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Dienstag, 16. Oktober 2012

Es wird eng



Und dabei war ich eigentlich stolz wie ein Esel, der Ascot gewinnt. Denn ich habe das Budget, insbesondere das für Nahrungsmittel, in diesem Monat noch nicht überschritten. Von den Hartz-IV-Empfängern zugestandenen € 128,46 sind noch € 36,82 übrig. Gut, der Monat ist erst halb rum, aber ich bin zuversichtlich. Wie von Michael angeregt, habe ich mich mit „Basics“ eingedeckt – Brot, Nudeln, Eier, Ketchup, Remoulade, Butter, billigem Käse, Tiefkühlspinat etc. Außerdem habe ich aufgelistet, was es bisher zum Abendessen gab:
4.10.12
Bratnudeln mit Ei und Gewürzgurke
5.10.12
Fried Cheese (gebratene Toastscheiben gefüllt mit Käse und Paprikastückchen) und Pommes
6.10.12
Spinat-Käsetaschen (tiefgefroren, aus Großpackung von Lidl) und eine halbe Salatgurke

7.10.12
Kartoffel- und Möhrenpüree mit Gewürzgurken
8.10.12
Kartoffel- und Möhrenpüree mit einem Omelette und Gewürzgurken
9.10.12
Spinat-Käsetaschen (siehe oben) mit Tomaten.
10. 10.12
Gebackener Fetakäse mit Tomaten, Paprika und Pommes (Tiefkühlkost)
11.10.12
Bratreis mit Ei und Erbsen (aus dem Glas)
12.10.12
Cheddar-Lauch-Pasteten von Ikea (Tiefkühlkost) und Tomatensalat
13.10.12
Toast und Tomaten überbacken mit Mozzarella und der restliche Bratreis
14.10.12
Nudeln mit Spinat-Frischkäse-Soße
15.10.12
Nudeln mit Spinat-Frischkäse-Soße

Mittags oder nachmittags gab es Butterbrote und/oder Suppe. Zum Frühstücken komme ich glücklicherweise gar nicht.
Wenn man mal von der Kürbissuppe in der ersten Woche absieht, macht sich der konsequente Verzicht auf frisches Gemüse in der Brieftasche diesmal absolut bemerkbar – und gleichzeitig kann ich eigentlich nicht sagen, dass mich Fett und Kohlenhydrate bisher nicht mit genug Energie versorgen würden – obwohl ich auch wieder geringfügig abgenommen habe. Allerdings sind Süßigkeiten, wenn ich sie nicht geschenkt bekomme (und ich bekomme VIEL ZU WENIG), eine absolute Ausnahme – hier kommt es dann in der Tat auch zu etwas, was ich als Mini-Heißhungerattacken beschreiben würde. Somit kann ich berichten, dass ich letztens an der Tankstelle höchstens 5 Sekunden gebraucht habe, um einen Mars-Riegel um die Ecke zu bringen.

Und was sagt Michael, als er meine Liste sieht: „Also wir müssen versuchen, die Speisepläne etwas fröhlicher zu gestalten. Das hört sich sonst doch zu eintönig und traurig an.“ Traurig!!! Er fand meine Ernährung traurig! ; ) Was aber nicht zuletzt damit zusammenhängen könnte, dass ich in den letzten zwei Wochen als Mauerblümchen jeden Abend beim Schein einer staubigen Glühbirne allein zu Haus gegessen habe, während er als Party Animal die Stadt regelmäßig rot anstreicht ; ). Das allerdings bringt ihn in diesem Monat auch in ganz neue Schwierigkeiten, die er vormals als preisbewusster Praktikant und frisch nach Hamburg gezogen noch nicht hatte: „Ich bin im Oktober auch schon einige Male und vor allem großzügig eingeladen worden. Das machen die Spender mal einen Monat mit - aber auf Dauer? Dann wären sie bald keine Freunde mehr. Und welcher Hartz-IV-Empfänger hat denn Freunde, die so viel Geld haben, nicht nur für sich, sondern auch für andere immerzu mitbezahlen zu können? Und trotz der Einladungen hatte ich auch Kosten. Am letzten Wochenende zum Beispiel: Freitag waren wir tibetanisch essen. Mein Essen und die Getränke habe ich selbst bezahlt. Danach wollte die Gruppe noch was trinken gehen. Was soll ich also machen? Allein nach Hause fahren? Nein! Also musste mich jemand einladen. Die zwei Apfelstrudel (Wodka, Zimt und naturtrüber Bio-Apfelsaft) kosteten 14 Euro. Ich habe mich mit einem Euro am Trinkgeld beteiligt. Am nächsten Tag waren die Kosten für meine Freunde noch höher. Ich habe ein kleines Richtfest in meiner Wohnung gegeben. Ich hatte aber nur noch Bier zu Hause, das meine Mitbewohnerin mal dagelassen hat. Also hat ein Freund Sekt mitgebracht. Hunger hatten die Gäste auch. Es wurde Pizza bestellt. Die Rechnung teilten sich zwei Leute (ich war nicht dabei). Von meiner Wohnung aus, sollte es zum Kiez gehen. Während meiner Praktikumszeit fuhr ich natürlich mit der Bahn. Wenn man sich aber erst mal ans Taxifahren gewöhnt hat, hat man natürlich keine Lust, sich für 45 Minuten in die zugige Bahn zu setzen. Also kam ein Taxi. Gezahlt hat wieder ein Freund. Dann musste ich aber natürlich doch auch mal etwas übernehmen und bezahlte den Eintritt für alle (für 4 Leute: 12 Euro). Getränke im Club gingen wieder auf die anderen (ich denke, das waren für mich so ca. 30 - 40 Euro). Dienstag wurde ich auch zum Essen eingeladen und habe für ca. 60 Euro gegessen und getrunken - wenn ich selbst gezahlt hätte, wäre das Budget schon an diesem einen Abend weg gewesen!“
Natürlich hat Michael nicht nur auswärts gegessen, aber glamouröser als meiner war sein Speiseplan in den letzten Tagen auf jeden Fall:
Freitag: kurz gebratener Thunfisch Teriyaki mit frischem Gemüse (Restaurant)
Samstag: Pizza Bombay von Joey‘s
Sonntag: Rührei, Vollkornbrot mit Heringssalat, Miracoli
Montag: Ciabatta mit Käse und Pute, Miracoli
Dienstag: Bagel mit Frischkäse, halbes Brötchen mit Fleischsalat, Einladung zum Essen (Pimientos de Padrón, Datteln im Speck, Chorizo in Weißwein, Kalbsleber mit Portwein, frittierte Sardellen, gemischter Käse)
Mittwoch: 1 Scheibe Vollkornbrot mit Teewurst, 2 Cheeseburger, überbackener Toast mit Käse und Thunfisch
Donnerstag: 1 Scheibe Vollkornbrot mit Teewurst, Currywurst mit Brötchen, getrüffeltes Kartoffel-Steinpilzpüree, Rosmarin-Möhrengemüse und Spiegelei
Freitag: 1 Scheibe Vollkornbrot mit Teewurst, Linseneintopf mit Würstchen und Ruccolasalat, griechischer Nudelauflauf mit Hack, Zucchini, selbstgemachtem Zaziki und Baguette
Samstag: Schnittchen mit Serano, Zaziki, Frischkäse, Schinkenwurst, abends Rindergulasch mit Rotkohl und Kartoffelklößen
Sonntag: Einladung zum Brunch, abends Gnocchi mit Steinpilzen, getrockneten Tomaten, Speck, frischen Kräutern und mit Käse überbacken
Montag: Scheibe Brot mit Teewurst, abends Gulasch, gebratene Knödel und Rotkohl, 1 Long Island Ice Tea (Happy Hour)
Obwohl Michael zur Monatsmitte noch über € 175,30 des Gesamtbudgets verfügt, ist sein Zwischenfazit, dass es offenbar besonders schwierig ist, mit dem Hartz-IV-Regelsatz auszukommen, „wenn man sich erst einmal an einen gewissen Standard gewöhnt hat und nicht irgendwann auf sein soziales Umfeld verzichten möchte.“ Obwohl er das Budget im Oktober sicher nicht überschreiten wird (bei mir bin da noch nicht so sicher), glaubt er nicht, dass das Experiment dann auch tatsächlich die reale Situation eines Hartz-IV-Empfängers wiederspiegelt. Freunde, die einen einladen, weil es sich um eine Ausnahmesituation handelt, Vorräte, die noch in der Speisekammer und in der Tiefkühltruhe zur Verfügung stehen – all das sei „im normalen Hartz-IV-Leben und auf unbestimmte Zeit ja gar nicht umsetzbar!“

Recht hat er. Unzureichende und eintönige Ernährung ist eine Sache – am kulturellen und gesellschaftlichen Leben keinen Anteil mehr zu haben, ist eine andere. Vermutlich ist es sogar der schwerwiegendere und destruktivere Effekt eines Lebens mit Hatz IV. Wenn das Budget für Bildung nicht einmal mehr für die Eintrittskarte ins Museum reicht. Oder der Betrag für Gaststättendienstleistungen nicht genug ist für zwei Stück Geburtstagskuchen mit Kaffee.
Trotzdem müssen Michael und ich nun erst einmal aus den gewonnenen Einsichten und Eindrücken herausschälen, WAS wir in der zweiten Hälfte aus unserem Experiment tatsächlich lernen können – außer der Tatsache, dass man vielleicht doch so gerade über die Runden kommen kann. Zumindest einen Monat lang. Und in meinem Fall mit viel vorangegangener Übung. Gedacht hatten wir uns, das Ganze könnte regelrecht so eine Art "Heilfasten" werden, in dessen Verlauf wir auf das stoßen, was wirklich wichtig ist. Dafür, so scheint es, war das Experiment in den letzten zwei Wochen für uns beide doch ein wenig zu stressig. Und was wir wirklich festgestellt zu haben scheinen, ist, dass Geld verdammt wichtig ist.

NH

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Kassensturz

Und NOCH EINMAL zur Erinnerung (eigentlich kann es ja auch gar nicht oft genug gesagt werden: Alleinstehende, die von Hartz IV leben, verfügen für die Bereiche Nahrung, Bekleidung, Wohnungseinrichtung, Gesundheitspflege, Freizeit, Bildung, Unterbringung oder Restaurants sowie Sonstiges über ein Gesamtbudget von € 276,83*. Michael, mein „Sparcoach“, und ich haben im September nicht  wirklich sonderlich sparsam gelebt, aber über unsere Ausgaben in diesen Abteilungen genau Buch geführt, um einen Eindruck zu bekommen, wie groß die Einschnitte im Oktober sein müssen, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Als jemand, der bisher nicht genau wusste, was sie so im Laufe eines Monats ausgibt, kann ich mir da nur die Haare raufen. Meine Ausgaben für Nahrung lagen wieder bei € 274,24 (der Hartz-IV-Satz beträgt € 128,46), für Gesundheitspflege waren es € 133,41 (€ 15,55 hätten es sein dürfen) und für Freizeit/Unterhaltung € 117,42 (also ebenfalls weit entfernt von den eigentlich zugestandenen € 39,96). Es gab nur eine Kategorie, in der ich den Regelsatz nicht mit gesprengt habe: In die Einrichtung meiner Wohnung habe ich € 25,50 investiert. Also tatsächlich € 1,91 weniger, als ich mit Hartz IV gedurft hätte.
Michael, der Gewohnheitssparfuchs, hat zwar nur € 90,66 für Nahrungsmittel ausgegeben, aber so Kleingkeiten wie etwa der Besuch des Oktoberfests haben seine Rechnung für Freizeitgestaltung und Gaststättendienstleistungen auf insgesamt € 485,23 ansteigen lassen (im Oktober sind wie gesagt nur € 39,96 für Freizeit und € 7,60 für Gaststättendienstleistungen erlaubt). Die Maß Bier kostet auf der Wiesn in diesem Jahr immerhin € 9,40, ein halbes Hendl € 9,90. Und während Michael in München mit ein paar Freunden seinen Geburtstag feierte, war ich für vier Tage in London (lasst uns nicht über Hotelpreise reden), so dass wir beide den September mit einem erheblichen Defizit beendet haben.

Nun aber hat der Oktober begonnen, und damit die heiße Phase unseres Experiments, denn im Oktober dürfen die Regelsätze nicht überschritten werden. Michael hat mich zur Inspiration schon einmal mit einer Liste mit preiswerten Gerichten versorgt: Reibekuchen, Nudeln mit Spinat-Käse-Sauce, gebackene Kartoffeln mit Quark, Pfannkuchen, überbackener Toast, etc. Außerdem empfiehlt er, immer eine Grundausrüstung aus Brot, Eiern, preiswertem Käseaufschnitt, Frischkäse, Nudeln, Kartoffeln und Marmelade oder Nutella für den Heißhunger auf Süßes im Haus zu haben (bei diesen Basisprodukten können auch Großpackungen eine gute Idee sein). Beim Einkaufen selbst ist Disziplin der Schlüssel zum Erfolg: Man sollte sich nie hungrig oder ohne Einkaufsliste in den Supermarkt aufmachen, denn das geht garantiert daneben.
 
Bei meinem ersten Einkauf im Oktober habe ich mich natürlich an all das schon wieder gar nicht gehalten. Aber ich wollte einfach unbedingt MEINE Kürbissuppe machen, denn das tue ich jedes Jahr. Der Unterschied ist, dass ich sie normalerweise weitgehend an andere Leute verfüttere. Diesmal kriegt keiner was ab, und es ist meine Hoffnung, dass sie für sieben bis acht Mahlzeiten reicht. Insgesamt habe ich € 13,59 für die Zutaten ausgegeben, das wären also optimistisch gerechnet € 1,70 pro Portion. Ich weiß, Eigenlob und so…aber wo Halloween fast vor der Tür steht, behaupte ich jetzt einfach, dass der Herr Myers für diese Suppe töten würde ; ). Hier ist das Rezept:

Soupy Scream Queen Surprise

Zutaten:
1,5 kg Hokkaido Kürbis, 500 g Lauch, 6 große Kartoffeln, 3 große Möhren, ca. 300 g gelbe Zucchini, 1 rote Paprika,  1 große rote Zwiebel, 1 Becher (Soja-)Sahne, 1 Peperoni (ohne Innenleben), 1 Bund Petersilie, 6 EL Olivenöl, Gewürze (Salz, Pfeffer, Zucker, Curry, Paprika, Knoblauch), 250 ml Rotwein

Alle Zutaten würfeln (bis auf die Petersilie), nach und nach kurz andünsten (zuerst Zwiebeln und Lauch, zuletzt Möhren und Kürbis) und dann mit Wein und Wasser (je nach gewünschter Konsistenz) auffüllen, würzen und ca. 30 Minuten köcheln lassen. Anschließend ganz kurz mit einem Mixstab durchgehen (ich persönlich habe es lieber „chunky“ statt cremig), Sahne hinzufügen, abschmecken, anrichten und die gehackte Petersilie darüber streuen.

NH

Samstag, 15. September 2012

Bildungsnotstand


Nur noch einmal zur Erinnerung: Das Budget, das ein Hartz-IV-Empfänger monatlich für "Bildung" zur Verfügung hat, beträgt € 1,39. Wären wir im September noch immer auf Sparkurs, hätte ich mich mit den € 20 für das Ticket zur Documenta 13 also schon wieder ins Aus geschossen. Und das, wo mein Coach Michael auf die Frage, wie man trotz schmaler Kost und geringem finanziellem Spielraum positiv bleibt, Folgendes anmahnte: "Nichts zu denken, sollte man tunlichst vermeiden. Das macht unzufrieden." Der Leere im Magen darf nicht die Leere im Kopf folgen. Man darf sich in mageren und frustrierenden Zeiten geistig nicht hängen lassen, sonst sieht es erst recht düster aus. Das schreit eigentlich nach einem Büchereiausweis, den ich zuletzt als Studentin hatte.
 
Auch noch einmal zur Erinnerung: Michael und ich werden im Oktober einen erneuten Anlauf machen, und versuchen, mit dem Hartz-IV-Regelsatz in verschiedenen Kategorien (Ernährung, Bekleidung, Unterhaltung, Bildung, Gesundheitspflege, etc.) auszukommen, nachdem ich mit meinem Budget von € 130 für Lebensmittel jetzt bereits zweimal baden gegangen bin. Der September dient als Referenzmonat, in dem die "normalen" Kosten nur einmal konsequent aufgelistet werden. Ich hatte eigentlich gar keine genaue Vorstellung, wie viel ich für gewisse Dinge ausgebe, und selbst Michael war erstaunt, "was man so verpulvert, ohne es zu merken." Dabei hat er vorrangig in seine Wohnung und in Bekleidung investiert. Ich hingegen sollte ich mir vermutlich mal Gedanken über den Preis meiner Nachtcreme machen.

Jetzt ist der Monat zur Hälfte rum, und um es kurz zu machen: Der Regelsatz für alle von uns einbezogenen Kategorien von € 276,83 ist bei uns beiden weit, weit, weit überschritten - und während Michael sich nun doch Gedanken macht, ob das im Oktober wirklich so locker werden wird, wie gedacht (obwohl er in der Lage ist, fünf Personen für  €16,97 mit Coq au vin blanc, Rosmarinkartoffeln und Feldsalat mit gebratenen Champignons zu versorgen), grüble ich ja noch immer, ob eine VOGUE* eigentlich zu "Unterhaltung" oder zu "Bildung" gehört.

Nicht, dass Bildung nicht auch unterhaltsam sein könnte. Genauso wie die Kunst. Wenn sie die Unterhaltung wünscht. An alle, die auch dort waren - ich weiß ja nicht, wie Ihr das seht, aber das war nicht mein Eindruck auf der Documenta 13, die nun morgen zu Ende geht. Sie war an gewissen Orten so verstockt, dass sie es einem mitunter sogar schwer machte, das verdammte Schildchen zu finden, auf denen der Titel des jeweiligen Werkes stand. Und bieder war sie. Politisch korrekt. Und sich selbst genug. Also alles, was ein Showgirl nicht ist. Aus den anwesenden Hintergrundgeschichten könnte man sicher viele solide Dokumentarfilme machen. Aber gezähmte Kunst kann mich mal.

Da ist es nur konsequent, wenn die Selbstauslöschung des Werkes und sein Transfer in die Belanglosigkeit vom Konzeptkünstler Yan Lei quasi gleich miteingebaut wurde - indem die 360 Gemälde seiner Installation im Verlauf der 100 Tage mit Autolack besprüht und zu monochromen Flächen wurden. Als es in den ersten Berichten über diese Documenta hieß, sie sei geprägt von "glühendem Feminismus" (New York Times) wurde mir ganz warm ums Herz. Man fragt sich, was die Verfasserin gesehen hat, um auf diese Idee zu kommen. Alles Einbildung? Dem Himmel sei am Ende Dank für Llyn Foulkes und Rabih Mroué.


(Yan Lei "Limited Art Project" - documenta13)
Es geht also weiter - der Plan, endlich wirklich mit richtig wenig auszukommen. Und übrigens besteht auch noch immer das Vorhaben, das Gewicht zur Entlastung meiner Gelenke irgendwann noch ein wenig zu reduzieren.

Gleichzeitig missfällt es mir sehr, dass ich mich jetzt, wo ich mich für das Projekt nach langer Zeit mal wieder auf die Waage gestellt habe, auch gleich dabei ertappe, wie ich in alte Muster von Waagen-Zwanghaftigkeit rutsche. Nach Jahren habe ich nun begonnen, mich wieder täglich zu wiegen - und das Gewicht aufzuschreiben! Obgleich sich mein Gewicht in diesem Monat nach der Abnahme im August im Prinzip kaum verändert, ist es so: Wenn es ein paar Gramm weniger sind, bin ich zufrieden. Wenn die Zahl höher ist, spüre ich, wie sich das alte Gefühl des Versagens mit seiner hässlichen Fratze neben mich in mein Spiegelbild drängelt. Das muss auf jeden Fall aufhören. Es ist doch wie verhext - im Kampf um Selbstakzeptanz landet man doch immer wieder verdammt leicht mit einem Teller Kohlsuppe in der Hand direkt am Abgrund. Die Waage liegt jetzt am Boden des Wäschekorbes. Da sehe ich sie so schnell nicht wieder.


*(Erinnert sich eigentlich noch jemand an die halbherzige "Health Initiative" der VOGUE-Chefredakteurinnen? Aber dazu in einem kommenden Beitrag mehr.)

NH

Freitag, 31. August 2012

Zahlenspiele


Gestern wurde ich angesprochen, ob ich abgenommen hätte: „Ihr Gesicht wirkt irgendwie dünner.“ Und ich sagte: „Ja, nicht viel, aber ein paar Kilos, durch diesen Hartz-IV-Selbstversuch, den ich da mache. Ich lebe den ganzen August schon von Kartoffeln und Nudeln, Nudeln und Kartoffeln.“ Mein Gegenüber sah mich entsetzt an: „Aber so kann man doch unmöglich abnehmen.“ Ich stutzte erst angesichts der eigenartigen Platzierung dieser Feststellung. Denn ich hatte doch eben gerade gesagt, dass das geht. Die Vorurteile gegenüber Kohlenhydraten sitzen offenbar genauso tief wie der Glaube der meisten Leute, es gäbe eine richtige und eine falsche Art, sich zu ernähren.
Um es kurz zu machen: knappe 4 kg sind weg – unbeabsichtigt.
Im August  habe ich € 188,44 für Nahrungsmittel ausgegeben. Das sind noch immer € 58,44 am Ziel vorbei (€ 130), aber immerhin € 95,05 weniger als im Juli. Zu guter Letzt reingerissen hat mich noch ein Nachmittagausflug ins Einkaufszentrum mit meiner Freundin Rena. Ohne diesen wäre ich um ca. € 12 näher an der Ziellinie.  Aber Kaffee und Kuchen waren sozusagen ein Notfall.
Die Ausgaben im August verteilen sich wie folgt:
Obst/Gemüse (zumeist tiefgefroren und in Dosen, und viiiele Möhren): 27, 31
Fertigprodukte (Tiefkühlpizzen, Pommes, Dosensuppen, Kartoffelsalat etc.): 21,30
Brot: 15,88
Getränke: 10,32
Kartoffeln/Nudeln: 17,11
Eier (bio): 11,96
Tofu/Sojaprodukte:  14,97
Fett (Butter, Margarine, Öl): 17,32
Süßigkeiten: 10,72
Milchprodukte: 23,08
Snacks/Fast Food:  18,47
Gesamt: € 188,44
Hatte ich zwischendurch Hunger? Ja. Hauptsächlich, weil ich das, was ich zu essen hatte, irgendwann nicht mehr sehen konnte. Zwar bekommt man für € 1,69 einen Eimer Kartoffelsalat. Und am Anfang schmeckt der sogar ganz gut. Aber täglich ist er ehrlich nur schwer zu ertragen. Darum rät der BUND ja auch dazu, den Kauf von Großpackungen und damit die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden. ; ) Und so habe ich im August tatsächlich mehr Nahrung weggeworfen, als im Juli. Dröge Nudeln und Kartoffeln, Reste von Tiefkühlpizzen aus dem Dreierpack (für 83 Cent das Stück) und, ja, Kartoffelsalat.
Bei dem Versuch, die tägliche Basis aus Kohlenhydraten preiswert aufzupeppen, habe ich im August außerdem wieder Dinge auf meinen Speiseplan gesetzt, die dort vorher eigentlich kaum mehr vorkamen: Eier und Butter. Natürlich sind Kartoffeln mit Butter im Grunde etwas Feines. Und Rührei auch. Zwischendurch mal.
Kurios und verräterisch scheint in diesem Zusammenhang jedoch, dass Hartz-IV-Empfänger, die eine ärztlich verordnete Diät einhalten sollen, in Ausnahmefällen eine Aufstockung ihres Budgets für Nahrungsmittel beantragen können, offenbar, weil "gesunde", kalorienarme Kost dann doch mehr kostet.
Halten wir fest: Ich habe mich mit einer Ernährung, deren Schwerpunkt eindeutig auf preiswerten Kohlenhydraten und Fetten lag, NICHT noch dicker gefuttert. Insbesondere Fertiggerichte sind, unerwarteterweise, oftmals sensationell billig, aber wurden von mir mitunter nicht mehr aufgebraucht, weil die Eintönigkeit schlicht zu groß wurde. Mir persönlich ist dabei das Essen von Zeit zu Zeit buchstäblich vergangen. 
Am Ende ist das Budget also wieder, wenn auch weniger als im Juli, gesprengt worden. Und ich fühlte mich trotzdem erheblich eingeschränkt. Augenscheinlich fehlen mir wirklich Ideen, wie man innerhalb des Regelsatzes bleibt und dennoch für Schwung und Abwechslung sorgt.
Aber das wird nun anders, denn ich habe ab jetzt Unterstützung – einen Sparcoach, wenn man so will. Michael, seines Zeichens Immobilienverwalter UND Koch, hat eine Passion für beides: straffe Kostenkontrolle UND gutes Essen. Als ich mich beschwerte, dass man mit einem Budget von 130 Euro für Nahrungsmittel  nicht auskommen kann, sagte er, doch das geht. Als Praktikant hätten er und seine Mitbewohnerin sich sogar zusammen von weniger über Wasser gehalten. Und manchmal seien sie vom restlichen Geld zur Belohnung noch essen gegangen. Dass das nur mit eiserner Disziplin funktioniert und einem genauen Überblick über die Ausgaben, ist klar. Außerdem räumt er ein, dass Fleisch, Obst und Gemüse bei solch einer Ernährung Luxus sind, andererseits muss sie auch nicht freudlos und phantasielos sein, wenn man ein Händchen dafür hat, aus wenig was zu machen. Und weil er zusätzliche „kleine“ Herausforderungen im Alltag schätzt, um Kreativität und Disziplin immer weiter zu trainieren, hat er auch gleich vorgeschlagen, das Vorhaben auf weitere Hartz-IV-Kategorien auszuweiten. Ich war erst erschrocken und habe mir dann gesagt, „Na gut, kann ja nur schiefgehen.“
Erschrocken war ich anschließend allerdings auch über die € 1,39, die einem Hartz-IV-Empfänger offenbar pro Monat in der Abteilung „Bildung“ zugestanden werden. Die bissige Bemerkung, dass man sich angesichts dieses  Betrages wohl kaum beschweren darf, wenn Menschen zu dumm bleiben, um sich vom Hartz-IV-Satz so zu ernähren, dass sie fit, straff und leistungsfähig werden, verkneife ich mir jetzt mal (fast).
Vermutlich könnte jeder frische Hartz-IV-Empfänger einen Coach gebrauchen. Michael und ich haben nun folgenden „Versuchsaufbau“ festgelegt: Dokumentiert und gespart (ab Oktober) wird in den Kategorien Nahrungsmittel (Regelsatz € 128,46)*, Bekleidung (Regelsatz €30,40), Innenausstattung und Haushaltsgeräte (Regelsatz € 27,41), Gesundheitspflege (Regelsatz € 15,55), Freizeit und Kultur (39,96), Bildung (Regelsatz € 1,39), Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen (Regelsatz € 7,16), andere Waten und Dienstleistungen (Regelsatz € 26,50). Im September werden die Kosten nur festgehalten, um einen Überblick über die Ausgaben im „normalen Leben“ zu erhalten. Die Zielsetzung im Oktober ist dann, innerhalb der Regelsätze zu bleiben, oder zumindest mit dem Gesamtbetrag (€ 276,83) für diese Bereiche auszukommen. Michael wird mich hierbei mit Tipps und Tricks, und dem einen oder anderen Menüvorschlag  versorgen – und hoffentlich mit Motivation.
Für mich ist das Ziel ja immer…das Ziel. Für Michael selbst ist der Weg das Ziel – aber auch Selbstpositionierung: „Unterm Strich ist es natürlich Fasten. Schaut man sich das christliche Fasten an, so geht es in der Fastenzeit ja auch nicht nur ums Essen, sondern auch um geistiges und materielles Fasten. Man setzt sich eine gewisse Zeit, um sich selbst, oder den anderen zu zeigen, dass es auch ohne geht (Essen, Internet, Rauchen, Shoppen etc.). Wichtig sind dabei jedoch der gesetzte Zeitrahmen (Christl. 40 Tage) und das Ziel (Ostern). Und wir haben im Oktober nun auch eine Art Fastenzeit. Ich glaube es ist einfach wichtig, sich gelegentlich selbst vor Augen zu halten, was ist der Status Quo, wo bin ich jetzt, wo will ich hin und was brauche ich in meinem Leben und was nicht. Geht es auch ohne? Ohne was geht es, ohne was nicht? Dafür ist die Einteilung in die Kategorien. Im November wissen wir dann vielleicht besser, worauf wir leicht verzichten können, worauf schwer. Unser Projekt ist es also eine Art "Inventur". Wie im Supermarkt. Es wird vor der Saison eine Inventur gemacht. Danach hat man einen Überblick (über sich) und kann die nächsten Ziele verfolgen/die nächste Saison planen.“
Es ist natürlich wichtig, nicht zu vergessen,  dass dieses für uns eine zeitlich begrenzte Angelegenheit ist. Für andere Menschen eben nicht. Da ich mich ja aber bekanntlich momentan in einer ziemlich dringenden Phase der Neuorientierung befinde, kann Beschränkung einerseits vielleicht Raum schaffen für raumgreifende Ideen andererseits. Und Ordnung im Haushaltsbuch verhilft möglicherweise auch zu mehr Ordnung im Kopf.
Es geht also weiter. Dranbleiben. ;  )

*Zahlen variieren leicht, je nach Quelle.

NH

Sonntag, 29. Juli 2012

Hunger: Zweiter Versuch



 Hier ist sie nun - die Auswertung meines ersten Monats mit einem Hartz IV-Budget für Nahrungsmittel von € 130,-.

Zunächst einmal: Die 2,5 kg sind wieder drauf. (Aber dazu später mehr.)

Ich habe im Juli zweimal  Nahrungsmittel weggeworfen: 1 halbe Salatgurke, und ca. drei Tassen angebrannten Reis.

Außerdem: Ab dem 26. Juli wurde die Sache dann durch verschiedene Umstände vollends unübersichtlich – ich habe auswärts gegessen, und die Belege zum Teil nicht aufgehoben/die Beträge nicht mehr notiert. Man muss also sagen, dass das Experiment ab da für den Juli im Prinzip wirklich beendet war. Ich hatte mein Budget ja bereits Mitte des Monats ausgeschöpft – bis zum 15. Juli hatte ich schon 135,87 Euro ausgegeben. Vom 16. bis zum 25. Juli waren es dann noch einmal  147,62 Euro. Das ergibt also kurz vor Ende des Monats eine Überschreitung des Regelbetrages  um über 100%. Das lag einerseits natürlich daran, dass ich nach dem ersten gescheiterten Anlauf schon keine Lust mehr hatte. Ein bisschen fühlte es sich sogar so an, wie das alte „Jetzt-ist- es- eh-schon-egal-Gefühl“ , wenn man es mal wieder nicht geschafft hatte, sich an die „Regeln“ einer Diät zu halten. Fast wie zum Trotz habe ich plötzlich so kostspielige Sachen wie schwarzes Hawaii-Salz erworben und mich insofern  nicht mehr wirklich bemüht, besser zu haushalten, sondern nur noch versucht, meine Ausgaben wenigstens weiterhin zu dokumentieren. Wobei natürlich nicht alles, was gekauft wurde auch schon  gegessen worden ist. Zusätzlich habe ich ab Mitte des Monats auch wieder „schnell mal was vom Bäcker“ rausgeholt.

Für 283,49 Euro habe ich im Juli dieses erworben:

Gemüse:
6  kg Kartoffeln (bio)
800 g grüner Salat i. d. Tüte
6 Paprika
500 g Schalotten
100 g Shii-take
1 große Zucchini gelb
500 g Cherrytomaten
2 große Schmorgurken
1 kleine Aubergine
1 Chinakohl
400 g Champignons
1 Blumenkohl
1 Salatgurke
500 g Broccoli

Obst:
4 Bananen
2,5 kg Wassermelone
1 Schale Nektarinen
250 g Erdbeeren
400 g Blaubeeren
10 wilde Pfirsiche
500 g Kirschen
500 g Himbeeren

Brot:
7 Brötchen
1 Brot vom Bäcker
1500 g Graubrot (abgepackt)
2 Laugenbrezeln

Milchprodukte:
250g Quark
400 g Feta
500 g Mozzarella

Süßigkeiten etc.:
3000 ml Eiskrem
4  Packungen  Kekse
500 ml Zitronensorbet
450 g Nusskrokant zum Streuen
0,7 L Himbeersirup
2 Schokoriegel
200 g Schokolade
190 g Kartoffelchips

Fette:
750 ml Rapsöl
500 ml Olivenöl
250 g Butter
500 g Margarine (bio)

Tiefkühlprodukte/Fertiggerichte:
2 Tiefkühlpizzen
 4,5 kg Ofen-Pommes (bio)
200 g Gemüsebällchen
200 g Nudelsalat

Tofu und Soja-Produkte:
375 g vegane Brotaufstriche (bio)
760 g Tofu (bio)
180 g Sojaschnitzel
1 Becher Soyafit Creme fit (200 ml) (bio)
250 ml Alpro Soya Cuisine

Getränke:
11,5 l Cola Light
1,25 l Ginger Ale
3 l Eistee

Sonstiges:
Restaurants/Snacks on the go (einschließlich der Trinkgelder):64,30
200 g Mischung für Dinkelbratlinge,
500 g Nudeln (bio)
650 ml Salatdressing
500 ml Ketchup
0,75 L Apfelessig (bio)
250 g Tomatenmark (bio)
1 Glas Pesto
115 g Hawaii Salz
68 g Muntok Pfeffer

Was für Erkenntnisse habe ich gewonnen?

Was ich gewonnen habe, ist Ratlosigkeit. Und Empörung. 130 Euro reichen nicht, um sich abwechslungsreich zu ernähren. Ich bezweifle allerdings auch, dass sie reichen, um sich einseitig zu ernähren.  Ich bezweifle schlicht noch immer, dass sie reichen, um satt zu werden. Egal wie.

Für Kartoffeln, sonstiges Gemüse und Obst habe ich im Juli 65,57 Euro ausgegeben, also mehr als 50% des Hartz IV-Satzes (und weniger als sonst). Da müssen ganz offensichtlich Einschnitte gemacht werden, wenn das Geld irgendwie reichen soll. Die Frage wäre, was man denn sonst essen soll? Noch mehr Brot, Kartoffeln, Nudeln und Reis? Diesen Austausch habe ich zumindest in der ersten Monatshälfte im Juli ohnehin schon vorgenommen – und habe trotzdem abgenommen. Und Reis musste ich im Juli nicht einmal kaufen, weil ich noch genug im Haus hatte.

 Ja, ich hör sie schon rufen – WENIGER SÜSSES! Aber auch dann entsteht ein Defizit an Energieeinheiten, das dann möglichst billig ausgeglichen werden muss. Diese Übung ist keine Diät. Und nennt mich ruhig verbissen, aber ich finde, es muss in einem menschenwürdigen Alltag auch möglich sein, Besuchern zum Tee einen Keks anzubieten.

Einmal habe ich 500 g Brot für 59 Cent gekauft. Es tut mir Leid – ich bin sonst nicht kleinlich und habe kaum Vorurteile gegen einzelne Nahrungsmittel – aber DAS schmeckte tatsächlich so, als ob es einen in Kürze umbringen könnte.

Ein gelegentlicher Ausflug ins Restaurant ist mit Hartz IV auf jeden Fall nicht drin. Auch dann nicht, wenn es ein Fast-Food-Restaurant ist. Eine Freundin schlug mir vor, während des „Experiments“ im August doch Restaurantbesuche schlicht nicht mitzurechnen, weil das doch einfach zu freudlos würde, wenn man in der Hinsicht gar nichts mehr unternehmen könne. Mit der Freudlosigkeit hat sie Recht – aber das geht natürlich nicht. Man kann sich nicht mit einem Geheimbudget sattessen, wenn es darum geht, herauszufinden, wie hungrig man mit deutscher Grundsicherung wirklich werden wird.

Der Soziologe Friedrich Schorb legt in seinem Buch „Dick, doof und arm?“ dar, dass tatsächlich zwei Dinge zutreffen, die ich immer bezweifelt habe: Nahrungsmittel, die viel Fett und Energie enthalten sind, sind statistisch billiger als Obst und Gemüse. Er berichtet über die Ergebnisse einer britischen Studie, der zufolge eine Kalorie, die aus Broccoli gewonnen wird, 25mal mehr kostet, als eine Kalorie aus Tiefkühl-Pommes. Außerdem bestätigt er, dass insbesondere bei Frauen ein starker Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und der Entstehung von „Übergewicht“ zu bestehen scheint. Frauen mit einem Hauptschulabschluss werden offenbar in Deutschland dreimal so oft übergewichtig wie Frauen mit Abitur. 

Die gesellschaftlich allgemein gültige Schlussfolgerung aus dieser Datenlage sieht er wie folgt: Dicke sind dick, weil sie zu ungebildet sind, um sich gesund zu ernähren. Aber, so Schorb, es gibt natürlich auch einen klaren Zusammenhang zwischen dem Haushaltseinkommen und Bildung. Und wenn Arme sich anders ernähren, als Wohlhabende und viele billige, energiereiche Fertigprodukte zu sich nehmen, um überhaupt satt zu werden, dann hält er das ganz klar für eine Frage des Geldes – und nicht von Bildung. Beim ausschließlichen Verzehr von preiswerten, zumeist hochkalorischen Nahrungsmitteln ist es eben schlicht leichter, eine „Überdosis“ an Kalorien zu sich zu nehmen.

Schorb beschreibt außerdem etwas, von dem ich mir einbilde, dass ich es Mitte des Monats auch erlebt habe, und was ich wirklich bemerkenswert und einleuchtend finde: den Armuts-Jojo-Effekt. Wenn am Monatsende das Geld nicht reicht, wird zwangsweise gehungert, bis am Ersten wieder Geld auf dem Konto ist und man sich endlich mal wieder satt essen kann. Amerikanische Wissenschaftler erklären so die Tatsache, dass insbesondere sozial schwache Frauen leichter Gewicht zulegen. Viele von ihnen seien alleinerziehende Mütter und würden öfter als andere dazu tendieren, am Monatsende zugunsten ihrer Kinder zurückzustecken. Langfristig bewirken die unregelmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln und die andauernden Mini-Diäten durch den damit einhergehenden Jojo-Effekt bei Armen eine Gewichtszunahme. Als ich Mitte Juli feststellte, dass das mit den 130 Euro gelaufen war, kaufte  ich auch erst einmal ein paar Lebensmittel, die ich mir in den zwei Wochen davor nicht genehmigt hatte. Darum bin ich jetzt auch wieder so schwer wie vorher. Und vielleicht ist das auch die Erklärung, dass ich in der zweite Hälfte sogar noch mehr ausgegeben habe, als in der ersten.

Was ich im August (anders) machen werde:

  • Bar bezahlen. Eine Freundin legt ihr Haushaltbudget für den Monat immer bar in einen Umschlag, um mit ihren Ausgaben disziplinierter zu sein. Das werde ich auch mal versuchen.
  • Ich muss definitiv mehr „Sponsoren“ finden. (Das könnte auch in andere Bereiche des Lebens ganz neue Bewegung bringen.) Wer es  also kaum abwarten kann, mir einen Drink zukommen zu lassen: Lillet Hugo – am besten bleich zwei. ; )
  • Ich werde viel mehr bei Discountern einkaufen, und mich gezielt auf Schnäppchenjagd machen.
  • Ich esse ja kein Fleisch und kenne die Preise auch nicht. Ich werde mich rein interessehalber mal umsehen, ob Fleisch womöglich sogar billiger wäre als Gemüse/Tofu.
  • Wenn es wirklich so ist, dass hochkalorische Fertiggerichte die billigere Wahl sind und ich bei stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit hoher Energiedichte (also Kohlenhydrate und Fette plus einen Haufen Zusatzstoffe) mehr Kalorien für mein Geld bekomme, werde ich sie jetzt auch konsequent auf meinen Speiseplan setzen. Mal sehen, ob ich 1) aufgehe wie ein Soufflé, 2) wie ich mich körperlich dabei fühle und 3) wie viel ich dabei sparen kann. Fest steht schon eins: Der Einstieg in die vegane Ernährung verschiebt sich dadurch auf jeden Fall.
  • Um zu sparen, werde ich Großpackungen kaufen und feststellen, wie es sich anfühlt, immerzu den gleichen Kram essen zu müssen. Ich habe keine Tiefkühltruhe, nur ein Gefrierfach. Und alle sonstigen Produkte, die man öffnet, müssen dann zumeist in absehbarer Zeit aufgebraucht werden. Da wird es mit der Lagerhaltung für oben erwähnten Speiseplan vermutlich ziemlich eng und eintönig.
Weil das äußerst aufschlussreiche und weitgehend (aber vermutlich nicht überraschend) ignorierte Buch von Friedrich Schorb drei Jahre nach seinem Erscheinen bei Amazon bereits für ein Viertel des Originalpreises „verramscht“ wird (ich nehme mal an, da ist keine weitere Auflage geplant), habe ich gleich einen kleinen Vorrat angelegt und verschenke zwei  Exemplare wieder hier.

Wer gern eins hätte, sendet mir einfach wieder eine Mail (bis zum Freitag - 3. August 2012) an office(at)nicola-hinz.com und kommt in den Lostopf.

NH

Samstag, 30. Juni 2012

Zwischenruf: Hunger!


Vorweg kurz zur Erinnerung: 400 Milliarden Dollar werden jährlich weltweit für Diätprodukte und –programme ausgegeben.

Und jeden Tag hungern 925 Millionen Menschen, also jeder 7. auf diesem Planeten. 146 Millionen Kinder sind untergewichtig und gefährdet, an Unterernährung zu sterben. Und alle 15 Sekunden stirbt in der Tat ein Kind, weil es nicht genug zu essen hatte. In 2010 lebten 49 Millionen US-Amerikaner in Haushalten, in denen zumindest zeitweise nicht genug Nahrungsmittel zur Verfügung standen. In Deutschland bekommen Schätzungen nach 500.000 Kinder regelmäßig nicht genug zu essen. Ungefähr 1,5 Millionen Menschen kämen in Deutschland nicht über die Runden, wenn sie nicht die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen könnten.

Die Beträge, die ich für den aktuellen Arbeitslosengeld II-Regelsatz für Nahrungsmittel gefunden habe, liegen zwischen 129,24 und 132,71 Euro. Allein die Tatsache, dass man diesen offenbar nicht auf Anhieb auf einer offiziellen, staatlichen Internetseite findet, macht mich richtig wütend. Auf jeden Fall ist das nicht viel und nicht genug. Umso erstaunlicher die weit verbreitete Überzeugung, dass Übergewicht vornehmlich ein Problem sozial schwacher Schichten sei – wobei die Herleitungswege ab hier eher verschwommen sind. Eine gängige Theorie besagt, dass arme Menschen einfach zu dumm und ungebildet sind, um sich gesund zu ernähren. Das entbehrt schon deshalb nicht einer gewissen Ironie, weil das in bestimmten Kreise ebenfalls gern bejammerte „Unterschichtenfernsehen“ voll ist mit Programmen, die um die Umerziehung Dicker und die Regeln vermeintlich gesunder Ernährung kreisen (mir stellen sich bei dem Gedanken an „The Biggest Loser“ noch immer die Nackenhaare auf). Gleichzeitig wird hierbei natürlich zweierlei unterstellt: a) man kann sich mit Hartz IV ausgewogen ("gesund") und abwechslungsreich ernähren, wenn man nur schlau genug ist – und b) der Hartz IV-Regelsatz reicht gegebenenfalls auch, um sich dick und rund zu essen. 

Ich habe nun beschlossen, auch einmal den Hartz IV- Selbstversuch zu machen. Ich werde mich im Juli von 130 Euro ernähren. Das tue ich sonst nicht. Dabei werde ich natürlich von vornherein schummeln, weil ich selbstverständlich noch aufbrauchen werde, was ich im Kühlschrank und im Vorratsschrank habe. Denn ich habe das Glück, dass am Ende des Monats noch was zu essen da ist. Fest steht schon jetzt, dass ich nie wieder Geld dafür bezahlen werde, im Zuge einer künstlich erzeugten Hungersnot Gewicht zu verlieren. Mit jeder sinnlosen, überteuerten, geschmacklosen Dose Eiweißpulver verhöhnt man die, die regelmäßig hungrig ins Bett gehen.  

NH