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Montag, 11. August 2014

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Mir ist schlecht

Die englische "bucket list" (Eimerliste) ist ja eigentlich eine Aufstellung der Dinge, die man erledigen will, bevor man ins Gras beißt ("kicking the bucket"). Auf meiner stehen z.B. so Sachen, wie: "Mit Krokodilen schwimmen". Wenn meine Mutter und ich in der selben Situation erkennbar dasselbe unerträglich fanden, sagte fast immer eine von uns: "Reich mal den Eimer rüber." Als ich mich gestern durch den Supermarkt schleppte, dachte ich für einen Moment, ich bräuchte wirklich einen und hielt nach Sandspielzeug Ausschau.

Nahrung war immer der Feind. Und just in dem Augenblick, in dem ich mich entschieden hatte, meine Beziehung zum Essen endlich zu neutralisieren, und auch gerade ganz gute Fortschritte machte, wurde alles schon wieder ganz anders. Wenn ich in den vier Jahrzehnten meines Lebens zuvor schon eine prekäre Esserin war, dann bin ich nun auf meinem erhöhten Zuckerwert erst recht so verdammt  ins Schliddern geraten, dass ich mich selbst gedanklich und gefühlsmäßig nicht mehr wirklich einholen kann. Zumindest nicht zwischen den Regalen eines Lebensmittelgeschäftes.

Meine Eimerliste:

Bei dem Gedanken, irgendwann womöglich Insulin spritzen zu müssen, wird mir übel.
Bei dem Gedanken, für immer Medikamente nehmen zu müssen, wird mir übel.
Bei dem Gedanken an Schokolade und Pommes wird mir vor Angst übel.
Bei dem Gedanken an Essen überhaupt wird mir vor Angst übel.
Bei dem Gedanken, Schokolade, Bananen und Pommes nicht mehr essen zu dürfen, wird mir vor Wut übel.
Bei dem Gedanken, dass ich naturgemäß das, was ich nicht mehr essen darf, immer mehr wollen werde, wird mir vor Verzweiflung übel.
Beim Blick in die Fleischtheke wird mir übel. Beim Blick auf den Tiefkühlfisch auch.
Beim Gedanken daran, Fleisch und Fisch zu kochen, wird mir übel.
Beim Gedanken an dreckiges Geschirr und Töpfe wird mir übel.
Bei der Vorstellung, mich für den Rest meines Lebens ohne Kohlenhydrate zu ernähren, wird mir übel.
Beim Gedanken an Tofu wird mir auch übel.
Bei dem Gedanken an die Herausforderung, auf Speisekarten zukünftig etwas Passendes zu finden, wird mir erst recht übel.
Bei dem Gedanken an Berge aus grünem Gemüse wird mir übel.
Bei dem Gedanken an meine sich leerende, hängende Haut wird mir übel.
Bei dem Gedanken an meine Küche wird mir übel.
Bei dem Gedanken an all das symbolisch verkohlte Essen der letzten Monate wird mir übel.
Ich wünschte, ich könnte einfach aufhören zu essen. 
Ich wünschte, ich könnte mich intravenös ernähren.
Oder doch von Lichtenergie...sofern diese zuckerfrei ist.

Auf Anraten eines bodybuildenden Bekannten hatte ich mir unlängst einen Topf Magerquark besorgt. Das schien neutrale, friedliche, erlaubte Nahrung zu sein, die man nicht zubereiten muss. Allerdings enthält er offenbar doch noch mehr Kohlenhydrate, als bei einer ketogenen Diät erwünscht. Besonders abends. Milchzucker halt. Die Welt der Lebensmittel ist ein Minenfeld...

Obwohl ich schon glaube, dass sich das Chaos im Kopf irgendwann lichten wird - die Wut wird so leicht nicht verrauchen. Und so gibt es  im Augenblick schlicht kein Gewinnen. Wenigstens wird mir beim Gedanken daran, auf meinem Ergometer zu strampeln, nicht übel. Ich habe mir dafür frische Musik besorgt und die Trainingszeit auf 60 Minuten pro Tag erhöht.

Und weil ich jetzt immer weniger für Essen ausgebe, habe ich mir stattdessen endlich einmal eine anständige Aktentasche gekauft (siehe oben). Denn alles, was meine täglichen Unterlagen zuletzt über mehrere Wochen hinweg schleppen musste, hat vor Anstrengung irgendwann seine Henkel von sich geworfen. (Ja, Zara verkauft ganz hübsche Dinge. Deren Herstellung ist bekanntlich ethisch fragwürdig. Und zumindest die Taschen, die ich zuletzt dort gekauft habe, sind obendrein qualitativ ramschiger, als ihr gar nicht so geringer Preis vermuten lassen würde.) Nun habe ich eine in Rosa, grundsolide und mit zwei Jahren Garantie. Mit ihr werde ich mich wie wild in die Arbeit stürzen. Und mein großes Ziel ist es ja noch immer, das irgendwann auf hohen Absätzen und mit abgeschwollenen Füßen zu tun.

Zu irgendetwas muss der ganze Mist ja gut sein...

NH

Sonntag, 29. Juli 2012

Hunger: Zweiter Versuch



 Hier ist sie nun - die Auswertung meines ersten Monats mit einem Hartz IV-Budget für Nahrungsmittel von € 130,-.

Zunächst einmal: Die 2,5 kg sind wieder drauf. (Aber dazu später mehr.)

Ich habe im Juli zweimal  Nahrungsmittel weggeworfen: 1 halbe Salatgurke, und ca. drei Tassen angebrannten Reis.

Außerdem: Ab dem 26. Juli wurde die Sache dann durch verschiedene Umstände vollends unübersichtlich – ich habe auswärts gegessen, und die Belege zum Teil nicht aufgehoben/die Beträge nicht mehr notiert. Man muss also sagen, dass das Experiment ab da für den Juli im Prinzip wirklich beendet war. Ich hatte mein Budget ja bereits Mitte des Monats ausgeschöpft – bis zum 15. Juli hatte ich schon 135,87 Euro ausgegeben. Vom 16. bis zum 25. Juli waren es dann noch einmal  147,62 Euro. Das ergibt also kurz vor Ende des Monats eine Überschreitung des Regelbetrages  um über 100%. Das lag einerseits natürlich daran, dass ich nach dem ersten gescheiterten Anlauf schon keine Lust mehr hatte. Ein bisschen fühlte es sich sogar so an, wie das alte „Jetzt-ist- es- eh-schon-egal-Gefühl“ , wenn man es mal wieder nicht geschafft hatte, sich an die „Regeln“ einer Diät zu halten. Fast wie zum Trotz habe ich plötzlich so kostspielige Sachen wie schwarzes Hawaii-Salz erworben und mich insofern  nicht mehr wirklich bemüht, besser zu haushalten, sondern nur noch versucht, meine Ausgaben wenigstens weiterhin zu dokumentieren. Wobei natürlich nicht alles, was gekauft wurde auch schon  gegessen worden ist. Zusätzlich habe ich ab Mitte des Monats auch wieder „schnell mal was vom Bäcker“ rausgeholt.

Für 283,49 Euro habe ich im Juli dieses erworben:

Gemüse:
6  kg Kartoffeln (bio)
800 g grüner Salat i. d. Tüte
6 Paprika
500 g Schalotten
100 g Shii-take
1 große Zucchini gelb
500 g Cherrytomaten
2 große Schmorgurken
1 kleine Aubergine
1 Chinakohl
400 g Champignons
1 Blumenkohl
1 Salatgurke
500 g Broccoli

Obst:
4 Bananen
2,5 kg Wassermelone
1 Schale Nektarinen
250 g Erdbeeren
400 g Blaubeeren
10 wilde Pfirsiche
500 g Kirschen
500 g Himbeeren

Brot:
7 Brötchen
1 Brot vom Bäcker
1500 g Graubrot (abgepackt)
2 Laugenbrezeln

Milchprodukte:
250g Quark
400 g Feta
500 g Mozzarella

Süßigkeiten etc.:
3000 ml Eiskrem
4  Packungen  Kekse
500 ml Zitronensorbet
450 g Nusskrokant zum Streuen
0,7 L Himbeersirup
2 Schokoriegel
200 g Schokolade
190 g Kartoffelchips

Fette:
750 ml Rapsöl
500 ml Olivenöl
250 g Butter
500 g Margarine (bio)

Tiefkühlprodukte/Fertiggerichte:
2 Tiefkühlpizzen
 4,5 kg Ofen-Pommes (bio)
200 g Gemüsebällchen
200 g Nudelsalat

Tofu und Soja-Produkte:
375 g vegane Brotaufstriche (bio)
760 g Tofu (bio)
180 g Sojaschnitzel
1 Becher Soyafit Creme fit (200 ml) (bio)
250 ml Alpro Soya Cuisine

Getränke:
11,5 l Cola Light
1,25 l Ginger Ale
3 l Eistee

Sonstiges:
Restaurants/Snacks on the go (einschließlich der Trinkgelder):64,30
200 g Mischung für Dinkelbratlinge,
500 g Nudeln (bio)
650 ml Salatdressing
500 ml Ketchup
0,75 L Apfelessig (bio)
250 g Tomatenmark (bio)
1 Glas Pesto
115 g Hawaii Salz
68 g Muntok Pfeffer

Was für Erkenntnisse habe ich gewonnen?

Was ich gewonnen habe, ist Ratlosigkeit. Und Empörung. 130 Euro reichen nicht, um sich abwechslungsreich zu ernähren. Ich bezweifle allerdings auch, dass sie reichen, um sich einseitig zu ernähren.  Ich bezweifle schlicht noch immer, dass sie reichen, um satt zu werden. Egal wie.

Für Kartoffeln, sonstiges Gemüse und Obst habe ich im Juli 65,57 Euro ausgegeben, also mehr als 50% des Hartz IV-Satzes (und weniger als sonst). Da müssen ganz offensichtlich Einschnitte gemacht werden, wenn das Geld irgendwie reichen soll. Die Frage wäre, was man denn sonst essen soll? Noch mehr Brot, Kartoffeln, Nudeln und Reis? Diesen Austausch habe ich zumindest in der ersten Monatshälfte im Juli ohnehin schon vorgenommen – und habe trotzdem abgenommen. Und Reis musste ich im Juli nicht einmal kaufen, weil ich noch genug im Haus hatte.

 Ja, ich hör sie schon rufen – WENIGER SÜSSES! Aber auch dann entsteht ein Defizit an Energieeinheiten, das dann möglichst billig ausgeglichen werden muss. Diese Übung ist keine Diät. Und nennt mich ruhig verbissen, aber ich finde, es muss in einem menschenwürdigen Alltag auch möglich sein, Besuchern zum Tee einen Keks anzubieten.

Einmal habe ich 500 g Brot für 59 Cent gekauft. Es tut mir Leid – ich bin sonst nicht kleinlich und habe kaum Vorurteile gegen einzelne Nahrungsmittel – aber DAS schmeckte tatsächlich so, als ob es einen in Kürze umbringen könnte.

Ein gelegentlicher Ausflug ins Restaurant ist mit Hartz IV auf jeden Fall nicht drin. Auch dann nicht, wenn es ein Fast-Food-Restaurant ist. Eine Freundin schlug mir vor, während des „Experiments“ im August doch Restaurantbesuche schlicht nicht mitzurechnen, weil das doch einfach zu freudlos würde, wenn man in der Hinsicht gar nichts mehr unternehmen könne. Mit der Freudlosigkeit hat sie Recht – aber das geht natürlich nicht. Man kann sich nicht mit einem Geheimbudget sattessen, wenn es darum geht, herauszufinden, wie hungrig man mit deutscher Grundsicherung wirklich werden wird.

Der Soziologe Friedrich Schorb legt in seinem Buch „Dick, doof und arm?“ dar, dass tatsächlich zwei Dinge zutreffen, die ich immer bezweifelt habe: Nahrungsmittel, die viel Fett und Energie enthalten sind, sind statistisch billiger als Obst und Gemüse. Er berichtet über die Ergebnisse einer britischen Studie, der zufolge eine Kalorie, die aus Broccoli gewonnen wird, 25mal mehr kostet, als eine Kalorie aus Tiefkühl-Pommes. Außerdem bestätigt er, dass insbesondere bei Frauen ein starker Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und der Entstehung von „Übergewicht“ zu bestehen scheint. Frauen mit einem Hauptschulabschluss werden offenbar in Deutschland dreimal so oft übergewichtig wie Frauen mit Abitur. 

Die gesellschaftlich allgemein gültige Schlussfolgerung aus dieser Datenlage sieht er wie folgt: Dicke sind dick, weil sie zu ungebildet sind, um sich gesund zu ernähren. Aber, so Schorb, es gibt natürlich auch einen klaren Zusammenhang zwischen dem Haushaltseinkommen und Bildung. Und wenn Arme sich anders ernähren, als Wohlhabende und viele billige, energiereiche Fertigprodukte zu sich nehmen, um überhaupt satt zu werden, dann hält er das ganz klar für eine Frage des Geldes – und nicht von Bildung. Beim ausschließlichen Verzehr von preiswerten, zumeist hochkalorischen Nahrungsmitteln ist es eben schlicht leichter, eine „Überdosis“ an Kalorien zu sich zu nehmen.

Schorb beschreibt außerdem etwas, von dem ich mir einbilde, dass ich es Mitte des Monats auch erlebt habe, und was ich wirklich bemerkenswert und einleuchtend finde: den Armuts-Jojo-Effekt. Wenn am Monatsende das Geld nicht reicht, wird zwangsweise gehungert, bis am Ersten wieder Geld auf dem Konto ist und man sich endlich mal wieder satt essen kann. Amerikanische Wissenschaftler erklären so die Tatsache, dass insbesondere sozial schwache Frauen leichter Gewicht zulegen. Viele von ihnen seien alleinerziehende Mütter und würden öfter als andere dazu tendieren, am Monatsende zugunsten ihrer Kinder zurückzustecken. Langfristig bewirken die unregelmäßige Versorgung mit Nahrungsmitteln und die andauernden Mini-Diäten durch den damit einhergehenden Jojo-Effekt bei Armen eine Gewichtszunahme. Als ich Mitte Juli feststellte, dass das mit den 130 Euro gelaufen war, kaufte  ich auch erst einmal ein paar Lebensmittel, die ich mir in den zwei Wochen davor nicht genehmigt hatte. Darum bin ich jetzt auch wieder so schwer wie vorher. Und vielleicht ist das auch die Erklärung, dass ich in der zweite Hälfte sogar noch mehr ausgegeben habe, als in der ersten.

Was ich im August (anders) machen werde:

  • Bar bezahlen. Eine Freundin legt ihr Haushaltbudget für den Monat immer bar in einen Umschlag, um mit ihren Ausgaben disziplinierter zu sein. Das werde ich auch mal versuchen.
  • Ich muss definitiv mehr „Sponsoren“ finden. (Das könnte auch in andere Bereiche des Lebens ganz neue Bewegung bringen.) Wer es  also kaum abwarten kann, mir einen Drink zukommen zu lassen: Lillet Hugo – am besten bleich zwei. ; )
  • Ich werde viel mehr bei Discountern einkaufen, und mich gezielt auf Schnäppchenjagd machen.
  • Ich esse ja kein Fleisch und kenne die Preise auch nicht. Ich werde mich rein interessehalber mal umsehen, ob Fleisch womöglich sogar billiger wäre als Gemüse/Tofu.
  • Wenn es wirklich so ist, dass hochkalorische Fertiggerichte die billigere Wahl sind und ich bei stark verarbeiteten Nahrungsmitteln mit hoher Energiedichte (also Kohlenhydrate und Fette plus einen Haufen Zusatzstoffe) mehr Kalorien für mein Geld bekomme, werde ich sie jetzt auch konsequent auf meinen Speiseplan setzen. Mal sehen, ob ich 1) aufgehe wie ein Soufflé, 2) wie ich mich körperlich dabei fühle und 3) wie viel ich dabei sparen kann. Fest steht schon eins: Der Einstieg in die vegane Ernährung verschiebt sich dadurch auf jeden Fall.
  • Um zu sparen, werde ich Großpackungen kaufen und feststellen, wie es sich anfühlt, immerzu den gleichen Kram essen zu müssen. Ich habe keine Tiefkühltruhe, nur ein Gefrierfach. Und alle sonstigen Produkte, die man öffnet, müssen dann zumeist in absehbarer Zeit aufgebraucht werden. Da wird es mit der Lagerhaltung für oben erwähnten Speiseplan vermutlich ziemlich eng und eintönig.
Weil das äußerst aufschlussreiche und weitgehend (aber vermutlich nicht überraschend) ignorierte Buch von Friedrich Schorb drei Jahre nach seinem Erscheinen bei Amazon bereits für ein Viertel des Originalpreises „verramscht“ wird (ich nehme mal an, da ist keine weitere Auflage geplant), habe ich gleich einen kleinen Vorrat angelegt und verschenke zwei  Exemplare wieder hier.

Wer gern eins hätte, sendet mir einfach wieder eine Mail (bis zum Freitag - 3. August 2012) an office(at)nicola-hinz.com und kommt in den Lostopf.

NH

Freitag, 13. Juli 2012

Hunger: Was bisher geschah

Zur Erinnerung: Ich hatte ja beschlossen, mich im Juli vom Hartz IV-Regelsatz für Lebensmittel zu ernähren. Also von nicht mehr als € 130,-.

Erstens, um zu sehen WIE DAS IST. 

Zweitens, um zu sehen, ob das wirklich so wenig ist, wie es scheint. (Ist es.)

Drittens, weil man sozial schwachen Menschen gern unterstellt, sie wüssten einfach nicht, wie man sich richtig ernährt, und darum seien auch sie diejenigen, die an der angeblichen „Verfettung“  Deutschlands maßgeblich Schuld sind. Dieses wirft ja wiederum zwei Fragen auf:
a) ist es überhaupt möglich, einen erwachsenen Menschen mit einem monatlichen Budget von € 130,- „gesund“ (also frisch, abwechslungsreich und AUSREICHEND, denn sonst ist es erst recht nicht gesund) zu ernähren?
b) ist es gar möglich, einen Erwachsenen mit € 130,- pro Monat so mit Nahrung überzuversorgen, dass dieser  kontinuierlich zunimmt? Ganz nebenbei - dass Fast Food hier schwerlich die Wurzel des Übels sein kann, müsste jedem klar sein, der nicht vom Mars kommt - denn,  so oft man auch dicke Mitglieder des vermeintlichen Prekariats  mit einem Hamburger im Mund vorgeführt bekommt, für die ca. € 4,30, die einem Hartz IV-Empfänger pro Tag zur Verfügung stehen, bekäme man noch nicht einmal mehr die Pommes zum Whopper.

Wie läuft es nun bei mir?
 
Ich habe bisher € 99,60 für Nahrung ausgegeben. Morgen gehe ich mit Freundinnen essen. Damit könnte man das Experiment im Prinzip bereits für gescheitert erklären. Tue ich aber noch nicht – denn ich werde natürlich weiterhin testen, wie weit ich mit meinen Vorräten und dem restlichen Geld noch komme. Und wenn es nicht klappt, versuche ich es im August noch einmal.

Entgegen meiner Überzeugung habe im Zuge dieses Tests außerdem vor einer guten Woche die Waage abgestaubt und bestiegen. Und gestern noch einmal. Wäre das hier eine Diät, wäre sie erfolgreich: Ich habe bisher 2,5 kg abgenommen. Dafür knurrt mir jetzt aber auch regelmäßig der Magen bei der Arbeit – sehr zur Belustigung aller Anwesenden.

Was hat sich noch verändert?
  • Ich brauche viel länger beim Einkaufen.
  • Ich achte mehr als vorher auf Sonderangebote (vor allem bei Obst und Gemüse).
  • Ich kaufe weniger, bzw. fast gar keine Bio-Produkte mehr.
  • Ich plane genauer. Zwar war ich vorher auch schon ganz gut im Aufheben und Weiterverwerten von Resten und habe wenig weggeworfen, aber das hat sich jetzt natürlich noch erheblich verstärkt.
  • Ich kaufe bestimmte Dinge gar nicht mehr, weil sie zu teuer sind. Logisch: keine frische Pasta mehr, keine geliebten Kräuterseitlinge, Himbeeren  etc.
  • Ich kaufe eben gerade KEIN Fast Food mehr, und ebenfalls keine Tiefkühlgerichte – aus den oben erklärten Gründen. Ein vegetarischer Döner auf die Schnelle oder eine fertige Gemüsetasche vom Biobäcker wären gar nicht mehr drin.
  • Ich trinke Leitungswasser und nicht mehr das aus Flaschen.
  • Wenn der Reis anbrennt, kommt ein wenig Verzweiflung auf.
  • Ich "spare" mir Nahrung auf - "für später".
  • Ich verdünne das Salatdressing mit Wasser.
Was hat sich nicht geändert?
  • Ich gehe weiterhin selten zu Discountern.
  • Ich ernähre mich vegetarisch, bzw. mittlerweile weitgehend vegan.
  • Ich kaufe und esse Süßigkeiten.
NH

Mittwoch, 27. Juli 2011

Zwischenruf: Der blanke Sommer

Darum sag' ich ja auch immer, man soll sich tunlichst von Fernsehern fernhalten, denn es führt unweigerlich ins Verderben, wenn man die Höllenmaschinen einschaltet. Naja, jedenfalls stehen die Chancen für Schrecken und Chaos ziemlich gut. Wobei das natürlich wie alles eine Frage der Einstellung ist. Wer Freude daran hat zu beobachten, wie Frauen in großer seelischer Not ausgebeutet werden, um auf möglichst billige Art und Weise Sendezeit zu füllen, für den gibt es offenbar bereits schon seit 4 Staffeln eine echte Alternative zu Bauer sucht Frau ; ): Extrem Schön bei RTL2, dienstags um 22:10.

Ich hatte ja mal wieder keine Ahnung, was alles möglich ist, bis mir jemand davon erzählte. Und das hier ist beileibe kein Fernsehtipp. Es ist mehr eine Art Erfahrungsbericht. Immerhin kann man sich mit dem Thema Selbsthass und Körperbild kaum drastischer auseinandersetzen, als den Körper in einer nicht unblutigen Monsteroperation unter Einsatz seiner Gesundheit bzw. seines Lebens und von Kameras festgehalten umformen zu lassen. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von der Radikalität der Operations-Inszenierungen der Künstlerin Orlan war, deren Erhöhungen über den Augen nach wie vor ein Symbol für die Konflikte und Möglichkeiten der Selbstgestaltung sind. Eine ihrer Feststellungen war, dass die Haut in der man steckt, ohnehin nie zum dem passt, was man gerade sein will.



Die Möglichkeiten, sein Körperbild selbst zu bestimmen, sind heute scheinbar beinahe unendlich. Ich kann mit meiner Erscheinung machen, was ich will - vorausgesetzt ich habe einen freien Willen. Warum gehen eigentlich nicht mehr Leute zum Chirurgen, um sich Spock-Ohren machen zu lassen? Oder um auszusehen, wie ihre Großmutter, die sie sehr bewundert haben - und die eine richtig große, stolze Adlernase hatte? Naja, weil man das eben nicht macht. Alle würden denken, man spinnt! Der Chirurg würde den Eingriff ablehnen! Und in die Bewerbung zur Teilnahme an "Extrem schön" sollte man das auch nicht schreiben. Wir sind nicht frei. Wir bekommen dauernd gesagt, was "extrem schön" ist. Und den Kandidatinnen wird offenbar gleich "ein neues Leben" mitgeliefert - implantiert, wenn man so will.

Was man zunächst sieht, sind geschundene Körper. Dass es schorfig und anstrengend werden würde, hatte ich vermutet. Ich sehe Nicole dabei zu, wie sie sich windet und "vor Schmerzen kaum atmen kann", während die Musik mit grotesker Theatralik immer weiter anschwillt. Und mir geht aus irgendeinem Grund die biblische Drohung "unter Schmerzen sollst du (...) gebären"* durch den Kopf. Dann schwant mir Übles: Hier wird jemand für seine Hässlichkeit bestraft und gleichzeitig errettet. Aber kein Zuschauer soll auf die Idee kommen, eine Errettung sei so einfach zu haben.
*(Ich sehe gerade, Orlan verwendet die Bibelstelle in ihren Ausführungen auch - vermutlich war sie mir deshalb so präsent. Auf jeden Fall bezeichnet Orlan sie als das, was sie auch ist - als lächerlich.)

Während Nicoles Ehemann dafür ist, die Sache abzubrechen, macht Nicole tapfer weiter und verdient und erleidet sich so am Ende eine neue Nasenspitze, einen Po, der mit Fett aus ihrer eigenen Taille aufgepolstert wurde, ein neues Kinn, gestraffte Augenlider, Silikonkissen in der Brust, einen gestraften Bauch sowie - man höre und staune "weibliche" Zähne. Überhaupt ist jetzt endlich alles an ihr weiblich, weiblich, weiblich! Man fragt sich, was die mehrfache Mutter vorher war - eine gigantische Arbeiterameise vom Planeten Zuberon?

Nicole hat vor, von nun an durch das Leben zu tanzen. Man wünscht es ihr. Und trotzdem wünscht man sich viel mehr, man hätte das alles lieber nicht miterlebt. Man wünscht sich, Nicole hätte sich selbst einfach mal die Haare gewaschen und sich einen neuen Zahnarzt gesucht. Und hätte dann gesagt "ihr könnt mich alle mal". Und man hätte sich niemals in ihre Wiedergeburt im Operationssaal hineingezappt. Man versteht den Selbsthass und die Selbstzweifel der Kandidatinnen so erschreckend gut - und fühlt gleichzeitig, dass es höchste Zeit ist für einen Aufstand der Hässlichen...nur selber anführen möchte man ihn lieber auch nicht...

Mein neues Lieblingswort ist übrigens "Fettverteilungsstörung".

Und wo ich nun schon auf Krawall gebürstet bin: Sollte jemand gerade die Bunte letzter Woche zur Hand haben?...Ja?...Ist es nicht fabelhaft, wie unverkrampft die Redaktion die Begriffe "Schlankheitswahn" und "lustvoll" miteinander verknüpft? Die in sonnengelben Lettern gestellte Frage "Macht dünn glücklich?" kann man damit wohl getrost als beantwortet betrachten. Klar, Hungern ist die pure Freude. Fast so schön, wie sich lustvoll die Haare auszureißen. Oder sich lustvoll vor einen Zug zu werfen. Die Chefredakteurin Riekel gibt in ihrem "Bild der Woche" dann noch zu bedenken, dass Dünnsein das "Ticket in die Society" sei. Ebenfalls bemerkenswert - der kleine Beitrag über Frauen-Fußball auf Seite 71. Alice Schwarzer erklärt im Kasten links: "Am besten, eine Fußballerin erregt Aufsehen mit dem Ball - und nicht mit dem Busen." Und rechts kürt die Bunte dann die "fünf attraktivsten Spielerinnen". Mit Verlaub - im Sommerloch kann es doch immer noch ein wenig schwärzer werden, als man denkt.

Und das Abendessen steinreich:


Ja doch, ich mache weiterhin Diät...Mal sehen, in was für Gesellschaft ich da noch gerate.

NH