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Sonntag, 17. Dezember 2023

The Ugly Girl Project: Closure

Was vielleicht jetzt einmal noch als trendige Körnigkeit zu rechtfertigen ist, ist tatsächlich nichts Anderes, als das Ergebnis des Versuchs, eine alternde Kamera noch einmal zu annehmbaren Resultaten zu zwingen. Sie hat offenbar so ziemlich den Geist aufgegeben. Das passt zu meinem Jahr, könnte aber auch ein Zeichen sein, dass das Projekt des hässlichen Mädchens jetzt auch langsam ausläuft. 

Der Göttin sei Dank ist es dieser Tage nichts so richtig Besonderes mehr, dicke Frauen in Zusammenhängen von Normschönheit darzustellen. Das wenigstens scheint geschafft, wenn die von mir bevorzugte Frauenzeitschrift, die VOGUE, jetzt regelmäßig dicke Models beschäftigt und sie auch aufs Cover hebt. Es ist ein (sehr) kleiner Sieg für die "Normalisierung" von dicken Körpern. Es ist kein Sieg gegen Objektifizierung und den Terror von Schönheitsanforderungen und -normen. Das ist mir bewusst. 

Ich hatte trotzdem noch einmal meine Beine in die Kamera halten wollen, habe dann aber gemerkt, dass das Ablichten des eigenen dicken Körpers für mich kein sehr wichtiges Werkzeug mehr ist, um diesen Körper zu akzeptieren. Ich akzeptiere meinen Körper. Wenigstens das ist auch erreicht. BTW, nein - es ist nicht notwendig, den eigenen Körper zu lieben. Das ist nur wieder so eine schnulzige Behauptung von denen, die es nicht lassen können, neue Quellen des Druckes zu erschließen. Darum sage ich es ja auch immer wieder gern: Body Positivity my ass. ;)










 NH

Dienstag, 20. Dezember 2022

Dürfen Fettaktivist*innen Diät machen?

Offenbar stellt sich diese Frage. Denn es geschieht gar nicht so selten, dass öffentlich sichtbare Vertreter*innen von Fat Acceptance abnehmen. Genaugenommen wirkt es manchmal gar so, als ob der Rückfall in die Diätkultur für viele dicke Ikonen nur eine Frage der Zeit ist. Gabourey Sidibe, Adele, Melissa McCarthy und Rebel Wilson fallen mir als besonders prominente Ex-Dicke spontan ein.

Selbst Tess Holliday hat offenbar abgenommen und der Außenwelt das Ergebnis stolz präsentiert. Als Antwort auf den Backlash, der zu erwarten gewesen war, servierte sie dann eine überstandene Anorexie als Grund. Mein Ton verrät es vermutlich – ich habe da erhebliche Zweifel. So oder so finde ich ihr Vorgehen mächtig schattig.

Gerne passiert die Gewichtsabnahme infolge der Einsetzung eines Magenbandes. Oder mit straffen Diät- und Trainingsprogrammen, für die im wirklich ungünstigsten Fall auch noch gleichzeitig Werbung gemacht wird. Nach eigenen Angaben wird immer aus gesundheitlichen Gründen diätet, nie weil frau doch lieber etwas normschöner sein will. Diese Darstellung ist in den meisten Fällen bestimmt nicht ganz aufrichtig. Und natürlich sind die, die Hoffnung in die Unterstützung und Repräsentanz gesetzt oder sich durch das Vorbild gestärkt gefühlt haben, häufig enttäuscht bis sauer. Zu Recht.

Aber die Antwort lautet: 

Ja, dürfen sie. Fettaktivist*innen dürfen dünn werden. Sie dürfen sich auch kleine Teufelshörnchen in die Stirn implantieren lassen. (Yes, that is a thing.) Es können selbstverständlich alle mit ihren Körpern machen, was immer sie wollen.

Die echte, unterliegende Frage ist natürlich, ob eine Fettaktivistin Diät machen und trotzdem für die Sache eine glaubwürdige Vertreterin sein kann.

Die Antwort ist: 

Nein.

Es ist nicht möglich, das, für dessen Akzeptanz eigentlich gekämpft werden soll, gleichzeitig mehr oder weniger erfolgreich am eigenen Leib zu bekämpfen. Egal, was meine Gründe sind. Ich kann mich, an dem Punkt angekommen, vielleicht noch als Ally (Verbündete) bewerben, aber ich kann auf keinen Fall weiter Vorreiter*in sein. Ich kann auch nicht privat Pelzmäntel tragen und öffentlich als Präsidentin von PETA auftreten. Die akzeptierende Haltung zum Fett ist, wie jede konfliktträchtige gesellschaftliche Baustelle, eine grundsätzliche und ethische Angelegenheit. Sie ist ernst - und auch in der Praxis ziemlich klar umrissen. Sie erfordert auf jeden Fall Konsequenz bis in den privaten Bereich, sonst bleibt sie wirkungslos.

Wenn ich zu dieser Konsequenz nicht mehr in der Lage bin oder keine Lust mehr dazu habe, dann muss ich abtreten, aus dem Club austreten und ehrlich sein. Wenn meine bisherige Karriere womöglich darauf aufgebaut war, als Vorbild und/oder Sprachrohr für die Fettakzeptanz-Community zu wirken, dann sollte diese Karriere beendet sein. Da hilft übrigens auch kein scheinheiliges Umschulen auf milde, sinnlose „Body Positivity“.

Wenn ich mich als öffentlich agierende Fettaktivistin dazu entscheide, mein Gewicht maßgeblich zu verringern, sollte ich das begreifen, umsetzen und vor allem den Anstand aufbringen, bestimmte Dinge bitteschön ganz zu unterlassen:

1. Es ist unredlich und eine vollständige Abkehr vom ehemaligen Grundsatz, wenn sich eine Ex- Fettaktivist*in dazu versteigt, auch noch Werbung für Diäten, Pulver, Pillen, Tees, Trainingsprogramme oder Fitnessclubs zu machen.

2. Zumeist zutiefst subjektives, womöglich selbstzufriedenes und im schlimmsten Falle triggerndes öffentliches Geschwärme über die Gesundheit, die durch die Gewichtsreduktion erheblich verbessert worden sei, ist auf jeden Fall zu unterlassen.

3. Es wäre auch nett, das Publikum mit der Behauptung zu verschonen, es gehe beim Abnehmen nicht ums Abnehmen, sondern um Self Care oder Wellness oder Healing oder was auch immer für einen blumigen Scheiß. Und die Überwindung einer Essstörung gar mit großer Geste als Erklärung und Rechtfertigung aus dem Ärmel zu ziehen, ist respektlos und ekelig.

4. Lauter sorgfältig produzierte aber auch deutlich erschlankte Selfies von sich zu posten, um dann so zu tun, als seien die Komplimente, die in einer von Diät-Kultur geprägten Welt auf jeden Fall kommen, unerwünscht, ist verlogen und rettet auf keinen Fall die eigene Integrität. Vielmehr sind die vorgetäuschte Überraschung und Vehemenz, mit der positive Kommentare zum Diäterfolg mitunter zurückgewiesen werden, geradezu erbärmlich.

5. Sich als ehemals Dicke noch immer basierend auf der Identität einer betroffenen Dicken gegen die Diskriminierung Dicker zu engagieren wird spätestens dann lächerlich, wenn das Gruppenfoto gemacht wird. Ich kann nicht in den Genuss von Thin Privilege kommen und so tun, als habe sich an meiner Position im Kampfgeschehen nichts Grundsätzliches verändert.


HAPPY EVERYTHING und bis zum nächsten Jahr!

 

NH

 

 

Dienstag, 24. Juli 2018

Dick, dumm, faul und hässlich


Ein neuer Versuch - 2018

Bei Instagram war frau nicht amused. Oder zumindest schien es so. 3 Leute mochten es. Also, das T-shirt, als ich es am 22. April 2016 fotografierte und dort postete. Nur eine einzige Instagramerin (Simone : )) erkundigte sich nach dem Zweck.

Es ging um die Thematisierung der gängigsten Vorurteile gegen Dicke am eigenen Leib. Natürlich kann ich verstehen, wenn man die Konfrontation mit der Aufschrift zu anstregend und pessimistisch findet. Oder sie gar für albern, übertrieben oder unwahr hält. Aber es hilft ja nichts...

Dick: Unbestritten zutreffend. Aber im gängigen Gebrauch natürlich höchst negativ konnotiert.

Faul: Ich erzähle ja immer wieder gern die Geschichte von meinem ersten "Schulzeugnis", das eher ein Entwicklungsbericht war und in dem es hieß: "Nicola ist ein großes Mädchen, das sich (...) sparsam bewegt." Leute halten uns für faul. Weil wir dick sind. Das bedeutet automatisch, dass wir zu faul sind, abzunehmen. Und uns natürlich nicht genug bewegen. Denn wenn man sich genug bewegt, ist man eben nicht dick. Ist doch klar. Dass wir etwas anderes zu tun haben könnten, kommt unserer Umgebung nicht in den Sinn. Welche anderen Prioritäten könnte eine dicke Person haben. Herrje, Menschen in Studien würden lieber einen Arm oder ihr Augenlicht verlieren, als dick zu sein. Wie kann irgendein dicker Mensch auch nur an irgendetwas anderes denken, als daran, dünn zu werden? 

Well, guess what*...viele von uns denken über beträchtlich lange Lebensphasen hinweg tatsächlich an kaum etwas anderes. Und werden trotzdem nicht (langfristig) dünn. Wir sind dick, weil wir zu oft abgenommen haben. Wir haben hart daran gearbeitet, endlich einen "richtigen" Körper zu haben und in der Zwischenzeit haben wir uns obendrein mit geächteten und verächtlich gemachten Körpern durch den Alltag und vermutlich eine Reihe von Lebensriten (Schule, Ausbildung, Beziehungen, etc.) geschleppt. 

Wären unsere Körper nicht oft bereits in unserer Kindheit gegen uns verwendet und moralisch in Geiselhaft genommen worden - viele von uns hätten die so freigewordene Energie verwenden können, um spielend die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wir sind nicht faul. Wir leisten all das, was andere auch leisten unter seelisch und gesellschaftlich erheblich erschwerten Bedingungen.

Dumm: Ach. Sie haben studiert? Diese Frage bin ich in meinem Leben nicht nur einmal mit gebührend demonstriertem Erstaunen gefragt worden. Auch gern mal von medizinischem Personal. 

Ja, hab ich. 

Und zwar höchstwahrscheinlich sehr viel länger als die meisten Menschen in den meisten Räumen, die ich je betreten habe. Von 46 Lebensjahren habe ich weit über die Hälfte in Schulen, Hochschulen und an Universitäten im In- und Auslad verbracht - nicht mit beruflicher Zielvorgabe, sondern nur aus purer Freude an der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem jeweiligen Fach und der Erfahrung des Studierens. Das ging alles so, weil ich die Eltern hatte, die ich hatte. Denen waren Bildung und Interesse wichtig, wirtschaftliche Verwertbarkeit eher kein Begriff. So landete ich unter anderem z.B. auch bei der Philosophie. Ich weiß außerdem, dass ich nicht dumm bin. Das ist irgendwann mal gemessen worden. Trotzdem stand in meinem ersten schulischen Entwicklungsbericht, dass "Nicola immer besonders genaue Anweisungen braucht, um eine Aufgabe erfüllen zu können." Heute weiß ich, dass das nicht daran lag, dass ich als Erstklässlerin keine Vorstellung davon hatte, wie man was macht, sondern dass ich im Gegenteil zu viele Ideen hatte, wie man etwas erledigen bzw. deuten könnte. Darum habe ich genau nachgefragt, um die exakte Vorstellung der Lehrkraft zu ermitteln. Schließlich sollte die ja das Ergebnis bewerten. Und davon, bewertet zu werden, verstand ich als "großes" Kind in der ersten Klasse bereits eine ganze Menge. Das Problem des Überhinterfragens habe ich heute bekanntlich noch immer. Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass ich als kleines Kind mitunter so viel gefragt habe, dass sie mir oft gern entnervt eine geklebt hätte.

Das "große" Kind war also aus Sicht der LehrerInnen, mit denen meine Schullaufbahn begann, ein wenig einfältig und obendrein körperlich behäbig. Also tatsächlich dumm und faul? Von Anfang an? Und selbst als Erwachsene noch immer zu dumm, um richtig zu essen und zu faul, um regelmäßig zu turnen? Nun, es scheint fast so. ; )

Hässlich: Damit fängt alles an. Der ganze Ärger. Genau genommen handelt es sich hier ja um kein Vorurteil. Wenn man etwas sieht - sagen wir mal z.B. das eigene Kind - und es gefällt einem nicht, was man sieht, dann ist das doch eher ein Urteil. Und eine Tatsache, zumindest im persönlichen Universum. Meiner Mutter gefiel ihr "großes" Kind nicht. Darum setzte sie es bereits im Kindergarten auf Diät, anstatt es einfach erst einmal in Ruhe weiterwachsen zu lassen. Beim Versuch, das Kind zu verringern, ging es nicht primär um dessen Gesundheit. Es ging um Angleichung an die Norm und die Sorge, das monströse Kind könnte es später als Monster-Teenager und Godzilla-Erwachsene ob seiner Optik gesellschaftlich schwer haben. Und so kam es dann ja auch.  

Die Gesellschaft, in der meine Mutter operierte, war so fettphobisch wie die heutige. Und meine Mutter war es auch. Die Gleichung Fett = hässlich war damals bereits so gültig wie heute, und (Norm)Schönheit war für Frauen im Grunde das Wichtigste. Daran hat sich nicht nur nicht viel geändert - es gibt Stimmen, die warnen, dass sich dieses Prinzip im letzten Jahrzehnt womöglich noch verstärkt hat und dass der Druck zur optischen Selbstoptimierung eher größer als kleiner geworden ist. Da ändert erst recht keine Alibi-Fotostrecke mit großen Größen oder die Wahl eines "kurvigen Topmodels" etwas. Tatsächlich beweisen solche Vorstöße nur die Verhärtung eigentlich überkommener Frauenbilder.

Ich erinnere mich (etwas ungenau) an ein Fernsehinterview mit der Talk-Show-Moderatorin (und womöglichen Präsidentschaftskandidatin 2020) Oprah Winfrey, das ich vermutlich in den Neunzigern gesehen habe. Darin beschrieb sie, wie sie die Stufen auf die Bühne einer Preisverleihung erklomm, um sich auf dem damaligen Höhepunkt ihrer Karriere vor großem Publikum eine bedeutende Auszeichnung abzuholen, und wie sie bei diesem bis dato wichtigsten und eigentlich glücklichsten Ereignis ihres Lebens an nicht anderes denken konnte, als daran, wie dick sie in ihrem Abendkleid von hinten aussehen musste. Das, gab sie im Rückblick zu, verdarb ihr im Grunde die ganze Veranstaltung und raubte ihr den Stolz und die Freude. Die Konsequenz, die sie daraus zog, war, noch eine Diät zu machen. Die Jo-Jo-Diäten der Frau Winfrey (sie begann damit in den Siebzigern) haben naturgemäß immer öffentlich stattgefunden und sind mittlerweile legendär. Sie hatte Großes geleistet. Und es bedeutete am Ende nichts, weil sie dick und damit als Frau definitiv "hässlich" war. Damit hatte Sie in der Hauptdisziplin, dem Schönheitswettbewerb, ohnehin komplett verloren.

Was denken sie von uns?

Und nein, das war nicht alles nur in ihrem eigenen Kopf. Natürlich fanden die Zuschauer reihenweise, dass sie zu fett war und damit bedauerlicherweise hinter ihren äußerlichen Möglichkeiten erheblich zurückblieb und dass das auch die Bedeutung ihrer eigentlichen Leistung schmälerte. Die Lüge von der Selbstliebe, mit deren Hilfe frau sich die Welt macht, wie sie ihr gefällt, wird niemanden daran hindern, genau DAS über dicke Menschen zu denken, zu sagen, zu schreiben, zu publizieren und über die Straße zu rufen: Dumm, faul, hässlich. Die Gesellschaft macht schließlich noch immer kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Körperfett. Da helfen nur offene Gegenwehr und Diskussion.

Darum das T-shirt.


*Na, stell dir mal vor...

NH



Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff zum Thema :) - den gäbe es hier:




Samstag, 7. Oktober 2017

Zwischenmeldung: Ich glaube, ich war im Fernsehen



Und zwar am letzten Mittwoch. Als Teil des RTL-Formats "Die 25" mit Sonja Zietlow lief dort ein kurzes Segment über mich und meine Lieblingsthemen: Fettakzeptanz und Swimming-Pools.

Gesehen habe ich es noch nicht. 

Obwohl mir der Redakteur es natürlich versprochen hatte, hat mich dann selbstverständlich doch keiner vorgewarnt, wann der Sendetermin sein würde. Ich habe nur an der plötzlichen Flut der Nachrichten von Zuschauerinnen und der in die Höhe schnellenden Klickzahlen im Blog gemerkt, dass etwas passiert sein musste. Einer der benutzen Suchbegriffe war doch tatsächlich "Nicola Hinz nackt".

Das obskure Thema der Sendung, "Die 25 unvorstellbarsten Situationen, in denen man nie landen möchte", war mir nur als Arbeitstitel angekündigt worden - und ist dann offenbar doch nicht mehr verändert worden. Es hatte bei mir und ebenso bei allen, mit denen ich im Vorfeld darüber gesprochen habe, für hohe Augenbrauen und gekräuselte Stirnen gesorgt. Dicksein als "unvorstellbare Situation, in der man nie landen will"? Echt jetzt?

Aber ich habe mir gesagt, die Chance, Fettakzeptanz im Fernsehen (und zu guter Sendezeit) mal wieder etwas Raum zu verschaffen, ist wichtiger, als ein bescheuerter Titel. Es wird schon gut gehen. Es wird schon nicht zu platt werden...Hoffen wir das Beste...

Danke für all das positive Feedback! 

Wenn ich den fast ausschließlich positiven Rückmeldungen glauben darf, die ich hinterher persönlich erhalten habe ( und warum auch nicht? : )), dann ist in der Tat auch alles gut gegangen. Ich werde mich morgen, am 8.10. zwischen 13:30 und 15:30 Uhr selbst davon überzeugen können - da wird die verpasste Sendung bei RTL wiederholt. 

NACHTRAG 8.10.2017: 

Doch, ich fand den Beitrag wirklich anständig - buchstäblich. Besser, freundlicher und aussagekräftiger als gedacht/gehofft. Ist alles gut gegangen, und das freut mich sehr. Vielen Dank für eure Nachrichten und Willkommen an all die neuen LeserInnen und Follower. : )


NIH
NH

Samstag, 25. Februar 2017

Ausgelesen: "Fettlogik überwinden" von Nadja Hermann

Die Frau Hermann hat in sechs Monaten 45 kg abgenommen, indem sie nur 500 kcal pro Tag zu sich genommen hat. Das kann jeder. Also…jeder, der es schafft, sechs Monate lang täglich von nur 500 kcal zu leben. Und wohl so ziemlich jeder, der so ein Programm durchhält, wird dabei einen substantiellen Anteil seines Gewichtes verlieren. Das dürfte völlig unstrittig sein. Trotzdem hat die Frau Hermann zur Sicherheit ein Buch darüber geschrieben, um uns noch einmal davon zu überzeugen, dass es so ist.

Die Frau Hermann schafft viele Dinge, die den meisten Menschen nicht besonders leicht fallen. Sie hat es geschafft, sehr viel abzunehmen (von 150 kg auf ca. 65 kg) und schafft es momentan (vermutlich), ihr aktuelles Gewicht zu halten. Ganz so einfach ist es offenkundig auch für sie nicht - das beschreibt sie sogar in ihrem Buch. Aber sie ist vermutlich sehr viel besser darin, dauerhaft und im Hinblick auf Gewichtskontrolle prekär zu essen, als die meisten anderen. Die Strategien, die sie dazu anwendet, dürften allerdings so ziemlich all ihren LeserInnen bereits vertrauter sein, als ihre eigenen Dehnungsstreifen. Das liegt daran, dass man genau diese auch so gut wie jeder Frauenzeitschriftt, die zwischen 1979 und 2009 erschienen ist, hätte entnehmen können. Bis auf die drei letzten in der folgenden Liste vielleicht...

Hier eine Auswahl:

1. Heißhungerattacken kann man gut damit begegnen, Wasser zu trinken, oder einen kurzen Spaziergang zu machen. Heißhungerattacken und ihre Bewältigung werden in dem Buch übrigens öfter erwähnt. Warum die Autorin diese überhaupt hat, bleibt wohlweislich eher im Dunkeln.
2. Grüner Tee ist irgendwie immer gut.
3. Treppensteigen und auf der Stelle zu rennen helfen dabei, trotz Zeitmangels Sport zu treiben.
4. Positiv denken hilft auch immer.
5. Wenn man keine Süßigkeiten zu Hause hat, wird man sie auch nicht so leicht essen. "Es ist sinnvoll, die Verführungen zu begrenzen." (S. 355)
6. Süßigkeiten durch Rohkost ersetzen.
7. Kalorien zählen - auch dann, wenn das Zielgewicht erreicht ist. "(...) wenn ich ganz darauf verzichte, merke ich schnell, wie ich mir wieder die klassische Wahrnehmungsverzerrung anlache, dass mir Portionen viel zu klein erscheinen, oder ich Dinge vergesse, die ich gegessen habe." (S. 343) "Andererseits empfinde ich das Zählen auch nicht als große (...) Qual, da es im Prinzip nur fünf bis zehn Minuten in Anspruch nimmt..." (S. 344) Insgesamt ist es halt "ganz beruhigend, die Kalorienbilanz im Hinterkopf zu haben." (S. 344)
8. Nach "Ausrutschern" nicht aufgeben und "wieder in die Spur kommen". (S. 198)
9. Gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel und Proteinpräparate einnehmen.
10. "Wenn ich mich etwa zum Essen verabrede, dann plane ich so, dass ich schlemmen kann." (S.160) Soll heißen: Hinterher oder vorher wird weniger gegessen und dafür mehr Sport getrieben. Siehe auch Punkt eins.
11. Salatdressing kann man, statt mit mit Öl, auch mit Wasser und Süßstoff machen. (S. 158)
12. Keinesfalls sollten Abnehmwillige "sich selbst limitieren (...), indem sie weiter an ihrer "dicken Identität" festhalten". (S. 214)
13. Um hängende Haut nach der Abnahme muss man sich keine Sorgen machen. Man muss einfach nur dünn genug werden: "So wenig Fett wie möglich übrig zu lassen, das die Haut nach unten zieht, ist ebenfalls wichtig." (S. 208)
14. Und dann noch diese verblüffende Eröffnung: "Normalgewichtige scheinen häufiger eine Aufnahme von Mehrenergie mit mehr Gezappel zu kompensieren, als Übergewichtige dies tun." (S. 39) Daraus möge nun jeder die Verhaltensregel ableiten, die er für angemessen hält. Facepalm.
15. Zu guter Letzt sollte man gefälligst immer schön am abschreckenden Kopfkino arbeiten, damit einem jeder überflüssige Bissen auch ganz bestimmt im Halse stecken bleibt: "Ich sah mir bewusst OP-Fotos und Videos adipöser Menschen an und das Fettgewebe im Bauchraum. Ich sah mir Fettlebern und verfettete Herzen an, und für eine kurze Zeit empfand ich Ekel bei dem Gedanken an das gelbe, aufgeblähte Gewebe, das da in mir war." (S.331)

Dass (fast) all ihre Diättipps älter sind, als die Mutter von Gott, ist der Frau Hermann, die sich ja offenbar gerade erst durch einen Nebel von irreführenden "Fettlogiken" gekämpft hat, augenscheinlich unbekannt. Dass Generationen von Frauen bereits an der Umsetzung gescheitert sind, wäre ihr vermutlich egal. Da ist es sicher auch unerheblich, dass z.B. Weight Watchers bereits seit 1997 als Folge einer Auseinandersetzung mit der Federal Trade Commission in den USA ihrem Kleingdruckten den Hinweis “For many dieters, weight loss is temporary” (Für viele, die Diät machen, ist die Gewichtsabnahme vorübergehend) hinzufügen müssen.

Das Bemerkenswerte an dem Buch der Frau Hermann ist also nicht das darin dargelegte Rezept zur Gewichtsabnahme, garniert mit den gängigen Todesdrohungen und Ermahnungen, sondern vielmehr die Tatsache, dass die dicke Frau Hermann offenbar ihre prägenden Jahre auf einem völlig anderen Planeten verbracht hat, als der Rest von uns. Sie lebte auf dem Planeten der „Fettlogiken“, auf dem offenbar ganz andere Vorstellungen über die Gefährlichkeit und das generelle Schlechtsein von Dicksein herrschten, als hier. Auf ihrem Planeten war man der Ansicht, dass es möglicherweise gar nicht so schrecklich ungesund ist, einen BMI über 24 zu haben und dass es ganz und gar nicht einfach noch womöglich überhaupt sinnvoll ist, sein Gewicht durch Diäten langfristig mehr oder weniger stark zu reduzieren. Anders als alle anderen, musste Sie sich erstaunlicherweise erst mühsam und durch eigene Kraft die Überzeugung erarbeiten, dass man als Dicke dem Tode geweiht und selbst daran Schuld ist, aber diesem durch eiserne Disziplin, ersatzreligiöses Kalorienzählen und möglichst viel Sport dann doch noch von der Schippe springen kann. Und bitteschön auch ethisch dazu verpflichtet ist, dieses zu tun. 

Wir wussten das alles schon immer. Denn diese Überzeugungsarbeit haben für den Rest von uns selbstverständlich die Medien, die Mütter, die Ärzte und wer weiß noch alles ganz ohne unser Zutun erledigt. Körperbezogene Schuld und Angst und Diätbereitschaft haben wir sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Ich hätte gern die Adresse des Planeten, auf dem die Frau Hermann einst lebte. Da will ich nämlich auch hin.

Kurzum, die Frau Hermann hat ein Buch geschrieben, in dem sie Mythen über Gewicht und Abnahme widerlegt, die in den letzten Jahrzehnten ohnehin keiner ernsthaft für wahr gehalten hat. Sie versucht, den Mainstream als Mainstream zu etablieren, und tut so, als wären vergleichsweise neuere Ideen und Erkenntnisse seit Ewigkeiten die herrschende Meinung. Die von ihr vehement bekämpften "weit verbreiteten Diätlügen" (Buchcover) wie z.B. Health at Every Size oder Fettakzeptanz sind aber bekanntlich erst verhältnismäßig neu und haben sich darüber hinaus noch lange nicht durchgesetzt - weder gesellschaftlich noch unter Medizinern. Was um alles in der Welt könnte also ihr wahres Problem sein, was die Gründe für ihren erstaunlich verbissenen Kampf gegen neue Ideen, die man getrost noch immer als Außenseiterkonzepte bezeichnen könnte?...Man kann es nur vermuten. Oder: Nachtigall, ick hör dir trapsen.

Die Frau Hermann hat mich ja mal gefragt, wie ich denn bloß darauf käme, dass sie "dickenhassed" sei.

Nun ja...

"Eine Heroin-Acceptance-Bewegung, die darauf besteht, dass zerstochene und vernarbte Arme erotischer sind als gesunde Arme, würde kaum Fuß fassen. Auf der anderen Seite wird gefeiert, dass eine Mainstream-Modelagentur ein Model mit einem morbid adipösen BMI unter Vertrag nimmt. Sie wird geschminkt, in eine Corsage gezwängt und mit Photoshop so bearbeitet, dass ihre Figur möglichst attraktiv wirkt. Die Botschaft wird dann als "body positive" dargestellt. Inwiefern unterscheidet sich dies von dem hypothetischen Versuch, das Selbstbewusstsein von Heroinabhängigen zu stärken?" (S. 323)

Bei der Frau Hermann weiß man halt immer nicht, was größer ist - ihre quasi religiös aufgeputschte Bösartigkeit, oder ihre Weltfremdheit. Denn ironischerweise dürften sich die meisten meiner Leserinnen sehr wohl noch an den Heroin Chic erinnern, der unter anderem Kate Moss zum Supermodel ihrer Zeit machte.

Ach ja, und das Buch ist voll mit Studien. Das wird gern von begeisterten Rezensenten ins Feld geführt. Die Frau Doktor hat (fast) all ihre Thesen auch handfest und wissenschaftlich belegt. Ätsch! - Nun wissen wir natürlich alle, dass vermutlich so ziemlich jeder, der es vorhat, ein Buch mit Studien vollkriegt, die genau das belegen, was er belegt haben möchte. Das gilt übrigens ebenso auf dem Gebiet der Fettrationaltät. Hier sei z.B. "Body of Truth" von Prof. Harriet Brown (Syracuse University, New York) empfohlen. Selbstverständlich ebenfalls randvoll mit Studien. Das an sich ist aber noch kein Kriterium. Auf die Qualität der herangezogenen Studien kommt es an.

Allein auf Seite 90 des Buches "Fettlogik überwinden" werden drei Studien zitiert, um darzulegen, dass ein BMI über 25 zu einem signifikant erhöhten Sterberisiko führt. Das ist an sich schon immer ein wenig problematisch, weil die Bestimmung des "normalen" Sterberisikos eines im Augenblick gesunden Menschen so oder so schlicht eine kniffelige Angelegenheit ist. Aber sei es drum. Die erste Studie ist von 2010 und wurde von Amy Berrington de Gonzalez (D.Phil) vom National Cancer Institute in Maryland, USA erstellt. Das Institut ist Teil der National Institutes of Health. Hierbei handelt es sich wiederum um eine Behörde der USA, auf deren Neutralität man sich eigentlich schon verlassen können müsste. So weit so gut.

Die zweite Studie stammt aus dem Jahre 1999. Bei der federführenden Verfasserin handelt es sich um Eugenia E. Calle (PhD), die zu Lebzeiten für die American Cancer Society arbeitete. Hierbei handelt es sich um eine "unanhängige" und "non-profit" Organisation, die laut Kritikern weder das eine noch das andere ist und bereits seit Jahrzehnten immer wieder in die Kritik gerät, eher im Dienste ihrer Hauptspender (Pharma- und Chemiekonzerne) zu handeln, als im Interesse der Allgemeinheit. Und das mit erheblichen Mitteln und politischem Einfluss. Ein in diesem Zusammenhang explizit aufgeworfener Vorwurf ist auch, dass es sich dabei, einer vermeintlich zu dicken und zu trägen Bevölkerung die Schuld an ihren Krebserkrankungen selbst zuzuschieben, um Ablenkungsmanöver handelt, z.B. vom Einfluss von Pestiziden auf die Anzahl der Krebserkrankungen. Wer will, kann ausgerechnet dazu eine weitere Studie lesen.

Die dritte Studie auf Seite 90 wurde 1995 von JoAnn Manson erstellt, ihres Zeichens Professorin an der Harvard T.H. Chan School of Public Health. 1995 beriet die Frau Manson übrigens auch ganz zufällig gleich zwei private Pharmaunternehmen (Interneuron Pharmaceutical und Servier) im Hinblick auf die Überprüfung von Dexflenfluramin in den USA durch die Food and Drug Administration. Bei Dexflenfluramin handelte es sich, wen mag es noch groß wundern, um einen Appetitzügler, der übrigens 1997 aufgrund seiner horrenden Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen wurde. Dieser Interessenkonflikt und mangelnde Transparenz brachten die Frau Manson bereits 1996 in Schwierigkeiten - und zwar mit den Herausgebern des New England Journal of Medicine.  

Und ich höre sie schon rufen: Aber die Frau Hermann hat ja schließlich selbst einen Doktortitel in Psychologie und weiß damit genau, wovon sie redet! Damit auch keine Leserin je vergisst, dass die Autorin promoviert hat, weist diese in regelmäßigen Abständen im Buch darauf hin. Außerdem steht selbstverständlich der generische Titel auf dem Cover des Buches vor Ihrem Namen, was bei deutschen Publikationen ohnehin eher ungewöhnlich ist. Und wenn ich mich nicht komplett verlesen habe, war sie erst 25, als sie ihren Titel erwarb. Donnerwetter, das ist auf jeden Fall sportlich, denn um das an einer deutschen Uni zu schaffen, muss man bekanntlich von der Abiprüfung direkt in den Hörsaal plumpsen und hat ab da dann eigentlich auch keine Zeit mehr, sich zwischendrin die Zähne zu putzen. Natürlich hätte es mich sehr interessiert, einen Blick in diese Arbeit zu werfen.

Nun müssen Dissertationen in Deutschland ja veröffentlicht werden und zumindest die Deutsche Nationalbibliothek muss sie im Verzeichnis führen. Aber ich konnte sie nicht finden. Also wandte ich mich an den Ullstein Verlag, um den Titel vielleicht so zu erfahren. Die zuständige Lektorin leitete meine Anfrage kurzerhand an die Autorin selbst weiter, die mir anbot, "entsprechende Belege dem Verlag zur Verfügung (zu) stellen, der sie dann prüft und (...) anonymisiert (...) weiterleitet". Der Name Hermann sei der Name ihres Mannes, den sie aber noch nicht offiziell angenommen habe. Außerdem sei sie bedroht und gestalkt worden und könne somit ihre Daten nicht preisgeben. Darüber hinaus sei der Inhalt der Arbeit auch nicht für mich von Interesse, da er "mit dem Thema Übergewicht nichts zu tun" habe. Laber Rhabarber.

Es gäbe hier vermutlich noch viel zu sagen. Aber ich habe echt keine Lust mehr. Und jetzt kann das bizarr stümperhafte, toxische Teil, nachdem es monatelang hier rumgelegen hat, auch endlich ins Altpapier.

Ich bitte euch: Wenn ihr unbedingt eine Diät machen wollt, esst Kohlsuppe. Aber bezahlt niemandem auch noch Geld dafür, beschimpft, bedroht, gemaßregelt und verunglimpft zu werden. 

NACHTRAG: Wer noch ein wenig mehr Hintergrundinformation möchte, kann sie auf diesem Blog hier, hier und hier finden.

NH

Sonntag, 14. Februar 2016

Ausgelesen: "Die Fettlöserin" von Nicole Jäger, Rowohlt, 2016

Are you just making this shit up as you go along?*


Nicole Jäger ist eine berühmte dicke Frau. Das verdankt sie maßgeblich der Tatsache, dass sie eine gute Dicke ist. Sie übernimmt nämlich höchstselbst die "Verantwortung für ihr Leben", und tritt in ihrer Eigenschaft als "Fettlöserin" sich selbst und ihren Leserinnen pausenlos in den Hintern, damit sie alle zusammen endlich abnehmen.

Bereits an diesem Punkt wird es ausgesprochen ärgerlich und man fragt sich alle paar Seiten, was um alles in der Welt sich nicht die Autorin, sondern die Lektorin am Ende bloß dabei gedacht hat, so eine Arbeit abzuliefern: Arschhochkriegen, Tod durch Arsch-nicht-Hochgekriegt, weil man seinen Arsch nicht hochbekommt, in den Hintern treten, den Hintern aufreißen, wenn man seinen hübschen Hintern hochbekommt, Arsch hoch, Baby!, meinen schweren Hintern zu bewegen, bekomm deinen schönen Arsch hoch, beweg deinen Hintern, ich ihm notfalls in den Hintern trete, deinen hübschen Hintern vom Sofa schwingst...

Andere Wiederholungen, die es am Ende fast unerträglich machen, sich durch die 286 Seiten, von denen meiner Auffassung nach mindestens die Hälfte hätte gestrichen werden müssen, zu wursteln, sind diese: eklig, scheiße, Selbstbetrug, seien wir doch mal ehrlich, Arschloch, faule Sau, Bullshit. Und das sind nur die, die ich angestrichen habe, weil sie den Ton des Buches maßgeblich prägen. Die Autorin versucht, sich zwischen rotzigem Pausenclown, Diva und Marine Corps General zu positionieren. Dabei macht sie sich als gute Dicke selbst runter, aber auch ihr Publikum gleich mit. Nebenbei jammert sie sehr wohl, während sie sich quasi im selben Atemzug jegliche Jämmerlichkeit verbeten hat.

Und dann auch noch das:

 Nothing tastes as good as skinny feels. (Kate Moss)
(...) nichts auf der Welt schmeckt so gut, wie Lebensqualität sich anfühlt, (...). (Nicole Jäger)

Selbst das abgewandelte und gern auf Pro-Ana-Seiten verwendete Kate-Moss-Zitat kommt gleich zweimal in der "Fettlöserin" vor - auf Seite 176 und 265. Dadurch, dass man etwas pausenlos wiederholt, wird es aber nicht automatisch richtiger. Oder gar wahr. Oder überhaupt sinnvoll.

Die eigentlichen Alleinstellungsmerkmale, die Nicole Jäger im Diätgeschäft zur selbsternannten "faulen Sau" machen, die dieser Tage durch die Medien getrieben wird, sind natürlich zwei Dinge: Sie hat, so die Legende, mal 340 kg gewogen und sich auf die Hälfte runtergehungert. Sie hat sodann, wie so viele Großabnehmerinnen, ihre Diät zur Karriere gemacht und ist nun ein "fetter Abnehmcoach" mit schicker Praxis in Eppendorf und eigenem Bühnenprogramm ("Ich darf das, ich bin selber dick"). Das ist eine echt gute Geschichte, auf die unsere diätbesessene Öffentlichkeit nur gewartet hat. Und während wir von Abnahmerfolgen bis 100 kg mittlerweile schon so oft gehört haben, dass es eigentlich nicht mehr so richtig kribbelt, sind 170, respektive 340 kg doch noch ziemlich hohe Hausnummern, mit denen sich Schlagzeilen machen lassen.

Nicole Jäger ist übrigens strikt dagegen, dass Dicke eine Diät machen, um abzunehmen. Hat aber natürlich ein Diät-Buch geschrieben. Das absurde Phänomen, dass Diäten out sind, Abnehmen aber weiter in, führt ja auch vermehrt in Frauenmagazinen zu den absonderlichsten Gedankenverrenkungen und Definitionen dessen, was denn nun eine Diät eigentlich ist. Wenn es schön aussieht, ist es keine Diät. Wenn es noch halbwegs "gesund" ist, ist es keine Diät. Wenn man davon nicht stirbt, ist es keine Diät...Wenn man dabei hin und wieder Nudeln und Schokolade essen darf, ist es keine Diät. Wenn man lieber mehr Sport treibt, statt Kalorien einzusparen, ist es keine Diät.

In der Welt der "Fettlöserin" verläuft die Grenze zur Diät nicht da, wo Nahrung zum Zwecke des Abnehmens grundsätzlich reduziert wird, denn dann könnte sie ihre Ablehnung gegen Diäten nicht mehr rechtfertigen, sondern dort, wo die verabreichte Kalorienzahl unter den Anforderungen des Grundumsatzes eines Individuums liegt. Und das kann in der Tat verdammt niedrig werden. Nur dann macht man aber in ihren Augen eine Diät. Und nur dann gibt es hinterher einen Jojo-Effekt. Sagt sie. Aber das stimmt natürlich beides nicht. Der Körper wird selbstverständlich auch Defizite bei der Deckung des Gesamtumsatzes ausgleichen (darum nimmt er ja auch dabei ab) und wird versuchen, Verluste so gering wie möglich zu halten, bzw. wird sich bei mehr Zufuhr entsprechend für kommende Engpässe rüsten. Diät bleibt Diät. Egal, wie wir es nennen und was unsere Präferenzen sind. Und es ist halt nun einmal die Tragik des biestigen Paradoxons, mit der die meisten von uns eine lange Zeit unseres Lebens konfrontiert gewesen sind, dass das, was durch Diäten ensteht (ein sehr hohes Gewicht), sich nur durch eine Diät wieder rückgängig machen lässt.

Die Autorin beharrt darauf, dass der, der abnehmen will, "essen muss" (S.151) und hat obendrein ganz entschieden etwas gegen Low Carb und Formula-Diäten. Letzteren gibt sie die Schuld an eben jenem Jojo-Erlebnis, das sie angeblich vor ca. drei Jahren provozierte, als sie aus purer Dummheit und Verzweiflung in einer zweimonatigen Phase des Stillstandes auf der Waage zu eben jenen griff, und ihr Gewicht damit "binnen kürzester Zeit" von 180 auf 150 kg reduzierte (S. 201).

Weil ihr Stoffwechsel damit total aus der Spur geriet, nahm sie die dreißig Kilo (und mehr) wieder zu. Und wog zu ihrer Hochzeit im Jahr danach "deutlich über 200 Kilo" (S. 205). Im April 2014 twitterte Nicole Jäger allerdings ein Bild von sich, das laut ihrer Angabe von 2010 war und sie deutlich erschlankt mit 142 kg zeigte. Es liegt mir persönlich fern, hier weiter Internet-Detektivin zu spielen (das tun andere, oft nicht sehr sympathische Zeitgenossen schon genug), aber da das Buch von ihrer so außergewöhnlichen persönlichen Geschichte lebt, waren es nicht nur die Wiederholungen, sondern auch die vielen Widersprüche und Auslassungen im Buch selbst, die es so anstrengend machten zu folgen.

Irgendwann machte eine dicke aber augenscheinlich doch relativ lebensfrohe und "normale" achtzehnjährige Nicole Jäger, die zuvor als Teenager eine schwere Hüftverletzung hatte überstehen müssen, ihr Abitur und zog von zu Hause aus. Wonach sie offenkundig eines Morgens im Alter von 26 Jahren aufwachte und just 200 kg zugelegt hatte. Selbstverständlich schuldet uns die Autorin keinen Einblick in die Zeit zwischen diesen beiden Stationen oder gar eine Erklärung. Aber es ist natürlich auch die gähnende Lücke an genau dieser grundlegenden Stelle, die der Geschichte den Wind aus den Segeln und die Glaubwürdigkeit nimmt. Die Weigerung, hinzusehen, was alles wirklich passiert sein MUSS (auch der Seele), damit man am Ende 340 kg wiegt und die Wohnung nicht mehr verlassen kann, spiegelt sich dann natürlich auch in dem Versteifen darauf, dass sie eben einfach nur zu dämlich gewesen sei: "Ich hatte es versaut." So viel zur Verknüpfung von dumm/faul und dick, die sich folgerichtig durch das ganze Werk zieht.

Das Buch hätte unter anderen Umständen womöglich ein starker Selbsterfahrungsbericht werden können - das merkt man vereinzelt an gerade solchen Stellen, an denen es sich die Autorin entgegen ihrer eigenen Überzeugung erlaubt, zu "jammern" und Gefühle und Ängste im Hinblick auf ihr Dicksein beschreibt, die sie offenbar durchaus auch gelegentlich hat/hatte, wenn sie gerade mal vergisst, dagegen anzuschreien.

Statt dessen ergeht sich die Autorin in langatmigen ungefähren sowie beliebigen semi-wissenschaftlichen Darstellungen zu Ernährungsfragen, die schon lange keiner mehr stellt. Ein ganzes Kapitel darüber, warum die Ananas-Diät Quatsch ist? Echt jetzt? Und wie gut, dass das hier nun auch endlich mal einer gesagt hat: "Burger machen einen nicht fetter, als Knäckebrot es tun würde, es kommt auf die Menge an." (S.127) Jahaa, das ist sie offenbar - die gnadenlose Ehrlichkeit, die Dicke endlich aus ihrem Selbstmitleid reißt.

Nicole Jäger berichtet, dass sie sich mit ihrem Höchstgewicht von 340 kg gegen eine bariatrische Magen-OP entschieden hat, obwohl der Antrag bereits genehmigt worden war. Stattdessen beschloss sie, eine 2-Prozent-Frau zu werden, nachdem sie gehört hatte, dass nur zwei Prozent aller Menschen mit einem BMI über 45 es schaffen, ohne eben jene OP langfristig dünner zu werden. Die Herausforderung, allein auf weiter Flur das fast Unmögliche zu schaffen, weckte ihren "Kampfgeist" (S. 71). Heute lädt sie ihre Leserinnen alle dazu ein, 2-Prozent-Frauen zu werden. So wie Millionäre gern Nichtmillionären Bücher verkaufen, in denen sie erklären, wie das schier Unmögliche dann für nur 12,99 eben doch für alle möglich wird.

Wer es glaubt, wird - vermutlich - trotzdem nicht dünn.


NACHTRAG: Die Rezension zum zweiten Werk der Frau Jäger (Nicht direkt perfekt) gibt es hier.



NH


*Denkst du dir diesen ganzen Scheiß eigentlich nur aus, während du einfach immer weiter redest?

Samstag, 6. Februar 2016

(K)ein bisschen Frieden...

Eine Freundin von mir brachte mir die Februarausgabe von myself  mit, weil sie einen Artikel zum Thema Selbstakzeptanz enthält. Die Freundin weiß, dass das mein großes Thema ist und fand ihn eigentlich auch ganz gut, bis sie meine kugelrunden, entsetzen Augen sah, nachdem ich begonnen hatte, ihn zu überfliegen. Das ist nicht ungewöhnlich - man muss halt Übung darin haben, sich unmittelbar so zu echauffieren wie ich.

Halbherzige, ambivalente und im Grunde total verlogene Aufrufe, sich nicht mehr schönheits- oder wahlweise schlankheitsterrorisieren zu lassen, sind in Frauenmedien weit verbreitet und verdammt in. Immer wenn ich eine Frauenzeitschrift aufschlage, kräuseln sich ja bekanntlich schon in Erwartung haarsträubenden Unfugs meine Fußnägel. Und niemals, wirklich niemals, werde ich eines Besseren belehrt. Dafür werde ich immer enttäuscht. Von der unsolidarischen Biestigkeit der meisten Verfasserinnen.

Bei dem Artikel von Susanne Kaloff handelt es sich um einen triefigen Brief an den eigenen Körper, der insofern ausgesprochen aufschlussreich ist, als dass das lächerliche Pathos, das durch die Zeilen schwingt, mal wieder verrät, wie völlig unmöglich es für Frau Kaloff in Wahrheit ist, ihre verinnerlichten Standards auch nur für einen Augenblick auszusetzen. Sie kann nicht einmal in einer zweiseitigen Kolumne überzeugend so tun, als meine sie es ernst. Dieser Umstand ist übrigens auch normal und prägt so ziemlich jeden schriftlichen Erguss, den ich bisher zum Thema in Frauenmagazinen gelesen habe.

Zwar erwähnt sie zunächst, dass sie in einer familiären Umgebung aufgewachsen ist, in der körperliche Perfektionierung eine absolute Priorität war, und dass sie das bereits als Kind geprägt hat. Als sie mit 15 in einer Diskothek wegen ihres Gewichtes beleidigt worden ist, hat sie das allerdings mit Hilfe ihres "inneren Gurus" weggesteckt, denn der hat sie daran erinnert, "wo (ihre) innere Anmut wirklich wohnt." Tja, gut für sie.

Aber dann das: Jahrzehnte später erst hat sie begriffen, dass man auch innere Schönheit braucht (ja, Schönheitsbullshitbingo Rang 1) - offenbar damit man überhaupt noch etwas hat, wenn die äußere Schönheit im Alter verschwindet ("Wenn die Hülle Risse bekommt"), denn sonst "verzweifelt man beim Blick in den Spiegel". Die Frau Kaloff hat angeblich unlängst beim Betrachten ihrer eigenen Hände geweint. Und das, obwohl sie bereits vor 19 Jahren bei ihrem Körper angefragt hat, ob er und sie nicht "Frieden schließen" wollten. Dass Selbstakzeptanz bei ihr ein offenkundig verdammt langer und ziemlich schleppender Prozess zu sein scheint, mag ich ihr nicht vorhalten. Da weiß ich schließlich genau, wie schwer das ist. Was ich ihr allerdings ehrlich übel nehme, sind Sätze wie dieser: "Ich glaube allerdings nicht, dass Mut dabei hilft, sich selbst zu lieben. Mut hat etwas Aggressives, und diese scheinbar couragierte Haltung kommt mir oft vor wie Zynismus."

Da ist sie wieder, die gute alte Unterstellung, dass man sich SO (dick, alt, faltig, kleinbrüstig, kartoffelnasig) auf gar keinen Fall wirklich wohl fühlen kann. Und wenn man ehrlich zu sich wäre, das wird natürlich insbesondere Dicken täglich um die Ohren gehauen, dann wüsste man auch, dass man sich als zufriedene Dicke nur selbst betrügt und der Welt etwas vorspielt.

Darum setzt die faltige Frau Kaloff auch nicht auf grellen Mut oder Aufbegehren gegen geltende Körpernormen, sondern bei Konfrontierung mit dem eigenen im Grunde unmöglichen, verwitterten Spiegelbild auf "ruhiges Atmen", "softness beneath it all" (Hä?!?) und natürlich auf die Schönheit "unter der Oberfläche", die einem ja angeblich nicht verlustig gehen kann - bis man vielleicht eines Tages dement mit nem Schlüpper auf dem Kopf das Pflegepersonal anpöbelt (Anm. der dicken Dame). Außerdem ist die Frau Kaloff ihrem Körper dankbar, dass er beim Yoga noch so gut mitmacht und hat sich auf ihr Handgelenk das Wort "perfect" eintätowieren lassen, um sich stets daran zu erinnern, dass sie "ein vollkommenes menschliches Wesen" ist, "in der Welt (...), in der alles, was ist und geschieht, okay ist." Nichts, absolut nichts auf dieser Welt ist wichtiger für die Frau Kaloff, als das Aussehen ihres Körpers. Der Körper der Frau Kaloff ist darüber hinaus offenbar ihre Welt. Den Rest der wahren Welt kann sie hier ja wohl kaum meinen, so blöd und vermessen wäre doch wohl keiner, oder? Die Frau Kaloff hat es nicht leicht. "Aber leicht hat's einen", hätte mein Vater jetzt natürlich geantwortet.

So, und nun reden wir mal wirklich über Mut und Selbstakzeptanz:

Mit dem Körper Frieden zu schließen kann man nur gegen den vehementen und glühenden Widerstand der Umwelt - ganz besonders wenn man dick ist. Diese Wahrheit wird gern und aus ersichtlichen Gründen besonders gern von Frauenzeitschriften immer und immer wieder unter den Teppich gekehrt. Die betten das zeitgeistige Thema zwischen Diäten* und Motivationstipps für mehr Sportlichkeit in ihre Blätter ein, weil es halt neuerdings irgendwie dazu gehört, und verbreiten gern das Märchen, dass man sich halt selbst einfach mit ein wenig freundlicheren Augen betrachten und nett zu sich selbst sein solle.Wenn man sich dann noch jeden Freitagabend ein Bad einlässt, eine Duftkerze anzündet und einen Kräutertee aufgießt, um "gut für sich selbst zu sorgen", kann im Prinzip mit dem Frieden im eigenen Körper nicht mehr viel schiefgehen.

In Wahrheit befinde ich mich als dicke Frau nicht mit meinem Körper im Krieg. Sondern mit der Gesellschaft. Ich bin nicht mit einem Selbsthass-Gendefekt auf die Welt gekommen. Ich finde mich nicht von Natur aus die meiste Zeit meines Lebens selbst scheiße. Die Welt hat dafür gesorgt, dass ich und Aber- und Abermillionen von Frauen sich täglich scheiße fühlen, weil sie dick sind. Ich bin nichts Besonderes in meinem Krampf und Kampf. Man würde halt immer denken, dass sich so viele sinnlos und oft zutiefst unglückliche Frauen im Zeitalter der Information leichter mobilisieren ließen, um eben jene Außenwelt sehr viel vehementer in die Pflicht zu nehmen, aber das ist eine andere Sache. Jedoch ganz bestimmt auch eine Frage des Mutes. Des aggressiven.

Noch einmal für alle, die besonders schwer kapieren und damit auch für alle Redakteurinnen von Frauenzeitschriften: Das Problem liegt nicht innen. Das Problem liegt außen. Nur das Individuum hat natürlich das Problem und am Ende das verpfuschte Leben. Und sich selber bis an sein Lebensende auszuhungern und anzupassen, erscheint auf den ersten und zweiten Blick oft als die einfachere Lösung, als eine Existenz als angefeindete und belächelte Rebellin.

Darum braucht wer immer sich in seinem Körper von innen heraus besser fühlen will, so verdammt viel Kraft. UND AUCH MUT! Das ist ganz genau so und nicht anders. Denn das ist letztendlich so, als wollte man unter einem Wasserfall schwimmen lernen. Heißt nicht, dass sich der Versuch nicht trotzdem lohnt. Und wenn ihr etwas Mut gefunden habt, teilt ihn doch bitte mit anderen.


*Auf Seite 141 der selben Ausgabe von myself  wundert sich die Redaktion übrigens darüber "wie glücklich 1200 Kalorien machen können". Wohlgemerkt, auf dem Titel wird großmundig versprochen: "Nie wieder Diät!" Dabei geht es dann um California Cuisine - und das ist eine...Diät.
Man würde sich wünschen, die Redaktion möge ihre eigenen Ratschläge für ein "kreativeres, schlaueres und inspirierteres Gehirn" irgendwann auch endlich einmal selbst beherzigen.


NH

Samstag, 30. Januar 2016

Dicke Frauen erfahren (noch viel) mehr Stigmatisierung als gedacht

In der Februar-Ausgabe des Journal of Health Psychology wird eine Studie veröffentlicht*, die von WissenschaftlerInnen** der Western New England University und der University of Connecticut durchgeführt wurde um festzustellen, wie viel Stigmatisierung dicke Frauen aufgrund ihres Dickseins im Alltag regelmäßig erleben.

Anders als vorangegangene Studien mit ähnlicher Zielsetzung wurden dicke Frauen diesmal nicht nur über ihre Erfahrungen in der Vergangenheit befragt, sondern gebeten, ein Tagebuch darüber zu führen, wie oft sie sich im Verlauf von einer Woche wegen ihres Gewichtes stigmatisiert fühlten. Die Stigmatisierung von Dicken kann im Alltag viele Formen annehmen: Persönliche Beleidigung und Herabsetzung, physische Barrieren (ich berichtete), schlechtere Chancen bei der Jobsuche, etc. Der Einfluss der zumeist negativen Darstellung von Dicken in den Medien und das tägliche Bombardement mit dünnen Schönheitsstandards wurden in der vorliegenden Studie mithin gar nicht erst berücksichtigt.

Die 50 Teilnehmerinnen der Studie waren im Schnitt 38 Jahre alt und hatten einen BMI von 42,5. 40% von ihnen hatten Ehemänner, ein Drittel hatte eine akademische Ausbildung und 90% waren weiß. Sie erhielten eine umfangreiche Liste mit stigmatisierenden Beispielsituationen und sollten jeden Abend notieren, welche davon ihnen am Tag persönlich widerfahren waren.

Das Ergebnis war sehr viel gravierender, als das wissenschaftliche Team im Hinblick auf die Resultate vorheriger Studien erwartet hätte: In der einen Woche registrierten die dicken Frauen 1077 stigmatisierende Vorfälle. Damit hatte jede Frau im Durchschnitt pro Tag drei Begebenheiten notiert. 84%  von ihnen hatten sich mit einer zu engen Welt, also physischen Barrieren wie z.B. Stühlen in Restaurants herumgeschlagen, 74% hatten sich dumme Bemerkungen oder Beleidigungen gefallen lassen müssen (in der Mehrzahl von Bekannten und Familienmitgliedern), 72% waren unangenehm angestarrt worden, aber dafür gaben "nur" 12% an, wegen ihres Dickseins körperlich attackiert worden zu sein (!?!WTF!?!). Je höher der BMI einer Frau, desto gefährdeter war sie, Stigmatisierung zu erleben. Das galt auch für Frauen mit höherem Alter oder mit einer weniger qualifizierten Ausbildung.

Was die AutorInnen der Studie weiterhin untersuchten und herausfanden, bestätigt das, was schon länger als wissenschaftlich gesichert gilt. Der Stress der ständigen Stigmatisierung und Herabsetzung macht Dicke nicht nur nicht dünner, er macht sie kränker. Nicht nur körperlich sondern vor allem und, wenig überraschend, auch psychisch.

Tatsächlich ist eine Schlussfolgerung der Studie, dass Fat-Shaming in all seinen Formen bei den Betroffenen zu einem erhöhten Risiko führt, an Depressionen und Essstörungen zu erkranken. Auch führt Stigmatisierung mitunter dazu, dass Betroffene ihren verhassten Körper in der Tat vernachlässigen und z.B. bei echten Erkrankungen nicht mehr zum Arzt gehen. Darüber hinaus senkt Fat-Shaming deutlich die Freude an/den Mut zu sportlicher Betätigung, und die ist, anders als Abnehmen, vermutlich schon von gesundheitlichem Nutzen.

Stigmatisiert? Ich?

Ich habe ja immer wieder mal gesagt, dass ich mit offener Feindseligkeit was mein Dicksein angeht, eher wenig Erfahrung habe. Das soll nicht heißen, dass ich gar keine Erlebnisse gehabt hätte und diese mir auch heute noch nachhängen. Aber Menschen haben mich nur sehr selten auf freier Wildbahn beleidigt, und wenn sie starren, ist es mir ehrlich nicht bewusst. Wobei ich eigentlich glaube, dass ich es wahrnehmen würde, wenn es so wäre.

Die Hauptaggressoren waren bei mir, wie bei den dicken Frauen der Studie, meine Familie. Meine Eltern, um genau zu sein. Die Liste der täglichen Verletzungen die ich im Verlauf meiner Kindheit und bis ins hohe Erwachsenenalter (meine Mutter starb, als ich 38 war) ausgehalten habe, würde gefühlt einmal um den Erdball reichen.

Heutzutage sind es eher (mehr oder weniger) unbedachte Äußerungen von anderen über ihre Körper, die sie zu dick finden, oder über die Schwierigkeit im Allgemeinen, nicht "zu dick" zu werden, die mir regelmäßig begegnen. Manchmal frage ich mich, ob ich bei solchen Gesprächen gar nicht oder nur nicht als dick gesehen/wahrgenommen werde. Vermutlich hat sich das abfällige Geplapper über den Kampf gegen das Fett so in unsere DNA gefressen, dass es den Mund überall und in jeder Gesellschaft so unreflektiert verlässt wie Spucketröpfchen. In jedem anderen Fall würde es uns wahrscheinlich auffallen, dass wir das Gegenüber gerade so richtig fies überrollen. Wer würde einer Frau im roten Kleid auf einer Party gegenüber stehen und völlig arglos einen langen Vortrag darüber halten, was für eine schreckliche Farbe Rot ist?

Und natürlich ist der sicherste Weg, regelmäßig die aufschlussreiche Erfahrung anonymen Fat-Shamings zu machen, ein Blog für Fettakzeptanz zu betreiben. Oder sich bei einem Online-Dating-Portal anzumelden.


NH

* Erstveröffentlichung war bereits 2014.
**Jason Seacat et. al.

Sonntag, 22. November 2015

Würde ich wieder ein dickes Leben wollen?

"Being fat has been a gift -

and it has been worth it." 

Meghan Tonjes 

Die Sängerin und Fettaktivistin Meghan Tonjes hat ein Video veröffentlicht, in dem sie darlegt, dass sie ihren Lebens(ver)lauf, der durch ihr Fett entscheidend geprägt wurde, heute als stimmig und gar als Geschenk begreift. Das Dicksein als grundlegendes Hindernis hat sie im Leben zu Höchstleistungen angespornt, denn sie wollte die Peiniger ihrer Kindheit nicht gewinnen lassen. Sie hat sich sozusagen dadurch "gerächt", dass sie heute trotz aller Widrigkeiten ein "schönes" Leben hat. Obendrein ist sie dankbar dafür, dass die negativen Erfahrungen, die sie gemacht hat (und sie zählt all das Ungemacch auch auf), sie heute in die Lage versetzen, anderen Dicken zu helfen und um gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Sie sagt, all die Mühen und Traurigkeit waren es am Ende doch wert. Und sie würde sich immer wieder für ihr dickes Leben entscheiden - genau so, wie es eben war.

Würde ich noch einmal genau das gleiche dicke Leben wählen, wenn ich wählen sollte/könnte?

VERDAMMT, NEIN! Ich bin doch nicht verrückt! Die romantische Idee vom besseren Ich, das aus dem Leiden hervorgeht - zur Hölle damit! Was einen nicht umbringt, macht einen vielleicht stärker. Fröhlicher, zumindest meiner Erfahrung nach, eher nicht. Wieso um alles in der Welt sollte sich irgendwer wünschen, noch einmal zur Außenseiterin zu werden und das durch die gesamte Schulzeit hindurch aushalten zu müssen? Warum sollte ich mich abermals selbst hassen und vor der Welt verstecken wollen? Warum sollte ich mich dafür entscheiden, vor der schier unlösbaren Aufgabe zu stehen, mich noch einmal mit einem Selbstbewusstsein, das die meiste Zeit meines Lebens im Keller war, beruflich irgendwie zu etablieren? Warum sollte ich mir freiwillig erhebliche Einschränkungen bei der Partnersuche einhandeln? Oder Angst davor, zum Arzt zu gehen? Peinlichkeit? Groll? Probleme beim Kleiderkauf? Befürchtungen, nicht in den Kinosessel zu passen? Abfällige Blicke? Als Neutrum wahrgenommen, oder gleich ganz von der Welt ignoriert zu werden? Nein, tut mir leid: Wenn ich wählen könnte, käme ich beim zweiten Durchgang dünn auf die Welt. Körbchengöße und Gesicht dürften so bleiben, aber insgesamt wäre ich außerdem sehr viel lieber etwas dümmer und dafür besser gelaunt.

Nur damit das auch gleich klar ist: All das oben Gesagte heißt übrigens nicht, dass Dünnsein auch heute noch auf meiner Wunschliste stünde, käme eine gute Fee vorbei.

Ich verstehe und teile Meghan Tonjes' Überzeugungen - und jemand muss die Arbeit einer Fettaktivistin tun, wenn sich irgendetwas ändern soll. Sie hat diese Arbeit und die Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat, als etwas empfunden, das sie ausreichend entschädigt hat für Anfeindungen, Enttäuschungen, Hindernisse und Lebensversäumnisse. Aber nicht jeder ist so stark wie sie. Ich bin es sicher nicht. Und Menschen sollten sich meiner Auffassung nach grundsätzlich nicht mit Demütigung und Diskriminierung herumschlagen müssen, egal wie sehr das die Persönlichkeit bildet und den Boden bereitet, auf dem eine womöglich zur Überfliegerin werden kann.

Im Prinzip sind diese Überlegungen natürlich ohnehin komplett müßig. Niemand wird fragen, ob wir das Ganze noch einmal machen wollen und wie. Die Dinge sind wie sie sind. Genau genommen ist das natürlich auch immer das Tragische an Lebensläufen, die sinnloser Herabsetzung, Diffamierung und Selbstverachtung zum Opfer fallen. Das hier ist keine Generalprobe.

Und um noch einmal selbst darauf zu kommen, welche Bedeutung Fettakzeptanz für mich hat (und gesellschaftlicher Aktivismus an sich): Es geht aus meiner Sicht durchaus vorrangig darum, zukünftige (dicke) Lebensläufe zu retten. Inwieweit man sich selber retten kann, wenn das eigene Leben schon halb rum ist, bleibt, zumindest in meinem Fall, weiterhin abzuwarten.

NH

Wall Candy



Für mich persönlich war es eine der wirksamsten Übungen auf dem Weg zu dicker Selbstakzeptanz, mich mit Farbe einzureiben und mich auf Leinwände fallen zu lassen, bzw. sie an mich zu drücken. Die Aktionen hatten mehrere wirksame Dimensionen: Die in den vorangegangenen Jahren ausgesprochen seltene Interaktion mit dem eigenen, nackten Körper. Die Erfahrung, dass diese Interaktion Spaß macht. Die Erkenntnis, dass der Körper als Werkzeug in einem kreativen Prozess verwendet kann, und dass mir selbst das Ergebnis und damit die Abbildung meines eigenen dicken Körpers durchaus gefällt, und dass ein dicker Körper eine ihm ganz und gar eigene ästhetische Qualität hat. Schließlich das öffentliche Herzeigen der fertigen Bilder. All meine Po-, Brust- und Körperabdrücke, die in drei Etappen und über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden und fertiggestellt worden sind, habe ich nun in einer Dia-Show zusammengestellt (s.o.).

Im Gegensatz zum Ugly Girl Project spielte das traditionell ach so "hübsche Gesicht" der dicken Mädchen keine Rolle. Auf den Leinwänden war nur Platz für den bis dahin gebeutelten und verachteten Körper. Er musste ganz allein arbeiten, um eine Aussage zu machen - mit all den Teilen, die klassischerweise und an so gut wie allen Frauen und fast schon automatisch als "problematisch" eingestuft werden: Hintern, Busen, Bauch, Hüften, Oberschenkel. Für mich hatte das am Ende etwas entschieden Befreiendes und Befriedendes in der Beziehung zu meinem Fett. Aber natürlich braucht man auch eine gute Portion Humor, um sich eine Leinwand an den bunten Po zu drücken.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen vor allem auch die deutliche Abbildung meines "Pussy Pouches" (mein fleischiger Venushügel), sowie die, wie ich finde, ziemlich ausdrucksvolle, gestalterische Rolle, die er einfach von selbst übernommen hat. Zusätzlich sind an machen Stellen die Details wirklich ganz erstaunlich - auf manchen Leinwänden zeichnen sich sogar die Dehnungsstreifen ab. Und werden damit zu einem stimmigen Teil der Gesamtkomposition, der wiederum seine unbestreitbare Berechtigung und Wert hat.

Die vorangegangenen Blog-Einträge über die Körperabdrücke:

Juni 2014

Oktober 2013

Vom Mai 2012 gibt es Videoaufnahmen. Vielleicht schneide ich da auch mal was zusammen. Ich hoffe, ich finde sie wieder...

Alle Bilder kann man außerdem in recht guter Qualität auch auf meiner Seite bei Saatchi Art ansehen.


NH

Samstag, 31. Oktober 2015

Was bedeutet Fettakzeptanz für euch?

In Anlehnung an die Internetaktionen Who needs feminism? (I need feminism, because...) / Wer braucht Feminismus? machten sich vor ca. zwei Jahren US-amerikanische Bloggerinnen daran, entsprechende Aussagen zu I need fat acceptance zu sammeln. Wenn ich recht gegoogelt habe, gab es eine solche Umfrage bzw. Aktion auf Deutsch nicht.

Und das hier soll eigentlich auch keine werden. Zumindest habe ich im Augenblick nicht den Plan, eigens eine Website anzulegen. oder so etwas in der Art. Aber interessieren würde es mich als fettaktivistische Bloggerin natürlich sehr, wie relevant das Thema, mit dem wir uns hier am Strand mittlerweile seit ein paar Jahren schwerpunktmäßig beschäftigen, für euch ist.

Darum würde ich mich sehr über Feedback / Kommentare freuen: Ist Fettakzeptanz für euch wichtig und warum (oder eben nicht)?

NH


Sonntag, 18. Oktober 2015

Warum hassen manche Ex-Dicke Dicke?

"The worst kind of fat haters are the ex-fat people."*




VORSICHT: NICHTS ALS UNGEHALTENES GEMECKER

Ich gebe die Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage am besten gleich. Die Sache ist nämlich ganz einfach: Weil sie sich selbst hassen.

Sie haben sich als Dicke gehasst, sie hassen die Erinnerung an ihr vormals dickes Ich - und sie haben eine Scheißangst, wieder dick oder in der nächsten Runde noch dicker zu werden. Diese Angst, wie wir alle wissen, ist mehr als berechtigt. Statistisch stehen die Chancen, das Ergebnis einer Diät über fünf Jahre zu erhalten denkbar schlecht. Je nach Studie schaffen das nur bis zu 5%.

Für die, die es schaffen wollen, muss die Diät zwangläufig zur Lebensaufgabe werden. Auch das verkraftet die eine Kandidatin besser, die andere schlechter. Getrieben von oben erwähnter Scheißangst, wieder dick zu werden, werden einige anderen Dicken gegenüber nicht nur denkbar biestig, sondern entwickeln den flammenden Fanatismus und das groteske Missionierungbestreben wiedergeborener Christen.

Und wenn man sich nach erfolgreichem und größerem Gewichtsverlust ohnehin lebenslang Tag für Tag mit Ernährungsprogrammen, mit Verboten, Reglementierungen und der eigenen immer wieder dazwischenfunkenden Willensschwäche auseinandersetzen muss, liegt es oft auch schlicht nah, Diäten kurzerhand zum Beruf zu machen und z.B. zum "Coach" für andere Abnehmwillige zu werden - auf die Weise muss man sein Diät-Universum nicht einmal mehr verlassen, um Geld zu verdienen.

Sie haben das Licht gesehen, aber wissen, dass sie nie ganz aus dem Tunnel herauskommen werden. Zudem befinden sie sich auf einem Laufband, das sie im Tunnel fortwährend in die entgegengesetzte Richtung zu fahren droht, so dass sie sich wirklich keine Verschnaufpause gönnen können, wenn sie nicht auf direktem Wege wieder in der fetten Hölle landen wollen. Bei so einer Perspektive für die Zukunft kann man schon mal grantig werden. Das verstehe ich sogar ziemlich gut. Aus eigener Erfahrung.

Natürlich kann es auch sein, dass das Dünnsein sie schlicht nicht für all die Strapazen, die sie auf dem Weg zur Erschlankung überstanden haben und weiterhin überstehen werden müssen, entschädigt. Auf anderen Dicken herumzutrampeln und sich selbst so zu erhöhen, ist sozusagen ein Bonus, dessen sie jetzt, da sie nicht mehr (ganz so) dick sind, habhaft werden können, und den sie gierig an sich raffen, weil ihr dünnes Leben ansonsten gar nicht so abhebt, wie sie sich das vielleicht gedacht haben.

Den Anlass für diesen Beitrag (wenn auch bei weitem nicht den einzigen für meine allgemeine Verstimmung) lieferte ein eigentlich komplett neutraler und freundlicher Kommentar einer Leserin, der dann aber von mir nicht freigeschaltet wurde, weil er einen Link zu ihrem Blog enthielt. Auch das wäre eigentlich kein Problem gewesen, wenn es sich nicht um ein äußerst rabiates Diät-Blog handeln würde, dessen ehemals dicke Autorin es insbesondere mit dem Missionieren und dem Dicken-Bashing verdammt ernst meint.

Bei ehemals dicken Dickenhasserinnen kommt das Fat-Shaming dann immer gern aus der selben Richtung, aus der es beim Rest der fettphobischen Gesellschaften auch kommt: Weil es ja unter Erwachsenen irgendwie nicht mehr so richtig zulässig ist, jemandem zu sagen, dass sein Fett schlicht hässlich und grässlich ist, muss das Gesundheitsargument als moralisches Schutzschild und argumentative Atombombe herhalten. "Fett ist ungesund!" schreien sie uns pausenlos entgegen. Und behaupten, uns nur zu unserem Besten anzuschreien. Tatsächlich würden sie uns aber viel lieber sagen, wie unbeschreiblich widerwärtig sie unser (und ihr Fett) finden (fanden).

Und weil sie ja schließlich mal mit uns in einem Boot gesessen haben, aber dann erlöst wurden, wissen sie ganz genau über uns Dicke Bescheid. Wir sind in der Tat faul und verfressen. (Denn sie waren faul und verfressen.) Wir können uns unmöglich in unseren Fettschichten wohlfühlen. (Denn sie konnten sich in ihrer Fettschicht nicht wohlfühlen.) Dicke erfinden Ausreden, warum sie nicht abnehmen können. (Weil sie Ausreden erfunden haben.) Wir haben alle Plattfüße, ächzende Knie, Bluthochdruck und Diabetes. (Denn sie hatten all das, oder - wieder mal - eine Scheißangst, all das zu kriegen.)

Eine Bekannte sagte, vielleicht sei da auch Neid in der Mixtur. Der Neid auf die, die die Kraft aufbringen, sich gegen den Abnahmezwang zu stemmen und sich nicht mehr von Angst und Anpassungsbedürfnis in den Tunnel saugen zu lassen. Wer weiß.

Ich plane bekanntlich auch, noch einmal eine Diät zu machen. Hier am Strand gilt natürlich noch immer und immer wieder, dass jeder mit seinem Körper tun und lassen soll, was er will. Aber er soll verdammt noch einmal auch alle anderen machen lassen, was sie wollen. Selbst wenn Dicksein ungesund wäre - READ MY LIPS: Meine Gesundheit geht andere einen SCHLEIMIGEN KRÖTENKOT (hoppla, da kommt die dicke Hexe wieder durch) an.

Ich habe sie alle so satt, die nicht einfach andere anders sein lassen können. Und insbesondere die, die es aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihrer eigenen Erfahrung von Herabsetzung und Diffamierung erst recht besser wissen müssten.


NH

*"Die schlimmsten Fetthasser sind die Leute, die mal dick waren."


Samstag, 26. September 2015

Die dicken Damen des Herrn Hongfei

Ein Bekannter hat mir Fotos von Skulpturen des chinesischen Künstlers XU Hongfei geschickt, die bis zum 13. September im Lustgarten in Berlin und auf dem Potsdamer Platz zu sehen waren. Offenbar sind die Werke unter dem Titel "Chubby Women" (In Berlin hießen sie offenbar "Fat Ladies" (?)) seit 2013 auf Welttour und sind u.a. bereits in Singapur, Melbourne, London, Paris und Mailand ausgestellt worden. Die Austellung war Teil des Kulturaustausches zwischen Berlin und der chinesischen Provinz Guangdong. 

Im Flyer zur Ausstellung stand, dass Hongfei mit seinen dicken Frauen genau das vermitteln will, was wahrscheinlich auch jeder auf den ersten Blick vermuten würde: "Jeder Mensch hat das Recht, sich und seinen Körper zu mögen." Somit haben die Arbeiten Hongfeis künstlerischer Absicht zufolge weder einen doppelten Boden noch eine unerwartete Botschaft. Und schon gar keine unterliegende Ironie. Hongfei fordert das Publikum übrigens im Flyer explizit dazu auf, die Skulpturen anzufassen und zu fotografieren.

Er hat (halb)nackte, runde Frauenfiguren kreiert, die offenkundig (auch/trotzdem) sexuelle Wesen sind. Und die selbstbewusst und mit großer Bestimmtheit, körperlicher Kraft und Energie, sowie Freude öffentlichen Raum einnehmen und sich so gegen Weiblichkeits- und Schönheitsstandards stemmen. Mir haben sie wirklich gefallen, obwohl einige von ihnen natürlich haarscharf an fettem Kitsch vorbeischrammen. Leider habe ich es nicht rechtzeitig in die Hauptstadt geschafft, aber umso mehr habe ich mich über die Fotos und den Hinweis auf die Ausstellung gefreut. 

Ich frage mich, ob sie wohl für viele der Betrachter eine sehr große ästhetische Herausforderung gewesen sind. Und wie viele die dicken Frauen einfach nur für "lustig" oder, andererseits, schlicht "ekelhaft" oder "anstößig" fanden. "Lustige" Dicke sind natürlich kein besonders innovatives Konzept und im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit ihrer gesellschaftlichen Herabsetzung und die Veränderung von Sehgewohnheiten nicht wirklich hilfreich. Trotzdem: Am Ende kriegt weibliches Fett natürlich nur selten eine solch öffentliche Bühne.









NH

Freitag, 28. August 2015

Back to School Special

Another day, another drama...

(Britney Spears)

Kipperkarten zum Wahrsagen - Ausgabe von Regula E. Fiechter und Urban Trösch


Ich schlurfe seit geraumer Zeit durch mein Leben und habe das dringende Gefühl, dass es Zeit ist, etwas abzuschließen. Ich weiß zwar nicht was das „etwas“ wirklich ist, existiere aber in der Atmosphäre einer auslaufenden Lebensphase – ein wenig diffuse Erleichterung, ein wenig Desorientierung, eine stark verwackelte Aussicht auf Transformation. Etwas mehr Desorientierung als alles andere, vermutlich.

Fettakzeptanz. Been there, done that.*

Beim Durchgehen meiner Sprachmemos habe ich folgende Nachricht vom 24. April an mich selbst gefunden: "Das Blog hilft mir nicht mehr." Das stimmt übrigens immer wieder mal. Vielleicht sogar öfter als nicht. Ich habe aus meinen Zweifeln und meiner Frustration eigentlich nie ein Geheimnis gemacht. Die Tatsache, dass sich Fettaktivismus auf Deutsch nicht realistisch etablieren und ausweiten lässt und dass er sich weitgehend darin erschöpft, sich in Community-Schutzräumen zusammen zu tun und sich „trotzdem hübsch“ anzuziehen – all das lässt mich pausenlos an meinen Nägeln kauen, mit den Zähnen knirschen und mir meine Haare raufen.

Darüber hinaus stößt frau wieder und wieder auf das Phänomen, dass die Gemeinschaften und Foren von Dicken erstaunlich unzugängliche, ja geradezu elitäre und obendrein von Konkurrenz geprägte Strukturen haben können. Das mag natürlich auch auf das übergroße Bedürfnis zurückzuführen sein, sich zu schützen. Vor schlechten Gefühlen. Vor Negativität. Aber eben auch vor der Wahrheit über das Dicksein in unserer Gesellschaft. Leah hat mehrere Beiträge über dieses Thema und ihre gelegentlich aufflammende Enttäuschung darüber geschrieben. Sie und ich haben im Internet mithin ähnliche Beobachtungen gemacht. Wie startet man z.B. ein so richtig erfolgreiches „Fettakzeptanz-Blog“? 1. Sei nicht zu dick. 2. Lächeln, lächeln, lächeln.

Obwohl ich für mich selbst riesige Schritte in Richtung Selbstakzeptanz gemacht habe, und ich mein Blog tatsächlich für richtig und manchmal auch richtig wichtig halte, komme ich doch in beiden Disziplinen an Grenzen, die mich nun immer öfter anhalten lassen. Und dann sehe ich mich um – nach neuen Wegen. Wie setze ich in Zukunft die Reise zu dicker Akzeptanz für mich selbst fort? Und wie viel Energie kann ich zukünftig investieren, um andere ebenfalls aufzuwiegeln, sich auch auf die Reise zu machen? Wie wichtig kann es mir weiterhin sein, andere trotz ihres offenkundig nur zögerlichen oder ambivalenten Interesses irgendwie doch in den fahrenden Zug zu zerren? Denn so fühlt es sich mitunter an, wenn man sich pausenlos quasi in Vertretung für andere echauffiert. Und das ist etwas, was ich nicht nur im Hinblick auf Fettakzeptanz tue. Mir antue. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. 

Und garantiert nie wieder werde ich meine Nase in ein Weight Watchers Magazin stecken, nur um noch mehr über Fettphobie zu begreifen. Obwohl ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, wie weite Teile der Leserinnenschaft diese Art von Lektüre, die im Hinblick auf weiblichen Selbsthass jede konventionelle Frauenzeitschrift weit in den Schatten stellt, offenbar regelmäßig überstehen, ohne sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wie man wiederholt derartige sektengesteuerte Attacken auf das eigene Selbstwertgefühl aushält, ist mir ein Rätsel...

Aber wo war ich eigentlich gerade?

Ach, ja...ich muss meine Zuständigkeiten klären. Und ab jetzt bin ich radikal für mich selbst zuständig. Und wenn es in diesem Blog natürlich auch jetzt schon meistens irgendwie um mich geht, dann wird es in Zukunft sogar so sein:

I’m sorry if that sounds selfish, but it’s ME, ME, ME! 
(Jennifer Saunders, Absolutely Fabulous)
 Der Stand:
  • Ich bin 43 Jahre alt.
  • Ich bin Single. Das ist nicht das, was ich mir wünsche.
  • Beruflich und finanziell befinde ich mich in einem desorientierten und eigentlich auch ziemlich desolaten Zustand.
  • Gesundheitlich arbeite ich daran, einen erhöhten Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen. Außerdem fühle ich mich bei Weitem nicht so stark und körperlich fit, wie ich gern wäre.
  • Und was ich trotz aller Fortschritte auf meinem Weg zu dicker Selbstakzeptanz an meinem Körper wirklich gern ändern würde, das sind die ballonartigen, omahaften Wasserfüße, die ich am Abend habe. Da! Ich hab’s gesagt! Diese Füße vertragen sich auch heute einfach nicht mit meinem Selbstbild. Und schon gar nicht mit dem, was von meiner Schuhsammlung übrig ist.
  • Ich hätte wirklich gern mehr Spaß im Leben.

Zunächst einmal werde ich wohl das UGLY GIRL PROJECT abschließen. Da braucht es nun noch ein Finale. Und dann leere ich die Hälfte der Bilderrahmen, die hier in meinem Zuhause herumstehen, und mache Platz für zukünftige Erinnerungen. (In den meisten Rahmen steckt übrigens meine Mutter.) Dann werde ich (u.U. zeitgleich) beginnen, zu trainieren und zu vloggen. In den kommenden Monaten lese ich nur noch Krimis und National Geographic. Womöglich buche ich mir zwischendurch auch noch einige Coaching-Termine mit ein paar Pinguinen. Und dann sehen wir mal weiter.

*Kenn' ich alles schon. / Erledigt.


NH