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Mittwoch, 13. Mai 2020

Fettphobie erkennen leicht gemacht



"Es liegt mir fern, mich zu streiten ohne Dir meine Meinung aufzwingen zu wollen." (Aus einem Facebook-Kommentar zum Blogpost "Dick, dumm, faul und hässlich")


Klar, das ist ein Typo, aber wie freudsch können Vertipper bitte sein? Oder die Autokorrektur auf dem Gerät der Verfasserin kann sie schlicht nicht leiden. ; )

Eigentlich diskutiere ich ja nicht. Ich blocke und lösche. Auf dem Blog schalte ich fettphobische Kommentare in der Regel gar nicht erst frei. Und das tue ich, damit meine Leser*innen sich mit dem Scheiß nicht abgeben müssen. Viele von ihnen sind dick, und sie werden nicht ausgerechnet hier am Strand in den Kommentarspalten noch mehr Beleidigung und Missachtung aushalten müssen. Wenn ich also Trollbeiträge zulasse (hier oder auf anderen dazugehörenden Social-Media-Outlets), dann nur in sehr geringer Zahl, exemplarisch und von mir angemessen beantwortet.

Heute nun dachte ich so bei mir, komm ist Corona, hast gerade etwas Zeit, ist ja eigentlich auch schön, wenn jemand einen Kommentar schreibt, versuch mal, milde zu sein, auch wenn dir jetzt schon gar nicht mehr danach ist. 

Denn Fettphobie kann ich quer über den Stadtpark hinweg riechen. Das ist meine Superpower. Außerdem, und das habe ich bestimmt schon einmal erwähnt, unterstelle ich immer vorsorglich böse Absicht. Damit liege ich bei den Trollen meistens richtig und spare Zeit und Nerven. 

Aber um ganz ehrlich zu sein, dachte ich mir diesmal auch, dass aus dem Ganzen womöglich Material für einen guten Blogpost herausspringen könnte.Und siehe da - auf fettphobische Rechthaber*innen ist Verlass - die reagieren und liefern immer. Wenn halt auch immer das Gleiche. In diesem Fall in einem Schwall von laaangen, schnell aufeinander folgenden Kommentaren von ein und derselben beharrlichen Frau, die sich das letzte Wort diesmal am Ende trotzdem nur dadurch sichern konnte, mich zu sperren. 

Wie gesagt: In der Kommunikation mit fettphobischem Publikum läuft es fast immer gleich ab (wenn frau sich darauf einlässt). Wortreiche und gehäufte Einlassungen (die ich im Folgenden um der Erträglichkeit willen gekürzt habe) sind nur das erste Merkmal dafür, dass hier jemand mit hoher emotionaler Investiertheit auf dem Kriegspfad ist - und zwar gegen das Recht anderer auf Gleichbehandlung. 

Zweitens wird wiederholt betont, dass es nicht das Ziel sei, zu beleidigen. Selbst wenn die Beleidigung auf dem Fuße folgt. Auch wird immer gern alle Gute gewünscht, vermutlich, um sich nicht vorwerfen lassen zu müssen, man/frau wäre aggressiv oder auch nur unhöflich gewesen. Durch falsche Höflichkeit versuchen Trolle, das Siegertreppchen gleich von Anfang an zu besetzen. Sie werden dir ins Bein schießen, und wenn du Ihnen dann den Mittelfinger zeigst, hast du in ihrer Welt verloren, weil du nicht höflich geblieben bist.

Inhaltlich beginnt alles immer gern damit, dass frau kurzerhand die Opferrolle an sich reißt:

Frau XY: Das sind aber ganz schön viele Vorurteile Menschen gegenüber, die nicht dick sind.......Das meiste in dem Text sind Vermutungen und Unterstellungen (...) denn nicht alle Menschen halten "Dicke" für dumm, faul und/oder hässlich. Es soll tatsächlich Menschen geben, denen der Charakter wichtiger ist als die Figur.

Ich: Nein, natürlich nicht alle. Aber im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang verbessert das die Situation von Dicken leider nicht wirklich. Und das bilden sich Dicke nicht ein. Um Fettphobie aus nächster Nähe zu betrachten, muss frau weiterhin nichts Anderes tun, als den Fernseher einzustellen oder eine Frauenzeitschrift zu öffnen. Oder - in vielen Fällen - mit ihren Freundinnen Kaffee trinken und ihnen dabei zuhören, wie sie darüber klagen, zu dick zu sein. Dabei bemerken sie oft gar nicht, dass ihnen ja eine dicke Person gegenüber sitzt. Die meinen das dann nicht einmal böse. Die Angst vor dem Fett sitzt nur so verdammt tief.

Ich fand das (für meine Verhältnisse) wirklich diplomatisch. Aber es kam sofort, wie es kommen musste - der Verweis auf die vermeintliche Gefahr für die Gesundheit, also DIE Nahkampfwaffe aller Fat-Shamer*innen. Außerdem setzt augenblicklich die Belehrung der dicken, doofen Frau ein, dass sie an ihrem Unglück ganz allein schuld ist und die Welt einfach nur deshalb falsch versteht, weil sie mit sich selbst eben nicht zufrieden ist.

Frau XY: (...)ich selbst bin normalgewichtig und möchte nicht übergewichtig sein. (...) Das bedeutet jedoch nicht, dass ich erwarte, dass alle so denken wie ich. In meiner Familie und im Bekannten-/Freundeskreis gibt es Menschen die ganz dünn sind und stark Übergewichtige. Wenn das Thema Übergewicht mal zur Sprache kommt (...), dann geht es immer um die Gesundheit oder die körperlichen Einschränkungen, NIE um das Aussehen/Äußere. Mein Gefühl (und meine Erfahrung) ist, dass häufig Negatives in Gesagtes interpretiert wird. Häufig scheinen das Menschen zu sein, die selbst mit sich unzufrieden sind.(...)

Ich: (...) Allein der Gebrauch der Begriffe Normal- und Übergewicht zeigt ja, dass an Dicken offenbar etwas "unnormal" ist. Auch aus der Sicht von jemandem, dem der Körperumfang doch eigentlich egal ist.

An diesem Punkt ist das Repertoire der meisten Fat-Shamer*innen im Prinzip bereits erschöpft. Wenn frau mal von offenen Beleidigungen absieht. Es umfasst tatsächlich nicht viel mehr als das:

1. Das Betonen der eigene Opferrolle - hervorgerufen dadurch, dass sie vermeintlich nicht oder falsch verstanden werden. Denn auch das ist stets die Schuld des Gegenübers.
2. Verharmlosung von Diskriminierung, bzw. die Weigerung anzuerkennen, dass Menschen Erfahrungen mit Diskriminierung haben, die man/frau selbst nicht hat und darum nicht persönlich kennt. (siehe: Thin Privilege)
3. Belehrung von oben herab, dass Dicke es selbst in der Hand haben, wie sie sich fühlen und von der Gesellschaft wahrgenommen werden. Zum einen könnten sie ja abnehmen. Zum anderen könnten Sie auch einfach ihre negative Einstellung ändern, denn dann würde die Welt sie auch besser behandeln. (Hier schwingt immer gern Esoterik mit, bzw. die gute alte Schule des gezielten positiven Denkens, von dem wir mittlerweile alle wissen sollten, dass es nicht nur nicht funktioniert, sondern auch psychisch regelrecht krank machen kann.)
4. Dicksein ist in ihrer Welt auf jeden Fall schlecht für die Gesundheit und das gibt jedem und jeder das Recht, sich in die Angelegenheiten von Dicken einzumischen, um sie vor sich selbst zu schützen.
5. Bezweifeln, dass ein dicker Mensch sich überhaupt, so wie er ist, wohlfühlen kann.
6. Betonen, dass man/frau Dicken ja nicht zu nahe treten will bzw. nichts gegen Dicke hat, ABER...

Ab hier kann frau dann nur noch mit Variationen der immer gleichen Motive rechnen.

Frau XY: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht....."Normalgewicht".... Allerdings lese ich dort eine Unterstellung heraus.?! (...) Horch doch einmal in dich hinein und sei ehrlich zu dir selbst. Auch in mir siehst du eine Böse, statt es positiv zu sehen. Schade...

Ich: Diskriminierung ist keine Einbildung. Bei dem Thema geht es um etwas mehr als blöde Blicke und unbedachte Bemerkungen. Noch nie darüber nachgedacht? Dann ja vielleicht jetzt.

Frau XY: Neee, da gibt es wichtigere Dinge, über dich gewillt bin nachzudenken.Das Leben ist immer das was jede/r Einzelne daraus macht. Wer es sich unnötig schwer macht (...) muss selbst damit klar kommen. (...) Wer sich liebt (...) wie er/sie ist, wird auch positiv durchs Leben gehen. Die Fehler (...) bei anderen Menschen zu suchen ist einfach. (...) Darüber könntest du vielleicht mal nachdenken, wenn es dir wichtig genug ist. (...)

Ich muss zugeben, jetzt wurde ich langsam doch ein wenig knatschig, obwohl ich mich ja bewusst in den Austausch begeben hatte.

Ich: Oh, du große Göttin. (...) Dass das Leben das ist, was man daraus macht, kannst du ja auch gern mal einem hungernden Kind in der Sahelzone erzählen. Das Leben ist Zufall. Und du hast offenbar Glück gehabt, dass du so locker über Benachteiligung reden kannst. Entweder, weil du keine Erfahrung damit hast, oder nicht darunter leidest, bzw. dahingehend resilienter bist als andere. Aber auch das ist dann Glück.

Frau XY: Nun ja, du bist meinen Argumenten ausgewichen und wirst nun leider unsachlich. Dann fühlst du dich vielleicht ganz wohl in deiner dir selbst auferlegten "Rolle". (...)

Ich: Welche Argumente? Dass Dicke selbst an ihrer Diskriminierung schuld sind? Das ist tatsächlich ganz genau das, was Fettphobiker immer irgendwann sagen. Es ist sozusagen ihre Vereinslosung.

Frau XY: Es liegt mir fern,mich zu streiten ohne Dir meine Meinung aufzwingen zu wollen. In deinem letzten Kommentar interpretierst du meine Kommentare und ich bin sprachlos.(...) Nicht jeder Mensch ist die negativ gesinnt. Mein Eindruck ist, dass du regelrecht danach suchst. (...) Wer sich so akzeptiert wieder/sie ist, ist auch nicht angreifbar. (...)

Ich: Es bringt auch nichts, den gleichen falschen Sermon immer und immer wieder auszuschütten (...). Wie willst du denn z.B. einer Frau mit dunkler Hautfarbe erklären, dass ihre Diskriminierung, die du hoffentlich nicht auch relativieren würdest, mit ihrer Selbstliebe zusammenhängt? Bitte, komm gar nicht erst auf die Idee.

Needless to say - natürlich kam sie auf die Idee. Und so kam es dann auch zu einem bemerkenswerten Finale. Danach nahm sie mir, wie erwähnt, die Möglichkeit, ihr erneut zu antworten. Ich habe unsere Unterhaltung auf Facebook inzwischen gelöscht, damit man sie nicht identifizieren kann. Obwohl ich bei meinen Leser*innen nun wirklich nicht befürchten müsste, dass sie ihr nachstellen. ; )

Nun, vielleicht ist ihr das Aussehen von Menschen auf gönnerhafte Weise wirklich nicht wichtig. Dass Hautfarbe oder Körperumfang keine Rolle spielen dürften, steht außer Frage. Trotzdem hält sie es in ihrem letzten Kommentar für auffällig nötig, das noch einmal zu betonen, so als hätte ich, die doofe Dicke, schon wieder etwas nicht verstanden. Irgendwie kann ich hier ziemlich klar das Echo von "Ich habe ja nichts gegen Dicke (Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind), aber..." hören. Es ist schon bemerkenswert, wie konsequent die ungerechte Lebensrealität anderer offenbar ausgeblendet bzw. händewedelnd abgetan werden kann, wenn man/frau selbst nicht betroffen ist.

Frau XY: Diskriminierung ist etwas ganz Schlimmes (...). Eine Frau mit dunkler Hautfarbe hat eine dunkle Hautfarbe.....na und? Der Mensch zählt, der Charakter (...) Und das muss die betroffene Person verstehen. (...) Ich weiß nicht wie alt du bist.....vielleicht fehlt ein wenig Lebenserfahrung (Anmerkung der dicken Dame: Hahaa, ja klar. In meinen Träumen.) Respektlos finde ich, dass du meine Meinung als falsch abstempelst. (...) Allerdings stellst du dich damit auf eine Stufe mit den Menschen, die du hier "anklagst". Du wertest...(...) Habe nun Besseres zu tun und wünsche dir, dass du zumindest über meine (...) Anregung nachdenkst. Vielleicht kannst du dann etwas positiver durchs Leben gehen. (...) Dann wirst du gar nicht mehr so viele "Diskriminierungen" erleben.


Und jetzt ein paar Worte zur Selbstliebe

Nachdem vielen von uns ein Leben lang eingehämmert worden ist, dass sie im falschen Körper unterwegs sind, der der Welt obendrein angeblich lauter Negatives über die Persönlichkeit der Körperinhaberin verrät, ist sie oft ein sehr hart erkämpfter Schatz, wenn frau sie erlangt hat. Ein positives Selbstbild, Selbstakzeptanz oder Selbstliebe puffern und schützen und machen es uns leichter, in in einer fettphobischen Welt unser Leben selbstbewusster, freier und mutiger zu leben - oder an manchen Tagen auch nur zu überleben. 

Darum bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass es ein sinnvolles und lohnendes Ziel ist, seine Selbstakzeptanz zu entwickeln und zu stärken. Denn natürlich müssen wir jetzt gerade in der Welt zurechtkommen, in der wir uns augenblicklich befinden. Ich gebe dazu hier ein paar Tipps zum Einstieg. Für die meisten von uns ist Selbstakzeptanz aber auch ein langwieriges Projekt - vermutlich mit einigen Rückschlägen. Davon kann ich in der Tat ein langes Lied singen.

Eine Verpflichtung dazu, sich selbst zu lieben oder zu akzeptieren hat allerdings niemand. Genauso wenig, wie es eine Verpflichtung zum Aktivismus oder zu politischer Mitarbeit gibt. Und was stets klar sein muss, ist, dass wir nicht schuld daran sind, wenn wir uns mit unserem Körper und unserem Selbstbild als Dicke im Krieg befinden. Wir wären nie von allein darauf gekommen, unsere Körper nicht zu mögen, wenn wir es nicht durch die Welt beigebracht bekommen hätten. Wir sind obendrein nicht dafür zuständig, uns mit ausreichend stabiler emotionaler Rüstung auszustatten, nur damit für alle anderen alles so bleiben kann, wie es ist.

Ich verwende den Vergleich immer wieder gern: Sich Selbstakzeptanz zu erarbeiten und zu erhalten ist für Dicke in unserer Gesellschaft wie unter einem Wasserfall schwimmen zu lernen. Die Missachtung, Respektlosigkeit und Diskriminierung durch Gesellschaft, Medien und Politik hören nicht auf, während wir versuchen, einen freundlichen Blick auf uns selbst zu entwickeln. Wir arbeiten also daran, gut zu uns selbst zu sein, während Vorurteile und Verächtlichmachung uns weiterhin auf den Kopf prasseln. Das ist ein ziemlicher Kraftakt.

Selbstakzeptanz entfaltet jedoch keine magische Wirkung im Außen. Schon gar nicht grundlegend im Hinblick auf die Benachteiligung von dicken Menschen. Das tun nur Protest und klar geäußerte Forderungen. Da draußen muss sich etwas ändern. 


NH

Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:


Freitag, 21. August 2015

Ausgelesen: Das kleine Übungsheft - Frieden schließen mit dem eigenen Körper

Die "Kleinen Übungshefte" aus dem Trinity Verlag haben eine hübsche Aufmachung, und man braucht vielleicht eine halbe Stunde, um sie zu lesen.

Und im Falle des o.g. Übungsheftes von Anne Marrez & Maggie Oda ist das auch wirklich das Äußerste, was man an Zeit investieren sollte. Die Broschüre sieht so klein und unschuldig aus - und ist doch ein echt fieses Terrorwerk. Eine der Autorinnen ist übrigens im Diätgeschäft...

Um es kurz zu machen: Die 62 Seiten enthalten mindestens fünfmal das Wort "Makel" und viermal das Wort "Mangel". Diese hat frau nun einmal, soll sie aber nicht so tragisch nehmen.

Das heißt, Schönheit als im Grunde objektiver und ziemlich klar definierter Wert wird hier überhaupt nicht herausgefordert. Es geht nur darum, dass man sich nicht von der eigenen Hässlichkeit (den naturgegebenen "Makeln") komplett runterziehen lässt. Wobei man am eigenen negativen Körperbild ohnehin selbst Schuld ist: "der (...) Schönheitskult (...) entsteht (...) in erster Linie in Ihrem Kopf." Na dann.

Die automatische Verbindung von Dicksein und Hässlichkeit taucht erstaunlich konsequent auf. Denn viele Frauen fühlen sich "dick und hässlich" (S. 5) und "zu hässlich, zu dick" (S. 28). Sie denken, ihr "fetter Bauch steht raus" (S.38), oder "Ich bin hässlich, ich bin fett" (S.34), und das, OBWOHL sie "in Wirklichkeit ein gesundes Gewicht" haben (S.11). Auf Seite 6 ist sie dann auch abgebildet - die dünne Frau, die ja eigentlich gar nicht hässlich ist, aber sich selbst im Spiegel als dicke, und im Gesicht zusätzlich wirklich ungünstig aufgedunsene Frau sieht.

Damit wird ziemlich schnell klar, dass sich dieses giftige Heftchen mit seinen biederen, flachen Übungen für Selbstakzeptanz offenbar in der Hauptsache an Frauen wendet, die sich "fett und hässlich" fühlen, und ganz klar nicht an solche, die fett (und damit offenbar in den Augen der Autorinnen unübertroffen hässlich) sind.

Fett ist, wie immer, auch hier das Allerallerallerschlimmste. So schlimm, dass man echtes Dicksein auch nicht so wie die anderen möglichen "Makel" mithilfe von Atemübungen und durch Lächeln (kein Witz, S. 58) wegakzeptieren kann. Stattdessen wird den Leserinnen auch hier nahegelegt, sich nicht abzukapseln und zu essen (S. 50), denn das "gefährdet Ihre Gesundheit." Statt "zu viel zu essen", sollte man lieber "Sport treiben" (S. 51).

Wenn Ratgeber zur Akzeptanz des eigenen Körpers vollgestopft sind mit Fettphobie und Abweichungen von Normschönheit tatsächlich durchgängig als "Mangel" identifizieren, wird es echt eng. Dummerweise ist dieser bekanntlich nicht der erste seiner Art, der uns hier unter die Augen kommt. Was bitte soll das sein? Eine besonders perfide, subversive Form der fortgesetzten Demoralisierung von ohnehin bereits angeschlagenen Frauengemütern?

FUCK 'EM! Ernsthaft.

NH 

Samstag, 21. März 2015

So ziemlich



"Du bist ziemlich dick. Darf Dein Partner denn auch ziemlich dick sein ? Oder betreibst Du hier eine Art von Doppelmoral ?"(Nachricht an mich, erhalten bei finya.de am 20.03. um 18.05 Uhr von einem Mitglied mit dem Profilnamen "Firstforward", nach eigenen Angaben 44 Jahre alt, Profil ohne Foto - die liebe ich ja ohnehin immer ganz besonders.)


Man könnte weinen. Wenn es nicht so komisch wäre. Und ja - es wird wirklich höchste Zeit, Worten auch Taten folgen zu lassen und endlich alle meine Profile auf Dating-Plattformen platt zu machen, bevor sie mich doch noch schaffen.  
Natürlich habe ich Fuckfucker oderwieauchimmer nicht direkt geantwortet, sondern habe ihn nur geblockt. Aber ich werde seine Frage beantworten. Hier. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass sie vielen auf den ersten Blick gar nicht so abwegig und anmaßend vorkommt, wie sie tatsächlich ist. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele Leute unbedarfterweise sagen würden, dass man "sowas" doch durchaus auch mal fragen dürfen muss.
Also:
Erstens: Dicke haben selbstverständlich keinerlei Verpflichtung, andere Dicke attraktiv zu finden. Schon gar nicht als potentielle Partner. So wie für jemanden mit blauen Augen oder langen Haaren oder großen Füßen ganz sicher keine Obligation besteht, sich zu Partnern mit blauen Augen, langen Haare oder großen Füßen hingezogen zu fühlen. Im Hinblick auf Vorlieben bei der Partnerwahl Moral ins Spiel zu bringen (so es sich nicht um Pädophilie handelt), passiert meiner Erfahrung nach nur Menschen, die noch viel, viel, viel verbitterter sind als ich. Wir alle sind jedoch sehr wohl dazu verpflichtet, andere nicht auf der Basis körperlicher Eigenschaften herabzusetzen, zu diskriminieren und ihrer Würde zu berauben.
Zweitens bin ich tatsächlich nicht dumm genug, um nicht ziemlich genau zu verstehen, was der unsympathische Steller der vorangestellten Frage tatsächlich gemeint hat: Der Frager findet schlicht, dass Dicke hässlich sind. Um sich überhaupt mit ihnen abzugeben, muss man in seinem Universum schon ganz gehörig Toleranz und Milde mitbringen, um dann erfüllt von Edelmut über die ekelerregende Hülle hinwegzusehen und sich womöglich für innere Werte zu interessieren. Und wenn Dicke einen solch enormen Kraftakt von anderen verlangen, werden sie ja wohl bereit sein, diesen ebenfalls auf sich zu nehmen. Was da außerdem ganz deutlich mitschwingt ist dieses: Wer hässlich ist, kann nicht einfach ankommen und womöglich mehr verlangen, als ihm zusteht. Denn es steht Hässlichen nun einmal nicht viel zu. Am besten bleiben sie also ohnehin gleich unter sich.
Tja. Was soll man dazu sagen? Zunächst siehe natürlich „Erstens“. Und dann erlaube ich mir, hier auf einen offensichtlichen und zutiefst egozentrischen, aber natürlich oft gemachten Denkfehler hinzuweisen: Denn das, was ich selbst hässlich finde, muss noch lange nicht für den Rest der Welt auch hässlich sein…Aber natürlich war ich all meinen Fettliebhabern immer ausgesprochen dankbar, dass sie sich so großzügig überwunden haben, mir ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl sie selbst so gar nicht dick und hässlich waren. ; ) Allerdings ist es ja auch längst kein Geheimnis mehr, dass ich dieser Tage sehr viel mehr Probleme habe, meine inneren Werte dauerhaft an den Mann zu bringen, als meine äußeren.
Damit drittens keiner auf die verwirrte, nörgelnde Idee kommt, ich würde mich vor einer persönlichen Antwort drücken: Klar könnte mein Partner dick sein. Er könnte aber auch muskulös oder dünn sein. Denn ich gucke zuerst in Gesichter und Augen. Und dann auf Hände. Dann kommt die Stimme. Der Geruch. Und dann das Gehirn. Wenn ich all das wirklich will, will ich vermutlich auch den Rest. Denn das ist dann ohnehin schon ein Lottogewinn.
Und viertens habe ich das dringende Bedürfnis, vorzuschlagen, dass Idioten endlich unter sich bleiben sollten. Zu ihrem eigenen Besten. Denn dann müssen sie auch unter dem Rest von uns nicht immer so schrecklich leiden.

NH

Dienstag, 18. März 2014

Wo laufen sie denn hin...

Allein, allein...

...die dicken Frauen? Die Antwort ist: Überall und nirgendwohin.

Ein Bekannter hat mich vor ein paar Tagen gefragt, wie es denn nun so sei mit meinem Support-Netzwerk aus dicken Frauen, "die sich gegenseitig Mut zusprechen"? Ist es hilfreich? Geht es da kämpferisch zu? Stimme und Gesichtsausdruck machten klar, dass er an  nichts von all dem glaubt. Er hält mich und die universelle Empörtheit die ich grundsätzlich mit mir herumtrage vermutlich ohnehin einerseits für wunderlich/lustig und andererseits für tragisch verrannt. Und ahnt im Hinblick auf die dicken Frauen, was auch stimmt. Die meisten Leute sind weder Aktivisten noch besonders rebellisch. Und selbst dicke Frauen sind nicht automatisch sauer über die eigene Diskriminierung.

Ich höre ja auch nie auf, auf Dinge wütend zu sein, so lange sie so bleiben, wie sie waren, als sie mich zum ersten Mal wütend machten. Ich bin eine ganz schlechte Verdrängerin. Und eine noch viel schlechtere Es-jetzt-endlich-mal-gut-sein-Lasserin. Wenn etwas genauso schlecht ist wie vormals, kann man es doch nicht gut sein lassen. Und kommt mir BLOSS NICHT mit "die Einstellung ändern". Wie soll das gehen, bitte schön? Wie ändere ich meine Einstellung zu..., na sagen wir mal z.B. der Steinigung von Vergewaltigungsopfern im Sudan? Ach, das ist weit weg und weit hergeholt? Aber mein Körper und die tägliche, mediale Häme und Verächtlichmachung von Körpern wie meinem, sind ganz nah dran. Sich hier darüber öffentlich zu bescherden wäre obendrein - im Vergleich - ausgesprochen risikoarm.

Und trotzdem - bei Dickenstammtischen, Frauengruppen und in Internetforen wird weiterhin eher angeregt über die Vorteile von Bolero-Jäckchen zur Abdeckung der flappigen Ärmchen gefachsimpelt. Das heißt, dann, wenn es einigermaßen gut läuft. Von Deutschlands Dicken Seiten bin ich seinerzeit nach einer Diskussion über Beth Ditto und ihre Nacktbilder geflohen, weil diese bei einigen der ruppigen Diskutantinnen mal wieder so viel Selbst- und Dickenhass freilegte, dass es schlicht nicht mehr zu ertragen war - und seinesgleichen auf Diätforen vermutlich sucht. Die Lehre ist und bleibt: In welche Gesellschaft man sich als dicke Selbstakzeptanz-Novizin begibt, ist ziemlich wichtig, und beim leisesten Hauch von leicht angebittertem Verharren und Körpernegativität sollte man schleunigst die Biege machen, denn das ist das Letzte was man gerade braucht. Grundsätzlich ist es ja ohnehin meine Erfahrung, dass dicke Cliquen es auch nicht leichter oder vielleicht noch schwerer für neue Mitglieder machen, ihren Platz zu finden. Sei es die Kaffeklatschrunde oder eine Ü100-Party - statt sich sichtbar zu machen und sich vernehmlich und erkennbar zu öffnen, schottet man sich scheinbar doch lieber ab. Das ist Teil des Problems. Und übrigens auch eine Frage von Solidarität.

Vielleicht fehlt es halt wirklich an Vorbildern und Vorkämpferinnen. Wenn man medial hierzulande als dicke Frau in der Hauptsache von Christine Neubauer und Barbara Schöneberger vertreten wird, ist es kein Wunder, dass einem der Weg steinig und einsam vorkommt. Ich sehe nirgendwo Vertreterinnen von Dicken-Verbänden oder Aktivistinnen (die es ja durchaus gibt) in der Zeitung oder in Magazinen - und meine Vermutung ist, sie bevölkern auch nicht wie verrückt die abendlichen Talkshows im Fernsehen. Natürlich findet man dicke, kampflustige und engagierte Frauen im Internet - weil man da immer alles leichter und in größeren Mengen findet. Für einen kurzen Augenblick könnte man anfangs den Eindruck bekommen, es würde nur so von ihnen wimmeln. Wenn man nachzählt, stellt man schnell fest, dass man es wohl doch nur mit ein paar Dutzend fortgesetzt präsenten Mitstreiterinnen weltweit zu tun hat.

Denn leider ist die Internetwelt des Fettaktivismus nicht immer sehr nachhaltig oder beständig. Viele Links sind tot und führen zu Seiten, auf denen heute Google-Anzeigen für Diäten werben. Oft ist der letzte Blog-Eintrag vor Ewigkeiten eingestellt worden. Selbst Fettakzeptanz-Flaggschiffe wie Kate Harding ermüden und versinken. Ihr Fettakzeptanz-Blog "Shapely Prose" ist bereits 2010 geschlossen worden. Der letzte Eintrag auf ihrer offiziellen Seite ist vom März 2013. Wenigstens twittert sie noch. Und es gab wohl irgendeine Zusammenarbeit mit jezebel.com. Und irgendwann soll ein Buch über Vergewaltigungskultur erscheinen. Ach, und von Rebecca Jane Weinstein, deren Buch "Fat Sex" mir eine so große Hilfe war, habe ich auch lange nichts mehr gehört. Scheinbar ist/war sie Autorin bei xojane.com, aber ihr letzter Artikel dort ist auch über ein Jahr alt. Die von ihr gegründete Website peopleofsize.com liegt seit 2011 mehr oder weniger brach. Zumindest soll im Oktober 2014 ihr zweites Buch "Fat Kids" erscheinen - durch Spenden finanziert. Jetzt, wo ich gerade davon rede - wieso kriege ich eigentlich gar keine E-Mails von Golda Poretsky mehr? Na, vielleicht hat sie zu viel mit ihren Internetkursen zu tun. Ich hoffe es für sie.

Wenn ich das deutsche Wort "Fettaktivismus" bei Google eingebe, lande ich erst einmal bei mir selbst. Und dann dankenswerterweise auch noch bei der Mädchenmannschaft. Auf diese Weise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, macht die Sache auch nicht unbedingt spannender. Ich weiß, dass das Auflehnung gegen Normen verdammt schlauchen kann. Ich begreife natürlich auch, dass man davon als Autorin/Publizistin nicht reich wird, bzw. dazu buttert und einem im Leben zusätzlich dauernd etwas zwischen die Füße fliegt, was jetzt gerade wichtiger ist, als gesellschaftliche Veränderung. Aber es ist auch, wie mein Vater (und wahrscheinlich alle anderen Väter) immer sagte: Wenn man nichts ändert, geht's einem noch zu gut.

Was immer geht, ist Fa(t)shion. Klar.

Es sind die dicken Modebloggerinnen, die immer weiter am Ball bleiben. Der Grund dafür könnte natürlich sein, dass Mode entschieden mehr Freude macht, als Gesellschaftskritik. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich persönlich kann das Wort "kurvig/curvy" nicht mehr sehen, und das liegt natürlich weiterhin daran, dass ich als dicke Frau nicht die Erlaubnis erteilt bekommen will "auch hübsch" oder "fast so hübsch als wäre ich nicht dick" zu sein. Ich will erstens dass "Hübschsein" im konventionellen Sinne kein Kriterium mehr ist und zweitens Hilfe bei meiner Neuerfindung und die Anerkenntnis, dass Dicksein an sich eine eigene ästhetische Qualität hat.

Irgendwo las ich neulich das Motto "Klasse (gemeint ist: große) Kleider für klasse (gemeint ist: dicke) Frauen". Bei solch plumpen Euphemismen fühle ich mich ja immer, als wäre ich mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter durch die nächste Glastür geschubst worden. Ich will nicht kaschieren. Ich will nicht verhängen. Ich will nicht verschlanken. Ich will nicht strecken. Ich will schlicht nie mehr so tun, als wäre ich "normal". Ich will gar nicht mehr "normal" sein. Ich verstehe das Bedürfnis der Anpassung - vor allem bei jungen Frauen. Aber ich bin SO OVER IT, und dass das wirklich so ist, wurde mir während eines Gespräches klar, in dem ich gefragt wurde, ob es denn wirklich möglich sei, eine lebenslange Programmierung auf ein schlankes Schönheitsideal innerhalb von kapp zwei Jahren abzulösen. Ich sagte: Ja! Ein paar Stunden später stellte ich dann zu meinem eigenen Erstaunen fest, dass das auch stimmt. ; ) Ich finde dicke Frauenkörper schön(er) und interessant(er), und ich gucke sie mir gerne an. Fatshion macht so einiges möglich. Allerdings nur (und ich weiß, ich wiederhole mich), wenn sie (die Körper) von ihren Besitzerinnen mit einer bestimmten inneren Haltung und Selbstverständnis präsentiert werden. Und - juhuu - das heißt also, dass ich auch meinen Körper schön und interessant finde. Nicht überall. Nicht immerzu. Aber immer öfter.

Und jetzt? Ein Asos Curve Haul darf nicht das einzige sein, was am Ende des Tages bleibt. Denn das kann doch ehrlich nicht unser Ernst sein.


NH

Samstag, 25. Januar 2014

Ein weites Feld

Angeblich war sie da - die Gerichtsvollzieherin. Das jedenfalls hat sie mir geschrieben. Aber ich leider nicht. Schade, denn ich hätte sie so gern beglückwünscht zu ihrer Berufswahl, die sie in meinem Fall zur Komplizin bei der Entrechtung von Bürgern zugunsten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks macht. Und quasi zur Eintreiberin einer Zwangsverdummungsgebühr.

Ich sehe nie öffentlich-rechtliches Fernsehen. Ich sehe im Prinzip überhaupt kein Fernsehen (und höre auch kein Radio) - und das aus dem selben Grund, aus dem ich so gut wie keine Frauenzeitschriften mehr lesen kann. Wenn ich es in letzter Zeit doch mal versucht habe, bin ich innerhalb weniger Minuten haarscharf am Herzkasper vorbeigeschrabbelt, weil ich mich so VERDAMMT aufgeregt habe. Ich schreie Fernseher an. Und ich bewerfe sie auch. Ich kann nicht anders.

Und ich kann die Haushaltsabgabe auch in Zukunft unmöglich regelmäßig oder gar pünktlich bezahlen, weil meine Hände schon bei dem Gedanken an das Ausfüllen der Überweisung beginnen zu zittern. Es ist eine Tortur, die ich mir nur so selten wie möglich antun kann. Wenn der öffentliche Rundfunk übrigens von niemandem für ein paar Monate mehr Geld bekommen würde, wäre das ganze Problem natürlich ohnehin schnell erledigt. Aber obwohl sich sehr viele Leute ärgern, empört sind, sich entmündigt fühlen, zahlen sie die Rundfunkgebühren trotzdem - und zwar aus dem selben Grund, aus dem Schutzgeld bezahlt wird. Sie wollen bitte ihre Ruhe haben. Im Vollstreckungsersuchen des Norddeuten Rundfunks an das für meinen Wohnort zuständige Amt steht übrigens der bemerkenswerte Satz: "Zur Pfändung von Sozialleistungen liegen uns keine Erkenntnisse vor, die der Billigkeit der Maßnahme widersprechen." Nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass auch blinde und taube Menschen seit Beginn des letzten Jahres Rundfunkgebühren zahlen. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes und in jeder Hinsicht a-soziales System. Wer das nicht glaubt, kann Berichten zufolge offenbar so ziemlich jeden fragen, der jemals Gast in einer von Markus Lanz geleiteten Gesprächsrunde und gleichzeitig nicht der Meinung des Moderators war. Oder Cher.

Häh?!

Ja, das Gezeter geht weiter. Was soll ich denn bitte machen, wenn ich in einer Publikation, die ich ansonsten auch geflissentlich meide, im Kundenmagazin meiner Krankenkasse, der DAK, in der Rubrik "Gesundheit und Beruf" plötzlich eine große 81 sehe und darunter folgendes Sätzchen: "...Prozent aller Magen-OPs für Übergewichtige erfolgten im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen." Ich starrte auf die 81. Ich drehte sie auf den Kopf. Ich wusste, hier war was im Busch. Und dann schrieb ich, glaube ich, die erste Leserinnen-Mail meines Lebens:

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

auf Seite 4 der aktuellen Ausgabe von fit! versorgen Sie uns mit der
schlaglichtartigen Information, dass "81 Prozent aller Magen-OPs für
Übergewichtige im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen erfolgt sind".

Ich würde mich hierzu über die Beantwortung einiger ergänzender Fragen
freuen:

1. Um welche Art von Magenoperationen handelt es sich, bzw. welche Art von
Operationen an Mägen werden hier einbezogen? Was ist die Gesamtzahl der
gemeinten Operationen?

2. Handelt es sich hier um alle Magenoperationen in Deutschland? Oder
weltweit? Oder an Patientinnen der DAK?

3. Was war Ihre Annahme, inwiefern Ihre Leser von dieser isolierten,
verknappten Information über Magenoperationen profitieren?

Vielen Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Nicola Hinz


Meine Antwort bekam ich einige Tage später von einer sehr freundlichen Frau Lüning. Sie teilte mir mit, dass (wie natürlich von mir vermutet) "Eingriffe mit Magenband und Magenballon sowie Magenverkleinerungen" gemeint seien, und dass davon im fraglichen Zeitraum 331 an DAK-Patienten vorgenommen worden waren. Hinsichtlich der Aussagekraft der Zahl schrieb Frau Lüning: "Wir fanden den Geschlechterunterschied auffällig und interessant, haben aber keine bestimmten Erwartungen an unsere Leser damit verbunden. Ich persönlich vermute, dass sich in dieser Zahl auch ausdrückt, dass Frauen nach wie vor unter größerem Druck stehen, was ihr Äußeres angeht, wobei schlanker mit attraktiver gleichgesetzt wird. (Anm. d. dicken Dame: BINGO!) Genauso könnte man aber sagen, dass Frauen besorgter um ihre Gesundheit sind und weniger Bedenken haben als Männer, zum Arzt zu gehen und sich helfen zu lassen." (Anm. d. dicken Dame: Das musste sie jetzt irgendwie noch anfügen, sonst wäre die 81 ja auf gar keinen Fall mehr neutral.) Außerdem verwies sie mich auf eben jene Pressemitteilung der DAK, aus der die oben genannte 81 stammt.

Natürlich ist das fit! Magazin meiner Krankenkasse voll mit mehr oder weniger unterschwelligen Angriffen auf Versicherte (Kunden), deren BMI nicht im vermeintlichen Idealbereich liegt. Und natürlich diente auch die 81 zu nichts Anderem, als eine flächendeckende, milde Anklage- und Ermahnungsatmosphäre aufrechtzuerhalten. Fette, faule Loser wie ich werden nicht eine Sekunde vom Haken gelassen. Wenn man das Magazin wirklich von vorn bis hinten durchblättert (und das ist auch eine Quälerei, der ich mich so bald nicht noch einmal aussetze), dann findet man auf 58 schmalbrüstigen Seiten stattliche neun inhaltliche sowie rhetorische Hinweise auf das Übel Übergewicht. Und dabei sind all die Ernährungs- und Bewegungstipps, in deren Einleitung zufällig keine "kneifende Hose" erwähnt wird, nicht mitgezählt.

Auf Seite 19 brüstet sich die DAK dann damit, dass sie noch immer mollige Kinder und Jugendliche in Adipositas-Kliniken und damit ganz selbstverständlich in die lebenslange Jojo-Falle schickt. Der schnieke Dr. Dankhoff, Leiter der entsprechenden "DAK-Fachklinik" (Haus Quickborn auf Sylt) ist übrigens jüngst für sein wissenschaftliches Wirken ausgezeichnet worden - und zwar von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter, also von Mitgliedern aus seiner eigenen Industrie. Das ist ungefähr so, als ob man ein Gremium aus Drogendealern über ihre Lieblingsware abstimmen lässt, und dann verkündet, der Stoff sei gut für alle, weil ja immerhin preisgekrönt.

Sie begreifen es einfach nicht. Sie lernen nichts. Sie verschicken Hefte voller Diät- und Fitnessstress und geben gleichzeitig die erstaunlichsten Tipps zum Stressabbau: Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen guttun! (...) Oder entspannen Sie sich in der Sauna." Danke, Frank Meiners! Der Mann ist übrigens Diplom-Psychologe. Wenn man dann aus der Sauna herauskommt, sollte man sich dieser Tage allerdings wirklich den eindringlichen Rat des Diplom-Sportlehrers Uwe Dresel zu Herzen nehmen: "Gegen Eiszapfenfinger oder -zehen helfen eine doppelte Lage Handschuhe oder Socken." (DAK-Gesundheit fit! 1-2014, S. 50) Jahaa - das sind Experten! Und dafür, dass sie ihre Weisheiten unters Volk bringen, liebe Kinder, STERBEN BÄUME!

Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch die oben bereits erwähnte Pressemitteilung. Denn offenbar gilt selbst für die DAK der Schlachtruf "Schlank um jeden Preis" dann doch nicht mehr so uneingeschränkt, wenn es plötzlich wirklich um Preisschilder geht. Denn nicht nur die Zahl der bariatrischen (adipositaschirurgischen) Eingriffe nimmt zu - vor allem steigen die Preise pro Eingriff, weil die Operationen offenbar zunehmend größer, komplexer und schwerwiegender werden. 2,5 Millionen Euro haben die 331 Behandlungen im ersten Halbjahr 2013 gekostet. Die DAK, frau höre und staune, beginnt nun plötzlich, sich nicht nur Sorgen um ihr Geld, sondern angeblich auch um die Patienten zu machen, die das Risiko solcher Operationen auf sich nehmen sollen/wollen, und möchte fortan einer weiteren Ausweitung der Adipositaschirurgie entgegenwirken. Mithilfe von Ernährungsberatern (Anm. d. dicken Dame: Schnappatmung), Ärzten und Psychologen. Nun, mit dem Preisträger Dankhoff im Team dürfte das doch wohl kein Problem sein...

Was ich aus der selben Pressemitteilung übrigens auch erfuhr, ist die überraschende Tatsache, dass ich eine Kandidatin wäre, die sich locker und mit guten Chancen um einen Magenballon bewerben könnte. "XXL-Patienten" brauchen einen BMI über 40 und müssen mindestens seit 5 Jahren "XXL" sein. Außerdem muss man nachweisen, dass Diäten versagt haben. ; ) Wer es am Rücken oder Diabetes hat, braucht übrigens nur einen BMI von 35. Diese Informationen wirkten bei mir wie früher ein plötzlicher Blick auf das eigene, vorbeieilende Spiegelbild im Schaufensterglas - frau wusste irgendwie gar nicht, wie dick sie ist und erstarrte innerlich für einen Moment. Morbid adipös. Und reif für den OP.

Paracetamol gibt's ja nur noch in 20er-Packungen, damit man sich nicht aus Versehen vergiftet.

Ob ich wohl ein Magenband bekäme? Würde man an einer (soweit ich weiß) gesunden aber runden Frau eine derart schwerwiegende Operation durchführen - getrieben von gesellschaftlichem Fetthass, der natürlich mit dem Selbsthass vieler Patientinnen übereinstimmen dürfte? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl dieser Operationen an Frauen (81 Prozent) im Grunde Schönheitsoperationen sind. Und ich hätte jetzt nicht übel Lust, ein solches Genehmigungverfahren tatsächlich TESTWEISE einmal zu betreiben...

Was denn jetzt noch?

Na, also bitte. Ich fang doch erst an. Ich habe mir nämlich nach sehr langer Zeit auch mal wieder einen Stern gekauft, um alles über das Diät-Duell zwischen der Frau Prochnow und dem Herrn Timmins zu erfahren. Beide sind Mitarbeiter des Sterns, beide haben abgespeckt und sind jetzt besser drauf. Offenbar haben noch zwei andere Kollegen am "Duell" teilgenommen. Die waren also zu viert, wodurch es strengenommen gar kein Duell gewesen ist, aber ich halte ja schon die Klappe. Der Herr Timmins hat das "Duell" übrigens für sich entschieden, aber "gewonnen haben alle vier" (Stern, 16.1.2014, S.69). Das ist ja ohnehin klar. Jeder, der Gewicht verliert, gewinnt. Das ist schließlich ein Naturgesetz.
 
Die Frau Prochnow ist sich, wie ja so viele ihrer dicken Schwestern, zudem sicher, dass in ihr "eine schlanke Frau steckt". Kein Wunder also, dass sie offenbar vor nicht allzu langer Zeit noch für zwei gegessen haben muss - warum wird man sonst so unförmig?............ Selbsthass sorgt für Auflage. Das wissen wir alle, denn viele von uns haben schließlich jahrzehntelang Zeitschriften mit dem Wort "Diät" auf dem Cover gekauft.Und Selbsthass ist bekanntlich heilbar. Durch Diäten eben. Wer weniger wiegt, kann immerhin weniger an sich hassen. Und was die Experten der DAK können, kann der des Sterns (Jens Reimer, Psychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf) natürlich schon lange: "Zum Fernsehabend kann man sich jetzt eine Birne und ein paar Nüsse bereitlegen. Oder Ersatzrituale finden, die auch glücklich machen: Sport, Freunde treffen, raus in die Natur gehen." (Stern, 16.1.2014, S. 76) (Anm. d. dicken Dame: Aber heute Abend bitte nicht ohne doppelte Socken.) Wenn einen solcher Rat  nicht in die Arme eines Adipositas-Chirurgen treibt, dann weiß ich nicht was.
 
Wer genau hinsieht und womöglich auch noch darauf besteht, es hier und da genau zu nehmen, der ist nirgendwo sicher. Nicht einmal beim Einkaufsbummel durch einen Katalog für große Größen. Da wollte ich die Strickjacke doch gerade auf die Bestelliste setzen, als sich nervigerweise doch noch die Produktbeschreibung dazwischenschob: "...kaschiert in schlankem Schwarz raffiniert etwas mehr Figur..." (Emilia Lay, Kollektion Frühjahr/Sommer 2014, S. 13) Wie bitte kann man eigentlich mehr Figur haben als eine Figur?! Und wenn man noch immer findet, dass die eigenen Kundinnen sich eigentlich verhängen sollten, wieso vertickt man dann nicht einfach ehrlicherweise in Zukunft XXL-Burkas?! Na schön, 99,95 gespart.
 
Nicht lustig.
 
Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Herr bei finya.de, dass die "starke Schulter", nach der ich suchen würde "ja eine wirklich sehr starke Schulter" sein müsste. Ich gehe davon aus, dass er lustig sein wollte. Und vielleicht nur ein ganz bisschen unhöflich.Vermutlich dachte er, er könnte mit so lustigen Witzen bei einer lustigen Dicken sogar landen. Ich persönlich glaube ja, dass man selbst von der ungefähren Gehirnkapazität eines Mannes recht gut auf die Stärke seiner Schultern schließen kann. Und übrigens auch auf seine Penislänge. Das fand er nicht lustig.
 
Die offizielle Bezeichnung für einen großen Körperumfang ist bei Finya.de übrigens "durchaus beachtlich"...
 
The Shit List
 
UND DANN ist ja meine Frauenärztin vor ein paar Monaten in den Ruhestand gegangen. Das wäre nicht so schlimm gewesen, denn die Praxis war eine Gemeinschaftspraxis, und ihre Kollegin hat mich übernommen. Auch sie ist eine "fettakzeptierende" Ärztin. Das heißt, dass in dieser Praxis Gewicht bisher kein echtes Thema war, bzw. nicht zum Vorwurf gemacht und womöglich gegen die Patientinnen verwendet wurde. Und die meisten von uns dürften wissen, wie schwierig so etwas mitunter zu finden ist. Aber seit Jahresbeginn hat eine ehemalige Nachbarin von mir den Platz meiner ehemaligen Frauenärztin übernommen  - und ich muss mir nun doch eine neue Praxis suchen, weil diese nur über meine Leiche erfahren wird, was in meinem Uterus vorgeht. Ich will auch ihre verdammte Unterschrift nicht auf meinen Rezepten. Sollte jemand von euch eine gute Frauenärztin in und um Hamburg empfehlen können, bitte ich um sachdienliche Hinweise: office(at)nicola-hinz.com
 
Ja, die Nachbarn. Und die Provinz. Genau genommen hat uns das Landleben nicht wirklich gut getan. Insbesondere meiner Mutter nicht, aus der einfach keine Landfrau und Kirchenchorsängerin zu machen war, egal mit wie viel vordergründigem Elan sie ihr eigenes Gemüse zog und Blumen arrangierte. Die Welt im Dorf der "Zugezogenen" war ihr immer viel zu eng, trotz des weiten Blickes über die Felder, die mich als Kind geprägt und auch heute noch meine weiten Felder sind. Das Drehbuch meines Aufwachsens und Lebens in der Gegend war randvoll mit Charaktären, die ihre eigene Existenz nie hinterfragten, aber ohne Not und mit entnervender Selbstverständlichkeit in die anderer eingriffen.

Ich arbeite nun schon seit einiger Zeit an einem Projekt/einer kleinen Performance, das die befriedigende und abschließende Bewältigung alten und neueren Grolls zum Gegenstand hat. Teil dieses Vorhabens ist die Shit List. Sie ist ziemlich lang, es war unerwartet anstrengend, sie zu erstellen, und sie umfasst neben ehemaligen Nachbarn z.B. auch alle, die mir je das Gefühl gegeben haben, einen falschen Körper zu haben. (Zumindest alle, an die ich mich noch erinnern kann.) Sie wird das Thema eines weiteren Posts sein. Und jetzt steht auch noch der Norddeutsche Rundfunk drauf.

NH






© Nicola Hinz 2014