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Freitag, 22. Juni 2018

Warum ich den Film "Embrace" wirklich schlecht finde

Es soll ja Frauen geben, die bei der Doku "Embrace" der Australierin Taryn Brumfitt vor Ergriffenheit geweint haben. Mich ergriff mal wieder nur die kalte Wut. Denn der Film ist echt schlecht. Und so unehrlich wie ein Sechseuroschein. Was er nicht ist, ist feministisch - auch wenn Wikipedia das behauptet. 

In dem Film geht es um das westliche weibliche Schönheitsideal. Eigentlich sollte es wohl herausgefordert und hinterfragt werden, aber dazu war offenbar wieder keiner so richtig in der Lage. Zu tief hängen doch immer wieder die Wurzeln im Sumpf der jahrzehntelangen eigenen Programmierung. Trotz der Auftritte der Aktivistin Jes Baker (die mit der Abercrombie-Fitch-Fotoreihe) und der Wissenschaftlerin und Aktivistin Linda Bacon schafft es der Film zu keiner Zeit, die Orientierung am Normativen zu überwinden. 

Es ist das alte, ermüdende Spiel. Wir sind für eine Minute ganz doll empört über rigide Schönheitsnormen, denen wir bis dahin und eigentlich auch weiterhin gern selbst entsprächen und tun außerdem ganz kurz so, als seien schließlich alle Menschen irgendwie schön, besonders dann, wenn wir "Ausstrahlung" mit ins Spiel bringen. Es gibt natürlich auch Wichtigeres als Schönheit - z.B. Kinder zu kriegen und Marathons zu laufen. Aber dazu später. 


Ob es "Schönheit" überhaupt gibt und warum irgendwer überhaupt schön, bzw. ersatzschön sein muss, ist kein Thema. Das ließe sich auch nicht mehr in ganz so flauschiger Art verpacken. Aber Radikalität ist Frau Brumfitts Sache selbstverständlich nicht. Da ist auch Mitproduzentin Nora Tschirner wenig hilfreich. Die wird nicht müde zu betonen, wie unwichtig ihr Äußerlichkeiten und wie langweilig Glamour und rote Teppiche sind - nur um im Film selbst mit Brumfitt auf einem eben solchen zu stehen. Damit wir wissen, dass sie sehr wohl ein Teil der Glitzerwelt ist, obwohl es ihr nichts, aber auch gar nichts bedeutet...Yupp.

Für Taryn Brumfitt begann ihr Engagement auf dem Gebiet der Selbstakzeptanz mit einem biederen Nacktfoto (der biedere Ehemann beschreibt es erleichtert als "geschmackvoll"), das im Internet virale Verbreitung erfuhr. Es zeigte ihren Post-Baby-Body sitzend mit Rettungsring um den Bauch. Als dreifache Mutter wollte sie ein Zeichen setzen und die Welt wissen lassen, dass sie sich ihr "Wellfleisch verdient" habe. Soll heißen - der angenommenen Unattraktivität des Körpers steht hier eine Leistung, bzw. ein Nichtselbstverschulden gegenüber.


In einer Flut von E- Mails von verzweifelten Frauen wurde Taryn danach angeblich gefragt, wie sie es geschafft habe, ihren etwas abgenutzten Körper zu lieben. Dummerweise sind sie da alle an die falsche geraten. Denn Taryn Brumfitt liebt ihren Körper nicht. Wer seinen Körper liebt, muss sein Aussehen nicht in einem Film von 90 Minuten Länge pausenlos rechtfertigen.

Zu kitschiger Musik wird Brumfitts erstes Kind vor unseren Augen geboren. (Das mit den Kreißsaalvideos hab ich ja ehrlich noch nie verstanden.) Trotz der "Jellybellymess", die dadurch entsteht, sagt Brumfitt den Termin für die Bauchstraffung doch noch ab, um ihrer Tochter ein "gutes Vorbild" zu sein. Als ob es eine zur moralischen Heldin macht, keine Schönheitsoperation zu haben, sondern lieber etwas viel Drastischeres zu tun, um zu genügen: Nach 15 Wochen Training nimmt Brumfitt an einem Body-Building-Wettbewerb teil. 


Das Foto von gestählten Muskeln wird zum Vorher-Foto, das mit dem Rettungsring zum Nachher-Foto. Verkehrte Welt und gut für 3,6 Millionen Klicks.

Im Film bespricht Brumfitt die bedauerliche Tatsache, dass sich "45% aller Frauen mit gesundem Gewicht für übergewichtig halten" mit der Chefredakteurin der australischen Cosmopolitan, Mia Freedman. Die setzt sich ja irgendwie schon seit immer dafür ein, dass sich daran etwas ändert. Was, wird mithin nicht klar, bzw. eher nicht weiter thematisiert. Viel wichtiger ist aber, dass hier ganz selbstverständlich von beiden Frauen davon ausgegangen wird, dass es Körper gibt, deren Eigentümerinnen sie fälschlicherweise für maßlos, also für zu dick, halten und solche, die wirklich zu dick sind. Denen, die sich zu dick finden, sollte geholfen werden. Die "echten" Dicken fallen unter den Tisch. Klonk! Die sind ja auch nicht gesund.

Und schwupps - da joggt Taryn Brumfitt schon wieder durchs Bild. Das passiert im Film öfter mal, denn schließlich ist sie kein "lazy pig". Ihr Körper ist "fit and strong" und kann, wir hörten schon davon, einen Marathon überstehen. Kurz danach stehen die Chancen übrigens ziemlich gut, wieder Bilder von Schwangeren zu sehen. Das kitschig-penetrante Herumreiten auf weiblicher Fruchtbarkeit als ultimativem Leistungsbeweis und Ablassbrief im Hinblick auf das Lockern von Körpernormen ist regelrecht ein wenig eklig. Offenbar sind Dellen und hängende Brüste vor allem dann akzeptabel, wenn sie durch Fortpflanzung entstanden sind. Weil: Geburt = Leistung = Normabweichung verdient. Was bitteschön ist also mit Körpern, die nichts leisten? Die weder Kinder bekommen, noch joggen, noch fit sind, noch Öffentlichkeitsarbeit machen? Und was ist mit Körpern, die den gängigen Standards noch nie entsprochen haben? Einfach so. Ohne besonderen Grund oder Niederlage?

Grundsätzlich geht es in dem Film nämlich vorrangig um "schuldlos" verlorene Normattraktivität. Bei zwei der Gesprächspartnerinnen haben gar Tumore bzw. ein Feuer zu großen Veränderungen im Gesicht geführt. Aber auch diese Frauen "verdienen" sich ihr Recht auf diese Abweichung durch außergewöhnliches öffentliches Engagement und einen unerschütterlichen, ja fast übermenschlichen Optimismus: "Maybe it was the best thing that ever happened to me." (Turia Pitt, Brandopfer)

Was oberflächlich so aussieht wie eine rosafarbene  Pyjamaparty unter mittelalten Frauen mit Selbsthilferuppeneinschlag ist in Wirklichkeit am Ende auch nicht anderes als knallharte Beurteilung, Festhalten an Normen und Leistungsprinzipien und entsprechend der Aufruf - na, wozu wohl - richtig, an sich zu arbeiten. Und zwar immerzu. Wenn schon nicht am Körper, so doch an der eigenen Einstellung.

NH

Samstag, 24. November 2012

Ganz viel Sex


 
Rebecca Jane Weinstein, Juristin und Gründerin der Fett-Akzeptanz-Plattform PeopleOfSize.com, hat ein Buch über etwas geschrieben, was nicht mehr ganz so unvorstellbar ist, wie es mal war. Aber noch immer ZIEMLICH unvorstellbar – leider auch oft und vor allem für die, die es direkt betrifft. Der Titel des Buches ist Fat Sex. Und es handelt von dicken Menschen und dem Sex, den sie haben – oder eben nicht haben.

Und viele dicke Menschen haben viel Sex NICHT. Weil sie sich für ihren Körper schämen, weil sie sich nicht vorstellen können, dass jemand sie attraktiv finden könnte, und weil viele Menschen dicke Körper tatsächlich nicht attraktiv finden, oder sich schämen, zuzugeben, dass sie es doch tun.

In einem Interview sagte die Autorin, dass das Buch allerdings auch darlege, dass dicke Menschen ebenso normale und/oder außergewöhnliche sexuelle Entwicklungen durchmachen, wie alle anderen. Der Inhalt des Buches scheint jedoch gleichzeitig zu belegen, dass ein sehr hohes Gewicht insbesondere für Frauen, bemerkenswert weichenstellend sein kann und häufig dazu führt, dass sexuelle Selbstfindung und Bestätigung härter und auf Umwegen erkämpft werden müssen.

Should fatties get a room?* (Will man dicken Leuten beim Knutschen zusehen?)

Die amerikanische Sitcom „Mike & Molly“ erzählt aus dem Alltag eines Paares, in dem beide Partner dick sind. Sie lernen sich in einer Selbsthilfegruppe kennen und versuchen immer mal wieder, eine Diät durchzuhalten – aber das Übergewicht der beiden spielt im weiteren Verlauf thematisch eine nur untergeordnete Rolle. Ich selbst habe die Serie bisher gern gesehen – und eine DVD beim letzten kleinen Preisausschreiben verschenkt. In den USA, wo sie 2010 anlief,  war „Mike & Molly“ mittelprächtig erfolgreich, schaffte es aber bis zur mittlerweile dritten Staffel. In Deutschland war sie, so muss man es wohl sagen, ein Flop und wurde von SAT1 eigestellt.

Wenn man davon ausgeht, dass mittlerweile ein Drittel aller erwachsenen Amerikaner auf Basis des Fantasiemaßstabes BMI als adipös einzustufen ist und die Hälfte der Deutschen zumindest als übergewichtig, dann ist es umso erstaunlicher, dass all diese runden Leute offenbar wenig Wert darauf legen, Schauspielern, die so aussehen, wie sie selbst, auf ihren Fernsehbildschirmen dabei zuzuschauen, wie sie die Tücken eines normalen Paaralltags meistern. Offenbar sehen wir alle sehr viel lieber, wie Dicke im Format „The Biggest Loser“ als Strafe für ihre Fülle kaserniert, gedemütigt und vorgeführt werden. Wer Geschichten mit dicken Menschen erzählen will, in denen das Dicksein Tatsache aber weder vorrangig komisches Element noch zu bekämpfendes Übel ist, der stößt leicht an seine Grenzen. Und an die des Publikums, das sich oft selbst nicht leiden kann und darum für das eigene Fett und/oder das anderer in weiten Teilen nicht viel mehr als Abscheu übrig hat.

Aber „Mike & Molly“ enthielt unerwartet offenbar auch Zündstoff für eine handfeste Kontroverse in dessen Zentrum die magersüchtige Kolumnistin Maura Kelly stand und in dessen Verlauf die amerikanische Ausgabe der Marie Claire einen nicht unerheblichen Anteil ihrer Abonnentinnen verlor. Kelly wurde mit der eigentümlichen Aufgabe betraut, als Reaktion auf „Mike & Molly“ für die Website des Magazins eine Kolumne darüber zu verfassen, „ob es für Zuschauer wirklich unangenehm ist, dicken Leuten beim Knutschen zuzusehen“. Denn Mike und Molly küssen sich. Und sie haben Sex. Der wird natürlich nicht gezeigt, aber oft erwähnt. Maura Kelly verfasste daraufhin ein bösartiges kleines Traktat darüber, warum sie Dicke grundsätzlich ekelhaft findet („Yes, I think I’d be grossed out if I had to watch two characters with rolls and rolls of fat kissing each other…because I’d be grossed out if I had to watch them doing anything.”) und die Andeutung dicker Sexualität erst recht. Wer auch immer tatsächlich entschied, dass der Artikel auf der Seite veröffentlicht werden würde, mag vielleicht eine kleine, überschaubare Provokation beabsichtigt haben, hatte aber die Rechnung eindeutig ohne die Leserinnen gemacht, die sich in diesem Fall zu einem ungeahnten Shitstorm aufschwangen. Maura Kelly musste sich entschuldigen. Sie schob den Ausrutscher auf die durch die eigene Essstörung verzerrte Wahrnehmung. Liest man Kellys Text vor diesem Hintergrund noch einmal, wird offensichtlich, wie sehr ihre ungefilterten Angriffe auf die Körperlichkeit anderer in Wahrheit vor Selbsthass nur so triefen. Dennoch ist auch klar, dass sie mit ihrem Ekel in einer essgestörten Gesellschaft nicht allein ist. So hatte der Fernsehsender CBS einem CNN-Bericht zufolge durchaus auch von Zuschauern Beschwerden bezüglich der Küsse unter Dicken erhalten.

Fetish walking (Achtung: wandelnder Fetisch)

Ist der Sex, den dicke Leute haben, ekelhaft? Oder reflektiert der Ekel vor dickem Sex genauso auf den zurück, der ihn verspürt und äußert, wie der allgemeine Ekel vor Dicken? Ist es obendrein ein Problem mit der eigenen Sexualität, die Menschen wie Kelly daran hindert, leben und leben zu lassen?

Immerhin die Ansicht, dass es zumindest NICHT normal ist, eine spezifische sexuelle Vorliebe für dicke Körper zu haben, dürfte noch immer weitverbreiteter sein, als das Gegenteil. Aber es ist nicht nur das. Rebecca Jane Weinstein legt in ihrem Buch dar, es werde außerdem gemeinhin unterstellt, dass ein dicker Körper so unattraktiv ist, dass man über ihn auch dann nicht hinwegsehen kann, wenn andere Eigenschaften einer Person umso liebenswerter sind. Wenn also ein Nicht-Dicker eine Beziehung mit einem dicken Menschen eingeht, weil er primär seinen Humor oder seine Energie sexy findet, kann er genauso leicht in Erklärungsnot geraten, wie derjenige, der sich explizit zu runden Körpern hingezogen fühlt. Die Freunde können es nicht glauben. Die Familie versteht es nicht. Die Kollegen machen sich lustig. Was DARF einen anmachen?

Weinstein wirft einen näheren Blick auf die heimische (US-amerikanische) Pornoindustrie und stellt fest, dass es, gemessen an Verkaufszahlen und der Fülle pornographischer Darstellungen mit dicken – in der Hauptsache – Protagonistinnen, bei weitem nicht mehr als „unnormal“ bezeichnet werden kann, an runden Körpern sexuell interessiert zu sein. Dicke Pornographie ist kein Nischenmarkt, sondern Big Business, bei dem Milliarden mit sexuell aktivem, wogendem Fett verdient werden. Gibt man tatsächlich einfach nur einmal spaßeshalber „fat sex“ bei Google ein, bekommt man innerhalb von 0,15 Sekunden 395.000.000 Ergebnisse. Eine Bekannte, die sich mit der Materie ein bisschen auskennt, erzählte mir unlängst: „Die erfolgreichsten Prostituierten auf dem Kiez sind jedenfalls keine kleinen, dünnen Mädchen.“

Warum also sollte man als dicker Mensch und insbesondere als dicke Frau Sorge haben, nicht zu genügen? Und sexuell schlicht unattraktiv/inakzeptabel zu sein? Warum gibt kaum einer zu, dass er Dicke aufregend findet, wenn es doch offensichtlich so viele tun? Die Antwort wurde oben bereits gegeben. Die Gesellschaft befindet sich im Krieg gegen das Fett. Weinstein sieht Liebhaber von dicken Körpern momentan in der Situation, in der vormals Schwule und Lesben waren. Heute seien sie es, der die Gesellschaft es schwer mache, sich zu „outen“. Denn wer Fett sexy findet, kann, wie gesagt, schlicht nicht richtig ticken. Muss „pervers“ sein. Womit wir beim „wandelnden Fetisch“ wären. Sexuelles Begehren, das sich laut Definition auf bestimmte Gegenstände oder Konstellationen von Körpern und Gegenständen richtet – viele Dicke wollen DAS nicht sein. Sie wollen verständlicherweise nicht in einen Topf geworfen werden mit Damenbärten, Nylonstrümpfen, Gasmasken und halbnackten Frauen, die mit ihrem Geländewagen im Schlamm stecken bleiben. Nicht dass damit irgendetwas nicht in Ordnung wäre, aber eine dicke Person ist nun einmal zunächst weder ein Objekt noch eine Inszenierung. Mitunter sind sie deshalb misstrauisch. Gleichzeitig ist es oftmals schwer für sie, zu glauben, dass jemand, der sie (unerwarteterweise) sexuell will, dann auch an ihnen als Person interessiert ist. Oder dass er Körpermaße gar nicht so wichtig findet.

Was sich da außerdem leicht erschwerend ins Bild schiebt, ist die eher gruselige Variante von Feedern (Fütterern) und Gainern/Feedees (Gefütterten). Bei der Vorstellung, in eine Beziehung zu geraten, in der es das erklärte Ziel des Partners ist, den anderen zu mästen und so mehr und mehr Kontrolle über den immer unbeweglicher werdenden Körper zu erlangen, dürften den meisten Dicken die Haare zu Berge stehen. Natürlich kann jeder mit seinem Körper machen, was er will. Aber was muss insbesondere einer Frau vorher passiert sein, damit sie einwilligt, ihren gezielt zum Gefängnis auszubauen und sich so in letzter Konsequenz tatsächlich zum Fetisch, zum Objekt machen lässt? Und wie muss einer gestrickt sein, der diese Bereitschaft ausnutzt? (Ja, stimmt - ich habe wenig übrig für ungleiche Machtverhältnisse in sexuellen Zusammenhängen, verklagt mich ruhig! ; ))

Fetisch oder kein Fetisch: In den Geschichten der von Weinstein Befragten stellt sich trotz allem eines eindrucksvoll heraus: Offene Fat Admirers (Fettliebhaber) können unter Umständen eine wertvolle Anlaufstelle sein – vor allem für dicke Frauen – wenn es um Selbstakzeptanz geht. Die Erfahrung, dass ein anderer in der Lage ist, wildes Begehren für den selben Körper zu empfinden, mit dem man sich selbst im Zweifel seit Ewigkeiten im Krieg befunden hat, könne eine absolute Befreiung sein. Und es scheint mir einleuchtend. Man stelle sich das mal vor: Keine sorgenvollen Gedanken daran, was sich alles wellt oder wackelt. Beim Date mit einem Fat Admirer ist man als dicke Person schließlich genau das, was der andere wollte. Vermutlich ist nichts, was man an nackten Untiefen und Geheimgängen zu bieten hat, eine Überraschung für ihn. Da muss man das Licht nicht dimmen, um unsichtbar zu werden. Scham ist kein Rezept für guten Sex, und einige von Weinsteins Interview-Partnerinnen haben sich durch die gezielte Suche nach Sexpartnern mit einer expliziten Vorliebe für dicke Körper tatsächlich die Möglichkeit verschafft, die Scham zum ersten Mal in ihrem Leben in der Handtasche zu lassen. Klingt eigentlich wie ein hervorragender Deal. Und verlangt in der konkreten Umsetzung vermutlich trotzdem verdammt viel Mut. Aber wenn man vorhat, sich diese Erfahrung zu holen, sollte man es tunlichst VOR der nächsten Diät tun, denn das ist eine Chance, die mit jedem Gramm in der Tat schwindet. ; )

Was Weinsteins Buch jedoch wie gesagt auch dokumentiert, ist, dass dick zu sein fast immer einen deutlichen Einfluss auf die sexuelle Evolution eines Menschen hat. Meistens verzögert es Erfahrungen und führt in der Summe letztendlich sehr wohl zu mehr Demütigung und Ablehnung. Aber fast alle Schilderungen enden mit einer Stärkung des Selbstwertgefühls und mehr Selbstakzeptanz, die sich die Protagonistinnen und Protagonisten auf die eine oder andere Art individuell erarbeitet haben.

Ich habe mich gefragt, wie die immer wiederkehrende Erfahrung, dick und damit in einem gesellschaftlich inakzeptablen Körper zu leben, meine Sexualität beeinflusst hat und dazu verglichen, welche Erfahrungen im schlanken und welche im dicken Körper überwogen haben (und so komisch es klingen mag - es gab kaum Phasen "dazwischen"). Die Erfahrungen, die zumindest gefühlt am häufigsten gemacht wurden, stehen oben auf der Liste. Allerdings ist hier alles nur ungefähr. Und ein wenig verschwommen.

Dick

-          Von der Umwelt GAR NICHT als sexuell wahrgenommen werden.
-          Nicht gewollt werden. (Sollte man sich doch einmal getraut haben, Signale zu senden.)
-          Verwirrung und Panik bei (sehr seltenen) unerwarteten aber nicht unerwünschten   Annäherungsversuchen – warum will der mich? Und dann mit ziemlicher Sicherheit: Flucht!
-          Ganz selten: Unerwünschte Anmache.

Dünn (zumeist jedoch trotzdem eingebildet dick)

-          Verwirrung und Panik bei unerwarteten aber nicht unerwünschten Annäherungsversuchen – warum will der mich? (Endete auch nicht selten mit Flucht.)
-          Unerwünschte und oft aufdringliche Anmache, Annäherungsversuche, Belästigung.
-          Etwas mehr Selbstbewusstsein beim Ergreifen von Initiative und in der Konsequenz gewollt werden.
-         Nicht gewollt werden.

Ja, es war schon so: Immer, wenn ich dünn war, ging deutlich mehr. Allerdings musste man in solchen Phasen auch immer sehr viel mehr abwehren, was ich regelmäßig als ziemlich anstrengend empfunden habe. Und wo mehr ging, war auch sehr viel mehr Gelegenheit für akute Scham. Denn ohne die ging ich auch schlank nie aus dem Haus.

Vor ein paar Wochen habe ich im Zuge eines kleinen Fotoprojekts mal Bestandsaufnahme gemacht und meinen Körper nackt und aus purem Forscherinnendrang von allen Seiten und aus so ziemlich jeder möglichen Perspektive abgelichtet. Von nah und von fern. Man hat ja so viele Teile, die man naturgemäß nie wirklich zu Gesicht bekommt. Und ich war vorbereitet auf eine wahre Landkarte des Grauens. Aber dann kam es anders, und nicht alles, was ich sah, stürzte mich mehr in schiere Verzweiflung. Erstens gab es mir Sicherheit, jetzt genau zu wissen, was ich dem anderen wirklich „zumuten“ würde, wenn ich das Licht anließe. Und zweitens fand ich einige Bilder sogar richtig schön. Und dann dachte ich mir, wenn ich mich selbst, so wie jetzt nun einmal bin, zumindest aus bestimmten Blickwinkeln irgendwie sexy finden kann, dann kann das jemand anders auch…….Also wirklich, jetzt.

Weinsteins Fazit aus den von ihr gesammelten Schilderungen dicker Menschen ist ohnehin: Es sind Haltung und Selbstbewusstsein, die sexy machen. Ich hoffe, das ist eine gute Nachricht. Denn was für scheue Viecher gerade diese zwei ironischerweise sind, davon kann ich bekanntlich ein Lied singen.


*Gängiger englischer Ausspruch, wenn Leute in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zu deutlich zeigen – zumindest im Auge des Betrachters: Get a room you two, nobody wants to see that. (Nehmt euch gefälligst ein Hotelzimmer, das will doch keiner sehen.)

NH

Mittwoch, 8. August 2012

Am Beckenrand


Abseits der Frage, von was ich mich auf Grundsicherungsniveau ernähren soll, stellt sich in den letzten Tagen immer mehr und dringlicher eine ganz andere. Zwar habe ich inzwischen  schon irgendwie begriffen, dass ich ab jetzt  keine Diät mehr machen und nicht mehr dünn werden werde (und das ist etwas, womit sich mein Umfeld tatsächlich noch immer schwer tut), aber wie ich von „erst leben wenn dünn“ zu „leben jetzt gleich“ komme, ist mir noch nicht ganz klar. Hinzu kommt, dass die Entschlossenheit, aus dem Diät-Karussell auszusteigen, nicht automatisch auch noch dazu ausreicht, einen ins Abenteuerland zu tragen.

Was macht man nach vierzig Jahren mit einem aufgeschobenen Leben? Und wie hört man auf, aufzuschieben?

Was erlebt ein Dicker in vierzig Jahren medialer, gesellschaftlicher und gar politischer Diffamierung? Er paddelt täglich durch Fluten von Bildern, die untergewichtige, vorgetäuschte und unerreichbare Schönheit zur Bürgerinnenpflicht machen. Er lebt damit, den Beweis seines vermeintlichen Versagens Tag ein Tag aus weithin sichtbar durch die Welt zu schleppen – und mit der daraus resultierenden Scham. Er lebt damit, unzulänglich, minderwertig und lächerlich zu sein. Und an allem, was ihm aufgrund seines Körperumfanges widerfährt,  ist er selbst schuld. Alles, was die Hexenjagd auf Dicke ausmacht, unterscheidet sich in nichts von der Diskriminierung und Diffamierung anderer Minderheiten. Der Nutzen ist immer gesellschaftliche Abgrenzung und Selbsterhöhung.

Das ist es, was sie (Medien, Diätindustrie und Politik) tun: Sie stehlen und zerstören Leben. Sie verändern Lebensläufe, indem sie eine gesellschaftliche Realität formen, in der Toleranz im Hinblick auf Körperumfang nur schwer eingefordert werden kann und in der gleichzeitig das Selbstbewusstsein und die Kraft von betroffenen Individuen, sich dennoch im Leben zu behaupten, verstümmelt werden. Ein Mensch, der durch Selbstzweifel und fest eingepflanzte Selbstverachtung nur schlecht gewappnet ist, trifft auf eine Welt, die ihn mehrheitlich sofort als „falsch“ erkennt und entsprechend reagiert. Selbst wenn man, wie ich, eher selten ganz direkte und offene Angriffe erlebt hat, ist eine quasi atmosphärisch erzeugte „Grundentmutigung“  ganz klar ein bestimmendes  Thema. Man zieht sich zurück. Man neigt dazu, sich zu ducken und zu verstecken und hofft inständig, eines Tages „normal“ zu werden. Das „normale“ und damit gute Leben kann erst dann beginnen, wenn der Körper gebändigt und halbwegs gesellschaftsfähig ist. Jahre gehen ins Land, und man verbringt sie weitgehend damit, auf den berühmten „Klick“ zu warten. 
 
Es ist schwer, auch im Kopf keine Diät mehr zu machen. Es ist schwer, nicht mehr abzuwarten. Es ist als ob man ewig in die Sonne gestarrt hat, und nun hofft, dass die grünen Punkte vor den Augen endlich aufhören zu tanzen.

Die Verunsicherung, in einem prekären, weil immer mal wieder übergewichtigen Körper zu leben, hat in meinem Leben bisher ALLES geprägt und beschnitten: berufliche Ambitionen und Erfolge, soziale und romantische Beziehungen, sowie alles andere, was das Leben fröhlich und spannend machen könnte.

Die Liste der Dinge, die ich zu einem bestimmt Zeitpunkt unterlassen und mir nicht gestattet habe, weil ich glaubte, dafür zu dick zu sein, ist endlos (und das Folgende ist nur eine kleine Auswahl):

-  schwimmen gehen
- tanzen gehen
- auf eine Party gehen
- Geisterbahn fahren
- eine Rede halten
- eine Einladung zum Essen annehmen
- Sex
- Gesangsstunden nehmen
- Theater spielen
- Fliegen
- zum Arzt gehen
- am Strand spazieren gehen
- zum Frisör gehen
- für einen Auftrag bewerben
- zu einer Vernissage gehen
- berufliche Kontakte pflegen
- ein Fernsehinterview geben

Die Erkenntnis, dass man all das ab jetzt doch dick tun muss, weil es dünn nicht mehr geben wird und man sonst den Rest seines Lebens schlicht und ergreifend verpasst, sorgt bei mir neben großem Erstaunen in den letzten Tagen auch für  eine Heidenangst. Allerdings ist sie auch der Sprung von einem sinkenden Dampfer ins Rettungsboot – man hat auf jeden Fall bessere Chancen, doch noch ans Ufer zu kommen, als wenn man geblieben wäre.

Es ist eine beliebte Theorie unter Therapeuten, dass ein runder Körper als Schutzwall gegen persönliche Ansprüche dient, die zu erfüllen man entweder nicht in der Lage oder eigentlich gar nicht bereit ist. Das Fett ist dieser Interpretation nach Alibi und Wächter zugleich und bewahrt uns vor dem Stress, den es bedeuten würde, sich z.B. tatsächlich in einer Produktion von Agatha Christies Mausefalle im Gemeindezentrum auf die Bühne zu stellen. Es ist nicht die Gesellschaft mit ihren Normen, die einen  sabotiert, sondern der eigene Körper, der sich so  Anforderungen und Herausforderungen entziehen will. Und schwupp - ist man abermals selbst für den ganzen Mist verantwortlich. Ich bin keine Anhängerin dieses Erklärungsversuches mehr, weil der unterstellte Mechanismus natürlich nur funktioniert, solange man sich auf die Außenwelt und ihre offensichtliche Missbilligung des dicken Körpers verlassen kann. In einer Welt, in der Dicke keinen besonderen Mut dazu bräuchten, im Mittelpunkt zu stehen, wäre es ganz offenkundig eine völlig sinnlose Strategie. Was war also zuerst da? Das Fett, oder das angeknackste Selbstbewusstsein? Fett ist nur Fett. Bis man ein Drama daraus macht. Ich war nur ein großes, molliges Kindergartenkind. Bis man mir sagte, dass ich ein dickes, fettes Sorgenkind sei.

Gegen Entmutigung hilft nur konsequente Ermutigung, und ich persönlich finde ja, dass auch Wut dabei  sehr hilfreich ist. Zumindest am Anfang. Wut auf die vertane Zeit. Wut auf alle, die einen entmutigt haben – und es weiterhin versuchen werden. Sie sollten sich besser warm anziehen. Freude hilft natürlich auch. Freude, dass es vielleicht noch nicht zu spät ist. Freude, dass das Leben endlich wirklich anfängt.

Und ich gehe dann jetzt erst mal schwimmen. Wer schwimmt, sinkt ebenfalls nicht. 

Montag, 7. Mai 2012

Der Kampf ist vorbei

Wenn ich bisher noch nicht ganz und gar sicher war, dann bin ich es jetzt, nachdem ich todesmutig im verräterischen Licht einer Ulla-Popken-Umkleidekabine einen Badeanzug mit einem glitzernden Papagei auf der Vorderseite anprobiert habe. Über meinen Leib gespannt wurde dieser zu einem recht stattlichen Viech. Und eins muss man ihnen lassen – sie mögen sich auf die Verhüllung dicker Frauen spezialisiert haben, aber ihre Umkleiden machen der Käuferin nichts vor. Zuerst erkannte ich nur eine dicke Frau mit einem echt fetten Papagei am Busen, und krächzte ein paarmal "Lora" vor mich hin. Aber dann sah ich auch den Rest. Mit zwei Spiegeln, die garantiert nicht solche sind, die ein paar Kilos wegschummeln, hat man einen großartigen Panoramablick auf Wellen und Dellen und das ganze restliche Gedöns.

Ich weiß: Alle Jahre wieder. Aber zum ersten Mal nahm ich mir auch im hintersten Winkel meiner Seele NICHT mehr vor, das alles eines Tages zu ändern und schön und straff zu werden. Ich SAH die Verwüstung, die das Ergebnis jahrzehntelanger Diäten ist, die hängende, krisselige Haut an den Oberarmen, die silbrigen Dehnungsstreifen, die sich wie glänzende Schneckenspuren über meinen Bauch ziehen und das klumpige, wippende Fleisch an den Oberschenkeln, und BEGRIFF, dass dieser Kampf, selbst wenn ich es wollte, nicht einmal mehr mit operativen Maßnahmen zu gewinnen wäre. Und dass, im Gegenteil, die erneute, wenn auch nicht mehr drastische Gewichtsabnahme die nackten Tatsachen vermutlich aus rein ästhetischer Sicht eher noch verschlechtern wird. Erst da wurde mir klar, dass mich von jetzt an keine Diät der Welt mehr schöner machen wird. Und erretten schon gar nicht. Diäten aufzugeben, heißt für mich gar nicht, den Traum von „Attraktivität“ (was immer das ist) dranzugeben, denn der ist, vermutlich bereits seit Jahren und objektiv betrachtet, längst ausgeträumt. Dummerweise hat das Erwachen ohne mich stattgefunden. Mein Spiegelbild hätte mir das alles schon lange sagen können, wäre ich nicht so geübt darin gewesen wegzusehen und zu hoffen, dass man seine Realität und seinen Körper doch noch immer irgendwie photoshoppen kann, wenn man nur die richtige Zauberformel findet. Die Entscheidung gegen den Kampf um den Traumkörper und das Traumleben in ihm wurde mir vor langer Zeit schon abgenommen. Ich stand da und wusste: Das war’s. Die Spiegel von Ulla sagten: „Diesen Körper kriegst auf keinen Fall mehr hin. Jedenfalls nicht dahin, wo du ihn immer hinhaben wolltest. Und wo er vielleicht sogar vor ewigen Zeiten mal war, ohne dass du das erkennen konntest.“ Man kann es nicht oft genug wiederholen: Was ist das für eine Idiotie,  bei der einen die Idee von einem unechten Körper davon abhält, ein echtes Leben zu leben!

Meine Aufgabe ist es nun, endlich mit dem Körper umzugehen, den ich hier und heute tatsächlich habe und ihn gut zu behandeln, damit er möglichst gesund bleibt, weil ich ihn brauche – als zuverlässiges Transportmittel für mein Hirn, das auch noch ein bisschen was vorhat. Und was für eine gute Idee, dass bei Ulla Popken Erfrischungstücher in den Kabinen liegen – ich bin wahrscheinlich nicht die einzige, die beim eigenen Anblick im Papageienanzug in Schweiß ausbricht. Vermutlich aber fangen nicht ganz so viele an zu heulen. Es war eine eigenartige Mischung aus Erschrecken, Abschiedsschmerz und Erstaunen. Erschrecken über die Wahrheit. Abschied von einem Lebenszweck und –ziel. DEM EINEN ZIEL, dem, zumindest gedanklich, alles andere untergeordnet war, und das nie erreicht wurde. Und nun auch nicht mehr erreicht werden wird.  Erstaunen, weil ich plötzlich frei bin. Und nur durch etwas, das eigentlich nicht in meiner Natur liegt – sich abzufinden. Hätte ich ich nie eine Diät in meinem Leben gemacht, hätte ich heute einen Körper, der vermutlich hundertmal näher an gängigen Schönheitsidealen wäre, als der, in dem ich jetzt wohne. Aber es gibt keinen Weg zurück. Also muss man auch nicht zurückschauen. Ich käme ja auch nicht auf die Idee, jetzt noch Konzertpianistin werden zu wollen. Manche Züge fahren ohne einen ab, und das muss nicht einmal eine Tragödie sein.

Und wo wir gerade beim Ausmisten sind: Ja, ich habe es getan! Allerdings nicht nach meinem letzten Post, in dem ich es eigentlich angekündigt hatte, sondern erst heute unter dem Eindruck der Ereignisse hinter den Spiegeln: Alles, was kleiner ist, als eine Größe 44, wurde aus meinem Kleiderschrank ausgewiesen (mit einigen Ausnahmen). X und XL wurden jeweils zum Testen auf die Seite geschafft.

Ich hatte einen Schrank voller toter Träume. (Vom toten Kapital ganz zu schweigen.) Im Englischen hat man ja gern mal statt der Leiche im Keller "a skeleton in the closet" - wenn das nicht passend ist.

Geisterparade 1 (Größe 32 bis 40)

Eine Auswahl von der Pretty-in-Pink-Gedächtnisstange...

Das Kleine Schwarze meiner Großmutter bleibt natürlich.

Ebenso bleibt das Kostüm, in das ich zum Abi dann doch nicht gepasst habe (Größe 36) - als Memento Fuck Diets. Ja, ich weiß - ich hätte ausgesehen, wie eine Stewardess.

Die gelbe Hose (Größe 40) war das allerletzte Kleidungsstück, das ich gekauft habe, um "hineinzuschrumpfen".

Und das hier ergibt vielleicht noch eine schöne Kissenhülle.

Insgesamt wird das Projekt wahrscheinlich noch ein paar Tage dauern - und es wird noch eine lange Nacht. Ich hoffe, die Aussortierten fangen zur Geisterstunde nicht an zu tanzen ; ).

 NH