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Samstag, 25. Februar 2017

Ausgelesen: "Fettlogik überwinden" von Nadja Hermann

Die Frau Hermann hat in sechs Monaten 45 kg abgenommen, indem sie nur 500 kcal pro Tag zu sich genommen hat. Das kann jeder. Also…jeder, der es schafft, sechs Monate lang täglich von nur 500 kcal zu leben. Und wohl so ziemlich jeder, der so ein Programm durchhält, wird dabei einen substantiellen Anteil seines Gewichtes verlieren. Das dürfte völlig unstrittig sein. Trotzdem hat die Frau Hermann zur Sicherheit ein Buch darüber geschrieben, um uns noch einmal davon zu überzeugen, dass es so ist.

Die Frau Hermann schafft viele Dinge, die den meisten Menschen nicht besonders leicht fallen. Sie hat es geschafft, sehr viel abzunehmen (von 150 kg auf ca. 65 kg) und schafft es momentan (vermutlich), ihr aktuelles Gewicht zu halten. Ganz so einfach ist es offenkundig auch für sie nicht - das beschreibt sie sogar in ihrem Buch. Aber sie ist vermutlich sehr viel besser darin, dauerhaft und im Hinblick auf Gewichtskontrolle prekär zu essen, als die meisten anderen. Die Strategien, die sie dazu anwendet, dürften allerdings so ziemlich all ihren LeserInnen bereits vertrauter sein, als ihre eigenen Dehnungsstreifen. Das liegt daran, dass man genau diese auch so gut wie jeder Frauenzeitschriftt, die zwischen 1979 und 2009 erschienen ist, hätte entnehmen können. Bis auf die drei letzten in der folgenden Liste vielleicht...

Hier eine Auswahl:

1. Heißhungerattacken kann man gut damit begegnen, Wasser zu trinken, oder einen kurzen Spaziergang zu machen. Heißhungerattacken und ihre Bewältigung werden in dem Buch übrigens öfter erwähnt. Warum die Autorin diese überhaupt hat, bleibt wohlweislich eher im Dunkeln.
2. Grüner Tee ist irgendwie immer gut.
3. Treppensteigen und auf der Stelle zu rennen helfen dabei, trotz Zeitmangels Sport zu treiben.
4. Positiv denken hilft auch immer.
5. Wenn man keine Süßigkeiten zu Hause hat, wird man sie auch nicht so leicht essen. "Es ist sinnvoll, die Verführungen zu begrenzen." (S. 355)
6. Süßigkeiten durch Rohkost ersetzen.
7. Kalorien zählen - auch dann, wenn das Zielgewicht erreicht ist. "(...) wenn ich ganz darauf verzichte, merke ich schnell, wie ich mir wieder die klassische Wahrnehmungsverzerrung anlache, dass mir Portionen viel zu klein erscheinen, oder ich Dinge vergesse, die ich gegessen habe." (S. 343) "Andererseits empfinde ich das Zählen auch nicht als große (...) Qual, da es im Prinzip nur fünf bis zehn Minuten in Anspruch nimmt..." (S. 344) Insgesamt ist es halt "ganz beruhigend, die Kalorienbilanz im Hinterkopf zu haben." (S. 344)
8. Nach "Ausrutschern" nicht aufgeben und "wieder in die Spur kommen". (S. 198)
9. Gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel und Proteinpräparate einnehmen.
10. "Wenn ich mich etwa zum Essen verabrede, dann plane ich so, dass ich schlemmen kann." (S.160) Soll heißen: Hinterher oder vorher wird weniger gegessen und dafür mehr Sport getrieben. Siehe auch Punkt eins.
11. Salatdressing kann man, statt mit mit Öl, auch mit Wasser und Süßstoff machen. (S. 158)
12. Keinesfalls sollten Abnehmwillige "sich selbst limitieren (...), indem sie weiter an ihrer "dicken Identität" festhalten". (S. 214)
13. Um hängende Haut nach der Abnahme muss man sich keine Sorgen machen. Man muss einfach nur dünn genug werden: "So wenig Fett wie möglich übrig zu lassen, das die Haut nach unten zieht, ist ebenfalls wichtig." (S. 208)
14. Und dann noch diese verblüffende Eröffnung: "Normalgewichtige scheinen häufiger eine Aufnahme von Mehrenergie mit mehr Gezappel zu kompensieren, als Übergewichtige dies tun." (S. 39) Daraus möge nun jeder die Verhaltensregel ableiten, die er für angemessen hält. Facepalm.
15. Zu guter Letzt sollte man gefälligst immer schön am abschreckenden Kopfkino arbeiten, damit einem jeder überflüssige Bissen auch ganz bestimmt im Halse stecken bleibt: "Ich sah mir bewusst OP-Fotos und Videos adipöser Menschen an und das Fettgewebe im Bauchraum. Ich sah mir Fettlebern und verfettete Herzen an, und für eine kurze Zeit empfand ich Ekel bei dem Gedanken an das gelbe, aufgeblähte Gewebe, das da in mir war." (S.331)

Dass (fast) all ihre Diättipps älter sind, als die Mutter von Gott, ist der Frau Hermann, die sich ja offenbar gerade erst durch einen Nebel von irreführenden "Fettlogiken" gekämpft hat, augenscheinlich unbekannt. Dass Generationen von Frauen bereits an der Umsetzung gescheitert sind, wäre ihr vermutlich egal. Da ist es sicher auch unerheblich, dass z.B. Weight Watchers bereits seit 1997 als Folge einer Auseinandersetzung mit der Federal Trade Commission in den USA ihrem Kleingdruckten den Hinweis “For many dieters, weight loss is temporary” (Für viele, die Diät machen, ist die Gewichtsabnahme vorübergehend) hinzufügen müssen.

Das Bemerkenswerte an dem Buch der Frau Hermann ist also nicht das darin dargelegte Rezept zur Gewichtsabnahme, garniert mit den gängigen Todesdrohungen und Ermahnungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die dicke Frau Hermann offenbar ihre prägenden Jahre auf einem völlig anderen Planeten verbracht hat, als der Rest von uns. Sie lebte auf dem Planeten der „Fettlogiken“, auf dem offenbar ganz andere Vorstellungen über die Gefährlichkeit und das generelle Schlechtsein von Dicksein herrschten, als hier. Auf ihrem Planeten war man der Ansicht, dass es möglicherweise gar nicht so schrecklich ungesund ist, einen BMI über 24 zu haben und dass es ganz und gar nicht einfach noch womöglich überhaupt sinnvoll ist, sein Gewicht durch Diäten langfristig mehr oder weniger stark zu reduzieren. Anders als alle anderen, musste Sie sich erstaunlicherweise erst mühsam und durch eigene Kraft die Überzeugung erarbeiten, dass man als Dicke dem Tode geweiht und selbst daran Schuld ist, aber diesem durch eiserne Disziplin, ersatzreligiöses Kalorienzählen und möglichst viel Sport dann doch noch von der Schippe springen kann. Und bitteschön auch ethisch dazu verpflichtet ist, dieses zu tun. 

Wir wussten das alles schon immer. Denn diese Überzeugungsarbeit haben für den Rest von uns selbstverständlich die Medien, die Mütter, die Ärzte und wer weiß noch alles ganz ohne unser Zutun erledigt. Körperbezogene Schuld und Angst und Diätbereitschaft haben wir sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Ich hätte gern die Adresse des Planeten, auf dem die Frau Hermann einst lebte. Da will ich nämlich auch hin.

Kurzum, die Frau Hermann hat ein Buch geschrieben, in dem sie Mythen über Gewicht und Abnahme widerlegt, die in den letzten Jahrzehnten ohnehin keiner ernsthaft für wahr gehalten hat. Sie versucht, den Mainstream als Mainstream zu etablieren, und tut so, als wären vergleichsweise neuere Ideen und Erkenntnisse seit Ewigkeiten die herrschende Meinung. Die von ihr vehement bekämpften "weit verbreiteten Diätlügen" (Buchcover) wie z.B. Health at Every Size oder Fettakzeptanz sind aber bekanntlich erst verhältnismäßig neu und haben sich darüber hinaus noch lange nicht durchgesetzt - weder gesellschaftlich noch unter Medizinern. Was um alles in der Welt könnte also ihr wahres Problem sein, was die Gründe für ihren erstaunlich verbissenen Kampf gegen neue Ideen, die man getrost noch immer als Außenseiterkonzepte bezeichnen könnte?...Man kann es nur vermuten. Oder: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Die Frau Hermann hat mich ja mal gefragt, wie ich denn bloß darauf käme, dass sie "dickenhassed" sei.

Nun ja...

"Eine Heroin-Acceptance-Bewegung, die darauf besteht, dass zerstochene und vernarbte Arme erotischer sind als gesunde Arme, würde kaum Fuß fassen. Auf der anderen Seite wird gefeiert, dass eine Mainstream-Modelagentur ein Model mit einem morbid adipösen BMI unter Vertrag nimmt. Sie wird geschminkt, in eine Corsage gezwängt und mit Photoshop so bearbeitet, dass ihre Figur möglichst attraktiv wirkt. Die Botschaft wird dann als "body positive" dargestellt. Inwiefern unterscheidet sich dies von dem hypothetischen Versuch, das Selbstbewusstsein von Heroinabhängigen zu stärken?" (S. 323)

Bei der Frau Hermann weiß man halt immer nicht, was größer ist - ihre quasi religiös aufgeputschte Bösartigkeit, oder ihre Weltfremdheit. Denn ironischerweise dürften sich die meisten meiner Leserinnen sehr wohl noch an den Heroin Chic erinnern, der unter anderem Kate Moss zum Supermodel ihrer Zeit machte.

Ach ja, und das Buch ist voll mit Studien. Das wird gern von begeisterten Rezensenten ins Feld geführt. Die Frau Doktor hat (fast) all ihre Thesen auch handfest und wissenschaftlich belegt. Ätsch! - Nun wissen wir natürlich alle, dass vermutlich so ziemlich jeder, der es vorhat, ein Buch mit Studien vollkriegt, die genau das belegen, was er belegt haben möchte. Das gilt übrigens ebenso auf dem Gebiet der Fettrationaltät. Hier sei z.B. "Body of Truth" von Prof. Harriet Brown (Syracuse University, New York) empfohlen. Selbstverständlich ebenfalls randvoll mit Studien. Das an sich ist aber noch kein Kriterium. Auf die Qualität der herangezogenen Studien kommt es an.

Allein auf Seite 90 des Buches "Fettlogik überwinden" werden drei Studien zitiert, um darzulegen, dass ein BMI über 25 zu einem signifikant erhöhten Sterberisiko führt. Das ist an sich schon immer ein wenig problematisch, weil die Bestimmung des "normalen" Sterberisikos eines im Augenblick gesunden Menschen so oder so schlicht eine kniffelige Angelegenheit ist. Aber sei es drum. Die erste Studie ist von 2010 und wurde von Amy Berrington de Gonzalez (D.Phil) vom National Cancer Institute in Maryland, USA erstellt. Das Institut ist Teil der National Institutes of Health. Hierbei handelt es sich wiederum um eine Behörde der USA, auf deren Neutralität man sich eigentlich schon verlassen können müsste. So weit so gut.

Die zweite Studie stammt aus dem Jahre 1999. Bei der federführenden Verfasserin handelt es sich um Eugenia E. Calle (PhD), die zu Lebzeiten für die American Cancer Society arbeitete. Hierbei handelt es sich um eine "unanhängige" und "non-profit" Organisation, die laut Kritikern weder das eine noch das andere ist und bereits seit Jahrzehnten immer wieder in die Kritik gerät, eher im Dienste ihrer Hauptspender (Pharma- und Chemiekonzerne) zu handeln, als im Interesse der Allgemeinheit. Und das mit erheblichen Mitteln und politischem Einfluss. Ein in diesem Zusammenhang explizit aufgeworfener Vorwurf ist auch, dass es sich dabei, einer vermeintlich zu dicken und zu trägen Bevölkerung die Schuld an ihren Krebserkrankungen selbst zuzuschieben, um Ablenkungsmanöver handelt, z.B. vom Einfluss von Pestiziden auf die Anzahl der Krebserkrankungen. Wer will, kann ausgerechnet dazu eine weitere Studie lesen.

Die dritte Studie auf Seite 90 wurde 1995 von JoAnn Manson erstellt, ihres Zeichens Professorin an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. 1995 beriet die Frau Manson übrigens auch ganz zufällig gleich zwei private Pharmaunternehmen (Interneuron Pharmaceutical und Servier) im Hinblick auf die Überprüfung von Dexflenfluramin in den USA durch die Food and Drug Administration. Bei Dexflenfluramin handelte es sich, wen mag es noch groß wundern, um einen Appetitzügler, der übrigens 1997 aufgrund seiner horrenden Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen wurde. Dieser Interessenkonflikt und mangelnde Transparenz brachten die Frau Manson bereits 1996 in Schwierigkeiten - und zwar mit den Herausgebern des New England Journal of Medicine.  

Und ich höre sie schon rufen: Aber die Frau Hermann hat ja schließlich selbst einen Doktortitel in Psychologie und weiß damit genau, wovon sie redet! Damit auch keine Leserin je vergisst, dass die Autorin promoviert hat, weist diese in regelmäßigen Abständen im Buch darauf hin. Außerdem steht selbstverständlich der generische Titel auf dem Cover des Buches vor Ihrem Namen, was bei deutschen Publikationen ohnehin eher ungewöhnlich ist. Und wenn ich mich nicht komplett verlesen habe, war sie erst 25, als sie ihren Titel erwarb. Donnerwetter, das ist auf jeden Fall sportlich, denn um das an einer deutschen Uni zu schaffen, muss man bekanntlich von der Abiprüfung direkt in den Hörsaal plumpsen und hat ab da dann eigentlich auch keine Zeit mehr, sich zwischendrin die Zähne zu putzen. Natürlich hätte es mich sehr interessiert, einen Blick in diese Arbeit zu werfen.

Nun müssen Dissertationen in Deutschland ja veröffentlicht werden und zumindest die Deutsche Nationalbibliothek muss sie im Verzeichnis führen. Aber ich konnte sie nicht finden. Also wandte ich mich an den Ullstein Verlag, um den Titel vielleicht so zu erfahren. Die zuständige Lektorin leitete meine Anfrage kurzerhand an die Autorin selbst weiter, die mir anbot, "entsprechende Belege dem Verlag zur Verfügung (zu) stellen, der sie dann prüft und (...) anonymisiert (...) weiterleitet". Der Name Hermann sei der Name ihres Mannes, den sie aber noch nicht offiziell angenommen habe. Außerdem sei sie bedroht und gestalkt worden und könne somit ihre Daten nicht preisgeben. Darüber hinaus sei der Inhalt der Arbeit auch nicht für mich von Interesse, da er "mit dem Thema Übergewicht nichts zu tun" habe. Laber Rhabarber.

Es gäbe hier vermutlich noch viel zu sagen. Aber ich habe echt keine Lust mehr. Und jetzt kann das bizarr stümperhafte, toxische Teil, nachdem es monatelang hier rumgelegen hat, auch endlich ins Altpapier.

Ich bitte euch: Wenn ihr unbedingt eine Diät machen wollt, esst Kohlsuppe. Aber bezahlt niemandem auch noch Geld dafür, beschimpft, bedroht, gemaßregelt und verunglimpft zu werden. 

NACHTRAG: Wer noch ein wenig mehr Hintergrundinformation möchte, kann sie auf diesem Blog hier, hier und hier finden.

NH

Donnerstag, 10. März 2016

Follow me around 43: Leichter

Jemand sagte zu mir: "Oooh, hast du abgenommen?!" Und ich antwortete ohne zu zögern: "Danke!" Um mich sogleich dafür zu entschuldigen. Mehr bei mir selbst, als bei meinem Gegenüber. Das war verwirrt, bis ich es erklärt habe. Die Frage, ob man dünner geworden ist, sollte kein Kompliment sein. Man müsste sie mit "ja" oder "nein" beantworten können und beides müsste gleich gut sein. Aber so tief sitzt das alte Programm, dass dünner automatisch besser ist, dass ich das Kompliment natürlich als solches sofort erkannt habe, aber eben nicht nur das -  ich habe es auch wirklich als solches "gefühlt" und umgehend verarbeitet. In meiner Selbstwahrnehmung sind noch immer Rückstände, die mich reflexartig positiv darauf reagieren lassen, wenn mir die Außenwelt mitteilt, ich sähe dünner aus. Ein bisschen erschrocken war ich danach. Ich war nicht vorbereitet gewesen, denn es war mir schon sehr lange nicht mehr passiert, auf diese Weise auf meinen Körper angesprochen zu werden. Und meine eigene ungefilterte Reaktion war höchst aufschlussreich. Darum bin ich ganz froh über die Erfahrung. Wenn mir nun in Zukunft wieder so etwas begegnet, wird die Reaktion, zumindest innen, eine andere sein. Aber wie es scheint, war das der Auftakt zum "Thin Privilege Project".


Und sonst noch...

Wo wir gerade in der Erkenne-dich-selbst-Abteilung herumstehen, kann ich dann auch noch dieses berichten: Ich stehe im Zeitschriftengang bei Famila, scanne das Business Punk Magazin und stelle gerade fest, dass frau die Frauen darin ärgerlicherweise offenbar an einer Hand abzählen kann. Dann schaue ich hoch und sehe...noch einen Mann. Der ist riesig hoch, hat einen bunten Schal und ein wirklich angenehmes Gesicht. Er zieht, wie ich, so einen roten geräderten Einkaufskorb hinter sich her und stellt diesen, auch wie ich, am Ende des Ganges ab. Dann kommt er auf mich zu. Und er lächelt mich freundlich an.

Und ich? Ich wende ruckartig den Blick ab und senke in regelrechter Panik den Kopf. Gefühlt ziehe ich den Kopf sogar auch noch ein und die Schultern hoch. Ich raffe die Zeitschrift an mich und kann es im Rückblick nicht wirklich anders beschreiben - ich flüchte. Und schaue nicht zurück.

Hinterher und jetzt noch immer bin ich echt erschüttert. Mache ich das womöglich immer so? Oder so ähnlich? Und merke das selber gar nicht? Weil das alles einfach von selbst und quasi auf Knopfdruck abläuft? Weil auch das ein uraltes, noch immer herumlungerndes dickes Selbsthass-Programm ist? Ich will nicht, dass das Gegenüber womöglich einen Hauch Erwartung oder Hinwendung spürt und ich mich lächerlich mache. Denn in der Tiefe meiner Prägung glaube ich offenkundig noch immer und mit erschreckender Vehemenz, dass ich mich nicht zumuten kann. Und dass mich unmöglich ein Toller auch toll finden kann. Darum bin ich ja auch immer der Überzeugung, dass ich auf freier Wildbahn überhaupt niemanden kennenlernen kann. Aber Fraugöttin, so kann das natürlich ohnehin nichts werden...

The 30-Day Declutter Challenge*

Ich habe ja in den letzten Jahren sehr viel aussortiert, entrümpelt und organisiert. Aber ich habe noch immer zu viel Kram. Und tatsächlich wachse ich im Älterwerden aus dem noch vorhandenen Kram immer weiter heraus. Mir wird es im Status Quo immer wieder zu eng. Nun habe ich beschlossen, meinen Haushalt abermals zu verschlanken. Bei YouTube fand ich unzählige Filmchen zu verschiedenen Strategien, wie man einen eingeschlafenen oder nicht wirklich vorhandenen Entrümpelungsprozess zum Rollen bringt. Eine davon ist, sich innerhalb einer vorgeschriebenen Zeit von einer vorgeschriebenen Anzahl von Gegenständen zu trennen. Zum Beispiel 100 Dinge in 5 Tagen (also täglich 20). Das war mir aber zu wenig, und so mache ich ab heute die "30 Day Declutter Challenge"*. Bei der soll man am ersten Tag einen Gegenstand entsorgen, am zweiten zwei, usw. Am Ende wären das, wenn ich richtig gezählt habe, 465 Gegenstände, die die Wohnung verlassen müssten. Da ich aber etwas Übung auf dem Gebiet habe, und am Ende wirklich fühlbar mehr Freiraum haben will, runde ich auf 500 Dinge auf und sortiere aus, wann immer mir danach ist. Hin und wieder sicher auch im Vorbeigehen. Nur am Ende muss das Ergebnis stimmen, darum führe ich natürlich Buch über den Output.

Im Hinblick auf die Abgänge, die dann auch wirklich gültig sind, gelten die folgenden Regeln: 

1. 
Alltagsmüll wird natürlich nicht mitgezählt. Also z. B. Kartoffelschalen und Milchkartons, oder der Ulla Popken Katalog, der mich regelmäßig ereilt und ohnehin immer gleich im Altpapier landet. BTW, ich verstehe ja 7/8-Hosen nicht. Schon gar nicht, wenn sie "Mony" heißen. Sie waren und sind mir ein grausliches Rätsel. Sind sie die Bermuda-Shorts der dicken Frau? Wenn ja, warum um alles in der Welt? Warum trägt frau dann um Himmels Willen nicht genau solche! 

2.
Wo war ich?...Ach ja...Ebenso zählen keine aufgebrauchten Dinge des täglichen Bedarfs, die dann auch sofort wieder ersetzt werden müssen. Zum Beispiel Klopapier oder Katzenfutter. Man darf aber Produkte aufbrauchen, die schon lange unbenutzt herumstehen. Wenn man zum Beispiel ein halbes Dutzend Flaschen mit Duschgel in der Dusche hat, darf man gezielt einige davon leeren oder wegwerfen, und diese dann auch auf die Liste setzten. 

3. 
Es ist egal, was man mit den Gegenständen macht, so lange sie innerhalb von 30 Tagen den Wohnraum verlassen. Man darf sie wegwerfen, verschenken, spenden oder verkaufen. Ich werde wohl mal wieder durch den Kleiderschrank gehen, und diesmal Kleider in großen Größen auf den Markt werfen.

Genau genommen habe ich schon vor ein paar Tagen einigermaßen intensiv damit begonnen, mich von Sachen zu trennen. Heute, am offiziellen Beginn des Projektes, war es aber erst ein altes Geschirrhandtuch. Stichtag ist dann der 8.April.

*30-Tage-Entrümplungsprojekt

Leichter ums Herz

Auf der Baustelle nebenan tobt die Hölle. Der Kater geht jetzt nur noch am Wochenende spazieren, weil er Angst vor dem Kran und den Baufahrzeugen hat, und sich bis zum Nachmittag regelmäßig in der Abstellkammer verkriecht - wie zu Sylvester. Mir kommt das eigentlich entgegen, weil ich eine Heidenangst hätte, dass er überrollt oder zugeschüttet wird. Aber auch das verlassene Loch am Samstag hat mich enorme Nerven gekostet, weil ich nicht wusste, ob der Kater allein wieder raus käme, wenn er hineinklettern würde. Ich weiß, dass ich dort unten auf jeden Fall gefangen wäre, und besser nur mit Handy in der Tasche am Rand entlang balanciere. Als gute und total hysterische Cat Lady bin ich dem renitenten Kater, der sich zusätzlich gerade von einer Bauchspeicheldrüsenentzündung erholt hatte, bestimmt eine Stunde lang hinterher gelaufen, um sein Verhältnis zur Grube zu beobachten und, wenn nötig, die Feuerwehr anzurufen. Und dann passierte es. Der Kater war auf dem Weg in die Tiefe und nicht mehr aufzuhalten.

Darum weiß ich nun, dass er sich an annähernd senkrechten Sandwänden mit leichter Tatze und ohne Probleme wieder empor hangelt. Was für ein Supervieh. Und was für eine Erleichterung. Wenigstens das.







NH

Dienstag, 5. Mai 2015

Wie man so richtig schlechten Sex hat

"Some people have real problems" (Sia)

Hin und wieder betreibe ich ja bekanntlich Feindbeobachtung - und kaufe mir dazu eine herkömmliche Frauenzeitschrift. Nicht zu oft, denn das ist schlecht für meinen Blutdruck und die allgemeine Stimmung für den Rest des Jahres. Manchmal sind die Bösartigkeit und Blödheit, die einer aus den Seiten entgegen schwappen eben einfach so haarsträubend, dass man vorübergehend so unsagbar sauer auf das eigene Geschlecht wird, dass man nicht übel Lust hätte, die eine oder andere Redakteurin während ihres fettfreien Lunches vom Nachbartisch mit vollen Windeln und Büchern von Birigit Kelle zu bewerfen.

Die Tipps für ein beschisseneres Frauen(sex)leben kommen heute aus der Mai-Ausgabe der Shape. Zu finden ist der fragliche Text unter der Überschrift "Heißer aussehen beim Sex" auf Seite 108 - eigentümlicherweise in der Kategorie "Psychologie". Das ist meiner Auffassung nach nicht sehr passend, aber vermutlich war der Kram halt schlecht einzuordnen - eine (offensichtliche) Rubrik für "Selbsthass" gibt es ja nicht.

Mir ist natürlich klar, dass solche Magazine davon leben, dass wir unsere Körper nicht leiden können. Mich überrascht nicht, dass sie im Hinblick auf das Überleben ihres Blattes kein echtes Interesse daran haben, daran wirklich etwas zu ändern. Was mich überrascht, ist nicht das, was sie nicht für Frauen tun. Aber was mich mitunter (fast) sprachlos macht, ist das, was sie tun. Gegen Frauen. Und damit gegen sich selbst.

Christy Forers (das ist die Verfasserin des Artikels) "schlimmster Albtraum" ist, dass sie "eines Tages Sex mit einem Mann (hat), der vergessen hat, seine GoPro-Kamera auszuschalten." Nicht, weil sie etwa Angst davor hat, der Mann könnte sein Werk womöglich im Internet in Form von Rache-Porn veröffentlichen, oder sowas. Nein, sie befürchtet vielmehr, dass sich unwiderlegbar herausstellen könnte, dass sie beim Sex scheiße aussieht. Ihre sorgenvolle Frage, die aber doch uns alle regelmäßig umtreibt, ist: "Ob mein Körper immer so sexy und durchtrainiert wirkt, wie er wirklich ist?"

GÄHN.

Dazu würde ich zunächst einmal gern dieses einwerfen:

1. Meiner ja!*

2. Es ist immer gut, wenn der/die mit der Kamera auch ein wenig Talent im Umgang mit eben jener hat.

3. Ich würde tatsächlich jeder Frau, die an ihrer körperlichen Selbstakzeptanz arbeitet, empfehlen, sich auch mal beim Sex zu filmen. Meiner Erfahrung nach, kann das die selbe heilende Wirkung haben, wie Selbstportraits und Nacktbilder. Man kann besser akzeptieren, was man auch kennt. Und wie soll man sich der Welt endlich in voller Größe zumuten, wenn man sich vor sich selbst immer weiter versteckt? Das eigene Bild zunächst auszuhalten und sich dann daran zu gewöhnen und es anzunehmen, ist in meinen Augen noch immer einer der ersten und wichtigsten Schritte.

Bei der Aufzeichnung von Sex kommt hinzu, dass man sich währenddessen in einer Situation mit jemandem befindet, der den Körper, den man selbst gerade hat, offenbar aufregend und attraktiv genug findet, um...mit ihm Sex zu haben! Während man also vielleicht vom eigenen Anblick zunächst nicht begeistert oder gar erschrocken ist, muss man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass das Gegenüber das vermutlich anders gesehen hat. Dass das also möglich ist. Sich dieses klar zu machen, hilft. Sogar ungemein.

*Ja, mein Körper wirkt im Film immer genauso sexy und untrainiert, wie er wirklich ist. Ich brauche also keinen der "5 kleinen Tricks", um mich beim Sex "super in Szene zu setzen". Außer der verunsicherten Christy selbst braucht die ohnehin keine andere Frau mehr, als ein Loch im Kopf.

Schockstarre

1. Dicke Hintern
Hier rät die Christy Frauen "mit etwas mehr Po" zur Seitenlage, denn die ist "schmeichelhafter, weil sie Hüftknochen und Taille betont". Wer seinem Partner unbedingt sein mächtiges Hinterteil entgegenstrecken will, der sollte wenigstens einen "langen Rücken" machen, um insgesamt "schmaler zu wirken".

2. Doppelkinn
Kissen unter dem Kopf sind bei Rückenlage verboten.

3. Keine Kissenschlacht
Für einen straffer wirkenden Busen, muss man ein Hohlkreuz machen (beim Sitzen auf ihm oder in der Rückenlage) und dieses dann bitte auch bis zum Ende durchhalten, damit nicht womöglich doch noch irgendein schwer erziehbares Fettgewebe anfängt, in bewegten Zeiten wild herumzuschlackern. Für scheinbar mehr Busen bitte "gerade liegen bleiben". Ich frage mich, ob man hier nicht realistischerweise grundsätzlich "bewegungslos" einfügen müsste, um den gewünschten Effekt zu erhalten.

4. Sitz gerade!
Wer will, dass der Bauch flacher wirkt, muss sich liegend oder sitzend grundsätzlich "gerade halten". Wem das auf oder unter dem Partner nicht gelingt, hat der Christy zufolge gute Chancen auf eine ganz besondere Auszeichnung: "Plauze des Jahres".

5. Posen
Wer hat der hat, und darf dann nicht nur, sondern soll sogar mit dem Becken kreisen, "denn gerade bei trainierten Frauen zeichnen sich (auf diese Weise) wunderschöne Muskeln (am Bauch) ab".

Wahrheitsfindung

Natürlich geht es in der Shape ausschließlich um Frau/Mann-Sex. Umso mehr müsste man mal einen Mann fragen, was er eigentlich so von Hohlkreuzen und verschämter Seitenlage im Bett hält. (Wo ist denn eigentlich gerade mal der Theo?) Nicht dass ich womöglich irgendjemanden dazu ermutigen möchte, sich primär an männlichen Präferenzen zu orientieren, wenn es um die eigene Sexualität und Selbstakzeptanz geht, aber wenn uns die giftigen Schwestern aus den Redaktionen weismachen wollen, dass Männer fraglos und mehrheitlich ganz besonders auf stocksteife Frauen mit ordentlichem Muskelspiel am Bauch abfahren, lohnt sich hier womöglich doch mal wieder eine praktische Überprüfung dieser Behauptungen. Könnte ja sein, dass das am Ende gar nicht stimmt, und dass es aus seiner Perspektive ebenfalls komplett umsonst wäre, auch nur den Versuch zu unternehmen, aus ästhetischen Gründen kerzengerade auf seinem Schwanz sitzen zu bleiben.

Obwohl die Christy in ihrem Artikel wirklich alles gegeben hat, damit ihre Leserinnen in Zukunft wieder das Licht beim Sex ausmachen, stimmt der folgende Satz selbstverständlich: "Wer sich selbst gut findet, hat mehr Spaß an Sex." Das ist übrigens eine Bildunterschrift und dürfte den meisten Leserinnen entgehen. Sie ist ja auch nicht gut gemeint. Ich glaube ja außerdem, wer mit dem richtigen Partner Sex hat, hat mehr Spaß an Sex. Richtige Partner sind die, bei denen man sich schön fühlt. Ganz besonders dann, wenn es wackelt und bebt.


NH

Sonntag, 19. April 2015

Follow me around 22: Wen die ständige Motzerei nervt, der liest besser nicht bis zum Ende




Der Griff ins Klo

Nachdem nun fast alles aufgeräumt ist, kommt der Dreck dran. Bei mir gibt es zugegebenermaßen ziemlich viel alten Dreck. Vor allem Staub und Kalk. Aber auch durstiges Holz (Parkett und Möbel). Fingerabdrücke an der Wand. Katzenhaare auf Kissen und Stühlen. Zutiefst mysteriöse Flecken im Teppich...

Mit dem Putzen verhält es sich nun neuerdings bei mir, wie mit dem Jäten von Unkraut. Wenn ich erst einmal damit anfange, höre ich mitunter so schnell nicht wieder auf, denn wenn man seine Aufmerksamkeit erst einmal bewusst auf den Schmutz lenkt, fällt einem alle paar Minuten wieder etwas vorher Unbekanntes ins Auge. Und ich interessiere mich zum ersten Mal in meinem Leben für Putzmethoden und Schmutzlösungen.

Ein besonders schwieriges Projekt war seit meinem Einzug vor fünf Jahren das Klo mit einem Kranz aus Urinstein, den mir mein Vorbesitzer vermacht hat, und den ich nie wirklich wegbekommen habe. Probiert hatte ich alles Mögliche: Ich habe die Ablagerungen eingeweicht in Scheuermilch, Baking Soda, Essig, Chlor, Zitronensäure, Orangenöl. Ich habe geschrubbt mit Scotch Brite und zuletzt mit Stahlwolle - mit dem Ergebnis, dass sich der gesamte Innenraum der Toilette grau verfärbte...

YouTube war mir bekanntlich bei der Ausdünnung und Neuorganisation meiner Wohnung eine hervorragende Informations- und Motivationsquelle. Und jetzt hat es mir geholfen, endlich mein Klo und mich von den Spuren den vergangenen Pipi zu befreien. Zwei unerschrockene, reizend verschrobene und unterhaltsame Putzexpertinnen aus England (How clean is your house?) haben mir die Lösung geliefert. Zitronensäure (damit lag ich also gar nicht so falsch) und - aufgepasst - Bimsstein!!! Aber nur der echte, graue! Nicht etwa der aus Plastik...

Jetzt gucke ich immer staunend ins Klo und wundere mich jedes Mal, wie einfach das war. Und ich frage mich, was im Leben wohl noch eigentlich ganz einfach wäre, wenn man nur wüsste, wie...


Die Heimatlosen

Das ist das neue "Obdachlosenheim" in meiner Wohnung. Auch Klöterkiste genannt. Alles, was zunächst kein Zuhause hat, alle, deren Zuhause gerade schlecht zu erreichen ist, und Dinge, bei denen unklar ist, ob sie überhaupt eins bekommen, landen erst einmal hier. Schrauben unbekannter Herkunft, Kieselsteine, Murmeln, alte Filmrollen, verwaiste Schlüssel, ausländisches Kleingeld, kaputte Schlüsselanhänger, Figuren aus Überraschungseiern, Osterdekoration, die beim Gang in den Keller vergessen wurde, etc.

So eine Kiste hilft, chronisch Clutter-Belasteten wie mir, Entscheidungen über Gegenstände unter Zeitdruck ohne schlechtes Gewissen verschieben zu können. Natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt, denn irgendwann ist die Schachtel voll. Ein sehr kluge Einrichtung.


Kalte Küche

In meiner Küche kann es ja nun bekanntlich niemandem mehr zu heiß werden, weil dort (außer in der Mikrowelle) nicht mehr gekocht wird. Außerdem wird bewusst möglichst wenig Geschirr verwendet, um das Ausbrechen einer erneuten Auftürmung und Versiffung zu unterbinden. Und da der Kater sich ja weigert, von Papptellern zu essen, brauche ich den Vorrat nun auf. Ich bin da nicht so anspruchsvoll, wie er. ; )

Frühstück

Public Service Announcement:

Und dann habe ich noch ausgerechnet bei Lidl und Budnikowsky die (fast) ideale kochfreie Verpflegung gefunden: Vegetarische Schnellgerichte mit einem anständigen Eiweißanteil, die auch noch wirklich gut schmecken und preiswert sind.



Und dann noch...

Am Freitag war ich bei Gisela Enders in ihrer berliner Coaching-Praxis, wo sie vorab aus ihrem bald erscheinenden Buch "Wohl in meiner Haut" gelesen hat. Die Lesung war sehr erhellend, und ich freue mich schon auf das ganze Buch.

Die Unterhaltungen waren auch hochinteressant, aber im Rückblick und im Hinblick auf die Möglichkeiten in den Bereichen dicke Selbstakzeptanz und die Bekämpfung von Verunglimpfung und Diskriminierung Dicker fast ein wenig desillusionierend. Das kann ich eigentlich gar nicht brauchen, weil ich ohnehin schon unsicher bin, was die Chancen auf echten Wandel angeht. Und was die Sinnhaftigkeit von tatsächlich stattfindenden Veränderungen betrifft, bin ich momentan auch nicht besonders optimistisch.

Tatsächlich bin ich mit einem leicht flauen Gefühl im Magen wieder nach Hause gefahren.

Ein Thema war die Szene/Community dicker Modebloggerinnen und ihr politischer Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz dicker Menschen. Wobei es hier natürlich fast ausschließlich um Frauen und Kleidung für Frauen geht. Meine Frustration darüber, dass Mode in großen Größen augenscheinlich nicht nur das wichtigste, sondern gefühlt das fast einzige Scharnier ist, an dem sich deutscher "Fett-Aktivismus" im Internet (woanders findet er ja ohnehin noch weniger statt) aufhängt, äußere ich ja immer wieder mal.

Ja, natürlich ist mir der gesellschaftspolitische Zweck der öffentlichen Sichtbarmachung selbstbewusster dicker Körper und ihrer Besitzerinnen durchaus klar. Ich bin mir auch bewusst, dass Kleidung und die Frage, ob man welche kaufen kann, die einem passt, einem sehr nah ist und viel mit dem Gefühl gesellschaftlicher Dazugehörigkeit zu tun hat. Ich bin selbstverständlich sogar der Überzeugung, dass die Tatsache, dass Dicke nicht nur im Bereich Mode, sondern auch bei anderen Aspekten einer "zu kleinen Welt" (ich sage nur Flugzeugsitze) systematisch übergangen und damit pausenlos öffentlich gedemütigt und ins Abseits gestellt werden, ein riesiges und wichtiges Thema wäre. Allein, über Flugzeugsitze habe ich in einem deutschen Fett-Akzeptanz-Blog, soweit ich mich erinnere, noch nie etwas gelesen. Überhaupt geht es in Modeblogs sehr selten um das, was man als dicke Kleiderkäuferin und als Konsumentin im Allgemeinen alles nicht angeboten bekommt. Da wird nicht gern geklagt. Da wird das Beste draus gemacht. Und so geht es eigentlich immer nur um all das Tolle, das man heutzutage trotz seines dicken Körpers schon kaufen kann.

Ich bleibe dabei: Fatshion interessiert mich nur, wenn sie gängige Sehgewohnheiten (bewusst) herausfordert, ohne womöglich den Versuch zu unternehmen, diese Erfahrung für das Publikum gefällig abzumildern. Und nur dann ist sie aus meiner Sicht überhaupt Fatshion - und politisch.

Dream big

Was ich mir ja noch immer wünsche, wäre ein komplettes Umdeuten von Körpernormen, bzw. eine komplette Abschaffung solcher Normen. Wenn ich dann aber dicke Modebloggerinnen im Fernsehen sehe, die eine andere Dicke modisch "umgestalten" dürfen, und ihr eine Kette umhängen, um zu strecken und vom runden Gesicht abzulenken, dann kann ich mir nicht helfen. Dann finde ich, da läuft etwas ganz fürchterlich schief. Das ist Verrat. Und zutiefst beunruhigend. Denn was im Bereich Mode durch die gelegentliche Einbeziehung Dicker vielleicht als positive Veränderung wahrgenommen wird, ist doch nur die halbherzige Aufnahme der Dicken in einen Club, der ohnehin abgeschafft gehört.

Es ist, wenn man tatsächlich mal die ganz große Bühne des Lebens in ihrer tatsächlichen Weite zum Maßstab nimmt, nicht wichtig, was einer anhat. Und es ist nicht wichtig, wie einer aussieht. Ich habe schon mal gesagt, dass die Dicken mit ihrem Kampf um Akzeptanz einen Prozess anstoßen könnten, von dem alle, und vor allem Frauen, wirklich mal etwas hätten: Das Auflösen der Schönheitsstandards überhaupt. Und womöglich die Abschaffung von Modediktaten und Uniformierungsregeln gleich mit. Das könnten sie, wenn sie in ihrer Mehrheit nicht doch so verdammt anpassungswillig wären. An gängige und geltende Körper- und Frauenbilder. Einge dicke Modebloggerinnen bloggen ja zusätzlich auch noch über ihre aktuellen und Diätbemühungen...kann man da eigentlich noch Teil einer Community sein, deren Ziel die Förderung dicker Selbstakzeptanz ist?

Aber ja, ich verstehe auch das (irgendwie zumindest): Es wäre halt doch so schön, "normal" zu sein. 

Ich gebe zu - ich bin nicht gut darin, "Menschen da abzuholen", wo sie gedanklich und emotional gerade stehen. Mir ist halt oft nicht einmal klar, wie sie überhaupt da hinkommen konnten, wo sie gerade stehen. ; ) Ich schnappe nach Luft und rufe dann aufgebracht: "Jetzt komm' endlich da weg! Was ist denn bloß los mit dir?!"

Und nach der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch bei Gisela Enders' Lesung hat sich bei mir mal wieder sehr deutlich die Frage aufgetan, ob dicker Aktivismus überhaupt einen Sinn hat, bzw. zu gegebener Zeit endlich nennenswerten gesellschaftlichen und öffentlichen Einfluss entfalten kann. Meiner Ansicht nach hat er den nur, wenn er nicht in der Hauptsache daraus besteht, physische und mediale Schutzräume für Betroffene zu schaffen. Was jedoch vermutlich mehrheitlich gerade deren sehr persönliches Hauptanliegen ist.

Aktivismus wird, wenig überraschend, da richtig anstrengend, wo er aus seinem Schutzraum und dem Kreis der ohnehin Überzeugten heraustritt. Und ich müsste irgendwann wohl mal begreifen, dass nicht jede dicke Frau auch nur annähernd so wütend ist wie ich. Und viele wollen wirklich schlicht nur ein einfacheres Leben für sich selbst, bis sie doch endlich abnehmen. Und weil das bald sein wird, lohnt es sich eigentlich auch nicht, sich zwischendurch noch auf den steinigen Weg der Fett- und Selbstakzeptanz zu begeben.

Ich habe ja schon einmal beklagt, dass der Aktivismus offenkundig selbst für die einstigen Anführerinnen einer Bewegung oftmals so anstrengend wird, dass sie sich an einem bestimmten Punkt doch zurückziehen und die von ihnen angestoßene Entwicklung sowie die erfolgreich angestachelten Anhängerinnen sodann sich selbst überlassen.

Golda Poretzky, ehemals Coach für dicke Selbstakzeptanz mit Praxis in New York, hat eben diese faktisch stillgelegt. Ich verdanke ihr was, weil mich die eintägige Online-Vorlesungsreihe, die sie vor zwei Jahren organisiert hat, sehr beeindruckt und mir ziemlich viele neue Felder zum anschließenden, gründlichen Bedenken eröffnet hat.

Wie dem auch sei - Golda Poretzky lebt nicht mehr das Leben einer Aktivistin. Und sie ist heilfroh darüber. Das ist ihrem letzten Blog-Post vom Dezember des letzten Jahres deutlich zu entnehmen. Ich unterstelle nun, es ist nicht nur die Tatsache, dass sie als Anwältin in Festanstellung ein besseres Einkommen hat. Ich unterstelle, es ist auch einfach die Erleichterung, in einem "normalen" und irgendwie regelrecht "dünnen" Leben angekommen zu sein, d.h. in einem Leben, in dem man sich nicht dauernd auch und vor allem in eigener Sache empören, solidarisieren und rüsten muss. Und in dem man nicht pausenlos durch die Kundinnen auch mit dem eigenen Lebenshindernis konfrontiert ist. Und welches sie für sich als Dicke, Coach hin oder her, selbst vielleicht gar nicht für erreichbar gehalten hat. Sie sagt, man darf seine Lebensträume ändern. Das darf man natürlich. Ich aber unterstelle: Die Lebensberatung für Dicke war von Anfang an nicht der große Traum. Es war der Versuch, die eigenen Hürden zum Sprungbrett zu machen. Auch daran ist nichts Verwerfliches. Es ist halt nur blöd für das interessierte und betroffene Publikum, wenn die Bemühungen eingestellt werden, weil es am Ende für die Anführerin eben doch besser ist, "normal" zu werden. Wenigstens Golda ist nun erleichtert, auch nicht mehr so viel twittern zu müssen.

Besser scheitern

Soll man schwierige Ziele besser irgendwann aufgeben, um das Leben zu vereinfachen? Um es im Zuge des faktischen Scheiterns dann zu verbessern? Schließlich ist zumindest die Vereinfachung des persönlichen Alltags seit geraumer Zeit eines meiner Hauptprojekte...Und wenn es um Diäten geht, würde ich die Frage selbstverständlich mit einem lauten "Ja!" beantworten. Wenn es aber um das Durchsetzen gesellschaftlicher Fettakzeptanz geht, wäre eine Antwort noch immer "Nein!".

Ich bin ja mitunter so viel zu viel und so vergnatzt, dass ich selbst meine Therapeutinnen dazu bringe, zu entgleisen und alle Professionaltät über Bord zu kippen. Meine vorletzte schleuderte mir in einer der letzten Sitzungen entgegen, dass das mit mir und meiner psychischen Genesung ohnehin nichts werden könne, "weil Sie sich selbst abgrundtief hassen!". Sie war überwältigt und ratlos angesichts der offenbar in ihrer Praxis noch nie dagewesenen Härte und dem hochfrustrierten Perfektionismus einer dicken Dame, die damals seit über drei Jahrzehnten nicht einen Tag in friedvoller Übereinstimmung mit ihrem aktuellen Selbst verbracht hatte, weil es ihr die Welt seit früher Kindheit unmöglich gemacht hatte. Ich behaupte: Die Ärmste kannte schlicht nicht allzu viele dicke Damen. Denn gerade das, was sie so erschreckt hat, ist etwas, was viele von uns vermutlich gemeinsam haben.

In einer meiner aktuellen Therapiesitzungen vor zwei Wochen schrieb ich dann spontan folgende, eigentlich sehr einfache Erkenntnis auf: "Die heute (noch) gefühlte Selbstverachtung speist sich maßgeblich aus nicht erfüllten Erwartungen an das eigene, ideale Ich. Und das (ist so) seit ich ein Kind bin."

Wobei sich die Vorstellungen, wie der eigene Körper eigentlich sein sollte, in den letzten zwei Jahren tatsächlich komplett verändert hat. Ich kam aus dem Bad, huschte am Spiegel vorbei, stutzte, kam noch einmal zurück - und fand mich tatsächlich schön. Nicht nur akzeptabel. Schön.

It can be done. ; )



NH

© Candybeach.com 2015

Montag, 26. Januar 2015

Follow me around 14

Presseschau

Die "myself", ein Magazin, dessen Mission es ist, "Frauen stark zu machen" enthält in ihrer Januar-Ausgabe keine Diätprogramme. Das heißt nicht, dass Gewicht und Abnehmen nicht darin vorkommen. Tatsächlich gibt es auf den vergleichsweise dünnen 186 Seiten pausenlos mehr oder weniger subversiv eingestreute Bemerkungen, die sich gegen Körperfett richten und seine Bekämpfung anmahnen. Einige mögen harmlos aussehen, sind aber spitz gemeint. Und in der Häufung prägen sie das ablehnende und abwertende Klima, in der alle täglich leben müssen, die sich im Kampf gegen den eigenen Körper befinden. Ich habe mal durchgezählt, und hoffentlich nichts übersehen. Denn ganz ehrlich - ein besonders anspruchsvolles Vergnügen ist die Lektüre nach wie vor nicht.

1. Auf dem Cover: "18 Kilo weniger, eine neue Haarfarbe - Mensch, siehst du gut aus". Eigentlich geht es in dem Artikel um Frauen, die sich 2014 angeblich neu erfunden haben. Aber nicht so wie Madonna bei jedem neuen Album - jetzt wollen wir es mal nicht übertreiben, bittesehr! Der "myself"-Redaktion reicht schon eine pieselige Anmeldung bei Weight Watchers.

2. Seite 33: Barbara Schöneberger wird zitiert: "Ich bin eine Frau." Die Bildunterschrift lautet weiter: Das zeigt Barbrara Schöneberger mit jedem (...) Auftritt im hautengen Kleid. Soll eigentlich heißen: Die dicke Barbara traut sich ganz schön was, wenn sie ihr Fett dauernd so vorzeigt. Bemerkenswert schauerlich auch die unterliegende Gleichung, die hier aufgestellt wird: Frauenkörper = Körperfett = fragwürdig. Seien wir ehrlich - das ist genau das, was sie denken und wollen, dass auch keine von uns es je vergisst: Frauenkörper = fragwürdig.

3. Seite 61: "Daunen-Diät. Halten warm und machen nicht dick: ultraleichte Steppjacken".

4. Seite 80: "Sophia Loren wusste wie es geht: Ein formender Body mit Balconette-BH..."

5. Seite 83: "Ich habe kräftige Oberarme und suche ein schwarzes Kleid mit langen Ärmeln..."

6. Seite 87: " ...eine figurformende Hose, die Sie optisch eine Größe schlanker aussehen lässt."

7. Auf Seite 98 erfährt die Leserin dann endlich die ganze, inspirierende Geschicht von Nadine, die die oben erwähnten 18 kg abgenommen hat.

8. Seite 112: Die Beauty-Assistentin hat beim Move-it-Fitnesstraining an Hüfte und Bauch 1,5 cm Umfang verloren. Oder wie man es bei "myself" auch gerne einordnet: Sie hat sich selbst quasi neu erfunden.

9. Seite 115: Das Model Cato Van Ee "kompensiert" seine Leidenschaft für Pommes mit Yoga und Pilates.

10. Seite 140: Als heuchlerische Notiz eingestreut und im Grunde nur eine Bekräftigung der Unmöglichkeit einer echten gedanklichen Abkopplung vom fettphobischen Grundfluss wird Bette Midler zitiert: "Irre, wie viel Freizeit ich habe, seitdem ich mich nicht mehr wiege." Aber die Bette, die ist ja eh fast 70. Die darf das.

11. Seite 146: "Spätestens nach Plätzchen und Gans wollen alle wieder gesund leben." Es geht um Kohl.

12. Seite 152: "Die Superbeere - (...) 100 Gramm haben nur 95 Kalorien." Anm. d. dicken Dame: Wer zählt eigentlich wirklich noch Kalorien, selbst wenn er Diät macht?

13. Seite 185: Die Vorschau auf das nächste Heft kündigt sie dann auch endlich an, die "Nordic-Diät". Kein Jahresanfang ohne Diät in der gängigen Frauenpresse. Das wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein.

Fastenzeit

Nicht ich faste. Aber meine Wohnumgebung sehr wohl. Nachdem sie nun im Schweiße meines Angesichts am Ende so gründlich aus- und aufgeräumt wurde, wäre es ja auch eine wahre Schande, sich wieder in einen Stau und im Hinblick auf meinen Haushalt in schiere Funktionslosigkeit zu konsumieren. Darum wird nichts mehr gekauft, was nicht in  eine der folgenden Kategorien gehört:
  • Katzenfutter
  • Menschenfutter
  • Papier und Druckertinte
  • Artikel, die für spontane Notfallrepraturen benötigt werden. (Ich habe das Schloss der Waschmaschine schon länger in Verdacht, eine Gemeinheit vorzubereiten.)
  • Notwendige Hygieneartikel und Kosmetik, wenn etwas alle ist.
Die Regeln gelten vorerst für den Monat Februar. Dann folgt eine Sichtung der Vorräte und eine Auswertung der Gefühlswerte. Der Kater hat übrigens in den letzten Tagen kräftig bei der weiteren Befreiung der Wohnung von Nippes geholfen: Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, in die Regale zu hüpfen und ihre Bewohner über Bord zu werfen. Was kaputt geht, wird auch nicht mehr geklebt wie früher, sondern kommt in den Müll. Der Kater ist mithin der Erfinder und Organisator des Kitsch-Darwinismus-Projektes. Manches Dingsbums muss man natürlich auch nur oft genug auf den Boden rempeln, bis es zerbricht.

NH

Dienstag, 18. März 2014

Wo laufen sie denn hin...

Allein, allein...

...die dicken Frauen? Die Antwort ist: Überall und nirgendwohin.

Ein Bekannter hat mich vor ein paar Tagen gefragt, wie es denn nun so sei mit meinem Support-Netzwerk aus dicken Frauen, "die sich gegenseitig Mut zusprechen"? Ist es hilfreich? Geht es da kämpferisch zu? Stimme und Gesichtsausdruck machten klar, dass er an  nichts von all dem glaubt. Er hält mich und die universelle Empörtheit die ich grundsätzlich mit mir herumtrage vermutlich ohnehin einerseits für wunderlich/lustig und andererseits für tragisch verrannt. Und ahnt im Hinblick auf die dicken Frauen, was auch stimmt. Die meisten Leute sind weder Aktivisten noch besonders rebellisch. Und selbst dicke Frauen sind nicht automatisch sauer über die eigene Diskriminierung.

Ich höre ja auch nie auf, auf Dinge wütend zu sein, so lange sie so bleiben, wie sie waren, als sie mich zum ersten Mal wütend machten. Ich bin eine ganz schlechte Verdrängerin. Und eine noch viel schlechtere Es-jetzt-endlich-mal-gut-sein-Lasserin. Wenn etwas genauso schlecht ist wie vormals, kann man es doch nicht gut sein lassen. Und kommt mir BLOSS NICHT mit "die Einstellung ändern". Wie soll das gehen, bitte schön? Wie ändere ich meine Einstellung zu..., na sagen wir mal z.B. der Steinigung von Vergewaltigungsopfern im Sudan? Ach, das ist weit weg und weit hergeholt? Aber mein Körper und die tägliche, mediale Häme und Verächtlichmachung von Körpern wie meinem, sind ganz nah dran. Sich hier darüber öffentlich zu bescherden wäre obendrein - im Vergleich - ausgesprochen risikoarm.

Und trotzdem - bei Dickenstammtischen, Frauengruppen und in Internetforen wird weiterhin eher angeregt über die Vorteile von Bolero-Jäckchen zur Abdeckung der flappigen Ärmchen gefachsimpelt. Das heißt, dann, wenn es einigermaßen gut läuft. Von Deutschlands Dicken Seiten bin ich seinerzeit nach einer Diskussion über Beth Ditto und ihre Nacktbilder geflohen, weil diese bei einigen der ruppigen Diskutantinnen mal wieder so viel Selbst- und Dickenhass freilegte, dass es schlicht nicht mehr zu ertragen war - und seinesgleichen auf Diätforen vermutlich sucht. Die Lehre ist und bleibt: In welche Gesellschaft man sich als dicke Selbstakzeptanz-Novizin begibt, ist ziemlich wichtig, und beim leisesten Hauch von leicht angebittertem Verharren und Körpernegativität sollte man schleunigst die Biege machen, denn das ist das Letzte was man gerade braucht. Grundsätzlich ist es ja ohnehin meine Erfahrung, dass dicke Cliquen es auch nicht leichter oder vielleicht noch schwerer für neue Mitglieder machen, ihren Platz zu finden. Sei es die Kaffeklatschrunde oder eine Ü100-Party - statt sich sichtbar zu machen und sich vernehmlich und erkennbar zu öffnen, schottet man sich scheinbar doch lieber ab. Das ist Teil des Problems. Und übrigens auch eine Frage von Solidarität.

Vielleicht fehlt es halt wirklich an Vorbildern und Vorkämpferinnen. Wenn man medial hierzulande als dicke Frau in der Hauptsache von Christine Neubauer und Barbara Schöneberger vertreten wird, ist es kein Wunder, dass einem der Weg steinig und einsam vorkommt. Ich sehe nirgendwo Vertreterinnen von Dicken-Verbänden oder Aktivistinnen (die es ja durchaus gibt) in der Zeitung oder in Magazinen - und meine Vermutung ist, sie bevölkern auch nicht wie verrückt die abendlichen Talkshows im Fernsehen. Natürlich findet man dicke, kampflustige und engagierte Frauen im Internet - weil man da immer alles leichter und in größeren Mengen findet. Für einen kurzen Augenblick könnte man anfangs den Eindruck bekommen, es würde nur so von ihnen wimmeln. Wenn man nachzählt, stellt man schnell fest, dass man es wohl doch nur mit ein paar Dutzend fortgesetzt präsenten Mitstreiterinnen weltweit zu tun hat.

Denn leider ist die Internetwelt des Fettaktivismus nicht immer sehr nachhaltig oder beständig. Viele Links sind tot und führen zu Seiten, auf denen heute Google-Anzeigen für Diäten werben. Oft ist der letzte Blog-Eintrag vor Ewigkeiten eingestellt worden. Selbst Fettakzeptanz-Flaggschiffe wie Kate Harding ermüden und versinken. Ihr Fettakzeptanz-Blog "Shapely Prose" ist bereits 2010 geschlossen worden. Der letzte Eintrag auf ihrer offiziellen Seite ist vom März 2013. Wenigstens twittert sie noch. Und es gab wohl irgendeine Zusammenarbeit mit jezebel.com. Und irgendwann soll ein Buch über Vergewaltigungskultur erscheinen. Ach, und von Rebecca Jane Weinstein, deren Buch "Fat Sex" mir eine so große Hilfe war, habe ich auch lange nichts mehr gehört. Scheinbar ist/war sie Autorin bei xojane.com, aber ihr letzter Artikel dort ist auch über ein Jahr alt. Die von ihr gegründete Website peopleofsize.com liegt seit 2011 mehr oder weniger brach. Zumindest soll im Oktober 2014 ihr zweites Buch "Fat Kids" erscheinen - durch Spenden finanziert. Jetzt, wo ich gerade davon rede - wieso kriege ich eigentlich gar keine E-Mails von Golda Poretsky mehr? Na, vielleicht hat sie zu viel mit ihren Internetkursen zu tun. Ich hoffe es für sie.

Wenn ich das deutsche Wort "Fettaktivismus" bei Google eingebe, lande ich erst einmal bei mir selbst. Und dann dankenswerterweise auch noch bei der Mädchenmannschaft. Auf diese Weise auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, macht die Sache auch nicht unbedingt spannender. Ich weiß, dass das Auflehnung gegen Normen verdammt schlauchen kann. Ich begreife natürlich auch, dass man davon als Autorin/Publizistin nicht reich wird, bzw. dazu buttert und einem im Leben zusätzlich dauernd etwas zwischen die Füße fliegt, was jetzt gerade wichtiger ist, als gesellschaftliche Veränderung. Aber es ist auch, wie mein Vater (und wahrscheinlich alle anderen Väter) immer sagte: Wenn man nichts ändert, geht's einem noch zu gut.

Was immer geht, ist Fa(t)shion. Klar.

Es sind die dicken Modebloggerinnen, die immer weiter am Ball bleiben. Der Grund dafür könnte natürlich sein, dass Mode entschieden mehr Freude macht, als Gesellschaftskritik. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich persönlich kann das Wort "kurvig/curvy" nicht mehr sehen, und das liegt natürlich weiterhin daran, dass ich als dicke Frau nicht die Erlaubnis erteilt bekommen will "auch hübsch" oder "fast so hübsch als wäre ich nicht dick" zu sein. Ich will erstens dass "Hübschsein" im konventionellen Sinne kein Kriterium mehr ist und zweitens Hilfe bei meiner Neuerfindung und die Anerkenntnis, dass Dicksein an sich eine eigene ästhetische Qualität hat.

Irgendwo las ich neulich das Motto "Klasse (gemeint ist: große) Kleider für klasse (gemeint ist: dicke) Frauen". Bei solch plumpen Euphemismen fühle ich mich ja immer, als wäre ich mit einem kumpelhaften Schlag auf die Schulter durch die nächste Glastür geschubst worden. Ich will nicht kaschieren. Ich will nicht verhängen. Ich will nicht verschlanken. Ich will nicht strecken. Ich will schlicht nie mehr so tun, als wäre ich "normal". Ich will gar nicht mehr "normal" sein. Ich verstehe das Bedürfnis der Anpassung - vor allem bei jungen Frauen. Aber ich bin SO OVER IT, und dass das wirklich so ist, wurde mir während eines Gespräches klar, in dem ich gefragt wurde, ob es denn wirklich möglich sei, eine lebenslange Programmierung auf ein schlankes Schönheitsideal innerhalb von kapp zwei Jahren abzulösen. Ich sagte: Ja! Ein paar Stunden später stellte ich dann zu meinem eigenen Erstaunen fest, dass das auch stimmt. ; ) Ich finde dicke Frauenkörper schön(er) und interessant(er), und ich gucke sie mir gerne an. Fatshion macht so einiges möglich. Allerdings nur (und ich weiß, ich wiederhole mich), wenn sie (die Körper) von ihren Besitzerinnen mit einer bestimmten inneren Haltung und Selbstverständnis präsentiert werden. Und - juhuu - das heißt also, dass ich auch meinen Körper schön und interessant finde. Nicht überall. Nicht immerzu. Aber immer öfter.

Und jetzt? Ein Asos Curve Haul darf nicht das einzige sein, was am Ende des Tages bleibt. Denn das kann doch ehrlich nicht unser Ernst sein.


NH

Freitag, 20. Dezember 2013

Doppelt fällt besser

Und so ganz ist es eben doch nicht vorbei. Am Abend meines 42. Geburtstags stand ich im fahlen Licht der Damentoilette eines thailändischen Restaurants und erstarrte beim Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. So verrückt es klingen mag – zuerst erkannte ich mich nicht. Also…natürlich nicht buchstäblich, sondern emotional. Es war ein Schock. Seit Monaten hatte ich mich nicht von meinem eigenen Spiegelbild so abgetrennt und verraten gefühlt.

Ich sah mich, und was ich sah, war abgrundtief hässlich. Ein teigiges, wabbeliges Monster starrte mit müden Augen zurück und atmete Zweifel, Entsetzen, Lebensverpfuschung, tote Hoffnungen und Selbstverachtung aus. Plötzlich ergriff die wilde Legende von der dünnen Frau, der eigentlich ein großartiges, dünnes Märchenleben zustehen würde, wenn sie nicht dummerweise in einen fetten, grausigen, schwachen Körper eingemauert worden wäre, für einen schauerlichen Moment wieder Besitz von meinen Gedanken und meinem Blick – und alles, was ich auf einmal nur noch sehen konnte, war mein Doppelkinn. Es schien um meinen Hals zu schlackern, wie eine ausgeleierte, klumpige Halskrause, und ich wusste, gar nichts ist sicher.  Was man auch glaubt, auf dem Weg zu dickem Selbstrespekt erreicht und geschafft zu haben.
Nach vier Jahrzehnten der Selbstverachtung ist Selbstakzeptanz im ersten Jahr noch immer ein verdammt wackeliges Häuschen. Ohne Vorwarnung hallt einem plötzlich der Einwand „JA, ABER…“ wieder durch die Seele. Die innere Richterin ist noch immer da – und sie hält nicht die Klappe. Sie bewertet weiterhin ungefragt, aber umso vorhersehbarer. Dünn gut. Fett schlecht. Und so gibt es tatsächlichh noch immer Fett an mir, dass ich zumindest gelegentlich hasse. Ich hasse mein Doppelkinn. Und meine geschwollenen Füße. Ich hasse, hasse, hasse sie! Aber besonders das Kinn. In meinem Kopf ist  es noch immer die Grenze, an der das Fett das Gesicht zu überwältigen droht…

Ich nehme an, Rückfälle sind normal.

Nur habe ich mit ihrer Wucht nicht gerechnet. Dabei  ist das Unwetter, das einen heutzutage unvermittelt einholt, vermutlich genau jenes, das einen früher immerfort und unablässig umgab. Als ich noch so ziemlich alles an mir hasste.  Als ich lieber gar nicht mehr in Spiegel sah. Irgendwo habe ich gelesen, man solle auf den Teil des Weges, den man zurückgelegt hat, immer stolz sein. Selbst dann, wenn der Rest noch immer verdammt lang ist. Das stimmt. Und verlangt wiederum Akzeptanz. Rachele von The Nearsighted Owl  schlägt indessen vor, das zweite oder dritte Kinn mit Stolz herzuzeigen – wie ein schickes Accessoire…….Nein. Nicht ich. Zumindest nicht jetzt. Und auch keine Fotos, bitte.

NH