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Donnerstag, 10. Dezember 2015

Follow me around 35: Kästchen für Merkwürdigkeiten*

*Erich Kästner in Pünktchen und Anton

Was ich noch sagen wollte, bevor das Jahr endgültig vorbei ist:

1. Ist es sonst noch jemandem aufgefallen? Die erste Ausgabe des Magazins Barbara, dessen Editor at Large angeblich Barbara Schöneberger ist, ist trotz neongelber Verheißung auf dem Cover mitnichten ganz ohne "Diät". Erstaunlich, wie Redaktionen von Frauenmagazinen offenbar so gehirngewaschen und programmiert sind, dass sie nicht einmal bei klarster und selbstverordneter Vorgabe in der Lage sind, ihren Leserinnen überhaupt gar kein schlechtes Gewissen zu machen, wenn die irgendetwas essen wollen. "Hüftgoldfaktor"? Echt jetzt? Wenigstens war die Modestrecke ganz schön und die erste Kolumne von Karina Lübke ("bitte recht feindlich") hat mir gut gefallen - auch weil ich selbst das Thema, dass nicht lächelnde Frauen sich leicht verdächtig und höchst unbeliebt machen, hier schon so oft bearbeitet habe.

2. Ich esse im Augenblick übrigens sehr viel Quark. Also bye-bye vegane Ernährung. Fürs Erste.

3. Meine Laufschuhe sind noch unbenutzt. Und bei den Muskelprotzen war ich auch noch kein einziges Mal. Wieder Monatsbeiträge, die anders besser verschwendet gewesen wären. Ich fühle mich deswegen aber nicht wieder unzulänglich und schuldig. Auch deshalb nicht, weil, während Sport vermutlich durchaus gesund ist, seine Rolle beim Abnehmen eher gering bis fragwürdig ist. Das ist übrigens schon lange Wissenschaft. Und überhaupt nicht erstaunlich. Denn Sport macht nicht zuletzt aber dafür natürlicherweise hungrig. Obendrein verbrauchen wir durch Bewegung in der Regel nicht annähernd so viele Kalorien, wie es sich anfühlt. ; ) Um z.B. ein Snickers "abzuarbeiten" (ca. 250 Kalorien) müsste ich 30 Minuten joggen. Was nicht passieren wird. Wer das alles nicht glaubt, kann es googeln. Oder hier nachsehen.

4. Ich habe sechs Adventskalender. Nicht die mit Schokolade, sondern die mit Bildern. Sechs mag ein wenig übertrieben scheinen, und eigentlich hatte ich vor, in diesem Jahr gar keinen zu kaufen, obwohl ich halt so gern die Türchen öffne. Was mal wieder beweist, dass Verbote nicht selten nur zu besonders großem Verlangen und, bei Gelegenheit, anschließender, panikartiger Überkompensation führen.

5. Im Leben habe ich mir bisher nur ein einziges Mal etwas von Christian Lacroix leisten können: einen Notizblock. Heute. Aber auch nur, weil er gerade bei TK Maxx verramscht wird.

6. Außerdem habe ich ein halbes Dutzend "Pro/Con-Blöcke" gekauft. Nicht dass man dafür wirklich Vordrucke bräuchte - man kann natürlich auch einfach eine Linie in der Mitte eines Blattes ziehen. Aber mich beruhigen designierte Notizblöcke im Allgemeinen. Ich bin ja auch eine feurige Anhängerin von Klemmbrettern und Listen, Listen, Listen. Jeder Block hat 60 Seiten, das reicht also für 360 Entscheidungen. Fast für jeden Tag eine. Und ich habe das Gefühl, ich werde so viel entscheiden müssen...

7. Ich habe mir selbst einen Brief zum 44. Geburtstag geschrieben. Dafür hatte ich eine Karte mit einem Leoparden darauf gekauft. Wie sich dann herausstellte, war sie aber viel zu klein. Und ich habe noch vier weitere Karten gebraucht. Dabei habe ich ziemlich viel geweint, aber der Text floss erstaunlich leicht aus der Hand. Ich habe mir viel Glück gewünscht, denn ich kann es brauchen. Lesen werde ich diese Post allerdings erst an meinem 45. Geburtstag.

8. Ich bin nicht sehr froh, in zwei Tagen wirklich eine Mittvierzigerin geworden zu sein. All die Zeit! All die Zeit ist weg. Und mit jeder Sekunde trudelt man dem Ende entgegen. Ich bin derweil bekanntlich noch immer nicht in einem Becken mit Nilkrokodilen geschwommen.

9.  Mein Nachbar hat seine alten Fenster aus Holz gegen Plastikfenster austauschen lassen, und ich kann gar nicht hinsehen. Ein Graus.

10. Der Mann, der die alten Fenster heute aus dem Vorgarten abholen sollte, blockierte mit seinem Pritschenwagen die Einfahrt, als ich nach hause kam. Er saß aber noch drin. Ich machte Gesten, dass ich genau da rein wollte, wo er stand. Er stieg aus, ich wunderte mich, ließ mein Fenster herunter und sagte: "Das ist meine Einfahrt." Er sagte: "Ich bleibe hier jetzt aber für eine Weile stehen." Und ich sagte: "Ich will in meine Einfahrt. Und zwar jetzt." Was er daraufhin erwiderte, weiß ich nicht, weil ich mein Fenster wieder hochfuhr und ihm für ein paar Sekunden dabei zusah, wie er unschlüssig und verschlagen zwischen unseren Fahrzeugen herumstand und vermutlich abwog, ob er das Ganze wohl gewinnen könnte. Ob er der dicken Zicke wohl zeigen könnte, wer der Herr der Auffahrt war. Und ihm war anzumerken, wie sehr es ihn wurmte, dass er da überhaupt groß überlegen musste. In einer besseren Welt würde sich ohnehin kein Weibsbild so aufspielen. Ich rief noch einmal "Jetzt!" und zeigte auf seine Fahrertür. Als er noch immer zögerte, drückte ich auf meine Hupe. Und zwar so lange, wie er brauchte, um ein verwirrtes Tänzchen zu machen, sich auf seinen Fahrersitz zu schwingen und widerwillig den Weg frei zu geben...Das Frausein im Kleinwagen - es geht mir sowas von auf die Eierstöcke...

NH

Donnerstag, 6. März 2014

Einfach essen


Mein Hausarzt sagte am Telefon: "Hatten Sie denn doch schon gefrühstückt, bevor Sie zur Blutabnahme gekommen sind?" Und ich sagte: "Nein." Denn ich frühstücke nie. Dann gab er mir einen Termin, um eine eventuelle Medikation zu besprechen, weil mein Blutzucker erhöht war. Zwar besteht die Möglichkeit, dass ich erst drei oder vier Stunden vor der Blutabnahme um 7:30 Uhr ins Bett gegangen bin - und kurz davor tatsächlich noch etwas gegessen habe. Aber ich kann mich nicht erinnern, ob es so war. Darum mache ich mir nun Sorgen.

Die Situation macht mich in der Tat sehr wütend. Weil ich halt nicht gern zuckerkrank sein will. Aber auch, weil ich ja nie, nie, nie mehr nach einem übergestülpten Programm essen wollte. Und weil ich obendrein natürlich schon hören kann, wie einige Idioten sich regelrecht freuen werden: "Aha, Fett macht also doch krank, und jetzt hat es sie auch erwischt! Geschieht ihr recht, wo sie immer über Diäten  herzieht und behauptet, die ach so böse Welt sei fettphobisch. Fett zu bekämpfen hat eben doch im Grunde nichts mit Oberflächlichkeit zu tun, sondern ist notwendig, wie man sieht, blablabla."

Ich habe es schon einmal gesagt: Intuitives Essen funktioniert. Ich war in den letzten Monaten satt, frei von Nahrungsmittelzwanghaftigkeiten, Schuldgefühlen, nahm weder zu noch ab, und ein einwöchiges Nahrungstagebuch hat ergeben, dass auch die Kalorienzufuhr ganz von selbst fast jeden Tag gleich war, nämlich so um die 2500. Ich hatte Quarkbrötchen-, Bananen- und Spiegelei-Phasen, aber am Ende blieb alles bunt und vielfältig. Ich habe öfter mal was weggeworfen, weil ich einfach keinen Appetit mehr darauf hatte. Und manchmal bin ich ziemlich weit gefahren, um genau das Essen zu bekommen, das ich wirklich wollte. Aber für nichts würde ich etwas ändern, was mein Leben qualitativ so verbessert hat...

Es sei denn - Diabetes.

Ich werde gegebenenfalls den Zuckerwert mit passender Ernährung in den Griff bekommen. Ich will keine Medikamente. Ich weiß ja, wie es geht. Meine Mutter bekam Diabetes mit 50plus. Sie war eine schlanke, ziemlich fitte Frau, die allerdings, solange ich sie kannte, NIE regelmäßig Sport betrieben hatte (außer Garten- und Hausarbeit). In meiner Familie gibt es eine genetische Disposition für Diabetes: Meine kleine, dünne Großmutter und meine Tante hatten/haben die Krankheit auch. Meine Mutter und ich hatten eine sehr enge Beziehung, und ich fühlte mich immer für sie verantwortlich, so dass ihr Diabetes nach der frischen Diagnose irgendwie automatisch in meinen Zuständigkeitsbereich fiel - und ich sie in der Konsequenz zu einer Ernährung aus fettarmem Eiweiß, Vollkornbrot und Grünzeug verdonnerte. Außerdem fingen WIR an, gemeinsam zu joggen, denn allein hätte sie das nie getan, obwohl sie mir dann regelmäßig davongelaufen ist. Ich ging mit ihr einkaufen und kochte mit ihr - und nach ungefähr einem Monat schrien wir uns im Supermarkt an, weil ich wollte, dass sie ewig lebt. Und weil sie SO nicht leben wollte. Unter meiner Überwachung brauchte meine Mutter keine Medikamente, denn sie hatte Superwerte. Vermutlich besser, als jemals zuvor. Der Plan ist, dass das bei mir genauso sein wird. Aber sie entschied sich dennoch, Medikamente zu nehmen (und irgendwann Insulin zu spritzen), weil sie auf eine für sie so freudlose Ernährung langfristig keine Lust hatte. Und das war, nur so nebenbei bemerkt, die selbe Frau, die ihr Kind mit vier Jahren auf Diät gesetzt hatte. Als schlanke Diabetikerin hatte meine Mutter übrigens statistisch schlechtere Langzeitaussichten, was die Entwicklung der Krankheit anging, als ich. Auch so eine Variante des Adipositas-Paradoxons: Das Fett, das vermeintlich die Entstehung der Krankheit begünstigt, sorgt im Endeffekt dann aber für einen leichteren Verlauf eben dieser bzw. statistisch für ein längeres Leben.


Natürlich werde ich dabei auch abnehmen. Bereits am ersten Tag nach dem Telefongespräch war eine Abnahme von 2 kg zu verzeichnen. Das alte Spiel - zuerst verliert man schnell viel Wasser. Zunächst war mir der Appetit total vergangen und dann gab es am Abend vor Schreck nur noch Putenfleisch und Rosenkohl. Man kann sich mit Rosenkohl halt nicht rundessen. Das wahre Problem ist natürlich, dass ich mich damit auch nicht sattessen kann. Weder körperlich noch gefühlsmäßig. Wenigstens muss ich mir um Jojo-Effekte keine Gedanken machen, denn wenn ich wirklich ein Zuckerproblem habe, dann ist diese "Ernährungsumstellung" ohnedies eine lebenslange Angelegenheit.

Ach, und wenn ich dann an all die Kleider in kleineren Größen denke, die ich erst aussortiert und weggegeben habe...Ein Bekannte hat zu mir gesagt: "Na, dann gibt es eben etwas Neues. Das ist doch auch schön, sich neue Kleider zu kaufen, wenn man abgenommen hat." Sie meinte natürlich, dass man sich schließlich eine Belohnung verdient hat, wenn man Gewicht abwirft. Und ich hätte mich fast vergessen und geschrien: JA, VERSTEHT EIGENTLICH IRGENDWER VON EUCH, WORUM ES MIR HIER DIE GANZE ZEIT WIRKLICH GEHT!?!?!

Lasst es mich noch einmal wiederholen: Es ist meine absolute Überzeugung, dass es die richtige Entscheidung ist, Diäten aufzugeben, sich so zu akzeptieren, wie man jetzt ist - und JETZT sein Leben zu leben. Mir mag etwas dazwischen gekommen sein, aber das ändert nichts daran, dass ich das für den richtigen Weg halte. 

Hm,... was für ein Glück, dass ich noch ein paar anständige Fotos von meinem Bauch gemacht habe, bevor ich mich jetzt womöglich doch wieder verkleinere. ; )

NH

Samstag, 15. September 2012

Bildungsnotstand


Nur noch einmal zur Erinnerung: Das Budget, das ein Hartz-IV-Empfänger monatlich für "Bildung" zur Verfügung hat, beträgt € 1,39. Wären wir im September noch immer auf Sparkurs, hätte ich mich mit den € 20 für das Ticket zur Documenta 13 also schon wieder ins Aus geschossen. Und das, wo mein Coach Michael auf die Frage, wie man trotz schmaler Kost und geringem finanziellem Spielraum positiv bleibt, Folgendes anmahnte: "Nichts zu denken, sollte man tunlichst vermeiden. Das macht unzufrieden." Der Leere im Magen darf nicht die Leere im Kopf folgen. Man darf sich in mageren und frustrierenden Zeiten geistig nicht hängen lassen, sonst sieht es erst recht düster aus. Das schreit eigentlich nach einem Büchereiausweis, den ich zuletzt als Studentin hatte.
 
Auch noch einmal zur Erinnerung: Michael und ich werden im Oktober einen erneuten Anlauf machen, und versuchen, mit dem Hartz-IV-Regelsatz in verschiedenen Kategorien (Ernährung, Bekleidung, Unterhaltung, Bildung, Gesundheitspflege, etc.) auszukommen, nachdem ich mit meinem Budget von € 130 für Lebensmittel jetzt bereits zweimal baden gegangen bin. Der September dient als Referenzmonat, in dem die "normalen" Kosten nur einmal konsequent aufgelistet werden. Ich hatte eigentlich gar keine genaue Vorstellung, wie viel ich für gewisse Dinge ausgebe, und selbst Michael war erstaunt, "was man so verpulvert, ohne es zu merken." Dabei hat er vorrangig in seine Wohnung und in Bekleidung investiert. Ich hingegen sollte ich mir vermutlich mal Gedanken über den Preis meiner Nachtcreme machen.

Jetzt ist der Monat zur Hälfte rum, und um es kurz zu machen: Der Regelsatz für alle von uns einbezogenen Kategorien von € 276,83 ist bei uns beiden weit, weit, weit überschritten - und während Michael sich nun doch Gedanken macht, ob das im Oktober wirklich so locker werden wird, wie gedacht (obwohl er in der Lage ist, fünf Personen für  €16,97 mit Coq au vin blanc, Rosmarinkartoffeln und Feldsalat mit gebratenen Champignons zu versorgen), grüble ich ja noch immer, ob eine VOGUE* eigentlich zu "Unterhaltung" oder zu "Bildung" gehört.

Nicht, dass Bildung nicht auch unterhaltsam sein könnte. Genauso wie die Kunst. Wenn sie die Unterhaltung wünscht. An alle, die auch dort waren - ich weiß ja nicht, wie Ihr das seht, aber das war nicht mein Eindruck auf der Documenta 13, die nun morgen zu Ende geht. Sie war an gewissen Orten so verstockt, dass sie es einem mitunter sogar schwer machte, das verdammte Schildchen zu finden, auf denen der Titel des jeweiligen Werkes stand. Und bieder war sie. Politisch korrekt. Und sich selbst genug. Also alles, was ein Showgirl nicht ist. Aus den anwesenden Hintergrundgeschichten könnte man sicher viele solide Dokumentarfilme machen. Aber gezähmte Kunst kann mich mal.

Da ist es nur konsequent, wenn die Selbstauslöschung des Werkes und sein Transfer in die Belanglosigkeit vom Konzeptkünstler Yan Lei quasi gleich miteingebaut wurde - indem die 360 Gemälde seiner Installation im Verlauf der 100 Tage mit Autolack besprüht und zu monochromen Flächen wurden. Als es in den ersten Berichten über diese Documenta hieß, sie sei geprägt von "glühendem Feminismus" (New York Times) wurde mir ganz warm ums Herz. Man fragt sich, was die Verfasserin gesehen hat, um auf diese Idee zu kommen. Alles Einbildung? Dem Himmel sei am Ende Dank für Llyn Foulkes und Rabih Mroué.


(Yan Lei "Limited Art Project" - documenta13)
Es geht also weiter - der Plan, endlich wirklich mit richtig wenig auszukommen. Und übrigens besteht auch noch immer das Vorhaben, das Gewicht zur Entlastung meiner Gelenke irgendwann noch ein wenig zu reduzieren.

Gleichzeitig missfällt es mir sehr, dass ich mich jetzt, wo ich mich für das Projekt nach langer Zeit mal wieder auf die Waage gestellt habe, auch gleich dabei ertappe, wie ich in alte Muster von Waagen-Zwanghaftigkeit rutsche. Nach Jahren habe ich nun begonnen, mich wieder täglich zu wiegen - und das Gewicht aufzuschreiben! Obgleich sich mein Gewicht in diesem Monat nach der Abnahme im August im Prinzip kaum verändert, ist es so: Wenn es ein paar Gramm weniger sind, bin ich zufrieden. Wenn die Zahl höher ist, spüre ich, wie sich das alte Gefühl des Versagens mit seiner hässlichen Fratze neben mich in mein Spiegelbild drängelt. Das muss auf jeden Fall aufhören. Es ist doch wie verhext - im Kampf um Selbstakzeptanz landet man doch immer wieder verdammt leicht mit einem Teller Kohlsuppe in der Hand direkt am Abgrund. Die Waage liegt jetzt am Boden des Wäschekorbes. Da sehe ich sie so schnell nicht wieder.


*(Erinnert sich eigentlich noch jemand an die halbherzige "Health Initiative" der VOGUE-Chefredakteurinnen? Aber dazu in einem kommenden Beitrag mehr.)

NH