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Samstag, 21. März 2015

Follow me around 20: A day in the life...

...ist ja auch so eine beliebte Vlogging-Kategorie. Aber die meisten meiner Tage eignen sich wahrhaftig nicht für pastellige Selbstdarstellung in bewegten Bildern. Und wer würde schon ernsthaft meine alltägliche, kleinlich-säuerliche Wirklichkeit betrachten wollen? Vorsicht: Nichts für schwache Nerven. ; ) 

Um es noch einmal deutlich mit den Worten von Jack Nicholson in "A Few Good Men" zu sagen: "You can't handle the truth!"


Dienstag:

8:30 Bürste bleibt im Haar hängen, fliegt mir aus der Hand und durchs Badezimmer.

9:00 Kundin ist krank und nicht da. Ich stehe bei ihr vor der Tür. Offenbar hat sie früh am Morgen eine Nachricht auf meinem AB hinterlassen, die ich aber nicht abgehört habe.

9:20 Zurück zu Hause. Sehr gesprächiger Nachbar fängt mich auf der Auffahrt ab und berichtet über den Stand seiner Zahnfleischprobleme.

10:42 Tasche auf dem Beifahrersitz fällt in scharfer Kurve seitlich um.

10:53 Stau vorm Hauptbahnhof. Habe Telefonnummer von Kunden nicht dabei. Muss Mail schreiben, dass ich mich verspäte.

11:05 Muss jetzt dringend aufs Klo. Noch immer im Stau.

11:11 Krampf im linken Fuß.

11:35 Beim Kunden. Mir fehlt Material, das vermutlich aus der Tasche gefallen sein muss.

12:40 Beifahrersitz hakt, lässt sich nicht nach hinten schieben. Aber die verlorenen Unterlagen liegen darunter.

12:42 Rüchwärtsgang hakt auch.

12.50 Essen im Auto. Sandwich-Soße am Jackenärmel.

12.51 Stelle fest, dass ich einen Anruf verpasst habe. Private Nummer. Nun kann ich mich für immer fragen, wer das wohl war.

13:21 Bauchschmerzen. Ziemlich stark sogar.

16:50 Bleibe bei Gang durch fremdes Gartentor am Riegel hängen. Loch in T-shirt.

18:15 Im Auto. SMS, dass ich meine Schreibmappe habe liegen lassen. Drehe um, fahre 20 Minuten zurück, um sie abzuholen.

20:37 Keine Blaubeeren bei Penny.

23:07 Klingeln im Ohr.


Donnerstag:

8:31 Kater reißt aus Übermut erst Loch in Schlafanzughose und dann in meine Wade.

8:36 Beim Aufreißen einer Tüte mit Katzenfutter spritzt mir die Soße ins Gesicht und auch sonst überall hin.

18:55 Ankunft in der "Galerie der Gegenwart" in Hamburg.

18:58 Bekomme mit meinem Ticket, für das ich 12 Euro bezahle (obwohl die Deutsche Bank die Ausstellung sponsort), einen orangefarbenen Aufkleber überreicht, den ich sichtbar auf mir anbringen soll.

18:59 Gerate mit übereifriger Kartenabreißerin in einen Streit, als sie mich "beraten" will, wo ich den Aufkleber am besten platziere. Sie ist beleidigt, weil ich ihren Rat nicht will. Und weil sie natürlich nicht begreift, dass ich orangefarbene Markierungen (aus vielerlei Gründen) an den Revers von Leuten echt daneben finde.

19:03 Kann das Klo nicht finden. Weil es im Treppenhaus kein Schild gibt.

19:09 Kein Abfallbehälter in der Kabine. Muss Müll in der Hand mit in den Vorraum tragen.

19:34 Einige deutsche Übersetzungen der englischen Titel sind mir aufgefallen. Sie sind nicht sehr gut/genau, bzw. im Prinzip falsch und verändern damit regelrecht die Bedeutung und/oder Auslegungsmöglichkeiten der betreffenden Kunstwerke.

ORLAN: "LE BAISER DE L'ARTISTE", 1977
Renate Bertlmann

19:44 Erstaunlich, dass eine Ausstellung der "Feministischen Avantgarde der 1970er Jahre" in der Hauptsache voll ist mit Darstellungen nackter Frauenkörper. Und mit Körpern, die durch ihre Besitzerinnen manipuliert und dargestellt werden (Selbstportraits). Körper, die selbst vor feministischem Hintergrund zumindest zum Teil noch immer zu posieren scheinen und irgendwie gefallen wollen (siehe besonders Hannah Wilke). Die hier dargestellte Anklage der damals und heute ja auch noch herrschenden Machtverhältnisse ist zahm. Die Wut ist eher ambivalent und mitunter, scheint sie sogar nach innen gerichtet. Stille Verwirrung bei der Bestimmung und Annäherung an die eigene Identität, Sexualität und Körperlichkeit, ein nicht enden wollendes, aus heutiger Sicht naiv anmutendes Abarbeiten von stereotypen Frauenrollen und Schönheitsstandards, sowie die Gefangenheit in eben jenen, bestimmen die Ausstellung. Die Werke sind, in Übereinstimmung mit fehlender Drastik, zumeist eher kleinformatig und schwarz-weiß. Eine radikalere Ausnahme ist Renate Bertlmann mit ihrer "Schwangeren Braut im Rollstuhl". Persönlich suche ich während meines Rundganges nach irgendeiner inneren Verbindung. Schließlich arbeite ich auch mit Selbstportraits, um mich selbst besser zu erkennen, und um mich in einer Situation der Rebellion zu stärken. Aber (fast) die ganze Zeit denke ich nur: Mehr Lärm! Mehr Farbe! Dann würde das alles vielleicht nicht so verdammt lange dauern! Mit der Freiheit. Man kann nicht rebellieren und kritisieren - und gleichzeitig nicht unangenehm auffallen. Und ja, wie am Meinungsbrett richtig bemerkt: Obendrein sind hier augenscheinlich nur weiße Künstlerinnen vertreten.

19:45 Am schwarzen Brett, an dem man auf roten Zetteln seine Meinung zur Ausstellung mitteilen soll, gibt es keine Stifte mehr in den Haltern. Kunstbewachungsdamen laufen hin und her und am Brett vorbei. Bleiben sogar davor stehen. Merken aber nichts.

20:02 Es gibt im Museumsshop so gut wie keine Postkartenmotive aus der Ausstellung. Nur den Katalog für 40 Euro. Den kaufe ich diesmal nicht.


 20:08 Kartenabreißerin grüßt nicht zum Abschied, wirft mir aber hämisch-giftigen Blick zu.

20:20 Gehe durch die Bahnhofshalle auf dem Weg zum Auto. Offenbar komplett zugedröhnter, gefährlich schwankender Herr taucht neben mir auf und schickt sich an, einen Schluck aus dem Strohhalm zu nehmen, der aus meinem Smoothie ragt.

20:25 Kaufe neuen Smoothie.

20:29 Gehirnfrost.

20:49 Im Auto. Sehe die Leuchtreklame für den Dom am Horner Kreisel. Ist wieder keiner da, der mit mir in der Geisterbahn knutscht...

NH

Mittwoch, 27. Juli 2011

Zwischenruf: Der blanke Sommer

Darum sag' ich ja auch immer, man soll sich tunlichst von Fernsehern fernhalten, denn es führt unweigerlich ins Verderben, wenn man die Höllenmaschinen einschaltet. Naja, jedenfalls stehen die Chancen für Schrecken und Chaos ziemlich gut. Wobei das natürlich wie alles eine Frage der Einstellung ist. Wer Freude daran hat zu beobachten, wie Frauen in großer seelischer Not ausgebeutet werden, um auf möglichst billige Art und Weise Sendezeit zu füllen, für den gibt es offenbar bereits schon seit 4 Staffeln eine echte Alternative zu Bauer sucht Frau ; ): Extrem Schön bei RTL2, dienstags um 22:10.

Ich hatte ja mal wieder keine Ahnung, was alles möglich ist, bis mir jemand davon erzählte. Und das hier ist beileibe kein Fernsehtipp. Es ist mehr eine Art Erfahrungsbericht. Immerhin kann man sich mit dem Thema Selbsthass und Körperbild kaum drastischer auseinandersetzen, als den Körper in einer nicht unblutigen Monsteroperation unter Einsatz seiner Gesundheit bzw. seines Lebens und von Kameras festgehalten umformen zu lassen. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von der Radikalität der Operations-Inszenierungen der Künstlerin Orlan war, deren Erhöhungen über den Augen nach wie vor ein Symbol für die Konflikte und Möglichkeiten der Selbstgestaltung sind. Eine ihrer Feststellungen war, dass die Haut in der man steckt, ohnehin nie zum dem passt, was man gerade sein will.



Die Möglichkeiten, sein Körperbild selbst zu bestimmen, sind heute scheinbar beinahe unendlich. Ich kann mit meiner Erscheinung machen, was ich will - vorausgesetzt ich habe einen freien Willen. Warum gehen eigentlich nicht mehr Leute zum Chirurgen, um sich Spock-Ohren machen zu lassen? Oder um auszusehen, wie ihre Großmutter, die sie sehr bewundert haben - und die eine richtig große, stolze Adlernase hatte? Naja, weil man das eben nicht macht. Alle würden denken, man spinnt! Der Chirurg würde den Eingriff ablehnen! Und in die Bewerbung zur Teilnahme an "Extrem schön" sollte man das auch nicht schreiben. Wir sind nicht frei. Wir bekommen dauernd gesagt, was "extrem schön" ist. Und den Kandidatinnen wird offenbar gleich "ein neues Leben" mitgeliefert - implantiert, wenn man so will.

Was man zunächst sieht, sind geschundene Körper. Dass es schorfig und anstrengend werden würde, hatte ich vermutet. Ich sehe Nicole dabei zu, wie sie sich windet und "vor Schmerzen kaum atmen kann", während die Musik mit grotesker Theatralik immer weiter anschwillt. Und mir geht aus irgendeinem Grund die biblische Drohung "unter Schmerzen sollst du (...) gebären"* durch den Kopf. Dann schwant mir Übles: Hier wird jemand für seine Hässlichkeit bestraft und gleichzeitig errettet. Aber kein Zuschauer soll auf die Idee kommen, eine Errettung sei so einfach zu haben.
*(Ich sehe gerade, Orlan verwendet die Bibelstelle in ihren Ausführungen auch - vermutlich war sie mir deshalb so präsent. Auf jeden Fall bezeichnet Orlan sie als das, was sie auch ist - als lächerlich.)

Während Nicoles Ehemann dafür ist, die Sache abzubrechen, macht Nicole tapfer weiter und verdient und erleidet sich so am Ende eine neue Nasenspitze, einen Po, der mit Fett aus ihrer eigenen Taille aufgepolstert wurde, ein neues Kinn, gestraffte Augenlider, Silikonkissen in der Brust, einen gestraften Bauch sowie - man höre und staune "weibliche" Zähne. Überhaupt ist jetzt endlich alles an ihr weiblich, weiblich, weiblich! Man fragt sich, was die mehrfache Mutter vorher war - eine gigantische Arbeiterameise vom Planeten Zuberon?

Nicole hat vor, von nun an durch das Leben zu tanzen. Man wünscht es ihr. Und trotzdem wünscht man sich viel mehr, man hätte das alles lieber nicht miterlebt. Man wünscht sich, Nicole hätte sich selbst einfach mal die Haare gewaschen und sich einen neuen Zahnarzt gesucht. Und hätte dann gesagt "ihr könnt mich alle mal". Und man hätte sich niemals in ihre Wiedergeburt im Operationssaal hineingezappt. Man versteht den Selbsthass und die Selbstzweifel der Kandidatinnen so erschreckend gut - und fühlt gleichzeitig, dass es höchste Zeit ist für einen Aufstand der Hässlichen...nur selber anführen möchte man ihn lieber auch nicht...

Mein neues Lieblingswort ist übrigens "Fettverteilungsstörung".

Und wo ich nun schon auf Krawall gebürstet bin: Sollte jemand gerade die Bunte letzter Woche zur Hand haben?...Ja?...Ist es nicht fabelhaft, wie unverkrampft die Redaktion die Begriffe "Schlankheitswahn" und "lustvoll" miteinander verknüpft? Die in sonnengelben Lettern gestellte Frage "Macht dünn glücklich?" kann man damit wohl getrost als beantwortet betrachten. Klar, Hungern ist die pure Freude. Fast so schön, wie sich lustvoll die Haare auszureißen. Oder sich lustvoll vor einen Zug zu werfen. Die Chefredakteurin Riekel gibt in ihrem "Bild der Woche" dann noch zu bedenken, dass Dünnsein das "Ticket in die Society" sei. Ebenfalls bemerkenswert - der kleine Beitrag über Frauen-Fußball auf Seite 71. Alice Schwarzer erklärt im Kasten links: "Am besten, eine Fußballerin erregt Aufsehen mit dem Ball - und nicht mit dem Busen." Und rechts kürt die Bunte dann die "fünf attraktivsten Spielerinnen". Mit Verlaub - im Sommerloch kann es doch immer noch ein wenig schwärzer werden, als man denkt.

Und das Abendessen steinreich:


Ja doch, ich mache weiterhin Diät...Mal sehen, in was für Gesellschaft ich da noch gerate.

NH