine unvollständige Parallelwelt wird? Abgesehen davon, dass ich ohnehin ein schwieriges Verhältnis zu dem Konzept von HAES (Health at every size) habe, weil es eben auch mit Mäßigungs- und Disziplin-Appellen arbeitet (halt ganz so wie die gute, alte Diät), würde ein solch "drastisches" Vorhaben vermutlich nicht unter diesem Deckmantel funktionieren. Kann man als Fettakzeptanz-Bloggerin überhaupt seine Ernährung so deutlich und streng reglementieren und in der Konsequenz absichtsvoll seinen Körperumfang verringern - und trotzdem glaubwürdig bleiben?Ich selbst würde im Augenblick sogar antworten: Nein, glaub ich irgendwie nicht. 

Die Frage nach der zukünftigen Gestaltung und Ausrichtung des Blogs begann vor Kurzem mit der Überlegung "Was bewirkt frau mit einem Fettakzeptanz-Blog überhaupt?" und wird nun verstärkt und verwirrt durch persönliche Gesundheitssorgen. Natürlich könnte die Antwort auch "mehr Urlaub" lauten. Das wird in absehbarer Zeit schon deshalb nicht passieren, weil ich "mehr Geld" brauche. "Mehr Freude" ist immer gut. Allerdings meiner Erfahrung fast immer schwerer zu beschaffen, als Tofu.

Tja.

Alles offen

Vlogging ist ja auch schon lange so eine Idee. Ich finde mich im bewegten Bild manchmal schwierig, bzw. nicht sehr gut. Es wäre eine lohnende Herausforderung, hin und wieder mit Kamera durch den Alltag zu laufen. Die (ziemlich) perfekte Vlogging-Kamera habe ich mir nun geschenkt. Mal sehen...



© Candybeach.com 2015

Sonntag, 26. April 2015

Das gelbe Kleid - revisited

Das gelbe Kleid hatte ja in den letzten Jahren immer wieder mal seinen Auftritt. Es begann mit meiner Suche nach meinem Wunschkleid, dann folgte der Wunsch, ich könnte es in meiner tatsächlichen Größe bekommen und schließlich mit dem Kauf dieses Kleides, das meinem Wunschmodell zumindest ziemlich nahe kam und damals tatsächlich in einer Größe 50/52 zu haben war.

Das Kleid ist ein Symbol und Begleiterin auf der jahrelangen, oft mühsamen Reise zu dicker Selbstakzeptanz. Die Aufgabe war immer, das Kleid, wo es nun sogar schon in meiner Größe existiert, auszuführen und so richtig SICHTBAR zu werden. In langen zeitlichen Abständen habe ich es aus dem Schrank geholt und immer mal wieder anprobiert. Warten musste das Kleid auf seinen großen, öffentlichen Auftritt allerdings bis heute. Anlässlich dieses Ereignisses habe ich mich bemüht, eine meiner sehr seltenen und eher holprigen OOTD-Produktionen auf die Beine zu stellen.

Mittlerweile habe ich allerdings auch begriffen, dass das Kleid eben nicht nur für ein dickes Ich eine Herausforderung ist, sondern dieses auf für eine dünne Nicola wäre. Es verschiebt sich bei jeder Bewegung. Es ist durchsichtig. Es wird nur durch zwei klitzekleine Knöpfe und zwei Schläufchen aus Fädchen zugehalten. Der Ausschnitt ist sehr tief, klappt leicht auf und ist im Prinzip unberechenbar, wenn man nicht alles extra-gründlich zubindet. Obwohl ich mit Nacktheit heutzutage kaum mehr Probleme habe - die sehr reale Gefahr, mitten auf der Straße oder bei einem Kunden im Büro plötzlich im Schlüpper dazustehen, ist keine angenehme Vorstellung, egal ob dick oder dünn. Man muss es halt dann auch endlich begreifen: Dieses perfekte Kleid ist nun einmal gar nicht perfekt für ein echtes Leben. Und obwohl ich das Kleid (besonders die Farbe) noch immer sehr mag, hat sich mein Geschmack wohl auch etwas verändert. Mein perfektes Kleid sähe heute womöglich doch ein wenig anders aus. Auf jeden Fall hätte es weniger Eigenleben. Mal sehen, vielleicht mache ich mich noch einmal auf die Suche.

Heute habe ich nun den Rat befolgt, den mir  eine Leserin bereits vor Jahren gab: Ich habe unter dem Kleid Vorrichtungen installiert, die unerwünschtes Nackigmachen verhindern. Leggings und ein langes T-shirt. Was ich dabei außerdem festgestellt habe, ist, dass ich mich durchaus an den Anblick meiner Beine, (insbesondere auch der Knie und Oberschenkel) in farbigen Strümpfen gewöhnen könnte. Das ist u. U. mal etwas, was ich zukünftig öfter in die/der Welt tragen werde.

Ansonsten ist zwischen dem gelben Kleid und mir alles wie sonst auch - wir sind beide ungebügelt.



Kleid: alt, von Manon Baptiste
Schuhe: alt, Primark UK
Leggings: weiß nicht mehr
T-shirt: sehr alt, H&M
Kette, alt, ZARA
Armreif: alt, Topshop London






Links: Badezimmerspiegel-Selfie mit Dreckwäsche und Gerümpel. Rechts: Die Entdeckung der eigenen Oberschenkel.















© Nicola Hinz 2015

Sonntag, 17. August 2014

Follow me around 6: Heul-doch-Haul



Mir ist eiskalt.

Darum all die neuen, kuscheligen Schals. Ich habe das drängende Bedürfnis, mich vor weiterer seelischer Auskühlung zu bewahren. Und mir fiel zunächst nichts Besseres ein, als einfache Symbolik in Form von wärmendem Stoff. Zwischendurch hätte man trauernde Wetterfühligkeit nicht vermutet. Rage vielleicht schon. Ich habe heute im Regen mit wildem Eifer meine Büsche beschnitten (ich habe noch die Blätter im BH, um es zu beweisen) und mich dann klitschnass und barfuß mit dem Computer an eine zugige Stelle gesetzt, so als wollte ich unbedingt krank werden. Tatsächlich dachte ich auch bei mir, was sonst immer Eltern sagen: "Du holst dir den Tod." Dann wurde mir klar, dass es sich nicht lohnt, krank zu werden, wenn da ohnehin keiner kommt und Suppe macht. Also, symbolische Suppe.

Ich gebe es zu: Ich will jemanden, der mir warme Suppe bringt. Der sagt, das ist doch alles nicht schlimm. Der sagt, lass mich das mal machen. Der sagt, das ist doch kein Problem. Und der recht hat. Und dann ist auch auf einmal alles gar kein Problem.

Wenn ich es jedoch ganz genau bedenke, hätte ich, lieber noch als Suppe, gern ein Feuer. Ja, das ist es: Ich will jemanden, der ein Feuer für mich macht, und mir Geflügelwürstchen und Auberginenscheiben auf den Grill wirft! Ich will jemanden, der sich sorgt und mich füttert. Mit Neuigkeiten, Erkenntnissen, Freude und Anwesenheit.

Das klingt nicht sehr emanzipiert. Ist es vermutlich auch nicht. Das Bemerkenswerte ist jedoch, dass einen als Frau ohnehin weder ausgeprägte Selbständigkeit noch eingestandene Bedürftigkeit für Männer besonders interessant zu machen scheinen. Es ist mitunter wohl eher doch angepasste Verfügbarkeit, die einen da so richtig nach vorn bringt. Aber weil ich dann eben doch so eine fürchterliche Zicke und Kampfemanze bin, hat natürlich genau die - im Gegensatz zu meiner Bedürftigkeit - ziemlich klar umrissene Grenzen.

Die Schals sind aber auch gut für Fatshion-Gehversuche. Das ist mir bei meiner letzten Bemühung , mich sichtbarer anzuziehen, klar geworden. Ein körperbetontes Kleid trägt sich für mich leichter, wenn ich einen Schal dabei habe. Nicht einmal um den Hals. Sondern einfach in der Hand oder gar in der Tasche.Wenn es ganz schlimm kommt, habe ich eine Schutzhülle dabei. Die Vorstellung hilft mir.

Samstagnacht LIVE

Ich brauche bekanntlich all die Hilfe, die ich kriegen kann. Und jetzt erst recht. Denn ich habe beschlossen, dass ich so bald an keinem Samstagabend mehr allein zu Hause hocken werde. Oder auf der Terrasse meiner bald achtzigjährigen Nachbarin. Eine Freundin sagte mir unlängst: "Man kann bei der Suche nach der Liebe halt nichts erzwingen. Entweder es passiert, oder es passiert nicht." Hat man je etwas Deprimierenderes gehört? ; ) Geduld ist nicht wirklich ein Programm auf meinem Rechner. Akzeptanz noch viel weniger. War es noch nie. Und nun erst recht nicht mehr, denn man wird bekanntlich nicht jünger. Und zumindest meiner Erfahrung nach gibt es in der Tat nichts Gutes, außer man tut es. Klar kann man was tun, und trotzdem oder gerade deshalb in der Hölle landen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Ich rede ja immerhin auch nicht von "einfach machen". Ich rede von "machen und denken".

...Und weißt du eigentlich, was mich auch ärgert? Dass wir den Wein nie aufgemacht haben.

Ich werde ab jetzt samstags konsequent ausgehen. Mit männlicher Begleitung oder ohne. Abgesehen vom Internet werde ich mich auch in der Welt verschärft auffindbar machen. Ich werde buchstäblich barhoppen. Ich werde zu Ausstellungseröffnungen gehen.Vielleicht werde ich doch wieder Mitglied im Fitnessstudio. Vielleicht höre ich ganz auf zu essen und gehe stattdessen mal auf eine Single-Städtereise. Womöglich belege ich am Ende auch noch irgendwelche Wochenend-Yogakurse. Und ich gehe wieder zu Ü100-Partys. Ich werde die Männerjagd zum Projekt machen. Und, wie es so meine Art ist, zum semi-wissenschaftlichen Experiment. Was ich im letzten Jahr so unternommen habe, war nur Anlauf. Und ja, während ich das hier schreibe, steht mir schon vor Anstrengung der Schweiß auf der Stirn.

Ach, und übrigens: TheKissingBooth (Meine Kussbude) in der Kategorie "Heißer Flirt" bei LiveJasmin.com öffnet nächsten Dienstag zwischen 16 und 19 Uhr.

NH

Montag, 4. August 2014

Selbstbespiegelung (die eigene und die anderer)



Verdünnt 

Ich gehe ja nicht oft aus. Also "aus"-aus. Also so, dass man sich vorher länger überlegt, was man anzieht. Und dabei habe ich viele, viele Kleider. Also, "Kleider"-Kleider. Zum ersten mal habe ich einen Schrank voller partytauglicher Kleider, die ich aktuell auch (noch) alle anziehen könnte. Schließlich war das ein entscheidender Teil meiner dicken Selbstakzeptanzreise. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich ja keine Kleider getragen. Denn da guckte halt immer was raus. Und Arme und Beine zu verhüllen, war ein festgeschriebener Teil meiner Garderobenreligion. Die Idee, gar Busen oder Taille zu zeigen, war weiter von mir entfernt als Jupiter. Und ich tue mich noch immer schwer. Ich bin nach wie vor nicht wirklich mutig genug für das gelbe Kleid. Das Lieblingskleid von Manon Baptiste besitze ich übrigens inzwischen auch in Rot und Schwarz. Es ließe sich zum Glück mit dem einfachen Versetzen von zwei Knöpfen etwas verkleinern. Das war ja allerdings auch immer einer der Gründe, es nicht anzuziehen. Man war stets auf zwei dünne Lochschlaufen angewiesen und realistischerweise nie weit davon entfernt, der Welt den Bauch und den Schlüpper gleich mit entgegenzustrecken.

Aber jetzt müsste ich  die Kleider in diesen Größen endlich anziehen, bevor sie mir nicht mehr passen. Denn ich werde weiter abnehmen müssen, um meinen Zuckerwert ohne Medikamente in den Griff zu kriegen. Und am Ende könnte ich mich in der Situation befinden, wieder mal einen Schrank voller ungetragener Kleider zu haben, die mir nicht passen. Nur diesmal in umgekehrter Konstellation. Was aber genauso bescheuert wäre. Denn wenn ich mich nicht jetzt im Hinblick auf Fatshion endlich mal auch im Alltag angemessen ausrüste, bringe ich mich mit einem Körper, der irgendwann weniger (auffällig) sein wird, vielleicht gar um die volle Selbstakzeptanzerfahrung.

Andererseits: Wenn ich nun wirklich den nötigen Schwung zur kühneren Selbstdarstellung entwickle, muss ich mich gleichzeitig  aber womöglich auch fragen, ob das mit dem bereits verringerten Körperumfang zu tun hat. Das wäre aus Sicht eines Selbsterfahrungs- und Selbstakzeptanzprojektes jetzt ehrlich nicht besonders gut, wenn der plötzliche Mut zum gelben Kleid sich tatsächlich aus ausgerechnet dem speist, aus dem heraus das sich das Selbstbewusstsein vorher auch schon immer und fast ausschließlich definiert hat - aus dem Verlust von Körpermasse. Und nicht so sehr aus vermehrter Freundlichkeit dem eigenen, runden Spiegelbild gegenüber.Vielleicht sieht das eine oder andere Kleid jetzt schon anders an mir aus, als beim Kauf (auf jeden Fall sitzen sie lockerer), und da schleicht sich möglicherweise unterbewusst der alte, fiese Wertungskatalog hinter die Kulissen und man sagt sich: Och, das geht ja jetzt schon besser.







Zur Auswahl des Ausgehkleides habe ich den Spiegel aus dem Bad ins Wohnzimmer gestellt. Ja, ich bin eine fürchterlich schlechte Modebloggerin. Da kommt der fehlende Kleidermut auch ganz deutlich ins Spiel. Und ja, der Spiegel war ungeputzt - das hat mich bisher nicht gestört. Ich benutze ihn halt noch immer nicht besonders oft. Was ich mir bei dem tantigen weiß-gelben Teilchen gedacht habe, weiß ich wirklich nicht mehr. Das schwarze, kurze Kleid ist aus London von M&S und bislang ungetragen, obwohl es eigentlich das Zeug zum Lieblingsstück hätte. Mit Schuhen sieht natürlich ohnehin immer alles anders aus. Geworden ist es dann letztendlich wenig überraschend das schwarze, lange Jerseykleid mit seitlicher Raffung. Wenigstens zeigte es ordentlich Dekolleté. In das mir dann auch gleich fast einer hineingefallen wäre, den ich da ganz bestimmt nicht hätte haben wollen...

Fußnote: Aufgeregte Männer

Ich weiß auch nicht, was es genau ist, aber offenbar hängt schon beim Betreten einer Party regelmäßig über meinem Kopf der Hinweis: Natural Born Bitch. Das hält frau viele vom Leib. Eine ganz bestimmte Sorte Mann nicht - die, die sich beim Busengucken gern ein wenig auf ZEIT-Leser-Niveau streiten will, weil sie eigentlich Angst vor Busen und insbesondere vor den daran befestigten Frauen hat. Wenn sie dann jedoch bei einem verbalen Gerangel mit der Bitch die Oberhand behalten, verringert das kurzfristig ihre allgemeine Verunsicherung. Was ihnen in ihren 50 Jahren auf diesem Erdball jedoch noch immer nicht klar geworden ist, ist die Tatsache, dass Mann Leuten, denen man eigentlich gern an die Wäsche will, vorher keine sinnlosen, ausgeleierten Debatten aufdrängen sollte. Die zwei Themen, an denen sich solche Hobby-Maskulinisten am liebsten und zumeist ohne Veranlassung und Einleitung (denn ICH habe das Thema ganz bestimmt nicht angeschnitten) abarbeiten, sind, frau höre und staune, die Frauenquote (warum sie NATÜRLICH Quatsch ist) und feministische Linguistik (warum sprachliche Varianten wie "LeserInnen" NATÜRLICH Quatsch sind). Dabei gibt es bemerkenswerte Stürme in den Weingläsern, wenn sie von den ungefragten Rednern mit wilden Gesten durch die Luft gerissen werden, die, genauso wie die Stimme des sich in Rage palavernden Mannes, an diesem Punkt leicht ein wenig dünn zu werden droht. Was müssen diese Typen sich angefasst, ja geradezu betatscht fühlen, von eben jener Welt, in der sie als weiße, privilegierte Männer leben müssen...

PS: Tote Frauen 

NATÜRLICH bin ich für eine Frauenquote in den Führungsetagen. NATÜRLICH war und ist die Arbeit der Sprachwissenschaftlerin Louise F. Pusch (z.B. Das Deutsche als Männersprache, 1984) prägend für meine Selbstpositionierung in der Welt. Denn ich weiß sehr wohl, dass die Sprache, die ich einerseits so sehr liebe, mich andererseits eben KEINESWEGS automatisch mitmeint, wenn sie weibliche Formen aus "Gründen der Vereinfachung" weglässt. Ich lebe halt damit und mit dem Bewusstsein, dass es vermutlich total anders für das Selbstverständnis ist, in einer Umgebung aufzuwachsen und zu existieren, in der Mann von der eigenen Muttersprache ganz offensichtlich immer und zuallererst gemeint ist. In meinem eigenen Umgang mit Sprache habe ich mich entschieden, sie nicht durchgängig konsequent umzuformen. Ich mache das einfach so, wie ich lustig bin. Das heißt nicht, dass ich da nicht trotzdem für wirklich gerechte Ansätze und eine entsprechende Erneuerung der Sprache wäre.

Aber das alles sage ich dem doch nicht. 

Ich trage in meinem Erbe als Frau die Bilder von anderen Frauen wie Emily Davison und Olympe de Gouges bei mir. Und übrigens auch das Bild der zwei Mädchen, die im vergangenen Mai im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von einer Gruppe von Tätern vergewaltigt und dann an einem Baum erhängt wurden...

Ich diskutiere mit so einem nicht über Frauenrechte. Wie käme ich dazu? Ich vertue meine Zeit ungern mit Blödmännern. Das Einzige, was wohl zu sagen bliebe: "Wow, bei so viel Frusttoben hat es dir aber auch schon lange KEINER mehr so richtig besorgt, oder?"

...

Ich sagte ja, ich bin eine echt schlechte Modebloggerin.

NH

Samstag, 21. Juni 2014

Alles eine Frage der Perspektivität*

Irgendwie ist es einfach passiert. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Als jahrzehntelange Vogue-Anschauerin (denn wer liest denn bitte die Vogue?), fiel es mir jetzt nach ungefähr zwei Jahren Bemühungen um eine neue Sicht, wenn es um meine eigene und die Körperformen anderer geht, wie Schuppen von den Augen. Ich kann neu sehen! (Ja, ich weiß - Redewendungen-Overkill. Aber ich kann mir einfach nicht helfen. ; ))

Um genau zu sein - bestimmte Anblicke kommen mir gar nicht mehr neu/außergewöhnlich vor. Meine unmittelbare Bewertung hat sich komplett geändert. Ich denke nicht mehr: Das sieht ja auch ganz gut aus. (Also dafür, dass das Model keine Größe 34 trägt). Ich denke: Sieht toll aus, das Kleid will ich auch. Spätestens ab hier sollten alle Moderedakteurinnen mitschreiben - und zwar hinter ihren Ohren. Denn was ich kann, können wir selbstverständlich alle. Wir können unsere inneren Programme tatsächlich ändern. Und wenn wir es alle machen, dann wird die Erde rund. 

Die folgenden Bilder sind aus einem Persona-Katalog, den ich im Vorbeigehen aus einem Modegeschäft für "Übergrößen" mitgenommen habe. Ich würde sagen, die Models tragen ungefähr Größe 40/42. Da würde ich natürlich nicht reinpassen. Und im Prinzip ärgert es mich selbstverständlich, dass man Mode für Dicke noch immer nicht konsequent auch an dicken Frauen präsentiert. Aber zumindest passiert hier etwas, von dem die Modeindustrie mit ihrer unerträglichen Hochnäsigkeit und Dummheit noch immer in weiten Teilen behauptet, dass es eigentlich gar nicht geht: Es ist sehr wohl möglich, statistisch "normale" Frauenkörper im High-Fashion-Modus abzulichten. Und der Blick der Allgemeinheit auf sie kann sehr wohl "normal" werden. Und das vermutlich sogar seeehr viel schneller, als so manchem lieb wäre. 

Lassen wir uns also bloß keine Märchen mehr erzählen, dass es tatsächlich eine Frage von objektiven Attraktivitätsstandards sei, wie dick oder dünn jemand sein darf, um vor die Kamera und dann auf unseren Kaffeetisch zu kommen. Das ist es nicht. Dünn ist nicht schöner als dick. 34 ist nicht schöner als 42. 34 ist lediglich das, was wir kennen. Es ist eine Frage von (Seh-)Gewohnheit. Wer glaubt, er erträgt den Anblick des eigenen Fettes und das von anderen nicht, der muss nur lange genug hinsehen. Ist alles ein Frage der Übung und der Öffnung für neue Ausblicke. Wer immer auf den selben Punkt starrt, kriegt halt einen steifen Nacken. Und verpasst viel.

NH




*"Perspektivität und Perspektivismus bezeichnen philosophische Lehren, die besagen, dass die Wirklichkeit von Standpunkt und Eigenschaften des betrachtenden Individuums abhängig ist." (Wikipedia)

Donnerstag, 15. Mai 2014

Missy Magazine

Ich hatte die Freude, den einleitenden Beitrag für das Fett-Dossier der neuen Ausgabe von Missy Magazine verfassen zu dürfen. Das Heft 02/14 mit seinen "18 Seiten zur neuen Wunschfigur" liegt ab Montag im Zeitschriftenregal.



NH
 

Montag, 5. Mai 2014

Bekleidung des Tages / Guckbuch / Nachher

Das OOTD (Outfit of the Day) ist keine neue Kategorie dieses Blogs in dem Bemühen, es auf meine alten Tage anderen Fatshion-Bloggerinnen gleichzutun. Das überlasse ich auch weiterhin denen, die das sehr viel besser können und mit großer Leidenschaft betreiben. Aber ich habe mich daran versucht, weil ich ja schließlich damit geprahlt habe, dass ich es tun würde...

Mir war nicht klar, wie verdammt viel Arbeit so ein Fotoshooting ist - wenn man allein für alles zuständig ist. Und wenn der neue Selbstauslöser (hama) wirklich das Letzte ist! Wie im Leben - irgendwas is' imma. Das Kleid rutscht hoch, der Busen fällt (BH-Träger defekt), das Make-up zerfließt, die Haare falten sich zusammen, die Sonne kommt raus, man kann nicht mehr gucken und kriegt außerdem Schweißflecken. Und wenn man sich dann entnervt in den Türrahmen stellt, weil nur da das Licht einigermaßen brauchbar ist, dann wird einem erst hinterher klar, wie mitgenommen das gesamte Drumherum aussieht. (Wobei dieses, wie beim Haul-Video, natürlich auch für Authentizität sorgt.) Aus oben genannten Gründen stehen bei professionellen Produktionen ja mitunter so viele scheinbar untätige Menschen herum... Wie dem auch sei, allen Bloggerinnen, die uns täglich und als One-Woman-Show mit OsOTD versorgen, gebührt Respekt und Bewunderung für ihre Disziplin und ihren Elan.

Aber eigentlich war es schon immer so: Wenn ich zu viele Dinge am Körper trage, die günstigsterweise Bewegungen NICHT mitmachen und möglichst an Ort und Stelle bleiben sollen, wird's aufregend. Immer, immer, immer schon. An mir rebelliert Kleidung, ganz unabhängig von der Kleidergröße. Und sie wandert außerdem. Natürlich stets in die falsche Richtung. Außerdem werde ich leicht und auf wundersame Weise schmutzig. ; ) Als ich ein Kind war, sagte die Nachbarin, ich sähe immer aus, wie eine Räuberin. Nachdem ich mich redlich abgemüht hatte, die Fotos für diesen Beitrag zu machen, fragten mich meine Nachbarn übrigens später, ob ich zum fraglichen Zeitpunkt Besuch gehabt hatte...das freute mich dann doch ganz besonders, festzustellen, dass ich bisher alltags offenbar regelmäßig so abgerissen aussehe, dass man mich im Kleidchen schlicht nicht wiedererkennt.

Was ich hier übrigens anhabe: Bodycon-Kleider von Excite Clothing (Internet). Beim blauen Modell hatte ich mein Vorhaben zwar so gut wie aufgegeben, aber mir gefielen am Ende trotzdem besonders die aufgescheuchten Schmetterlinge am Hintern. ; )

NH


 






© Nicola Hinz 2014

 

Donnerstag, 27. März 2014

Vorher

 

Ich habe dann mal ein klassisches "Vorher"-Foto gemacht. Im verhüllenden Hänger (wenn auch mit Querstreifen) und ohne Make-up. Mit verdammt kleinen, müden Äuglein. Im eigenen Garten, im fahlen Licht des vergangenen Nachmittages. Und ja, das sind Gartenclogs. Es ist eines von diesen Fotos, die ich vor ein paar Monaten nur über meine Leiche veröffentlicht hätte. Es ist ein Foto, das ich selbst noch immer gar nicht so gut aushalten kann. Die Abbildung hat mehrere Ebenen. Zum einen ist es ironischerweise und gezwungenermaßen mal wieder ein klassisches "Vor-der-Diät-Foto". Wobei man natürlich nur einfach den Vorhang ausziehen müsste, um in diesem Fall einen spontanen Abnahmeeffekt zu erzielen. ; )

Ein weiterer Aspekt ist allerdings die Verhüllung, und die Tatsache, dass ich dieser Tage zwar sehr wohl über eine für meine Verhältnisse mutige UND passende Garderobe verfüge, die ich aber noch immer nicht besonders mutig ins Leben und auf die Straße getragen habe. Wie ich auch schon erwähnt habe: Im Schlüpper abgebildet zu werden, fällt mir tatsächlich leichter, als in einem bunten Schlauchkleid. Dabei habe ich im Gespräch mit Theo erst damit angegeben, dass ich heute auch problemlos in Latex einkaufen gehen könnte. Ich will bestimmt nicht, dass er am Ende Recht behält, aber in Wahrheit fühle ich mich in wirklich auffälliger Fatshion noch immer verkleidet. Und irgendwie ausgeliefert. Ein nicht ganz unerheblicher Teil von mir möchte sich im Alltag weiterhin lieber verstecken. Hier meint das "Vorher"-Foto also "vor den neuen Kleidern".

Ich weiß die Tatsache zu schätzen, dass bunte und daher sichtbare dicke Körper eine wichtige Nachricht an die Umwelt senden. Die öffentliche Sichtbarmachung des Fettes ist eine wirksame Strategie, die Akzeptanz dicker Körper zu erhöhen. Meine persönliche Erwartung an Fatshion ist außerdem, dass mein eigenes Selbstbewusstsein als dicke Frau weiter wächst.

Gleichzeitig habe ich ja schon lange nichts mehr übrig für die allgegenwärtige Makeover-Kultur, in der wir leben. Wer sich aus seinem vermeintlich eher unattraktiven Ausganszustand mit mehr oder weniger großem Aufwand erfolgreich herauspellt und sich gängigen Schönheitsstandards so gut wie möglich anpasst, wird in der medialen Aufbereitung oft mit nicht weniger als einer Wiedergeburt belohnt. Und Wiedergeburt steht für ein neues Leben, das ohne die Veränderung nicht möglich wäre. Und das steht natürlich diametral dem gegenüber, was ich für den Kern von Selbstakzeptanz halte - Leben darf eben gerade nicht aufgeschoben werden, bis die Fassade in einen "gesellschaftlich akzeptablen" Zustand gebracht worden ist.

Also: Ich will nicht herkömmlich vorteilhafter aussehen, sondern kühner. Und vielleicht etwas wacher...Und ich werd's euch dann zeigen. Buchstäblich. ; )

NH

Sonntag, 2. März 2014

You can't buy it

Retail Therapy*

Decke des Waterfront Food Courts

Es ging mir echt mies - und was habe ich gemacht? Ich habe mich ins Auto gesetzt und bin anderthalb Stunden nach Bremen gefahren. Nicht, um die Bremer Stadtmusikanten zu besuchen, sondern, um zu Primark im Waterfront-Einkaufszentrum zu gehen. Auf der Fahrt habe ich versucht, nicht zu denken. Und beim Einkaufen wollte ich das ebenfalls lieber vermeiden. Insbesondere so innere Nachfragen wie "Was willst du denn bitteschön damit?" sollten tunlichst unterbleiben.

Primark ist eine Art moderner Pilgerort. Vor allem für junge Frauen. In einem WELT-Artikel von 2012 heißt es: "Bye-Bye Popstars, hello Primark!" Es ist billiger als H&M. Aber natürlich kein bisschen weniger Pop - im Gegenteil. In großen, braunen Papiertüten wird die Beute von den riesigen Konsum-Schlachtfeldern geschleppt. Denn das ist es, was diese Läden sind. Und sie stehen für alles, was diesen Planeten irgendwann über die Klippe befördern wird. Wegwerfkleider. Vollkommene Skrupellosigkeit bei der Verschwendung von endlichen Ressourcen. Ausbeutung von Arbeiterinnen in Bangladesch. Zwar macht Primark Ethik im Hinblick auf den Umgang mit den Herstellern ihrer Produkte zu einem zentralen Thema auf der Firmenwebsite, aber ein T-Shirt für drei Euro ist in diesem Universum eines ganz sicher nicht - Fair Trade.

Das war mir alles klar, und trotzdem habe ich mich gezielt ins Getümmel geworfen, weil es meiner Stimmung entsprach und mir Fairness und die Umwelt total am Arsch vorbeigingen. Ich meine, wer in meinem Alter hätte als Teenager je geglaubt, dass er in nicht allzu ferner Zukunft mit Einkaufskörben durch Bekleidungsgeschäfte wandern und diese mit Kram beladen würde, der so billig ist, dass es sich kaum lohnt, ihn überhaupt anzuprobieren. Wobei mir das meiste bei Primark natürlich ohnehin nicht passt - die größte erhältliche Größe scheint 48 zu sein. Aber Schlüpper, Schuhe (vegan, weil Plastik), Schmuck und Schminke gehen ja irgendwie immer. Und so schleppte ich meine drei Tüten erst zum Auto und ging dann wieder zurück, um aufs Klo zu gehen. Die Toilettenfrau rief mir beim Verlassen hinterher: "Hab' noch einen schönen Tag, Schatz!" Ab da ging es mir endlich besser.

Das Ritual, das früher Shopping-Touren folgte, hieß bei mir zu Hause (also zwischen mir und meiner Mutter) "Schätze vorzeigen" - quasi die altmodische und sehr viel privatere Variante des auf Blogs heute so weit verbreiteten "Hauls". Man machte sich etwas Warmes zu trinken und setzte sich mit all seinen Tüten aufs Sofa. An die Hälfte der Einkäufe erinnerte man sich am Ende des Tages tatsächlich gar nicht mehr so genau, und es kam hin und wieder eine echte Überraschung zum Vorschein...ohne jemanden, dem man am Ende seine Neuzugänge vorführen kann, ist es nicht das Selbe.

Das teuerste, was ich bei Primark erworben habe (für 15 Euro), war etwas, das ich schon lange haben wollte - ein Paar glänzende, hautfarbene Platform-Pumps. Insgesamt hatte ich 37 Teile in meinen Papiertüten. Und das, nachdem ich erst so stolz darauf war, kistenweise aussortiert zu haben. Also nahm ich mir nach dem Ausflug zu Primark vor, doch mal wieder eine Fastenkur zu machen - eine Shopping-Fastenkur, wie sie Isis Unveiled hier auch vorschlägt. Und weil ich am Freitag schon wieder rückfällig geworden bin (siehe unten), werde ich ab jetzt noch einmal anfangen. Keine neuen Kleider mehr für wenigstens zwei Monate, denn ich habe von allem genug. Und dank der fettakzeptierenden Umstrukturierung meines Kleiderschrankes, passt mir das alles sogar. Ein Umstand, der mir übrigens noch immer wie ein Wunder vorkommt. ; )

Der Nude-Schuh



No more nasty knickers**

Am vergangenen Valentinstag hatte ich nichts vor. Also ging ich los, um mir Unterwäsche zu kaufen - so als ob ich etwas vorhätte. Der Plan war gar nicht so einfach umzusetzen. Weil es halt nach wie vor ohnehin nicht leicht ist, große Größen in regulären Geschäften zu bekommen. Ich finde ja z. B. die Wäschekollektion von Dita von Teese ausgesprochen schön, aber natürlich kann man mit einer Größe 52 und einer H-Cup davon nur träumen. Und muss halt auf sein Glück hoffen. Ich wurde in der Boutique Bizarre auf der Reeperbahn fündig, aber das eher zufällig, da die nicht anwesende Geschäftsführerin "es eigentlich nicht schön findet, wenn zu viel in großen Größen herumhängt". Die Verkäuferin bedauerte dies und war ausgesprochen freundlich - und hätte mir einen ganzen Haufen transparenter Spitzenunterwäsche in Pink und Grün und Beige verkaufen können - wenn sie sie denn im Angebot gehabt hätte...



In der Darkside Boutique (auch Reeperbahn) ging man eher therapeutisch an die dicke Frau heran. Der Verkäufer bot an, mir dabei zu helfen, das zu finden, was in meiner Größe überhaupt im Laden vorhanden sei - damit ich mich nicht "totsuchen" müsse. Denn schließlich sei ich ja gekommen, "um etwas Schönes für mich zu kaufen". Ganz offenbar wirkte ich auf ihn, wie eine verwirrte Reisende vom Planeten der fetten Mauerblümchen. Ich erklärte ihm dann, dass das, was ich bräuchte eben jene pofreie, grüne Bloomer-Unterhose am Ständer dort drüben sei - in meiner Größe. Hatte er nicht. Natürlich nicht. Strapsgürtel in 52 und dazu noch in einer anderen Farbe als Rot oder Schwarz? Hatte er nicht. Vielleicht die Kollegen im anderen Laden im Erdgeschoss. Wenigstens ein Paar strassige Handschellen? Hatte er nicht. Vielleicht die Kollegen unten.Wohlgemerkt - die Darkside Boutique wirbt auf ihrer Website damit, ein auch für runde Kundinnen ergiebiges Angebot zu haben. Aber die "Kollegen unten" hatten in der Tat mehr in großen Größen. Und mehr Licht. Und mehr Humor. Und ja, die Wäsche kriegt auch noch jemand zu sehen. ; ) .

In der Phase in meinem Leben, in der ich mein Höchstgewicht erreicht hatte und jeder Gang vor die Tür gefühlsmäßig eine Mutprobe bedeutete, ging ich so gut wie nie einkaufen. Ich kaufte insbesondere keine neuen Hosen mehr. Meine Schenkel allerdings zerrieben die, die ich besaß, in ziemlich kurzer Zeit. Aus anfänglich dünnen Stellen wurden bald faustgroße Löcher, manchmal mit augeribbelten, harten Rändern, die beim Aneinanderschaben der Beine noch zusätzlich die Haut aufrissen. Ich lief nicht selten mit offenen Wunden durch die Welt. Geduckt, mit dem Wunsch, einfach unsichtbar zu werden und gleichzeitig mir übermäßig bewusst, dass ich existierte - durch den schneidenden Schmerz bei jedem Schritt.

Manchmal zog ich die Löcher mit ein paar großen Stichen provisorisch zusammen, so dass sich wieder Schorf über den unter dem Stoff liegenden Abschürfungen bilden konnte. Wenn die Fäden rissen, fing alles von vorne an. Ich weiß heute, dass das eine von mir selbst verordnete Bestrafung war. Ich hasste meine Körper und in letzter Konsequenz mich selbst so sehr, dass ich für eine ziemlich lange Zeit keinerlei Anstalten machte, das Elend endlich zu beenden. Aus meiner Sicht verdiente ich die Schmerzen und die Peinlichkeit, in zerfledderten Hosen herumzulaufen, weil ich eine hässliche, disziplinlose Versagerin war. Ich verdiente nichts, was das Leben in diesem monströsen, ekelhaften Körper hätte erleichtern können.

Klar, irgendwann begann ich dann doch, mir wieder öfter heile Hosen zu kaufen, weil ich schließlich im Leben trotz allem irgendwie funktionieren musste, und weil es natürlich unangenehm ist, wenn andere einem auf die blutigen Schenkel und die Unterhose gucken können. Aber ich ertappte mich im Laufe der Zeit immer wieder mal dabei, die kaputten Hosen nicht früh genug auszusortieren. Erst als ich vor ungefähr zwei Jahren meine Selbst- und Fettakzeptanz-Reise antrat, SCHWOR ich mir an einem bestimmten Punkt, dass mir das nie wieder passieren würde - ich würde nie wieder wundgeschrabbelte Stellen an den Oberschenkeln haben.

Seitdem kaufe ich regelmäßig neue Hosen - mehr, als ich brauche. Bisher habe ich sie allerdings meistens nicht anprobiert. Sie wurden im Laden einfach auf Verdacht mitgenommen oder im Internet bestellt - und dann aus Zeitmangel in den meisten Fällen schlicht behalten. (Auch so ein eigenartiges, schwer abzuschüttelndes Verhalten aus meinen Zeiten als unglückliche Dicke: Ich habe Umkleidekabinen in dicken Phasen weitgehend gemieden.) Das hat mitunter noch immer dazu geführt, dass ich zwar Hosen trage, die zwischen den Beinen heil sind, aber trotzdem nicht gut sitzen und darum eher unbequem sind. Am Freitag habe ich nun Hosen anprobiert, bevor ich sie gekauft habe. Und das tue ich ab jetzt immer. Das war eine notwendige Übung, und dafür habe ich auch mein Fasten unterbrochen. Hier schließt sich übrigens noch eine Reihe von weiteren, verwandten Entschlüssen an: Keine ungemütlichen oder unhübschen Unterhosen mehr! Keine BHs mit ausgeleierten Trägern mehr! Keine zu kleinen Schuhe mehr! Nichts, was den ganzen Tag zwickt oder kratzt! Naja...mit einer Ausnahme ; ).


Die Katze im Sack!

*Einzelhandelstherapie
**Keine scheußlichen Unterhosen mehr

NH