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Freitag, 29. Mai 2020

Na schön



Ich bezeichne mich ja gern als "Vogue-Leserin forever". Und ich erzähle immer wieder gern jeder, die es hören oder nicht hören will, dass ich als Teenager begann, das Magazin regelmäßig zu kaufen und es später dann für eine sehr lange Zeit in meinem Leben abonniert habe. Dieses vielleicht nebensächlich scheinende Detail meiner Sozialisierung biete ich stets gern aus zwei Gründen an:

1. In einer Zeit, in der wir naturgemäß am empfänglichsten sind für Kritik an unserem Äußeren bzw. für die Internalisierung von Attraktivitätsnormen saß ich mit eben jenem Organ allein in meinem Zimmer, das auch heute noch die rigidesten, einheitlichsten und selbstverständlich dünnsten Schönheitsstandards verschreibt, die frau sich (nicht selbst) ausdenken könnte.

2. Forever geht nicht mehr weg. So wie ich "Goth forever" (im Herzen), "Feminist forever" und "Vegetarian forever" (wenn auch mit Unterbrechungen) bin. Vorlieben, gepaart mit Überzeugungen und Haltungen, die uns in prägenden Phasen der Kindheit und Jugend gefunden und sich dann kräftig in uns entwickelt haben, werden wir nicht mehr los. Jedenfalls nicht einfach so. Das kann frau aktuell ja auch besonders beeindruckend an den Biographien von mittelalten Neonazis nachvollziehen.

Wenn frau dann noch die These hinzuzieht, dass wir im Laufe unseres Lebens schlicht sehr viel weniger persönliche Veränderungen durchmachen, als wir gerne denken, ist klar, warum mir meine internalisierten Vogue-Regeln auch heute noch zum Verhängnis werden, wenn es um mein eigenes Hauptthema der letzten Jahre geht: Fettakzeptanz. Ich bin streng. Mit mir selbst und mit anderen. Je nachdem, um welches eingeprägte Wertesystem es geht, kann das ok oder ziemlich verheerend sein. Meine Vorstellung von Schönheit und mein Blick auf mich und andere war bis vor Kurzem auf jeden Fall fast so etwas wie eine eigene Abteilung des Zynismus.

Dass Vogue und Feminismus sich in meiner Welt nicht ohnehin ständig gegenseitig auf die High Heels getrampelt sind, sondern über Jahrzehnte gut miteinander klar kamen, liegt daran, dass die Vogue keine Kochrezepte, Beziehungstipps, oder Glossen über Problemzonen enthält. Dass ihr Schönheitsdiktat nicht viel mit "Empowerment" und sehr viel mit der systematischen Schwächung von Frauen zu tun hat, ist mir schon lange irgendwie klar. Aber es war mir eben nicht BEWUSST. Bis heute entgleitet mir dieses Wissen. Als Kundin am Kosmetik-Counter im Kaufhaus. Aber eben auch als dicker Frau, die um Selbstakzeptanz kämpft - ja, noch immer kämpfen muss.

Bekanntlich war es dafür auch nötig, den Wunsch nach annähernder Normschönheit (denn die erlangt frau grundsätzlich niemals wirklich, so lange sie dick ist) erst einmal in einer langen Serie von Selbstportraits abzuarbeiten. (Motto: "Dicke können auch schön sein.")

Gestern habe ich noch einmal in klassischer YouTube-Tradition Make-up aussortiert und mich dabei gefilmt. Die meisten Produkte, die ich behalten habe, sind uralt. Sie stehen für vieles - auch für mein Bedürfnis, Dinge für den Ernstfall zu horten. Oder für das ideale Ich der Vergangenheit, das ebenfalls noch immer gelegentlich hier herumschabt, wie ein träger Hausgeist. Eine Anzahl von Produkten habe ich behalten, weil sie nun einmal Lebenssouvenirs und mit bestimmten Stationen verbunden sind. Gesichtspuder und Lippenstifte als Markierungspunkte in der eigenen Biographie...ich hatte doch bestimmt schon erwähnt, dass ich auch noch Lippenstifte meiner Mutter besitze...? : )




NH


Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:

Donnerstag, 19. Juli 2018

Warum Amy Schumers "I feel pretty" ein wirklich lahmer Film ist

"I feel pretty" war ein schwächliches Filmchen.

Der Grund, warum die Beschäftigung mit dem Thema "Schönheitsnormen" in Mainstream-Medien meistens schief läuft, ist, dass zu viel Verwirrung in den Köpfen der Macherinnen herrscht. Und niemals auch nur ansatzweise genug freie Radikalität. Das ist in diesem Falle allerdings umso verwunderlicher, als dass frau immer dachte, Amy Schumer mangele es zumindest an Letzterem nicht.

Die Protagonistin Renee, dargestellt von Amee Schumer, knallt im Spinning-Kurs vom Heimtrainer, schlägt sich bös den Kopf an und sieht sich fortan mit neuen Augen: Sie hält sich für umwerfend normschön. Tatsächlich war das ein von ihr vorher geäußerter Wunsch, einmal im Leben zu erfahren, wie es ist, "undeniably pretty" (unbestreitbar hübsch) zu sein. Allerdings ist sie die einzige, die sich selbst als "wunderschön" im Spiegel sieht. Alle anderen sehen genau das, was auch schon vorher da war. Und da fängt der Ärger für die aufmerksame Zuschauerin schon gleich an. Denn es ist also ein Missverständnis, dessen beharrliche Nicht-Auflösung mit jedem neuen Begebnis ein immer größeres Rätsel wird und ganz klar macht, dass keiner der Beteiligten besonders hell bzw. mit normalem Menschenverstand ausgestattet ist, das den ganzen seichten Film trägt. Die Freundinnen begucken die neue, unausstehlich selbstverliebte Renee, als ob sie den Verstand verloren hat, fragen aber nie so richtig nach. Die fragen nie: Was hat dich denn bloß so verändert? Auch alle anderen um Renee herum sind offenbar schlicht viel zu höflich, um auch nur ansatzweise Verwunderung oder leichte Indignation zu äußern, wenn Renee die eigene, umwerfende Schönheit besingt. Sogar Naomi Campbell wird nicht deutlich genug. Warum Renee eine grässliche und hektische Aufschneiderin werden muss, bloß weil sie glaubt, neuerdings einem Supermodel zu gleichen, bleibt übrigens ebenso ungeklärt. Kurzum: Eine Handlung, die nur läuft, weil alle Mitwirkenden sich komplett unnatürlich verhalten, bringt mich regelmäßig dazu, den Bildschirm anzuschreien. Im Kino war das ja aber nicht möglich. Ich muss sagen, dass war alles ausgesprochen stressig für mich. Obendrein litt ich zwischendrin immer wieder unter üblen Ugly-Betty-Flashbacks.

Und was ist jetzt eigentlich der verdammte Punkt?

Renee, die glaubt, nun für alle Welt sichtbar normschön zu sein, aber es gar nicht ist, wird allein durch diese innere Veränderung kühner, selbstsicherer und damit auch in der Außenwelt erfolgreicher - im Beruf (bei einer Kosmetikfirma) und bei Männern. Besonders bei Männern. Und sie traut sich, an einer Schönheitskonkurrenz teilzunehmen und sich auf der Bühne Wasser über das T-shirt zu schütten.

Fazit wäre dann vermutlich wieder das gute, alte "Liebe dich selbst, ändere deine Einstellung, und dann wird alles gut". Wir haben es ja angeblichh selbst in der Hand, wie uns die Welt begegnet. Und wir sind selbst verantwortlich, zuständig und selbst schuld, wenn's doch nicht gut läuft. Als Beweis muss im Film ein Model mit Selbstzweifeln und Beziehungsproblemen herhalten. Die kriegt ihr Leben trotz perfekter Hülle nicht auf die Reihe. Das ist ein echt uralter, abgegrabbelter Hut und außerdem eher nicht zutreffend als doch. Außerdem wird die bloße Gültigkeit sowie die Notwendigkeit/Wichtigkeit von Körpernormen und Schönheitsstandards mal wieder nicht in Frage gestellt.

Der Film ist, wie gesagt, eine Enttäuschung.

Aber nicht aus den Gründen, aus denen Amy Schumer und ihr "neuer Film" nach seinem Erscheinen im Internet shitstormartig kritisiert wurden. Dort warf frau ihr vor, dass sie selbst zu normattraktiv sei, um die Rolle überhaupt zu spielen, denn wenn so jemand wie sie sich wegen ihres Aussehens angeblich so fertig macht, was sollen denn dann bitteschön erst die machen, die noch viel weniger ins Schema passen? Sie fanden also, Amy Schumer sei nicht "hässlich" genug, um sich glaubwürdig im eigenen Körper schlecht zu fühlen - und betrieben damit unterschwellig und auf regelrecht idiotische Weise Bodyshaming. Offenbar gab es (auch mal wieder) in ihrer Welt, Körper, deren Inhaberinnen sehr wohl gute Gründe hätten, sich ihres Aussehens wegen mies zu fühlen. Aber der von Amy Schumer gehört (noch) nicht dazu. Nun könnte man sich natürlich fragen, wo genau da die Grenze verläuft. Ab wann sollte ich mich denn unzulänglich fühlen dürfen? Wie sähe ich denn dann aus? Nun...bei meinem Gewicht würden mir die verwirrten Kritikerinnen von Amy Schumer wahrscheinlich mehr Verständnis in dieser Hinsicht entgegenbringen. Natürlich demonstriert diese Art der Kritik aber auch nur wieder die unlösebare Verhaftung der meisten Leute im Glauben an die Bedeutung und und Gültigkeit von Schönheitsstandards. Sie sollten alle nachsitzen. Und tausendmal "Schönheitsnormen schaden allen Menschen" an die Tafel schreiben.


NH

Freitag, 22. Juni 2018

Warum ich den Film "Embrace" wirklich schlecht finde

Es soll ja Frauen geben, die bei der Doku "Embrace" der Australierin Taryn Brumfitt vor Ergriffenheit geweint haben. Mich ergriff mal wieder nur die kalte Wut. Denn der Film ist echt schlecht. Und so unehrlich wie ein Sechseuroschein. Was er nicht ist, ist feministisch - auch wenn Wikipedia das behauptet. 

In dem Film geht es um das westliche weibliche Schönheitsideal. Eigentlich sollte es wohl herausgefordert und hinterfragt werden, aber dazu war offenbar wieder keiner so richtig in der Lage. Zu tief hängen doch immer wieder die Wurzeln im Sumpf der jahrzehntelangen eigenen Programmierung. Trotz der Auftritte der Aktivistin Jes Baker (die mit der Abercrombie-Fitch-Fotoreihe) und der Wissenschaftlerin und Aktivistin Linda Bacon schafft es der Film zu keiner Zeit, die Orientierung am Normativen zu überwinden. 

Es ist das alte, ermüdende Spiel. Wir sind für eine Minute ganz doll empört über rigide Schönheitsnormen, denen wir bis dahin und eigentlich auch weiterhin gern selbst entsprächen und tun außerdem ganz kurz so, als seien schließlich alle Menschen irgendwie schön, besonders dann, wenn wir "Ausstrahlung" mit ins Spiel bringen. Es gibt natürlich auch Wichtigeres als Schönheit - z.B. Kinder zu kriegen und Marathons zu laufen. Aber dazu später. 


Ob es "Schönheit" überhaupt gibt und warum irgendwer überhaupt schön, bzw. ersatzschön sein muss, ist kein Thema. Das ließe sich auch nicht mehr in ganz so flauschiger Art verpacken. Aber Radikalität ist Frau Brumfitts Sache selbstverständlich nicht. Da ist auch Mitproduzentin Nora Tschirner wenig hilfreich. Die wird nicht müde zu betonen, wie unwichtig ihr Äußerlichkeiten und wie langweilig Glamour und rote Teppiche sind - nur um im Film selbst mit Brumfitt auf einem eben solchen zu stehen. Damit wir wissen, dass sie sehr wohl ein Teil der Glitzerwelt ist, obwohl es ihr nichts, aber auch gar nichts bedeutet...Yupp.

Für Taryn Brumfitt begann ihr Engagement auf dem Gebiet der Selbstakzeptanz mit einem biederen Nacktfoto (der biedere Ehemann beschreibt es erleichtert als "geschmackvoll"), das im Internet virale Verbreitung erfuhr. Es zeigte ihren Post-Baby-Body sitzend mit Rettungsring um den Bauch. Als dreifache Mutter wollte sie ein Zeichen setzen und die Welt wissen lassen, dass sie sich ihr "Wellfleisch verdient" habe. Soll heißen - der angenommenen Unattraktivität des Körpers steht hier eine Leistung, bzw. ein Nichtselbstverschulden gegenüber.


In einer Flut von E- Mails von verzweifelten Frauen wurde Taryn danach angeblich gefragt, wie sie es geschafft habe, ihren etwas abgenutzten Körper zu lieben. Dummerweise sind sie da alle an die falsche geraten. Denn Taryn Brumfitt liebt ihren Körper nicht. Wer seinen Körper liebt, muss sein Aussehen nicht in einem Film von 90 Minuten Länge pausenlos rechtfertigen.

Zu kitschiger Musik wird Brumfitts erstes Kind vor unseren Augen geboren. (Das mit den Kreißsaalvideos hab ich ja ehrlich noch nie verstanden.) Trotz der "Jellybellymess", die dadurch entsteht, sagt Brumfitt den Termin für die Bauchstraffung doch noch ab, um ihrer Tochter ein "gutes Vorbild" zu sein. Als ob es eine zur moralischen Heldin macht, keine Schönheitsoperation zu haben, sondern lieber etwas viel Drastischeres zu tun, um zu genügen: Nach 15 Wochen Training nimmt Brumfitt an einem Body-Building-Wettbewerb teil. 


Das Foto von gestählten Muskeln wird zum Vorher-Foto, das mit dem Rettungsring zum Nachher-Foto. Verkehrte Welt und gut für 3,6 Millionen Klicks.

Im Film bespricht Brumfitt die bedauerliche Tatsache, dass sich "45% aller Frauen mit gesundem Gewicht für übergewichtig halten" mit der Chefredakteurin der australischen Cosmopolitan, Mia Freedman. Die setzt sich ja irgendwie schon seit immer dafür ein, dass sich daran etwas ändert. Was, wird mithin nicht klar, bzw. eher nicht weiter thematisiert. Viel wichtiger ist aber, dass hier ganz selbstverständlich von beiden Frauen davon ausgegangen wird, dass es Körper gibt, deren Eigentümerinnen sie fälschlicherweise für maßlos, also für zu dick, halten und solche, die wirklich zu dick sind. Denen, die sich zu dick finden, sollte geholfen werden. Die "echten" Dicken fallen unter den Tisch. Klonk! Die sind ja auch nicht gesund.

Und schwupps - da joggt Taryn Brumfitt schon wieder durchs Bild. Das passiert im Film öfter mal, denn schließlich ist sie kein "lazy pig". Ihr Körper ist "fit and strong" und kann, wir hörten schon davon, einen Marathon überstehen. Kurz danach stehen die Chancen übrigens ziemlich gut, wieder Bilder von Schwangeren zu sehen. Das kitschig-penetrante Herumreiten auf weiblicher Fruchtbarkeit als ultimativem Leistungsbeweis und Ablassbrief im Hinblick auf das Lockern von Körpernormen ist regelrecht ein wenig eklig. Offenbar sind Dellen und hängende Brüste vor allem dann akzeptabel, wenn sie durch Fortpflanzung entstanden sind. Weil: Geburt = Leistung = Normabweichung verdient. Was bitteschön ist also mit Körpern, die nichts leisten? Die weder Kinder bekommen, noch joggen, noch fit sind, noch Öffentlichkeitsarbeit machen? Und was ist mit Körpern, die den gängigen Standards noch nie entsprochen haben? Einfach so. Ohne besonderen Grund oder Niederlage?

Grundsätzlich geht es in dem Film nämlich vorrangig um "schuldlos" verlorene Normattraktivität. Bei zwei der Gesprächspartnerinnen haben gar Tumore bzw. ein Feuer zu großen Veränderungen im Gesicht geführt. Aber auch diese Frauen "verdienen" sich ihr Recht auf diese Abweichung durch außergewöhnliches öffentliches Engagement und einen unerschütterlichen, ja fast übermenschlichen Optimismus: "Maybe it was the best thing that ever happened to me." (Turia Pitt, Brandopfer)

Was oberflächlich so aussieht wie eine rosafarbene  Pyjamaparty unter mittelalten Frauen mit Selbsthilferuppeneinschlag ist in Wirklichkeit am Ende auch nicht anderes als knallharte Beurteilung, Festhalten an Normen und Leistungsprinzipien und entsprechend der Aufruf - na, wozu wohl - richtig, an sich zu arbeiten. Und zwar immerzu. Wenn schon nicht am Körper, so doch an der eigenen Einstellung.

NH

Freitag, 15. Juni 2018

Ausgelesen: "Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger

"Ich mache mir immer Gedanken darüber, wie ich wohl gerade aussehe. Immer." (S. 10)


Einer meiner Vorsätze für 2018 war, keine schlechten Bücher mehr zu lesen. Hat bekanntlich mal wieder nicht geklappt. Erst die relative Enttäuschung über Magda Albrechts biederes "Fatshionsta" und nun auch noch das.

Obwohl es im Fall von Nicole Jägers "Nicht direkt perfekt" streng genommen keinerlei Enttäuschung gab - es bestanden ohnehin keine großen Hoffnungen. Das Buch ist erwartungsgemäß sprachlich daneben und vollgestopft mit Quatsch. Und dann noch mit den Wiederholungen von eben jenem Quatsch. Im Zuge ihrer unsäglichen, SIEBZEHN!!!seitigen Danksagung bedankt sich Nicole Jäger übrigens auch bei ihrer Lektorin Susanne Frank. Jeder gequälten Leserin, die sich bis zu diesem Punkt durchgearbeitet hat, bleibt nur noch, mit letzter Kraft aufzuheulen: "Wofüüür?!" Bei der Vorstellung, wie unerträglich der Ausgangstext tatsächlich gewesen sein muss, wenn hier wirklich noch eine professionelle Nachbearbeitung erfolgt sein soll, kräuseln sich einem die Fußnägel hoch. Selten habe ich ein Buch in Händen gehalten, bei dem so klar war, dass hier irgendwie und wie auch immer Papier gefüllt werden sollte. Weil man halt unbedingt einen Nachfolger für den vorangegangenen Bestseller "Die Fettlöserin" herauspressen wollte.

Dummerweise ist der Nachfolger (zumindest relativ) gefloppt. Nicht wegen des Lektorats, das war beim Vorgänger wie gesagt auch nicht besser. Sondern, weil die (vermutliche) Superlügengeschichte vom Rekordgewicht von 340 kg, die den ersten Erguss weit ins Land trug, im zweiten Werk eben nicht mehr zieht. Denn die Frau Jäger nimmt nicht mehr ab. Sie hat es noch immer vor. Jedenfalls sagt sie das. Aber sie tut es nicht. Ganz so, wie wahrscheinlich die meisten ihrer zuvor begeisterten Leserinnen.

Glauben sollte man der Frau Jäger sodann auch im zweiten Werk nicht allzu viel. Das Buch ist nicht nur verdammt langatmig und redundant - es war offenbar der Versuch, auf einen komplett artfremden Zug aufzuspringen und sich weibliche Selbstakzeptanz (im allerweitesten Sinne) als neues Betätigungsfeld und Einnahmequelle unter den Nagel zu reißen. Solange es mit dem Dünnwerden nichts wird, nimmt sie eben einen Umweg über die Selbstakzeptanz. Ist ja jetzt auch irgendwie in.

Auf der Hand liegt, dass die Frau Jäger auch ganz ohne gezielten Umbau der Wahrheit hierbei ein substantielles Glaubwürdigkeitsproblem hat, hat sie doch im Vorgängerbuch tausendmal ihren Leserinnen in deren Ärsche treten wollen, damit sie bitteschön endlich abnehmen. Auch so etwas, was das Lektorat damals nicht verhindert hat. Eine deutliche Distanzierung von ihrem ursprünglichen Lob des Diätens nimmt Frau Jäger im neueren Werk mithin nicht vor.

Dafür verrät jedoch der Titel "Nicht direkt perfekt"schon genau, was dann zwischen den Buchdeckeln hauptsächlich stattfindet - von der Gültigkeit von Schönheitsnormen mag sich die Autorin gedanklich gar nicht trennen, denn offenbar gibt es in ihrer Welt sehr wohl so etwas wie ein "perfektes" Äußeres sowie deutliche Abweichungen davon. Das führt zum einen dazu, dass ihre Solidarität mit der "nicht direkt perfekten Leserinnenschaft" nur eine verlogene ist - so wie die von Frauenzeitschriften in der Regel auch. Zum anderen veranlasst es die Autorin zu einer auf verwirrende Weise selbstbeweihräuchernden Selbstdarstellung als eine Mischung aus einsamer Drama Queen, kapriziöser Sitcom-Protagonistin und Femme Fatale. Tatsächlich bezeichnet sie sich quer durch das Buch hindurch selbst als "Diva". Bei den kuscheligen Aufzählungen ihrer "Schwächen" (das dünne Haar, die hängende Haut, die chaotische "Künstlerseele" (S. 251)) scheint es sich mithin lediglich um Koketterie zu handeln, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigentlichen Grandiosität zwecks Sympathierhalts eben einfach schickt.

Wenn frau den Schilderungen der Frau Jäger glauben mag, dann ist sie in der Tat ein männermordender Vamp, ein veritabler Penis-Magnet, bei dem große, breitschultrige Männer vom vordersten Ende der Nahrungskette in Bars und Clubs regelmäßig Schlange stehen. Das Buch fängt an mit Film Noir für Anspruchslose: "Ein Club, ein Abend, ein angekratztes Ego, ein paar Gin und plötzlich war er da." (S. 9) Und geht dann auch schön platt weiter: "Der Boy neben mir ist auch nice (...) und sowie er guckt, werde ich schon bald herausfinden, wie sein Body aussieht." (S. 11)

Wieder und wieder jubelt uns die Autorin ihren vermeintlich immensen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Frau-Mann-Beziehung unter: "Mein Körpergefühl habe ich mir erarbeitet, erheult, erfickt..." (S. 66) "Ich brauchte Männer, die mir auf den Hintern (...) und ab und an sogar ins Gesicht guckten. (...) ich brauchte schlechte One-Night-Stands, tausend Laufmaschen, abgebrochene Absätze, verlaufenes Make-up, beschissene Beziehungen..." (S. 67/68) "Ich wurde schon für alle möglichen Arten von Frauen verlassen..." (S. 149) "Ich habe schon so manche Beziehung (...) gegen die Wand gesetzt..." (S. 175) "Ich trennte mich. Man trennte sich von mir. Man trennte sich im beiderseitigen Einverständnis, wie es immer so schön heißt,..." (S. 176)

Und dann wäre da ja auch noch eine in die Brüche gegangene Ehe zeitlich unterzubringen, bei deren Aufarbeitung im Buch die Frau Jäger ihrem verspießerten Ex mit einer gehörigen Portion Bitterkeit so richtig eins überbrät: "Eine Trennung, die das Ende einer Beziehung markierte, die vom ersten Tag an ein Ablaufdatum hatte." (S. 180) Und er ging ihr "auf die Eier, die er nicht hatte." (S. 185) Autsch...

Da staunt der Laie und Nicola wundert sich. Die hat bekanntlich unter großen Anstrengungen das Erstbuch komplett gelesen und fragt sich, wann die Frau Jäger bis Mitte dreißig bloß all diese Millionen von Affären und Beziehungen gehabt haben will, auch im Hinblick auf die Tatsache, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer besonders dating-relevanten Jahre in einem Körper verbracht haben muss, mit dem es mitunter gar nicht so leicht gewesen sein kann, sich ohne Hilfe zu bewegen, geschweige denn mit ihm in tausenden von Nachtclubs Horden von Verehrern abzuwehren. Wenn die erste Lebensgeschichte stimmen soll, scheint die zweite schlicht nicht machbar.

Was hilft es anderen Frauen überhaupt, wenn man ihnen erzählt, was für eine Sexbombe man ("trotz" eines Gewichts von 170 kg und damit einer erheblichen Abweichung von gängigen Schönheitsnormen) ist? Wäre es nicht sinnvoller, zu verkünden, dass es schlicht für niemanden wichtig ist, eine Sexbombe zu sein?  Das würde der Frau Jäger freilich niemals in den Sinn kommen, denn: "Ich für meinen Teil bin jedenfalls in keinem Moment schöner als in jenem, in dem mich ein Mann begehrt." (S. 218)

Davon handelt im Grunde das ganze lange Buch. 

Von der Validierung durch männliche Zustimmung und der Tatsache, dass bestehende Körpernormen durchaus gelten, aber für das Gelingen individueller Lebensgeschichten, insbesondere in sexueller Hinsicht, nicht immer von ganz sooo großer Bedeutung sein müssen, wenn Frau eben nur anderweitig genug Großartigkeit entwickeln kann. Wie frau das macht? Nun, frau ist natürlich selbst dafür verantwortlich. Und natürlich selbst schuld, wenn es ihr nicht gelingen mag: "Ich glaube, das Problem liegt nicht im Spiegelbild und auch nicht im Auge des Betrachters, sondern in unseren eigenen Köpfen." (S. 82) Alles findet eh nur "in unseren Köpfen statt." (S. 83) Und "letztlich haben wir alle an dieser Misere Schuld." (S. 129)

Sprach's, und hub an zu einer bemerkenswerten Body-Shaming-Tirade: "...Meister-Verkorkserin meiner eigenen Figur..." (S. 51), "...dick zu sein ist kein Drama..." (S. 35), "Scheiß drauf, dass du nicht perfekt bist..." (S. 131), "...weil man figürlich nicht der Knaller ist..." (S. 151), "...darf ich mich wohlfühlen (...), obwohl ich nicht so perfekt aussehe?" (S. 205), "...obwohl ich genau weiß, ich sehe aus wie eine gestrandete Boje." (S. 242) "...und wenn alles straffer, schlanker (...) oder filigraner wäre, wäre es vielleicht auch nicht schlecht." (S. 117), "...aber, Himmel!, sehe ich nackt beschissen aus. Das lässt sich nicht schönreden." (S. 79), "Du darfst gerne 'Problemzonen' haben..." (S. 63), u.s.w.

Wenigstens ist die Menstruation nichts Ekliges. Das erklärt die Frau Jäger uns in befremdlicher Breite zwischen Seite 88 und Seite 105, denn offenbar "huschen nicht wenige Frauen durch Drogeriemärkte und verstecken ihre Tampons und Binden unter ein paar Bananen..." (S. 89) Donnerwetter. So einen Satz muss frau ja auch erst einmal erdenken, aufschreiben und dann selbst aushalten. Damit hat die Frau Jäger nebst Lektorats-"Vasallin" Frank (S. 250) jedoch erwartungsgemäß ganz und gar keine Probleme. Ganz im Gegenteil - für ein wenig Pathologisierung der menstruierenden Frau findet sich natürlich immer noch ein Plätzchen auf dem Papier: "PMS macht aus uns weinerliche Lappen, ekelhafte Furien, gemeine Drachen, todtraurige Gestalten, hoffnungslose Jungfern und heroische Kriegerinnen. (...) Und wir sind machtlos dagegen." (S. 101)

Was mir noch aufgefallen ist: Im Kapitel "Große Schwester" (ab S. 133) geht es um eine Essstörung, die im Diätratgeber meines Wissens nach nicht wirklich thematisiert worden ist. Die Frau Jäger gibt hier nun aber an, esssüchtig zu sein, stilisiert ihre Essstörung mit Pomp und Pathos zur Person und spricht sie direkt an. In der Tat handelt es sich bei der Essstörung um die "große Schwester" aus der Überschrift (S. 141), was mich ganz frappierend an meine Nachforschungen in der Pro-Ana-Bewegung vor ein paar Jahren erinnert hat. Da bekam Ana (die Anorexie) ebenfalls die Rolle einer ganz besonderen, düsteren Freundin und Begleiterin in den Leben der Betroffenen zugesprochen. Über die Rolle der großen Schwester im Leben der Frau Jäger mag ich nicht wirklich noch mehr spekulieren - immerhin droht sie: "Ich bringe zur nächsten emotionalen Messerstecherei meine große Schwester mit." (S. 146) Aber ein wenig gruselig ist das jetzt schon, oder? Might wanna get that checked out.*

Ach, und, als ob nicht alles schon fürchterlich genug wäre, redet die Frau Jäger zu guter Letzt auch noch über Feminismus. Warum eigentlich - das hat sich mir einfach nicht erschlossen. Und mir fällt erst recht kein Grund ein, warum das irgendeine lesen sollte. Wer Beweise braucht: "In dem Moment, in dem Männer nicht mehr Kerle sein dürfen und Frauen dafür welche sein sollen, läuft meinem Erachten nach etwas ganz fürchterlich schief." (S. 228) Nun ist es schon so, dass die Frau Jäger dafür ist, dass alle die gleichen Rechte haben. Aber sie will auf keinen Fall damit aufhören müssen, sich zu rasieren. (S. 233) Facepalm. Sie weiß selbstverständlich auch, dass wir "selbst den unangenehmsten Zeitgenossinnen unter ihnen (den Feministinnen) verdanken, dass wir heute stehen, wo wir stehen" (S. 231), aber der Begriff Feministin ist nun einmal so "muffig" und "schlimm verstaubt". (S. 226) Noch einmal: Facepalm.

Interessant wird das Buch für mich nur an einer einzigen Stelle, weil ich dort einen Schimmer Wahrhaftigkeit vermute - und, wie so oft, ist die Wahrheit nicht beabsichtigt. Aus heiterem Himmel betreibt die Frau Jäger Publikumsbeschimpfung. Angriffe im Internet setzen ihr offenbar sehr viel mehr zu, als es professionell wäre. Sie schreibt diese dem Neid der Angreifer auf sie zu und ist zutiefst enttäuscht darüber, dass Ihre Fans sie nicht mehr und wirkungsvoller verteidigen. Offenbar haben die nicht wirklich begriffen, wer sie eigentlich ist: "Weil Neid eben doch von allen Seiten hässlich ist und die Community der 'Zu-mir-Halter' allem Anschein nach vergesslich ist, wenn Worte wie Pflastersteine fliegen und die Luft brennt, ich dabei zusehen muss, wie der 'Ich stehe hinter dir'-Fresseaufreißer wegrennt, immer dann, dann, (nein, kein Typo) wenn ich einen Wingman bräuchte." (S. 246)

Nein, zu beneiden ist sie wirklich nicht.


NH

*Da würde ich an deiner Stelle mal einen Arzt fragen.



Donnerstag, 25. Mai 2017

Nachgetragen

Fette Logik


Die Frau Herrmann hat meine Rezension ihres Buches auf ihrem Blog "kurz" kommentiert. Gaaanz kurz - auf nur sieben ultrakurzen Seiten. Dabei beschwert sie sich in der Hauptsache darüber, dass ich sie quasi durchgehend mit Absicht aus dem Zusammenhang zitiert hätte und dass die Kritik von mir als Frau an ihr als Frau schlicht "unfeministisch" sei. Insbesondere bezieht sie sich darauf, dass ich ihren Status als vermeintliches "Stalkingopfer" nicht als Ausrede dafür akzeptiert habe, dass es aus unklaren Gründen unmöglich war, die Doktorarbeit der Frau Hermann (die offenbar gar nicht Frau Hermann heißt), einzusehen. 

Ihre Leser tröten in den Kommentaren unter ihrem Kommentar, oh Wunder, nur zu gern ins gleiche Horn: "Der Feminismus ist eben (...) keine Bürgerrerchtsbewegung, sondern eher eine Art Sekte;..."; "Genderterror..."; "Femifaschomob..."; "Feministische Kritik fällt in jeder Lebenslage so aus. Gegen alles und jeden."; "(...) diese Frauen, die sich selbst so aggressiv als Feministin bezeichnen sind nur eins: Rassisten der reinsten Form."; (...) hat mir der Feminismus (...) nix zu bieten außer Dresche. Insbesondere wenn ich auch noch eine weiße Hautfarbe habe..." Undsogehtdasseitenweiseweiter.

Lasst mich dazu nur dieses noch kurz einwerfen: "Opferabo", anyone?

Dabei verdankt die Frau Hermann den Erfolg ihres dumpfen Büchleins in der Tat maßgeblich ausgerechnet gerade jenem Netzfeminismus, über den sie und ihre Blogleser sich so vortrefflich echauffieren können. Auf einem "Diät-Blog" wohlgemerkt...hüstel/augenroll. Hätten sich Feministinnen nämlich nicht vernehmbar im Cyberspace über sie geärgert, wären die traurigen Männer vom virtuellen Maskulistenstammtisch ihr nicht in aufgebrachten Schwärmen zur Seite gesprungen und hätten so viel Lärm und Werbung für sie gemacht. Und zwar so vehement, fanatisch und nachhaltig, dass da in den Weiten des Internets keine betuliche Presseabteilung irgendeines Verlages je ernsthaft mitkommen könnte. Es ist übrigens noch immer schier unmöglich, bei Amazon eine negative Bewertung für das Werk abzugeben, ohne dass einem ihre Anhänger oder gar die Autorin selbst über den Mund fahren. Das Buch, das die Frau Hermann als Cartoonistin herausgebracht hat, scheint übrigens nicht annähernd die gleiche Liebe und Unterstützung zu erfahren.

Noch einmal ganz langsam für alle, die es noch immer nicht begriffen haben, zum Mitschreiben: Die Frau Hermann hat KEIN Diät-Buch geschrieben Sie hat auch KEIN Buch über "Diätmythen" geschrieben. Sie hat ein Anti-Fettakzeptanz-Buch verfasst. Denn Fettakzeptanz ist eine Filiale des (Netz-)Feminismus. Die Frau Hermann ist eine erbitterte Anti-Feministin und kein verdammter Fitness-Guru. 

Wenn man immer ganz anders verstanden wird, als man wirklich verstanden werden will, dann hat man halt ein echtes Vermittlungsproblem. Man kann nicht pausenlos aus Zusammenhängen gerissen werden, wenn die Zusammenhänge weitgehend zusammen hängen, bzw. stimmen. Wenn alles, was man sagt, "aus dem Kontext gerissen wird", sobald es überhaupt zitiert wird, ist das schon...na, sagen wir mal...bemerkenswert. Das scheint irgendwie seltsamerweise auch immer Leuten mit dem gleichen unfreundlichen Weltbild zu passieren. Ständige Probleme mit den selbstverfassten Zusammenhängen, wie die Frau Hermann sie hat, bekommt man eben nur, wenn man entweder ein ganz anderes Selbstbild hat, als der Rest der Welt, oder aber man das eine sein, aber bitteschön zumindest von bestimmten Teilen des Publikums als das andere wahrgenommen werden will.

Wenn man z.B. mich aus dem Zusammenhang reißt, bleibt am Ende trotzdem immer die böse, dicke, linke Feministin. Da bin ich mir ziemlich sicher. Denn ganz genau die bin ich auch.

Direkt unperfekt


 Und wo wir gerade bei Frauen sind, die andere Frauen berufsmäßig vor den Bus schubsen: 

Nicole Jäger, selbsternannter fetter Diätcoach, hat offenbar Probleme beim Abnehmen. Das kann passieren. Im Prinzip ist es normal. Und normalerweise läge es mir selbstverständlich fern, dieses in irgendeiner Form kritisch zu erwähnen, wenn die Frau Jäger nicht mit einem Buch und Bühnenprogramm berühmt geworden wäre, in dem sie nicht nur behauptet hat, einst "selbstverschuldet" 340 kg gewogen zu haben, sondern auch noch allen anderen Dicken mit einer unerträglichen und obendrein total unglaubwürdigen Moralkeule von Buch eins auf die Rübe gegeben hätte. 

Das Nachfolgewerk der Frau Jäger, "Nicht direkt perfekt", erscheint offenbar im September. Der Untertitel lautet "Die nackte Wahrheit über das Frausein" und Ziel der Frau Jäger ist es angeblich, ab jetzt jeder Frau zu ihrem "Recht auf ein positives Körpergefühl (und) auf Weiblichkeit" (amazon.de) zu verhelfen. Das ist man doch erst einmal beruhigt, dass Frauen tatsächlich ein verbrieftes Recht auf Weiblichkeit haben....Und dann fragt man sich, was denn wohl eine Frau automatisch ist, wenn nicht weiblich. Und dann begreift man, dass "unperfekte" Frauen in unserer Kultur natürlich mitnichten einfach so weiblich sind. Auch und ganz besonders nicht in den Augen der Frau Jäger, die immerhin ein ganzes Buch darüber geschrieben hat, wie faul, dumm und scheiße Dicke sind. Weiblichkeit muss man sich "verdienen". Und mit nichts verliert man den Status des Weibchens zuverlässiger als mit Hässlichkeit, Fett oder Feminismus : ). Es wird wieder um Äußerlichkeiten gehen, bei der Frau Jäger. Mit dem Inneren hat sie es nämlich nicht so. Dummerweise eben auch nicht so sehr mit dem Abnehmen. Darum tritt sie jetzt plötzlich dafür ein, dass man als Frau auch irgendwie halbwegs okay ist, wenn man eben "nicht direkt perfekt" ist (denn dellig, alt, dick, zu groß, zu klein, mit dünnen Haaren, etc. kann man eben niemals perfekt sein) und wird sich so weltbewegenden Fragen widmen wie "Und warum ziehen alle beim Sex den Bauch ein?" (amazon.de)

Tun übrigens gar nicht alle. Ich nicht. Just sayin'.

Wenn die nackte Wahrheit über das Frausein der Frau Jäger ungefähr soviel Wahrheitsgehalt hat, wie die Geschichte von den 340 kg Ausgangsgewicht, dann sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die eigene Tochter das Buch nicht in die Finger kriegt. 

Man fragt sich ja noch immer, wie das eigentlich passieren konnte, oder? Dass keiner der Milliarden von Journalisten, die die Frau Jäger in den letzten zu ihren buchstäblich märchenhaften Abnehmerfolgen befragt haben, jemals genauer wissen wollte, wie es sich eigentlich so angefühlt hat, im Körper der schwersten Frau der Welt* zu leben? Und warum dieser zusätzliche Superlativ eigentlich nie Teil der werbeträchtigen Geschichte war?

*Als schwerste, lebende Frau der Welt wurde Pauline Potter 2012 mit 293,6 kg ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen. Diesen Titel hat ihr bisher offenbar keiner streitig machen wollen. Tatsächlich wurde ihr Gewicht je nach Nachrichtenmedium und Zeitpunkt zwischen knapp 300 und 330 kg angegeben. Wenn man sich die Bilder von Pauline Potter zu Höchstgewichtszeiten ansieht, erscheint es einem umso absurder und unbegreiflicher, dass die Lebenssituation der Frau Jäger mit einem angeblich sogar noch höheren Gewicht bei der Berichterstattung nicht erheblich stärker oder eigentlich überhaupt mal substantiell dokumentiert und thematisiert worden ist. 


NH

Sonntag, 22. November 2015

Wall Candy



Für mich persönlich war es eine der wirksamsten Übungen auf dem Weg zu dicker Selbstakzeptanz, mich mit Farbe einzureiben und mich auf Leinwände fallen zu lassen, bzw. sie an mich zu drücken. Die Aktionen hatten mehrere wirksame Dimensionen: Die in den vorangegangenen Jahren ausgesprochen seltene Interaktion mit dem eigenen, nackten Körper. Die Erfahrung, dass diese Interaktion Spaß macht. Die Erkenntnis, dass der Körper als Werkzeug in einem kreativen Prozess verwendet kann, und dass mir selbst das Ergebnis und damit die Abbildung meines eigenen dicken Körpers durchaus gefällt, und dass ein dicker Körper eine ihm ganz und gar eigene ästhetische Qualität hat. Schließlich das öffentliche Herzeigen der fertigen Bilder. All meine Po-, Brust- und Körperabdrücke, die in drei Etappen und über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden und fertiggestellt worden sind, habe ich nun in einer Dia-Show zusammengestellt (s.o.).

Im Gegensatz zum Ugly Girl Project spielte das traditionell ach so "hübsche Gesicht" der dicken Mädchen keine Rolle. Auf den Leinwänden war nur Platz für den bis dahin gebeutelten und verachteten Körper. Er musste ganz allein arbeiten, um eine Aussage zu machen - mit all den Teilen, die klassischerweise und an so gut wie allen Frauen und fast schon automatisch als "problematisch" eingestuft werden: Hintern, Busen, Bauch, Hüften, Oberschenkel. Für mich hatte das am Ende etwas entschieden Befreiendes und Befriedendes in der Beziehung zu meinem Fett. Aber natürlich braucht man auch eine gute Portion Humor, um sich eine Leinwand an den bunten Po zu drücken.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen vor allem auch die deutliche Abbildung meines "Pussy Pouches" (mein fleischiger Venushügel), sowie die, wie ich finde, ziemlich ausdrucksvolle, gestalterische Rolle, die er einfach von selbst übernommen hat. Zusätzlich sind an machen Stellen die Details wirklich ganz erstaunlich - auf manchen Leinwänden zeichnen sich sogar die Dehnungsstreifen ab. Und werden damit zu einem stimmigen Teil der Gesamtkomposition, der wiederum seine unbestreitbare Berechtigung und Wert hat.

Die vorangegangenen Blog-Einträge über die Körperabdrücke:

Juni 2014

Oktober 2013

Vom Mai 2012 gibt es Videoaufnahmen. Vielleicht schneide ich da auch mal was zusammen. Ich hoffe, ich finde sie wieder...

Alle Bilder kann man außerdem in recht guter Qualität auch auf meiner Seite bei Saatchi Art ansehen.


NH

Sonntag, 25. Oktober 2015

Schwamm drüber



"Schwamm drüber" ist quasi eine Bravo Girl in Buchform. Und aus den 50er Jahren. Es gehörte meiner Mutter, die beim Erscheinen des Buches gerade in der Pubertät und damit die Zielgruppe war. Ich selbst habe es "geerbt" und als Mädchen öfter mal darin geblättert, aber eher geschaut als gelesen. Die nostalgischen Illustrationen haben mir immer besonders gefallen. Auf denen waren natürlich alle Taillen winzig, aber Schönheitsideale, ihre Entstehung, Manifestierung und wie sie - damals und heute weiterhin - vorrangig gegen Frauen verwendet werden, haben mich damals naturgemäß nicht so umgetrieben wie heute, obwohl ich mich zu der Zeit natürlich mit meinem eigenen Körper auch bereits seit Jahren mitten im Krieg befand.

Rosemarie Harbert, die Autorin des Buches, war streng und hatte natürlich viele komplett unmögliche Ansichten. So war sie z.B. ohne Umschweife dafür, dass Eltern ihren Töchtern durchaus eine klatschen können, wenn die sich daneben benehmen. Bemerkenswerterweise verbuchte sie die Teilnahme an Miss-Wahlen als schlechtes Benehmen. Insgesamt wollte sie Mädchen halt lieber an- und bodenständigals als glamourös. Und sie riet, etwas Sagrotan ins Waschwasser zu schütten, wenn man seine Tage hat. Für so neumodischen Kram wie Tampons hatte sie auch nicht viel übrig. Und sie war strikt gegen lila Unterwäsche: "Lila (...) ist nichts anderes als ordinär, trage niemals Lila. Es ist noch häßlicher als schwarze Leibwäsche."

Andererseits betrachtete sie "Schönheit" an vielen Stellen aus erstaunlich moderner und im Vergleich zur Bravo Girl regelrecht feministischer Perspektive. Eigentlich, so berichtet sie in der Einleitung, sollte der Titel des Buches "Sei gefälligst schön". Das aber habe ihr ihre Tochter ausgeredet - mit Hinweis darauf, dass sich moderne Mädchen gar nichts vorschreiben ließen.

Über die Sorge, zu dick zu sein, sagt sie etwas, was sich erstaunlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen jüngerer Zeit deckt: "(...) deine vielbeklagte Dicke  ist (...) Kükenfett, das zu vielen Mädchen deines Alters einfach dazugehört, um so besser sind deine Nerven. Es läuft sich demnächst ab, wenn du Studentin bist oder Schuhkartons vom Lager herauftragen musst."

Auch mahnt sie dazu, sein Geld nicht ausschließlich für Mode und Kosmetik auf den Kopf zu hauen: "Eines Tages brauchst du eine Aussteuer, und es wird bereits Zeit, damit anzufangen. Nicht gleich mit drei Dutzend Küchentüchern (...); aber vielleicht ist schon ein kleines Bücherregal da, das dir allein gehört. Und sieben oder vierundzwanzig Bücher, in denen dein Name steht." ...Hatte ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass in meiner Familie ausnahmslos alle (Mutter, Vater und ich) ihre Bücher immer umgehend beschriftet und mit dem Datum des Erwerbs versehen haben?

Und dann kommt sie zu Schönheitswettbewerben und wird mehr als deutlich: "Schönheitsköniginnen sind nicht schön, das ist ein Irrtum. Sie sind Mädchen, die im Badeanzug über einen Laufsteg gehen (...) und dafür prämiert werden. Das hat nichts mit Schönheit zu tun. Es handelt sich um eine Fleischbeschau, die von der Badetrikot- und Strumpfindustrie finanziert wird. (...) Die Leute, die solche Veranstaltungen arrangieren, haben (...) die Vorstellung, daß die Schönheit des Menschen in Zentimetereinheiten festlegbar und feststellbar sei (...). Daß also Zollstock und Maßband das Maß für die Qualität von Menschen seien."

Und dann noch etwas, was meiner Auffasung nach damals wie heute ausgesprochen wahr war/ist: "In Antiquitätengeschäften sieht man schöne Granatringe, oder Ringe mit Gemmen, auch kunstvolle Korallenstücke. Diese so altmodisch wirkenden Dinge sind gerade für junge Mädchen , die ja nicht leicht in den Verdacht der Altjüngferlichkeit geraten, sehr apart (...)." : )

NH








Dienstag, 1. September 2015

THE UGLY GIRL PROJECT: Finale

Das Ugly Girl Project kommt nun zu einem Ende. Die folgenden Bilder sind sicher nicht meine letzten Selfies, aber die letzten aus einer Reihe experimenteller Inszenierungen.

Dicke wollen bekanntlich oft nicht gern mit aufs Bild. Weil sie glauben, hässlich und monströs zu sein, und ihren eigenen Anblick nicht ertragen. Ganz genau so ging es mir die meiste Zeit meines Lebens. Das Ugly Girl Projekt war Teil meiner Selbstakzeptanz-Reise. Ich nahm mein Selbstbild buchstäblich in die eigenen Hände, und machte mir selbst ein Bild - eins, auf dem ich mich zunehmend gut ertragen und am Ende wirklich ganz OK finden konnte.

Das Projekt begann 2010. Damals hatte ich nur so eine Ahnung, dass Selfies eine Strategie sein könnten, einen frischen Zugang zum eigenen Selbstbild zu entwickeln. Am Anfang hatte ich es gern ein wenig körnig und unscharf, aber es ist mir im Verlauf der letzten Jahre gelungen, mich aus der Unschärfe herauszuschälen - und gleichzeitig habe ich gelernt, mich mit meinem dicken Körper mit sehr viel größerer Selbstverständlichkeit und zunehmender Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zu bewegen.

Einen abschließenden Zusammenschnitt der Selbstportraits aus den Jahren 2010 bis heute gibt es HIER.


Krone zurechtrücken...







© Nicola Hinz 2015

Freitag, 21. August 2015

Ausgelesen: Das kleine Übungsheft - Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Die "Kleinen Übungshefte" aus dem Trinity Verlag haben eine hübsche Aufmachung, und man braucht vielleicht eine halbe Stunde, um sie zu lesen.

Und im Falle des o.g. Übungsheftes von Anne Marrez & Maggie Oda ist das auch wirklich das Äußerste, was man an Zeit investieren sollte. Die Broschüre sieht so klein und unschuldig aus - und ist doch ein echt fieses Terrorwerk. Eine der Autorinnen ist übrigens im Diätgeschäft...

Um es kurz zu machen: Die 62 Seiten enthalten mindestens fünfmal das Wort "Makel" und viermal das Wort "Mangel". Diese hat frau nun einmal, soll sie aber nicht so tragisch nehmen.

Das heißt, Schönheit als im Grunde objektiver und ziemlich klar definierter Wert wird hier überhaupt nicht herausgefordert. Es geht nur darum, dass man sich nicht von der eigenen Hässlichkeit (den naturgegebenen "Makeln") komplett runterziehen lässt. Wobei man am eigenen negativen Körperbild ohnehin selbst Schuld ist: "der (...) Schönheitskult (...) entsteht (...) in erster Linie in Ihrem Kopf." Na dann.

Die automatische Verbindung von Dicksein und Hässlichkeit taucht erstaunlich konsequent auf. Denn viele Frauen fühlen sich "dick und hässlich" (S. 5) und "zu hässlich, zu dick" (S. 28). Sie denken, ihr "fetter Bauch steht raus" (S.38), oder "Ich bin hässlich, ich bin fett" (S.34), und das, OBWOHL sie "in Wirklichkeit ein gesundes Gewicht" haben (S.11). Auf Seite 6 ist sie dann auch abgebildet - die dünne Frau, die ja eigentlich gar nicht hässlich ist, aber sich selbst im Spiegel als dicke, und im Gesicht zusätzlich wirklich ungünstig aufgedunsene Frau sieht.

Damit wird ziemlich schnell klar, dass sich dieses giftige Heftchen mit seinen biederen, flachen Übungen für Selbstakzeptanz offenbar in der Hauptsache an Frauen wendet, die sich "fett und hässlich" fühlen, und ganz klar nicht an solche, die fett (und damit offenbar in den Augen der Autorinnen unübertroffen hässlich) sind.

Fett ist, wie immer, auch hier das Allerallerallerschlimmste. So schlimm, dass man echtes Dicksein auch nicht so wie die anderen möglichen "Makel" mithilfe von Atemübungen und durch Lächeln (kein Witz, S. 58) wegakzeptieren kann. Stattdessen wird den Leserinnen auch hier nahegelegt, sich nicht abzukapseln und zu essen (S. 50), denn das "gefährdet Ihre Gesundheit." Statt "zu viel zu essen", sollte man lieber "Sport treiben" (S. 51).

Wenn Ratgeber zur Akzeptanz des eigenen Körpers vollgestopft sind mit Fettphobie und Abweichungen von Normschönheit tatsächlich durchgängig als "Mangel" identifizieren, wird es echt eng. Dummerweise ist dieser bekanntlich nicht der erste seiner Art, der uns hier unter die Augen kommt. Was bitte soll das sein? Eine besonders perfide, subversive Form der fortgesetzten Demoralisierung von ohnehin bereits angeschlagenen Frauengemütern?

FUCK 'EM! Ernsthaft.

NH 

Sonntag, 28. Juni 2015

THE UGLY GIRL PROJECT: Gartenschlauch / Garden hose










© Nicola Hinz 2015

Follow me around 27: Presseschau


"Und hast du in letzter Zeit etwas 
Schönes gelesen?"

Hat Theo gefragt. Aber nur, um von einem anderen Thema abzulenken. Aber na gut, falls es jemanden doch interessiert - wobei, schön war es eher nicht.


Bravo Girl! 
Nr. 13 (17.6.2015)

Denn ich kann mir ja nicht helfen - während ich in letzter Zeit an Kassen stand und der Blick über die Zeitschriften glitt, blieb er natürlich immer wieder an sowas hier hängen: "Schummel dich schlank!" Seitdem ich so voll im Thema bin, kann ich ja nicht mehr wegsehen, so fasziniert und entsetzt bin ich von der perfiden Allgegenwart von auf Frauen (und in diesem Fall sehr junge Frauen und Mädchen) abgefeuerten, negativen Körperbotschaften, die mir vorher in ihrem vollen Ausmaß schlicht nicht bewusst war. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich bisher immer dachte, es müsse heißen "Schummle dich schlank"...aber was ist schon Grammatik, wenn es darum geht, dünner auszusehen?

Es war die erste Bravo Girl!, die ich gekauft und durchgeblättert habe, und ich gebe weder an noch versuche ich unnötig dramatisch zu sein - mir wurde tatsächlich vor Ärger erst ein wenig schwindelig und dann regelrecht übel. Erst wollte ich auch gar nicht mehr darüber schreiben, denn ich wollte den Kram eigentlich nur noch in die Tonne pfeffern, aber Drecksarbeiten müssen bekanntlich auch erledigt werden. Der Artikel zur Schlagzeile auf dem Titelblatt beginnt auf Seite 8 und endet auf Seite 13. Es geht um Bikinis und welchen man mit welcher Problemzone tragen sollte, wenn man sich fürs Schwimmbad eine "schönere, schlankere und knackigere" Traumfigur erschummeln will. Beim ersten Model dachte ich für einen Augenblick erschrocken, sie streckt den Arm hoch zum Hitlergruß...aber wahrscheinlich bin ich wieder die einzige, die solch verdrehte Assoziationen hat.

Natürlich impliziert schon das Wort "schummeln" in diesem Zusammenhang nichts anderes als schuldhafte Hässlichkeit. Wer ES nicht wirklich hat, hat Pech und ist im Prinzip selber Schuld. Und muss halt ein wenig betrügen. Denn Hässlichkeit ist natürlich noch immer um Einiges schlimmer als Unehrlichkeit. Darum verteilt die Bravo Girl! schließlich auch großzügig solche Schummeltipps an die Bedürftigen, aber eigentlich hätte man sich ja auch mal mehr zusammenreißen können, und insgesamt schöner geboren worden sein.

Die folgenden 12 Mädchen in Bikinis repräsentieren 12 körperliche "Mängel", die durch die Wahl des richtigen Bikinis abgemildert werden können:

1) Großer Busen / Kleine Brüste

2) Zierliche Figur / Kurvige Silhouette / Groß und schlaksig

3) Wenig Taille und großer Po / Flacher Popo

4) Volle Oberschenkel

6) Breite Schultern (?!)

7) Etwas Bäuchlein

8) Breite Hüften

Zusätzlich gibt es eine Liste für Dos und Don'ts - wiederum für wenig Busen, viel Busen, kleine Pos, große Pos sowie für kräftige Beine. Was bei dieser Gegenüberstellung mal wieder klar wird, ist, dass es in der absurden Welt der Frauenzeitschriften schier unmöglich ist, einen "richtigen" Körper zu haben, der keiner Nachhilfe bedarf - kein Körper ist ok. ALLES muss korrigiert werden. Und das Gegenteil von allem eben auch: "Bikinitops mit Rüschen tricksen dir eine größere Oberweite." Aber: "Tief ausgeschnittene Neckholder (...) lassen deine Oberweite kleiner erscheinen." Es gibt kein Gewinnen.

Auf der letzten Seite ist eine Galerie von Leserinnen zu bewundern, die ihre Bilder per Instagram oder Mail an die Redaktion geschickt haben. Die meisten von ihnen dürften, wenn überhaupt, gerade eben so die Pubertät erreicht haben...ich frage mich, was man als Mutter überhaupt tun könnte, um seine Tochter wirksam vor so viel Gift und Angriffen auf ihren Selbstwert und ihre Gesundheit zu schützen.

Und wofür ist eigentlich das lächerliche Ausrufezeichen da? Offenbar, um die Mädchen pausenlos anzuschreien und anzufeuern, alles nur nicht sie selbst zu sein: "Fit und sexy!", "Schummel dich schlank!", "Mund auf, Augen zu!", "Sexy aussehen!", "Aber wer braucht Rettungsringe um die Taille?!", "(...) zarte Strähnchen herausziehen!", "Nach dem Baden neu eincremen!", "Schüttle die negativen Gedanken ab!", "Süße Looks, die jeden Jungen sofort verzaubern!"...

...überhaupt ist es offenbar von erstaunlicher Bedeutung, was Jungs so gut finden. Auf Seite 48 lernen wir, dass "Jungs sich ruckzuck in dich verlieben", wenn frau nur genug - Achtung! - lächelt. "Du bekommst alles, was du willst - ohne Worte."

Ohne Worte.


Brigitte
Nr. 12, 27.05.2015

Auch da sollte ich ja zu meinem eigenen Besten die Finger weglassen, und konnte es doch nicht, als ich gesehen habe, dass in dem Heft ein Artikel über Frauen in Mauretanien war. "Dick und geschieden" stand auf dem Titel. Mir schwante Schlimmes...und ich behielt Recht. Denn wenn die Brigitte über Frauen in einer anderen Kultur berichtet, verlieren ihre Autorinnen selbstverständlich niemals den Blick auf das Wesentliche: Dicksein ist schlecht, schlecht, schlecht. Und die Frauen in Mauretanien werden gemästet, um dick, dick, dick zu werden - weil das da das herrschende (für Brigitte-Redakteurinnen selbstverständlich total abwegige) Schönheitsideal ist. "So jedenfalls erzählt man sich von den Frauen in Mauretanien." Hoppla!?

Dass nicht eine jener gemästeten, mythischen Monsterfrauen der Fotografin vor die Linse gekommen ist, weil die Frauen in Mauretanien gar nicht mehr zwangsgemästet werden, hat die Autorin dann zwangsläufig auch mitbekommen. Das hindert sie nicht daran, sich immer weiter abfällig über die Praxis und über aus ihrer Sicht zu dicke Körper auszulassen: "(...) dick, das hat sich herumgesprochen, heißt auch: unbeweglich und krank.", "Fette Frauen gibt es nur wenige. (...) viel weniger als beispielsweise in den USA.", "(Es) wird gezeigt, wie eine sehr dicke Frau (...) äußerst unästhetisch versucht (...) aufzustehen.", "(...) Elys Kampagnen (...) erreichen (die), die schon vernünftig sind."

Die Ironie, dass eine Diät hier mitunter als emanzipatorischer Akt verstanden werden kann, geht an der Autorin offenbar komplett vorbei, und obwohl sie sogar die mauretanische Frauenrechtlerin Ely Aminetou zitiert, die ausführt, dass die heute nur noch freiwillig stattfindende absichtliche Gewichtszunahme unter jungen Frauen auf Männerfang nichts anderes ist, als der "Magerwahn im Westen", kann sie ihre Abneigung für Frauen, die ihr Gewicht gezielt erhöhen, um so ihre Normschönheit zu steigern und über möglichst viele Ehen und Scheidungen wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen, nur schlecht verbergen: Die zwanzigjährige Belkiss ist "verwöhnt", "killt" ihre Zeit mit Facebook und Instagram, schwänzt die Schule, um shoppen zu gehen und ist somit schon dreimal durch den Schulabschluss gefallen. Die 54jährige Horya Mint Nana hat "sich achtmal mit Tabletten vollgestopft", um dick zu werden, zusammen mit ihrer Schwester hat sie bereits über ein Dutzend Ehemänner "entsorgt" und sie "kommandiert" ihre "Diener" mit "herrischen Worten".

Unter dem Artikel behauptet ein kleiner Absatz, dass die Autorin Andrea Jeska es nicht leiden kann, "wenn Frauen sich kleinmachen oder dünn hungern". Darum war sie angeblich "sehr beeindruckt von der Präsenz (...) und dem Stolz (...) der mauretanischen Frauen."

Tsss...could have fooled me.*


Micky Maus
vom 12.06.2015

Und dann endlich aufatmen und basteln. Wo wir doch gerade von Monstern sprachen... ; )





*Das ist aus dem Artikel weiß Göttin nicht ersichtlich - darum: Fast hätte sie mich an der Nase herumgeführt. Da dachte ich doch für einen Augenblick, sie hat was gegen Fett...

© Candybeach.com 2015


Sonntag, 24. Mai 2015

Proseminar Selbstakzeptanz für Dicke


Fimo-Vagina - eines meiner "entweder du verwendest den Kram JETZT, oder er kommt weg"-Werke. Die Masse war schon ganz bröckelig, aber ich bin froh, dass ich diese Vagina noch  geknetet habe - sie steht für die Freude am Körper, die entsteht, wenn man neu  und mutig hinsieht, Grenzen und Tabus im Kopf überwindet, unbekanntes Land endlich richtig kennen lernt und sich selbst zurückerobert.

11 Programmpunkte auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz und zu einem friedlicheren Zusammenleben mit dem eigenen, dicken Körper:


1. Den eigenen Körper wahrnehmen / kennenlernen

Wie gut hast du dir deinen dicken Körper überhaupt in der letzten Zeit / den letzten Jahren angesehen? Weißt du ganz sicher, wie dein nackter Rücken aussieht? Kennst du deine Oberarme wirklich? Oder deine Knie? Die Unterseite des Busens? Den Verlauf der Dehnungstreifen und Krampfadern? Wie ist es mit der Innenseite der Oberschenkel? Oder der Poritze? Oder den Achseln?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers ist der erste Schritt zu dicker Selbstakzeptanz. Dazu sind mehrere größere und kleinere Spiegel natürlich hilfreich. Ich selbst habe mich am Anfang meiner Reise von allen Seiten fotografiert und gefilmt - auch die Stellen, die schwerer zugänglich sind. Es kann übrigens auch nicht schaden, sich mal so richtig zu beschnuppern.

Wer besonders gründlich sein will, kann ein kurzes "Reisetagebuch" führen: Wie sieht es aus in den Achseln? Sind da Narben vom Rasieren, von denen man nichts wusste? Ist die Farbe der Haut etwas dunkler? etc.

Der Zweck der Übung ist folgender: Man kann nur wirksam akzeptieren, was man auch kennt. Außerdem stehen die Chancen gut, dass diese Art der Betrachtung aus dem gefühlt unförmigen, unbekannten Monsterkörper wieder einen guten Bekannten macht, der ganz bestimmt nicht überall so grauslich ist, wie man ihn für lange Zeit zuvor verbucht hat. Selbst das, was man nicht schön findet, verdient es, betrachtet und beschrieben zu werden. So wie man es auf einer tatsächlichen Reise auch tut.

Das Beste: Man gewöhnt sich an den Anblick der eigenen dicken Körperlandschaft, wenn man sie regelmäßig wahrnimmt. Der Anblick wird "normal". Und was wir "normal" finden, TATATAAA, finden wir automatisch irgendwann auch nicht mehr hässlich.

2. Vorbilder suchen

Einige Jahre bevor ich mich entschied, mich dem Schlankheitsterror zu entziehen, saß ich in einem Café und der Kaffee wurde von einer wirklich coolen, hübschen, jungen und sehr dicken Kellnerin serviert. Sie war tätowiert und hatte ein paar Piercings im Gesicht. Sie hatte braune, hochgezwirbelte Haare, einen sehr großen Busen unter dem engen, weißen T-shirt und trug abgewetzte Birkenstock-Sandalen. Ihre Fußnägel waren dunkel lackiert.Sie war nicht einmal besonders freundlich, sondern eher ein wenig genervt. Aber sie war vermutlich (und leider) die allererste dicke Frau, bei der ich die Körperfülle nicht als störend empfand, sondern als stimmiges und dazugehöriges Merkmal ihrer Erscheinung. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mutter sagte: "Die ist aber hübsch." Und meine Mutter drehte sich ein wenig überrascht um, guckte und sagte dann: "Ja, stimmt." Und ich dachte damals: "Wenn es möglich ist, dick und cool zu sein - warum schaffe ich das nicht?" Ich erinnere mich an all das so genau, weil ich tatsächlich einen Tagebucheintrag über die Begegnung verfasst habe - auf meinem Blackberry (so lange ist das schon her), noch während ich dort am Tisch saß. Trotzdem war ich gedanklich noch immer im Diät-Modus.

Das Internet ist eine ganz besonders gute Quelle, um sich dicke Vorbilder zu suchen und zu finden. Fatshion- und Fettakzeptanzblogs und- vlogs sind voll mit dicken, schicken und mutigen Frauen, die öffentlich interessante Dinge tun und wissen. Auch die Zahl dicker Popkultur-Vorbilder hat in den letzten Jahren zugenommen - ich persönlich verdanke ja Beth Dito und Melissa McCarthy eine ganze Menge.

Wenn man sich mit attraktiven, dicken Vorbildern / Bildern umgibt, passieren drei Dinge: Man gewöhnt sich daran, dass dicke Körper überhaupt auf positive Weise sichtbar gemacht und in den Vordergrund gerückt werden. Der eigene, innere Richter verändert seine Kriterien, und man gewöhnt sich an die Idee, dass dick gut/erfolgreich/schön/etc. ist. Das führt irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass das eigene Fett auch schön und erfolgreich sein kann.

3. Andere dicke Körper wahrnehmen

Andere dicke Körper im wahren Leben oder in Büchern und im Internet zu betrachten, ist ein sinnvolle Übung, weil man feststellt, dass es natürgemäß recht viele Ähnlichkeiten gibt. Und an anderen Körpern findet man Dehnungstreifen mitunter weniger "unansehnlich", als an sich selbst. Dabei sind es im Prinzip die gleichen Streifen. Wieder geht es um eine Veränderung der Perspektive hin zu "Normalität". Wer sich regelmäßig andere Körper, die gängigen Schönheitsstandards nicht entsprechen, genau ansieht, stellt fest, dass es "normal" ist, diesen Standards nicht zu entsprechen.

4. Lesen, Lesen, Lesen

Teil meines Einstiegs in die dicke Selbstakzeptanz war die eifrige Lektüre von einschlägigen Blogs und Büchern zum Thema Fettakzeptanz, die mich dankenswerter Weise und üppig mit Strategien, Informationen und moralischer Unterstützung versorgt haben. Leider ist Fettakzeptanz bisher kein wirklich großes Thema in Deutschland, so dass die folgende kurze Liste mit "Klassikern" zum Thema ausschließlich auf Englisch zu haben ist.

Lesley Kinzel: Two Hole Cakes

Virgie Tovar (Hrsg.): Hot & Heavy

Golda Poretsky: Stop Dieting Now

Wendy Shanker: The Fat Girl's Guide to Life

Marilyn Wann: Fat!So?

Rebecca Jane Weinstein: Fat Sex

Kate Harding, Marianne Kirby: Lessons from the Fat-O-Sphere

5. Sex

Ich habe immer wieder beschrieben, was für eine große Hilfe die Begegnung mit Fettliebhabern dabei war, meinen dicken Körper selbst schön zu finden und mich auch in sexueller Hinsicht nicht mehr für ihn zu schämen, sondern regelrecht stolz auf ihn zu sein. Kontakt zu gutaussehenden, respektvollen und leidenschaftlichen Fettliebhabern findet frau im Internet in der Regel ohne große Schwierigkeiten. Natürlich sind gesunder Menschenverstand, konsequente Selbstfürsorge und Klarheit über die eigenen Wünsche und Grenzen, sowie angemessene Gründlichkeit bei der Auswahl immer essentielle Voraussetzungen beim Online-Dating.

Es lohnt sich sehr, Sex mit jemandem zu haben, der den oftmals lang schamhaft verhüllten und diffarmierten Körper einfach nur super findet. Es ist eine unbezahlbare Erfahrung, die ich jeder von unserer fettphobischen Kultur entmutigten Frau wünsche.

Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der das Gegenüber eine im Grunde negative/neutrale Einstellung zum Fett hat, sollte die Sache unbedingt auf den Tisch bringen. Partner, die einem nicht das Gefühl geben, dass man attraktiv ist, sind nicht gut. Für niemanden! Und ganz besonders nicht für jemanden, der um Selbstakzeptanz kämpft.

In einigen, komplett anders gelagerten Fällen könnte sich bei einem offenen Grundsatzgespräch herausstellen, dass der Partner das Fett lieber mag, als man selbst geglaubt hat. Das ist dann ja auch mal gut zu wissen. ; )

6. Intuitives Essen

Dicke Selbstakzeptanz und Diät-Programme schließen einander aus. Ich kann nicht mit einem Bein im Diät-Land stehen bleiben, wenn ich eine wirkliche Veränderung meines Lebens und meiner Einstellung zu mir selbst erreichen will. Diäten scheitern. Scheitern fühlt zu Schuldgefühlen, und Schuldgefühle fahren das Selbstwertgefühl in den Keller. Das kann man sich auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz schlicht nicht leisten.

Dicke Selbstakzeptanz heißt, sich heute für den Körper zu entscheiden, den man heute hat, und fortan gut zu ihm zu sein. Das bedeutet, ihn nicht mehr mit Verachtung zu strafen und ihn gedanklich zu beschimpfen. Das Bedeutet aber auch, ihn nicht mehr phasenweise hungern zu lassen, oder mit klumpigen Weight-Watchers-Fertiggerichten zu quälen.

Ich habe ja, wie berichtet, sehr gute Erfahrungen mit "intuitivem Essen" gemacht. Die Regeln des intuitiven Essens sind sehr einfach: Iss das, was du willst, wann du es willst und höre auf, wenn du satt bist. Nein, man wird sich in Zukunft nicht nur von Kartoffelchips ernähren. Das ist die Erfahrung so ziemlich aller intuitiven Esserinnen, von denen ich gelesen oder mit denen ich gesprochen habe: Wer isst, was er will, stellt fest, dass der Körper sehr viele verschiedene Sachen will, wenn er alles haben DARF. Und nein, er wird auch bestimmt nicht so groß wie ein Zeppelin, weil ein Körper, der alles essen darf, keine Angst vor Hungersnöten hat, und außerdem nicht durch Schuldgefühle bei jedem Bissen gestresst ist, gar nicht mehr alles essen WILL.

7. Sich endlich Wut gestatten und Angriffe abwehren

Angreifer lauern überall. Ich habe sogar schon von meinen Fettliebhabern gesagt bekommen, dass sie ein wenig auf ihre Figur achten müssen und lieber keinen Apfelkuchen wollen. Freundinnen und Kollegen jammern auch gern über ihre schier unförmigen Körper, während man dick daneben steht. Verwandte und Partner werden leicht mal etwas deutlicher und persönlicher, wenn es darum geht, das Fett von Angehörigen zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Und offenbar gibt es auch Idioten auf freier Wildbahn, die einen im Supermarkt über Ernährung belehren wollen, die Beleidigungen über die Straße schreien oder am Nebentisch tuscheln. Ärzte können ja auch oft nur schwer mit ihren Vorurteilen hinterm Berg halten.

Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass man eine solch respekt- und oft gedankenlose Behandlung durch die Umwelt NICHT VERDIENT. Die anderen sind die, die falsch liegen. Sie haben die Regeln einer fettphobischen Gesellschaft so stark verinnerlicht, dass ihnen Feingefühl und Kinderstube in den beschriebenen Situationen offenbar komplett abhanden kommen. Und das muss man nicht hinnehmen. Das muss man ansprechen.

Man könnte damit beginnen, das Gegenüber in ruhigem Ton darüber zu informieren, dass man sich in Zukunft nicht mehr über die Bekämpfung von Fett auseinandersetzen wird, weil man sich so OK findet, wie man ist. Man kann auch (Fremden) mitteilen, wie mies man sich eigentlich jedes Mal fühlt, wenn jemand negative Bemerkungen über Dicke macht. Eine anschließende Diskussion ist übrigens nicht nötig und auch nicht wünschenswert. Tatsächlich fordert man hier nämlich nur die Einstellung eines Verhaltens, das man niemals so lange hätte aushalten sollen.

Man kann sich alternativ auch über die Angreifer lustig machen - man kann z.B. der jammernden Freundin zustimmen, wenn sie wieder über ihre Oberarme nörgelt und sie ausfragen, was sie denn nun endlich dagegen zu tun gedenkt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie was merkt.

Wer sich im Ringen um Selbstakzeptanz so richtig weit zurückgeworfen fühlen will, muss neben allem anderen natürlich nur den Fernseher einstellen, oder eine Zeitschrift aufschlagen. Mainstream-Medien sind etwas, das man als Dicker im Interesse des eigenen Selbstbewusstseins ohnehin nur sehr sorgfältig ausgewählt nutzen sollte. Und dabei sollte man gedanklich immer seine kugelsichere Weste tragen.

8. Regelmäßige Angreifer aussortieren

Manchmal dauert es etwas, bis das Umfeld begreift, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Bemerkungen über Diäten und Fett gehen vielen Menschen reflexartig über die Lippen, und oft fällt es ihnen ausgesprochen schwer, damit aufzuhören - selbst wenn sie es wollen. Wenn sie verstehen, worum es geht und sich bemühen, ist schon sehr viel gewonnen. Bei allen, die das nicht tun, muss man sich irgendwann fragen, wie viel Zeit man noch mit ihnen verbringen kann. Dicke Selbstakzeptanz ist schwer und kein Spiel, und es hängt viel davon ab.

9. Mit anderen Dicken kommunizieren

Der Austausch mit anderen "Betroffenen" hilft immer! Dicke Biographien ähneln sich oft auf erstaunliche Weise, und es ist keine Neuigkeit, dass es schlicht gut tut, zu wissen, dass man mit seinen negativen Erfahrungen nicht allein ist. Auch hier dürfte das Internet wieder eine bevorzugte Anlaufstelle sein, aber es gibt natürlich auch analog dicke Stammtische, Selbsthilfegruppen etc.. Ich selbst trage mich ja auch immer noch mit dem Gedanken, irgendwann einen "Club der dicken Damen" zu gründen.

10. Den Kleiderschrank überarbeiten

Ein Kleiderschrank, der voll ist mit Kleidern, die einem erst in schlanker Zukunft passen, ist voll mit Schuld und Versagen und Negativität - egal wie schön die Kleider sind. Weg damit! Die Umgestaltung meiner Garderobe war ein ganz entscheidender Schritt für mich. Schöne Kleidung, die man gern anzieht, ist Wertschätzung, die der Körper endlich verdient hat. Ich habe heute (fast*) nur noch Kleidungsstücke im Schrank, die ALLE der folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Ich finde sie schön.
2. Sie passen mir gut.
3. Sie sind bequem.
4. Sie sind heil**.

Mein Ziel war/ist es außerdem, mich bei meiner Kleiderwahl zukünftig "mehr zu trauen" (enger, bunter, ausgefallener), und dadurch sichtbarer zu werden. Denn öffentliche Sichtbarkeit ist für Dicke oft eine regelrechte Mutprobe. Und eine wichtige Übung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.

*Bis auf ein paar Erb- und Erinnerungsstücke.

**Das ist in der Tat eine große Sache, denn ich habe ja schon mal über die Hosen mit den zerschrabbelten Stellen zwischen den Oberschenkeln gesprochen, und wie schmerzhaft das werden kann.

11. Aktiv werden (in jeder Hinsicht)

All die vorangegangenen Punkte erfordern, dass man den Mut zusammennimmt, den es braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist das aber etwas, was man trainieren kann, und was bei regelmäßiger Übung immer leichter wird. Man sollte dann bei den oben beschriebenen Punkten auch nicht Halt machen. Man sollte sich und seinen dicken Körper ins Leben stürzen, und sich immer mehr trauen. Etwas, was vielen Dicken große Schwierigkeiten macht, ist z.B. der Gang ins öffentliche Schwimmbad. Vermeidung ist nur selten eine befriedigende Lösung.

Aber weil man sich selbst schneller akzeptieren wird, als die Umwelt, muss man als dicker Mensch auch in Zukunft oft Mut aufbringen, um öffentlich das zu tun, was man will: Schwimmen, Tanzen, Vorträge halten, bunte Hüte tragen, seine Meinung sagen, Eis essen. Aber man muss es tun, weil man das Leben nicht vermeiden kann, ohne es zu vertun.

Wie gesagt: Es wird alles leichter. Selbstakzeptanz führt zu mehr Mut, und mehr bestandene Mutproben zu noch mehr Selbstakzeptanz.


NH