Posts mit dem Label Gesundheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gesundheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 19. April 2019

Endometrium - Revisited


Krebs


Am 11. April wäre meine Mutter 76 Jahre alt geworden. Sie ist 2009 gestorben - an Eierstockkrebs. Mit dem Tod meiner Mutter wurde ich sterblich. Da war ich Ende dreißig.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass der Tod meiner Mutter das Schlimmste sein würde, was mir passieren kann. Und das war er auch, glaube ich. Darum bin ich zwischendurch immer mal wieder erstaunt, dass ich den Tod meiner Mutter überlebt habe. Gleichwohl nicht ohne immer und ewig bleibende Blessuren.

Im Sommer 2009 habe ich quasi im Universitätsklinikum Eppendorf gewohnt. Meine Mutter wurde mit Nebenwirkungen ihrer zweiten Chemo eingeliefert und verstarb dort zweieinhalb Monate später. Streng genommen nicht am Krebs. Sondern an einer Lungenentzündung.

Ich schlief in den letzten Tagen bei ihr auf der Palliativstation, aber in den Wochen davor pendelte ich zwischen Eppendorf und Reinbek, einem Vorort, in dem ich damals wohnte, und wo der Kater darauf wartete, Futter und etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Manchmal fuhr ich mehrmals am Tag hin und her. Ich schleppte Obst und Blumen aus ihrem Garten und frische Kleidung und Kosmetika und Fotoalben ins Krankenhaus. Die Fotoalben wünschte sie sich, vermutlich, um Bilanz zu ziehen. Und ich rannte und fuhr wie betäubt immer über die gleichen, schweren Wege. Und hatte bald Angst, sie nicht mehr lebend vorzufinden, wenn ich zu lange wegblieb.

Ich habe ein paar Male eine Kamera laufen lassen, als ich das Krankenhaus verließ oder dort wieder ankam. Obwohl die Zeit fürchterlich war, wollte ich auf keinen Fall vergessen, wie es war. Die Clips kommen jetzt zum Einsatz, weil ich offenbar mit meiner Verarbeitung am richtigen Punkt angekommen bin. Und ja, das Video beschreibt in seiner Zähigkeit und Wackeligkeit die quälerischen Tage ziemlich gut.



Krebsvorstufe


2012 habe ich hier auf dem Blog ein Bild von einem blutigen Stückchen meines Endometriums ( meiner Gebärmutterschleimhaut) gepostet. Das gefiel einigen Leserinnen damals nicht besonders, aber ich war ja noch nie kleinlich, wenn es um die Preisgabe von Dingen geht, die aus meiner Sicht eben Beides sind: privat, aber auch politisch. Heute freue ich mich regelrecht, dass ich meiner Gebärmutterschleimhaut ein wenig Raum im Internet gegeben habe, denn mittlerweile habe ich keine mehr.

Die Beschäftigung mit den Organen meines Unterleibes kam nicht von ungefähr. Ich war offenkundig durch die Geschichte meiner Mutter traumatisiert und gleichzeitig froh, nicht von eben jenem Unterleib schon längst getötet worden zu sein. Da ich vor dem Ableben meiner Mutter unsterblich gewesen war, hatte ich konsequenterweise auch auf regelmäßige gynäkologische Sicherheitsüberprüfungen verzichtet. Überhaupt war ich nur in absoluten Notfällen in Wartezimmern anzutreffen. Ich hatte keine Zeit und keine Lust, und als ich dann aufgescheucht durch die Erkrankung meiner Mutter damit begann, regelmäßige Untersuchungen machen zu lassen, brach natürlich, wie hätte es auch anders sein können, die Hölle über mich herein.

Denn es stellte sich heraus, dass mein Unterleib, so wie mein ganzer Körper, aus medizinischer Sicht, nicht regelrecht war. Er hatte ständig Zysten an den Eierstöcken und immer wieder eine viel zu hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut. Mein Wiedereinstieg in das Vorsorgekarussell war der Startschuss für ein Jahrzehnt voll ständiger Überwachung, Diagnostik und (vielleicht irrationaler aber dennoch unbezwingbarer) Todesangst. Ausschabungen, Bluttests und Bauchspiegelungen sowie die Entnahme eines Eierstockes, um ihn besser unters Mikroskop legen zu können - ich ließ nichts aus. All das und alles immer mit dem Aktenvermerk der familiären Vorbelastung.

Allerdings war nie was. 

Bis zum März dieses Jahres, als in meinem Endometrium atypische Zellen gefunden wurden. Also quasi eine Krebsvorstufe. Etwas, das vielleicht bösartig werden könnte. Die Ärztin, die die Abrasio im UKE vorgenommen hatte, hatte mir gesagt, alles sähe normal aus, und ich würde den histologischen Befund per Post bekommen, es sei denn, irgendetwas Ernstes liege vor. Dann würde sie mich anrufen. Aber davon ginge sie ja nun wirklich nicht aus...

Und dann rief sie an, und ich war nicht zu Hause. 

Es war, als sähe ich mich selbst in einem Film. Während ich ihre Nachricht abhörte und dann versuchte, sie zurückzurufen, warf ich mit zittrigen Händen Dinge um und fing an zu schluchzen, als ich sie nicht erreichte und stattdessen in der Warteschleife gefangen war. Ich war erledigt. Ich war mir absolut sicher, dass meine familiäre Vorbelastung mich jetzt nach all den Jahren der Panik tatsächlich eingeholt hatte. Und in meinem Testament stand noch immer meine Mutter als Erbin! Ich war nicht vorbereitet. Und ich hatte noch so viel auf meiner Bucket List. Ich redete laut und verheult auf das Personal der Gynäkologie ein, als ich endlich verbunden wurde und bekam so vermutlich die Sonderbehandlung einer Nachricht direkt aus dem OP, in dem meine Ärztin gerade stand und arbeitete: Alles nicht tragisch, aber muss gemacht werden.

Nun habe ich also keine Gebärmutter mehr. Ich habe sie in dem Krankenhaus gelassen, in dem ich meine Mutter verloren habe. Ich lag auf derselben Station, wie sie zunächst auch. Vielleicht sogar im selben Zimmer - daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht war es auch das daneben. Der Weg auf die Station war wieder schwer. Als ich mit meinem Rollköfferchen an den Geschäften auf dem sogenannten "Boulevard" vorbeischepperte, musste ich ein wenig weinen. Außerdem wurde mir schwindlig und ich schlingerte so vor mich hin. Die Entscheidung für das Krankenhaus war übrigens dennoch eine Bewusste. Ich halte die Versorgung dort trotz allem noch immer für die sicherste, die man hier in Hamburg bekommen kann.

Ab jetzt wird es nach einem Jahrzehnt der Angst vermutlich ruhiger werden. Ich habe zwei Gründe zur Sorge weniger, denn der Eileiter zum verbleibenden Eierstock ist auch entfernt worden. Offenbar legt die aktuelle Forschung nahe, dass Eierstockkrebs im Eileiter beginnt und nicht im Eierstock selbst. Meine Mutter hatte auch mit Mitte vierzig eine Hysterektomie. Hätte man damals die Eileiter nicht stehenlassen, wäre sie womöglich noch hier. Es bringt nichts, sich mit solchen Überlegungen zu belasten - ich weiß. Ich habe eben Glück, dass ich erst heute 47 bin.

Oder schon 47. Über die Lebensmitte hinaus. Und mit einer Bucket List (Liste der Dinge, die frau vor ihrem Tod erleben und erledigen will) bis in den Himmel. Man könnte meinen, dass ich mich, nachdem das Theater mit meiner Gebärmutter nun ein gutes Ende gefunden hat, jetzt endlich mit frischem Mut sogleich an die Abarbeitung der Punkte auf eben jener Liste machen sollte. Aber ich fühle mich noch immer ein wenig betäubt. So, wie man nach dem Abschluss großer und anstrengender Projekte mitunter erst einmal ein wenig orientierungslos ist. Auch will ich mir nicht gleich schon wieder neue Sorgen machen - Sorgen, dass ich einfach nicht genug aus meinem Leben mache.

Und so schließe ich einfach mit Kylie Minogues "Dancing". Es ist vielleicht ein wenig kitschig, aber es scheint mir nicht unpassend. Das Wortspiel "I wanna go out dancing" (Ich will tanzen gehen oder Ich will tanzend sterben) hat es mir angetan - besonders auch vor dem Hintergrund, dass Kylie Minogue selbst Krebserfahrung hat.


Blick von meinem Bett im UKE - April 2019

Nachtwanderung durch die Station - UKE April 2019

UKE 2009

Das Zimmer meiner Mutter - UKE 2009

Auf dem Weg nach Hause vom UKE 2009

Meine Mutter nach ihrer Chemotherapie

NH

Sonntag, 18. Oktober 2015

Warum hassen manche Ex-Dicke Dicke?

"The worst kind of fat haters are the ex-fat people."*




VORSICHT: NICHTS ALS UNGEHALTENES GEMECKER

Ich gebe die Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage am besten gleich. Die Sache ist nämlich ganz einfach: Weil sie sich selbst hassen.

Sie haben sich als Dicke gehasst, sie hassen die Erinnerung an ihr vormals dickes Ich - und sie haben eine Scheißangst, wieder dick oder in der nächsten Runde noch dicker zu werden. Diese Angst, wie wir alle wissen, ist mehr als berechtigt. Statistisch stehen die Chancen, das Ergebnis einer Diät über fünf Jahre zu erhalten denkbar schlecht. Je nach Studie schaffen das nur bis zu 5%.

Für die, die es schaffen wollen, muss die Diät zwangläufig zur Lebensaufgabe werden. Auch das verkraftet die eine Kandidatin besser, die andere schlechter. Getrieben von oben erwähnter Scheißangst, wieder dick zu werden, werden einige anderen Dicken gegenüber nicht nur denkbar biestig, sondern entwickeln den flammenden Fanatismus und das groteske Missionierungbestreben wiedergeborener Christen.

Und wenn man sich nach erfolgreichem und größerem Gewichtsverlust ohnehin lebenslang Tag für Tag mit Ernährungsprogrammen, mit Verboten, Reglementierungen und der eigenen immer wieder dazwischenfunkenden Willensschwäche auseinandersetzen muss, liegt es oft auch schlicht nah, Diäten kurzerhand zum Beruf zu machen und z.B. zum "Coach" für andere Abnehmwillige zu werden - auf die Weise muss man sein Diät-Universum nicht einmal mehr verlassen, um Geld zu verdienen.

Sie haben das Licht gesehen, aber wissen, dass sie nie ganz aus dem Tunnel herauskommen werden. Zudem befinden sie sich auf einem Laufband, das sie im Tunnel fortwährend in die entgegengesetzte Richtung zu fahren droht, so dass sie sich wirklich keine Verschnaufpause gönnen können, wenn sie nicht auf direktem Wege wieder in der fetten Hölle landen wollen. Bei so einer Perspektive für die Zukunft kann man schon mal grantig werden. Das verstehe ich sogar ziemlich gut. Aus eigener Erfahrung.

Natürlich kann es auch sein, dass das Dünnsein sie schlicht nicht für all die Strapazen, die sie auf dem Weg zur Erschlankung überstanden haben und weiterhin überstehen werden müssen, entschädigt. Auf anderen Dicken herumzutrampeln und sich selbst so zu erhöhen, ist sozusagen ein Bonus, dessen sie jetzt, da sie nicht mehr (ganz so) dick sind, habhaft werden können, und den sie gierig an sich raffen, weil ihr dünnes Leben ansonsten gar nicht so abhebt, wie sie sich das vielleicht gedacht haben.

Den Anlass für diesen Beitrag (wenn auch bei weitem nicht den einzigen für meine allgemeine Verstimmung) lieferte ein eigentlich komplett neutraler und freundlicher Kommentar einer Leserin, der dann aber von mir nicht freigeschaltet wurde, weil er einen Link zu ihrem Blog enthielt. Auch das wäre eigentlich kein Problem gewesen, wenn es sich nicht um ein äußerst rabiates Diät-Blog handeln würde, dessen ehemals dicke Autorin es insbesondere mit dem Missionieren und dem Dicken-Bashing verdammt ernst meint.

Bei ehemals dicken Dickenhasserinnen kommt das Fat-Shaming dann immer gern aus der selben Richtung, aus der es beim Rest der fettphobischen Gesellschaften auch kommt: Weil es ja unter Erwachsenen irgendwie nicht mehr so richtig zulässig ist, jemandem zu sagen, dass sein Fett schlicht hässlich und grässlich ist, muss das Gesundheitsargument als moralisches Schutzschild und argumentative Atombombe herhalten. "Fett ist ungesund!" schreien sie uns pausenlos entgegen. Und behaupten, uns nur zu unserem Besten anzuschreien. Tatsächlich würden sie uns aber viel lieber sagen, wie unbeschreiblich widerwärtig sie unser (und ihr Fett) finden (fanden).

Und weil sie ja schließlich mal mit uns in einem Boot gesessen haben, aber dann erlöst wurden, wissen sie ganz genau über uns Dicke Bescheid. Wir sind in der Tat faul und verfressen. (Denn sie waren faul und verfressen.) Wir können uns unmöglich in unseren Fettschichten wohlfühlen. (Denn sie konnten sich in ihrer Fettschicht nicht wohlfühlen.) Dicke erfinden Ausreden, warum sie nicht abnehmen können. (Weil sie Ausreden erfunden haben.) Wir haben alle Plattfüße, ächzende Knie, Bluthochdruck und Diabetes. (Denn sie hatten all das, oder - wieder mal - eine Scheißangst, all das zu kriegen.)

Eine Bekannte sagte, vielleicht sei da auch Neid in der Mixtur. Der Neid auf die, die die Kraft aufbringen, sich gegen den Abnahmezwang zu stemmen und sich nicht mehr von Angst und Anpassungsbedürfnis in den Tunnel saugen zu lassen. Wer weiß.

Ich plane bekanntlich auch, noch einmal eine Diät zu machen. Hier am Strand gilt natürlich noch immer und immer wieder, dass jeder mit seinem Körper tun und lassen soll, was er will. Aber er soll verdammt noch einmal auch alle anderen machen lassen, was sie wollen. Selbst wenn Dicksein ungesund wäre - READ MY LIPS: Meine Gesundheit geht andere einen SCHLEIMIGEN KRÖTENKOT (hoppla, da kommt die dicke Hexe wieder durch) an.

Ich habe sie alle so satt, die nicht einfach andere anders sein lassen können. Und insbesondere die, die es aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihrer eigenen Erfahrung von Herabsetzung und Diffamierung erst recht besser wissen müssten.


NH

*"Die schlimmsten Fetthasser sind die Leute, die mal dick waren."


Sonntag, 5. Oktober 2014

Follow me around 8: Mittendrin



Ich guckte eines Tages von oben auf meinen Bauch und stellte fest, dass er dieser Tage wie ein Spitzkohl aussieht. Also, wie gesagt - nur von oben jetzt. Ich habe eine punktuelle, ziemlich harte Ausstülpung oberhalb des Nabels, die entnervend in die Welt zeigt. Wenn ich mich setze oder liege, verschwindet sie. Das war offenbar  auch das Problem von zwei Ärzten, die es in den letzten Wochen mit meiner verbeulten Mitte zu tun bekommen hatten. "Legen Sie sich mal hin", hatte es schlicht nicht gebracht. Denn das, was man im Stehen hätte ertasten können, verschwand beim Liegen schlicht wieder durch ein Loch in seine Höhle. Meine Bauchhöhle, um genau zu sein. Die Darmschlingen, die sich durch meine Bauchdecke schlängeln, bzw. herauskippen, wenn ich stehe, sind offenbar wie flinke, listige Tierchen.

Ich wusste, irgendetwas stimmt nicht. Aber zwei Ärzte hatten mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Ich spürte die Beule, die ein wenig hin- und herwaberte, aber beim Stehen und gehen immer da war. Trotzdem dauerte es sage und schreibe bis gestern Abend, bis mich endlich so etwas wie Panik ergriff. Ich stand in der Küche und bekam keine Luft mehr. Dann wurde mir regelrecht blümerant. Mein Bauch fühlte sich an wie ein Korsett. Ich hasste, hasste, hasste ihn mit seinem unberechenbaren und aufdringlichen Inhalt und die Tatsache, dass er mich nun doch dazu zwang, mich ernsthaft mit ihm zu befassen. Vor meinem inneren Augen tanzten Bilder von Tumoren, die sich mit rasender Geschwindigkeit zu Globusgröße entwickeln und mich und mein Leben sprengen würden...

Zwar brachten mich eine Beruhigungstablette und etwas Recherche im Internet langsam wieder auf den Teppich, denn ich ich hatte einen Anfangsverdacht und dann nach ein paar Minuten fast so etwas wie eine Bestätigung desselben: Nabelbruch. Davon stirbt man nicht. Das sollte man nur irgendwann mal operieren lassen.

Aber sicher war ich mir natürlich erst, als ich heute in eine Notfallpraxis im Krankenhaus am Ort ging, und dem Arzt dort meinen nackten Bauch strategisch in aufrechter Position präsentierte. Der sagte: "Ja, das ist es. Man kann auch die Bruchöffnung fühlen." Dann schrieb er mir auf, bei welchem Professor er an meiner Stelle das Loch in der nächsten Zeit mal flicken lassen würde. (Jetzt hoffen wir mal, er und ich haben uns diagnostisch nicht total vertan.)

Zu viel Druck

Meine Mitte ist entzwei. Die Balance ist flöten, alles läuft in diesem Jahr noch etwas mehr aus dem Ruder als sonst, und ich werde offensichtlich und buchstäblich langsam dünnhäutiger, statt resilienter. Der Körper steckt nicht mehr weg, sondern serviert einem ein Projekt nach dem nächsten. Erst Haut, dann Zucker und jetzt ein Loch im Bauch. Ich weiß die umwerfende Symbolik zu schätzen. Aber ich habe keine Zeit, krank zu sein. Und ganz ehrlich: Es war beleibe nicht notwendig, mir jetzt abermals zu erklären, dass ich meine Mitte finden und mehr respektieren soll. Das weiß ich tatsächlich alles schon. Allein, ich kenne den Weg zu meiner Mitte nicht so recht.

Kram

Und  weil das so ist, habe ich, auch an diesem Wochenende, mal wieder begonnen zu graben. Im wahrsten Sinne des Wortes und in meiner persönlichen Geschichte zugleich. Denn mein nächster Lebensraum ist noch immer ein Ich-Museum ungeahnter Fülle. Vorgestern habe ich säckeweise alte Fotos und Dias fortgeworfen. Dann tatsächlich Bücher. Schwupps - in den Müll damit. Ich habe keine Zeit mehr, lange nach Abnehmern zu suchen. Ich muss die Organisation und Vereinfachung des Alltags endlich schaffen, um die Hände für Freude und Balance überhaupt frei zu haben.

Dass Kram einen erstickt und daran hindert, frei zu leben und sich nicht dauernd mit bombastischen Nebensächlichkeiten abzuplagen, ist klar. Wenn man an seine Lieblingsdinge nicht rankommt, oder Sachen nicht wegräumen kann, oder sich überall in der Wohnung kleine Horrorecken bilden, dann saugt das Energie und macht mich persönlich auch schon lebenslang fahrig und unzufrieden. Ich kämpfe gegen die Flut der Dinge solange ich denken kann. Auch bereits als Kind, als die ersten Bücherkisten in der Keller mussten, weil das Kinderzimmer zu klein wurde. Allerdings sind die Rückschläge schwer und die Energie und Konsequenz selten ausreichend. Einer meiner besonderen Feinde ist ja Kabelsalat. Das wird sich jetzt ändern. Alle Kabel werden demnächst zusammengerafft und BESCHRIFTET. Diesmal soll alles anders werden. Endgültig.

Im Bad habe ich eine Schachtel gefunden, in der sich alte Kosmetika von meiner Mutter befinden. Dass diese bisher nicht geöffnet worden ist, hat bestimmt seine Gründe. Es war halt noch nicht Zeit. Und ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass das Loslassen auch fünf Jahre später noch immer nicht komplett stattgefunden hat.* Die Existenz der inzwischen brüchigen Nivea-Creme in meinem Haushalt ist ein hervorragendes und vermutlich sogar ziemlich drastisches Beispiel für "emotional clutter". Das meiste, was wir haben, obwohl es keinen klaren Zweck erfüllt und eigentlich nur immer im Weg herumliegt, dürfte in diese Kategorie fallen. Fotos von Leuten, die meine Eltern (aber ich nicht) kannten. Bücher mit Widmung (an meinen Vater), die ich bestimmt nie lesen werde. Steine. Federn. Muscheln. Postkarten. Skizzenblöcke von meiner Mutter. CDs von Ex-Freunden mit Musik, dich ich nie so recht leiden konnte. Die Stühle aus dem Esszimmer meiner Kindheit, die ich immer mal aufarbeiten lassen wollte. Material für Kunstprojekte, die einfach nicht passieren. Und wer weiß, ob jemals.

Inzwischen gibt es ja massenhaft professionelle Hilfsangebote, um sein Leben auszumisten und sich von Ballast zu befreien. Vollgestopfte Häuser sind nichts ungewöhnliches. Das steht fest. Längst befasst sich auch die Wissenschaft mit dem Haben und Horten.

Wie bei allem, was das Leben besser machen soll, muss man ein wenig aufpassen, dass es nicht zur Ersatzreligion wird. Akribische Selbstorganisation als Selbstzweck ist genauso wenig zielführend wie ein Putzzwang, wenn es schließlich darum geht, sich der Macht der Dinge am Ende des Tages zu entziehen. Wenn sie sich in der weiteren Welt da draußen eigentlich nicht zurechtfinden, hilft es nichts, wenn Menschen in der Abstellkammer auch nicht die kleinste Kleinigkeit mehr dem Zufall überlassen. Obwohl es gelegentlich schon ausgesprochen faszinierend sein kann, sie dabei zu beobachten.

Obendrein kann es leicht dazu kommen, dass bei dem Unternehmen Selbst- und Haushaltsorganisation zunächst einmal noch mehr Kram ins Haus geschleppt wird... ; )





















*Vielleicht vlogge ich mal das Entpacken und Auflösen - als leicht morbide Alternative zum herkömmlichen "Unboxing".

NH


Mittwoch, 19. März 2014

Sugar in the mornin'

Mein Arzt sagte: "Sie haben es nicht nur Schwarz sondern sogar Rot auf Weiß." Und: "Natürlich müssen wir alle drei Monate Ihre Werte messen." Und außerdem: "Und dann werden wir Sie auch jedes Mal wiegen." Bildete ich mir den drohenden Unterton nur ein? Tatsächlich hatte er kurz vorher doch wirklich das Wort "Diät" in den Mund genommen. Dabei macht das heute ja so leicht keiner mehr, weil wir schließlich inzwischen doch alle wissen, dass Diäten nicht wirklich gesund sind. Im weiteren Verlauf redete er dann auch immer nur noch von einer "Veränderung des Lebensstils". Ich saß zunächst schweigend da und dachte jedes Mal bei mir:"Fuck you."

Nicht, dass ich meinen Hausarzt nicht leiden kann, sonst wäre ich ja nicht seine Patientin. Und bisher hatte er sich alles Dahingehende verkniffen. Er hatte nie etwas über mein Gewicht gesagt. Das muss man ihm lassen. Jetzt allerdings wirkte er wie jemand, der nur auf eine Wendung dieser Art gewartet hatte. Was zeigt, dass auch er vermutlich einen Generalverdacht gegen Dicke hegt. Und ich kann mir natürlich ganz genau vorstellen, wie er sich meinen "Lebensstil" so ausmalt. Er hält mich für faul und gefräßig - sagen wir es doch einfach, wie es (höchst wahrscheinlich) auch ist. Dabei kann ich ihm natürlich ganz genau sagen, was mein Lebensstil bis vor ungefähr zwei Jahren war: Diäten und prekäres Essen. Und das macht bekanntlich zuverlässiger dick, als alle Torten der Welt. Besonders, wenn man früh genug damit anfängt. Als er mir dann eine Ernährungsberatung angedeihen lassen wollte, konnte ich irgendwie nur noch müde schnauben. Und lehnte dankend ab. Je nachdem, wie sich unsere Zusammenarbeit im Hinblick auf meine Zuckererkrankung entwickelt, könnte sich hier also irgendwann noch die Notwendigkeit für ein deutliches Grundsatzgespräch ergeben. Aber gestern war nicht der Zeitpunkt dafür.

Hinterher dachte ich, dass es ein etwas vorschneller Entschluss war, die Ernährungsberatung nicht in Anspruch zu nehmen - schließlich könnte diese eine unschätzbare Quelle für Satire sein. Auch zu spät fiel mir ein, dass ich mich ja aus Recherchezwecken eigentlich über die Möglichkeit eines Magenbandes oder -bypasses erkundigen wollte. Aber jetzt, wo ich meinen Doktor schließlich auf seinen Wunsch regelmäßig besuchen werde, kann ich auf beides natürlich später/bald noch einmal zurückkommen.

Oh, die Ironie.

Nun mache ich also wieder Diät. Ich "ändere meinen Lebensstil" von intuitivem Essen zu fettarm und low carb. 5 kg sind schon runter. Wie Abnehmen geht, wissen wir dicken Mädchen schließlich ganz genau. Auch wenn unterbeleuchtete Idioten noch immer gern das Gegenteil vermuten. Niemand hat mehr Ernährungsbücher gelesen und mehr Selbstversuche hinter sich gebracht, als wir. Bei einigen von uns ist es ein Wunder, dass wir all das, was wir uns im Rennen um die Bikini-Figur im Laufe der Jahre/Jahrzehnte angetan haben, überlebt haben. Dabei hätten wir uns immer nur einfach einen Bikini anziehen und an den Strand gehen sollen.

Na schön, ich habe es bereits gesagt: Diabetes ist die große Ausnahme und der Notfall. Ein Teil des Fettes muss weg. Und das gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem ich beginne, meinen dicken Körper so wie er jetzt ist, so richtig zu mögen. Gerade jetzt, wo ich gar nicht mehr vorhatte, ihn zu ändern (außer etwas fitter zu werden). Eigentlich ist es echt zum Heulen, wenn ich an all die Jahre denke, in denen ich genau diesen Körper, den ich jetzt gern behalten würde, hatte - und ihn rund um die Uhr nur gehasst und bekämpft habe. Und jetzt muss ich ihn im Grunde wieder so behandeln, als würde ich ihn hassen. Ha, ich kann's ja kaum erwarten, bis mal wieder die ersten Komplimente kommen: "Oh, hast du abgenommen?"

Mist. Verdammter.

NH
 

Donnerstag, 6. März 2014

Einfach essen


Mein Hausarzt sagte am Telefon: "Hatten Sie denn doch schon gefrühstückt, bevor Sie zur Blutabnahme gekommen sind?" Und ich sagte: "Nein." Denn ich frühstücke nie. Dann gab er mir einen Termin, um eine eventuelle Medikation zu besprechen, weil mein Blutzucker erhöht war. Zwar besteht die Möglichkeit, dass ich erst drei oder vier Stunden vor der Blutabnahme um 7:30 Uhr ins Bett gegangen bin - und kurz davor tatsächlich noch etwas gegessen habe. Aber ich kann mich nicht erinnern, ob es so war. Darum mache ich mir nun Sorgen.

Die Situation macht mich in der Tat sehr wütend. Weil ich halt nicht gern zuckerkrank sein will. Aber auch, weil ich ja nie, nie, nie mehr nach einem übergestülpten Programm essen wollte. Und weil ich obendrein natürlich schon hören kann, wie einige Idioten sich regelrecht freuen werden: "Aha, Fett macht also doch krank, und jetzt hat es sie auch erwischt! Geschieht ihr recht, wo sie immer über Diäten  herzieht und behauptet, die ach so böse Welt sei fettphobisch. Fett zu bekämpfen hat eben doch im Grunde nichts mit Oberflächlichkeit zu tun, sondern ist notwendig, wie man sieht, blablabla."

Ich habe es schon einmal gesagt: Intuitives Essen funktioniert. Ich war in den letzten Monaten satt, frei von Nahrungsmittelzwanghaftigkeiten, Schuldgefühlen, nahm weder zu noch ab, und ein einwöchiges Nahrungstagebuch hat ergeben, dass auch die Kalorienzufuhr ganz von selbst fast jeden Tag gleich war, nämlich so um die 2500. Ich hatte Quarkbrötchen-, Bananen- und Spiegelei-Phasen, aber am Ende blieb alles bunt und vielfältig. Ich habe öfter mal was weggeworfen, weil ich einfach keinen Appetit mehr darauf hatte. Und manchmal bin ich ziemlich weit gefahren, um genau das Essen zu bekommen, das ich wirklich wollte. Aber für nichts würde ich etwas ändern, was mein Leben qualitativ so verbessert hat...

Es sei denn - Diabetes.

Ich werde gegebenenfalls den Zuckerwert mit passender Ernährung in den Griff bekommen. Ich will keine Medikamente. Ich weiß ja, wie es geht. Meine Mutter bekam Diabetes mit 50plus. Sie war eine schlanke, ziemlich fitte Frau, die allerdings, solange ich sie kannte, NIE regelmäßig Sport betrieben hatte (außer Garten- und Hausarbeit). In meiner Familie gibt es eine genetische Disposition für Diabetes: Meine kleine, dünne Großmutter und meine Tante hatten/haben die Krankheit auch. Meine Mutter und ich hatten eine sehr enge Beziehung, und ich fühlte mich immer für sie verantwortlich, so dass ihr Diabetes nach der frischen Diagnose irgendwie automatisch in meinen Zuständigkeitsbereich fiel - und ich sie in der Konsequenz zu einer Ernährung aus fettarmem Eiweiß, Vollkornbrot und Grünzeug verdonnerte. Außerdem fingen WIR an, gemeinsam zu joggen, denn allein hätte sie das nie getan, obwohl sie mir dann regelmäßig davongelaufen ist. Ich ging mit ihr einkaufen und kochte mit ihr - und nach ungefähr einem Monat schrien wir uns im Supermarkt an, weil ich wollte, dass sie ewig lebt. Und weil sie SO nicht leben wollte. Unter meiner Überwachung brauchte meine Mutter keine Medikamente, denn sie hatte Superwerte. Vermutlich besser, als jemals zuvor. Der Plan ist, dass das bei mir genauso sein wird. Aber sie entschied sich dennoch, Medikamente zu nehmen (und irgendwann Insulin zu spritzen), weil sie auf eine für sie so freudlose Ernährung langfristig keine Lust hatte. Und das war, nur so nebenbei bemerkt, die selbe Frau, die ihr Kind mit vier Jahren auf Diät gesetzt hatte. Als schlanke Diabetikerin hatte meine Mutter übrigens statistisch schlechtere Langzeitaussichten, was die Entwicklung der Krankheit anging, als ich. Auch so eine Variante des Adipositas-Paradoxons: Das Fett, das vermeintlich die Entstehung der Krankheit begünstigt, sorgt im Endeffekt dann aber für einen leichteren Verlauf eben dieser bzw. statistisch für ein längeres Leben.


Natürlich werde ich dabei auch abnehmen. Bereits am ersten Tag nach dem Telefongespräch war eine Abnahme von 2 kg zu verzeichnen. Das alte Spiel - zuerst verliert man schnell viel Wasser. Zunächst war mir der Appetit total vergangen und dann gab es am Abend vor Schreck nur noch Putenfleisch und Rosenkohl. Man kann sich mit Rosenkohl halt nicht rundessen. Das wahre Problem ist natürlich, dass ich mich damit auch nicht sattessen kann. Weder körperlich noch gefühlsmäßig. Wenigstens muss ich mir um Jojo-Effekte keine Gedanken machen, denn wenn ich wirklich ein Zuckerproblem habe, dann ist diese "Ernährungsumstellung" ohnedies eine lebenslange Angelegenheit.

Ach, und wenn ich dann an all die Kleider in kleineren Größen denke, die ich erst aussortiert und weggegeben habe...Ein Bekannte hat zu mir gesagt: "Na, dann gibt es eben etwas Neues. Das ist doch auch schön, sich neue Kleider zu kaufen, wenn man abgenommen hat." Sie meinte natürlich, dass man sich schließlich eine Belohnung verdient hat, wenn man Gewicht abwirft. Und ich hätte mich fast vergessen und geschrien: JA, VERSTEHT EIGENTLICH IRGENDWER VON EUCH, WORUM ES MIR HIER DIE GANZE ZEIT WIRKLICH GEHT!?!?!

Lasst es mich noch einmal wiederholen: Es ist meine absolute Überzeugung, dass es die richtige Entscheidung ist, Diäten aufzugeben, sich so zu akzeptieren, wie man jetzt ist - und JETZT sein Leben zu leben. Mir mag etwas dazwischen gekommen sein, aber das ändert nichts daran, dass ich das für den richtigen Weg halte. 

Hm,... was für ein Glück, dass ich noch ein paar anständige Fotos von meinem Bauch gemacht habe, bevor ich mich jetzt womöglich doch wieder verkleinere. ; )

NH

Samstag, 22. Februar 2014

Ausgelesen

 
Ich habe endlich einen kleinen Bücherstapel zum Thema Fettakzeptanz abgearbeitet.
 
Mythos Übergewicht von Achim Peters (2013)

Ausgerechnet die Brigitte Woman fiel unlängst ihrem Mutterschiff, der Brigitte, ins Heck und verkündete auf dem Titelblatt: "Alle auf Diät? Wir nicht!" (02/14) Basis für den Beitrag im Magazin war das Buch des Medizinprofessors und Hirnforschers Achim Peters, das bei mir schon seit Monaten auf dem Nachttisch gelegen hat.
 
Peters erklärt unter anderem sehr eindrucksvoll und nachvollziehbar, wie es zum Jojo-Effekt kommt, und warum "Übergewicht" seiner Erkenntnis nach immer ein Ergebnis von Stress ist. Stress, der töten kann - und der Menschen, die auf Stress nicht mit vermehrtem Essen reagieren, eher dahinrafft, als Menschen, die unter Stress mehr Energie zu sich nehmen. Ein gestresstes Gehirn braucht nämlich genau das - mehr Energie. Es kann diese aus dem Körper ziehen - in Verbindung mit hoher, konstanter Cortisolbelastung. Oder aus der Nahrung, die der Gestresste zu sich nimmt. Das führt dann allerdings zu Gewichtszunahme. Langfristig, so Peters, ist die zweite Variante aber deutlich gesünder - vielleicht nicht für die Knie, aber für alles andere schon. 
 
Sein Fazit: Stress bekämpfen, wo immer möglich. Und Dicke endlich in Ruhe und so lassen, wie sie sind. Denn Diäten erzeugen natürlich auch Stress, so dass ein Körper, der durch eine Diät bereits unterversorgt ist, auch noch einen höheren Bedarf entwickelt, bzw. vom Gehirn, das um jeden Preis seine wichtigsten Funktionen erhalten will, geplündert wird. Peters macht klar, dass dieses Spiel schlicht nicht zu gewinnen ist - und jeder, der es scheinbar gewonnen und erheblich abgenommen hat, wird sich irgendwann mit den Folgen chronischer Unterversorgung und dem daraus resultierenden Stress konfrontiert sehen - oder wieder zunehmen.
 

 
The Obesity Myth von Paul Campos (2004)
 
Man fragt sich, ob die Ähnlichkeit im Titel ein Zufall ist...auf jeden Fall war Campos zuerst da. Inhaltlich sind beide Betrachtungen des Themas sehr unterschiedlich - Campos analysiert, wie Fett und Dicke in einer fettphobischen Umgebung diskriminiert werden und wie dieser Mechanismus bestimmten Bevölkerungsgruppen/-schichten zur Abgrenzung und Selbsterhöhung dient. Er wirft einen Blick auf die Verbindung zwischen Dicken-Bashing und Rassismus. Außerdem geht er der Frage nach, wie stabil die wissenschaftliche Grundlage, auf die sich der Krieg gegen das Fett traditionell stützt, überhaupt ist. Wie Peters kommt er zu dem Schluss, dass Unwahrheiten nicht dadurch wahrer werden, dass alle sie glauben. Eindrucksvoll: Auch er hat vor 10 Jahren bereits den Trend innerhalb der Diät-Industrie identifiziert, Diäten nicht mehr "Diäten" zu nennen. Schließlich wissen wir alle, dass die ungesund und freudlos sind. Daran ändert sich allerdings bekanntlich nichts, wenn man das ganze Elend "Ernährungsumstellung" nennt.
 
 

Kreuzzug gegen Fette (2008)
 
Herausgegeben wurde diese Sammlung wissenschaftlicher Aufsätze von Henning Smidt-Semisch und Friedrich Schorb. Eine interessante Lektüre, wenn man sich mit den Mechanismen der Verankerung von allgegenwärtiger Fettphobie im gesellschaftlichen sowie politischen Zusammenhang noch genauer beschäftigen will. Auch gut, um sich herauszupicken, was einen besonders interessiert. Mich hat besonders die Entstehung und Etablierung des Forschungsgebietes "Fat Studies" interessiert. Da werde ich mich mal weiter umsehen.
 
 

Shadow on a Tightrope von Lisa Schoenfielder / Barb Wieser (Hrsg.) (1983)
 
Diese Sammlung von sehr persönlichen Texten von Autorinnen über die Schwierigkeit, als Dicke das Leben in einer fettphobischen Gesellschaft zu meistern, ist also 30 Jahre alt. Mit dieser Information im Hinterkopf, ist die Lektüre extra ergreifend - und macht einen außerdem mitunter besonders verzweifelt. Der Schmerz des oft ungewollten Outsider-Daseins und das Aushalten täglicher Demütigung sowie des eigenen, von außen erfolgreich angefeuerten Selbsthasses - all das ist mir nur zu vertraut. Und noch lange nicht vorbei. Tatsächlich erwächst aus der Lektüre die Erkenntnis, dass sich im Prinzip in der Außenwelt nicht viel verändert hat - wenn überhaupt, sind Körperideale eher noch restriktiver geworden. Medizin und Politik scheinen sich schlicht zu weigern, ein neues Lied zu lernen, obwohl alles dafür spricht, dass der allumfassende Kampf gegen Dicke, auch was medizinische Annahmen betrifft, auf so gut wie nichts als flammender Irrationalität basiert.
 
Bei dem folgenden Zitat habe ich wenig geweint:
 
"It is only when I walk in daylight that I am afraid. (...) I am afraid of the insults that echo off car windshields. I am afraid of my reflection in storefront windows.
How can I describe this feeling of always wantig to hide. To become invisible. To go deeper and deeper into myself where I am safe." (Sue McCabe, Seite 134)
 
 
 
Stop Dieting Now! von Golda Poretsky (2010)
 
Dieser dünne Band wurde verfasst und herausgebracht von eben jener Trainerin, die auch dieses Internet-Seminar zum Thema Fat Sex organisiert hat, und das mich tatsächlich dazu gebracht hat, die ausgesprochen hilfreiche und heilsame Bekanntschaft mit Fettliebhabern zu machen. Das Büchlein liest sich schnell und ist eine gute Unterstützung, wenn es darum geht, sich endlich sowohl praktisch als auch im Kopf vom Diätzwang zu befreien und wieder normal zu essen. Ein paar der von ihr genannten 25 Gründe, warum es dafür höchste Zeit ist: JEDE Diät führt zum Jojo-Effekt (Nr. 2). Diäten verringern dein Selbstwertgefühl (Nr. 7). Diäten verleiten dazu, zu glauben, Gesundheit sei einzig vom Gewicht abhängig (Nr. 15). Die Diätindustrie will nicht, dass man wirklich erfolgreich abnimmt (Nr. 19). Die Legende von der Diät, die tatsächlich funktioniert, stützt die gesellschaftliche Diskriminierung von Dicken (Nr. 23).
 
 
 
Die Diva-Diät von Jodi Lipper / Cerina Vincent (2009)
 
Wieder ein Mangelexemplar vom Grabbeltisch - meine Vermutung war, dass es schönes Material für eine Satire hergeben würde. Die Wucht, mit der die Dummheit einem entgegen schwappt, wenn man dieses Büchlein öffnet, war allerdings auch für mich überraschend. Tatsächlich konnte ich es nicht zu ende lesen, sondern habe ab der Mitte nur noch überflogen. Kostprobe gefällig? Das Buch beginnt mit der Frage: "Wie werde ich eine selbstbewusste und attraktive Frau - eine Diva?" Und die Antwort ist NATÜRLICH, "(...) auf Kalorien zu achten" (S. 23). Merke: "Rühreier im Restaurant zu bestellen kann sehr riskant sein..." (S.33), "Bratkartoffeln sind das "Brunch-Tabu Nr. 1" (S. 41) und frisch gebackenes Brot riecht besser, als es schmeckt, darum "Selbstbeherrschung, bitte!" (S.49). Ohnehin - wer abends noch Hunger hat, sollte lieber schlafen gehen...und überhaupt: "Es wird Sie nicht umbringen, sich ein paar Tage lang zu triezen" (S. 205), denn "Traumfrauen sind sportlich. Das ist einfach so." (S.220) Jahaa, liebe Kinder auch für dieses Buch sind Bäume gestorben...
 
 
NH

Sonntag, 9. Februar 2014

Zum Kugeln

Sind sie nicht hübsch?

 


Ich LIEBE ja Plastik in klaren, knalligen Farben. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt im Besitz von drei Paaren Vaginalkugeln, sowie einer Analkette bin. Die Ostereier und die Kette stammen von einer Dildo-Party, zu der ich vor Kurzem eingeladen war (ein Haul, ein Haul!*) - das ist quasi eine Tupperparty, nur halt mit Vibratoren und anderen nützlichen Produkten wie Toy-Reiniger, billigen, aufdringlich riechenden Massageölen, quietschbuntem Badesalz, Lotion für frisch rasierte Körperregionen, etc.

Ja, die Dildo-Verkaufspräsentation war überraschenderweise in weiten Teilen mit Körperpflegeprodukten befasst. Wie ich später von der "Dildo-Fee" persönlich erfuhr, ist das ein Zugeständnis an die Tatsache, dass offenbar auch heutzutage noch viele Kundinnen leicht an ihre Grenzen kommen, wenn bei Kaffee und Schnittchen zu viel von Penetration die Rede ist. Und der kühlende und knisternde Schaum, den ich am Ende zusätzlich erworben habe, lässt sich im Sommer auch ganz hervorragend für heiße und geschwollene Füße verwenden. Man muss sich nicht alles zwischen die Beine schmieren, was hier die Runde machte. Nicht einmal das Gleitgel - das eignet sich nämlich auch sehr schön als Handcreme.

All das Phallusartige, das dann doch noch herumgereicht wurde, war zumeist pastellfarben, hatte lustige Tierköpfe, oder sah aus, wie Softeis. Seit wann ist es eigentlich abgemachte Sache in Biedermeierland, dass Frauen lieber vibrierende Delfine als Schwänze in ihrer Vagina haben? Ist es gar eine Frage von sauber gegen schmutzig / unschuldig gegen unanständig? Ich kann nicht umhin zu sagen, dass mich dieser Verdacht einigermaßen betroffen macht. Die anwesenden Einkäuferinnen hielten sich der Reihe nach auf Anraten der Dildo-Fee die Maschinchen an die Nasespitze, um die vermeintlich beachtliche Vibrationsleistung zu erfahren und be-uhhten und be-ahhten auch wahrlich den offenbar durchschlagenden Effekt. Ich war nicht beeindruckt - ich glaube ja, dass sich da seit dem Kauf meines ersten und einzigen Vibrators vor rund zwanzig Jahren nicht viel geändert hat. Das nervige Geräusch ist auf jeden Fall noch immer da. Und die Position der Häkchen an einigen der Geräte, die angeblich die Klitoris adequat stimulieren sollen, ist auch noch immer die selbe - und mir nach wie vor ein Rätsel.

Das Highlight der Veranstaltung war eine vibrierende Vaginalklammer mit Fernbedienung. Diesen Teil der Gerätschaft, so hieß es, könne man dann ja dem Partner anvertrauen, weil Männer doch so viel Spaß an Technik haben. Das fanden scheinbar alle lustig - außer mir natürlich. Eine Fernbedienung mit der ein anderer die Vorgänge in meiner Muschi kontrolliert - geht's noch?! Für den Partner dürfte das unter Umständen natürlich ausgesprochen praktisch sein, denn wenn er über die eine Fernbedienung verfügt, muss er die für den Fernseher ja im Prinzip ebenfalls gleich gar nicht mehr aus der Hand legen. Und womöglich die Hosen runterlassen.

Ich persönlich habe ja grundsätzlich nicht sehr viel übrig für Sex mit Platzhaltern. Ich finde, sie sind irgendwie wie diese Tampons mit den prüden Applikatoren. Sie halten einen fern von sich selbst. Man macht sich halt die Hände nicht "schmutzig". Ein "Auflegevibrator" für die Klitoris? Ernsthaft? Für jemanden, der seit geraumer Zeit um Selbstakzeptanz, Selbsterfahrung und das Abschütteln von Scham ringt, scheinen sie ein eher steriles und damit eindeutig entgegengesetztes Verständnis von weiblicher Körperlichkeit und Körperbewusstsein zu symbolisieren. Naja..., und wenn man mich fragt, ist Sex im Idealfalll ohnehin stürmische und achtsame Kommunikation mit jemand anderem, den man so richtig toll findet.

Was nun allerdings die Kugeln angeht - diese dienen natürlich weniger der Stimulation, als dem Training des Beckenbodens. Wenn die Unterwelt schön straff ist, ist das schließlich gut fürs Gefühl und obendrein hat frau bessere Chancen, sich nicht irgendwann beim Husten ins Höschen zu machen. Von diesen Hochglanz-Schönheiten kann man also gar nicht genug haben. ; )

*"Haul" (Beute): Blogger-Ausdruck für die Präsentation von Einkäufen.

NH


 

Samstag, 25. Januar 2014

Ein weites Feld

Angeblich war sie da - die Gerichtsvollzieherin. Das jedenfalls hat sie mir geschrieben. Aber ich leider nicht. Schade, denn ich hätte sie so gern beglückwünscht zu ihrer Berufswahl, die sie in meinem Fall zur Komplizin bei der Entrechtung von Bürgern zugunsten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks macht. Und quasi zur Eintreiberin einer Zwangsverdummungsgebühr.

Ich sehe nie öffentlich-rechtliches Fernsehen. Ich sehe im Prinzip überhaupt kein Fernsehen (und höre auch kein Radio) - und das aus dem selben Grund, aus dem ich so gut wie keine Frauenzeitschriften mehr lesen kann. Wenn ich es in letzter Zeit doch mal versucht habe, bin ich innerhalb weniger Minuten haarscharf am Herzkasper vorbeigeschrabbelt, weil ich mich so VERDAMMT aufgeregt habe. Ich schreie Fernseher an. Und ich bewerfe sie auch. Ich kann nicht anders.

Und ich kann die Haushaltsabgabe auch in Zukunft unmöglich regelmäßig oder gar pünktlich bezahlen, weil meine Hände schon bei dem Gedanken an das Ausfüllen der Überweisung beginnen zu zittern. Es ist eine Tortur, die ich mir nur so selten wie möglich antun kann. Wenn der öffentliche Rundfunk übrigens von niemandem für ein paar Monate mehr Geld bekommen würde, wäre das ganze Problem natürlich ohnehin schnell erledigt. Aber obwohl sich sehr viele Leute ärgern, empört sind, sich entmündigt fühlen, zahlen sie die Rundfunkgebühren trotzdem - und zwar aus dem selben Grund, aus dem Schutzgeld bezahlt wird. Sie wollen bitte ihre Ruhe haben. Im Vollstreckungsersuchen des Norddeuten Rundfunks an das für meinen Wohnort zuständige Amt steht übrigens der bemerkenswerte Satz: "Zur Pfändung von Sozialleistungen liegen uns keine Erkenntnisse vor, die der Billigkeit der Maßnahme widersprechen." Nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, dass auch blinde und taube Menschen seit Beginn des letzten Jahres Rundfunkgebühren zahlen. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes und in jeder Hinsicht a-soziales System. Wer das nicht glaubt, kann Berichten zufolge offenbar so ziemlich jeden fragen, der jemals Gast in einer von Markus Lanz geleiteten Gesprächsrunde und gleichzeitig nicht der Meinung des Moderators war. Oder Cher.

Häh?!

Ja, das Gezeter geht weiter. Was soll ich denn bitte machen, wenn ich in einer Publikation, die ich ansonsten auch geflissentlich meide, im Kundenmagazin meiner Krankenkasse, der DAK, in der Rubrik "Gesundheit und Beruf" plötzlich eine große 81 sehe und darunter folgendes Sätzchen: "...Prozent aller Magen-OPs für Übergewichtige erfolgten im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen." Ich starrte auf die 81. Ich drehte sie auf den Kopf. Ich wusste, hier war was im Busch. Und dann schrieb ich, glaube ich, die erste Leserinnen-Mail meines Lebens:

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

auf Seite 4 der aktuellen Ausgabe von fit! versorgen Sie uns mit der
schlaglichtartigen Information, dass "81 Prozent aller Magen-OPs für
Übergewichtige im ersten Halbjahr 2013 bei Frauen erfolgt sind".

Ich würde mich hierzu über die Beantwortung einiger ergänzender Fragen
freuen:

1. Um welche Art von Magenoperationen handelt es sich, bzw. welche Art von
Operationen an Mägen werden hier einbezogen? Was ist die Gesamtzahl der
gemeinten Operationen?

2. Handelt es sich hier um alle Magenoperationen in Deutschland? Oder
weltweit? Oder an Patientinnen der DAK?

3. Was war Ihre Annahme, inwiefern Ihre Leser von dieser isolierten,
verknappten Information über Magenoperationen profitieren?

Vielen Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Nicola Hinz


Meine Antwort bekam ich einige Tage später von einer sehr freundlichen Frau Lüning. Sie teilte mir mit, dass (wie natürlich von mir vermutet) "Eingriffe mit Magenband und Magenballon sowie Magenverkleinerungen" gemeint seien, und dass davon im fraglichen Zeitraum 331 an DAK-Patienten vorgenommen worden waren. Hinsichtlich der Aussagekraft der Zahl schrieb Frau Lüning: "Wir fanden den Geschlechterunterschied auffällig und interessant, haben aber keine bestimmten Erwartungen an unsere Leser damit verbunden. Ich persönlich vermute, dass sich in dieser Zahl auch ausdrückt, dass Frauen nach wie vor unter größerem Druck stehen, was ihr Äußeres angeht, wobei schlanker mit attraktiver gleichgesetzt wird. (Anm. d. dicken Dame: BINGO!) Genauso könnte man aber sagen, dass Frauen besorgter um ihre Gesundheit sind und weniger Bedenken haben als Männer, zum Arzt zu gehen und sich helfen zu lassen." (Anm. d. dicken Dame: Das musste sie jetzt irgendwie noch anfügen, sonst wäre die 81 ja auf gar keinen Fall mehr neutral.) Außerdem verwies sie mich auf eben jene Pressemitteilung der DAK, aus der die oben genannte 81 stammt.

Natürlich ist das fit! Magazin meiner Krankenkasse voll mit mehr oder weniger unterschwelligen Angriffen auf Versicherte (Kunden), deren BMI nicht im vermeintlichen Idealbereich liegt. Und natürlich diente auch die 81 zu nichts Anderem, als eine flächendeckende, milde Anklage- und Ermahnungsatmosphäre aufrechtzuerhalten. Fette, faule Loser wie ich werden nicht eine Sekunde vom Haken gelassen. Wenn man das Magazin wirklich von vorn bis hinten durchblättert (und das ist auch eine Quälerei, der ich mich so bald nicht noch einmal aussetze), dann findet man auf 58 schmalbrüstigen Seiten stattliche neun inhaltliche sowie rhetorische Hinweise auf das Übel Übergewicht. Und dabei sind all die Ernährungs- und Bewegungstipps, in deren Einleitung zufällig keine "kneifende Hose" erwähnt wird, nicht mitgezählt.

Auf Seite 19 brüstet sich die DAK dann damit, dass sie noch immer mollige Kinder und Jugendliche in Adipositas-Kliniken und damit ganz selbstverständlich in die lebenslange Jojo-Falle schickt. Der schnieke Dr. Dankhoff, Leiter der entsprechenden "DAK-Fachklinik" (Haus Quickborn auf Sylt) ist übrigens jüngst für sein wissenschaftliches Wirken ausgezeichnet worden - und zwar von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter, also von Mitgliedern aus seiner eigenen Industrie. Das ist ungefähr so, als ob man ein Gremium aus Drogendealern über ihre Lieblingsware abstimmen lässt, und dann verkündet, der Stoff sei gut für alle, weil ja immerhin preisgekrönt.

Sie begreifen es einfach nicht. Sie lernen nichts. Sie verschicken Hefte voller Diät- und Fitnessstress und geben gleichzeitig die erstaunlichsten Tipps zum Stressabbau: Unternehmen Sie Dinge, die Ihnen guttun! (...) Oder entspannen Sie sich in der Sauna." Danke, Frank Meiners! Der Mann ist übrigens Diplom-Psychologe. Wenn man dann aus der Sauna herauskommt, sollte man sich dieser Tage allerdings wirklich den eindringlichen Rat des Diplom-Sportlehrers Uwe Dresel zu Herzen nehmen: "Gegen Eiszapfenfinger oder -zehen helfen eine doppelte Lage Handschuhe oder Socken." (DAK-Gesundheit fit! 1-2014, S. 50) Jahaa - das sind Experten! Und dafür, dass sie ihre Weisheiten unters Volk bringen, liebe Kinder, STERBEN BÄUME!

Ein wenig erstaunt hat mich dann aber doch die oben bereits erwähnte Pressemitteilung. Denn offenbar gilt selbst für die DAK der Schlachtruf "Schlank um jeden Preis" dann doch nicht mehr so uneingeschränkt, wenn es plötzlich wirklich um Preisschilder geht. Denn nicht nur die Zahl der bariatrischen (adipositaschirurgischen) Eingriffe nimmt zu - vor allem steigen die Preise pro Eingriff, weil die Operationen offenbar zunehmend größer, komplexer und schwerwiegender werden. 2,5 Millionen Euro haben die 331 Behandlungen im ersten Halbjahr 2013 gekostet. Die DAK, frau höre und staune, beginnt nun plötzlich, sich nicht nur Sorgen um ihr Geld, sondern angeblich auch um die Patienten zu machen, die das Risiko solcher Operationen auf sich nehmen sollen/wollen, und möchte fortan einer weiteren Ausweitung der Adipositaschirurgie entgegenwirken. Mithilfe von Ernährungsberatern (Anm. d. dicken Dame: Schnappatmung), Ärzten und Psychologen. Nun, mit dem Preisträger Dankhoff im Team dürfte das doch wohl kein Problem sein...

Was ich aus der selben Pressemitteilung übrigens auch erfuhr, ist die überraschende Tatsache, dass ich eine Kandidatin wäre, die sich locker und mit guten Chancen um einen Magenballon bewerben könnte. "XXL-Patienten" brauchen einen BMI über 40 und müssen mindestens seit 5 Jahren "XXL" sein. Außerdem muss man nachweisen, dass Diäten versagt haben. ; ) Wer es am Rücken oder Diabetes hat, braucht übrigens nur einen BMI von 35. Diese Informationen wirkten bei mir wie früher ein plötzlicher Blick auf das eigene, vorbeieilende Spiegelbild im Schaufensterglas - frau wusste irgendwie gar nicht, wie dick sie ist und erstarrte innerlich für einen Moment. Morbid adipös. Und reif für den OP.

Paracetamol gibt's ja nur noch in 20er-Packungen, damit man sich nicht aus Versehen vergiftet.

Ob ich wohl ein Magenband bekäme? Würde man an einer (soweit ich weiß) gesunden aber runden Frau eine derart schwerwiegende Operation durchführen - getrieben von gesellschaftlichem Fetthass, der natürlich mit dem Selbsthass vieler Patientinnen übereinstimmen dürfte? Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die Mehrzahl dieser Operationen an Frauen (81 Prozent) im Grunde Schönheitsoperationen sind. Und ich hätte jetzt nicht übel Lust, ein solches Genehmigungverfahren tatsächlich TESTWEISE einmal zu betreiben...

Was denn jetzt noch?

Na, also bitte. Ich fang doch erst an. Ich habe mir nämlich nach sehr langer Zeit auch mal wieder einen Stern gekauft, um alles über das Diät-Duell zwischen der Frau Prochnow und dem Herrn Timmins zu erfahren. Beide sind Mitarbeiter des Sterns, beide haben abgespeckt und sind jetzt besser drauf. Offenbar haben noch zwei andere Kollegen am "Duell" teilgenommen. Die waren also zu viert, wodurch es strengenommen gar kein Duell gewesen ist, aber ich halte ja schon die Klappe. Der Herr Timmins hat das "Duell" übrigens für sich entschieden, aber "gewonnen haben alle vier" (Stern, 16.1.2014, S.69). Das ist ja ohnehin klar. Jeder, der Gewicht verliert, gewinnt. Das ist schließlich ein Naturgesetz.
 
Die Frau Prochnow ist sich, wie ja so viele ihrer dicken Schwestern, zudem sicher, dass in ihr "eine schlanke Frau steckt". Kein Wunder also, dass sie offenbar vor nicht allzu langer Zeit noch für zwei gegessen haben muss - warum wird man sonst so unförmig?............ Selbsthass sorgt für Auflage. Das wissen wir alle, denn viele von uns haben schließlich jahrzehntelang Zeitschriften mit dem Wort "Diät" auf dem Cover gekauft.Und Selbsthass ist bekanntlich heilbar. Durch Diäten eben. Wer weniger wiegt, kann immerhin weniger an sich hassen. Und was die Experten der DAK können, kann der des Sterns (Jens Reimer, Psychiater an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf) natürlich schon lange: "Zum Fernsehabend kann man sich jetzt eine Birne und ein paar Nüsse bereitlegen. Oder Ersatzrituale finden, die auch glücklich machen: Sport, Freunde treffen, raus in die Natur gehen." (Stern, 16.1.2014, S. 76) (Anm. d. dicken Dame: Aber heute Abend bitte nicht ohne doppelte Socken.) Wenn einen solcher Rat  nicht in die Arme eines Adipositas-Chirurgen treibt, dann weiß ich nicht was.
 
Wer genau hinsieht und womöglich auch noch darauf besteht, es hier und da genau zu nehmen, der ist nirgendwo sicher. Nicht einmal beim Einkaufsbummel durch einen Katalog für große Größen. Da wollte ich die Strickjacke doch gerade auf die Bestelliste setzen, als sich nervigerweise doch noch die Produktbeschreibung dazwischenschob: "...kaschiert in schlankem Schwarz raffiniert etwas mehr Figur..." (Emilia Lay, Kollektion Frühjahr/Sommer 2014, S. 13) Wie bitte kann man eigentlich mehr Figur haben als eine Figur?! Und wenn man noch immer findet, dass die eigenen Kundinnen sich eigentlich verhängen sollten, wieso vertickt man dann nicht einfach ehrlicherweise in Zukunft XXL-Burkas?! Na schön, 99,95 gespart.
 
Nicht lustig.
 
Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Herr bei finya.de, dass die "starke Schulter", nach der ich suchen würde "ja eine wirklich sehr starke Schulter" sein müsste. Ich gehe davon aus, dass er lustig sein wollte. Und vielleicht nur ein ganz bisschen unhöflich.Vermutlich dachte er, er könnte mit so lustigen Witzen bei einer lustigen Dicken sogar landen. Ich persönlich glaube ja, dass man selbst von der ungefähren Gehirnkapazität eines Mannes recht gut auf die Stärke seiner Schultern schließen kann. Und übrigens auch auf seine Penislänge. Das fand er nicht lustig.
 
Die offizielle Bezeichnung für einen großen Körperumfang ist bei Finya.de übrigens "durchaus beachtlich"...
 
The Shit List
 
UND DANN ist ja meine Frauenärztin vor ein paar Monaten in den Ruhestand gegangen. Das wäre nicht so schlimm gewesen, denn die Praxis war eine Gemeinschaftspraxis, und ihre Kollegin hat mich übernommen. Auch sie ist eine "fettakzeptierende" Ärztin. Das heißt, dass in dieser Praxis Gewicht bisher kein echtes Thema war, bzw. nicht zum Vorwurf gemacht und womöglich gegen die Patientinnen verwendet wurde. Und die meisten von uns dürften wissen, wie schwierig so etwas mitunter zu finden ist. Aber seit Jahresbeginn hat eine ehemalige Nachbarin von mir den Platz meiner ehemaligen Frauenärztin übernommen  - und ich muss mir nun doch eine neue Praxis suchen, weil diese nur über meine Leiche erfahren wird, was in meinem Uterus vorgeht. Ich will auch ihre verdammte Unterschrift nicht auf meinen Rezepten. Sollte jemand von euch eine gute Frauenärztin in und um Hamburg empfehlen können, bitte ich um sachdienliche Hinweise: office(at)nicola-hinz.com
 
Ja, die Nachbarn. Und die Provinz. Genau genommen hat uns das Landleben nicht wirklich gut getan. Insbesondere meiner Mutter nicht, aus der einfach keine Landfrau und Kirchenchorsängerin zu machen war, egal mit wie viel vordergründigem Elan sie ihr eigenes Gemüse zog und Blumen arrangierte. Die Welt im Dorf der "Zugezogenen" war ihr immer viel zu eng, trotz des weiten Blickes über die Felder, die mich als Kind geprägt und auch heute noch meine weiten Felder sind. Das Drehbuch meines Aufwachsens und Lebens in der Gegend war randvoll mit Charaktären, die ihre eigene Existenz nie hinterfragten, aber ohne Not und mit entnervender Selbstverständlichkeit in die anderer eingriffen.

Ich arbeite nun schon seit einiger Zeit an einem Projekt/einer kleinen Performance, das die befriedigende und abschließende Bewältigung alten und neueren Grolls zum Gegenstand hat. Teil dieses Vorhabens ist die Shit List. Sie ist ziemlich lang, es war unerwartet anstrengend, sie zu erstellen, und sie umfasst neben ehemaligen Nachbarn z.B. auch alle, die mir je das Gefühl gegeben haben, einen falschen Körper zu haben. (Zumindest alle, an die ich mich noch erinnern kann.) Sie wird das Thema eines weiteren Posts sein. Und jetzt steht auch noch der Norddeutsche Rundfunk drauf.

NH






© Nicola Hinz 2014

 

Dienstag, 28. Mai 2013

Wartungsarbeit

 

"There's only so much you can learn in one place. The more that I wait, the more time that I waste." (Madonna: Jump)

 
Der Detlef findet es übrigens "klasse, dass ich dran bleibe". Und natürlich hat er total recht, wenn er Folgendes mutmaßt: "Du bist sicher schon ganz gespannt auf unser gemeinsames Sportprogramm." Das will ich wohl meinen! Schließlich habe ich ihm 80 Euro dafür gegeben, ihm bei Turnen zuzusehen. Ich fand den Detlef ja schon immer recht niedlich, obwohl sein Gesicht vor dieser Abnahme von 20 kg in 10 Wochen auch deutlich weniger Furchen hatte...
 
Ja doch!
 
Ich gebe es ja schon zu: Ich befinde mich offiziell in der dritten Woche des 10 Weeks Body Change Programmes von und mit Detlef D! Soost. Wie das passieren konnte, ist mithin noch immer unklar. Es war spät nachts. Ein unbedachter Klick, der Detlef sagte auf einmal so schöne Sachen wie "Butter, Avocados und Eier sind unsere Freunde" - und ehe ich mich versah, hatte ich das Bestätigungsschreiben in der Inbox. Vor drei Wochen habe ich es als Rückfall gewertet. Als jämmerlichen Rückschritt in alte Zeiten, als der dünne Körper die Erlösung und das Leben bis zu seiner Auferstehung nichts wert war. Obendrein womöglich auch noch ausgelöst durch die Erfahrung männlicher Ablehnung im Zuge meines Online-Dating Projekts. Schiefer hätte es dann eigentlich kaum mehr laufen können.
 
In den letzten Tagen allerdings wurde mir klar: Die Sache mit Detlef war nur ein Zeichen, dass eine bestimmte Etappe der Reise zur Selbstakzeptanz sich dem Ende nähert. Ich habe gelernt, keine Diät mehr zu machen, mich nicht mehr schuldig zu fühlen und stattdessen intuitiv zu essen. Ich könnte so bleiben, wie ich jetzt bin, ohne das echte Leben auch nur eine weitere Sekunde aufzuschieben. Ich kaufe heute mit der selben Begeisterung Kleider, die mir passen, wie früher die, in die ich hineinschrumpfen wollte. Tatsächlich finde ich mich in diesem Körper mitunter regelrecht hübsch und habe in ihm unbekleidet und gelegentlich bei grellem Tageslicht in den letzten Wochen so vieles getan, das ich mir selbst in dünnen, jungen Zeiten nicht hätte träumen lassen, dass ich fortan vermutlich auch ohne Bedenken und Scham in jedes überfüllte Freibad spazieren kann ; ). An dieser Stelle noch einmal mein tief empfundener Dank an alle an diesem Evolutionsprozess beteiligten und so engagierten Fettliebhaber - euch flachzulegen hat übrigens echtes Suchtpotential, weshalb es mir klug erscheint, auch das Projekt Online-Dating hier erst einmal und zumindest vorübergehend für abgeschlossen zu erklären. Die Profile auf den Portalen sind gelöscht oder weitgehend "ausgeräumt" und ruhen. Nicht, dass die dicke Dame nicht mehr auf der Suche nach der Liebe wäre. Aber ein wenig trauert sie noch um einen, der ihr entkam. Und es steht außerdem fest: Notlösungen passen nicht zum neuen Plan.
 
Einen Koffer aus LA
 
Ich besitze ein fast zwanzig Jahre altes Scrapbook, das Versatzstücke eines persönlichen Idealbildes enthält, das ich bis heute nicht vergessen habe und das ich, wenn man so will, immer in einem gedanklichen Köfferchen mit mir durchs Leben schleppe. Es entstand, als ich in Los Angeles studierte und enthält Fotos aus Magazinen, die eine Art Vision Board ergeben, das beschreibt, wer ich ab da immer werden wollte - für den Fall, dass ich jemals erwachsen werden würde. Das Ich, das dann jedoch niemals wirklich das Licht der Welt erblickt hat, hätte lange, erdbeerblonde Haare (auffallend), einen Kleiderschrank voller schmaler, schwarzer Kostüme (effizient, erfolgreich, selbstbestimmt) und hoher Schuhe (selbstsicher, in Balance) und, aus irgendeinem Grund, lange hautfarben lackierte Fingernägel (vermutlich schon als Krallen zu deuten) gehabt. Tatsächlich weiß ich sogar, wie dieses Ich gerochen hätte - nämlich wie mein kalifornisches Badezimmer jeden Morgen, wenn ich diätgeplagt und gestresst von den eigenen Ansprüchen an mich selbst, aber trotzdem voller großer Pläne für die Zukunft aus dem Haus ging. Die Mischung bestand aus Origins Mint Wash, das es inzwischen nicht mehr gibt, so dass ich den letzten Rest hüte, wie einen Schatz und Jardins de Bagatelle von Guerlain, das meine Mutter mir immer geschenkt hat und von dem ich mir jetzt selbst vor ein paar Tagen eine neue, volle Flasche gekauft habe. Sozusagen zum Auftakt.
 
 
 
 
Denn ich konnte das alles natürlich nie sein, weil ich ja die wichtigste Voraussetzung immer nur so selten und naturgemäß so unzuverlässig erfüllte: dünn zu sein.
 
Heute weiß ich es besser: Ich kann das alles sehr wohl sein, wenn ich will - und rund. Und ich kann mich heute als dicke Frau selbst neu erfinden, um die zu werden, die ich immer sein wollte. Ich kann den Kreis jetzt schließen.
 
Und da kommt dann Detlef mit seinem zehnwöchigen Plan wieder ins Spiel. Denn, wie auch vormals bereits erwähnt, selbst wenn es nicht mehr mein Ziel ist, abzunehmen - fitter wäre ich gern. Beweglicher. Mit weniger geschwollenen und schweren Füßen, wenn es wärmer wird. Schneller. Standfester. Ich spiele neuerdings wieder mit dem Gedanken, einem von diesen Fitness-Studios, die 24 Stunden geöffnet haben, beizutreten und mich zur Geisterstunde auf Laufbänder zu stellen. 
 
Obendrein sagt mir sein Low-Carb Ansatz plötzlich besonders zu - nicht als Diät, sondern weil mich meine Intuition im Hinblick auf die Auswahl meiner Nahrung ironischerweise immer häufiger um die Fischtheke schleichen lässt. Meine Intuition sagt im Augenblick, dass ich gar keine Vegetarierin bin. Auch ein Umstand, der einer Klärung bedarf...
 
Und weil Häutungen ein wenig Zeit brauchen, wird das Blog in den kommenden Wochen vermutlich schmählich vernachlässigt werden. Aber vielleicht geht das Lied danach erdbeerblond und so richtig laut weiter... ; )
 
NH
 

Sonntag, 4. November 2012

When in London: Maison Bertaux



Rückblick September: Ach, und ich war ja in London. Und ich habe noch gar nichts darüber geschrieben. Nun, dieses hier ist auch eigentlich kein Reiseblog. Aber erstens: Ist ja mein Blog, kann ich hier schließlich machen, was ich will. Und zweitens reist man ja auch immer ein wenig zu sich selbst, wenn man unterwegs ist. Natürlich lernt man an einigen Orten mehr über sich als an anderen. Drittens geht es hier um Essen, das es eigentlich verdient, ohne wabernde Schuldgefühle gegessen zu werden. Ein englisches Sprichwort behauptet ja, man könne seinen Kuchen nicht behalten und ihn obendrein essen. Darum ist es natürlich clever, dahin zu gehen, wo der Nachschub an Kuchen nicht abreißt. Und überhaupt: Wo könnte die Revolution gegen den Diät-Terror* besser geübt werden, als in einem Haus voller kunstvoller Cupcakes, Tartes und Torten? Vive la revolution!

 
Michele Wade und eine ihrer Mitarbeiterinnen
Maison Bertaux wurde 1871 gegründet – das macht es zur ältesten Konditorei Londons. Ihre jetzige  Besitzerin, Michele Wade, begann mit 14 Jahren, dort als Girl Saturday (Wochenendaushilfe) zu arbeiten und kaufte den Betrieb 1988.
 
2007 startete ihre Schwester, die Schauspielerin Tania Wade, ihre Karriere als Galleristin und Kunsthändlerin (hooliganartdealer.com) – u.a. mit der ersten und ausverkauften Ausstellung der Arbeiten des Künstlers und Comedians Noel Fielding, den sie bis heute exklusiv vertritt, und nutzt seitdem die Räume des Maison Bertaux als außergewöhnliche Ausstellungskulisse. Ich selbst bin von der Kunst zum Kuchen gekommen, als ich zu einer Ausstellungseröffnung  eingeladen wurde, und so die Konditorei zum ersten Mal sah.
 
Arbeiten von Maria Rosa Kramer

Lithographie und Wandtext von Noel Fielding
Zwei recht unterschiedliche Frauen betreiben zwei Unternehmen am selben Ort. Eigentlich ist die Kombination jedoch nur konsequent, denn sie ergibt in der Tat ein großes, erstaunliches Gesamtkunstwerk. Tradition sowie Mut zu Kitsch und zur Schönheit des gelassenen Verfalls sorgen in den Spiegeln für pastellige Wimmelbilder. Frische, hippe Kunst und frisches Gebäck kommen und gehen – doch manchmal wird die Kunst ein bleibender Teil des Ganzen, so wie Fieldings Texte – mit schwarzem Filzstift auf die Wände geschrieben. Maison Bertaux ist ein selbstbewusster Ort. Er macht mit schillernder Selbstverständlichkeit was er will und wird dafür bewundert.

 
 

 

 
 
Trotz der Schönheit der Kuchen esse ich hier übrigens am liebsten ein herzhaftes „Dijon Slice“. Und ich trinke immer Jasmintee. Immer. Aber nur hier. Denn nur hier schmeckt er mir. Und auf jedem Tisch stehen frische Blumen.
 
(Maison Bertaux, 28 Greek St., Soho, London, W1D 5DQ)
 

* Was ich aber auch noch gelernt habe: Ich bin noch immer zu schwer, um so weit zu laufen, wie ich gern ohne Pause gelaufen wäre. Und das gilt erst recht für die Schuhe, in denen ich zumindest gern einen sehr viel größeren Teil des Weges zurückgelegt hätte. Ich sage nur "leopardengemustert" und "pinkfarbene Sohlen".
 

Camden
 
Klar wurde mir das ausgerechnet, nachdem ich am Tresen von Eclipse Tattoos in Camden ca. 50x das Wort „Freiheit“ geschrieben hatte, um es mir dann in meiner Handschrift aufs Handgelenk tätowieren zu lassen. Thomas, mein Tätowierer, war schon gleich nicht sehr optimistisch – also, was die Realität eines Lebens in Freiheit betrifft. Er erklärte mir seufzend, da käme ohnehin immer etwas dazwischen: Hypotheken, familiäre Verpflichtungen…was mal wieder beweist, dass ein wildes Äußeres nicht automatisch eine wilde Seele beherbergt. Jedenfalls sagte ich ihm, dass man sie als Grundmotiv im Leben trotzdem immer im Gedächtnis behalten sollte.

Also hatte ich mir den Denkzettel am Arm verpassen lassen, um später im Hotelzimmer, das im dritten Stock lag und zu dem es keinen Fahrstuhl gab, zu begreifen, dass ich mich eben nicht nur von gedanklichem Ballast befreien muss. Ich will verdammt auch frei sein von den Einschränkungen geschwollener Füße, knarrender Knie und mangelnder Kondition. Dazu muss ich entweder noch immer Gewicht verlieren. Oder ich muss sehr viel fitter werden. Es ist eine Sache, sich nicht hübsch zu fühlen. Es ist (und das vergisst man gern mal, bis man daran erinnert wird) viel gravierender, wenn man den Gang durch das British Museum nicht mehr schafft, weil einen die National Gallery ehrlich geschafft hat. Reisen macht mich müder als früher. Und das macht nicht freier. So ein Mist.

British Museum
Trafalgar Square, die National Gallery im Rücken. Schwimmen ist nicht erlaubt. Sollte Thomas womöglich Recht behalten?
 
NH