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Mittwoch, 6. Mai 2020

Corona-Lockdown Tag 51




Frauen im Bücherregal


Jetzt stehen sie vor den feministischen Geschichtsbüchern. Die Platzierung war nicht bewusst. Allerdings ist die Chance, in meinen Regalen vor einem feministischen Buch zu stehen, ohnehin ziemlich gut. Rechts vom Foto beginnt übrigens die Abteilung über Hexen und Magie. Das Bild zeigt meine Großmutter Elisabeth (links) mit ihren Schwestern und ihrer Mutter (meiner Urgroßmutter Maria) in der Mitte

Der Göttin sei Dank, hat frau endlich mal wieder Zeit, ein ganzes Buch zu lesen.

Seit Weihnachten bin ich im Besitz eines Kindles. Ein Geschenk von Oliver, um dem kompletten Recluttering der ohnehin noch immer ziemlich vollen Bücherregale entgegenzuwirken. Seitdem habe ich das Gerät mit Büchern befüllt, die ich jetzt in der „Krise“ endlich lesen kann.

Grundsätzlich komme ich mit der Maschine nicht besonders gut klar. Ich finde die Navigation sperrig und ich gerate beim Wischen immerzu an Stellen, zu denen ich gar nicht wollte. Und was mich wirklich bis aufs Blut nervt, ist, dass in den Büchern, die von anderen Lesern weltweit am meisten markierten Stellen – man mag es kaum glauben – automatisch...MARKIERT werden! Mit der Angabe, wie viele Leute den Kram auf ihrem Kindle angestrichen haben. Was für ein absoluter Scheiß! Was zur Hölle soll das denn?!,Wie verdammt übergriffig ist das bitte?!!? Bei Selbsthilfebüchern kann da bei ein paar tausend Verzweifelten höllisch viel Markierung zusammenkommen. Das gesamte Mistbuch ist mitunter mit Markierungen versehen.......Ich muss unbedingt herausfinden, wie frau das abstellt......

Abgesehen davon: Sag‘ mir, was in deinem Kindle ist, und ich sage dir, wer du bist:

Mein zwanzigjähriges Ich hockt in meinem Kindle. Ich wollte immer so dringend beruflich sehr, sehr, sehr erfolgreich werden. Allerdings mit dem "Richtigen und Guten" - und selbstverständlich mit unbedingter Integrität. Dass das so gut wie unmöglich ist, weiß ich 30 Jahre später auch, danke sehr. Ich war bei meinem eigenen Leben dabei. Aber hier ist nun wie vormals der Beweis – frau ändert sich niemals wirklich:

This is Marketing
Choose Wonder Over Worry
Show Your Work!
Keep Going
Superfans – The Easy Way to Stand Out…
One Million Followers
The 1-Page Marketing Plan
How to Do Nothing
The Power of Small
Declutter – The get-real guide to creating calm from chaos
Overwhelmed – How to work, love and play when no one has the time
Agatha Christie’s Complete Secret Notebooks
Grit – The Power of Passion and Perseverance
How Not To Die
The Courage to Be Disliked
Essentialism – The Disciplined Pursuit of Less
The Daily Stoic
The Art of Discarding
Goodbye, things
A Monk’s Guide to a Clean House and Mind
How To Get Internet Famous
The Fat Studies Reader
Love-Based Online Marketing
ikigai – The Japanese Guide to Finding Your Purpose in Life





Auf Instagram war das Bild meiner Sammlung von Wirtschaftsmagazinen nicht beliebt. 

Nur sieben Likes. Vielleicht nicht flauschig genug. Oder schlicht nicht ausreichend upbeat.* Sowas passiert mir ja immerzu. Die Unterschrift lautete #sotunalsob. So tun, als ob ich wirklich Bedarf und Aufnahmefähigkeit für so viel hippe und prätentiöse Business-Weisheit hätte. Und so tun, als ob ich den Kram wirklich lesen würde und er nicht nur dekorativ herumliegt. Und so tun, als könnte ich vierstellige Summen für Aktentaschen oder Kostüme ausgeben. So tun, als könnte ich es mir leisten, überhaupt Geld für solche Zeitschriften herauszuwerfen.Die Krise bringt eine dazu, viel Quatsch zu machen.


Zum Beispiel Ex-Boyfriends googeln. 

Weil frau morgens um vier nichts mehr einfällt, was sie sonst noch googeln könnte.Für den Einen war es nicht sehr ergiebig, für den Anderen nicht sehr erfreulich. Allerdings bin ich offenbar nicht die Einzige, die in diesen Tagen spät nachts auf der Straße der Beziehungserinnerungen herumschleicht, denn ich habe beim digitalen Decluttern in einem alten, nicht mehr benutzten Mailaccount frische Nachrichten von Menschen gefunden, mit denen ich offenbar mal über Online-Datingportale Kontakt hatte. In 2015. Das weiß ich zumindest  in einem Fall genau, weil der Schreiber unseren alten E-Mail-Thread einfach wiederverwendet hat, um sich fünf Jahre später unverhofft an mich zu wenden. Meiner Erinnerung an ihn hat das allerdings auch nicht auf die Sprünge geholfen.

Dann fiel mir ein, dass ich ja damals mit wissenschaftlichem Eifer über meine Männerbekanntschaften Buch geführt habe. Aber offenbar haben es beide gar nicht erst in eben jene Aufzeichnungen geschafft - vermutlich, weil es kein persönliches Treffen gegeben hat. Komisch, dass Männer glauben, frau würde sich nach so langer Zeit noch erinnern, und es nicht für nötig halten, sich vorsichtshalber noch einmal vorstellen. Erstaunlich auch, dass sie uralte Internetbekanntschaften auf Halde verwahren, um dann inmitten einer Kontaktsperre einfach mal zu testen, was womöglich so geht. Pffft. Der letzte Eintrag im Büchlein war ja Oliver. Kurz vor Weihnachten 2016.

Ja, ich bin dabei, digital auszumisten. Und obwohl es sich nicht um Gegenstände handelt, geht es doch sehr häufig um emotionalen Clutter und/oder vergleichsweise viel Aufwand bei der Abwicklung. Um ein Konto zu löschen, braucht frau ihre Zugangsdaten. Die sie natürlich nicht mehr hat! Offenbar bin ich seit 2017 Mitglied in einem Forum, in dem über natürliche Familienplanung diskutiert wird. Das ist höchst mysteriös. Und ein wenig verstörend. Und mein Konto bei Live Jasmin sollte ich vielleicht auch endlich kündigen - obwohl frau ja nie weiß, ob sie nicht doch irgendwann noch einmal die Chance auf einen Nebendienst ergreifen will. Ich meine, ich könnte ja auch spontanes Kommunikationstraining in ungewöhnlichem Ambiente anbieten.

Natürlich sitzen auch wir viel vor dem Fernseher.

Das hat auch sein Gutes, denn dabei bin ich auf diese drei Filme gestoßen, die ich nun unbedingt empfehlen kann. Auch den letzten - und das komplett ohne Ironie.



Death Wish

Idiotenparade

Ich habe übrigens während der Corona-Krise nicht zugenommen. Nicht ein Kilo. Aber das ist ja jetzt der ganz große, trendige Witz, das ewig und überall herumwabernde Meme. Weil wir die "Krise" alle zu Haus auf dem Sofa verbringen, haben wir jetzt alle viereckige Augen vom Glotzen und sind außerdem fett, soll heißen unansehnlich und verachtenswert geworden. Also alle, die es vorher nicht waren. Für so Leute wie mich hat sich da natürlich nicht viel verändert. Obendrein soll es Menschen geben, die im Augenblick überhaupt nicht so genau wissen, wovon sie sich ernähren sollen. Zum Beispiel, weil die Tafeln schließen mussten. Auch vor dem Hintergrund ist diese klamaukige Fettphobie für Fortgeschrittene degoutant.

Für ihre Rundfunkgebühr bekommt frau ebenfalls im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuverlässig Dickenbashing um die Ohren gehauen, und das jetzt noch häufiger als sonst. Satiresendungen wie die heute show oder extra 3 könnten vermutlich mittlerweile ganze Sonderausgaben mit Clips bestücken, in denen ausschließlich Dickenbeschimpfung stattfindet. Verallgemeinert wird in diesen Formaten ja ohnehin noch immer regelmäßig und auf altherrliche Weise. Auch gern unter Ausschluss aller Menschen, die nicht mit einer Frau verheiratet sind: "Wenn Sie dann mit Ihrer Frau im Supermarkt stehen..."

Grund zum Ärgern gibt es ja immer genug, aber in diesen Zeiten wird die Linse natürlich noch schärfer als sonst. Ich bin bekanntlich so fürchterlich schlecht darin, irgendetwas auszublenden. Und sobald sich auf der Terrasse  gegenüber etwas regt, geht bei mir der Blutdruck hoch. Meine Nachbarn feudeln und fegen täglich ihre Terrasse. Seit zwei Monaten. Denn so lange gehen die beiden nun nicht mehr weg. Bevor sie sich dann stundenlang in der Sonne rösten und dabei murmeln, beharken sie mit einer Puppenharke den Kies ihres Steingartens. Neulich hat der männliche Teil des Paares mit einem Sandkastenschäufelchen tatsächlich über den Zaun gelangt und in unserem Garten auf ein Unkraut eingedroschen, das ihm offenbar zu gefährlich nah am Zaun wuchs. Das hatte zur Folge, dass er es mit Oliver zu tun bekam, und unser Unkraut hoffentlich in Zukunft in Ruhe lässt. Noch besser wäre es natürlich, wir könnten alle wieder aus dem Haus.

Und dann ist da noch der Besuch in der hiesigen Tankstelle. Dort gibt es Warnschilder auf Augenhöhe und gelbe Pfeile auf dem Boden, wo frau bitte im großen Bogen hinein- und dann wieder hinauszugehen hat. You know, wegen Corona und dem Sicherheitsabstand. Ich schwöre - jedesmal, wenn ich in den letzten Wochen dort getankt und bezahlt habe, drehe ich mich um und renne fast direkt in irgendeine Frau, die direkt hinter mir steht, weil sie am Eingang in die falsche Richtung gelaufen ist. WTF?

Und dann noch dieses:

Gestern hörte ich plötzlich ein energisches und systematisches Rupfen hinter mir, als ich am Schreibtisch saß. Als ich mich erstaunt umdrehte, flatterte eine Meise aus der Terrassentür auf einen Ast. Aber nur, um kurz danach wiederzukommen, und das Katzenhaar von der Fußmatte, die innen auf der Schwelle liegt, einzusammeln. Das Schnäbelchen war schon ganz voll und sie hüpfte weiter herein und unter die Bank an der Wand, weil da noch mehr so schöne Wollmäuse lagen. Die waren ihr aber dann doch zu groß. Einmal flog sie weg und kam mit leerem Schnabel wieder, um sich erneut an die Arbeit zu machen. Ich saß ganz still und konnte mein Glück kaum fassen. Wie gut, dass ich so schlampig bin und hier so viele Flusen herumflattern. Ein Nest, das mit Katzenhaar gepolstert wird - was für ein merkwürdiges Wunder ist das? :)


*optimistisch

NH



Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:

Freitag, 15. Juni 2018

Ausgelesen: "Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger

"Ich mache mir immer Gedanken darüber, wie ich wohl gerade aussehe. Immer." (S. 10)


Einer meiner Vorsätze für 2018 war, keine schlechten Bücher mehr zu lesen. Hat bekanntlich mal wieder nicht geklappt. Erst die relative Enttäuschung über Magda Albrechts biederes "Fatshionsta" und nun auch noch das.

Obwohl es im Fall von Nicole Jägers "Nicht direkt perfekt" streng genommen keinerlei Enttäuschung gab - es bestanden ohnehin keine großen Hoffnungen. Das Buch ist erwartungsgemäß sprachlich daneben und vollgestopft mit Quatsch. Und dann noch mit den Wiederholungen von eben jenem Quatsch. Im Zuge ihrer unsäglichen, SIEBZEHN!!!seitigen Danksagung bedankt sich Nicole Jäger übrigens auch bei ihrer Lektorin Susanne Frank. Jeder gequälten Leserin, die sich bis zu diesem Punkt durchgearbeitet hat, bleibt nur noch, mit letzter Kraft aufzuheulen: "Wofüüür?!" Bei der Vorstellung, wie unerträglich der Ausgangstext tatsächlich gewesen sein muss, wenn hier wirklich noch eine professionelle Nachbearbeitung erfolgt sein soll, kräuseln sich einem die Fußnägel hoch. Selten habe ich ein Buch in Händen gehalten, bei dem so klar war, dass hier irgendwie und wie auch immer Papier gefüllt werden sollte. Weil man halt unbedingt einen Nachfolger für den vorangegangenen Bestseller "Die Fettlöserin" herauspressen wollte.

Dummerweise ist der Nachfolger (zumindest relativ) gefloppt. Nicht wegen des Lektorats, das war beim Vorgänger wie gesagt auch nicht besser. Sondern, weil die (vermutliche) Superlügengeschichte vom Rekordgewicht von 340 kg, die den ersten Erguss weit ins Land trug, im zweiten Werk eben nicht mehr zieht. Denn die Frau Jäger nimmt nicht mehr ab. Sie hat es noch immer vor. Jedenfalls sagt sie das. Aber sie tut es nicht. Ganz so, wie wahrscheinlich die meisten ihrer zuvor begeisterten Leserinnen.

Glauben sollte man der Frau Jäger sodann auch im zweiten Werk nicht allzu viel. Das Buch ist nicht nur verdammt langatmig und redundant - es war offenbar der Versuch, auf einen komplett artfremden Zug aufzuspringen und sich weibliche Selbstakzeptanz (im allerweitesten Sinne) als neues Betätigungsfeld und Einnahmequelle unter den Nagel zu reißen. Solange es mit dem Dünnwerden nichts wird, nimmt sie eben einen Umweg über die Selbstakzeptanz. Ist ja jetzt auch irgendwie in.

Auf der Hand liegt, dass die Frau Jäger auch ganz ohne gezielten Umbau der Wahrheit hierbei ein substantielles Glaubwürdigkeitsproblem hat, hat sie doch im Vorgängerbuch tausendmal ihren Leserinnen in deren Ärsche treten wollen, damit sie bitteschön endlich abnehmen. Auch so etwas, was das Lektorat damals nicht verhindert hat. Eine deutliche Distanzierung von ihrem ursprünglichen Lob des Diätens nimmt Frau Jäger im neueren Werk mithin nicht vor.

Dafür verrät jedoch der Titel "Nicht direkt perfekt"schon genau, was dann zwischen den Buchdeckeln hauptsächlich stattfindet - von der Gültigkeit von Schönheitsnormen mag sich die Autorin gedanklich gar nicht trennen, denn offenbar gibt es in ihrer Welt sehr wohl so etwas wie ein "perfektes" Äußeres sowie deutliche Abweichungen davon. Das führt zum einen dazu, dass ihre Solidarität mit der "nicht direkt perfekten Leserinnenschaft" nur eine verlogene ist - so wie die von Frauenzeitschriften in der Regel auch. Zum anderen veranlasst es die Autorin zu einer auf verwirrende Weise selbstbeweihräuchernden Selbstdarstellung als eine Mischung aus einsamer Drama Queen, kapriziöser Sitcom-Protagonistin und Femme Fatale. Tatsächlich bezeichnet sie sich quer durch das Buch hindurch selbst als "Diva". Bei den kuscheligen Aufzählungen ihrer "Schwächen" (das dünne Haar, die hängende Haut, die chaotische "Künstlerseele" (S. 251)) scheint es sich mithin lediglich um Koketterie zu handeln, die sich vor dem Hintergrund ihrer eigentlichen Grandiosität zwecks Sympathierhalts eben einfach schickt.

Wenn frau den Schilderungen der Frau Jäger glauben mag, dann ist sie in der Tat ein männermordender Vamp, ein veritabler Penis-Magnet, bei dem große, breitschultrige Männer vom vordersten Ende der Nahrungskette in Bars und Clubs regelmäßig Schlange stehen. Das Buch fängt an mit Film Noir für Anspruchslose: "Ein Club, ein Abend, ein angekratztes Ego, ein paar Gin und plötzlich war er da." (S. 9) Und geht dann auch schön platt weiter: "Der Boy neben mir ist auch nice (...) und sowie er guckt, werde ich schon bald herausfinden, wie sein Body aussieht." (S. 11)

Wieder und wieder jubelt uns die Autorin ihren vermeintlich immensen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Frau-Mann-Beziehung unter: "Mein Körpergefühl habe ich mir erarbeitet, erheult, erfickt..." (S. 66) "Ich brauchte Männer, die mir auf den Hintern (...) und ab und an sogar ins Gesicht guckten. (...) ich brauchte schlechte One-Night-Stands, tausend Laufmaschen, abgebrochene Absätze, verlaufenes Make-up, beschissene Beziehungen..." (S. 67/68) "Ich wurde schon für alle möglichen Arten von Frauen verlassen..." (S. 149) "Ich habe schon so manche Beziehung (...) gegen die Wand gesetzt..." (S. 175) "Ich trennte mich. Man trennte sich von mir. Man trennte sich im beiderseitigen Einverständnis, wie es immer so schön heißt,..." (S. 176)

Und dann wäre da ja auch noch eine in die Brüche gegangene Ehe zeitlich unterzubringen, bei deren Aufarbeitung im Buch die Frau Jäger ihrem verspießerten Ex mit einer gehörigen Portion Bitterkeit so richtig eins überbrät: "Eine Trennung, die das Ende einer Beziehung markierte, die vom ersten Tag an ein Ablaufdatum hatte." (S. 180) Und er ging ihr "auf die Eier, die er nicht hatte." (S. 185) Autsch...

Da staunt der Laie und Nicola wundert sich. Die hat bekanntlich unter großen Anstrengungen das Erstbuch komplett gelesen und fragt sich, wann die Frau Jäger bis Mitte dreißig bloß all diese Millionen von Affären und Beziehungen gehabt haben will, auch im Hinblick auf die Tatsache, dass sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer besonders dating-relevanten Jahre in einem Körper verbracht haben muss, mit dem es mitunter gar nicht so leicht gewesen sein kann, sich ohne Hilfe zu bewegen, geschweige denn mit ihm in tausenden von Nachtclubs Horden von Verehrern abzuwehren. Wenn die erste Lebensgeschichte stimmen soll, scheint die zweite schlicht nicht machbar.

Was hilft es anderen Frauen überhaupt, wenn man ihnen erzählt, was für eine Sexbombe man ("trotz" eines Gewichts von 170 kg und damit einer erheblichen Abweichung von gängigen Schönheitsnormen) ist? Wäre es nicht sinnvoller, zu verkünden, dass es schlicht für niemanden wichtig ist, eine Sexbombe zu sein?  Das würde der Frau Jäger freilich niemals in den Sinn kommen, denn: "Ich für meinen Teil bin jedenfalls in keinem Moment schöner als in jenem, in dem mich ein Mann begehrt." (S. 218)

Davon handelt im Grunde das ganze lange Buch. 

Von der Validierung durch männliche Zustimmung und der Tatsache, dass bestehende Körpernormen durchaus gelten, aber für das Gelingen individueller Lebensgeschichten, insbesondere in sexueller Hinsicht, nicht immer von ganz sooo großer Bedeutung sein müssen, wenn Frau eben nur anderweitig genug Großartigkeit entwickeln kann. Wie frau das macht? Nun, frau ist natürlich selbst dafür verantwortlich. Und natürlich selbst schuld, wenn es ihr nicht gelingen mag: "Ich glaube, das Problem liegt nicht im Spiegelbild und auch nicht im Auge des Betrachters, sondern in unseren eigenen Köpfen." (S. 82) Alles findet eh nur "in unseren Köpfen statt." (S. 83) Und "letztlich haben wir alle an dieser Misere Schuld." (S. 129)

Sprach's, und hub an zu einer bemerkenswerten Body-Shaming-Tirade: "...Meister-Verkorkserin meiner eigenen Figur..." (S. 51), "...dick zu sein ist kein Drama..." (S. 35), "Scheiß drauf, dass du nicht perfekt bist..." (S. 131), "...weil man figürlich nicht der Knaller ist..." (S. 151), "...darf ich mich wohlfühlen (...), obwohl ich nicht so perfekt aussehe?" (S. 205), "...obwohl ich genau weiß, ich sehe aus wie eine gestrandete Boje." (S. 242) "...und wenn alles straffer, schlanker (...) oder filigraner wäre, wäre es vielleicht auch nicht schlecht." (S. 117), "...aber, Himmel!, sehe ich nackt beschissen aus. Das lässt sich nicht schönreden." (S. 79), "Du darfst gerne 'Problemzonen' haben..." (S. 63), u.s.w.

Wenigstens ist die Menstruation nichts Ekliges. Das erklärt die Frau Jäger uns in befremdlicher Breite zwischen Seite 88 und Seite 105, denn offenbar "huschen nicht wenige Frauen durch Drogeriemärkte und verstecken ihre Tampons und Binden unter ein paar Bananen..." (S. 89) Donnerwetter. So einen Satz muss frau ja auch erst einmal erdenken, aufschreiben und dann selbst aushalten. Damit hat die Frau Jäger nebst Lektorats-"Vasallin" Frank (S. 250) jedoch erwartungsgemäß ganz und gar keine Probleme. Ganz im Gegenteil - für ein wenig Pathologisierung der menstruierenden Frau findet sich natürlich immer noch ein Plätzchen auf dem Papier: "PMS macht aus uns weinerliche Lappen, ekelhafte Furien, gemeine Drachen, todtraurige Gestalten, hoffnungslose Jungfern und heroische Kriegerinnen. (...) Und wir sind machtlos dagegen." (S. 101)

Was mir noch aufgefallen ist: Im Kapitel "Große Schwester" (ab S. 133) geht es um eine Essstörung, die im Diätratgeber meines Wissens nach nicht wirklich thematisiert worden ist. Die Frau Jäger gibt hier nun aber an, esssüchtig zu sein, stilisiert ihre Essstörung mit Pomp und Pathos zur Person und spricht sie direkt an. In der Tat handelt es sich bei der Essstörung um die "große Schwester" aus der Überschrift (S. 141), was mich ganz frappierend an meine Nachforschungen in der Pro-Ana-Bewegung vor ein paar Jahren erinnert hat. Da bekam Ana (die Anorexie) ebenfalls die Rolle einer ganz besonderen, düsteren Freundin und Begleiterin in den Leben der Betroffenen zugesprochen. Über die Rolle der großen Schwester im Leben der Frau Jäger mag ich nicht wirklich noch mehr spekulieren - immerhin droht sie: "Ich bringe zur nächsten emotionalen Messerstecherei meine große Schwester mit." (S. 146) Aber ein wenig gruselig ist das jetzt schon, oder? Might wanna get that checked out.*

Ach, und, als ob nicht alles schon fürchterlich genug wäre, redet die Frau Jäger zu guter Letzt auch noch über Feminismus. Warum eigentlich - das hat sich mir einfach nicht erschlossen. Und mir fällt erst recht kein Grund ein, warum das irgendeine lesen sollte. Wer Beweise braucht: "In dem Moment, in dem Männer nicht mehr Kerle sein dürfen und Frauen dafür welche sein sollen, läuft meinem Erachten nach etwas ganz fürchterlich schief." (S. 228) Nun ist es schon so, dass die Frau Jäger dafür ist, dass alle die gleichen Rechte haben. Aber sie will auf keinen Fall damit aufhören müssen, sich zu rasieren. (S. 233) Facepalm. Sie weiß selbstverständlich auch, dass wir "selbst den unangenehmsten Zeitgenossinnen unter ihnen (den Feministinnen) verdanken, dass wir heute stehen, wo wir stehen" (S. 231), aber der Begriff Feministin ist nun einmal so "muffig" und "schlimm verstaubt". (S. 226) Noch einmal: Facepalm.

Interessant wird das Buch für mich nur an einer einzigen Stelle, weil ich dort einen Schimmer Wahrhaftigkeit vermute - und, wie so oft, ist die Wahrheit nicht beabsichtigt. Aus heiterem Himmel betreibt die Frau Jäger Publikumsbeschimpfung. Angriffe im Internet setzen ihr offenbar sehr viel mehr zu, als es professionell wäre. Sie schreibt diese dem Neid der Angreifer auf sie zu und ist zutiefst enttäuscht darüber, dass Ihre Fans sie nicht mehr und wirkungsvoller verteidigen. Offenbar haben die nicht wirklich begriffen, wer sie eigentlich ist: "Weil Neid eben doch von allen Seiten hässlich ist und die Community der 'Zu-mir-Halter' allem Anschein nach vergesslich ist, wenn Worte wie Pflastersteine fliegen und die Luft brennt, ich dabei zusehen muss, wie der 'Ich stehe hinter dir'-Fresseaufreißer wegrennt, immer dann, dann, (nein, kein Typo) wenn ich einen Wingman bräuchte." (S. 246)

Nein, zu beneiden ist sie wirklich nicht.


NH

*Da würde ich an deiner Stelle mal einen Arzt fragen.



Sonntag, 14. Februar 2016

Ausgelesen: "Die Fettlöserin" von Nicole Jäger, Rowohlt, 2016

Are you just making this shit up as you go along?*


Nicole Jäger ist eine berühmte dicke Frau. Das verdankt sie maßgeblich der Tatsache, dass sie eine gute Dicke ist. Sie übernimmt nämlich höchstselbst die "Verantwortung für ihr Leben", und tritt in ihrer Eigenschaft als "Fettlöserin" sich selbst und ihren Leserinnen pausenlos in den Hintern, damit sie alle zusammen endlich abnehmen.

Bereits an diesem Punkt wird es ausgesprochen ärgerlich und man fragt sich alle paar Seiten, was um alles in der Welt sich nicht die Autorin, sondern die Lektorin am Ende bloß dabei gedacht hat, so eine Arbeit abzuliefern: Arschhochkriegen, Tod durch Arsch-nicht-Hochgekriegt, weil man seinen Arsch nicht hochbekommt, in den Hintern treten, den Hintern aufreißen, wenn man seinen hübschen Hintern hochbekommt, Arsch hoch, Baby!, meinen schweren Hintern zu bewegen, bekomm deinen schönen Arsch hoch, beweg deinen Hintern, ich ihm notfalls in den Hintern trete, deinen hübschen Hintern vom Sofa schwingst...

Andere Wiederholungen, die es am Ende fast unerträglich machen, sich durch die 286 Seiten, von denen meiner Auffassung nach mindestens die Hälfte hätte gestrichen werden müssen, zu wursteln, sind diese: eklig, scheiße, Selbstbetrug, seien wir doch mal ehrlich, Arschloch, faule Sau, Bullshit. Und das sind nur die, die ich angestrichen habe, weil sie den Ton des Buches maßgeblich prägen. Die Autorin versucht, sich zwischen rotzigem Pausenclown, Diva und Marine Corps General zu positionieren. Dabei macht sie sich als gute Dicke selbst runter, aber auch ihr Publikum gleich mit. Nebenbei jammert sie sehr wohl, während sie sich quasi im selben Atemzug jegliche Jämmerlichkeit verbeten hat.

Und dann auch noch das:

 Nothing tastes as good as skinny feels. (Kate Moss)
(...) nichts auf der Welt schmeckt so gut, wie Lebensqualität sich anfühlt, (...). (Nicole Jäger)

Selbst das abgewandelte und gern auf Pro-Ana-Seiten verwendete Kate-Moss-Zitat kommt gleich zweimal in der "Fettlöserin" vor - auf Seite 176 und 265. Dadurch, dass man etwas pausenlos wiederholt, wird es aber nicht automatisch richtiger. Oder gar wahr. Oder überhaupt sinnvoll.

Die eigentlichen Alleinstellungsmerkmale, die Nicole Jäger im Diätgeschäft zur selbsternannten "faulen Sau" machen, die dieser Tage durch die Medien getrieben wird, sind natürlich zwei Dinge: Sie hat, so die Legende, mal 340 kg gewogen und sich auf die Hälfte runtergehungert. Sie hat sodann, wie so viele Großabnehmerinnen, ihre Diät zur Karriere gemacht und ist nun ein "fetter Abnehmcoach" mit schicker Praxis in Eppendorf und eigenem Bühnenprogramm ("Ich darf das, ich bin selber dick"). Das ist eine echt gute Geschichte, auf die unsere diätbesessene Öffentlichkeit nur gewartet hat. Und während wir von Abnahmerfolgen bis 100 kg mittlerweile schon so oft gehört haben, dass es eigentlich nicht mehr so richtig kribbelt, sind 170, respektive 340 kg doch noch ziemlich hohe Hausnummern, mit denen sich Schlagzeilen machen lassen.

Nicole Jäger ist übrigens strikt dagegen, dass Dicke eine Diät machen, um abzunehmen. Hat aber natürlich ein Diät-Buch geschrieben. Das absurde Phänomen, dass Diäten out sind, Abnehmen aber weiter in, führt ja auch vermehrt in Frauenmagazinen zu den absonderlichsten Gedankenverrenkungen und Definitionen dessen, was denn nun eine Diät eigentlich ist. Wenn es schön aussieht, ist es keine Diät. Wenn es noch halbwegs "gesund" ist, ist es keine Diät. Wenn man davon nicht stirbt, ist es keine Diät...Wenn man dabei hin und wieder Nudeln und Schokolade essen darf, ist es keine Diät. Wenn man lieber mehr Sport treibt, statt Kalorien einzusparen, ist es keine Diät.

In der Welt der "Fettlöserin" verläuft die Grenze zur Diät nicht da, wo Nahrung zum Zwecke des Abnehmens grundsätzlich reduziert wird, denn dann könnte sie ihre Ablehnung gegen Diäten nicht mehr rechtfertigen, sondern dort, wo die verabreichte Kalorienzahl unter den Anforderungen des Grundumsatzes eines Individuums liegt. Und das kann in der Tat verdammt niedrig werden. Nur dann macht man aber in ihren Augen eine Diät. Und nur dann gibt es hinterher einen Jojo-Effekt. Sagt sie. Aber das stimmt natürlich beides nicht. Der Körper wird selbstverständlich auch Defizite bei der Deckung des Gesamtumsatzes ausgleichen (darum nimmt er ja auch dabei ab) und wird versuchen, Verluste so gering wie möglich zu halten, bzw. wird sich bei mehr Zufuhr entsprechend für kommende Engpässe rüsten. Diät bleibt Diät. Egal, wie wir es nennen und was unsere Präferenzen sind. Und es ist halt nun einmal die Tragik des biestigen Paradoxons, mit der die meisten von uns eine lange Zeit unseres Lebens konfrontiert gewesen sind, dass das, was durch Diäten ensteht (ein sehr hohes Gewicht), sich nur durch eine Diät wieder rückgängig machen lässt.

Die Autorin beharrt darauf, dass der, der abnehmen will, "essen muss" (S.151) und hat obendrein ganz entschieden etwas gegen Low Carb und Formula-Diäten. Letzteren gibt sie die Schuld an eben jenem Jojo-Erlebnis, das sie angeblich vor ca. drei Jahren provozierte, als sie aus purer Dummheit und Verzweiflung in einer zweimonatigen Phase des Stillstandes auf der Waage zu eben jenen griff, und ihr Gewicht damit "binnen kürzester Zeit" von 180 auf 150 kg reduzierte (S. 201).

Weil ihr Stoffwechsel damit total aus der Spur geriet, nahm sie die dreißig Kilo (und mehr) wieder zu. Und wog zu ihrer Hochzeit im Jahr danach "deutlich über 200 Kilo" (S. 205). Im April 2014 twitterte Nicole Jäger allerdings ein Bild von sich, das laut ihrer Angabe von 2010 war und sie deutlich erschlankt mit 142 kg zeigte. Es liegt mir persönlich fern, hier weiter Internet-Detektivin zu spielen (das tun andere, oft nicht sehr sympathische Zeitgenossen schon genug), aber da das Buch von ihrer so außergewöhnlichen persönlichen Geschichte lebt, waren es nicht nur die Wiederholungen, sondern auch die vielen Widersprüche und Auslassungen im Buch selbst, die es so anstrengend machten zu folgen.

Irgendwann machte eine dicke aber augenscheinlich doch relativ lebensfrohe und "normale" achtzehnjährige Nicole Jäger, die zuvor als Teenager eine schwere Hüftverletzung hatte überstehen müssen, ihr Abitur und zog von zu Hause aus. Wonach sie offenkundig eines Morgens im Alter von 26 Jahren aufwachte und just 200 kg zugelegt hatte. Selbstverständlich schuldet uns die Autorin keinen Einblick in die Zeit zwischen diesen beiden Stationen oder gar eine Erklärung. Aber es ist natürlich auch die gähnende Lücke an genau dieser grundlegenden Stelle, die der Geschichte den Wind aus den Segeln und die Glaubwürdigkeit nimmt. Die Weigerung, hinzusehen, was alles wirklich passiert sein MUSS (auch der Seele), damit man am Ende 340 kg wiegt und die Wohnung nicht mehr verlassen kann, spiegelt sich dann natürlich auch in dem Versteifen darauf, dass sie eben einfach nur zu dämlich gewesen sei: "Ich hatte es versaut." So viel zur Verknüpfung von dumm/faul und dick, die sich folgerichtig durch das ganze Werk zieht.

Das Buch hätte unter anderen Umständen womöglich ein starker Selbsterfahrungsbericht werden können - das merkt man vereinzelt an gerade solchen Stellen, an denen es sich die Autorin entgegen ihrer eigenen Überzeugung erlaubt, zu "jammern" und Gefühle und Ängste im Hinblick auf ihr Dicksein beschreibt, die sie offenbar durchaus auch gelegentlich hat/hatte, wenn sie gerade mal vergisst, dagegen anzuschreien.

Statt dessen ergeht sich die Autorin in langatmigen ungefähren sowie beliebigen semi-wissenschaftlichen Darstellungen zu Ernährungsfragen, die schon lange keiner mehr stellt. Ein ganzes Kapitel darüber, warum die Ananas-Diät Quatsch ist? Echt jetzt? Und wie gut, dass das hier nun auch endlich mal einer gesagt hat: "Burger machen einen nicht fetter, als Knäckebrot es tun würde, es kommt auf die Menge an." (S.127) Jahaa, das ist sie offenbar - die gnadenlose Ehrlichkeit, die Dicke endlich aus ihrem Selbstmitleid reißt.

Nicole Jäger berichtet, dass sie sich mit ihrem Höchstgewicht von 340 kg gegen eine bariatrische Magen-OP entschieden hat, obwohl der Antrag bereits genehmigt worden war. Stattdessen beschloss sie, eine 2-Prozent-Frau zu werden, nachdem sie gehört hatte, dass nur zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI über 45 es schaffen, ohne eben jene OP langfristig dünner zu werden. Die Herausforderung, allein auf weiter Flur das fast Unmögliche zu schaffen, weckte ihren "Kampfgeist" (S. 71). Heute lädt sie ihre Leserinnen alle dazu ein, 2-Prozent-Frauen zu werden. So wie Millionäre gern Nichtmillionären Bücher verkaufen, in denen sie erklären, wie das schier Unmögliche dann für nur 12,99 eben doch für alle möglich wird.

Wer es glaubt, wird - vermutlich - trotzdem nicht dünn.


NACHTRAG: Die Rezension zum zweiten Werk der Frau Jäger (Nicht direkt perfekt) gibt es hier.



NH


*Denkst du dir diesen ganzen Scheiß eigentlich nur aus, während du einfach immer weiter redest?

Freitag, 21. August 2015

Ausgelesen: Das kleine Übungsheft - Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Die "Kleinen Übungshefte" aus dem Trinity Verlag haben eine hübsche Aufmachung, und man braucht vielleicht eine halbe Stunde, um sie zu lesen.

Und im Falle des o.g. Übungsheftes von Anne Marrez & Maggie Oda ist das auch wirklich das Äußerste, was man an Zeit investieren sollte. Die Broschüre sieht so klein und unschuldig aus - und ist doch ein echt fieses Terrorwerk. Eine der Autorinnen ist übrigens im Diätgeschäft...

Um es kurz zu machen: Die 62 Seiten enthalten mindestens fünfmal das Wort "Makel" und viermal das Wort "Mangel". Diese hat frau nun einmal, soll sie aber nicht so tragisch nehmen.

Das heißt, Schönheit als im Grunde objektiver und ziemlich klar definierter Wert wird hier überhaupt nicht herausgefordert. Es geht nur darum, dass man sich nicht von der eigenen Hässlichkeit (den naturgegebenen "Makeln") komplett runterziehen lässt. Wobei man am eigenen negativen Körperbild ohnehin selbst Schuld ist: "der (...) Schönheitskult (...) entsteht (...) in erster Linie in Ihrem Kopf." Na dann.

Die automatische Verbindung von Dicksein und Hässlichkeit taucht erstaunlich konsequent auf. Denn viele Frauen fühlen sich "dick und hässlich" (S. 5) und "zu hässlich, zu dick" (S. 28). Sie denken, ihr "fetter Bauch steht raus" (S.38), oder "Ich bin hässlich, ich bin fett" (S.34), und das, OBWOHL sie "in Wirklichkeit ein gesundes Gewicht" haben (S.11). Auf Seite 6 ist sie dann auch abgebildet - die dünne Frau, die ja eigentlich gar nicht hässlich ist, aber sich selbst im Spiegel als dicke, und im Gesicht zusätzlich wirklich ungünstig aufgedunsene Frau sieht.

Damit wird ziemlich schnell klar, dass sich dieses giftige Heftchen mit seinen biederen, flachen Übungen für Selbstakzeptanz offenbar in der Hauptsache an Frauen wendet, die sich "fett und hässlich" fühlen, und ganz klar nicht an solche, die fett (und damit offenbar in den Augen der Autorinnen unübertroffen hässlich) sind.

Fett ist, wie immer, auch hier das Allerallerallerschlimmste. So schlimm, dass man echtes Dicksein auch nicht so wie die anderen möglichen "Makel" mithilfe von Atemübungen und durch Lächeln (kein Witz, S. 58) wegakzeptieren kann. Stattdessen wird den Leserinnen auch hier nahegelegt, sich nicht abzukapseln und zu essen (S. 50), denn das "gefährdet Ihre Gesundheit." Statt "zu viel zu essen", sollte man lieber "Sport treiben" (S. 51).

Wenn Ratgeber zur Akzeptanz des eigenen Körpers vollgestopft sind mit Fettphobie und Abweichungen von Normschönheit tatsächlich durchgängig als "Mangel" identifizieren, wird es echt eng. Dummerweise ist dieser bekanntlich nicht der erste seiner Art, der uns hier unter die Augen kommt. Was bitte soll das sein? Eine besonders perfide, subversive Form der fortgesetzten Demoralisierung von ohnehin bereits angeschlagenen Frauengemütern?

FUCK 'EM! Ernsthaft.

NH 

Dienstag, 18. August 2015

Ausgelesen: "Such a Pretty Face", 1980

Von meinem ersten bis zum zwölften Schuljahr hatte ich immer ganz besondere Pläne für die Sommerferien. Und im Prinzip sind sie bis heute in mir verankert, wie ein uralter, knorriger, verwurzelter Traum. Er handelt von Transformation und plötzlicher, alles überstrahlender und vor allem öffentlicher Großartigkeit. Kurz gesagt: Ich hatte immer den Plan, in den den sechs freien Wochen endlich dünn zu werden. Ich rechnete mir vorher aus, wie viel ich unter Umständen abnehmen könnte, wenn ich mich wirklich anstrengen, quälen und unablässig hungern und turnen würde. Und ich hatte die Absicht, es bei meiner Rückkehr in die Schule allen so richtig zu zeigen...

Das, was mich an "Such a Pretty Face - Being Fat in America" von Marcia Millman, das bereits 1980 erschienen ist, ganz besonders berührt und mitgenommen hat, sind zwei Dinge: 1. Das zehnte und letzte Kapitel (dazu komme ich gleich noch ausführlicher)*. 2. Die Tatsache, dass das Buch sowie die darin enthaltenen Schilderungen der Lebensumstände und Lebensgefühle dicker Frauen 35 Jahre alt sind. Und dass man das gleiche Buch heute noch einmal ganz genauso schreiben müsste. Die Ängste, die Scham, der Selbsthass, die Bevormundung, die erfahrenen Schuldzuweisungen und Herabsetzungen, die verlogene Drohung, dass Dicke ihre Gesundheit ruinieren, indem sie so sind, wie sie sind. Das Absprechen von Weiblichkeit und Attraktivität. Gesellschaftliches Außenseiterinnentum. Das war alles schon vor mir da, es war alles zutreffend in meinem Leben, und es prägt nachweislich weiterhin die Leben von (dicken) Frauen und Mädchen, die sehr, sehr viel jünger sind als ich. Es hat sich nichts verändert. Wenn überhaupt, hat sich das Klima noch verschäft. Tatsächlich ist mir eben aufgefallen, dass ich vor nicht allzu langer Zeit das Gleiche über ein anderes Buch zu dem Thema festgestellt habe (Shadow on a Tighrope, 1983). Dass sich für Dicke und gegen ihre Diskriminierung in drei Jahrzehnten wenig getan hat, ist und bleibt halt zutiefst deprimierend. Und es wirft eine (mich) im Hinblick auf mein kleines Blog immer wieder umtreibende Frage auf: Bringt das hier eigentlich was? Aber auch das erzähle ich natürlich nicht zum ersten Mal.

Millmans Buch basiert auf Interviews mit dicken Frauen und spiegelt auf verstörend-faszinierende Weise die Muster, die sich vermutlich durch die Mehrzahl dicker, weiblicher Leben ziehen. Es ist mithin eins der besten Bücher, die ich zur Analyse der durch gesellschaftliche Herabwürdigung gebeutelten Innenwelten von dicken Frauen gelesen habe. Das Buch sei trotz seines Alters ausdrücklich jedem empfohlen, der sich mit dem Thema beschäftigt. Es liefert ein breites und gut ausgeleuchtetes Bild ihrer Selbstwahrnehmung, ihrer Strategien zur Unsichtbarwerdung, sowie ihrer ambivalenten Überlebenstechniken. Und es findet sich alles wieder, was wir so gut kennen: Die ersten Diäten werden bereits im Kindesalter gemacht und setzen eine aufsteigende Gewichtsspirale in Gang. Familienmitglieder sind die, die am grausamsten mit dicken Kindern umgehen. Aus Scham und zum Teil selbst gewählter Isolation werden Berufswünsche nicht erfüllt, Ärzte nicht aufgesucht, große und kleine Lebensziele nicht verwirklicht. Dicke Mädchen/Frauen haben aber auch objektiv weniger Chancen, bzw. müssen härter für Erfolge arbeiten, weil man sie für faul, langsam, dumm aber auch für rebellisch und deviant hält.

Bei der Partnersuche haben Dicke es schwerer als normgewichtige Frauen. Dicksein galt auch 1980 als hässlich und unweiblich. Dicke Frauen geraten und gerieten leicht in den Verdacht der "Vermannweiblichung", und das zog bereits vor 35 Jahren eine schnelle Einordnung als Feministin nach sich. Und, oh wie sich die Bilder gleichen, das war auch 1980 bei weiten Teilen der männlichen Bevölkerung kein weibliches Qualitätsmerkmal. Millmans Schlussfolgerung aus den geführten Gesprächen, dass dicke Frauen von weiten Teilen ihrer Umwelt in der Hauptsache als asexuell oder aber als sexuell besonders leicht zu haben, gierig, bedürftig, freakish, und belastbar betrachtet werden, erscheint mir einleuchtend und sicherlich auch noch immer zutreffend. Dicke Frauen attraktiv zu finden, finden noch immer nicht alle komplett "normal", bzw. halten es für einen Fetish / eine Perversion. Die Tatsache, dass sich dicke Frauen insbesondere nicht gern in letztere Rolle drängen lassen, ist einer der Gründe, die bei vielen zu einer gedanklichen und emotionalen Abkopplung vom Körper ("disembodiment") führen.

Nicht nur die Umwelt redet vom sprichwörtlichen "hübschen Gesicht" der Dicken, welches als Ausgleich zum hässlichen Körper herhalten muss, sondern dicke Frauen nehmen sich selbst auch oft nur noch vom Hals aufwärts (Gesicht und Verstand) bewusst wahr, bzw. definieren sich ausschließlich über ihren Kopf: "The alienated body may not only be viewed as a serious handicap that spoils the accomplishments of the face and head or that defies control by the person. It may be experienced as an enemy that is capable of destroying the self."** (S. 199/200)

Der Körper als Feind, der das "hübsche Gesicht" und den hellen Verstand zurückhält - welche Dicke kennt diese Assoziation nicht? Ich bitte um Handzeichen. Sie wurde Generationen von Dicken von außen angetragen, verinnerlicht und so vermutlich den meisten von ihnen zum Lebensprogramm. Und dieses Programm ist gekennzeichnet durch eine handvoll widerstreitender Elemente: Selbsthass und Aufschieben, aber gleichzeitig ebenfalls die Hoffnung auf und Vermutung von persönlicher Großartigkeit, die nur auf ihre Freisetzung wartet. Diese Freisetzung erfolgt durch die Beseitigung des Fettes. Wenn das Fett geht, beginnt das wahre und obendrein großartige Leben. Die Beseitigung des Fettes hat man selbst in der Hand. Die dicke Frau ist quasi ihre eigene gute Fee. Das haben ihr die Welt und am Ende sie sich selbst in Endlosschleife eingeredet. Sie entscheidet höchstpersönlich, wann das große Wunder passiert. Und was für ein Wunder es werden wird...

Denn das Gesicht ist schließlich so hübsch und der Kopf so clever, weil man immer wenig auf Parties war und dafür mehr gelesen hat. Und das Wesen wurde durch die erlebte Härte des Lebens so freundlich und sozial... Man selbst hält es als Dicke am Ende mitunter nur für fair, dass die dünne Zukunft von all diesen hervorragenden Qualitäten extra hell angestrahlt wird. Nicht nur die Erwartungen an die Reaktionen der Umwelt, sondern auch die, die an ein dünnes Ich, das sich aus seinem Fett "hervorkämpfen" muss (in jeder dicken Person steckt bekanntlich eine dünne, die versucht, zum Vorschein zu kommen) gestellt werden, sind oftmals so überhöht, dass Diäten laut Millman auch deshalb zumeist abgebrochen werden, bevor das Zielgewicht erreicht ist, weil sich eine derartige Großartigkeit gar nicht einstellen kann. Wer abnimmt, findet oft heraus, dass die formidable Vorher-Nachher-Wiedergeburtsphantasie eine regelrechte Lüge war. Wer dünn wird, wird nicht automatisch wunderbar. Er wird halt wie viele andere Dünne auch. Und bei denen ist schließlich häufig gar nicht alles supertoll. Und die sind auch nicht alle brilliant. Und bloß weil man als dicke Frau viele Verletzungen und Enttäuschungen hinnehmen musste, wird man vom Leben nicht mit extra viel Glanz und Glück entschädigt, wenn man es schafft abzunehmen. Diese Erkenntnis kann auch bei erfolgreichen Diätlerinnen zu erheblicher Ernüchterung führen. Einige finden sich in einem dünnen aber trotzdem noch immer unerwartet schwierigen Leben schlechter zurecht als vorher. Und wünschen sich die phantasieumnebelte Existenz, in der sie wenigstens was essen durften, zurück.

Als Schlussfolgerung rief Millman dann bereits 1980 dazu auf, das Leben im JETZT und im aktuellen Körper endlich in die Hand zu nehmen und nach besten Kräften zu gestalten - gegen alle Widerstände, mit denen Dicke regelmäßig zu kämpfen haben.

*Der Titel des zehnten Kapitels lautet: "Before and After: Living a Postponed Life"*** (S. 208), und die darin enthaltene Beschreibung des Konzeptes des "aufgeschobenen Lebens", das Dicke oft führen ("Wenn ich erst einmal dünn bin...") ist mir natürlich nicht neu, aber bei Millman besonders eindringlich. Der dicke Körper (Gegenwart), der fein säuberlich getrennt von Gesicht und Verstand (Zukunft) als Gegner eben jener Zukunft bekämpft wird, wird auch entsprechend schlecht behandelt. Schlucken musste ich persönlich bei der Beobachtung, dass viele dicke Frauen über keinen guten Wintermantel verfügten, weil sie erst Geld dafür investieren wollten, wenn sie abgenommen hätten.

Ich hatte auch jahrelang keine anständige Jacke für den Winter. Tatsächlich ist es noch gar nicht so lange her, dass ich über zweckmäßige, warme Winterkleidung verfüge. Weil ich es mir vorher nicht wert war. Und ich habe verdammt viel gefroren...

Erstaunliches Buch, wirklich.


**Der entfremdete Körper wird dabei möglicherweise nicht nur als schwerwiegendes Handicap betrachtet, das die Leistungen des Gesichts und des Kopfes untergräbt oder sich der Kontrolle der Person entzieht. Er kann sogar als Feind wahrgenommen werden, der in der Lage ist, das Selbst zu zerstören.

***Vorher und Nachher: Ein aufgeschobenes Leben leben


NH

Freitag, 6. März 2015

Follow me around 18: Stimmen der Vernunft

Respekt.
"Wir haben sehr viele Rückmeldungen dazu erhalten. Wir wurden darauf hingewiesen, dass diese Richtlinienänderung seit langer Zeit bestehende Blogs betrifft. Ein Thema waren auch die negativen Auswirkungen, die dies auf Personen haben könnte, die sexuell eindeutige Inhalte posten, um ihre Identität zum Ausdruck zu bringen. Wir bedanken uns für das Feedback. Wir werden die Änderung nicht umsetzen und stattdessen unsere bestehenden Richtlinien beibehalten." (Nachricht von Blogger)
Und ich bin regelrecht stolz auf Blogger, und noch mehr auf all die Blogger-BloggerInnen, die sich offenbar beschwert, bzw. kritisch geäußert haben. So wie ich halt auch. Aber als ich meine klitzekleine Nachricht schrieb, habe ich es nie im Leben für möglich gehalten, dass Blogger seine Pläne im Hinblick auf "sexuell eindeutige Bilder" womöglich nicht umsetzt. Für einen Augenblick hatten die doch allen Ernstes vor, alle Blogs mit entsprechenden Abbildungen zu "privaten Blogs" zu machen. Ich war ja schon dabei, meinen Umzug von Blogger zu planen und hatte aber auch nicht erwartet, dass der Ansturm der Blogger-User so heftig sein würde. Nun haben in diesem Fall Vernunft, Fairness, Vielfalt und ein freies Internet gewonnen. Ist alles andere als selbstverständlich. Und doch mal ein echter Grund zur Freude! : )
Help wanted
Gisela Enders, die Vorsitzende von Dicke e.V. - dem Verein für die Akzeptanz dicker Menschen, hat ein neues Buch geschrieben - über Strategien zur Selbstakzeptanz für Dicke. Sie ist Coach und Trainerin und bietet ihre Dienste auch explizit für dicke Menschen an, die lernen wollen, sich selbst in ihren runden Körpern zu akzeptieren und mit ihrem Fett Frieden zu schließen. Der Titel des Buches ist "Wohl in deiner Haut", und es wird von ihr im Selbstverlag herausgebracht. Das kostet Geld! Die Lösung ist zeitgemäß und heißt Crowdfunding: Enders stellt ihr Projekt bei Startnext vor und bietet eine Liste von Optionen, wie man ihr Projekt finanziell unterstützen kann. Konkret benötigt sie € 5000,- für das Layout und den Druck des Buches. Für einen Beitrag von € 40,- kann frau sich z.B. einen Platz als Covergirl auf dem Titel des Buches sichern. Für € 15,- kann man das Buch selbst bestellen, das man im Juni dann druckfrisch zugeschickt bekommt. Ich habe mir als Unterstützerin schon mal eine Kopie "gebucht", weil es bekanntlich nur sehr wenige Bücher über dicke Selbst- und Fettakzeptanz auf Deutsch gibt. Und von denen sind noch weniger besonders gut. Wenn Verleger also nicht dafür sorgen, dass mal etwas Brauchbares zum Thema erscheint, dann müssen wir die Sache selbst in die Hand nehmen. Ich bin also sehr gespannt auf "Wohl in meiner Haut" und hoffe, dass die Kampagne schnell noch viele Unterstützerinnen findet. Wenn der Zielbetrag übrigens nicht erreicht werden sollte, bekommt man sein Geld zurück, bzw. Konto oder Kreditkarte werden gar nicht belastet. Hier noch einmal der Link: https://www.startnext.com/wohl-in-meiner-haut

Kauffrausladen


Durch ein Gespräch und eine damit einhergehende Eingebung habe ich mich vorgestern an einen Plan und Wunsch erinnert, den ich schon im Gepäck habe, seit ich ein Kind bin: Ich wollte immer einen Laden haben.Oder so etwas in der Art. Es gibt Dinge, die man zwar aus den Augen verlieren mag, die aber niemals ganz verschwinden. Genau genommen hatte ich natürlich mein Berufsleben lang einen "Laden", denn ich war immer selbständig. (Wenn man mal von meinem Ausflug ins öffentliche Schulsystem als Aushilfslehrerin mal absieht.) Nach besagter Unterhaltung wucherte auf der Fahrt nach Hause im meinem Kopf der atemlose Gedanke, dass man mit Mitte vierzig auf jeden Fall nicht zu alt ist, um geschäftlich noch einmal mit Schwung in etwas Neues zu starten, aber dass man sehr wohl zu alt ist, um womöglich noch eine Ewigkeit damit zu warten. 
Das vorläufige Ergebnis des Daraufherumdenkens ist eine ziemlich klare Idee und ein aus drei Sätzen bestehender "Business Plan", den ich mir wiederum im Auto ins Telefon diktiert habe. Im Augenblick fehlen mir natürlich die Ressourcen zur Umsetzung. Aber wenn man schon mal im Fluss ist, soll man auch etwas Konkretes unternehmen, damit ein Projekt sich gleich am Anfang zumindest auf irgendeine greifbare Weise manifestiert. Und was ich mir leisten konnte, war die Sicherung einer Domain...

Straßendreck

Auf diese Weise stellte ich dann mal wieder fest, wie unendlich vermüllt sie ist, die Datenautobahn. Und wie überfüllt mit unappetitlichen Wegelagerern. Die erste Domain, die ich gern gehabt hätte, war thedress.com. Und ich rechnete natürlich schon damit, dass sie nicht verfügbar sein würde. Ist sie auch nicht. Jemand hat sie registriert und dann einfach nur geparkt - in Form von Internetgerümpel auf einer von Millionen von unsäglichen "Parkseiten". Die Domains sind dann natürlich zu verkaufen - aber ich werde selbstverständlich den Teufel tun. Bei weiteren Versuchen stellte ich fest, dass auch justonedress.com ungenutzt, aber besetzt und ebenfalls zu erwerben ist - für 1.895 Dollar. Ebenso verhielt es sich mit thisisthedress.com, sowie einem weiteren guten Dutzend von Domainnamen, die ich überprüft habe. Nicht verfügbar für echte Vorhaben, sondern als Geiseln genommen. Ganz besonders geärgert hat mit das in den Fällen von fatshion.com und fatshion.de, die beide nicht zu haben sind und doch auch nur zu Internetleichen führen.

Welchen Namen ich nun am Ende angemeldet habe, verrate ich noch nicht. Ich hoffe, irgendwann mal...bald irgendwann mal. ; )

NH

Freitag, 9. Januar 2015

Ausgelesen: Rebecca Jane Weinsteins "Fat Kids"


"That's my story, and I'm stuck with it."                                                           (Rebecca Jane Weistein, "Fat Kids", Seite 23)


Während Rebecca Jane Weinsteins erstes Buch, "Fat Sex", eine Offenbarung für mich war, mein Leben wahrhaftig verändert und mich auf meiner Reise zur dicken Selbstakzeptanz quasi im Rennwagen nach vorn gebracht hat, verhält es sich mit ihrer zweiten Veröffentlichung, "Fat Kids", nicht ganz so.  

Ich bin sicher, es ist ein wichtiges Buch. Nur erkenne ich das heutzutage alles sofort wieder. Ich war hier schon so oft.

Die Lebensgeschichten der Interview-Partnerinnen und -Partner, die als Kind von der Welt als "zu dick" eingeordnet wurden und heute dicke Erwachsene sind, berühren und erschüttern mich natürlich. Jede ist allerdings irgendwie auch meine eigene. Und eben wie viele andere, die ich in den letzten zwei Jahren gelesen oder gehört habe. Die Bilder gleichen sich bekanntlich immer und auf immer wieder verblüffende Weise: Viele von uns waren als Kind gar nicht dick. Uns wurde aber gesagt, wir wären es. Denn Dicksein ist, wenig überraschend, auch eine Frage der Perspektive. Und selbst wenn wir rund waren, haben wir uns keinesfalls aus uns selbst heraus gehasst. Die Welt, natürlich zumeist am Anfang repräsentiert durch die Eltern, hat uns irgendwann mitgeteilt, dass wir "nicht normal" und nicht "richtig" sind. Und das war der Startschuss für die Fahrt mitten hinein in Diät-Höllen, Essstörungen, Demütigungen, seelisches Leiden, schwache Selbstbilder, verpfuschte Leben und harte und manchmal verlorene Kämpfe um Erkenntnis und um einen Weg zurück ans Licht.

Ich weiß mittlerweile ganz genau, dass ich mit meiner Geschichte als dickes Mädchen nicht allein bin. 

Das hilft mir aber merklich nicht mehr ganz so sehr, wie am Anfang. Und manche der Geschichten in "Fat Kids" wurden für mich ein wenig zu lang. Womöglich bin ich nun langsam doch nicht mehr so sehr an Rückschau interessiert, sondern mehr an Strategien zur aktuellen und zukünftigen Selbststärkung.

Nichtsdestotrotz ist "Fat Kids" ein gutes Einsteigerwerk für Neulinge auf dem Gebiet der Fettakzeptanz. Und eine notwendige Lektüre und sodann eine wertvolle Stütze für ratlose Eltern dicker Kinder. Es kann ihnen helfen, das Richtige zu tun. Es kann ihnen das Selbstbewusstsein vermitteln, das sie selbst durchaus benötigen, um sich von einer fettphobischen Gesellschaft nicht zwingen zu lassen, ihr Kind endlich "gesellschaftlich akzeptabel" zu machen.

Neben Weinsteins Gesprächspartnern kommen auch die Ernährungswissenschaftlerin Emily J. Dhurandhar, sowie die Psychologin Peggy Elam und die Soziologin Pattie Thomas zu Wort. Diese drei Teile enthielten Informationen, die mir in der Mehrzahl nicht ganz neu, bzw. für mich kaum mehr überraschend/schockierend waren. Aber noch einmal: Für Einsteiger findet sich hier eine Sammlung von wissenschaftlichen Daten/Betrachtungen, die auf dem letzten Stand ist: Diäten funktionieren nicht, Diäten führen zu Essstörungen und Überessen, Dicksein ist keine Krankheit, und gesunde runde Kinder haben gute Chancen, gesunde runde Erwachsene und richtig alt zu werden, wenn man sie nicht vorher seelisch fertig macht. Es ist in der Hauptsache die Stigmatisierung, die die Gesundheit dicker Menschen und vor allem die dicker Kinder gefährdet. Dass diese Stigmatisierung allgegenwärtig ist, ist offenbar ein gesellschaftliches Problem. Und kein individuelles. Und erst recht kein medizinisches.

NH

Samstag, 22. Februar 2014

Ausgelesen

 
Ich habe endlich einen kleinen Bücherstapel zum Thema Fettakzeptanz abgearbeitet.
 
Mythos Übergewicht von Achim Peters (2013)

Ausgerechnet die Brigitte Woman fiel unlängst ihrem Mutterschiff, der Brigitte, ins Heck und verkündete auf dem Titelblatt: "Alle auf Diät? Wir nicht!" (02/14) Basis für den Beitrag im Magazin war das Buch des Medizinprofessors und Hirnforschers Achim Peters, das bei mir schon seit Monaten auf dem Nachttisch gelegen hat.
 
Peters erklärt unter anderem sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es zum Jojo-Effekt kommt, und warum "Übergewicht" seiner Erkenntnis nach immer ein Ergebnis von Stress ist. Stress, der töten kann - und der Menschen, die auf Stress nicht mit vermehrtem Essen reagieren, eher dahinrafft, als Menschen, die unter Stress mehr Energie zu sich nehmen. Ein gestresstes Gehirn braucht nämlich genau das - mehr Energie. Es kann diese aus dem Körper ziehen - in Verbindung mit hoher, konstanter Cortisolbelastung. Oder aus der Nahrung, die der Gestresste zu sich nimmt. Das führt dann allerdings zu Gewichtszunahme. Langfristig, so Peters, ist die zweite Variante aber deutlich gesünder - vielleicht nicht für die Knie, aber für alles andere schon. 
 
Sein Fazit: Stress bekämpfen, wo immer möglich. Und Dicke endlich in Ruhe und so lassen, wie sie sind. Denn Diäten erzeugen natürlich auch Stress, so dass ein Körper, der durch eine Diät bereits unterversorgt ist, auch noch einen höheren Bedarf entwickelt, bzw. vom Gehirn, das um jeden Preis seine wichtigsten Funktionen erhalten will, geplündert wird. Peters macht klar, dass dieses Spiel schlicht nicht zu gewinnen ist - und jeder, der es scheinbar gewonnen und erheblich abgenommen hat, wird sich irgendwann mit den Folgen chronischer Unterversorgung und dem daraus resultierenden Stress konfrontiert sehen - oder wieder zunehmen.
 

 
The Obesity Myth von Paul Campos (2004)
 
Man fragt sich, ob die Ähnlichkeit im Titel ein Zufall ist...auf jeden Fall war Campos zuerst da. Inhaltlich sind beide Betrachtungen des Themas sehr unterschiedlich - Campos analysiert, wie Fett und Dicke in einer fettphobischen Umgebung diskriminiert werden und wie dieser Mechanismus bestimmten Bevölkerungsgruppen/-schichten zur Abgrenzung und Selbsterhöhung dient. Er wirft einen Blick auf die Verbindung zwischen Dicken-Bashing und Rassismus. Außerdem geht er der Frage nach, wie stabil die wissenschaftliche Grundlage, auf die sich der Krieg gegen das Fett traditionell stützt, überhaupt ist. Wie Peters kommt er zu dem Schluss, dass Unwahrheiten nicht dadurch wahrer werden, dass alle sie glauben. Eindrucksvoll: Auch er hat vor 10 Jahren bereits den Trend innerhalb der Diät-Industrie identifiziert, Diäten nicht mehr "Diäten" zu nennen. Schließlich wissen wir alle, dass die ungesund und freudlos sind. Daran ändert sich allerdings bekanntlich nichts, wenn man das ganze Elend "Ernährungsumstellung" nennt.
 
 

Kreuzzug gegen Fette (2008)
 
Herausgegeben wurde diese Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze von Henning Smidt-Semisch und Friedrich Schorb. Eine interessante Lektüre, wenn man sich mit den Mechanismen der Verankerung von allgegenwärtiger Fettphobie im gesellschaftlichen sowie politischen Zusammenhang noch genauer beschäftigen will. Auch gut, um sich herauszupicken, was einen besonders interessiert. Mich hat besonders die Entstehung und Etablierung des Forschungsgebietes "Fat Studies" interessiert. Da werde ich mich mal weiter umsehen.
 
 

Shadow on a Tightrope von Lisa Schoenfielder / Barb Wieser (Hrsg.) (1983)
 
Diese Sammlung von sehr persönlichen Texten von Autorinnen über die Schwierigkeit, als Dicke das Leben in einer fettphobischen Gesellschaft zu meistern, ist also 30 Jahre alt. Mit dieser Information im Hinterkopf, ist die Lektüre extra ergreifend - und macht einen außerdem mitunter besonders verzweifelt. Der Schmerz des oft ungewollten Outsider-Daseins und das Aushalten täglicher Demütigung sowie des eigenen, von außen erfolgreich angefeuerten Selbsthasses - all das ist mir nur zu vertraut. Und noch lange nicht vorbei. Tatsächlich erwächst aus der Lektüre die Erkenntnis, dass sich im Prinzip in der Außenwelt nicht viel verändert hat - wenn überhaupt, sind Körperideale eher noch restriktiver geworden. Medizin und Politik scheinen sich schlicht zu weigern, ein neues Lied zu lernen, obwohl alles dafür spricht, dass der allumfassende Kampf gegen Dicke, auch was medizinische Annahmen betrifft, auf so gut wie nichts als flammender Irrationalität basiert.
 
Bei dem folgenden Zitat habe ich wenig geweint:
 
"It is only when I walk in daylight that I am afraid. (...) I am afraid of the insults that echo off car windshields. I am afraid of my reflection in storefront windows.
How can I describe this feeling of always wantig to hide. To become invisible. To go deeper and deeper into myself where I am safe." (Sue McCabe, Seite 134)
 
 
 
Stop Dieting Now! von Golda Poretsky (2010)
 
Dieser dünne Band wurde verfasst und herausgebracht von eben jener Trainerin, die auch dieses Internet-Seminar zum Thema Fat Sex organisiert hat, und das mich tatsächlich dazu gebracht hat, die ausgesprochen hilfreiche und heilsame Bekanntschaft mit Fettliebhabern zu machen. Das Büchlein liest sich schnell und ist eine gute Unterstützung, wenn es darum geht, sich endlich sowohl praktisch als auch im Kopf vom Diätzwang zu befreien und wieder normal zu essen. Ein paar der von ihr genannten 25 Gründe, warum es dafür höchste Zeit ist: JEDE Diät führt zum Jojo-Effekt (Nr. 2). Diäten verringern dein Selbstwertgefühl (Nr. 7). Diäten verleiten dazu, zu glauben, Gesundheit sei einzig vom Gewicht abhängig (Nr. 15). Die Diätindustrie will nicht, dass man wirklich erfolgreich abnimmt (Nr. 19). Die Legende von der Diät, die tatsächlich funktioniert, stützt die gesellschaftliche Diskriminierung von Dicken (Nr. 23).
 
 
 
Die Diva-Diät von Jodi Lipper / Cerina Vincent (2009)
 
Wieder ein Mangelexemplar vom Grabbeltisch - meine Vermutung war, dass es schönes Material für eine Satire hergeben würde. Die Wucht, mit der die Dummheit einem entgegen schwappt, wenn man dieses Büchlein öffnet, war allerdings auch für mich überraschend. Tatsächlich konnte ich es nicht zu ende lesen, sondern habe ab der Mitte nur noch überflogen. Kostprobe gefällig? Das Buch beginnt mit der Frage: "Wie werde ich eine selbstbewusste und attraktive Frau - eine Diva?" Und die Antwort ist NATÜRLICH, "(...) auf Kalorien zu achten" (S. 23). Merke: "Rühreier im Restaurant zu bestellen kann sehr riskant sein..." (S.33), "Bratkartoffeln sind das "Brunch-Tabu Nr. 1" (S. 41) und frisch gebackenes Brot riecht besser, als es schmeckt, darum "Selbstbeherrschung, bitte!" (S.49). Ohnehin - wer abends noch Hunger hat, sollte lieber schlafen gehen...und überhaupt: "Es wird Sie nicht umbringen, sich ein paar Tage lang zu triezen" (S. 205), denn "Traumfrauen sind sportlich. Das ist einfach so." (S.220) Jahaa, liebe Kinder auch für dieses Buch sind Bäume gestorben...
 
 
NH

Sonntag, 24. November 2013

Geschenkt: Blowjob


Für einen Beitrag über den mir in der Hauptsache eher suspekten Siegeszug von "Erotic Fiction" bzw. Porn-Literatur für Frauen habe ich mir Sasha Greys "The Juliette Society" gekauft. Erstens, weil ich hier damit gerechnet habe, wenigstens von Mutti-Porn (50 Schattierungen...Gähn) verschont zu bleiben, und weil in einer Rezension behauptet wurde, die Schilderung des Blowjobs auf Seite 64 allein wäre das Ganze schon wert (ist sie ehrlich nicht). Wie es dem Genre gebührt, ist das Buch im Grundton eisig und gänzlich humorlos, aber natürlich prallvoll mit leicht überschaubaren Sexbeschreibungen, so dass man es sich damit bei Gelegenheit durchaus schon mal ganz gemütlich machen kann. Ich vermute sogar, es wäre ein perfektes Badewannebuch - wenn ich eine hätte. Es handelt sich bei diesem Exemplar um die englische Origininalausgabe, aber es ist sprachlich einfach (allerdings nicht komplett unintelligent). Die Autorin, Sasha Grey, ist heute Mitte Zwanzig und war offenbar schon als Teenager eine äußerst zielstrebige und erfolgreiche Pornodarstellerin.
Warum erzähle ich das alles? Weil ich aus Versehen ZWEI Exemplare ihres Buches bestellt habe. Wer das zweite gern hätte, kann mir bis zum 01.12.2013 eine Nachricht über das Kontaktformular oben rechts schicken. Dann entscheidet das Los. ; ) Die Adresse erfrage ich anschließend bei der Gewinnerin.

UPDATE: Das Buch ist unterwegs an seine Gewinnerin. Vielen Dank an alle, die mitgemacht und ihre Nachrichten geschickt haben. : )

 
NH