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Samstag, 25. Februar 2017

Ausgelesen: "Fettlogik überwinden" von Nadja Hermann

Die Frau Hermann hat in sechs Monaten 45 kg abgenommen, indem sie nur 500 kcal pro Tag zu sich genommen hat. Das kann jeder. Also…jeder, der es schafft, sechs Monate lang täglich von nur 500 kcal zu leben. Und wohl so ziemlich jeder, der so ein Programm durchhält, wird dabei einen substantiellen Anteil seines Gewichtes verlieren. Das dürfte völlig unstrittig sein. Trotzdem hat die Frau Hermann zur Sicherheit ein Buch darüber geschrieben, um uns noch einmal davon zu überzeugen, dass es so ist.

Die Frau Hermann schafft viele Dinge, die den meisten Menschen nicht besonders leicht fallen. Sie hat es geschafft, sehr viel abzunehmen (von 150 kg auf ca. 65 kg) und schafft es momentan (vermutlich), ihr aktuelles Gewicht zu halten. Ganz so einfach ist es offenkundig auch für sie nicht - das beschreibt sie sogar in ihrem Buch. Aber sie ist vermutlich sehr viel besser darin, dauerhaft und im Hinblick auf Gewichtskontrolle prekär zu essen, als die meisten anderen. Die Strategien, die sie dazu anwendet, dürften allerdings so ziemlich all ihren LeserInnen bereits vertrauter sein, als ihre eigenen Dehnungsstreifen. Das liegt daran, dass man genau diese auch so gut wie jeder Frauenzeitschriftt, die zwischen 1979 und 2009 erschienen ist, hätte entnehmen können. Bis auf die drei letzten in der folgenden Liste vielleicht...

Hier eine Auswahl:

1. Heißhungerattacken kann man gut damit begegnen, Wasser zu trinken, oder einen kurzen Spaziergang zu machen. Heißhungerattacken und ihre Bewältigung werden in dem Buch übrigens öfter erwähnt. Warum die Autorin diese überhaupt hat, bleibt wohlweislich eher im Dunkeln.
2. Grüner Tee ist irgendwie immer gut.
3. Treppensteigen und auf der Stelle zu rennen helfen dabei, trotz Zeitmangels Sport zu treiben.
4. Positiv denken hilft auch immer.
5. Wenn man keine Süßigkeiten zu Hause hat, wird man sie auch nicht so leicht essen. "Es ist sinnvoll, die Verführungen zu begrenzen." (S. 355)
6. Süßigkeiten durch Rohkost ersetzen.
7. Kalorien zählen - auch dann, wenn das Zielgewicht erreicht ist. "(...) wenn ich ganz darauf verzichte, merke ich schnell, wie ich mir wieder die klassische Wahrnehmungsverzerrung anlache, dass mir Portionen viel zu klein erscheinen, oder ich Dinge vergesse, die ich gegessen habe." (S. 343) "Andererseits empfinde ich das Zählen auch nicht als große (...) Qual, da es im Prinzip nur fünf bis zehn Minuten in Anspruch nimmt..." (S. 344) Insgesamt ist es halt "ganz beruhigend, die Kalorienbilanz im Hinterkopf zu haben." (S. 344)
8. Nach "Ausrutschern" nicht aufgeben und "wieder in die Spur kommen". (S. 198)
9. Gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel und Proteinpräparate einnehmen.
10. "Wenn ich mich etwa zum Essen verabrede, dann plane ich so, dass ich schlemmen kann." (S.160) Soll heißen: Hinterher oder vorher wird weniger gegessen und dafür mehr Sport getrieben. Siehe auch Punkt eins.
11. Salatdressing kann man, statt mit mit Öl, auch mit Wasser und Süßstoff machen. (S. 158)
12. Keinesfalls sollten Abnehmwillige "sich selbst limitieren (...), indem sie weiter an ihrer "dicken Identität" festhalten". (S. 214)
13. Um hängende Haut nach der Abnahme muss man sich keine Sorgen machen. Man muss einfach nur dünn genug werden: "So wenig Fett wie möglich übrig zu lassen, das die Haut nach unten zieht, ist ebenfalls wichtig." (S. 208)
14. Und dann noch diese verblüffende Eröffnung: "Normalgewichtige scheinen häufiger eine Aufnahme von Mehrenergie mit mehr Gezappel zu kompensieren, als Übergewichtige dies tun." (S. 39) Daraus möge nun jeder die Verhaltensregel ableiten, die er für angemessen hält. Facepalm.
15. Zu guter Letzt sollte man gefälligst immer schön am abschreckenden Kopfkino arbeiten, damit einem jeder überflüssige Bissen auch ganz bestimmt im Halse stecken bleibt: "Ich sah mir bewusst OP-Fotos und Videos adipöser Menschen an und das Fettgewebe im Bauchraum. Ich sah mir Fettlebern und verfettete Herzen an, und für eine kurze Zeit empfand ich Ekel bei dem Gedanken an das gelbe, aufgeblähte Gewebe, das da in mir war." (S.331)

Dass (fast) all ihre Diättipps älter sind, als die Mutter von Gott, ist der Frau Hermann, die sich ja offenbar gerade erst durch einen Nebel von irreführenden "Fettlogiken" gekämpft hat, augenscheinlich unbekannt. Dass Generationen von Frauen bereits an der Umsetzung gescheitert sind, wäre ihr vermutlich egal. Da ist es sicher auch unerheblich, dass z.B. Weight Watchers bereits seit 1997 als Folge einer Auseinandersetzung mit der Federal Trade Commission in den USA ihrem Kleingdruckten den Hinweis “For many dieters, weight loss is temporary” (Für viele, die Diät machen, ist die Gewichtsabnahme vorübergehend) hinzufügen müssen.

Das Bemerkenswerte an dem Buch der Frau Hermann ist also nicht das darin dargelegte Rezept zur Gewichtsabnahme, garniert mit den gängigen Todesdrohungen und Ermahnungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die dicke Frau Hermann offenbar ihre prägenden Jahre auf einem völlig anderen Planeten verbracht hat, als der Rest von uns. Sie lebte auf dem Planeten der „Fettlogiken“, auf dem offenbar ganz andere Vorstellungen über die Gefährlichkeit und das generelle Schlechtsein von Dicksein herrschten, als hier. Auf ihrem Planeten war man der Ansicht, dass es möglicherweise gar nicht so schrecklich ungesund ist, einen BMI über 24 zu haben und dass es ganz und gar nicht einfach noch womöglich überhaupt sinnvoll ist, sein Gewicht durch Diäten langfristig mehr oder weniger stark zu reduzieren. Anders als alle anderen, musste Sie sich erstaunlicherweise erst mühsam und durch eigene Kraft die Überzeugung erarbeiten, dass man als Dicke dem Tode geweiht und selbst daran Schuld ist, aber diesem durch eiserne Disziplin, ersatzreligiöses Kalorienzählen und möglichst viel Sport dann doch noch von der Schippe springen kann. Und bitteschön auch ethisch dazu verpflichtet ist, dieses zu tun. 

Wir wussten das alles schon immer. Denn diese Überzeugungsarbeit haben für den Rest von uns selbstverständlich die Medien, die Mütter, die Ärzte und wer weiß noch alles ganz ohne unser Zutun erledigt. Körperbezogene Schuld und Angst und Diätbereitschaft haben wir sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Ich hätte gern die Adresse des Planeten, auf dem die Frau Hermann einst lebte. Da will ich nämlich auch hin.

Kurzum, die Frau Hermann hat ein Buch geschrieben, in dem sie Mythen über Gewicht und Abnahme widerlegt, die in den letzten Jahrzehnten ohnehin keiner ernsthaft für wahr gehalten hat. Sie versucht, den Mainstream als Mainstream zu etablieren, und tut so, als wären vergleichsweise neuere Ideen und Erkenntnisse seit Ewigkeiten die herrschende Meinung. Die von ihr vehement bekämpften "weit verbreiteten Diätlügen" (Buchcover) wie z.B. Health at Every Size oder Fettakzeptanz sind aber bekanntlich erst verhältnismäßig neu und haben sich darüber hinaus noch lange nicht durchgesetzt - weder gesellschaftlich noch unter Medizinern. Was um alles in der Welt könnte also ihr wahres Problem sein, was die Gründe für ihren erstaunlich verbissenen Kampf gegen neue Ideen, die man getrost noch immer als Außenseiterkonzepte bezeichnen könnte?...Man kann es nur vermuten. Oder: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Die Frau Hermann hat mich ja mal gefragt, wie ich denn bloß darauf käme, dass sie "dickenhassed" sei.

Nun ja...

"Eine Heroin-Acceptance-Bewegung, die darauf besteht, dass zerstochene und vernarbte Arme erotischer sind als gesunde Arme, würde kaum Fuß fassen. Auf der anderen Seite wird gefeiert, dass eine Mainstream-Modelagentur ein Model mit einem morbid adipösen BMI unter Vertrag nimmt. Sie wird geschminkt, in eine Corsage gezwängt und mit Photoshop so bearbeitet, dass ihre Figur möglichst attraktiv wirkt. Die Botschaft wird dann als "body positive" dargestellt. Inwiefern unterscheidet sich dies von dem hypothetischen Versuch, das Selbstbewusstsein von Heroinabhängigen zu stärken?" (S. 323)

Bei der Frau Hermann weiß man halt immer nicht, was größer ist - ihre quasi religiös aufgeputschte Bösartigkeit, oder ihre Weltfremdheit. Denn ironischerweise dürften sich die meisten meiner Leserinnen sehr wohl noch an den Heroin Chic erinnern, der unter anderem Kate Moss zum Supermodel ihrer Zeit machte.

Ach ja, und das Buch ist voll mit Studien. Das wird gern von begeisterten Rezensenten ins Feld geführt. Die Frau Doktor hat (fast) all ihre Thesen auch handfest und wissenschaftlich belegt. Ätsch! - Nun wissen wir natürlich alle, dass vermutlich so ziemlich jeder, der es vorhat, ein Buch mit Studien vollkriegt, die genau das belegen, was er belegt haben möchte. Das gilt übrigens ebenso auf dem Gebiet der Fettrationaltät. Hier sei z.B. "Body of Truth" von Prof. Harriet Brown (Syracuse University, New York) empfohlen. Selbstverständlich ebenfalls randvoll mit Studien. Das an sich ist aber noch kein Kriterium. Auf die Qualität der herangezogenen Studien kommt es an.

Allein auf Seite 90 des Buches "Fettlogik überwinden" werden drei Studien zitiert, um darzulegen, dass ein BMI über 25 zu einem signifikant erhöhten Sterberisiko führt. Das ist an sich schon immer ein wenig problematisch, weil die Bestimmung des "normalen" Sterberisikos eines im Augenblick gesunden Menschen so oder so schlicht eine kniffelige Angelegenheit ist. Aber sei es drum. Die erste Studie ist von 2010 und wurde von Amy Berrington de Gonzalez (D.Phil) vom National Cancer Institute in Maryland, USA erstellt. Das Institut ist Teil der National Institutes of Health. Hierbei handelt es sich wiederum um eine Behörde der USA, auf deren Neutralität man sich eigentlich schon verlassen können müsste. So weit so gut.

Die zweite Studie stammt aus dem Jahre 1999. Bei der federführenden Verfasserin handelt es sich um Eugenia E. Calle (PhD), die zu Lebzeiten für die American Cancer Society arbeitete. Hierbei handelt es sich um eine "unanhängige" und "non-profit" Organisation, die laut Kritikern weder das eine noch das andere ist und bereits seit Jahrzehnten immer wieder in die Kritik gerät, eher im Dienste ihrer Hauptspender (Pharma- und Chemiekonzerne) zu handeln, als im Interesse der Allgemeinheit. Und das mit erheblichen Mitteln und politischem Einfluss. Ein in diesem Zusammenhang explizit aufgeworfener Vorwurf ist auch, dass es sich dabei, einer vermeintlich zu dicken und zu trägen Bevölkerung die Schuld an ihren Krebserkrankungen selbst zuzuschieben, um Ablenkungsmanöver handelt, z.B. vom Einfluss von Pestiziden auf die Anzahl der Krebserkrankungen. Wer will, kann ausgerechnet dazu eine weitere Studie lesen.

Die dritte Studie auf Seite 90 wurde 1995 von JoAnn Manson erstellt, ihres Zeichens Professorin an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. 1995 beriet die Frau Manson übrigens auch ganz zufällig gleich zwei private Pharmaunternehmen (Interneuron Pharmaceutical und Servier) im Hinblick auf die Überprüfung von Dexflenfluramin in den USA durch die Food and Drug Administration. Bei Dexflenfluramin handelte es sich, wen mag es noch groß wundern, um einen Appetitzügler, der übrigens 1997 aufgrund seiner horrenden Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen wurde. Dieser Interessenkonflikt und mangelnde Transparenz brachten die Frau Manson bereits 1996 in Schwierigkeiten - und zwar mit den Herausgebern des New England Journal of Medicine.  

Und ich höre sie schon rufen: Aber die Frau Hermann hat ja schließlich selbst einen Doktortitel in Psychologie und weiß damit genau, wovon sie redet! Damit auch keine Leserin je vergisst, dass die Autorin promoviert hat, weist diese in regelmäßigen Abständen im Buch darauf hin. Außerdem steht selbstverständlich der generische Titel auf dem Cover des Buches vor Ihrem Namen, was bei deutschen Publikationen ohnehin eher ungewöhnlich ist. Und wenn ich mich nicht komplett verlesen habe, war sie erst 25, als sie ihren Titel erwarb. Donnerwetter, das ist auf jeden Fall sportlich, denn um das an einer deutschen Uni zu schaffen, muss man bekanntlich von der Abiprüfung direkt in den Hörsaal plumpsen und hat ab da dann eigentlich auch keine Zeit mehr, sich zwischendrin die Zähne zu putzen. Natürlich hätte es mich sehr interessiert, einen Blick in diese Arbeit zu werfen.

Nun müssen Dissertationen in Deutschland ja veröffentlicht werden und zumindest die Deutsche Nationalbibliothek muss sie im Verzeichnis führen. Aber ich konnte sie nicht finden. Also wandte ich mich an den Ullstein Verlag, um den Titel vielleicht so zu erfahren. Die zuständige Lektorin leitete meine Anfrage kurzerhand an die Autorin selbst weiter, die mir anbot, "entsprechende Belege dem Verlag zur Verfügung (zu) stellen, der sie dann prüft und (...) anonymisiert (...) weiterleitet". Der Name Hermann sei der Name ihres Mannes, den sie aber noch nicht offiziell angenommen habe. Außerdem sei sie bedroht und gestalkt worden und könne somit ihre Daten nicht preisgeben. Darüber hinaus sei der Inhalt der Arbeit auch nicht für mich von Interesse, da er "mit dem Thema Übergewicht nichts zu tun" habe. Laber Rhabarber.

Es gäbe hier vermutlich noch viel zu sagen. Aber ich habe echt keine Lust mehr. Und jetzt kann das bizarr stümperhafte, toxische Teil, nachdem es monatelang hier rumgelegen hat, auch endlich ins Altpapier.

Ich bitte euch: Wenn ihr unbedingt eine Diät machen wollt, esst Kohlsuppe. Aber bezahlt niemandem auch noch Geld dafür, beschimpft, bedroht, gemaßregelt und verunglimpft zu werden. 

NACHTRAG: Wer noch ein wenig mehr Hintergrundinformation möchte, kann sie auf diesem Blog hier, hier und hier finden.

NH

Sonntag, 1. Februar 2015

Follow me around 15: Them skinny bitches...


I'm bringing booty back -                                                                                                          go ahead and tell them skinny bitches that. (Meghan Trainor)



Dünnhäutig

Meghan Trainors "All about that bass" handelt davon, sich dem allgemeinen Schönheitsdiktat, dünn zu sein, nicht mehr zu beugen, und auf den eigenen Körper mit seinen Rundungen stolz zu sein. Und es war natürlich ein schmissiger Riesenhit. Der bemerkenswerteste Aspekt an der Erfolgsgeschichte von Trainors Liedchen ist aus meiner Sicht jedoch noch immer das, was im Internet verbreitet als "The skinny bitch backlash" bezeichnet wurde. Einige Frauen fühlten sich diffamiert durch die oben stehende Textzeile und durch die Beschreibung dünner Frauen als "stick-figure, silicone Barbie doll".

Argumentiert wurde, dass Trainor "skinny shaming" betreibe und dass das ganz genauso verwerflich sei, wie "fat shaming", was sie ja in ihrem Lied auch gerade kritisieren würde. Um glaubwürdig zu bleiben, dürfe sie das Pendel nicht plötzlich in die andere Richtung schubsen. Auch der im Text eingestreute Hinweis, dass die "Beleidigung" nicht ernst gemeint sei, also quasi vorsorglich als satirische Überspitzung erklärt wird, hat offenbar nicht ausgereicht, den Ärger vieler, die sich als "skinny bitch" angesprochen fühlen, zu verhindern oder zu mindern.

Was soll man ihnen bloß raten? Wie wäre es damit, "skinny bitch" in etwas Positives umzuwerten und es sich zu eigen machen? So, wie die Fettakzeptanzbewegung sich eigentlich negativ besetzte Begriffe wie "fat" bzw. "dick" zurückerorbert und ihnen eine neue, stärkende Bedeutung gibt. Schließlich gibt es ja auch längst Diätratgeber, die unter dem Titel "Skinny Bitch" zu Bestsellern geworden sind. Eigentlich will in unserer Kultur doch jede eine "Skinny Bitch" sein, oder? Eine selbstbestimmte, selbstbewusste Frau, die gängigen Schönheitsstandards entspricht und auch sonst alles unter Kontrolle hat? Sie ist ohnehin schon das Ideal. Sie muss sich mithin gar nichts erkämpfen.

Und da tut sich auch schon ganz genau das Problem auf, das ich mit den Anklägerinnen habe, die sich dazu verstiegen haben, gegen ein Lied zu protestieren, in dem sich jemand auf vergleichsweise milde Weise über sie lustig macht. Man kann jemanden nur sehr begrenzt damit beleidigen, zu sagen, dass er dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Um genau zu sein, ist es eigentlich gar nicht möglich. So wie man jemanden nicht wirklich damit herabsetzen kann, ihm vorzuwerfen, er sei zu klug. Der Grund, warum es z.B. nicht akzeptabel ist, sich über Behinderte lustig zu machen, ist, dass sie noch immer gesellschaftlich in einer vergleichsweise schwachen Position sind und täglich gegen Diskriminierung, Benachteiligung und Vorurteile kämpfen müssen. Es ist problematisch, sich über Schwächere lustig zu machen. Es ist aber zulässig, sich über die lustig zu machen, die kulturelle und gesellschaftliche Wirklichkeit dominieren, also Macht haben. Würde man Satiriker fragen, ist es sogar unsere Pflicht, weil es ein Mittel gesellschaftlicher Weiterentwicklung ist, Macht und geltende Standards herauszufordern. Diesen Zusammenhang und die eigene, privilegierte Position darin zu erkennen, ist eine Denkleistung, die z.B. auch viele Männer nicht erbringen können, wenn sie sich über weiblichen Spott beklagen.

In den letzten zwei Jahren bin ich einer substantiellen Anzahl von Männern begegnet, die dachten, es schmeichelt mir, wenn sie sich negativ über schlanke Frauen äußern und mir versicherten, dass "so traurige Gerippe" sie nicht anmachen würden, weil eine "richtige Frau" nun einmal aussehen müsste wie ich. Mit dieser Art von Komplimenten macht man sich bei mir nicht beliebt. Weil ich es nicht lustig finde, Frauen gegen Frauen auszuspielen - basierend auf Äußerlichkeiten oder sonst irgendetwas. Und weil ich der festen Überzeugung bin, dass jeder Körper ein guter Körper ist, alle Körper gleich gut sind und jede Frau eine richtige Frau ist.

Oh, die Ironie!

Und dennoch - im Hinblick auf die Beschwerden über Meghan Trainor und ihren total unausgewogenen Song erlaube man mir den kurzen Verweiß darauf, dass öffentliche Verächtlichmachung sehr viel massiver und bösartiger Art etwas ist, was Dicke tagtäglich aushalten - weil ihnen nichts Anderes übrigbleibt, wenn sie nicht auf eine einsame Insel ziehen wollen...was sind wir Dicken doch für starke Biester, dass wir nicht immerzu und überall Flüsse aus eingeschnappten Krokodilstränen heulen. Man erlaube mir ein paar Sekunden erstaunter Genugtuung. Und ein amüsiertes Kopfschütteln.

Heimweh

Ich habe obendrein das Bedürfnis, meine Begeisterung über die Einkaufsmöglichkeiten im Internet zu teilen. Denn nach ziemlich vielen Jahren kann ich mich nun wieder von dem ernähren, wovon ich während meiner Studienzeit in den USA auch vorrangig und mit Vorliebe gelebt habe: New England Clam Chowder von Campbell's (Muschelsuppe) und Grape Nuts (ungesüßte Getreide-Cluster) mit Joghurt und altmodischen Golden Delicious.



Außerdem habe ich im British Shop in meiner Gegend alle Dosen Erbsensuppe mit Minze aufgekauft. Großartiges Zeug! : ) Und das Aufwärmen von Dosensuppen ist eine wirksame Strategie der Küchenchaosvermeidung.

Vielen Dank für die Blumen!


Und zu guter Letzt habe ich noch einen Blumentopf gewonnen. In den letzten drei Monaten war ich als Aushilfslehrerin an einer öffentlichen Gemeinschaftsschule beschäftigt. Und zur Verabschiedung wurde mir eine Pflanze überreicht. Eigentlich hätte ich bis zum Ende des Schuljahres, also bis zum Sommer dort arbeiten sollen, aber nun wurde der Vertrag doch nicht verlängert. Dass ich ab Montag keinen Job im öffentlichen Dienst mehr habe, habe ich gestern (Freitag) erfahren. Dabei geht es bei den Behörden noch knapper: Von meiner Einstellung erfuhr ich am Sonntagabend vor Arbeitsantritt. Die Tatsache, dass Lehrkräfte mitunter behandelt werden, wie Springer in Fast-Food-Ketten (was übrigens auch nicht akzeptabel ist), ist nur ein Aspekt des deutschen Schulsystems, der mich seit meinem Ausflug in eben dieses, erheblich beunruhigt. Fortsetzung folgt.

NH

Sonntag, 11. Mai 2014

Pro Ana Haul

Mein Post über Pro Ana und die damit verbundene "Subkultur" ist nach wie vor der meistgelesene in der Geschichte dieses Blogs. Ich bin überzeugt, dass eine Viel- und vielleicht auch Mehrzahl derjenigen, die diesen Suchbegriff eingeben, dieses nicht tun, um sich schlicht zu informieren. Da hilft alles nichts: Anstiftung zur Anorexie ist in unserer Kultur nuneinmal weitaus beliebter als Fettakzeptanz. Ich weiß, ich habe es schon oft gesagt, aber man kann es ja gar nicht oft genug wiederholen - um herauszufinden, dass das die Wahrheit ist, braucht man einfach nur irgendeine beliebige Frauenzeitschrift aufzuschlagen.

Oder man geht in den Supermarkt.


Als ich bei real in der Schreibwarenabteilung vor dem Regal mit Produkten für Mädchen stand, weil mich eine Federtasche in Pink mit einer dicken, grauen Katze vorne drauf wie eine Schlafwandlerin herangewunken hatte (ja, ich bin 42, deswegen darf ich doch wohl trotzdem gucken, wenn etwas glitzert), lief es mir plötzlich eiskalt den Rücken runter. Es war ein veritables Déjà Vu. Ich brauchte nur ein Weilchen, um die Bilderwelt auf den Ordnern, Bleistiften, Notizbüchern und Kaffeebechern zuzuorden. Zuerst dachte ich: Wäre ich so um die 12 Jahre alt - ich würde mich um dieses Tagebuch reißen. Und irgendetwas im mir tut es sogar auch jetzt noch." Tatsächlich fiel mir erst auf dem Weg nach Hause ein, woher ich eine ähnliche Ästhetik kannte. Die dünnen, verhuschten Feen mit den weitaufgerissenen Augen. Die schwachen Ärmchen, die Flügel und die im Wind verkitschter Todessehnsucht wehenden Haare, der leere, generische Gesichtsausdruck. Und zwar kannte ich das alles von den Pro-Ana-Seiten im Internet, auf denen ich einst Recherche zum Thema betrieben hatte.

Wie passend auch, das Ganze auf ein verschließbares Tagebuch zu drucken, wo doch das Abschirmen gegen den Rest der Welt und das Konstruieren einer mystischen, traurig-pastelligen Geheimwelt ein integraler Bestand der Pro-Ana-Kultur sind und waren. 2007 habe ich gesagt, dass wir alle ein wenig "Ana" sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sieben Jahre später sieht die eisige Märchenwelt der Pro-Anas noch immer gleich aus. Nur die Hersteller von Papier- und Geschenkartikeln scheinen irgendwie tatsächlich nachgezogen haben. Dabei ist nicht nur die Übereinstimmung der Motive und der Farbgebung bemerkenswert, sondern auch die bestimmter Schwerpunkte. Im Post von 2007 habe ich beschrieben, wie einige Merkmale von Magerkeit von besonders großer Bedeutung sind - so ist das Hervorstehen des Schlüsselbeins ein entscheidender Schönheitsstandard in der Welt von Pro Ana. Auf Kaffeebechern für junge Mädchen aber offenbar auch, siehe weiter unten.

Tagebuch von Top Model

Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz
 
Tasse von Top Model
 
Frische Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz - und ja, die sind da so kopflos. Auf Köpfe kommt es schließlich nicht an.
 
Da lobe ich mir alle Prinzessinnen, die noch genug Kraft haben, um einen Hasen und einen Malstift anzuheben, um ihre Krone selbst zu basteln. In meinem Buch stinkt Pink ja bekanntlich nicht. Und Kronen kann man nie genug haben...solange man sie mit der richtigen Einstellung trägt.
 

Voilà! ; )

NH

Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Septemberausgabe


Es war Juni, als die "Health Initiative" der VOGUE Chefredakteurinnen weltweit vorgestellt wurde. Zugegeben - es war mir immer unklar, WER im Zuge der schwammigen Aktion WIE gesünder werden sollte, aber die in den Medien gängige Lesart war, dass VOGUE sich in Zukunft bemühen würde, ein realistischeres und damit gesünderes Körperbild zu transportieren. Sprich, so ziemlich alle dachten, die Tatsache, dass die Redaktionen in Zukunft nicht mehr WISSENTLICH mit essgestörten Models arbeiten wollten, würde automatisch dazu führen, dass die abgebildeten Frauen/Mädchen fortan auch mehr auf den Rippen haben. Von mir hätten gleich alle erfahren können, dass das nichts wird. Aber mich hat mal wieder keiner gefragt.

Die "September Issue" ist anzeigentechnisch die wichtigste und damit auch die dickste Ausgabe des Jahres. Insbesondere in den USA hat sie Kultstatus und hat in diesem Jahr gut 900 Seiten. Und ich dachte mir, es ist nun auch an der Zeit, in den Magazinen selbst nach den Zeichen positiver Veränderungen als Resultat der "Health Initiative" Ausschau zu halten, und diese dann zu dokumentieren.......tja...

Ich bin VOGUE-Leserin seit ich 16 bin, und natürlich weiß ich heute, dass das höchstwahrscheinlich ein nicht zu vernachlässigender Teil meines Problems ist. Das Schönheitsideal der VOGUE war immer unrealistischer, gnadenloser und DÜNNER, als das aller anderen Frauenmagazine. Und daran, so scheint es beim Durchblättern der deutschen, französischen und US-amerikanischen Septemberausgabe, wird sich auch nichts ändern. Zwei "dicke" Frauen (deren Kleidergröße vermutlich größer als 44 ist) habe ich auf den insgesamt 1675 Seiten gefunden. Die eine war Queen Latifah (US), die andere Toni Morrison (Frankreich).

Im April hatte ich mich bereits gefragt, ob wir nicht alle ein bisschen "Pro ana" sind, ob unsere Gesellschaft im Hinblick auf Körpergewicht und gängige Schönheitsideale, sowie den Zwang, diesen zu entsprechen, sich nicht im Grunde verhält, wie eine eingeschworene Gruppe essgestörter Teenager, die sich unablässig gegenseitig darin bestärken, noch härter an sich zu arbeiten, um eines Tages wahrhaft perfekt (dünn) zu werden. Eines der Argumente war, dass "Thinspos" (Sammlungen von Darstellungen sehr dünner Frauen, die zur Motivation dienen, stark zu bleiben und nicht zu essen), die einen wesentlichen Teil der Pro-Ana-Kultur darstellen, im Prinzip in jedem Modeblatt zu finden sind. Wir alle werden täglich mit "Thinspos" motiviert, ja nicht so zu bleiben, wie wir sind.

Health Initiative hin oder her - als Thinspo dient jede VOGUE noch immer hervorragend. Untergewichtige Mädchen so weit das Auge reicht. Ich hatte ja bei meiner letzten Thinspo mit aus Frauenzeitschriften entnommenen Abbildungen (der Schwerpunkt liegt wie vormals auf besonders dünnen Beinen und hervorstehenden Schlüsselbeinen, sowie bemerkenswert schmalen Taillen) schon ein wenig "subversives Fett" eingebaut. Was die VOGUE nicht kann, kann ich schon lange, und so habe ich diesmal bei meiner speziellen "September Issue Thinspiration" noch ein paar mehr dicke Damen eingeschleust.

Wer nun gezielt nach ihnen Ausschau hält, und ganz im Geiste der Sesamstraße herausfindet, welches Ding anders ist, als die anderen, kann etwas gewinnen. Ich weiß noch nicht was, weil ich das mit dem Preis eben erst beschlossen habe, aber es wird etwas Schönes geben (Buch oder DVD).Wer mitmachen will, muss mir nur bis einschließlich Freitag die richtige Zahl der Bilder mit vergleichsweise runden Frauen in der Thinspo mailen* und kommt wieder in den Verlosungshut. Ich melde mich dann bei den GewinnerInnen, um die Adresse zu erfahren.

*office(at)nicola-hinz.com

NH
 

Samstag, 16. Juni 2012

Volksverdickung



Was wir ja schon länger wissen, ist, dass über die Hälfte der Deutschen „zu dick“ ist, nämlich einen BMI* über 25 hat (bei Männern sind es SOGAR 67%). Jetzt hat das Robert-Koch-Institut im Rahmen seiner „Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (scheinbar) ganz frisch auch noch dieses herausgefunden: Ein Viertel der Deutschen hat einen BMI über 30. Und ist damit „zu fett“ (heute.de), „fettsüchtig“ (Die Welt) oder, etwas netter gesagt, „viel zu dick“ (Der Tagesspiegel). Und alle sind wieder fürchterlich erschrocken. Dabei hat sich die Zahl derjenigen, die einen BMI über 25 haben, seit der Vorgängerstudie von 1998 gar nicht erhöht. Und die Zahl der „Schwergewichte“, die einen BMI von 30 mit sich herumschleppen, ist seit der letzten Untersuchung für Männer um 3,8% auf aktuell 23,3% und für Frauen um ganze 1,4%  auf 23,9% gestiegen. Das RKI selbst bezeichnet zumindest den Anstieg für Frauen als „nur leicht“. Ein anderes Ergebnis der Studie besagt allerdings, dass 8,1% der Studienteilnehmer von „aktuellen Symptomen einer Depression berichteten“, aber das hat es vielerorts nicht einmal in die Berichterstattung geschweige denn in die Schlagzeilen geschafft. Mit „Fettsüchtigen“ lässt sich das Sommerloch halt besser stopfen, als mit „Verrückten“.

Wir befinden uns also unaufhaltsam und geradewegs auf dem Weg in die fette Hölle. Das Verderben. DAS SAHNETORTENINFERNO!!!... Zugegeben, die Fahrt dauert vielleicht jetzt schon etwas länger als gedacht. Es ist halt wie mit dem Weltuntergang - kommt er heut‘ nicht, kommt er morgen. Aber die deutsche Dickendämmerung wirft ja nicht erst seit 1998 ihre Schatten voraus, sondern bereits seit ich ein Kind bin. Ich erinnere mich noch gut an die Spiegel-Ausgabe, die mein apfelförmiger Vater meiner dünnen Vollzeitmutter anklagend und wortlos auf den Frühstückstisch legte, bevor er sich ins Büro verdrückte und ihr die Drecksarbeit überließ. Hätte ich in der Grundschule schon gewusst, dass ich es heute in meinem Blog gern zeigen würde, hätte ich das Titelblatt natürlich aufgehoben - ja…das ist jetzt halt irgendwie blöd. Aber es zeigte natürlich genau das, was immer mal wieder gern auf Fotos drauf ist, die das Thema einer vom Übergewicht bedrohten Gesellschaft illustrieren sollen: Ein dickes Kind mit doofem Gesichtsausdruck, das etwas Essbares in sich hineinstopft. Übrigens warte ich persönlich auch schon seit den Siebzigern darauf, dass die Deutschen aussterben, und irgendwie wird es trotzdem immer schwerer, am Samstag einen Parkplatz in der Innenstadt zu kriegen. Dass der allerletzte Deutsche nicht vor 20 Jahren schon längst mit einer Currywurst in seinen aufgeschwemmten Pranken geplatzt ist, grenzt an ein Wunder.

Eine wesentliche Erfahrung des Älterwerdens ist ja glücklicherweise auch die heilsame Erkenntnis, dass man über Jahrzehnte mit immer dem gleichen Mist für dumm verkauft wird.

Aber sie scheinen die Schüsse einfach nicht zu hören. Die Medien nicht, die Politik nicht (Die Reaktion des Bundesgesundheitsministeriums auf die (alten und) aktuellen Ergebnisse dürfte so vorhersehbar sein, wie das Ende eines Rosamunde-Pilcher-Romans. Man wird uns wieder auffordern, fettarm zu essen und zu turnen was das Zeug hält, damit das Gesundheitssystem unter unserer Last nicht zusammenbricht.) und augenscheinlich ist Neutralität bei der Fett -Frage etwas, das selbst Wissenschaftlern zumeist extrem schwer fällt. Warum sonst mache ich das Thema Gewicht zum Eröffnungsknall der Präsentation einer Studie, die eigentlich gerade auf diesem Feld ergeben hat, dass es kaum etwas Neues gibt? Ein Schelm, der dabei „Hexenjagd“ denkt?

Um bei einer Größe von 1,68 m und mit einem BMI von 24,8 um Haaresbreite nicht „übergewichtig“ zu sein, dürfte ich 70 kg wiegen. Kein Kilo mehr. DAS wird in diesem Leben vermutlich nicht noch einmal passieren. Da könnten wir uns allenfalls vielleicht ein paar Monate nach meiner Beerdigung noch einmal sprechen. Die allerdings lässt vielleicht nicht mehr lang auf sich warten - dass man mit einem BMI über 25 quasi mit einem Bein im Grab steht, entspricht zwar weder der Lebenserfahrung der meisten Menschen noch neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber ist ja quasi gesellschaftlich verabredet. Studien, die das Gegenteil zeigen, egal wie seriös die Quelle (Katherine Flegal, Heather  Orpana, Abel Romero-Corral), erfreuen sich oft eher geringer medialer Aufmerksamkeit und sind entsprechend wenig nachhaltig, wenn es um öffentliches Bewusstsein geht. Warum nur? Es sind doch eigentlich gute Neuigkeiten, dass erst ein BMI über 35 sich möglichweise lebensverkürzend auswirken kann, und dass sich alle mit einem BMI zwischen 25 und 30 wirklich freuen könnten, weil sie vermutlich die besten Chancen von ALLEN haben, richtig alt zu werden. Aber die Diskussion um Gewicht und seine gesundheitlichen Konsequenzen ist keine vorrangig wissenschaftliche, sondern eine moralische. Wo kämen wir denn da hin, wenn sich all diese Moppel für ihre Maßlosigkeit nicht mehr schämen und/oder sich vor dem Tod fürchten würden?

Amerikanische Verhältnisse?

Auch so eine Bedrohung, mit der uns Medien regelmäßig bewerfen, wenn es um Körperfülle geht. Aber in der Tat müssen wir eigentlich nur mal vorsichtig über den großen Teich schielen, wenn wir wissen wollen, was uns WIRKLICH  blüht. Nirgendwo sind die Schönheitsideale rigider und nirgendwo dürfte der kollektive Leidensdruck, diesen nicht zu entsprechen, größer sein. Statistisch betrachtet ist immer rund ein Drittel der Amerikanerinnen auf Diät. 10 Millionen Amerikanerinnen leiden an Essstörungen. 80% aller Amerikanerinnen über 13 haben bereits mindestens eine Diät hinter sich. Der BMI liegt bei zwei Dritteln der Erwachsenen in den USA über 25, und 36% haben einen BMI über 30. Allerdings hat sich auch hier in den letzten zehn Jahren nicht viel geändert. Wie bei uns, breiten sich die Körper überraschenderweise NICHT aus wie Luftballons an Heliumflaschen. Sie werden aber eben auch nicht dünner. Und das, obwohl  Amerikaner Schätzungen nach pro Jahr bis zu viermal mehr Geld für Diätprodukte und -programme ausgeben, als für Bekleidung - die angegeben Zahlen liegen für die Diätindustrie in den USA  zwischen  55 und 68 Milliarden Dollar. In ganz Europa sind es bisher geschätzt „nur“ ca. 100 Milliarden Euro. Weltweit geht es für die Branche momentan um ca. 400 Milliarden Dollar jährlich, sie rechnet aber mit 670 Milliarden bis zum Jahr 2015. Und zumindest auf die Hilfe der deutschen Bundesregierung dürfte sie hierbei ganz sicher zählen können. Menschen, die sich hässlich und unzulänglich fühlen, sind Goldesel. Überall auf der Welt.

* Eine kleine Reise in die Entstehungsgeschichte dessen was wir heute noch immer auf höchst fragwürdige  Weise verwenden, um Körper zu klassifizieren, den BMI, gibt es hier.

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Ach, und täglich grüßt das Murmeltier - weil es so schön zum Thema passt, hier für interessierte Leserinnen und Leser ein Beitrag, der bereits am 21. Dezember, 2007 schon einmal auf candybeach.com (unter der Rubrik "Body Watch") veröffentlicht wurde:

Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterberate. Etwa 15 Prozent der Erkrankten sterben daran. Und noch immer sind 9 von 10 Betroffenen weiblich. Nun hat die Bundesregierung sich der Sache angenommen – mit einer Kampagne „gegen den Schlankheitswahn in der Gesellschaft“. Der schmissige Titel der Aktion ist „Leben hat Gewicht“. Verantwortlich für die Initiative zeichnen Familienministerin Ursula von der Leyen, Bildungsministerin Annette Schavan und Alice Schwarzer – und natürlich unsere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Für alle, die es bereits schon wieder verdrängt haben sollten: das ist DIE SELBE Gesundheitsministerin, die vor gar nicht langer Zeit die angeblich komplett verfettete Nation dazu bringen wollte, sich bitteschön unter einen BMI von 25 zu verschlanken. Damals hieß es, 53 Prozent der Frauen, 67 Prozent der Männer und 15 Prozent der Kinder zwischen 3 und 17 in Deutschland seien übergewichtig. Im Mai verabschiedete das Kabinett die Eckpunkte zur Erarbeitung eines Aktionsplanes zur Bekämpfung von Bewegungsmangel und Übergewicht. Angesichts der Tatsache, dass das ganze Land dabei war, im wuchernden Körperfett zu versinken, gab es beträchtliche, jedoch nur kurz währende Aufregung in den Medien - und dann hörte man nicht mehr viel. Wer wirklich gehässig ist - und das sind wir - könnte vermuten, dass der Frau Schmidt dieses nur Recht ist, denn sie hätte vermutlich auch keine Lust, sich bei andauerndem Interesse für die Angelegenheit womöglich von übereifrigen Journalisten immer wieder selbst nach den Fortschritten bei der Bekämpfung des eigenen erhöhten BMI befragen zu lassen. Was bei der Aktion damals deutlich wurde, war, dass weder Frau Schmidt noch irgendeiner der für sie arbeitet, sich offenbar groß für so etwas für Essstörungen interessiert. Sonst hätte man sich nicht dazu verstiegen, das ganze Land auf Diät setzen zu wollen. Experten, die damals schon bemängelten, man würde durch die Art der Kampagne Essstörungen eher fördern als bekämpfen, indem man relativ normalgewichtige Bürger dazu bringen könnte, ihr normales Essverhalten zugunsten eines BMI unter 25 gegen einen restriktiven und zwanghaften Umgang mit Nahrung einzutauschen, wurden damals nicht ernst genommen. Es bleibt zu befürchten, dass auch diesmal nicht allzu viele befragt wurden, die wirklich Ahnung von der Sache haben. Wie dem auch sei - während die Bundesregierung einerseits an über 1000 Mitglieder des LandFrauenverbandes Württemberg-Baden Schrittzähler verteilt hat und der Verband hofft, dass bald alle 55.000 Mitglieder dazu bewegt werden können, für die Volksgesundheit zu marschieren, wird nun andererseits beklagt, dass jeder fünfte Jugendliche zwischen 11 und 17 mittlerweile unter Bulimie oder Magersucht leidet. 56 Prozent aller 13- bis 14Jährigen wollen gern abnehmen. Das ist keine Überraschung für uns. Für die zuständigen Ministerinnen offenbar schon. Der Zentralverband der Werbewirtschaft warf der Kampagne vor, sie sei „populistisch und verlogen“. Dort hat man natürlich auch keine große Lust, auf eine Selbstverpflichtung, in Zukunft mit Models zu werben, die etwas mehr auf den Rippen haben, als der momentane Durchschnitt. Tatsache ist - man kann nicht beides haben: Eine schlanke, sportliche, fettarm ernährte Bevölkerung, in der alle so fit sind wie eine Landfrau - und gleichzeitig eine Gesellschaft, in der keiner kotzt oder hungert, um schlank und fit zu sein/zu erscheinen. Was soll denn ein Babyspeck-geplagter Teenager machen, der immerfort diesen sich widersprechenden Signalen ausgesetzt ist? Nicht essen darf man nicht. Aber essen was man will, darf man eigentlich auch nicht. Wo wir einen „Standardkörper“ platzieren, ob er nun schlank (Bundesregierung) oder dünner (Werbung, Mode) ist, ist im Prinzip egal. Es ist die unterschwellige (Werbung, Mode) oder auch ganz klare Vorschrift (Bundesregierung), wie man zu sein hat, die dazu führt, dass in Köpfen und Seelen etwas so richtig schief laufen kann. Als Gesellschaft hat man nur eine Chance gegen Essstörungen, wenn man zunächst einmal damit beginnt, mit allen menschlichen Formen und Körpern freundlich umzugehen, und für Toleranz, Entspannung und Selbstbewusstsein zu werben, statt für die Optimierung von Diagnoseverfahren. Aber wer soll das anstoßen? Die eher unbeteiligte Frau Schmidt womöglich? Nein, das kann man nicht einmal Alice Schwarzer überlassen. Das müssten wir schon selbst in die Hand nehmen.
NH

Sonntag, 1. April 2012

Keine Aprilscherze mehr

Also, zunächst ein Update zum vorangegangenen Beitrag - das dazugehörende Video kann man jetzt endlich auch in Deutschland sehen, und zwar nach wie vor hier.

Und dann noch das:

Ich mag ja immer das Erste von etwas. Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne…wobei fraglich ist, ob das beim tausendsten Diät-Beginn immer noch stimmt. Und ob das dann ein echter Anfang ist. Oder doch wieder nur das Ende…

Aber wisst ihr was? Die vorangegangene Übung, das gestrige Erstellen der „Thinspiration“ aus purer Empörung, stellt sich heute für mich als wertvoller Katalysator heraus. Gerade unter der Dusche habe ich – vermutlich zum ersten Mal überhaupt – gedacht „ICH HAB‘ DIE NASE SO VOLL VON ALL DEM MIST!“ und es NICHT sofort wieder gedanklich zurückgenommen! Ich habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, mich in meinem Körper schlecht zu fühlen, und das passiert mir in der zweiten, wenn ich eine habe, nicht noch einmal! Mit 40 fängt das Leben an, und ich rede hier nicht mehr von Kleidergrößen. Und manchmal schlägt die Weisheit ein, wie ein Blitz. Ich habe meine Entscheidung getroffen – nach all dem Hin und Her seit dem Beginn des Liedes der dicken Dame: Dünn werd‘ ich nicht mehr.

Und morgen räume ich aus: Alles, was kleiner ist, als eine 44, fliegt aus dem Kleiderschrank und wird an dünnere Frauen gebracht – ohne Groll und ohne Zweifel. Mein Platzproblem im Schrank wird sich buchstäblich in Luft auflösen. Vieles von dem, was da drin ist, ist noch gar nicht alt – so wie die gelben Jeans in Größe 40, die ich als neues Motivationsstück erst vor ein paar Tagen nach Haus getragen habe, getrieben von einem jahrzehntelangen Programm, dass das alles schon irgendwie irgendwann klappen wird – weil es das einfach MUSS. Ich bin nicht groß darin, mich von Lebensträumen und -zielen zu verabschieden. Dass ich es freiwillig tue, dürfte für mich das erste Mal sein. Ich verbeiße mich gern in der Wade des Lebens, und lasse wirklich nur äußerst widerwillig etwas ziehen, was ich für unerledigt halte.

Ich war immer mal wieder schlank. Einfach so – als Kind und als Teenager. Und später nach Diäten. Im zweiten Fall bin ich immer schneller wieder dick geworden, als ich in den Spiegel gucken konnte. Im ersten, und das bedauere ich heute wirklich besonders, wusste ich es einfach nicht. Für mich und für alle anderen um mich herum war es irgendwie immer klar, dass ich zu dick war. Heute sehe ich mir Fotos an und wundere mich. Und wünschte mir schon, ich könnte mit diesem Körper noch einmal von vorn anfangen. Und mit dem, was ich heute weiß.


Das bin ich mit meiner Mutter in Portugal, als ich 9 war.


Hier war ich auf Sylt und 11 Jahre. Wenig später gibt es keine Strandbilder mehr von mir – Fotos im Badeanzug waren mir dann zu peinlich.

Ich hätte niemals eine Diät machen sollen. Meine erste im Kindergarten nicht – und die, die ich eisern über viele Monate eigehalten habe, um zum Abitur in ein rotes Kostümchen Größe 36 zu passen, erst recht nicht. Denn danach ging der Jojo-Ärger erst richtig los. Das mit dem Kostüm hat übrigens nicht hingehauen – das passte zur Abschlussfeier noch immer nicht ganz. War ich wieder mal zu dick – dick ist halt auch und vor allem eine Frage des Standortes. Und nun ist es ohnehin zu spät, über verschüttetes Slim Fast zu jammern. Was ich jetzt will, ist eine gemütliche 44 (realistisch betrachtet noch immer die größte Größe, die in regulären Geschäften noch zu bekommen ist) – für meine Knie, und um gut Langstreckenflüge und Theaterbesuche auszuhalten. Denn DAS ist mir im Leben wichtig. Allerdings muss ich dieses Ziel, die Größe 44, nun auch erst einmal erreichen. Und anders, als mit einer Diät im weitesten Sinne wird auch das nicht zu schaffen sein. Aber ich denke mir, nachdem der perfektionistische Überhang nicht mehr mitgeschleppt werden muss und das wahre und endgültige Ziel in Sichtweite gerückt ist, kommt Suppe kommt Rat.

NH

Auf der Suche nach der Mopsfledermaus

Ja, hat bisher super geklappt, mit meinem Vorsatz, in diesem Jahr mehr zu schreiben, ich weiß… ; ). Aber so geht es mir mit all meinen Vorsätzen, sogar damit, endlich meiner inneren Crazy Cat Lady mehr Raum zuzugestehen.

Zu meinem Erstaunen hat das faktische Brachliegen des Blogs jetzt aber nicht unbedingt dazu geführt, dass die Klick-Zahlen weiter abgesackt sind – tatsächlich sind sie so (hoch oder niedrig) geblieben, wie sie waren. Die Pessimistin würde nun sagen, es ist also völlig egal, ob du für diese Seite noch Texte produzierst oder nicht. Die Optimistin sagt sich – ist doch toll, ist nichts verloren. Und die Leserinnen schauen immer mal wieder, was du so machst. Beides stimmt wohl ein bisschen, aber tatsächlich sind die halbwegs unveränderten Leserinnenzahlen insbesondere in letzter Zeit das Ergebnis der Nachfrage für einen bestimmten Beitrag: AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns. Seit Bestehen dieses Blogs, ist er nicht nur der meistgelesene Eintrag, er wurde tatsächlich über ACHTMAL öfter angeklickt, als der zweitmeistgelesene. Weil er in Suchmaschinen unter dem Begriff „Pro Ana“ aufgeführt wird. Und das interessiert offenbar sehr viel mehr (meiner Vermutung nach weibliche) Menschen, als Fettakzeptanz, „politische Körper“, oder…naja, tote Katzen.

Eine weitere Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass Bilder vielen Menschen sehr wohl erheblich mehr sagen, als Worte. Vielleicht hätte man das wissen können, aber ganz so klar war es mir dann doch nicht. Jeder Post eines Bildes auf dem frischen und ja auch noch immer gänzlich unerklärten und unkommentierten THE UGLY GIRL PROJECT hat mehr Publikum, als ein Blogbeitrag hier (na ja, mit einer Ausnahme eben). Gleichzeitig habe ich bestimmte Blogs von, zumeist amerikanischen, Fettaktivistinnen, verwaist vorgefunden. Oder Homepages von Projekten zur Fat Acceptance sind plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass es oft einfach zu viel Energie kostet, mit einem dicken Körper zu leben und diesen dann auch noch in einem Umfeld verteidigen zu wollen, das entweder ablehnend oder schlicht überhaupt nicht interessiert ist. Und ich gebe gern zu, dass ich es bis heute ja noch nicht einmal groß versucht habe. Stattdessen koche ich wieder Kohlsüppchen zum Abnehmen…aber dazu kommen wir dann später.

Die Revolution der Dicken, sie findet nicht statt. Auch und schon gar nicht in der Welt der Frauenzeitschriften. Was Leserinnen bekommen, sind leere Versprechungen und die gelegentliche Dicke, die einem dann als Errungenschaft angepriesen wird und im Gesamtspektrum der Modemagazine dennoch exotischer ist als eine Mopsfledermaus.

Die These des Beitrags von 2007 war, dass wir alle ein wenig pro Ana sind. Und er beschreibt ein wichtiges Motivationsinstrument der „Bewegung“: Thinspos (Thinspirations) – Sammlungen von Bildern von dünnen Frauenkörpern, die dabei helfen sollen, die eigene Diät durchzuhalten, um das vorgegebene Schönheitsideal selbst zu erreichen. Ungeachtet all der Dinge, die ich auch gern hier erzählen würde, habe ich gestern ein kleines Experiment begonnen und mich durch die aktuellen Ausgaben der folgenden Frauenzeitschriften gearbeitet: Für Sie, Freundin, Petra, Brigitte, Lisa, Gamour, Elle, und die amerikanische März-Vogue (mit der dicken Adele auf dem Titel, aber das ändert nichts am Inhalt). Dabei war ich auf der Suche nach Material, das für Thinspos geeignet wäre, aber auch nach Abbildungen von „fülligeren“ also mindestens normalgewichtigen Frauen. Das Ergebnis habe ich erst markiert, dann gescannt und dann zu einer Thinspo (der besonderen Art) verarbeitet - mit der für dieses "Mini-Genre" charakteristisch dramatischen Musik (P.S. da hat die GEMA mir nun einen Strich durch gemacht, die Musik ist jetzt nicht mehr ganz so mitreißend ; )). Pro Ana folgt, wie erwähnt, rigiden ästhetische Richtlinien – das heißt, es muss auffällige Magerheit gezeigt werden. Stockdünne Beine und Arme, Schlüsselbeine oder Rippen sollten deutlich erkennbar sein. Ich habe mich zum Schluss hauptsächlich an Beine gehalten – Oberschenkel, deren Umfang dem meiner Oberarme zu gleichen scheint. Und ich bin fündig geworden. Insbesondere Anna Wintour, nunmehr legendäres Chefredakteurinnenmonster der US-Vogue, lässt einen diesbezüglich nie im Stich. Grundsätzlich gilt natürlich: je teurer die Publikation, desto aufwendiger die Modestrecken – und desto dünner die Models. Ich habe jede Abbildung berücksichtigt, also auch die enthaltene Werbung. Die gelben und organgefarbenen Streifen stehen übrigens für „dünn“, die pinkfarbenen für „dick“.


Das Ergebnis spricht für sich. Wir haben nach wie vor alle unsere tägliche „Thinspiration“ auf dem Kaffeetisch rumzuliegen. Hier ist nun das Ergebnis meines Filmschaffens; "Triggerwarnungen" kann ich mir angesichts der oben genannten Quellen der Bilder eindeutig getrost sparen.

NH

Mittwoch, 27. Juli 2011

Zwischenruf: Der blanke Sommer

Darum sag' ich ja auch immer, man soll sich tunlichst von Fernsehern fernhalten, denn es führt unweigerlich ins Verderben, wenn man die Höllenmaschinen einschaltet. Naja, jedenfalls stehen die Chancen für Schrecken und Chaos ziemlich gut. Wobei das natürlich wie alles eine Frage der Einstellung ist. Wer Freude daran hat zu beobachten, wie Frauen in großer seelischer Not ausgebeutet werden, um auf möglichst billige Art und Weise Sendezeit zu füllen, für den gibt es offenbar bereits schon seit 4 Staffeln eine echte Alternative zu Bauer sucht Frau ; ): Extrem Schön bei RTL2, dienstags um 22:10.

Ich hatte ja mal wieder keine Ahnung, was alles möglich ist, bis mir jemand davon erzählte. Und das hier ist beileibe kein Fernsehtipp. Es ist mehr eine Art Erfahrungsbericht. Immerhin kann man sich mit dem Thema Selbsthass und Körperbild kaum drastischer auseinandersetzen, als den Körper in einer nicht unblutigen Monsteroperation unter Einsatz seiner Gesundheit bzw. seines Lebens und von Kameras festgehalten umformen zu lassen. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von der Radikalität der Operations-Inszenierungen der Künstlerin Orlan war, deren Erhöhungen über den Augen nach wie vor ein Symbol für die Konflikte und Möglichkeiten der Selbstgestaltung sind. Eine ihrer Feststellungen war, dass die Haut in der man steckt, ohnehin nie zum dem passt, was man gerade sein will.



Die Möglichkeiten, sein Körperbild selbst zu bestimmen, sind heute scheinbar beinahe unendlich. Ich kann mit meiner Erscheinung machen, was ich will - vorausgesetzt ich habe einen freien Willen. Warum gehen eigentlich nicht mehr Leute zum Chirurgen, um sich Spock-Ohren machen zu lassen? Oder um auszusehen, wie ihre Großmutter, die sie sehr bewundert haben - und die eine richtig große, stolze Adlernase hatte? Naja, weil man das eben nicht macht. Alle würden denken, man spinnt! Der Chirurg würde den Eingriff ablehnen! Und in die Bewerbung zur Teilnahme an "Extrem schön" sollte man das auch nicht schreiben. Wir sind nicht frei. Wir bekommen dauernd gesagt, was "extrem schön" ist. Und den Kandidatinnen wird offenbar gleich "ein neues Leben" mitgeliefert - implantiert, wenn man so will.

Was man zunächst sieht, sind geschundene Körper. Dass es schorfig und anstrengend werden würde, hatte ich vermutet. Ich sehe Nicole dabei zu, wie sie sich windet und "vor Schmerzen kaum atmen kann", während die Musik mit grotesker Theatralik immer weiter anschwillt. Und mir geht aus irgendeinem Grund die biblische Drohung "unter Schmerzen sollst du (...) gebären"* durch den Kopf. Dann schwant mir Übles: Hier wird jemand für seine Hässlichkeit bestraft und gleichzeitig errettet. Aber kein Zuschauer soll auf die Idee kommen, eine Errettung sei so einfach zu haben.
*(Ich sehe gerade, Orlan verwendet die Bibelstelle in ihren Ausführungen auch - vermutlich war sie mir deshalb so präsent. Auf jeden Fall bezeichnet Orlan sie als das, was sie auch ist - als lächerlich.)

Während Nicoles Ehemann dafür ist, die Sache abzubrechen, macht Nicole tapfer weiter und verdient und erleidet sich so am Ende eine neue Nasenspitze, einen Po, der mit Fett aus ihrer eigenen Taille aufgepolstert wurde, ein neues Kinn, gestraffte Augenlider, Silikonkissen in der Brust, einen gestraften Bauch sowie - man höre und staune "weibliche" Zähne. Überhaupt ist jetzt endlich alles an ihr weiblich, weiblich, weiblich! Man fragt sich, was die mehrfache Mutter vorher war - eine gigantische Arbeiterameise vom Planeten Zuberon?

Nicole hat vor, von nun an durch das Leben zu tanzen. Man wünscht es ihr. Und trotzdem wünscht man sich viel mehr, man hätte das alles lieber nicht miterlebt. Man wünscht sich, Nicole hätte sich selbst einfach mal die Haare gewaschen und sich einen neuen Zahnarzt gesucht. Und hätte dann gesagt "ihr könnt mich alle mal". Und man hätte sich niemals in ihre Wiedergeburt im Operationssaal hineingezappt. Man versteht den Selbsthass und die Selbstzweifel der Kandidatinnen so erschreckend gut - und fühlt gleichzeitig, dass es höchste Zeit ist für einen Aufstand der Hässlichen...nur selber anführen möchte man ihn lieber auch nicht...

Mein neues Lieblingswort ist übrigens "Fettverteilungsstörung".

Und wo ich nun schon auf Krawall gebürstet bin: Sollte jemand gerade die Bunte letzter Woche zur Hand haben?...Ja?...Ist es nicht fabelhaft, wie unverkrampft die Redaktion die Begriffe "Schlankheitswahn" und "lustvoll" miteinander verknüpft? Die in sonnengelben Lettern gestellte Frage "Macht dünn glücklich?" kann man damit wohl getrost als beantwortet betrachten. Klar, Hungern ist die pure Freude. Fast so schön, wie sich lustvoll die Haare auszureißen. Oder sich lustvoll vor einen Zug zu werfen. Die Chefredakteurin Riekel gibt in ihrem "Bild der Woche" dann noch zu bedenken, dass Dünnsein das "Ticket in die Society" sei. Ebenfalls bemerkenswert - der kleine Beitrag über Frauen-Fußball auf Seite 71. Alice Schwarzer erklärt im Kasten links: "Am besten, eine Fußballerin erregt Aufsehen mit dem Ball - und nicht mit dem Busen." Und rechts kürt die Bunte dann die "fünf attraktivsten Spielerinnen". Mit Verlaub - im Sommerloch kann es doch immer noch ein wenig schwärzer werden, als man denkt.

Und das Abendessen steinreich:


Ja doch, ich mache weiterhin Diät...Mal sehen, in was für Gesellschaft ich da noch gerate.

NH