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Sonntag, 29. Oktober 2023

THE UGLY GIRL PROJECT: Sonntagnachmittag

Noch ein Selfie-Projekt, das ich lange vorhatte - und das nun doch irgendwie nur schnell zusammengeworfen wurde. Die neuen Bilder sind in der Tat viel weniger sorgfältig und ausdauernd arrangiert. Sie sind deutlich improvisiert. Das Projekt hat nicht mehr die selbe Dringlichkeit, wie vor Jahren, obwohl ich mich in den letzten Monaten unheimlich hässlich und verwittert gefüht habe - mit einem Selbstwertgefühl, das sich nicht so richtig erholt. Schusswaffen sind hier übrigens nicht zum ersten Mal ein Requisit: Mittwochnachmittag.









NH

Freitag, 19. April 2019

Endometrium - Revisited


Krebs


Am 11. April wäre meine Mutter 76 Jahre alt geworden. Sie ist 2009 gestorben - an Eierstockkrebs. Mit dem Tod meiner Mutter wurde ich sterblich. Da war ich Ende dreißig.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass der Tod meiner Mutter das Schlimmste sein würde, was mir passieren kann. Und das war er auch, glaube ich. Darum bin ich zwischendurch immer mal wieder erstaunt, dass ich den Tod meiner Mutter überlebt habe. Gleichwohl nicht ohne immer und ewig bleibende Blessuren.

Im Sommer 2009 habe ich quasi im Universitätsklinikum Eppendorf gewohnt. Meine Mutter wurde mit Nebenwirkungen ihrer zweiten Chemo eingeliefert und verstarb dort zweieinhalb Monate später. Streng genommen nicht am Krebs. Sondern an einer Lungenentzündung.

Ich schlief in den letzten Tagen bei ihr auf der Palliativstation, aber in den Wochen davor pendelte ich zwischen Eppendorf und Reinbek, einem Vorort, in dem ich damals wohnte, und wo der Kater darauf wartete, Futter und etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Manchmal fuhr ich mehrmals am Tag hin und her. Ich schleppte Obst und Blumen aus ihrem Garten und frische Kleidung und Kosmetika und Fotoalben ins Krankenhaus. Die Fotoalben wünschte sie sich, vermutlich, um Bilanz zu ziehen. Und ich rannte und fuhr wie betäubt immer über die gleichen, schweren Wege. Und hatte bald Angst, sie nicht mehr lebend vorzufinden, wenn ich zu lange wegblieb.

Ich habe ein paar Male eine Kamera laufen lassen, als ich das Krankenhaus verließ oder dort wieder ankam. Obwohl die Zeit fürchterlich war, wollte ich auf keinen Fall vergessen, wie es war. Die Clips kommen jetzt zum Einsatz, weil ich offenbar mit meiner Verarbeitung am richtigen Punkt angekommen bin. Und ja, das Video beschreibt in seiner Zähigkeit und Wackeligkeit die quälerischen Tage ziemlich gut.



Krebsvorstufe


2012 habe ich hier auf dem Blog ein Bild von einem blutigen Stückchen meines Endometriums ( meiner Gebärmutterschleimhaut) gepostet. Das gefiel einigen Leserinnen damals nicht besonders, aber ich war ja noch nie kleinlich, wenn es um die Preisgabe von Dingen geht, die aus meiner Sicht eben Beides sind: privat, aber auch politisch. Heute freue ich mich regelrecht, dass ich meiner Gebärmutterschleimhaut ein wenig Raum im Internet gegeben habe, denn mittlerweile habe ich keine mehr.

Die Beschäftigung mit den Organen meines Unterleibes kam nicht von ungefähr. Ich war offenkundig durch die Geschichte meiner Mutter traumatisiert und gleichzeitig froh, nicht von eben jenem Unterleib schon längst getötet worden zu sein. Da ich vor dem Ableben meiner Mutter unsterblich gewesen war, hatte ich konsequenterweise auch auf regelmäßige gynäkologische Sicherheitsüberprüfungen verzichtet. Überhaupt war ich nur in absoluten Notfällen in Wartezimmern anzutreffen. Ich hatte keine Zeit und keine Lust, und als ich dann aufgescheucht durch die Erkrankung meiner Mutter damit begann, regelmäßige Untersuchungen machen zu lassen, brach natürlich, wie hätte es auch anders sein können, die Hölle über mich herein.

Denn es stellte sich heraus, dass mein Unterleib, so wie mein ganzer Körper, aus medizinischer Sicht, nicht regelrecht war. Er hatte ständig Zysten an den Eierstöcken und immer wieder eine viel zu hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut. Mein Wiedereinstieg in das Vorsorgekarussell war der Startschuss für ein Jahrzehnt voll ständiger Überwachung, Diagnostik und (vielleicht irrationaler aber dennoch unbezwingbarer) Todesangst. Ausschabungen, Bluttests und Bauchspiegelungen sowie die Entnahme eines Eierstockes, um ihn besser unters Mikroskop legen zu können - ich ließ nichts aus. All das und alles immer mit dem Aktenvermerk der familiären Vorbelastung.

Allerdings war nie was. 

Bis zum März dieses Jahres, als in meinem Endometrium atypische Zellen gefunden wurden. Also quasi eine Krebsvorstufe. Etwas, das vielleicht bösartig werden könnte. Die Ärztin, die die Abrasio im UKE vorgenommen hatte, hatte mir gesagt, alles sähe normal aus, und ich würde den histologischen Befund per Post bekommen, es sei denn, irgendetwas Ernstes liege vor. Dann würde sie mich anrufen. Aber davon ginge sie ja nun wirklich nicht aus...

Und dann rief sie an, und ich war nicht zu Hause. 

Es war, als sähe ich mich selbst in einem Film. Während ich ihre Nachricht abhörte und dann versuchte, sie zurückzurufen, warf ich mit zittrigen Händen Dinge um und fing an zu schluchzen, als ich sie nicht erreichte und stattdessen in der Warteschleife gefangen war. Ich war erledigt. Ich war mir absolut sicher, dass meine familiäre Vorbelastung mich jetzt nach all den Jahren der Panik tatsächlich eingeholt hatte. Und in meinem Testament stand noch immer meine Mutter als Erbin! Ich war nicht vorbereitet. Und ich hatte noch so viel auf meiner Bucket List. Ich redete laut und verheult auf das Personal der Gynäkologie ein, als ich endlich verbunden wurde und bekam so vermutlich die Sonderbehandlung einer Nachricht direkt aus dem OP, in dem meine Ärztin gerade stand und arbeitete: Alles nicht tragisch, aber muss gemacht werden.

Nun habe ich also keine Gebärmutter mehr. Ich habe sie in dem Krankenhaus gelassen, in dem ich meine Mutter verloren habe. Ich lag auf derselben Station, wie sie zunächst auch. Vielleicht sogar im selben Zimmer - daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht war es auch das daneben. Der Weg auf die Station war wieder schwer. Als ich mit meinem Rollköfferchen an den Geschäften auf dem sogenannten "Boulevard" vorbeischepperte, musste ich ein wenig weinen. Außerdem wurde mir schwindlig und ich schlingerte so vor mich hin. Die Entscheidung für das Krankenhaus war übrigens dennoch eine Bewusste. Ich halte die Versorgung dort trotz allem noch immer für die sicherste, die man hier in Hamburg bekommen kann.

Ab jetzt wird es nach einem Jahrzehnt der Angst vermutlich ruhiger werden. Ich habe zwei Gründe zur Sorge weniger, denn der Eileiter zum verbleibenden Eierstock ist auch entfernt worden. Offenbar legt die aktuelle Forschung nahe, dass Eierstockkrebs im Eileiter beginnt und nicht im Eierstock selbst. Meine Mutter hatte auch mit Mitte vierzig eine Hysterektomie. Hätte man damals die Eileiter nicht stehenlassen, wäre sie womöglich noch hier. Es bringt nichts, sich mit solchen Überlegungen zu belasten - ich weiß. Ich habe eben Glück, dass ich erst heute 47 bin.

Oder schon 47. Über die Lebensmitte hinaus. Und mit einer Bucket List (Liste der Dinge, die frau vor ihrem Tod erleben und erledigen will) bis in den Himmel. Man könnte meinen, dass ich mich, nachdem das Theater mit meiner Gebärmutter nun ein gutes Ende gefunden hat, jetzt endlich mit frischem Mut sogleich an die Abarbeitung der Punkte auf eben jener Liste machen sollte. Aber ich fühle mich noch immer ein wenig betäubt. So, wie man nach dem Abschluss großer und anstrengender Projekte mitunter erst einmal ein wenig orientierungslos ist. Auch will ich mir nicht gleich schon wieder neue Sorgen machen - Sorgen, dass ich einfach nicht genug aus meinem Leben mache.

Und so schließe ich einfach mit Kylie Minogues "Dancing". Es ist vielleicht ein wenig kitschig, aber es scheint mir nicht unpassend. Das Wortspiel "I wanna go out dancing" (Ich will tanzen gehen oder Ich will tanzend sterben) hat es mir angetan - besonders auch vor dem Hintergrund, dass Kylie Minogue selbst Krebserfahrung hat.


Blick von meinem Bett im UKE - April 2019

Nachtwanderung durch die Station - UKE April 2019

UKE 2009

Das Zimmer meiner Mutter - UKE 2009

Auf dem Weg nach Hause vom UKE 2009

Meine Mutter nach ihrer Chemotherapie

NH

Dienstag, 24. Juli 2018

Dick, dumm, faul und hässlich


Ein neuer Versuch - 2018

Bei Instagram war frau nicht amused. Oder zumindest schien es so. 3 Leute mochten es. Also, das T-shirt, als ich es am 22. April 2016 fotografierte und dort postete. Nur eine einzige Instagramerin (Simone : )) erkundigte sich nach dem Zweck.

Es ging um die Thematisierung der gängigsten Vorurteile gegen Dicke am eigenen Leib. Natürlich kann ich verstehen, wenn man die Konfrontation mit der Aufschrift zu anstregend und pessimistisch findet. Oder sie gar für albern, übertrieben oder unwahr hält. Aber es hilft ja nichts...

Dick: Unbestritten zutreffend. Aber im gängigen Gebrauch natürlich höchst negativ konnotiert.

Faul: Ich erzähle ja immer wieder gern die Geschichte von meinem ersten "Schulzeugnis", das eher ein Entwicklungsbericht war und in dem es hieß: "Nicola ist ein großes Mädchen, das sich (...) sparsam bewegt." Leute halten uns für faul. Weil wir dick sind. Das bedeutet automatisch, dass wir zu faul sind, abzunehmen. Und uns natürlich nicht genug bewegen. Denn wenn man sich genug bewegt, ist man eben nicht dick. Ist doch klar. Dass wir etwas anderes zu tun haben könnten, kommt unserer Umgebung nicht in den Sinn. Welche anderen Prioritäten könnte eine dicke Person haben. Herrje, Menschen in Studien würden lieber einen Arm oder ihr Augenlicht verlieren, als dick zu sein. Wie kann irgendein dicker Mensch auch nur an irgendetwas anderes denken, als daran, dünn zu werden? 

Well, guess what*...viele von uns denken über beträchtlich lange Lebensphasen hinweg tatsächlich an kaum etwas anderes. Und werden trotzdem nicht (langfristig) dünn. Wir sind dick, weil wir zu oft abgenommen haben. Wir haben hart daran gearbeitet, endlich einen "richtigen" Körper zu haben und in der Zwischenzeit haben wir uns obendrein mit geächteten und verächtlich gemachten Körpern durch den Alltag und vermutlich eine Reihe von Lebensriten (Schule, Ausbildung, Beziehungen, etc.) geschleppt. 

Wären unsere Körper nicht oft bereits in unserer Kindheit gegen uns verwendet und moralisch in Geiselhaft genommen worden - viele von uns hätten die so freigewordene Energie verwenden können, um spielend die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wir sind nicht faul. Wir leisten all das, was andere auch leisten unter seelisch und gesellschaftlich erheblich erschwerten Bedingungen.

Dumm: Ach. Sie haben studiert? Diese Frage bin ich in meinem Leben nicht nur einmal mit gebührend demonstriertem Erstaunen gefragt worden. Auch gern mal von medizinischem Personal. 

Ja, hab ich. 

Und zwar höchstwahrscheinlich sehr viel länger als die meisten Menschen in den meisten Räumen, die ich je betreten habe. Von 46 Lebensjahren habe ich weit über die Hälfte in Schulen, Hochschulen und an Universitäten im In- und Auslad verbracht - nicht mit beruflicher Zielvorgabe, sondern nur aus purer Freude an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem jeweiligen Fach und der Erfahrung des Studierens. Das ging alles so, weil ich die Eltern hatte, die ich hatte. Denen waren Bildung und Interesse wichtig, wirtschaftliche Verwertbarkeit eher kein Begriff. So landete ich unter anderem z.B. auch bei der Philosophie. Ich weiß außerdem, dass ich nicht dumm bin. Das ist irgendwann mal gemessen worden. Trotzdem stand in meinem ersten schulischen Entwicklungsbericht, dass "Nicola immer besonders genaue Anweisungen braucht, um eine Aufgabe erfüllen zu können." Heute weiß ich, dass das nicht daran lag, dass ich als Erstklässlerin keine Vorstellung davon hatte, wie man was macht, sondern dass ich im Gegenteil zu viele Ideen hatte, wie man etwas erledigen bzw. deuten könnte. Darum habe ich genau nachgefragt, um die exakte Vorstellung der Lehrkraft zu ermitteln. Schließlich sollte die ja das Ergebnis bewerten. Und davon, bewertet zu werden, verstand ich als "großes" Kind in der ersten Klasse bereits eine ganze Menge. Das Problem des Überhinterfragens habe ich heute bekanntlich noch immer. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich als kleines Kind mitunter so viel gefragt habe, dass sie mir oft gern entnervt eine geklebt hätte.

Das "große" Kind war also aus Sicht der LehrerInnen, mit denen meine Schullaufbahn begann, ein wenig einfältig und obendrein körperlich behäbig. Also tatsächlich dumm und faul? Von Anfang an? Und selbst als Erwachsene noch immer zu dumm, um richtig zu essen und zu faul, um regelmäßig zu turnen? Nun, es scheint fast so. ; )

Hässlich: Damit fängt alles an. Der ganze Ärger. Genau genommen handelt es sich hier ja um kein Vorurteil. Wenn man etwas sieht - sagen wir mal z.B. das eigene Kind - und es gefällt einem nicht, was man sieht, dann ist das doch eher ein Urteil. Und eine Tatsache, zumindest im persönlichen Universum. Meiner Mutter gefiel ihr "großes" Kind nicht. Darum setzte sie es bereits im Kindergarten auf Diät, anstatt es einfach erst einmal in Ruhe weiterwachsen zu lassen. Beim Versuch, das Kind zu verringern, ging es nicht primär um dessen Gesundheit. Es ging um Angleichung an die Norm und die Sorge, das monströse Kind könnte es später als Monster-Teenager und Godzilla-Erwachsene ob seiner Optik gesellschaftlich schwer haben. Und so kam es dann ja auch.  

Die Gesellschaft, in der meine Mutter operierte, war so fettphobisch wie die heutige. Und meine Mutter war es auch. Die Gleichung Fett = hässlich war damals bereits so gültig wie heute, und (Norm)Schönheit war für Frauen im Grunde das Wichtigste. Daran hat sich nicht nur nicht viel geändert - es gibt Stimmen, die warnen, dass sich dieses Prinzip im letzten Jahrzehnt womöglich noch verstärkt hat und dass der Druck zur optischen Selbstoptimierung eher größer als kleiner geworden ist. Da ändert erst recht keine Alibi-Fotostrecke mit großen Größen oder die Wahl eines "kurvigen Topmodels" etwas. Tatsächlich beweisen solche Vorstöße nur die Verhärtung eigentlich überkommener Frauenbilder.

Ich erinnere mich (etwas ungenau) an ein Fernsehinterview mit der Talk-Show-Moderatorin (und womöglichen Präsidentschaftskandidatin 2020) Oprah Winfrey, das ich vermutlich in den Neunzigern gesehen habe. Darin beschrieb sie, wie sie die Stufen auf die Bühne einer Preisverleihung erklomm, um sich auf dem damaligen Höhepunkt ihrer Karriere vor großem Publikum eine bedeutende Auszeichnung abzuholen, und wie sie bei diesem bis dato wichtigsten und eigentlich glücklichsten Ereignis ihres Lebens an nicht anderes denken konnte, als daran, wie dick sie in ihrem Abendkleid von hinten aussehen musste. Das, gab sie im Rückblick zu, verdarb ihr im Grunde die ganze Veranstaltung und raubte ihr den Stolz und die Freude. Die Konsequenz, die sie daraus zog, war, noch eine Diät zu machen. Die Jo-Jo-Diäten der Frau Winfrey (sie begann damit in den Siebzigern) haben naturgemäß immer öffentlich stattgefunden und sind mittlerweile legendär. Sie hatte Großes geleistet. Und es bedeutete am Ende nichts, weil sie dick und damit als Frau definitiv "hässlich" war. Damit hatte Sie in der Hauptdisziplin, dem Schönheitswettbewerb, ohnehin komplett verloren.

Was denken sie von uns?

Und nein, das war nicht alles nur in ihrem eigenen Kopf. Natürlich fanden die Zuschauer reihenweise, dass sie zu fett war und damit bedauerlicherweise hinter ihren äußerlichen Möglichkeiten erheblich zurückblieb und dass das auch die Bedeutung ihrer eigentlichen Leistung schmälerte. Die Lüge von der Selbstliebe, mit deren Hilfe frau sich die Welt macht, wie sie ihr gefällt, wird niemanden daran hindern, genau DAS über dicke Menschen zu denken, zu sagen, zu schreiben, zu publizieren und über die Straße zu rufen: Dumm, faul, hässlich. Die Gesellschaft macht schließlich noch immer kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Körperfett. Da helfen nur offene Gegenwehr und Diskussion.

Darum das T-shirt.


*Na, stell dir mal vor...

NH



Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff zum Thema :) - den gäbe es hier:




Donnerstag, 19. Juli 2018

Warum Amy Schumers "I feel pretty" ein wirklich lahmer Film ist

"I feel pretty" war ein schwächliches Filmchen.

Der Grund, warum die Beschäftigung mit dem Thema "Schönheitsnormen" in Mainstream-Medien meistens schief läuft, ist, dass zu viel Verwirrung in den Köpfen der Macherinnen herrscht. Und niemals auch nur ansatzweise genug freie Radikalität. Das ist in diesem Falle allerdings umso verwunderlicher, als dass frau immer dachte, Amy Schumer mangele es zumindest an Letzterem nicht.

Die Protagonistin Renee, dargestellt von Amee Schumer, knallt im Spinning-Kurs vom Heimtrainer, schlägt sich bös den Kopf an und sieht sich fortan mit neuen Augen: Sie hält sich für umwerfend normschön. Tatsächlich war das ein von ihr vorher geäußerter Wunsch, einmal im Leben zu erfahren, wie es ist, "undeniably pretty" (unbestreitbar hübsch) zu sein. Allerdings ist sie die einzige, die sich selbst als "wunderschön" im Spiegel sieht. Alle anderen sehen genau das, was auch schon vorher da war. Und da fängt der Ärger für die aufmerksame Zuschauerin schon gleich an. Denn es ist also ein Missverständnis, dessen beharrliche Nicht-Auflösung mit jedem neuen Begebnis ein immer größeres Rätsel wird und ganz klar macht, dass keiner der Beteiligten besonders hell bzw. mit normalem Menschenverstand ausgestattet ist, das den ganzen seichten Film trägt. Die Freundinnen begucken die neue, unausstehlich selbstverliebte Renee, als ob sie den Verstand verloren hat, fragen aber nie so richtig nach. Die fragen nie: Was hat dich denn bloß so verändert? Auch alle anderen um Renee herum sind offenbar schlicht viel zu höflich, um auch nur ansatzweise Verwunderung oder leichte Indignation zu äußern, wenn Renee die eigene, umwerfende Schönheit besingt. Sogar Naomi Campbell wird nicht deutlich genug. Warum Renee eine grässliche und hektische Aufschneiderin werden muss, bloß weil sie glaubt, neuerdings einem Supermodel zu gleichen, bleibt übrigens ebenso ungeklärt. Kurzum: Eine Handlung, die nur läuft, weil alle Mitwirkenden sich komplett unnatürlich verhalten, bringt mich regelmäßig dazu, den Bildschirm anzuschreien. Im Kino war das ja aber nicht möglich. Ich muss sagen, dass war alles ausgesprochen stressig für mich. Obendrein litt ich zwischendrin immer wieder unter üblen Ugly-Betty-Flashbacks.

Und was ist jetzt eigentlich der verdammte Punkt?

Renee, die glaubt, nun für alle Welt sichtbar normschön zu sein, aber es gar nicht ist, wird allein durch diese innere Veränderung kühner, selbstsicherer und damit auch in der Außenwelt erfolgreicher - im Beruf (bei einer Kosmetikfirma) und bei Männern. Besonders bei Männern. Und sie traut sich, an einer Schönheitskonkurrenz teilzunehmen und sich auf der Bühne Wasser über das T-shirt zu schütten.

Fazit wäre dann vermutlich wieder das gute, alte "Liebe dich selbst, ändere deine Einstellung, und dann wird alles gut". Wir haben es ja angeblichh selbst in der Hand, wie uns die Welt begegnet. Und wir sind selbst verantwortlich, zuständig und selbst schuld, wenn's doch nicht gut läuft. Als Beweis muss im Film ein Model mit Selbstzweifeln und Beziehungsproblemen herhalten. Die kriegt ihr Leben trotz perfekter Hülle nicht auf die Reihe. Das ist ein echt uralter, abgegrabbelter Hut und außerdem eher nicht zutreffend als doch. Außerdem wird die bloße Gültigkeit sowie die Notwendigkeit/Wichtigkeit von Körpernormen und Schönheitsstandards mal wieder nicht in Frage gestellt.

Der Film ist, wie gesagt, eine Enttäuschung.

Aber nicht aus den Gründen, aus denen Amy Schumer und ihr "neuer Film" nach seinem Erscheinen im Internet shitstormartig kritisiert wurden. Dort warf frau ihr vor, dass sie selbst zu normattraktiv sei, um die Rolle überhaupt zu spielen, denn wenn so jemand wie sie sich wegen ihres Aussehens angeblich so fertig macht, was sollen denn dann bitteschön erst die machen, die noch viel weniger ins Schema passen? Sie fanden also, Amy Schumer sei nicht "hässlich" genug, um sich glaubwürdig im eigenen Körper schlecht zu fühlen - und betrieben damit unterschwellig und auf regelrecht idiotische Weise Bodyshaming. Offenbar gab es (auch mal wieder) in ihrer Welt, Körper, deren Inhaberinnen sehr wohl gute Gründe hätten, sich ihres Aussehens wegen mies zu fühlen. Aber der von Amy Schumer gehört (noch) nicht dazu. Nun könnte man sich natürlich fragen, wo genau da die Grenze verläuft. Ab wann sollte ich mich denn unzulänglich fühlen dürfen? Wie sähe ich denn dann aus? Nun...bei meinem Gewicht würden mir die verwirrten Kritikerinnen von Amy Schumer wahrscheinlich mehr Verständnis in dieser Hinsicht entgegenbringen. Natürlich demonstriert diese Art der Kritik aber auch nur wieder die unlösebare Verhaftung der meisten Leute im Glauben an die Bedeutung und und Gültigkeit von Schönheitsstandards. Sie sollten alle nachsitzen. Und tausendmal "Schönheitsnormen schaden allen Menschen" an die Tafel schreiben.


NH

Freitag, 22. Juni 2018

Warum ich den Film "Embrace" wirklich schlecht finde

Es soll ja Frauen geben, die bei der Doku "Embrace" der Australierin Taryn Brumfitt vor Ergriffenheit geweint haben. Mich ergriff mal wieder nur die kalte Wut. Denn der Film ist echt schlecht. Und so unehrlich wie ein Sechseuroschein. Was er nicht ist, ist feministisch - auch wenn Wikipedia das behauptet. 

In dem Film geht es um das westliche weibliche Schönheitsideal. Eigentlich sollte es wohl herausgefordert und hinterfragt werden, aber dazu war offenbar wieder keiner so richtig in der Lage. Zu tief hängen doch immer wieder die Wurzeln im Sumpf der jahrzehntelangen eigenen Programmierung. Trotz der Auftritte der Aktivistin Jes Baker (die mit der Abercrombie-Fitch-Fotoreihe) und der Wissenschaftlerin und Aktivistin Linda Bacon schafft es der Film zu keiner Zeit, die Orientierung am Normativen zu überwinden. 

Es ist das alte, ermüdende Spiel. Wir sind für eine Minute ganz doll empört über rigide Schönheitsnormen, denen wir bis dahin und eigentlich auch weiterhin gern selbst entsprächen und tun außerdem ganz kurz so, als seien schließlich alle Menschen irgendwie schön, besonders dann, wenn wir "Ausstrahlung" mit ins Spiel bringen. Es gibt natürlich auch Wichtigeres als Schönheit - z.B. Kinder zu kriegen und Marathons zu laufen. Aber dazu später. 


Ob es "Schönheit" überhaupt gibt und warum irgendwer überhaupt schön, bzw. ersatzschön sein muss, ist kein Thema. Das ließe sich auch nicht mehr in ganz so flauschiger Art verpacken. Aber Radikalität ist Frau Brumfitts Sache selbstverständlich nicht. Da ist auch Mitproduzentin Nora Tschirner wenig hilfreich. Die wird nicht müde zu betonen, wie unwichtig ihr Äußerlichkeiten und wie langweilig Glamour und rote Teppiche sind - nur um im Film selbst mit Brumfitt auf einem eben solchen zu stehen. Damit wir wissen, dass sie sehr wohl ein Teil der Glitzerwelt ist, obwohl es ihr nichts, aber auch gar nichts bedeutet...Yupp.

Für Taryn Brumfitt begann ihr Engagement auf dem Gebiet der Selbstakzeptanz mit einem biederen Nacktfoto (der biedere Ehemann beschreibt es erleichtert als "geschmackvoll"), das im Internet virale Verbreitung erfuhr. Es zeigte ihren Post-Baby-Body sitzend mit Rettungsring um den Bauch. Als dreifache Mutter wollte sie ein Zeichen setzen und die Welt wissen lassen, dass sie sich ihr "Wellfleisch verdient" habe. Soll heißen - der angenommenen Unattraktivität des Körpers steht hier eine Leistung, bzw. ein Nichtselbstverschulden gegenüber.


In einer Flut von E- Mails von verzweifelten Frauen wurde Taryn danach angeblich gefragt, wie sie es geschafft habe, ihren etwas abgenutzten Körper zu lieben. Dummerweise sind sie da alle an die falsche geraten. Denn Taryn Brumfitt liebt ihren Körper nicht. Wer seinen Körper liebt, muss sein Aussehen nicht in einem Film von 90 Minuten Länge pausenlos rechtfertigen.

Zu kitschiger Musik wird Brumfitts erstes Kind vor unseren Augen geboren. (Das mit den Kreißsaalvideos hab ich ja ehrlich noch nie verstanden.) Trotz der "Jellybellymess", die dadurch entsteht, sagt Brumfitt den Termin für die Bauchstraffung doch noch ab, um ihrer Tochter ein "gutes Vorbild" zu sein. Als ob es eine zur moralischen Heldin macht, keine Schönheitsoperation zu haben, sondern lieber etwas viel Drastischeres zu tun, um zu genügen: Nach 15 Wochen Training nimmt Brumfitt an einem Body-Building-Wettbewerb teil. 


Das Foto von gestählten Muskeln wird zum Vorher-Foto, das mit dem Rettungsring zum Nachher-Foto. Verkehrte Welt und gut für 3,6 Millionen Klicks.

Im Film bespricht Brumfitt die bedauerliche Tatsache, dass sich "45% aller Frauen mit gesundem Gewicht für übergewichtig halten" mit der Chefredakteurin der australischen Cosmopolitan, Mia Freedman. Die setzt sich ja irgendwie schon seit immer dafür ein, dass sich daran etwas ändert. Was, wird mithin nicht klar, bzw. eher nicht weiter thematisiert. Viel wichtiger ist aber, dass hier ganz selbstverständlich von beiden Frauen davon ausgegangen wird, dass es Körper gibt, deren Eigentümerinnen sie fälschlicherweise für maßlos, also für zu dick, halten und solche, die wirklich zu dick sind. Denen, die sich zu dick finden, sollte geholfen werden. Die "echten" Dicken fallen unter den Tisch. Klonk! Die sind ja auch nicht gesund.

Und schwupps - da joggt Taryn Brumfitt schon wieder durchs Bild. Das passiert im Film öfter mal, denn schließlich ist sie kein "lazy pig". Ihr Körper ist "fit and strong" und kann, wir hörten schon davon, einen Marathon überstehen. Kurz danach stehen die Chancen übrigens ziemlich gut, wieder Bilder von Schwangeren zu sehen. Das kitschig-penetrante Herumreiten auf weiblicher Fruchtbarkeit als ultimativem Leistungsbeweis und Ablassbrief im Hinblick auf das Lockern von Körpernormen ist regelrecht ein wenig eklig. Offenbar sind Dellen und hängende Brüste vor allem dann akzeptabel, wenn sie durch Fortpflanzung entstanden sind. Weil: Geburt = Leistung = Normabweichung verdient. Was bitteschön ist also mit Körpern, die nichts leisten? Die weder Kinder bekommen, noch joggen, noch fit sind, noch Öffentlichkeitsarbeit machen? Und was ist mit Körpern, die den gängigen Standards noch nie entsprochen haben? Einfach so. Ohne besonderen Grund oder Niederlage?

Grundsätzlich geht es in dem Film nämlich vorrangig um "schuldlos" verlorene Normattraktivität. Bei zwei der Gesprächspartnerinnen haben gar Tumore bzw. ein Feuer zu großen Veränderungen im Gesicht geführt. Aber auch diese Frauen "verdienen" sich ihr Recht auf diese Abweichung durch außergewöhnliches öffentliches Engagement und einen unerschütterlichen, ja fast übermenschlichen Optimismus: "Maybe it was the best thing that ever happened to me." (Turia Pitt, Brandopfer)

Was oberflächlich so aussieht wie eine rosafarbene  Pyjamaparty unter mittelalten Frauen mit Selbsthilferuppeneinschlag ist in Wirklichkeit am Ende auch nicht anderes als knallharte Beurteilung, Festhalten an Normen und Leistungsprinzipien und entsprechend der Aufruf - na, wozu wohl - richtig, an sich zu arbeiten. Und zwar immerzu. Wenn schon nicht am Körper, so doch an der eigenen Einstellung.

NH

Sonntag, 24. Mai 2015

Proseminar Selbstakzeptanz für Dicke


Fimo-Vagina - eines meiner "entweder du verwendest den Kram JETZT, oder er kommt weg"-Werke. Die Masse war schon ganz bröckelig, aber ich bin froh, dass ich diese Vagina noch  geknetet habe - sie steht für die Freude am Körper, die entsteht, wenn man neu  und mutig hinsieht, Grenzen und Tabus im Kopf überwindet, unbekanntes Land endlich richtig kennen lernt und sich selbst zurückerobert.

11 Programmpunkte auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz und zu einem friedlicheren Zusammenleben mit dem eigenen, dicken Körper:


1. Den eigenen Körper wahrnehmen / kennenlernen

Wie gut hast du dir deinen dicken Körper überhaupt in der letzten Zeit / den letzten Jahren angesehen? Weißt du ganz sicher, wie dein nackter Rücken aussieht? Kennst du deine Oberarme wirklich? Oder deine Knie? Die Unterseite des Busens? Den Verlauf der Dehnungstreifen und Krampfadern? Wie ist es mit der Innenseite der Oberschenkel? Oder der Poritze? Oder den Achseln?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers ist der erste Schritt zu dicker Selbstakzeptanz. Dazu sind mehrere größere und kleinere Spiegel natürlich hilfreich. Ich selbst habe mich am Anfang meiner Reise von allen Seiten fotografiert und gefilmt - auch die Stellen, die schwerer zugänglich sind. Es kann übrigens auch nicht schaden, sich mal so richtig zu beschnuppern.

Wer besonders gründlich sein will, kann ein kurzes "Reisetagebuch" führen: Wie sieht es aus in den Achseln? Sind da Narben vom Rasieren, von denen man nichts wusste? Ist die Farbe der Haut etwas dunkler? etc.

Der Zweck der Übung ist folgender: Man kann nur wirksam akzeptieren, was man auch kennt. Außerdem stehen die Chancen gut, dass diese Art der Betrachtung aus dem gefühlt unförmigen, unbekannten Monsterkörper wieder einen guten Bekannten macht, der ganz bestimmt nicht überall so grauslich ist, wie man ihn für lange Zeit zuvor verbucht hat. Selbst das, was man nicht schön findet, verdient es, betrachtet und beschrieben zu werden. So wie man es auf einer tatsächlichen Reise auch tut.

Das Beste: Man gewöhnt sich an den Anblick der eigenen dicken Körperlandschaft, wenn man sie regelmäßig wahrnimmt. Der Anblick wird "normal". Und was wir "normal" finden, TATATAAA, finden wir automatisch irgendwann auch nicht mehr hässlich.

2. Vorbilder suchen

Einige Jahre bevor ich mich entschied, mich dem Schlankheitsterror zu entziehen, saß ich in einem Café und der Kaffee wurde von einer wirklich coolen, hübschen, jungen und sehr dicken Kellnerin serviert. Sie war tätowiert und hatte ein paar Piercings im Gesicht. Sie hatte braune, hochgezwirbelte Haare, einen sehr großen Busen unter dem engen, weißen T-shirt und trug abgewetzte Birkenstock-Sandalen. Ihre Fußnägel waren dunkel lackiert.Sie war nicht einmal besonders freundlich, sondern eher ein wenig genervt. Aber sie war vermutlich (und leider) die allererste dicke Frau, bei der ich die Körperfülle nicht als störend empfand, sondern als stimmiges und dazugehöriges Merkmal ihrer Erscheinung. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mutter sagte: "Die ist aber hübsch." Und meine Mutter drehte sich ein wenig überrascht um, guckte und sagte dann: "Ja, stimmt." Und ich dachte damals: "Wenn es möglich ist, dick und cool zu sein - warum schaffe ich das nicht?" Ich erinnere mich an all das so genau, weil ich tatsächlich einen Tagebucheintrag über die Begegnung verfasst habe - auf meinem Blackberry (so lange ist das schon her), noch während ich dort am Tisch saß. Trotzdem war ich gedanklich noch immer im Diät-Modus.

Das Internet ist eine ganz besonders gute Quelle, um sich dicke Vorbilder zu suchen und zu finden. Fatshion- und Fettakzeptanzblogs und- vlogs sind voll mit dicken, schicken und mutigen Frauen, die öffentlich interessante Dinge tun und wissen. Auch die Zahl dicker Popkultur-Vorbilder hat in den letzten Jahren zugenommen - ich persönlich verdanke ja Beth Dito und Melissa McCarthy eine ganze Menge.

Wenn man sich mit attraktiven, dicken Vorbildern / Bildern umgibt, passieren drei Dinge: Man gewöhnt sich daran, dass dicke Körper überhaupt auf positive Weise sichtbar gemacht und in den Vordergrund gerückt werden. Der eigene, innere Richter verändert seine Kriterien, und man gewöhnt sich an die Idee, dass dick gut/erfolgreich/schön/etc. ist. Das führt irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass das eigene Fett auch schön und erfolgreich sein kann.

3. Andere dicke Körper wahrnehmen

Andere dicke Körper im wahren Leben oder in Büchern und im Internet zu betrachten, ist ein sinnvolle Übung, weil man feststellt, dass es natürgemäß recht viele Ähnlichkeiten gibt. Und an anderen Körpern findet man Dehnungstreifen mitunter weniger "unansehnlich", als an sich selbst. Dabei sind es im Prinzip die gleichen Streifen. Wieder geht es um eine Veränderung der Perspektive hin zu "Normalität". Wer sich regelmäßig andere Körper, die gängigen Schönheitsstandards nicht entsprechen, genau ansieht, stellt fest, dass es "normal" ist, diesen Standards nicht zu entsprechen.

4. Lesen, Lesen, Lesen

Teil meines Einstiegs in die dicke Selbstakzeptanz war die eifrige Lektüre von einschlägigen Blogs und Büchern zum Thema Fettakzeptanz, die mich dankenswerter Weise und üppig mit Strategien, Informationen und moralischer Unterstützung versorgt haben. Leider ist Fettakzeptanz bisher kein wirklich großes Thema in Deutschland, so dass die folgende kurze Liste mit "Klassikern" zum Thema ausschließlich auf Englisch zu haben ist.

Lesley Kinzel: Two Hole Cakes

Virgie Tovar (Hrsg.): Hot & Heavy

Golda Poretsky: Stop Dieting Now

Wendy Shanker: The Fat Girl's Guide to Life

Marilyn Wann: Fat!So?

Rebecca Jane Weinstein: Fat Sex

Kate Harding, Marianne Kirby: Lessons from the Fat-O-Sphere

5. Sex

Ich habe immer wieder beschrieben, was für eine große Hilfe die Begegnung mit Fettliebhabern dabei war, meinen dicken Körper selbst schön zu finden und mich auch in sexueller Hinsicht nicht mehr für ihn zu schämen, sondern regelrecht stolz auf ihn zu sein. Kontakt zu gutaussehenden, respektvollen und leidenschaftlichen Fettliebhabern findet frau im Internet in der Regel ohne große Schwierigkeiten. Natürlich sind gesunder Menschenverstand, konsequente Selbstfürsorge und Klarheit über die eigenen Wünsche und Grenzen, sowie angemessene Gründlichkeit bei der Auswahl immer essentielle Voraussetzungen beim Online-Dating.

Es lohnt sich sehr, Sex mit jemandem zu haben, der den oftmals lang schamhaft verhüllten und diffarmierten Körper einfach nur super findet. Es ist eine unbezahlbare Erfahrung, die ich jeder von unserer fettphobischen Kultur entmutigten Frau wünsche.

Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der das Gegenüber eine im Grunde negative/neutrale Einstellung zum Fett hat, sollte die Sache unbedingt auf den Tisch bringen. Partner, die einem nicht das Gefühl geben, dass man attraktiv ist, sind nicht gut. Für niemanden! Und ganz besonders nicht für jemanden, der um Selbstakzeptanz kämpft.

In einigen, komplett anders gelagerten Fällen könnte sich bei einem offenen Grundsatzgespräch herausstellen, dass der Partner das Fett lieber mag, als man selbst geglaubt hat. Das ist dann ja auch mal gut zu wissen. ; )

6. Intuitives Essen

Dicke Selbstakzeptanz und Diät-Programme schließen einander aus. Ich kann nicht mit einem Bein im Diät-Land stehen bleiben, wenn ich eine wirkliche Veränderung meines Lebens und meiner Einstellung zu mir selbst erreichen will. Diäten scheitern. Scheitern fühlt zu Schuldgefühlen, und Schuldgefühle fahren das Selbstwertgefühl in den Keller. Das kann man sich auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz schlicht nicht leisten.

Dicke Selbstakzeptanz heißt, sich heute für den Körper zu entscheiden, den man heute hat, und fortan gut zu ihm zu sein. Das bedeutet, ihn nicht mehr mit Verachtung zu strafen und ihn gedanklich zu beschimpfen. Das Bedeutet aber auch, ihn nicht mehr phasenweise hungern zu lassen, oder mit klumpigen Weight-Watchers-Fertiggerichten zu quälen.

Ich habe ja, wie berichtet, sehr gute Erfahrungen mit "intuitivem Essen" gemacht. Die Regeln des intuitiven Essens sind sehr einfach: Iss das, was du willst, wann du es willst und höre auf, wenn du satt bist. Nein, man wird sich in Zukunft nicht nur von Kartoffelchips ernähren. Das ist die Erfahrung so ziemlich aller intuitiven Esserinnen, von denen ich gelesen oder mit denen ich gesprochen habe: Wer isst, was er will, stellt fest, dass der Körper sehr viele verschiedene Sachen will, wenn er alles haben DARF. Und nein, er wird auch bestimmt nicht so groß wie ein Zeppelin, weil ein Körper, der alles essen darf, keine Angst vor Hungersnöten hat, und außerdem nicht durch Schuldgefühle bei jedem Bissen gestresst ist, gar nicht mehr alles essen WILL.

7. Sich endlich Wut gestatten und Angriffe abwehren

Angreifer lauern überall. Ich habe sogar schon von meinen Fettliebhabern gesagt bekommen, dass sie ein wenig auf ihre Figur achten müssen und lieber keinen Apfelkuchen wollen. Freundinnen und Kollegen jammern auch gern über ihre schier unförmigen Körper, während man dick daneben steht. Verwandte und Partner werden leicht mal etwas deutlicher und persönlicher, wenn es darum geht, das Fett von Angehörigen zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Und offenbar gibt es auch Idioten auf freier Wildbahn, die einen im Supermarkt über Ernährung belehren wollen, die Beleidigungen über die Straße schreien oder am Nebentisch tuscheln. Ärzte können ja auch oft nur schwer mit ihren Vorurteilen hinterm Berg halten.

Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass man eine solch respekt- und oft gedankenlose Behandlung durch die Umwelt NICHT VERDIENT. Die anderen sind die, die falsch liegen. Sie haben die Regeln einer fettphobischen Gesellschaft so stark verinnerlicht, dass ihnen Feingefühl und Kinderstube in den beschriebenen Situationen offenbar komplett abhanden kommen. Und das muss man nicht hinnehmen. Das muss man ansprechen.

Man könnte damit beginnen, das Gegenüber in ruhigem Ton darüber zu informieren, dass man sich in Zukunft nicht mehr über die Bekämpfung von Fett auseinandersetzen wird, weil man sich so OK findet, wie man ist. Man kann auch (Fremden) mitteilen, wie mies man sich eigentlich jedes Mal fühlt, wenn jemand negative Bemerkungen über Dicke macht. Eine anschließende Diskussion ist übrigens nicht nötig und auch nicht wünschenswert. Tatsächlich fordert man hier nämlich nur die Einstellung eines Verhaltens, das man niemals so lange hätte aushalten sollen.

Man kann sich alternativ auch über die Angreifer lustig machen - man kann z.B. der jammernden Freundin zustimmen, wenn sie wieder über ihre Oberarme nörgelt und sie ausfragen, was sie denn nun endlich dagegen zu tun gedenkt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie was merkt.

Wer sich im Ringen um Selbstakzeptanz so richtig weit zurückgeworfen fühlen will, muss neben allem anderen natürlich nur den Fernseher einstellen, oder eine Zeitschrift aufschlagen. Mainstream-Medien sind etwas, das man als Dicker im Interesse des eigenen Selbstbewusstseins ohnehin nur sehr sorgfältig ausgewählt nutzen sollte. Und dabei sollte man gedanklich immer seine kugelsichere Weste tragen.

8. Regelmäßige Angreifer aussortieren

Manchmal dauert es etwas, bis das Umfeld begreift, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Bemerkungen über Diäten und Fett gehen vielen Menschen reflexartig über die Lippen, und oft fällt es ihnen ausgesprochen schwer, damit aufzuhören - selbst wenn sie es wollen. Wenn sie verstehen, worum es geht und sich bemühen, ist schon sehr viel gewonnen. Bei allen, die das nicht tun, muss man sich irgendwann fragen, wie viel Zeit man noch mit ihnen verbringen kann. Dicke Selbstakzeptanz ist schwer und kein Spiel, und es hängt viel davon ab.

9. Mit anderen Dicken kommunizieren

Der Austausch mit anderen "Betroffenen" hilft immer! Dicke Biographien ähneln sich oft auf erstaunliche Weise, und es ist keine Neuigkeit, dass es schlicht gut tut, zu wissen, dass man mit seinen negativen Erfahrungen nicht allein ist. Auch hier dürfte das Internet wieder eine bevorzugte Anlaufstelle sein, aber es gibt natürlich auch analog dicke Stammtische, Selbsthilfegruppen etc.. Ich selbst trage mich ja auch immer noch mit dem Gedanken, irgendwann einen "Club der dicken Damen" zu gründen.

10. Den Kleiderschrank überarbeiten

Ein Kleiderschrank, der voll ist mit Kleidern, die einem erst in schlanker Zukunft passen, ist voll mit Schuld und Versagen und Negativität - egal wie schön die Kleider sind. Weg damit! Die Umgestaltung meiner Garderobe war ein ganz entscheidender Schritt für mich. Schöne Kleidung, die man gern anzieht, ist Wertschätzung, die der Körper endlich verdient hat. Ich habe heute (fast*) nur noch Kleidungsstücke im Schrank, die ALLE der folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Ich finde sie schön.
2. Sie passen mir gut.
3. Sie sind bequem.
4. Sie sind heil**.

Mein Ziel war/ist es außerdem, mich bei meiner Kleiderwahl zukünftig "mehr zu trauen" (enger, bunter, ausgefallener), und dadurch sichtbarer zu werden. Denn öffentliche Sichtbarkeit ist für Dicke oft eine regelrechte Mutprobe. Und eine wichtige Übung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.

*Bis auf ein paar Erb- und Erinnerungsstücke.

**Das ist in der Tat eine große Sache, denn ich habe ja schon mal über die Hosen mit den zerschrabbelten Stellen zwischen den Oberschenkeln gesprochen, und wie schmerzhaft das werden kann.

11. Aktiv werden (in jeder Hinsicht)

All die vorangegangenen Punkte erfordern, dass man den Mut zusammennimmt, den es braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist das aber etwas, was man trainieren kann, und was bei regelmäßiger Übung immer leichter wird. Man sollte dann bei den oben beschriebenen Punkten auch nicht Halt machen. Man sollte sich und seinen dicken Körper ins Leben stürzen, und sich immer mehr trauen. Etwas, was vielen Dicken große Schwierigkeiten macht, ist z.B. der Gang ins öffentliche Schwimmbad. Vermeidung ist nur selten eine befriedigende Lösung.

Aber weil man sich selbst schneller akzeptieren wird, als die Umwelt, muss man als dicker Mensch auch in Zukunft oft Mut aufbringen, um öffentlich das zu tun, was man will: Schwimmen, Tanzen, Vorträge halten, bunte Hüte tragen, seine Meinung sagen, Eis essen. Aber man muss es tun, weil man das Leben nicht vermeiden kann, ohne es zu vertun.

Wie gesagt: Es wird alles leichter. Selbstakzeptanz führt zu mehr Mut, und mehr bestandene Mutproben zu noch mehr Selbstakzeptanz.


NH