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Sonntag, 11. Mai 2014

Pro Ana Haul

Mein Post über Pro Ana und die damit verbundene "Subkultur" ist nach wie vor der meistgelesene in der Geschichte dieses Blogs. Ich bin überzeugt, dass eine Viel- und vielleicht auch Mehrzahl derjenigen, die diesen Suchbegriff eingeben, dieses nicht tun, um sich schlicht zu informieren. Da hilft alles nichts: Anstiftung zur Anorexie ist in unserer Kultur nuneinmal weitaus beliebter als Fettakzeptanz. Ich weiß, ich habe es schon oft gesagt, aber man kann es ja gar nicht oft genug wiederholen - um herauszufinden, dass das die Wahrheit ist, braucht man einfach nur irgendeine beliebige Frauenzeitschrift aufzuschlagen.

Oder man geht in den Supermarkt.


Als ich bei real in der Schreibwarenabteilung vor dem Regal mit Produkten für Mädchen stand, weil mich eine Federtasche in Pink mit einer dicken, grauen Katze vorne drauf wie eine Schlafwandlerin herangewunken hatte (ja, ich bin 42, deswegen darf ich doch wohl trotzdem gucken, wenn etwas glitzert), lief es mir plötzlich eiskalt den Rücken runter. Es war ein veritables Déjà Vu. Ich brauchte nur ein Weilchen, um die Bilderwelt auf den Ordnern, Bleistiften, Notizbüchern und Kaffeebechern zuzuorden. Zuerst dachte ich: Wäre ich so um die 12 Jahre alt - ich würde mich um dieses Tagebuch reißen. Und irgendetwas im mir tut es sogar auch jetzt noch." Tatsächlich fiel mir erst auf dem Weg nach Hause ein, woher ich eine ähnliche Ästhetik kannte. Die dünnen, verhuschten Feen mit den weitaufgerissenen Augen. Die schwachen Ärmchen, die Flügel und die im Wind verkitschter Todessehnsucht wehenden Haare, der leere, generische Gesichtsausdruck. Und zwar kannte ich das alles von den Pro-Ana-Seiten im Internet, auf denen ich einst Recherche zum Thema betrieben hatte.

Wie passend auch, das Ganze auf ein verschließbares Tagebuch zu drucken, wo doch das Abschirmen gegen den Rest der Welt und das Konstruieren einer mystischen, traurig-pastelligen Geheimwelt ein integraler Bestand der Pro-Ana-Kultur sind und waren. 2007 habe ich gesagt, dass wir alle ein wenig "Ana" sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sieben Jahre später sieht die eisige Märchenwelt der Pro-Anas noch immer gleich aus. Nur die Hersteller von Papier- und Geschenkartikeln scheinen irgendwie tatsächlich nachgezogen haben. Dabei ist nicht nur die Übereinstimmung der Motive und der Farbgebung bemerkenswert, sondern auch die bestimmter Schwerpunkte. Im Post von 2007 habe ich beschrieben, wie einige Merkmale von Magerkeit von besonders großer Bedeutung sind - so ist das Hervorstehen des Schlüsselbeins ein entscheidender Schönheitsstandard in der Welt von Pro Ana. Auf Kaffeebechern für junge Mädchen aber offenbar auch, siehe weiter unten.

Tagebuch von Top Model

Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz
 
Tasse von Top Model
 
Frische Bilder von Pro-Ana-Seiten aus dem Netz - und ja, die sind da so kopflos. Auf Köpfe kommt es schließlich nicht an.
 
Da lobe ich mir alle Prinzessinnen, die noch genug Kraft haben, um einen Hasen und einen Malstift anzuheben, um ihre Krone selbst zu basteln. In meinem Buch stinkt Pink ja bekanntlich nicht. Und Kronen kann man nie genug haben...solange man sie mit der richtigen Einstellung trägt.
 

Voilà! ; )

NH

Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Septemberausgabe


Es war Juni, als die "Health Initiative" der VOGUE Chefredakteurinnen weltweit vorgestellt wurde. Zugegeben - es war mir immer unklar, WER im Zuge der schwammigen Aktion WIE gesünder werden sollte, aber die in den Medien gängige Lesart war, dass VOGUE sich in Zukunft bemühen würde, ein realistischeres und damit gesünderes Körperbild zu transportieren. Sprich, so ziemlich alle dachten, die Tatsache, dass die Redaktionen in Zukunft nicht mehr WISSENTLICH mit essgestörten Models arbeiten wollten, würde automatisch dazu führen, dass die abgebildeten Frauen/Mädchen fortan auch mehr auf den Rippen haben. Von mir hätten gleich alle erfahren können, dass das nichts wird. Aber mich hat mal wieder keiner gefragt.

Die "September Issue" ist anzeigentechnisch die wichtigste und damit auch die dickste Ausgabe des Jahres. Insbesondere in den USA hat sie Kultstatus und hat in diesem Jahr gut 900 Seiten. Und ich dachte mir, es ist nun auch an der Zeit, in den Magazinen selbst nach den Zeichen positiver Veränderungen als Resultat der "Health Initiative" Ausschau zu halten, und diese dann zu dokumentieren.......tja...

Ich bin VOGUE-Leserin seit ich 16 bin, und natürlich weiß ich heute, dass das höchstwahrscheinlich ein nicht zu vernachlässigender Teil meines Problems ist. Das Schönheitsideal der VOGUE war immer unrealistischer, gnadenloser und DÜNNER, als das aller anderen Frauenmagazine. Und daran, so scheint es beim Durchblättern der deutschen, französischen und US-amerikanischen Septemberausgabe, wird sich auch nichts ändern. Zwei "dicke" Frauen (deren Kleidergröße vermutlich größer als 44 ist) habe ich auf den insgesamt 1675 Seiten gefunden. Die eine war Queen Latifah (US), die andere Toni Morrison (Frankreich).

Im April hatte ich mich bereits gefragt, ob wir nicht alle ein bisschen "Pro ana" sind, ob unsere Gesellschaft im Hinblick auf Körpergewicht und gängige Schönheitsideale, sowie den Zwang, diesen zu entsprechen, sich nicht im Grunde verhält, wie eine eingeschworene Gruppe essgestörter Teenager, die sich unablässig gegenseitig darin bestärken, noch härter an sich zu arbeiten, um eines Tages wahrhaft perfekt (dünn) zu werden. Eines der Argumente war, dass "Thinspos" (Sammlungen von Darstellungen sehr dünner Frauen, die zur Motivation dienen, stark zu bleiben und nicht zu essen), die einen wesentlichen Teil der Pro-Ana-Kultur darstellen, im Prinzip in jedem Modeblatt zu finden sind. Wir alle werden täglich mit "Thinspos" motiviert, ja nicht so zu bleiben, wie wir sind.

Health Initiative hin oder her - als Thinspo dient jede VOGUE noch immer hervorragend. Untergewichtige Mädchen so weit das Auge reicht. Ich hatte ja bei meiner letzten Thinspo mit aus Frauenzeitschriften entnommenen Abbildungen (der Schwerpunkt liegt wie vormals auf besonders dünnen Beinen und hervorstehenden Schlüsselbeinen, sowie bemerkenswert schmalen Taillen) schon ein wenig "subversives Fett" eingebaut. Was die VOGUE nicht kann, kann ich schon lange, und so habe ich diesmal bei meiner speziellen "September Issue Thinspiration" noch ein paar mehr dicke Damen eingeschleust.

Wer nun gezielt nach ihnen Ausschau hält, und ganz im Geiste der Sesamstraße herausfindet, welches Ding anders ist, als die anderen, kann etwas gewinnen. Ich weiß noch nicht was, weil ich das mit dem Preis eben erst beschlossen habe, aber es wird etwas Schönes geben (Buch oder DVD).Wer mitmachen will, muss mir nur bis einschließlich Freitag die richtige Zahl der Bilder mit vergleichsweise runden Frauen in der Thinspo mailen* und kommt wieder in den Verlosungshut. Ich melde mich dann bei den GewinnerInnen, um die Adresse zu erfahren.

*office(at)nicola-hinz.com

NH
 

Sonntag, 1. April 2012

Auf der Suche nach der Mopsfledermaus

Ja, hat bisher super geklappt, mit meinem Vorsatz, in diesem Jahr mehr zu schreiben, ich weiß… ; ). Aber so geht es mir mit all meinen Vorsätzen, sogar damit, endlich meiner inneren Crazy Cat Lady mehr Raum zuzugestehen.

Zu meinem Erstaunen hat das faktische Brachliegen des Blogs jetzt aber nicht unbedingt dazu geführt, dass die Klick-Zahlen weiter abgesackt sind – tatsächlich sind sie so (hoch oder niedrig) geblieben, wie sie waren. Die Pessimistin würde nun sagen, es ist also völlig egal, ob du für diese Seite noch Texte produzierst oder nicht. Die Optimistin sagt sich – ist doch toll, ist nichts verloren. Und die Leserinnen schauen immer mal wieder, was du so machst. Beides stimmt wohl ein bisschen, aber tatsächlich sind die halbwegs unveränderten Leserinnenzahlen insbesondere in letzter Zeit das Ergebnis der Nachfrage für einen bestimmten Beitrag: AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns. Seit Bestehen dieses Blogs, ist er nicht nur der meistgelesene Eintrag, er wurde tatsächlich über ACHTMAL öfter angeklickt, als der zweitmeistgelesene. Weil er in Suchmaschinen unter dem Begriff „Pro Ana“ aufgeführt wird. Und das interessiert offenbar sehr viel mehr (meiner Vermutung nach weibliche) Menschen, als Fettakzeptanz, „politische Körper“, oder…naja, tote Katzen.

Eine weitere Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass Bilder vielen Menschen sehr wohl erheblich mehr sagen, als Worte. Vielleicht hätte man das wissen können, aber ganz so klar war es mir dann doch nicht. Jeder Post eines Bildes auf dem frischen und ja auch noch immer gänzlich unerklärten und unkommentierten THE UGLY GIRL PROJECT hat mehr Publikum, als ein Blogbeitrag hier (na ja, mit einer Ausnahme eben). Gleichzeitig habe ich bestimmte Blogs von, zumeist amerikanischen, Fettaktivistinnen, verwaist vorgefunden. Oder Homepages von Projekten zur Fat Acceptance sind plötzlich nicht mehr auffindbar. Ich kann mir natürlich gut vorstellen, dass es oft einfach zu viel Energie kostet, mit einem dicken Körper zu leben und diesen dann auch noch in einem Umfeld verteidigen zu wollen, das entweder ablehnend oder schlicht überhaupt nicht interessiert ist. Und ich gebe gern zu, dass ich es bis heute ja noch nicht einmal groß versucht habe. Stattdessen koche ich wieder Kohlsüppchen zum Abnehmen…aber dazu kommen wir dann später.

Die Revolution der Dicken, sie findet nicht statt. Auch und schon gar nicht in der Welt der Frauenzeitschriften. Was Leserinnen bekommen, sind leere Versprechungen und die gelegentliche Dicke, die einem dann als Errungenschaft angepriesen wird und im Gesamtspektrum der Modemagazine dennoch exotischer ist als eine Mopsfledermaus.

Die These des Beitrags von 2007 war, dass wir alle ein wenig pro Ana sind. Und er beschreibt ein wichtiges Motivationsinstrument der „Bewegung“: Thinspos (Thinspirations) – Sammlungen von Bildern von dünnen Frauenkörpern, die dabei helfen sollen, die eigene Diät durchzuhalten, um das vorgegebene Schönheitsideal selbst zu erreichen. Ungeachtet all der Dinge, die ich auch gern hier erzählen würde, habe ich gestern ein kleines Experiment begonnen und mich durch die aktuellen Ausgaben der folgenden Frauenzeitschriften gearbeitet: Für Sie, Freundin, Petra, Brigitte, Lisa, Gamour, Elle, und die amerikanische März-Vogue (mit der dicken Adele auf dem Titel, aber das ändert nichts am Inhalt). Dabei war ich auf der Suche nach Material, das für Thinspos geeignet wäre, aber auch nach Abbildungen von „fülligeren“ also mindestens normalgewichtigen Frauen. Das Ergebnis habe ich erst markiert, dann gescannt und dann zu einer Thinspo (der besonderen Art) verarbeitet - mit der für dieses "Mini-Genre" charakteristisch dramatischen Musik (P.S. da hat die GEMA mir nun einen Strich durch gemacht, die Musik ist jetzt nicht mehr ganz so mitreißend ; )). Pro Ana folgt, wie erwähnt, rigiden ästhetische Richtlinien – das heißt, es muss auffällige Magerheit gezeigt werden. Stockdünne Beine und Arme, Schlüsselbeine oder Rippen sollten deutlich erkennbar sein. Ich habe mich zum Schluss hauptsächlich an Beine gehalten – Oberschenkel, deren Umfang dem meiner Oberarme zu gleichen scheint. Und ich bin fündig geworden. Insbesondere Anna Wintour, nunmehr legendäres Chefredakteurinnenmonster der US-Vogue, lässt einen diesbezüglich nie im Stich. Grundsätzlich gilt natürlich: je teurer die Publikation, desto aufwendiger die Modestrecken – und desto dünner die Models. Ich habe jede Abbildung berücksichtigt, also auch die enthaltene Werbung. Die gelben und organgefarbenen Streifen stehen übrigens für „dünn“, die pinkfarbenen für „dick“.


Das Ergebnis spricht für sich. Wir haben nach wie vor alle unsere tägliche „Thinspiration“ auf dem Kaffeetisch rumzuliegen. Hier ist nun das Ergebnis meines Filmschaffens; "Triggerwarnungen" kann ich mir angesichts der oben genannten Quellen der Bilder eindeutig getrost sparen.

NH

Samstag, 18. Juni 2011

Vom anderen Planeten


Und wo wir gerade davon sprachen: Ein Püppchen / Fetisch aus Stein oder Ton, das das Körperideal des Künstlers und seiner Zeit wiederspiegelt?...Ich habe bei Ausgrabungen / beim Aufräumen in meinem Keller MEINE persönliche Venus von Willendorf wiedergefunden. Sie ein Relikt aus den späten 80ern. Und das war VOR Kate Moss und Heroin Chic. Von mir im Kunstunterricht erstellt. Das Thema war vermutlich: „Nehmt mal einen Klumpen Ton und macht was Schönes damit.“ Und das habe ich getan. Ich weiß, dass es eine weibliche Figur ist, auch wenn man es im Prinzip nicht sieht. Allerdings wäre es mir als Teenager nie in den Sinn gekommen, bei freier Aufgabenstellung ein Kunstwerk zu fabrizieren, das sich nicht mit MIR, MIR, MIR beschäftigt hätte. Dafür wird überdeutlich, dass ich etwas für lange, dünne Hälse und knochige Schultern übrig hatte. (Kann auch nicht sagen, dass es heute ganz und gar anders wäre.)




Erst war ich erschüttert, als ich sie auspackte. Garantiert war ich auch gerade wieder dabei, eine Diät zu machen, als die Figur entstanden ist, denn ich habe als junges Mädchen immer irgendwie Diät gemacht. Zumindest im Kopf. Und ich musste natürlich sofort an Pro Ana Ästhetik denken. Die Verherrlichung von sich dahinschleppendem, ausgemergeltem Weltschmerz. Und ich bin überzeugt, dass die Figur eine unbeabsichtigte, aber umso deutlichere Darstellung einer vorhandenen Essstörung sowie des ewigen Kampfes mit dem eigenen Körper und nicht erfüllten Idealen ist. Und sie ist bereits über 20 Jahre alt.


Aber: Obwohl die Figur wie die Venus von Willendorf kein Gesicht hat, scheint sie erstaunlicherweise trotzdem einen Ausdruck zu haben, vielleicht sogar mehrere. Und sie hat Arme, die ihren langen, dünnen Oberkörper nach außen hin definieren und abgrenzen. Dafür verfügt sie weder über einen Unterleib (genau genommen knickt sie gerade an der Stelle besonders weit ein), noch über echte Beine. Sie hat eine Art Sockel – auf dem sie jedoch erstens recht stabil steht, und in dem zweitens eine unbestreitbare Dynamik steckt. Sie scheint sich trotz allem vorwärts zu bewegen. Möglichweise schwebt oder wabert sie aber auch eher, als dass sie wirklich einen Fuß vor den anderen setzt. Glücklicherweise marschiert sie zumindest nicht. ; ) Sie hat Richtung, Ernsthaftigkeit, Haltung und irgendwie – Bestimmtheit. In der Hinsicht ist in der Tat das, was ich immer sein wollte. Und insofern erzählt sie die uralte Geschichte von dem Leben und dem Ich, für das das Dünnsein immer als symbolischer Platzhalter herhalten musste.


Nun steht sie also auch auf dem Schreibtisch, neben der kleinen, dicken Venus (die, wenn man ehrlich ist, allein auf ihren Füßchen ja gar nicht stehen kann). Ich finde, sie sind ein interessantes Paar. Aber wer bin ich?

NH

Sonntag, 29. Mai 2011

Wie das Veilchen im Moose...

Bei den Themen Krankheitsrisiko Übergewicht sowie Fett-Akzeptanz laufen mir gleichermaßen regelmäßig die Abonnentinnen weg. Was soll mir das sagen? Beides ist offenbar nichts, womit man einen Blumentopf gewinnt. Ist ja klar. Sonst gäbe es davon ja auch mehr auf Hochglanz-Titelblättern zu sehen. Wäre ich also Redakteurin eines Frauenmagazins, dessen Kampf um die Auflage täglich gefochten wird – was würde ich tun? Riiichtig: Tun, was sie alle tun und noch einen schicken Diät-Plan und noch mehr Motivationstips posten…Oder noch mehr zum Thema Pro Ana, denn das scheint ein echter Renner zu sein. Es stellt sich die Frage, was die meisten neuen Leserinnen hofften zu finden, als sie über die Eingabe des Suchbegriffs Pro Ana via Google bei uns gelandet sind. Ich frage mich auch, wie es mit den Leserinnenzahlen aussehen würde, wenn ich es machen würde wie Kenneth Tong.

Im Jahr 2009 war der Herr Tong sage und schreibe 5 Tage im britischen Big Brother Camp. Der für die Sendung zuständige Psychologe bezeichnete ihn danach als einen „Soziopathen wie aus dem Lehrbuch“. Seine warholschen 15 Minuten im internationalen Scheinwerferlicht verschaffte er sich allerdings, als er Anfang des Jahres bei Twitter eine Kampagne startete, in der er angeblich den baldigen Vertrieb einer „Size Zero Pill“ ankündigte, im Vorfeld von „kontrollierter Anorexie“ schwafelte und fässerweise Häme und Bösartigkeiten über nicht-dünnen Menschen ausschüttete. Was folgte war – wie nicht anders zu erwarten – eine Welle von Empörung. Prominente, allen voran Rihanna, verlangten von Twitter, den gemeingefährlichen Herrn Tong zu stoppen und sein Konto zu sperren. Der hatte innerhalb weniger Tage mehr Presse generiert, als sich vermutlich selbst einer wie er je in seinen wildesten Träumen ausgemalt hätte: Von Grazia, über die Sunday Times bis zum Guardian sprangen sie alle auf den Zug des Soziopathen Tong. Und hätten letztendlich allesamt kostenfrei Werbung für ihn und seine Diät-Pille gemacht. Denn wo viel laute Missbilligung wütete, da war natürlich ebenso viel Neugier, Interesse und Zuspruch – u. a. direkt von der zukünftigen Zielgruppe auf Twitter. Doch Tong beendete das Ganze, bevor der Rummel noch größer wurde, indem er erklärte, es habe sich alles nur um ein „Medienexperiment“ gehandelt, das allerdings erschreckend glatt gelaufen sei. Er distanzierte sich von „Managed Anorexia“ und kündigte an, einer britischen Organisation zur Bekämpfung von Essstörungen einen substantiellen Betrag spenden zu wollen. Die Frage, ob Tong wirklich vorgehabt hatte, eine Size Zero Pill auf den Markt zu bringen, wird ungeklärt bleiben. Wenn das tatsächlich sein ursprünglicher Plan gewesen sein sollte, dann war er längst nicht so skrupellos, wie alle gedacht hatten. Denn er musste schließlich die Küche verlassen, weil es ihm dort zu heiß wurde. Offenbar ist es unter bestimmten Voraussetzungen unmoralisch, Menschen zu sagen, sie sollen dünn werden. Es sei denn, sie sind dick - dann ist es quasi eine Bürgerpflicht. Oder man nennt es „komplette Nahrungsumstellung“. Dann ist es auf so gut wie jeden anwendbar, aber scheinbar längst nicht so anstößig wie Tong’s „You deserve a skinny body“. Ich habe es schon einmal gesagt, aber ich sage es immer wieder gern: Die Küche, die Tong zu heiß wurde, ist die selbe, in der sich Fotoredakteurinnen, Modelagenten und Modeschöpfer Tag für Tag gemütlich einrichten.

Moral hin und/oder her. Das Schuld-Karussell in den Medien dreht sich für alle Körperformen. Zu dick, was immer das ist, ist in der Regel schlecht. Aber zu dünn, was immer das ist, ist es mitunter auch! Wobei hier bei der Bewertung oft schlicht und ergreifend die Platzierung der Kamera den Ausschlag gibt. Wird Angelina Jolie, um deren aderdurchzogene, magere Unterärmchen* sich alle Jahre wieder Journalisten in aller Welt so große Sorgen machen, tatsächlich nun schon seit Anbeginn der Zeit immer dünner und dünner UND kränker und kränker UND gestörter und gestörter? Und wenn ja, wie schafft sie es bloß, dabei am Leben zu bleiben und Filme zu drehen? Oder ist sie seit Jahren einfach nur…dünn? Und wieso können wir sie es nicht einfach sein lassen? Weil wir alle wissen, was gut für sie ist, aber sie einfach nicht hören will? Das kommt der dicken Dame irgendwie bekannt vor. Während die Maßregelung des übergewichtigen Körpers allerdings in der Hauptsache auf echter Abscheu basieren dürfte (sowie auf der Angst und Selbstverachtung des „normalgewichtigen“ Betrachters), ist es beim untergewichtigen Körper vielleicht doch eher Neid. Weil da jemand verdammt nah am medial vermittelten Ideal dran ist. Dass man den eigenen Körper nicht kurzerhand gestalten kann, wie man will, ohne dass man sich rechtfertigen bzw. erklären muss, dürfte auch fast jeder wissen, der jemals eine Schönheitsoperation hat machen lassen. Schönheitsoperationen sind wie Crash-Diäten: Das Ergebnis ist oftmals durchaus erstrebenswert. Der Weg dahin jedoch ist in den Augen des Publikums weiterhin eigentlich unzulässig. Unehrlich. Riskant.

Ein GUTER Körper wäre einer, in dem sein-e Besitzer-in Frieden und Selbstbestimmtheit leben kann, egal was für eine Form er hat. Wer hat so einen Körper? Ich nicht. Nicht weil er dick ist. Weil mir Mut und Kraft dazu fehlen. Noch.

Hilf‘ mir, dünn zu werden, damit ich endlich einmal das Gefühl habe, verdammtnochmal irgendetwas wert zu sein.** Wer hat sich je wertlos gefühlt, weil irgendetwas an seinem Körper zu dick war? Wem kommen solch tiefe Verzweiflung und Verletztheit bekannt vor? Einfach mal die Hand heben…na also. Muss man eine 16-jährige Drama-Königin, um die Dringlichkeit und tiefe Traurigkeit dieses Wunsches zu begreifen? Ich denke nicht.

In den letzten Tagen ist mir gleich zweimal das passiert, was ich vorher eigentlich nur aus den Berichten anderer dicker Menschen kannte – spontane Beschimpfung und Beleidigung durch wildfremde Leute. In Geschäften. Das eine war in der Tat eine Verkäuferin, die sich bei ihrer Kollegin über mich und meine Kleiderwahl ausließ (genau genommen echauffierte sie sich über die Größe des Kleides, das ich kaufen wollte), während ich im Prinzip neben ihr stand. Sie wusste, dass ich sie genau hören konnte. Aber es war ihr egal. Erst begreift man es nicht so recht. Und dann weiß man echt nicht, was man machen soll. Ärgert mich immer noch, aber so war es. Und ich habe nichts gesagt. Nur erstaunt geguckt...Allerdings halte ich mir noch immer die Option offen, ihrem Arbeitgeber mitzuteilen, dass es vermutlich langfristig besser fürs Geschäft ist, wenn das Personal erst dann lautstark über die Kundschaft herzieht, wenn diese die Ware bereits bezahlt hat…Und dann ging ich gestern in ein Möbelgeschäft, weil ich dachte, da sei man sicher vor den Verkäufern – zumindest solange man sich mit seinem Elefantenhintern nicht auf Kinderstühlchen quetscht. Dummerweise hatte ich nicht mit den anderen Kunden gerechnet. Ich ging an einem Tisch vorbei, an dem eine andere Frau auch vorbeigehen wollte. Sie wich dann zwar aus, aber nicht ohne mir etwas entgegen zu zischen, von dem ich nur das letzte Wort verstand: FETT! Erstaunlich wie weh das tut, wenn man ehrlich ist. Und dann ertappt man sich dabei, wie man darüber nachdenkt, dass man doch schon viel fetter war als heutzutage - warum geschieht einem das denn ausgerechnet jetzt? Als ob man es früher eher verdient hätte, so behandelt zu werden. Man sucht doch tatsächlich nach Gründen, oder gibt sich gar selbst die Schuld. Wie ein dickes, fettes Veilchen zieht man beschämt den Kopf ein und versucht, sich im moosigen Schatten unsichtbar zu machen. Nach all der Zeit und der Erfahrung, die man hat. Dabei gibt es nur einen Grund, warum einem so etwas passiert: Die, die da pöbeln, sind Idioten. So einfach ist das. Das nächste Mal, wenn jemand dir als dicker Dame auf welche Art und Weise auch immer nahelegt, dich zu verstecken, dich zurückzunehmen, den Mund zu halten, oder es endlich gut sein zu lassen, verpass‘ ihnen eins – ein Veilchen.

Aber wo wir gerade über Kleider sprechen: Ich bin ja immer noch auf der Suche nach MEINEM Kleid, nach dem Kleid, das wirklich sagt, wer ich bin und das ich TROTZ MEINER GRÖSSE GERN IN MEINER GRÖSSE HÄTTE, aber im Laden nie bekommen werde, so dass ich es werde nähe lassen müssen. Und ich glaube, ich habe es u. U. doch schon gefunden. Vielleicht sogar in Gelb. Aber vielleicht auch eher in Mauve. Da bin ich noch unentschieden. Na, was meint ihr - wie würde das hier wohl in einer Größe 46 aussehen? Die Vorstellung muss man auch erst einmal aushalten, nicht wahr? ; )


Grundsätzlich habe ich ja gesagt, dass ich weiterhin plane, Gewicht zu verlieren. Was allerdings das Rohkostprogramm betrifft...da werde ich nun doch lieber auf Entwarnung warten. Ich hasse eigentlich Panikmache und habe trotzdem schweren Herzens Gurken entsorgt. Aber über den nächsten Salat werde ich dann auch aus gegebenem Anlass den wunderbaren Veilchenessig gießen, von dem ich durch Shushans Blog erfahren habe.

*Ist ganz interessant! Einfach mal googeln: Angelina Jolie veins – der letzte Eintrag auf der ersten Ergebnisseite ist bereits von 2006.

**helpmegetthin.tumblr.com ist ein Pro Ana Motivationsblog

NH

Sonntag, 22. Mai 2011

AUS DEM ARCHIV: Pro Ana - die Religion des Verhungerns


Der folgende Text wurde 2007 bereits bei candybeach.com veröffentlicht - damals (bezeichnenderweise) unter der Rubrik "Body Watch". Er beschäftigt sich mit der Subkultur Pro Ana, deren Ausgangspunkt und Grundlage Magersucht ist. Ich stelle den Artikel hier aus gegebenem Anlass nochmals zur Information für alle Interessierten ein, weil ich gerade an einem neuen Blogpost arbeite, der sich ebenfalls mit dem Thema "Essstörungskultur" beschäftigen wird.

...

„Man kann nie zu reich oder zu dünn sein.“ Wallis Simpsons Zitat ist einfach so wunderbar zickig, ironisch und übertrieben, dass ich es gerahmt und auf meine Fensterbank gestellt habe. Ironie muss man allerdings als solche erkennen und verstehen. Fehlt dieses Verständnis, kann es verdammt unangenehm werden – sowohl für die direkt Betroffenen als auch für das erschrockene Publikum. Das Publikum wäre in diesem Fall ich – und wie es einem manchmal im Kabarett oder bei Zaubervorstellungen passieren kann, besonders dann wenn man in der ersten Reihe sitzt, gerät man leicht in Gefahr, unbeabsichtigter Weise ein Teil des Spektakels zu werden.

Pro Ana (Pro Anorexie) ist kein ganz frisches Phänomen. Die „Bewegung“, deren Anhängerinnen Anorexie nicht (nur) als gefährliche Essstörung verstanden wissen wollen, sondern vielmehr als ästhetisches Manifest und Lifestyle, entstand bereits vor Jahren in den USA und hat sich seitdem mit rasendem Tempo ausgebreitet – auch deshalb, weil nicht geringe Teile des Publikums im Verlauf der Entwicklung in die Show eingestiegen sind – schlicht weil sie ohnehin anfällig und damit leichte Beute waren. Weil sie sich zu dick und hässlich fühlten und davon träumten stattdessen schön und schlank zu sein und die Nahrungsaufnahme des eigenen Körpers endlich unter Kontrolle bringen wollten, um dieses Ziel zu erreichen. Pro Ana macht ihrem Namen alle Ehre und leistet ganze Arbeit im Dienste der Mitgliederrekrutierung und der Verbreitung einer lebensgefährlichen Krankheit – der Magersucht. Es gibt eine eigene Pro Ana Subkultur, die ihre eigenen Symbole hat (Libellen, Schmetterlinge, Feen sowie einen Farb-Code, der anzeigt, ob man Pro Ana (rot) oder Pro Mia (Bulimie, lila) ist) und ihre eigene spezifische Bilderwelt, in der Mode und Märchenromantik mit einer morbide-schicken Szenerie der stilisierten Selbstzerstörung und Verzweiflung kombiniert werden.

„Thinspirations“ – Sammlungen von Bildern von superdünnen Mädchen und Frauen sind ein zentrales Element der Subkultur. Manche Bilder sind zusätzlich bearbeitet, um die abgebildeten Frauen noch abgemagerter aussehen zu lassen. Hervorstehende Beckenknochen und deutlich hervortretende Rippen sind hierbei offenbar von besonderem Interesse. Die Bilder sollen dazu motivieren, „durchzuhalten“ und natürlich immer dünner zu werden. Gleichzeitig schaffen und stützen Sie den grundsätzlichen atmosphärischen Hintergrund für die Bewegung. Pro Ana ist eine weibliche Kultur, und sie romantisiert konsequent das Leiden des ewigen Mädchens in einer rauen, plumpen Welt. Außerdem gibt es da Anas zehn Gebote. Gebot 1 lautet: Wenn du nicht dünn bist, bist du nicht attraktiv. Gebot 2 besagt: Dünn zu sein ist wichtiger, als gesund zu sein. Und - als hätte man es nicht schon geahnt – lautet das 9. Gebot: Du kannst nie zu dünn sein. Die Bewegung hat sogar ihre eigene Ernährungspyramide, der zu entnehmen ist, dass das Hauptnahrungsmittel Wasser sein sollte, gefolgt von Diät-Pillen und Light-Getränken.

Trotz periodischer öffentlicher Aufschreie, wenn das Thema mal wieder zum Thema gemacht wird, blüht Pro Ana weiter. Daran hat auch die Tatsache, dass z. B. Internet-Service-Provider und Suchmaschinen wie Google versucht haben, Pro Ana-Inhalte zu begrenzen bzw. zu entfernen, nicht viel ändern können. Viele der einschlägigen Webseiten schotten sich mittlerweile mit Passwörtern ab, und so manches Pro Ana Forum gleicht einem elitären Club, für dessen Aufnahme man sich bewerben und dann empfohlen werden muss. Die meisten der Pro Ana Internet-Angebote, fordern Besucher auf, sich zunächst eine Erklärung durchzulesen, in der einerseits erklärt wird, dass man nicht wirklich „Pro Ana“ sei, sondern sehr wohl wisse, dass man es hier mit einer Krankheit zu tun hat, die man nicht verherrlichen sollte. Andererseits werden Besucherinnen gewöhnlich aufgefordert, wieder zu gehen, wenn sie nicht schon anorektisch sind, weil der Besuch der Website eine Essstörung „triggern“, also erst hervorrufen könnte. Dass es auf den meisten dieser Seiten nicht um Romantisierung der Anorexie und des Verhungerns geht, sondern um das „Leben mit einer Krankheit“ geht, dürfte mehrheitlich ganz klar eine Schutzbehauptung und somit schlicht nicht wahr sein – ihre optische und auch inhaltliche Ausstattung sprechen zumeist eine andere Sprache. Dass diese Seiten „triggern“, also zu einem Ausbreiten der Magersucht erheblich beitragen, ist hingegen erwiesen.

Nun hatte ich ja eigentlich vor, mich an dieser Stelle auch mal mit Themen zu beschäftigen, die nicht Diät-bezogen sind, aber nun geht es heute doch nicht anders. Denn: Ich sitze in der ersten Reihe – das wurde mir bei der Recherche in der schaurigen Welt der „Pro Ana“ klar. Ich bin eigentlich AUCH immer wieder mit meiner Kleidergröße befasst. Ich würde AUCH gern weiterhin Gewicht verlieren. Ich will AUCH auf keinen Fall wieder zunehmen. Ich wünsche mir AUCH immer mal wieder, meine Selbstkontrolle in Bezug auf Essen wäre verlässlicher und besonders die im Internet zu findenden Pro Ana „Thinlines“, die helfen sollen, diese Kontrolle über den eigene Hunger auszuüben, kommen mir irgendwie bekannt vor: „Nichts schmeckt so gut, wie dünn zu sein sich anfühlt.“ Oder: „Der Unterschied zwischen Wollen und Brauchen ist Disziplin.“ So etwas hatte ich garantiert auch schon am Kühlschrank zu stehen – zumal ich ohnehin eine Freundin der positiven Selbstsuggestion bin. Vor diesem Hintergrund jedoch, muss man doch schlucken. Und ist ein bisschen entsetzt. Ich finde sehr schlanke Körper AUCH schön (schöner als meinen) – und vieles von dem, was den Pro Anas als „Thinspiration“ dient, sehe ich mir AUCH gern an. Jede Frau, die ein Abo für ein beliebiges Hochglanz-Modemagazin hat, tut das. Deshalb ist Pro Ana so erfolgreich und so gefährlich: Weil die meisten von uns ohnehin schon ein wenig Pro Ana sind. Wie gesagt, man muss verdammt gut auf sich aufpassen. Der Weg von der Überesserin zur Nichtesserin, von der einen Essstörung zur anderen ist weniger unwahrscheinlich, als man vielleicht denkt. Ich würde gern schließen mit einem Zitat aus meiner Lieblings-Fernsehsendung „Absolutely Fabulous“: Es muss ein wirklich besonderer Moment sein, wenn Frauen auf dem Friedhof endlich das Gewicht erreichen, das sie immer haben wollten.“ Wallis Simpson war keine Idiotin – sie hat es NICHT ernst gemeint. Wer zu dünn ist, wird sterben. Punkt.

NH