Posts mit dem Label Selbstrespekt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Selbstrespekt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 28. Dezember 2014

The Shit List

Now, is there anything else 

                                                   I can get you? 

     A killer blow to the face? 

                                                                                                                                                                       (Miranda Hart)                        

Jetzt wo Weihnachten und das ganze Besinnlichkeitsgedusel hinter uns liegen, kann ich's ja sagen: Ich halte die Vorstellung, Verzeihen sei der Schlüssel zum Seelenfrieden für ausgemachten Quatsch. Weil geplantes und isoliertes Verzeihen um des Verzeihens willen ohnehin nicht klappt. So wie Selbstliebe nicht einfach herbeigeredet oder -gewünscht werden kann. Denn davor schaltet sich das antagonistische Prinzip ein - und die Chancen stehen gut, dass man auf einen anderen niemals sauerer sein wird, als zu dem Zeitpunkt, zu dem man versucht, sich einzureden, man sei es nicht mehr.  So wie man niemals dringender Schokolade will, als zum Beginn einer Diät.

Ich stehe ja auf Rache.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich auf dem Land in Schleswig Holstein gelebt – an zwei verschiedenen Enden des selben Dorfes zu unterschiedlichen Zeiten. Zweimal wurden Katzen von mir dort von Jugendlichen eingefangen, gequält und beinahe getötet. Auch an beiden Enden, aber von Mitgliedern der selben Familie. Das kann auf dem Dorf ja leicht mal vorkommen. Einmal war es ein männlicher Teenager (Kater Anton kam mit zertrümmertem Kiefer und abgeschnittenen Krallen zurück nach Haus), viele Jahre später drei Schwestern in einer ähnlichen Altersklasse. Sie und ihre Freunde hatten bei einer Party offenbar versucht, Kasimir aufzuspießen, hatten aber letztendlich nur die Hautschichten am Rücken durchstochen. Auch er überlebte schwer verletzt. Und ja, ich denke manchmal, womöglich säße ich heute im Gefängnis, hätte ich nicht eine Mutter gehabt, die mich nach dem zweiten Vorfall zurückgehalten hat. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich verfüge ich trotz all meiner lodernden Wut über eine im Notfall doch noch halbwegs funktionierende Schwelle, wenn es um Gewalt geht und leide nicht unter der gleichen kriminellen Entgrenztheit, wie die von einer Lehrerin in einem ökologischen Holzhaus großgezogene Brut aus der Hölle. Sonst hätte ich womöglich doch noch Gas gegeben, und wäre ihnen in die Kniekehlen gefahren, als sie, ein paar Tage nachdem sie meinen Kater fast umgebracht hatten, provokativ die Straße blockierten und langsam und ganz nah vor meiner Stoßstange hergeschlenderten. Sie fühlten sich sicher. Zu recht. Ich bin nun einmal für andere nicht lebensgefährlich. Was mich noch immer im Rückblick verblüfft, ist, wie sie eigentlich dazu kamen, anzunehmen, dass es ganz genau so sein würde. Wirklich wissen konnten sie doch eigentlich nicht, ob sie es am Ende nicht womöglich doch mit Ihresgleichen zu tun hatten - mit einer Psychopathin, die kurz den Rückwärtsgang einlegt, Anlauf nimmt und sie ins Jenseits oder zumindest für ziemlich lange Zeit ins Krankenhaus befördert. Weil sie schlicht denkt, sie darf das. Vielleicht waren sie einfach zu dumm, um Angst um ihre Unversehrtheit zu haben. Oder sie hatten einfach nicht besonders viel zu verlieren. Ich nehme an, es dürfte eine großzügige Mischung aus beidem gewesen sein.

Ich vergesse fast nie - über viele Dinge, die mir im Leben passiert sind, war ich bisher für immer wütend und empört und fassungslos. Aber nach dem Entrümpeln meiner Umgebung geht es nun in der Tat an das Entrümpeln im Innern. Und da türmt sich weiß Göttin der Unrat. Die Shit List an sich ist schon mal eine hübsche Übung, sich von negativen Gefühlen gegenüber Menschen und den Erfahrungen, die man mit ihnen gemacht hat, zu lösen. Man schreibt einfach alle auf - alle, alle, alle die man gern mit einem Mähdrescher überrollen würde. All jene, denen man wünscht, dass sie am nächsten Bissen, den sich runterschlucken, ersticken werden. Alle, denen man nicht eine Träne nachweinen würde, wenn sie im Schlund eines durch den Asphalt hervorbrechenden Monsterkrokodils verschwinden würden. Alle, denen man ihre höchstpersönliche Lawine oder Flutwelle herbeizaubern würde, wenn man es könnte. Wer besonders gründlich sein will, schreibt auch noch den Grund für die Wut oder Verachtung auf.

Meine Liste umfasst rund 80 Personen, Gruppen und Organisationen. Darunter findet sich z.B. jeder Vermieter, den ich in Deuschland je hatte. Oder der Hausmeister, der aus dem Fenster des Treppenhauses gegenüber spannte. Meine Schwester, die das Grab unseres Vaters aufgelöst hat, ohne Bescheid zu sagen. Ziemlich viele Ärzte und Ärztinnen diverser Krankenhäuser, die an der Behandlung meiner Mutter beteiligt waren. Meine ehemalige Bank. Alle, die mich jemals wegen meines Gewichtes herabgesetzt oder beleidigt haben. Freundinnen meiner Mutter, die sie nicht ein einziges Mal besucht haben, nachdem sie krank wurde. Die Jäger, die Molly erschossen haben. Eine ganz bestimmte Gynäkologin. Polizisten. Mitarbeiter von Stromversorgern. Versicherungsvertreter. Bauunternehmer. Und natürlich die bereits erwähnte abscheuliche Kinderschar aus der Nachbarschaft. UND SO WEITER. Ja, es ist eine sehr, sehr, sehr lange Liste. Aber wenn man schon einmal dabei ist, aufzuräumen, sind auch keine Grenzen gesetzt. Es ist egal, wie groß oder klein die Verletzung - die, an die man sich erinnert, haben Spuren hinterlassen, für die sie jetzt endlich bezahlen werden.

Natürlich symbolisch.

Denn im zweiten Teil jagt man sie dann allesamt in die Luft! Dazu bietet Silvester einen pragmatischen Rahmen, sowie einen perfekten Anlass. Erstens: Wenn es ohnehin überall knallt, fällt dieser Teil der persönlichen Reinigungsaktion nicht groß auf.  Wenn man nämlich so viel Rache zu üben hat, wie ich, wird die Sprengung ein wenig länger dauern. Zweitens: Man startet idealerweise um einige Tonnen Groll erleichtert und erfrischt ins neue Jahr.

Meine Shit List habe ich entsprechend auf schmalen Etiketten verfasst. Jedes Etikett kriegt sodann seinen eigenen Böller. Und ich kann es kaum erwarten, ein Streichholz dranzuhalten. ; )

Die Beschriftung der Etiketten ist mit Absicht unleserlich, aber ich denke, der Versuchsaufbau ist klar. ; )
Die Vorbereitungen erfolgten zunächst unter den wachsamen Augen eines Sprengstoffexperten,...
...dem das Ganze am Ende aber doch ohnehin total am A..., also am haarigen Luxuspo vorbeiging.

Mögen wir uns 2015 möglichst immer gleich, geistesgegenwärtiger und wirksamer wehren, damit die Listen gar nicht erst so lang werden.

EIN MUTIGES NEUES JAHR!


PS: Der Soundtrack zur Übung

NH

Dienstag, 18. März 2014

Wo laufen sie denn hin...

Allein, allein...

...die dicken Frauen? Die Antwort ist: Überall und nirgendwohin.

Ein Bekannter hat mich vor ein paar Tagen gefragt, wie es denn nun so sei mit meinem Support-Netzwerk aus dicken Frauen, "die sich gegenseitig Mut zusprechen"? Ist es hilfreich? Geht es da kämpferisch zu? Stimme und Gesichtsausdruck machten klar, dass er an  nichts von all dem glaubt. Er hält mich und die universelle Empörtheit die ich grundsätzlich mit mir herumtrage vermutlich ohnehin einerseits für wunderlich/lustig und andererseits für tragisch verrannt. Und ahnt im Hinblick auf die dicken Frauen, was auch stimmt. Die meisten Leute sind weder Aktivisten noch besonders rebellisch. Und selbst dicke Frauen sind nicht automatisch sauer über die eigene Diskriminierung.

Ich höre ja auch nie auf, auf Dinge wütend zu sein, so lange sie so bleiben, wie sie waren, als sie mich zum ersten Mal wütend machten. Ich bin eine ganz schlechte Verdrängerin. Und eine noch viel schlechtere Es-jetzt-endlich-mal-gut-sein-Lasserin. Wenn etwas genauso schlecht ist wie vormals, kann man es doch nicht gut sein lassen. Und kommt mir BLOSS NICHT mit "die Einstellung ändern". Wie soll das gehen, bitte schön? Wie ändere ich meine Einstellung zu..., na sagen wir mal z.B. der Steinigung von Vergewaltigungsopfern im Sudan? Ach, das ist weit weg und weit hergeholt? Aber mein Körper und die tägliche, mediale Häme und Verächtlichmachung von Körpern wie meinem, sind ganz nah dran. Sich hier darüber öffentlich zu bescherden wäre obendrein - im Vergleich - ausgesprochen risikoarm.

Und trotzdem - bei Dickenstammtischen, Frauengruppen und in Internetforen wird weiterhin eher angeregt über die Vorteile von Bolero-Jäckchen zur Abdeckung der flappigen Ärmchen gefachsimpelt. Das heißt, dann, wenn es einigermaßen gut läuft. Von Deutschlands Dicken Seiten bin ich seinerzeit nach einer Diskussion über Beth Ditto und ihre Nacktbilder geflohen, weil diese bei einigen der ruppigen Diskutantinnen mal wieder so viel Selbst- und Dickenhass freilegte, dass es schlicht nicht mehr zu ertragen war - und seinesgleichen auf Diätforen vermutlich sucht. Die Lehre ist und bleibt: In welche Gesellschaft man sich als dicke Selbstakzeptanz-Novizin begibt, ist ziemlich wichtig, und beim leisesten Hauch von leicht angebittertem Verharren und Körpernegativität sollte man schleunigst die Biege machen, denn das ist das Letzte was man gerade braucht. Grundsätzlich ist es ja ohnehin meine Erfahrung, dass dicke Cliquen es auch nicht leichter oder vielleicht noch schwerer für neue Mitglieder machen, ihren Platz zu finden. Sei es die Kaffeklatschrunde oder eine Ü100-Party - statt sich sichtbar zu machen und sich vernehmlich und erkennbar zu öffnen, schottet man sich scheinbar doch lieber ab. Das ist Teil des Problems. Und übrigens auch eine Frage von Solidarität.

Vielleicht fehlt es halt wirklich an Vorbildern und Vorkämpferinnen. Wenn man medial hierzulande als dicke Frau in der Hauptsache von Christine Neubauer und Barbara Schöneberger vertreten wird, ist es kein Wunder, dass einem der Weg steinig und einsam vorkommt. Ich sehe nirgendwo Vertreterinnen von Dicken-Verbänden oder Aktivistinnen (die es ja durchaus gibt) in der Zeitung oder in Magazinen - und meine Vermutung ist, sie bevölkern auch nicht wie verrückt die abendlichen Talkshows im Fernsehen. Natürlich findet man dicke, kampflustige und engagierte Frauen im Internet - weil man da immer alles leichter und in größeren Mengen findet. Für einen kurzen Augenblick könnte man anfangs den Eindruck bekommen, es würde nur so von ihnen wimmeln. Wenn man nachzählt, stellt man schnell fest, dass man es wohl doch nur mit ein paar Dutzend fortgesetzt präsenten Mitstreiterinnen weltweit zu tun hat.

Denn leider ist die Internetwelt des Fettaktivismus nicht immer sehr nachhaltig oder beständig. Viele Links sind tot und führen zu Seiten, auf denen heute Google-Anzeigen für Diäten werben. Oft ist der letzte Blog-Eintrag vor Ewigkeiten eingestellt worden. Selbst Fettakzeptanz-Flaggschiffe wie Kate Harding ermüden und versinken. Ihr Fettakzeptanz-Blog "Shapely Prose" ist bereits 2010 geschlossen worden. Der letzte Eintrag auf ihrer offiziellen Seite ist vom März 2013. Wenigstens twittert sie noch. Und es gab wohl irgendeine Zusammenarbeit mit jezebel.com. Und irgendwann soll ein Buch über Vergewaltigungskultur erscheinen. Ach, und von Rebecca Jane Weinstein, deren Buch "Fat Sex" mir eine so große Hilfe war, habe ich auch lange nichts mehr gehört. Scheinbar ist/war sie Autorin bei xojane.com, aber ihr letzter Artikel dort ist auch über ein Jahr alt. Die von ihr gegründete Website peopleofsize.com liegt seit 2011 mehr oder weniger brach. Zumindest soll im Oktober 2014 ihr zweites Buch "Fat Kids" erscheinen - durch Spenden finanziert. Jetzt, wo ich gerade davon rede - wieso kriege ich eigentlich gar keine E-Mails von Golda Poretsky mehr? Na, vielleicht hat sie zu viel mit ihren Internetkursen zu tun. Ich hoffe es für sie.

Wenn ich das deutsche Wort "Fettaktivismus" bei Google eingebe, lande ich erst einmal bei mir selbst. Und dann dankenswerterweise auch noch bei der Mädchenmannschaft. Auf diese Weise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, macht die Sache auch nicht unbedingt spannender. Ich weiß, dass das Auflehnung gegen Normen verdammt schlauchen kann. Ich begreife natürlich auch, dass man davon als Autorin/Publizistin nicht reich wird, bzw. dazu buttert und einem im Leben zusätzlich dauernd etwas zwischen die Füße fliegt, was jetzt gerade wichtiger ist, als gesellschaftliche Veränderung. Aber es ist auch, wie mein Vater (und wahrscheinlich alle anderen Väter) immer sagte: Wenn man nichts ändert, geht's einem noch zu gut.

Was immer geht, ist Fa(t)shion. Klar.

Es sind die dicken Modebloggerinnen, die immer weiter am Ball bleiben. Der Grund dafür könnte natürlich sein, dass Mode entschieden mehr Freude macht, als Gesellschaftskritik. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich persönlich kann das Wort "kurvig/curvy" nicht mehr sehen, und das liegt natürlich weiterhin daran, dass ich als dicke Frau nicht die Erlaubnis erteilt bekommen will "auch hübsch" oder "fast so hübsch als wäre ich nicht dick" zu sein. Ich will erstens dass "Hübschsein" im konventionellen Sinne kein Kriterium mehr ist und zweitens Hilfe bei meiner Neuerfindung und die Anerkenntnis, dass Dicksein an sich eine eigene ästhetische Qualität hat.

Irgendwo las ich neulich das Motto "Klasse (gemeint ist: große) Kleider für klasse (gemeint ist: dicke) Frauen". Bei solch plumpen Euphemismen fühle ich mich ja immer, als wäre ich mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter durch die nächste Glastür geschubst worden. Ich will nicht kaschieren. Ich will nicht verhängen. Ich will nicht verschlanken. Ich will nicht strecken. Ich will schlicht nie mehr so tun, als wäre ich "normal". Ich will gar nicht mehr "normal" sein. Ich verstehe das Bedürfnis der Anpassung - vor allem bei jungen Frauen. Aber ich bin SO OVER IT, und dass das wirklich so ist, wurde mir während eines Gespräches klar, in dem ich gefragt wurde, ob es denn wirklich möglich sei, eine lebenslange Programmierung auf ein schlankes Schönheitsideal innerhalb von kapp zwei Jahren abzulösen. Ich sagte: Ja! Ein paar Stunden später stellte ich dann zu meinem eigenen Erstaunen fest, dass das auch stimmt. ; ) Ich finde dicke Frauenkörper schön(er) und interessant(er), und ich gucke sie mir gerne an. Fatshion macht so einiges möglich. Allerdings nur (und ich weiß, ich wiederhole mich), wenn sie (die Körper) von ihren Besitzerinnen mit einer bestimmten inneren Haltung und Selbstverständnis präsentiert werden. Und - juhuu - das heißt also, dass ich auch meinen Körper schön und interessant finde. Nicht überall. Nicht immerzu. Aber immer öfter.

Und jetzt? Ein Asos Curve Haul darf nicht das einzige sein, was am Ende des Tages bleibt. Denn das kann doch ehrlich nicht unser Ernst sein.


NH

Freitag, 20. Dezember 2013

Doppelt fällt besser

Und so ganz ist es eben doch nicht vorbei. Am Abend meines 42. Geburtstags stand ich im fahlen Licht der Damentoilette eines thailändischen Restaurants und erstarrte beim Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. So verrückt es klingen mag – zuerst erkannte ich mich nicht. Also…natürlich nicht buchstäblich, sondern emotional. Es war ein Schock. Seit Monaten hatte ich mich nicht von meinem eigenen Spiegelbild so abgetrennt und verraten gefühlt.

Ich sah mich, und was ich sah, war abgrundtief hässlich. Ein teigiges, wabbeliges Monster starrte mit müden Augen zurück und atmete Zweifel, Entsetzen, Lebensverpfuschung, tote Hoffnungen und Selbstverachtung aus. Plötzlich ergriff die wilde Legende von der dünnen Frau, der eigentlich ein großartiges, dünnes Märchenleben zustehen würde, wenn sie nicht dummerweise in einen fetten, grausigen, schwachen Körper eingemauert worden wäre, für einen schauerlichen Moment wieder Besitz von meinen Gedanken und meinem Blick – und alles, was ich auf einmal nur noch sehen konnte, war mein Doppelkinn. Es schien um meinen Hals zu schlackern, wie eine ausgeleierte, klumpige Halskrause, und ich wusste, gar nichts ist sicher.  Was man auch glaubt, auf dem Weg zu dickem Selbstrespekt erreicht und geschafft zu haben.
Nach vier Jahrzehnten der Selbstverachtung ist Selbstakzeptanz im ersten Jahr noch immer ein verdammt wackeliges Häuschen. Ohne Vorwarnung hallt einem plötzlich der Einwand „JA, ABER…“ wieder durch die Seele. Die innere Richterin ist noch immer da – und sie hält nicht die Klappe. Sie bewertet weiterhin ungefragt, aber umso vorhersehbarer. Dünn gut. Fett schlecht. Und so gibt es tatsächlichh noch immer Fett an mir, dass ich zumindest gelegentlich hasse. Ich hasse mein Doppelkinn. Und meine geschwollenen Füße. Ich hasse, hasse, hasse sie! Aber besonders das Kinn. In meinem Kopf ist  es noch immer die Grenze, an der das Fett das Gesicht zu überwältigen droht…

Ich nehme an, Rückfälle sind normal.

Nur habe ich mit ihrer Wucht nicht gerechnet. Dabei  ist das Unwetter, das einen heutzutage unvermittelt einholt, vermutlich genau jenes, das einen früher immerfort und unablässig umgab. Als ich noch so ziemlich alles an mir hasste.  Als ich lieber gar nicht mehr in Spiegel sah. Irgendwo habe ich gelesen, man solle auf den Teil des Weges, den man zurückgelegt hat, immer stolz sein. Selbst dann, wenn der Rest noch immer verdammt lang ist. Das stimmt. Und verlangt wiederum Akzeptanz. Rachele von The Nearsighted Owl  schlägt indessen vor, das zweite oder dritte Kinn mit Stolz herzuzeigen – wie ein schickes Accessoire…….Nein. Nicht ich. Zumindest nicht jetzt. Und auch keine Fotos, bitte.

NH

Montag, 5. August 2013

Das Schweigen der Männer


"Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst."   
(Marie Antoinette)

Ich spreche ja kein Schweigen. Ich verstehe es weder in Wort noch Schrift, und in meiner Welt ist keine Antwort genau das, was sie ist - KEINE Antwort.

Es ist offenbar eine Sprache der Sprachlosen, und wie sprachlos Männer sein können, war mir bis zu meinem Online-Dating-Projekt gar nicht so klar. Dass jemand nicht anruft, obwohl er es angekündigt hat, war mir so gut wie nicht passiert. Dass jemand mitten in einer schriftlichen Kommunikation per E-mail oder Chat ohne Warnung und auf Nimmerwiedersehen verschwindet, war mir nicht untergekommen. Dass jemand zu einer Verabredung nicht auftaucht und sich hinterher nicht entschuldigt, war ziemlich unvorstellbar - es sei denn, er lag tot im Graben. Heutzutage und vor allem mit Internetbekanntschaften scheint das überhaupt keine ungewöhnliche Sache zu sein. Das bestätigen auch Freundinnen, die ich zum Thema befragt habe. Ich selbst habe dann ja zeitnah einmal nachgehakt, was sich derjenige dabei gedacht haben mag, nicht aufzutauchen und dann auch noch zu schweigen. Um dann doch noch folgende aufschlussreiche Antwort zu erhalten: "Ich war mir nicht sicher, ob du kommst." Das ergibt Sinn - er hat mich schlicht verdächtigt, genau so dysfunktional zu sein, wie er. Sein Fernbleiben war sozusagen vorausschauende Selbstverteidigung. Dumm nur, dass ich halt nicht bin, wie er und seinerzeit pünktlich aber leider versetzt und vor Wut in meinen Wein schnaubend im Restaurant saß.

Also halten wir an dieser Stelle erst einmal fest: Jemanden anzuschweigen, weil man nichts mehr von ihm will, aber zu feige ist, dieses klipp und klar (und mit ein wenig Respekt) bekanntzugeben, ist ein Umstand, der letztendlich nicht allzu sehr verblüfft. Der Typ bleibt wortlos weg, weil ihm die Eier, die Worte und die Kinderstube fehlen. Und er steht einfach nicht auf dich. Schon klar. Wenn es halt wirklich so einfach wäre...

In seinem wissenschaftlichen Meisterwerk "Brunftzeit" (kürzlich in der Hoffnung auf spontane Erleuchtung als Mängelexemplar vom Grabbeltisch erworben) setzt der Autor Humfrey Hunter verwirrte Frauen denn auch mit brutaler Klarheit in Kenntnis: "Das Einzige, was Sie ganz sicher wissen, wenn ein Mann Sie nicht anruft ist, dass er Sie nicht anruft."...Aaah ja...Der Autor legt immerhin noch nahe, dass ein Mann, der nicht anruft, wahrscheinlich "nicht sonderlich interessiert ist. Oder rufen Sie etwa Leute, die sie mögen, nicht an?" Nun, mein lieber Humfrey, ich rufe seit Monaten 24 Stunden am Tag jemanden, den ich mag, nicht an. Weil ich mich nicht traue. Das einzig Gute daran ist, dass der andere auch nicht auf den Anruf wartet. So viel dazu. Und sogar der Herr Hunter räumt einige Seiten später ein, "dass es tatsächlich Geschlechtsgenossen gibt, die Frauen nicht anrufen, obwohl sie sie nett finden." Grrr...oh du Hölle...3,95 für nix.

Wirklich frustrierend wird es, wenn nach einer persönlichen Begegnung alle Zeichen klar auf Sympathie stehen und es sogar Abmachungen über eine Fortsetzung gibt - und DANN der Rest trotzdem und unvorhersehbar nur noch Schweigen ist. Hätte sich eine Bekannte im Rahmen einer wahren Wirbelwindromanze in der Nähe einer Drive-In-Hochzeitskapelle befunden, wäre sie am Ende eines stürmischen Wochenendes vermutlich verheiratet nach Hause gekommen. Im Anschluss hörte sie dann jedoch nie wieder etwas von ihrem großen Fang. Sie fragt sich noch immer, wie sie die Situation so komplett missdeuten konnte. Aber hat sie das? Vielleicht sollte man sich eher fragen, was im Kopf des Schweigenden in der Zwischenzeit explodiert ist, dass er nicht einmal mehr eine angemessene (oder auch holprige) Verabschiedung hinbekam?

Dass jemand alle zwei Wochen oder so für einen halben Tag offenbar ganz verrückt nach mir ist, aber in der Zwischenzeit scheinbar so gar kein Bedürfnis verspürt, sich mit mir zu befassen, ist mir allerdings im Prinzip auch unverständlich. Und es stört mich natürlich. Und ewig wird das Ganze so dann auch nicht Bestand haben. (Darum würde ich mich weiß Göttin auch nicht zur Geliebten eignen.) Er hat zumindest versucht, es zu erklären, als ich mich am Anfang unserer Geschichte beklagte: Er sagte, ich sei unentspannt. Und er wolle die Spannung erhalten (?!?)...AAALSO, während ich mir ziemlich sicher bin, dass ihm an dieser Argumentation bis heute nichts Eigenartiges auffallen würde, muss ich doch zugeben, dass er zumindest teilweise recht hat. Ich bin tatsächlich nicht sonderlich entspannt, wenn ich jemanden dringend will. Und ich halte das - ja hört nur und staunt - für absolut normal und regelrecht wünschenswert. (Und ich freue mich übrigens auch wie blöde, von jemandem zu hören, den ich ihn dringend will.) Nicht dass Sprachlosigkeit in jedem Fall bedeutet, dass die Betroffenen nicht in der Lage wären, aus dem Stand ausladende Vorlesungen zu halten und einem im Restaurant oder im Bett die Welt zu erklären. Aber sie haben oft keine Fragen. Und sie beantworten auch ungern welche. Sprachlosigkeit in diesem Sinne ist die Verweigerung von tatsächlichem Austausch. Manchmal gekoppelt an den Anspruch, der/die Angeschwiegene möge bitteschön ein wenig besser im Gedankenlesen werden. Denn dafür braucht man kein Telefon. Und es spart Zeit.

So manch einer will also die Spannung erhalten, indem er schweigt...Nun, in dem einen oder anderen Fall mag es unter Umständen grundsätzlich die bessere Strategie sein, die Klappe zu halten, um überhaupt irgendetwas und nicht zuletzt den Schein (aufrecht) zu erhalten. Dummerweise sind es meiner Erfahrung nach jedoch gerade oft nicht die, von denen man sich wünscht, sie würden verstummen, die es dann auch tun.

Aber auch sonst ist das alles natürlich nur eine Frage der Art von Spannung, die erzeugt werden soll. Nicht ohne Grund spricht man von "Schweigefolter". Und jedes Kind weiß, dass es schmerzhafter ist, ignoriert zu werden, als sich anschreien zu lassen. Schweigen mag gelegentlich ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder zwar ärgerlicher, im Kern jedoch unschuldiger Gedankenlosigkeit sein. Aber viel wahrscheinlicher ist es zumeist eine (zumindest unbewusst eingesetzte) Machtgeste und eine autoritäre Disziplinierungsmaßnahme. Wer schweigt, bestraft und weist in Schranken. Wer schweigt, kontrolliert, aber konserviert die Situation auch wie einen toten Schmetterling, indem er sie einfriert und eine Klärung/Befreiung unmöglich macht. Schweigen ist eine Waffe. Warum es eine Frau nach einem fraglos überkuscheligen Wochenende womöglich "verdient", wie ein ungezogenes Kind bestraft und weggestoßen zu werden, bzw. warum Mann sich urplötzlich mit Waffengewalt gegen sie verteidigen muss, ist vermutlich mehr eine gender-philosophische Frage als alles andere. Warum jemand andere Menschen allein dafür bestraft, dass sie ihn gern haben, ist wiederum eine Frage für die nächste Therapiesitzung...

Ich jedenfalls will quasseln und mich gegebenenfalls auch gern ein wenig herumstreiten. Ich will TEXT. (Zur Not nehme ich auch Symbole.) Und ich will einen beinharten, unerschrockenen Kerl, den ich jederzeit anrufen (weil ich weiß, dass er sich im Prinzip freut und dadurch nicht emotional überfordert ist) und fragen kann: "Und wie war dein Tag?" Und der dann sagt: "Du glaubst nicht, was jetzt schon wieder passiert ist!" Ja, DAS ist in der Tat der Grad an Intimität, den ich langfristig wieder anstrebe. Offenbar in diesen Zeiten eine ziemlich große Bestellung - ich weiß. ; )

Ich gehe jetzt wieder zurück in die Sommerpause. Mal sehen, was ich da noch so finde... ; )


NH