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Sonntag, 7. Februar 2016

Follow me around 41: Gehn wir ein Stückchen



Ich habe endlich zwei Dinge erledigt, die ich ja schon lange vorhatte: Ich habe mir meine brandneuen High-Tech-Turnschuhe angezogen und bin seit langer Zeit mal wieder (für meine Verhältnisse) zügig durch die Landschaft gegangen. Genau genommen, durch den Hinterwald meiner Kindertage. Außerdem habe ich dabei Selbstgespräche geführt und damit mein allererstes Vlog gefilmt.

Wie alles, was ich hier tue, war es natürlich ein Selbstexperiment und keine sehr ausgeklügelte Produktion (Was kann ich tun, was traue ich mich und wie sehe ich dann eigentlich von außen aus?). Darum wirkt das erste Filmchen auch wieder etwas experimentell. Es ist verwackelt, die Kamera zickt rum, am Ende geht das Licht weg und zwischendrin stockt der Redefluss (es geht übrigens im weitesten Sinne um den vorangegangenen Blogpost), die Stimme wird piepsig, es gibt Wiederholungen und Pausen, und Haare und Gesicht sitzen irgendwie auch nicht (oh, das Kinn, das Kinn). Aber schließlich geht es hier ja nun gerade darum: Selbstakzeptanz. Für mich war es mal wieder eine Übung darin, mich selbst auszuhalten. Und das kann ich eben glücklicherweise immer besser. Ich glaube sogar ganz sicher, dass ich beim nächsten Spaziergang wieder so vor-gehe, weil es mir zu guter Letzt dann auch wirklich Spaß gemacht hat.

Und ja, der Wind im Ton nervt enorm. Den habe ich beim Schneiden gar nicht so wahrgenommen.





© Nicola Hinz 2016

Samstag, 31. Oktober 2015

Was bedeutet Fettakzeptanz für euch?

In Anlehnung an die Internetaktionen Who needs feminism? (I need feminism, because...) / Wer braucht Feminismus? machten sich vor ca. zwei Jahren US-amerikanische Bloggerinnen daran, entsprechende Aussagen zu I need fat acceptance zu sammeln. Wenn ich recht gegoogelt habe, gab es eine solche Umfrage bzw. Aktion auf Deutsch nicht.

Und das hier soll eigentlich auch keine werden. Zumindest habe ich im Augenblick nicht den Plan, eigens eine Website anzulegen. oder so etwas in der Art. Aber interessieren würde es mich als fettaktivistische Bloggerin natürlich sehr, wie relevant das Thema, mit dem wir uns hier am Strand mittlerweile seit ein paar Jahren schwerpunktmäßig beschäftigen, für euch ist.

Darum würde ich mich sehr über Feedback / Kommentare freuen: Ist Fettakzeptanz für euch wichtig und warum (oder eben nicht)?

NH


Sonntag, 18. Oktober 2015

Warum hassen manche Ex-Dicke Dicke?

"The worst kind of fat haters are the ex-fat people."*




VORSICHT: NICHTS ALS UNGEHALTENES GEMECKER

Ich gebe die Antwort auf die in der Überschrift gestellten Frage am besten gleich. Die Sache ist nämlich ganz einfach: Weil sie sich selbst hassen.

Sie haben sich als Dicke gehasst, sie hassen die Erinnerung an ihr vormals dickes Ich - und sie haben eine Scheißangst, wieder dick oder in der nächsten Runde noch dicker zu werden. Diese Angst, wie wir alle wissen, ist mehr als berechtigt. Statistisch stehen die Chancen, das Ergebnis einer Diät über fünf Jahre zu erhalten denkbar schlecht. Je nach Studie schaffen das nur bis zu 5%.

Für die, die es schaffen wollen, muss die Diät zwangläufig zur Lebensaufgabe werden. Auch das verkraftet die eine Kandidatin besser, die andere schlechter. Getrieben von oben erwähnter Scheißangst, wieder dick zu werden, werden einige anderen Dicken gegenüber nicht nur denkbar biestig, sondern entwickeln den flammenden Fanatismus und das groteske Missionierungbestreben wiedergeborener Christen.

Und wenn man sich nach erfolgreichem und größerem Gewichtsverlust ohnehin lebenslang Tag für Tag mit Ernährungsprogrammen, mit Verboten, Reglementierungen und der eigenen immer wieder dazwischenfunkenden Willensschwäche auseinandersetzen muss, liegt es oft auch schlicht nah, Diäten kurzerhand zum Beruf zu machen und z.B. zum "Coach" für andere Abnehmwillige zu werden - auf die Weise muss man sein Diät-Universum nicht einmal mehr verlassen, um Geld zu verdienen.

Sie haben das Licht gesehen, aber wissen, dass sie nie ganz aus dem Tunnel herauskommen werden. Zudem befinden sie sich auf einem Laufband, das sie im Tunnel fortwährend in die entgegengesetzte Richtung zu fahren droht, so dass sie sich wirklich keine Verschnaufpause gönnen können, wenn sie nicht auf direktem Wege wieder in der fetten Hölle landen wollen. Bei so einer Perspektive für die Zukunft kann man schon mal grantig werden. Das verstehe ich sogar ziemlich gut. Aus eigener Erfahrung.

Natürlich kann es auch sein, dass das Dünnsein sie schlicht nicht für all die Strapazen, die sie auf dem Weg zur Erschlankung überstanden haben und weiterhin überstehen werden müssen, entschädigt. Auf anderen Dicken herumzutrampeln und sich selbst so zu erhöhen, ist sozusagen ein Bonus, dessen sie jetzt, da sie nicht mehr (ganz so) dick sind, habhaft werden können, und den sie gierig an sich raffen, weil ihr dünnes Leben ansonsten gar nicht so abhebt, wie sie sich das vielleicht gedacht haben.

Den Anlass für diesen Beitrag (wenn auch bei weitem nicht den einzigen für meine allgemeine Verstimmung) lieferte ein eigentlich komplett neutraler und freundlicher Kommentar einer Leserin, der dann aber von mir nicht freigeschaltet wurde, weil er einen Link zu ihrem Blog enthielt. Auch das wäre eigentlich kein Problem gewesen, wenn es sich nicht um ein äußerst rabiates Diät-Blog handeln würde, dessen ehemals dicke Autorin es insbesondere mit dem Missionieren und dem Dicken-Bashing verdammt ernst meint.

Bei ehemals dicken Dickenhasserinnen kommt das Fat-Shaming dann immer gern aus der selben Richtung, aus der es beim Rest der fettphobischen Gesellschaften auch kommt: Weil es ja unter Erwachsenen irgendwie nicht mehr so richtig zulässig ist, jemandem zu sagen, dass sein Fett schlicht hässlich und grässlich ist, muss das Gesundheitsargument als moralisches Schutzschild und argumentative Atombombe herhalten. "Fett ist ungesund!" schreien sie uns pausenlos entgegen. Und behaupten, uns nur zu unserem Besten anzuschreien. Tatsächlich würden sie uns aber viel lieber sagen, wie unbeschreiblich widerwärtig sie unser (und ihr Fett) finden (fanden).

Und weil sie ja schließlich mal mit uns in einem Boot gesessen haben, aber dann erlöst wurden, wissen sie ganz genau über uns Dicke Bescheid. Wir sind in der Tat faul und verfressen. (Denn sie waren faul und verfressen.) Wir können uns unmöglich in unseren Fettschichten wohlfühlen. (Denn sie konnten sich in ihrer Fettschicht nicht wohlfühlen.) Dicke erfinden Ausreden, warum sie nicht abnehmen können. (Weil sie Ausreden erfunden haben.) Wir haben alle Plattfüße, ächzende Knie, Bluthochdruck und Diabetes. (Denn sie hatten all das, oder - wieder mal - eine Scheißangst, all das zu kriegen.)

Eine Bekannte sagte, vielleicht sei da auch Neid in der Mixtur. Der Neid auf die, die die Kraft aufbringen, sich gegen den Abnahmezwang zu stemmen und sich nicht mehr von Angst und Anpassungsbedürfnis in den Tunnel saugen zu lassen. Wer weiß.

Ich plane bekanntlich auch, noch einmal eine Diät zu machen. Hier am Strand gilt natürlich noch immer und immer wieder, dass jeder mit seinem Körper tun und lassen soll, was er will. Aber er soll verdammt noch einmal auch alle anderen machen lassen, was sie wollen. Selbst wenn Dicksein ungesund wäre - READ MY LIPS: Meine Gesundheit geht andere einen SCHLEIMIGEN KRÖTENKOT (hoppla, da kommt die dicke Hexe wieder durch) an.

Ich habe sie alle so satt, die nicht einfach andere anders sein lassen können. Und insbesondere die, die es aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihrer eigenen Erfahrung von Herabsetzung und Diffamierung erst recht besser wissen müssten.


NH

*"Die schlimmsten Fetthasser sind die Leute, die mal dick waren."


Sonntag, 11. Oktober 2015

THE THIN PRIVILEGE PROJECT - Der Auftakt

Ich bleibe dabei: Es war eine wirklich interessante Idee, sich noch ein einziges Mal und diesmal mit vollem Bewusstsein einen "Thinsuit" überzustülpen, und das Ergebnis des Projektes hätte ausgesprochen aufschlussreich und erhellend sein können.
Trotzdem habe ich es nun endgültig verworfen. Aus dem Grund, den ich bereits früher als mögliche Begründung genannt habe: Der Mann, der heutzutage in meiner Küche steht, kocht einfach viel zu gut.

(Nachtrag vom 10. Juni, 2017)

***

So dick sehen wir uns nicht wieder. Jedenfalls nicht in den kommenden Monaten.

Ich weiß, wie es ist, dick zu sein. Denn die meiste Zeit meines Lebens galt ich als dick, oder war es tatsächlich. Ich habe "a fat mind", und ich verwende einen englischen Ausdruck in Ermangelung eines treffenderen auf Deutsch. Ich werde in meiner Interaktion mit der Welt von einem inneren, dicken seelischen und weltsichtlichen Programm gesteuert. Ich sehe alles durch eine "dicke" Brille. Daran ist nicht Verwunderliches. Wer im Kindergarten seine erste Diät macht, dem ist diese naturgemäß irgendwann auf der Nase festbetoniert. Im Unterschied zu früher, weiß ich nun, dass sie da ist, und wo sie herkam.

Ich weiß tatsächlich nicht, wie es ist, dünn zu sein. Das ist mir, wie so vieles, erst in letzter Zeit klar geworden. Aber es ist wahr. Denn ich war als Dünne immer ohne Bewusstsein. Buchstäblich wie gelähmt. Im Kopf weiter dick. Weiterhin auf der Flucht vor Spiegeln, bzw. auf Kriegsfuß mit meinem Äußeren und was meine Behandlung durch andere anging, zumeist mit nach innen gerichtetem Blick und mit der Decke über den Kopf gezogen, wie ein Kind in Gespensterangst.

Ich erinnere mich schon an plötzliche Komplimente und an das Gefühl großer, unter bitterer Entbehrung erstrittener Erleichterung, die sich hauptsächlich aus der Vorstellung speiste, dass ich dünner auch nicht mehr so unangenehm auffallen würde. Stolz war ich trotz des gewonnenen Kampfes gegen meinen eigenen Körper auf mein Post-Diät-Ich in der Regel eher nicht so sehr. Und mit den Komplimenten hatte ich immer Probleme und nahm sie eher zur Kenntnis als an - für gewöhnlich mit innerlich schnaubender Indignation und dem Gedanken: "Das könnt Ihr euch jetzt auch dahin schieben, wo die Sonne nicht scheint."

Obendrein war ich als Erwachsene ohnehin nie lange genug am Stück gleich dünn, um mich im Land von Thin Privilege einzurichten und genau umzusehen, oder um überhaupt zu begreifen, dass ich dort jetzt, zumindest theoretisch, wohnte.

Das hole ich jetzt nach. Wenn ich es schaffe.

Immer wieder mal ziehen sich dünne Leute im Rahmen eines Experiments für einen Tag einen Fat Suit an. Meistens sind sie hinterher demonstrativ erschüttert über die Behandlung, die sie als künstlicher Moppel erfahren haben. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, dass der Unterschied, insbesondere in so kurzer Zeit, so deutlich und offensichtlich wahrnehmbar ist. Ich bin als Dicke im Leben wenig persönlich gehänselt oder beschimpft worden - auch als Kind nicht. Meine Erfahrung dicker Stigmatisierung war immer eher dadurch geprägt, unsichtbar zu sein, ignoriert zu oder still gemieden zu werden. Leute haben hinter meinem Rücken über mein Fett geredet. Das heißt nicht, dass es auf mich keine Auswirkungen hatte.

Ich werde nun mein eigenes Experiment machen und versuchen, mir einen Thin Suit zuzulegen. Wie anders ist es wirklich dünn(er) zu sein? Wie anders wird man behandelt? Wie wird man wahrgenommen und gespiegelt? Wie viel leichter ist es, sich Gehör zu verschaffen, sich durchzusetzen oder Zustimmung zu erwirken? Wie viel freundlicher, interessierter und aufmerksamer begegnen einem andere Menschen? Wie viel mehr kann man sich erlauben, ohne automatisch die Sympathie anderer zu strapazieren/verlieren?

Thin(ner) Privilege

Thin Privilege steht für die Existenz von Bevorzugung und Vorteilen, die Menschen erleben, weil sie dünner sind als andere. Ebenso umfasst es die Abwesenheit von Stigmatisierung und Diskriminierung, die dicke(re) Menschen im Gegensatz erfahren, weil sie eben dick(er) sind. Tatsächlich greift Thin Privilege in Abstufungen: Eine dünnere Dicke kommt eher in den Genuss von Bevorzugung als eine dickere Dicke. Thin Privilege funktioniert, wenig überraschend, ganz genau dem selben Grundsatz folgend, wie unsere fettphobische Gesellschaft/Kultur auch: Je dünner desto besser.

Mehr Informationen, Beispiele und eine gründliche Erläuterung des Konzeptes "Thin Privilege" gibt es hier: This is Thin Privilege.

Versuchsaufbau

Es geht hier nicht darum, sich doch endlich all das zu holen, was einem als dicker Menschen alles entgeht. Das Ziel ist nicht, sich Vorteile zu verschaffen, indem man sich nun doch anpasst. Das ist schon deshalb nicht so, weil ich ja gar keine rechte Kenntnis habe, was mich erwarten könnte. Wie gesagt, ich leide unter ziemlicher Amnesie, was die Außenwelt in meinen dünnen Zeiten angeht. Es geht darum, heute zu guter Letzt zu begreifen, was für Vorteile Thin Privilege überhaupt mit sich bringt, und wie weitreichend sie sind. Es geht, genau genommen, um die Einschätzung des Ausmaßes der Benachteiligung, der ich als Dicke im Alltag in sämtlichen Lebensbereichen ausgesetzt bin und war, indem ich mir die Erfahrung des Gegenteils aus erster Hand verschaffe.

Für all das muss ich abnehmen. Klar. Das an sich bedeutet ja mittlerweile keinen totalen Bruch mit meinen Grundsätzen mehr, weil ich im Bemühen, meinen Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen, gezwungenermaßen ohnehin seit geraumer Zeit möglichst wenige Kohlenhydrate esse und mein Gewicht nach und nach reduziere. Für das Experiment wäre es allerdings günstig, etwas schneller Gewicht zu verlieren. Idealerweise sollten Leute die Veränderung plötzlich und deutlich mitbekommen und keine Zeit haben, sich graduell daran zu gewöhnen.

Wie viel dünner muss ich wohl werden, um Thin Privilege zu erleben? Nun, auch das werde ich auf diesem Wege wohl herausfinden. Ich weiß ja, wie man abnimmt. Das wissen schließlich alle Dicken. Und natürlich weiß ich alles über die Risiken. Nicht zuletzt bin ich mir über die fette Chance auf einen erneuten Clash mit Jojo sehr wohl bewusst. Und erst die Haut, oh, die Haut, die bei all dem Auf und Ab immer so leidet... Trotzdem - die Diät wird hier nicht zu Thema werden. Jedenfalls nicht im Hinblick darauf, wie ich abnehmen werde. Höchstens könnte ich die psychischen Auswirkungen stark reglementierter Ernährung thematisieren, denn auch hier gilt das, was für das Dünnsein ebenso stimmt: Ich habe nie wirklich darauf geachtet, was eine Diät mit der Seele eigentlich alles macht. Am liebsten war es mir bei Diäten natürlich immer, dass die Seele möglichst wenig Theater veranstaltet. Das ist ja auch, wie ich heute vermute, das berühmte "Klick", das es einem erlaubt, eine Diät durchzuhalten: das Klicken, wenn sich die rebellische Seele selbst ausknipst.


P.S. Und morgen nun Speed Dating. Und ich hab keine Ahnung, was ich anziehen soll. Oh Göttin...


NH

Sonntag, 4. Oktober 2015

Follow me around 33: Die Frau meiner Träume

"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr."

(Rilkes Herbsttag)


Vor ein paar Tagen habe ich nach einem Spaziergang um den Block mit meiner Nachbarin Ilse (77) auf der Bank im Dorfzentrum neben der Apotheke gesessen, und auf verzweigten Wegen sind wir irgendwie auf das Thema gekommen, was ich tun würde, wenn ich die wirtschaftliche/berufliche Unabhängigkeit hätte, ganz genau so zu leben, wie es mir gefällt. und das Ergebnis war einerseits nicht sehr erstaunlich: Ich lebe im Augenblick nicht so, wie ich es als ideal empfunden würde.

Andererseits war es ziemlich überraschend, weil sich an meiner Vorstellung vom wirklich guten Leben nicht viel geändert hat, seit ich ein Kind bin. Offenbar auch nicht im Zuge all der Selbstbespiegelung, der Analysen und all der Versuche der letzen Jahre, erwachsene und gesunde weil realistische Ziele und Pläne zu entwickeln. Obwohl ich mich lange nicht mit ihnen aufgehalten habe, sind die alten Vorstellungen und Wünsche nicht nur gar nicht aufgegeben, sie haben auch kein echtes vernünftiges Update erhalten: Haus mit wildem Garten und Pool, Katze(n), Hund, vom Schreiben leben,...

Ein Kleiderschrank voll mit Kostümen, so dass frau nie darüber nachdenken muss, was sie anzieht, war ja auch schon immer Teil des Märchenplans, der sich scheinbar nicht wirklich abschütteln lässt. Er bricht immer wieder durch. Dünnsein ist übrigens wirklich nicht mehr auf der Liste. Das wäre zumindest geschafft. Obgleich in letzter Zeit die Erkenntnis (egal wie das jetzt klingt, seien wir einfach ehrlich), dass ich insbesondere als junge Frau durchaus als norm-attraktiv hätte durchgehen können, wenn ich nicht dank Jojo wirklich immer mehr zugenommen und mich in dünneren Zeiten trotzdem verunsichert und traumatisiert durch die ständige negative Bewertung von außen in Sack und Asche versteckt hätte, immer mehr an mir nagt. Ich hätte in den Genuss der wissenschaftlich gesicherten, gesellschaftlichen Bevorzugung gutaussehender Menschen kommen können. Ich hätte von positiven Vorurteilen und womöglich einem ganz natürlich von außen gestärkten Selbstbewusstsein profitieren und getragen werden können. Aber daraus ist ja nun bekanntlich nichts geworden. Erst kam das von meiner nächsten Umgebung imaginierte Fett dazwischen, später das tatsächlich vorhandene.

Ich weiß, dass ich es in frühen Blogposts am Anfang meiner Selbstakzeptanz-Reise für absolut schlüssig hielt, was ich insbesondere in Ausführungen der Aktivistin Kate Harding gelesen hatte. Was im dicken Leben nicht gelingt, gelingt auch im dünnen nicht, weil Dünnsein nicht der Schlüssel zu Erfolg und Glück ist. Persönlichkeit und Talent sind wichtiger und am Ende maßgeblich. Und es ist für Dicke eine heilsame Übung, dass großartige, dünne Fantasieleben im Kopf endlich zugunsten der Realität aufzugeben. Wirklich? Ist das alles so? Heute würde ich das nicht mehr ganz so schnell und auch nicht mehr in vollem Umfang unterschreiben.

Denn natürlich ist man in einer fettphobischen Gesellschaft als dicker Mensch grundsätzlich im Nachteil, wenn es darum geht, das zu erreichen und zu bekommen, was man will. Und allein die Arbeit und Energie, die Dicke zumeist investieren müssen, um gegen den eigenen Selbsthass UND den der Gesellschaft anzukämpfen, bzw. sich darüber hinwegzusetzen und trotz dieser Hindernisse ihr Leben in die Hand zu nehmen, stellen eine Erschwernis dar, die ich nicht mehr unterschätzen, geschweige denn großzügig abtun würde. Schon gar nicht nach vier Jahren dicker Selbstakzeptanz. Ich weiß jetzt, wie hart die Arbeit ist.Und wie gigantisch die Widerstände.

Die Frage ist und bleibt: Wie viel einfacher wäre mein Leben wirklich gewesen? Wie viel unbeschwerter und glücklicher? Und wäre ich dünn womöglich mittlerweile doch zu meinem Swimming-Pool gekommen?

Vision Thing III

Mittlerweile ist es schon zwei Jahre her, dass ich mein letztes Vision Board erstellt habe. Vision Boards sind eine Visualisierung aktueller, persönlicher Ziele und Prioritäten. Sie sind ein Werkzeug zur Selbsterkenntnis, aber auch zur Motivation und zum Selbstmanagement. Zum Vergleich befinden sich hier Teil I und Teil II. Ich selbst sehe schon eine Entwicklung, glaube ich. Während ich nicht all das habe, was ich mir wünsche, ist die Liste doch, so mein Eindruck, knackiger und konsequenter geworden.

Eindrücke
Ordnung
Abgrenzung
Partnerschaft
Unabhängige Arbeit
Haltung
Heimkehr
Liebesbriefe
Freiraum
Bücher
Netzwerk
Geschichten
Swimmingpool
Selbstverteidigung
Sicherheit
Sichtbarkeit

Verlegenheit

Was mein dringendes Vorhaben angeht, mehr zu schreiben UND zu veröffentlichen, so werde ich nun zunächst einmal übungshalber meine ersten Schritte in die für mich bisher ambivalente Welt des Selbstverlegens machen. Ich habe Bücher in mir und auf der Festplatte. Und bislang war es ein wenig schwierig, einen Agenten hinreichend für das Thema Fettakzeptanz zu begeistern. Zumindest auf die Art und Weise, wie ich mir das so vorstelle.

Bisher gab es drei Buchveröffentlichungen in meinem Leben. Einen Gedichtband, einen Roman und einen Diät-Ratgeber. Zwar wurde jedes von einem Verlag angenommen und herausgebracht, aber Buch 1 und 2 waren, wenn man ehrlich ist, Flops. Das letzte war ein wenig erfolgreicher, aber das war eben auch nicht schwer. Was die Chancen angeht, schreibend zukünftig auch nur einen substantiellen Teil meines Lebensunterhalts zu bestreiten, mache ich mir wenig Illusionen. Aber ich erlaube mir auch, ein wenig zu träumen.

Der kleine Roman wurde 2003 unter dem Titel "Mirjas Macht" veröffentlicht. Das war der Titel des Verlags. Meiner war "Hexe im Regen", aber der wurde abgelehnt, weil sie fanden, er sei gleich doppelt negativ belegt. Ich liebe ja beides: Hexen und Regen. Nun werde ich die "Hexe" vielleicht neu überarbeiten und als, wie gesagt, ersten selbstverlegerischen Gehversuch und als Kindle-Version im Netz verfügbar machen.

Ach, und hier noch zwei Gedichte aus dem Bändchen, das 2000 erschienen ist. Ich kann mir nicht helfen - die Möglichkeit, Texte mithilfe des Internets heutzutage zumindest theoretisch der gesamten Welt zu zeigen, ist zu verführerisch. Für wen Lyrik nichts ist, dem wünsche ich schon mal eine gute Nacht! ; )


Erkältung

Seine dünnen langen
weißen Hände (mit dem tätowierten
Drachen über dem Daumen) graben
den Strand um auf der Suche
nach Kieselsteinen. Zum Spielen.
Geduldig blicken
die ältesten Geschöpfe über
das schwarze Wasser.
Todd sagt: Es wird gleich regnen. Und
du hast den Schirm im wagen gelassen.
Sie haben Altersringe in ihren
Panzern. Wie Bäume. Der
Strand ist leer. Was ist
im Herzen einer Schildkröte.
Meine Mutter
hat mich der Erde
übergeben bevor ich geboren
wurde. Sie vergrub mich
und kam nie zurück um nach mir
zu sehen. Wir alle
tragen unsere Leben
in Schachteln herum. Todd sagt:
Wenn wir jetzt nicht gehen
bin ich morgen erkältet. Ich
weiß es einfach.


Für Harry Hinz

Hey
alter Mann auf deine
Gesundheit.
Jetzt da sie dich
sicher unter die Erde gebracht
haben. Sieht so aus
ich werde du. Haben uns beide
in meiner Nabelschnur
verheddert. Hatte immer Angst
mir könnten über Nacht die Zähne
wegfaulen. Kindheit im Bad
verbracht. Bürste im Mund. Bukowski
auf den Knien. Was soll's.
Nu wird meine Tochter auch
ne Gauklerin.
Hey alter Gaukler
danke für die Stimmen
in meinem Kopf. Danke
dass du mir die
Revolution gegen die Frauen
beigebracht hast. Danke
dass du nicht so getan hast
als wären deine Hände
nicht leer. Wo wäre ich heute
wenn ich gewusst hätte
wo es lang geht.
Auf dich.


NH


Freitag, 28. August 2015

Back to School Special

Another day, another drama...

(Britney Spears)

Kipperkarten zum Wahrsagen - Ausgabe von Regula E. Fiechter und Urban Trösch


Ich schlurfe seit geraumer Zeit durch mein Leben und habe das dringende Gefühl, dass es Zeit ist, etwas abzuschließen. Ich weiß zwar nicht was das „etwas“ wirklich ist, existiere aber in der Atmosphäre einer auslaufenden Lebensphase – ein wenig diffuse Erleichterung, ein wenig Desorientierung, eine stark verwackelte Aussicht auf Transformation. Etwas mehr Desorientierung als alles andere, vermutlich.

Fettakzeptanz. Been there, done that.*

Beim Durchgehen meiner Sprachmemos habe ich folgende Nachricht vom 24. April an mich selbst gefunden: "Das Blog hilft mir nicht mehr." Das stimmt übrigens immer wieder mal. Vielleicht sogar öfter als nicht. Ich habe aus meinen Zweifeln und meiner Frustration eigentlich nie ein Geheimnis gemacht. Die Tatsache, dass sich Fettaktivismus auf Deutsch nicht realistisch etablieren und ausweiten lässt und dass er sich weitgehend darin erschöpft, sich in Community-Schutzräumen zusammen zu tun und sich „trotzdem hübsch“ anzuziehen – all das lässt mich pausenlos an meinen Nägeln kauen, mit den Zähnen knirschen und mir meine Haare raufen.

Darüber hinaus stößt frau wieder und wieder auf das Phänomen, dass die Gemeinschaften und Foren von Dicken erstaunlich unzugängliche, ja geradezu elitäre und obendrein von Konkurrenz geprägte Strukturen haben können. Das mag natürlich auch auf das übergroße Bedürfnis zurückzuführen sein, sich zu schützen. Vor schlechten Gefühlen. Vor Negativität. Aber eben auch vor der Wahrheit über das Dicksein in unserer Gesellschaft. Leah hat mehrere Beiträge über dieses Thema und ihre gelegentlich aufflammende Enttäuschung darüber geschrieben. Sie und ich haben im Internet mithin ähnliche Beobachtungen gemacht. Wie startet man z.B. ein so richtig erfolgreiches „Fettakzeptanz-Blog“? 1. Sei nicht zu dick. 2. Lächeln, lächeln, lächeln.

Obwohl ich für mich selbst riesige Schritte in Richtung Selbstakzeptanz gemacht habe, und ich mein Blog tatsächlich für richtig und manchmal auch richtig wichtig halte, komme ich doch in beiden Disziplinen an Grenzen, die mich nun immer öfter anhalten lassen. Und dann sehe ich mich um – nach neuen Wegen. Wie setze ich in Zukunft die Reise zu dicker Akzeptanz für mich selbst fort? Und wie viel Energie kann ich zukünftig investieren, um andere ebenfalls aufzuwiegeln, sich auch auf die Reise zu machen? Wie wichtig kann es mir weiterhin sein, andere trotz ihres offenkundig nur zögerlichen oder ambivalenten Interesses irgendwie doch in den fahrenden Zug zu zerren? Denn so fühlt es sich mitunter an, wenn man sich pausenlos quasi in Vertretung für andere echauffiert. Und das ist etwas, was ich nicht nur im Hinblick auf Fettakzeptanz tue. Mir antue. Damit ist jetzt erst einmal Schluss. 

Und garantiert nie wieder werde ich meine Nase in ein Weight Watchers Magazin stecken, nur um noch mehr über Fettphobie zu begreifen. Obwohl ich sagen muss, dass mir schleierhaft ist, wie weite Teile der Leserinnenschaft diese Art von Lektüre, die im Hinblick auf weiblichen Selbsthass jede konventionelle Frauenzeitschrift weit in den Schatten stellt, offenbar regelmäßig überstehen, ohne sich die Pulsadern aufzuschneiden. Wie man wiederholt derartige sektengesteuerte Attacken auf das eigene Selbstwertgefühl aushält, ist mir ein Rätsel...

Aber wo war ich eigentlich gerade?

Ach, ja...ich muss meine Zuständigkeiten klären. Und ab jetzt bin ich radikal für mich selbst zuständig. Und wenn es in diesem Blog natürlich auch jetzt schon meistens irgendwie um mich geht, dann wird es in Zukunft sogar so sein:

I’m sorry if that sounds selfish, but it’s ME, ME, ME! 
(Jennifer Saunders, Absolutely Fabulous)
 Der Stand:
  • Ich bin 43 Jahre alt.
  • Ich bin Single. Das ist nicht das, was ich mir wünsche.
  • Beruflich und finanziell befinde ich mich in einem desorientierten und eigentlich auch ziemlich desolaten Zustand.
  • Gesundheitlich arbeite ich daran, einen erhöhten Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen. Außerdem fühle ich mich bei Weitem nicht so stark und körperlich fit, wie ich gern wäre.
  • Und was ich trotz aller Fortschritte auf meinem Weg zu dicker Selbstakzeptanz an meinem Körper wirklich gern ändern würde, das sind die ballonartigen, omahaften Wasserfüße, die ich am Abend habe. Da! Ich hab’s gesagt! Diese Füße vertragen sich auch heute einfach nicht mit meinem Selbstbild. Und schon gar nicht mit dem, was von meiner Schuhsammlung übrig ist.
  • Ich hätte wirklich gern mehr Spaß im Leben.

Zunächst einmal werde ich wohl das UGLY GIRL PROJECT abschließen. Da braucht es nun noch ein Finale. Und dann leere ich die Hälfte der Bilderrahmen, die hier in meinem Zuhause herumstehen, und mache Platz für zukünftige Erinnerungen. (In den meisten Rahmen steckt übrigens meine Mutter.) Dann werde ich (u.U. zeitgleich) beginnen, zu trainieren und zu vloggen. In den kommenden Monaten lese ich nur noch Krimis und National Geographic. Womöglich buche ich mir zwischendurch auch noch einige Coaching-Termine mit ein paar Pinguinen. Und dann sehen wir mal weiter.

*Kenn' ich alles schon. / Erledigt.


NH


Sonntag, 2. August 2015

Ausgelesen: Dicksein

"Dicksein" von Eva Barlösius (Campus, 2014) behandelt ein hochinteressantes Thema auf so langweilige Weise, dass ich tatsächlich Monate gebraucht habe, um es zu beenden. Es geht um die Frage, ob Dicksein sich auf das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft in etwa so auswirkt, wie die Zuordnung zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht. Das würde z.B. die Frage beinhalten, ob sich Dicksein auf berufliche Chancen ähnlich auswirkt wie soziale Herkunft.

Aber das vergleichsweise dünne Buch ist so saftlos verfasst, wie eine mittelmäßige, wissenschaftliche Hausarbeit, und sowas in der Art ist es halt auch. Tatsächlich habe ich es ab der Hälfte nur noch überflogen. Das ist eben genau das Problem - das Thema Fett und seine sozialen Implikationen werden teilweise sogar von denen stiefmütterlich behandelt, die es trotz allem behandeln.

Die Arbeit basiert auf einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt mit dem Titel "Verbesserung der Wirksamkeit der Adipositasprävention für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (...blablabla)". Das an sich ermuntert nicht gerade zu großen Erwartungen. Auch verwirrt mich noch immer die Auswahl der Probanden und die Teilnahmevoraussetzung, einer bestimmten sozialen Schicht anzugehören, wenn doch untersucht werden soll/könnte, ob sich nicht gerade Dicksein selbst so auswirkt, wie ein Klassenunterschied. Da scheint mir etwas von vornherein vermischt worden zu sein, was nur zu gern zusammengewürfelt, aber vermeintlich ja auch statistisch in einen Topf  gehört: Dicksein und Zugehörigkeit zu einer bildungsfernen Gesellschaftschicht. Dass man als dicke Frau mancherorts automatisch für "ungebildet" gehalten wird, erfahre ich selbst übrigens auch immer wieder mal - vorzugsweise in Arztpraxen.

Empfehlen kann ich das Buch aus allen oben genannten Gründen eigentlich nicht, aber ich wollte hier wenigstens auf seine Existenz hinweisen.

Die Erkenntnisse, die die Autorin aus Gruppeninterviews mit dicken Jugendlichen aus schwachen sozialen Verhältnissen und deren Eltern gewonnen hat, umfassen u.a. die folgenden Aspekte:

Die Stigmatisierung Dicker hat in den vergangenen Jahrzehnten so zugenommen, dass ihr Ausmaß und ihre Ausbreitung mit denen von Rassismus gleichziehen. Gar "scheint die Diskriminierung und Herabsetzung von dicken Menschen eine der letzten Formen der Herabwürdigung zu sein, die auf gesellschaftliche Zustimmung und Anerkennung trifft". (S.23)

Körperlicher Eigenschaften sind für die Jugendlichen das allerwichtigste Kriterium, wenn es um die Einordnung und Bewertung anderer, aber auch der eigenen Person geht. "Die Typisierung in "dick" und "dünn" besitzt (...) die gleiche Allgegenwärtigkeit (...), wie (...) die (...) Unterscheidung der Geschlechter." (S.58)

Die dicken Jugendlich werteten sich im Gespräch selbst vorsorglich ab und rechtfertigten sich automatisch, weil sie sehr genau wissen, was "die Gesellschaft" über sie denkt. Sie kennen und unterstützen die Vorstellung, dass gewisse Lebensmittel und Körperformen "moralischer" sind, als andere.Tatsächlich reden sie auch nur mit dieser gesellschaftlich vorgegeben Sprache über sich und ihren Körper, weil sie "keine eigene Sprache für ihre Erfahrung mit dem Dicksein" (S. 55) entwickelt haben.

Die Betroffenen, die dicken Jugendlichen, sowie ihre Eltern, stimmen der gesellschaftlichen Annahme, dass Dicksein eine Folge mangelnder Disziplin und Selbstkontrolle ist, und die Benachteiligung Dicker damit verdient ist, weitgehend zu.

Was die geführten Interviews offenbar auch zeigen, ist, dass besonders diese "bildungsfernen" Eltern sehr stark verinnerlicht haben, was "gute und richtige" Ernährung ist und ein ständiges Schuldgefühl mit sich herumschleppen, wenn sie diesen Ansprüchen im Hinblick auf ihre Kinder nicht nachkommen - aus welchen Gründen auch immer.

Das bringt mich abschließend auch mal wieder zu dieser Frage: Könnte der Stress der ständigen Rechtfertigung und der permanenten Schuld/Ermahnung/Kritisierung der Kinder einen Effekt auf deren Körpergewicht haben - Stress, Rebellion und Jojo in Wirkungseinheit womöglich? Weil den gesellschaftlich pausenlos gescholtenen Eltern schlicht das Selbstbewusstsein fehlt, zu glauben, dass man schon das Richtige für die eigenen Kinder tut und weder sie noch man selbst der fettphobischen Gesellschaft etwas schuldet?

NH


Show Stopper.

Freitag, 24. Juli 2015

Follow me around 30: Umnachtung

Stimmung

Die letzte Woche fing schon schlecht an, als sie eigentlich noch gar nicht angefangen hatte. Ich wurde am Samstagabend auf einer eigentlich sehr schönen Party an einem Tisch platziert, an dem u.a. bereits ein Steuerberater/Lokalpolitiker und seine dicke Frau saßen. Sie war mit echtem und falschem Glitzerkram geschmückt, wie ein Weihnachtsbaum und brachte die passende sprudelige Stimmung gleich mit. Erst dachte ich nur, sie wäre halt eine von diesen, wie ich finde, unangenehmen Dicken, die mit überzogen fröhlicher Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitude die Tatsache ausgleichen wollen, dass sie, so wie ich, zu einer als minderwertig empfundenen Bevölkerungsschicht gehören. Später stellte ich fest, dass sie auch ausgesprochen unhöflich war, denn sie setzte sich nach dem Essen zwischen mich und meine Nachbarin und blockte mich aus der Unterhaltung, indem sie mir ihren Rücken zudrehte.

Wahrscheinlich hatte sie es mir übel genommen, dass ich ihren Mann dabei erwischt hatte, ein nicht besonders heller Schwätzer zu sein. Wir konnten vom Tisch aus den Michel (St. Michaelis, Hamburg) sehen. Meine Nachbarin sagte: "Oh, der Michel!" Er erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, das sei nicht der Michel. Mein Google sagte, dass er schlicht Unrecht hatte. Und das sagte ich ihm dann. Der Mann belehrte halt mal wieder besonders gern Frauen. Nacheinander meine Nachbarin, dann mich und schließlich sogar seine eigene Frau. Dummerweise lag er mit so ziemlich allem falsch. Heutzutage ist das ja im Zweifel besonders schnell und leicht nachzuweisen. Was manche Ehefrauen so aushalten...aber vermutlich sieht sie nichts bzw. alles ganz anders. Sie nannte ihn stolz "großer Bär". Ein Bild vom "kleinen Bären" (das Kind heißt tatsächlich "Urs") hatte sie mir bereits Sekunden nachdem ich mich an den Tisch gesetzt hatte, unter die Nase gehalten.

Was bedeutet diese Episode nun eigentlich? Ich kann öfter mal gar nicht so gut mit anderen Dicken. Das hat mich immer ein wenig frustriert, wenn das passiert ist. Aber warum eigentlich? Schließlich sind wir nicht automatisch im selben Club. Und Dicke sind nicht automatisch bessere Menschen. Das denkt man nur immer, wegen ihrer persönlichen Diskriminierungsgeschichte, die sie schließlich, wie wir alle, irgendwie schon haben müssen. Aber nicht jede(r) kommt am Ende des Spülganges mit der gleichen Gemütsverfassung und Weltsicht wieder heraus. Und Solidarität ist im Alltag und auch sonst ja ohnehin immer so eine Sache. So wie Angela Merkel keine Verpflichtung hat, Politik für Frauen zu machen, und darüber hinaus nun auch über das mühsam erstrittene Recht verfügt, ganz genauso reaktionär und machthungrig zu agieren, wie jeder reaktionäre und machthungrige Mann, haben Dicke natürlich keine Verpflichtung, ausgerechnet zu mir nett zu sein.Und sind sie halt oft auch nicht.

Konkurrenz unter Dicken?

Ich bin bereits in all diesen Kategorien gescheitert: mit der besten dicken Freundin, diversen Stammtischen für dicke Frauen, auf dicken Tanzparties, sowie in Internetforen für Dicke. Es macht mich als Feministin nicht froh, von Bissigkeit und Konkurrenzgebaren unter Frauen zu sprechen, weil es mir viel lieber wäre, das bliebe in meiner Welt nur ein  abgedroschenes Klischee, aber oft waren es wohl wirklich solche Schwingungen, die mich dazu gebracht haben, mich von entsprechenden Zusammenschlüssen wieder zu trennen. "Wenn du immer und überall fast ausschließlich auf dicke verbissene Konkurrentinnen statt Schwestern triffst, bist am Ende womöglich doch du selbst die, die immer automatisch konkurriert", schallt es aus naseweiser Quelle über die Straße. Wer weiß...

Was ich weiß (und vermutlich auch hinreichend mitgeteilt habe) ist, dass meine Wut stetig auf jene wächst, die sich anpassen, den Kopf einziehen, insgeheim noch immer auf dünne Zeiten hoffen, und den Kampf für die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und gegen die eigene Diskriminierung im günstigen Falle anderen überlassen. Im schlechteren stemmen sie sich noch gegen derartige Bemühungen. Dicke Anti-Dicke sind mir genauso ein Rätsel, wie Antifeministinnen. Auf beide bin ich mitunter so sauer, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele, doch noch eine Karriere als Autorin seifiger, antiemanzipatorischer Frauenromane zu starten, in denen dicke, tramplige Heldinnen regelmäßig schön und schlank werden, bevor sie endlich doch noch ihr Glück finden.

Meine Therapeutin hat mich letzte Woche Donnerstag in einer Gruppensituation beobachtet (therapeutische Kochgruppe in ihrer Praxis) und mir danach am Dienstag mitgeteilt, ich hätte so viel unnahbarer gewirkt, als im normalen Gespräch und damit womöglich die anderen Gruppenmitglieder verunsichert. Das fand ich bemerkenswert, denn ich hatte mich einfach nur zurückgehalten, um explizit niemanden zu verschrecken. Mir ist bewusst, dass ich leicht zu viel werden kann, wenn ich meine Ansichten, Überlegungen, meinen Humor und meine Abneigungen zu deutlich austeile. Darum nehme ich mich im direkten Zusammentreffen mit anderen oft zurück. Offenbar mit dem Ergebnis, dass man mich dann leicht für unzugänglich hält. Schöner Mist.

"Zu viel" zu sein, ist eine Erfahrung, die ich mehr als hundertmal gemacht habe. Und das eben nicht nur, was meinen Körper angeht. Ich bin im persönlichen Umgang oft bemüht, Menschen nicht zu überfordern, weil es nicht meiner Erfahrung entspricht, dass ich besonders gemocht werde, wenn ich da den Rahmen sprenge.

Während kapriziöses Drama beispielsweise geradezu ein Lebens- und Erfolgsrezept vieler Frauen im Umgang mit Männern zu sein scheint und sie offenbar niedlich, geheimnisvoll und schutzwürdig erscheinen lässt, hat bei mir "Kompliziertheit" eigentlich immer nur dazu geführt, dass sich andere abwenden. Mich hebt keiner fasziniert vom Boden auf, streicht mir über den Kopf und hält mein emotionales und geistiges Übermaß für eine Aufforderung, sich zu Rettungsaktionen aufzuschwingen. Warum eigentlich nicht, wollte ich von meiner Therapeutin wissen. Das ist sowas von unfair. Wusste sie aber auch nicht.

Das Ende vom Lied

Als Beispiel für oben beschriebenes Dilemma endete in dieser Woche die spaßhafte Androhung durch mich, persönlich ein Geburtagsständchen vorzutragen, unbegreiflicherweise in einem weiteren zwischenmenschlichen Bruch. Wahrscheinlich hätte ein Video von mir mit Sprühsahne auf dem Busen (wie im letzten Jahr) mehr Anklang gefunden, aber dazu hatte ich keine Lust. Wahrscheinlich hätte ich mich wieder komplett zurück halten sollen - ich weiß schließlich, dass Geburtstage eine kniffelige und empfindliche Angelegenheit sein können. Aber es war mir ein Bedürfnis, mich einfach zu melden. Genau genommen war es mir ein Bedürfnis, vom Empfänger mal wieder wahrgenommen zu werden. Aber er hat mich scheinbar abermals nicht gesehen. Und nach zwei Jahren, in denen ich mich in dieser Verbindung oft wie der letzte Dreck gefühlt und mich trotzdem weiter bemüht habe, weil sie mir so furchtbar wichtig war/ist, habe ich dann so deutlich gesagt, was ich denke, dass von nun an zumindest ich selbst nicht mehr in der Position bin, hier, wie vielleicht vormals noch möglich, eine Rückabwicklung vorzunehmen. Und da ich wirklich nicht damit rechne, dass mir derjenige plötzlich vom Boden aufhilft, weil er mich so niedlich findet - one down, no one to go.*

Nachtwanderung

Sonntagnacht wanderte ich allein durch den Ort. Zwei junge Menschen kamen mir im Dunkeln auf dem Bürgersteig mit einem Hund entgegen. Die Frau lief auf meiner Seite direkt auf mich zu. Es bestanden zwei Möglichkeiten: Entweder sie weicht hinter oder vor ihren Begleiter aus, oder sie rennt direkt in mich rein. Und das hat sie dann auch getan. Offenen Auges. Weil sie bis zum letzten Moment hinter ihren stylischen Brillengläsern geglaubt hat, dass die dicke Alte schon einen Schritt zur Seite und auf die Straße machen wird, wenn sie in Paarformation auf mich zurauscht...

...War dann regelrecht ein wenig schmerzhaft, der Zusammenstoß. Und von ihrer Seite erstaunlicherweise komplett stumm. Während ich die Augen rollte und seufzte "Unfassbar!", begannen die beiden erst einige Meter die Straße hinauf damit, sich wieder murmelnd zu unterhalten.

Und nun ist schon wieder Freitag.



*Noch einer erledigt, keiner mehr da.

NH

Samstag, 13. Juni 2015

Follow me around 26


I still know what you ate last week*

Doch, ich komme schon klar. Und immer ein wenig besser. Ohne Fleisch, Eier und Milch auszukommen ist für mich auf jeden Fall sehr viel leichter, als ohne Kohlenhydrate. Das ist und bleibt ein entscheidendes Hindernis. Inzwischen finde ich im Supermarkt sogar vieles, was vegan ist, ohne dass es draufsteht. Was für mich wirklich nicht funktioniert, ist Käseersatz. Um genau zu sein, wird mir davon bei größeren Mengen sogar ein wenig übel. Irgendjemand riet, Aufläufe mit Mandelmus zu überbacken. Ich bin skeptisch - und, herrje!, ist das Zeug teuer. Wieder mehr selber zu kochen, führt weiterhin regelmäßig zu Küchenexplosionen. Ich time jetzt die Aufräumarbeiten, um sie im Spiel gegen die Uhr etwas "sportlicher" zu gestalten. Trotzdem muss das Problem anders gelöst werden. Im Augenblick spiele ich mit der Idee, mich im "Meal prepping", also im Vorkochen für eine halbe oder ganze Woche zu versuchen.

Tatsache ist: Wenn man sich erst einmal mit den Hintergründen zur Produktion von Eiern und Milch (auch bei Bio-Betrieben) beschäftigt hat, gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Offenbar ist es fast humaner, die Tiere zu essen, als ihre Produkte.

Rentnerinnenalltag



Samstag. Spät aufgestanden, in olle Kleider gestiegen und auf zum Friedhof.

Eigentlich wollte ich vorher noch staubsaugen. Staubsaugen und auf dem Friedhof Steine verlegen - das waren die zwei wichtigsten weil unerquicklichsten und damit schwierigsten Ziele für dieses Wochenende. Ich hasse es aus vollster Seele zu staubsaugen. Weil man immerzu irgendwo hängen- oder steckenbleibt. Irgendwo gegen fährt. Oder irgendwas umreißt. Oder das Kabel nicht reicht. Oder der Beutel voll ist. All das macht es zu so einer wahnsinnig kraftvollen Metapher für meine Wahrnehmung des Lebens und seiner Widerstände an sich, dass ich erstaunliche Aggressionen entwickeln kann, sobald ich die Staubsaugmaschine nur anwerfe. Aber das ist ja nichts Neues - nichts ist hier jemals einfach.

Zumindest ist nun das Grab meiner Mutter mit Steinen umrandet. Offenbar ist das jetzt große Mode und gehört sich regelrecht so, weil es mittlerweile alle so machen. Und man muss nicht glauben, dass keiner darauf achtet, was sich auf Nachbarsgräbern tut. Da wird ganz genau beobachtet, ob einer überhaupt noch mit angemessener Mühe betrauert wird, also ob sich überhaupt noch jemand um das Grab kümmert. Andererseits soll natürlich auch Ordnung herrschen. Auch der Nachbar meiner Mutter hatte plötzlich ein zackig-eckiges Mäuerchen, bei dessen Anlage der Rasen zwischen den Gräbern mir nichts dir nichts abgestochen wurde, eine Senkung entstand und so nun bei Regen die Erde in Form von Matsch ohne Halt auf das Grab meiner Mutter floss.

Meine Mutter hatte ja immer eher eine für Friedhöfe untypische Bepflanzung. Keine Stiemütterchen im Frühling. Keine Tannenabdeckung und Gestecke im Winter. Weil ich weiß, dass sie mir ein solches Gesteck um die Ohren hauen würde, wenn sie könnte. Aber nun hat auch sie so eine ortsübliche Grundstücksbegrenzung. Damit klar ist, wo wer anfängt und aufhört.

Es hört nie auf - das mit den Nachbarn aus der Hölle.

Gentrification reversed**

Apropos.

Ich wohne in einer sogenannten "Villengegend". Wohlgemerkt: Ich selbst wohne in gelbem Klinker mit Flachdach aus den siebziger Jahren. Es hat aber natürlich ganz klare Vorteile, bei den reichen Leuten im Wald zu wohnen, weil es bei denen in der Regel ruhiger, grüner und großzügiger ist, als an anderen Orten. Und ich brauche ruhig, grün und großzügig, weil ich hochneurotisch und hypersensibel bin und eine sehr geringe Toleranzschwelle für alles habe, was anders als grün, ruhig und großzügig ist. Besonders in langfristiger Hinsicht. Das ist nun einmal einfach so.

Als ich jedoch heute auf dem Weg zum Friedhof und deswegen ohnehin schon angepisst war, kam ich mal wieder kaum aus meiner eigenen Straße raus. Die führt auf die Haupteinkaufsstraße, also die mit dem kleinen Supermarkt, dem Bäcker, dem Fleischer, dem Frisör, dem Tabakladen, den Ärzten und den zwei Apotheken. Dass sich in einem Ort dieser Größe zwei Apotheken halten, liegt vermutlich weitgehend daran, dass die hier lebenden reichen Leute in großer Zahl auch schon ziemlich alt sind. Die Straße mit den Geschäften versinkt jeden Morgen im Chaos, denn es gibt zu wenig Parkplätze für zu viele Menschen in großen Autos, von denen zwar fast alle denken, ihnen gehört die Welt, aber von denen bei Weitem nicht alle ihre Panzer so besonders sicher navigieren können.

Es ist ein täglicher Kampf, der aber vormals vorbei war, sobald man das Ende der Straße und damit wieder das Wohnviertel erreichte. Das ändert sich jetzt auf rapide und rabiate Weise. Denn wenn reiche alte Leute sterben, hinterlassen sie ihre großen Häuser und Gärten heutzutage Kindern, die es sich nicht mehr leisten können oder wollen, diese Häuser zu (er)halten. Aus Parks werden Parzellen. Und während sich die neuen Bewohner der zuhauf hingeklatschten Toskanavillen zwar noch immer einen Geländewagen, einen Mini und ein Wohnmobil leisten können, fehlt ihnen offenbar nicht selten das Geld für den Grund, der nötig wäre, um die Vehikel nicht allesamt auf der Straße abzustellen zu müssen. Das wiederum macht mein Leben zunehmend schwierig und ärgerlich. Es regt mich auf, Slalom fahren zu müssen. Es regt mich auf, minutenlang warten zu müssen, bis sich nun auch auf allen anderen Durchgangsstraßen im Dorf die Verkehrsknoten entwirren, die entstehen, wenn nicht mehr genug Lücken zum Ausweichen bleiben. Und Lücken lassen Menschen, die glauben, dass ihnen alles auf dem Planeten zusteht, ohnehin nicht gern. Es gibt in meiner Nachbarschaft mittlerweile sogar solche, denen es nicht zu peinlich ist, auf öffentlichem Gelände Schilder zu platzieren, die lauthals verkünden: "Land Rover Parking Only". Arme Schlucker. Wahrer Reichtum ist Platz. In meiner Gegend sind es heute die mit dem verhältnismäßig kleinen, alten, roten Haus mit der geschmackvollen, kleinen, weißen Veranda am Ende der 200 Meter langen Einfahrt, die es wirklich geschafft haben.

Was sagt uns das nun alles? 1. Ich bin ein Snob mit einer Garage. 2. Ich bin oft spät dran. 3. Ich ertrage es nicht, wenn mir andere im Weg herumstehen. 4. Ich ertrage es nicht, dass man noch so sorgfältig entscheiden und planen kann, wo man hinzieht, und die Realität einem dann doch die Straßen des eigenen Heimatortes verstopft. 5. Ich ertrage dieser Tage so gut wie gar nichts. 6. Menschen in guten Gegenden sind mitunter sehr viel unangenehmer als woanders. Wer das hautnah bewiesen haben will, dem sei ein Info-Abend der hiesigen FDP empfohlen (don't ask how I got there). Für weitere soziale Studien in die Psyche überprivilegierter Hausfrauen bietet sich der jährlich stattfindende Ladies' Night Flohmarkt in der örtlichen Kirchengemeinde an. Die dort zu bestaunenden raffigen Kämpfe um abgelegte Designer-Kleidung sind ein verräterisches Spektakel der ganz eigenen Art. 7. Ich bin wahrscheinlich sehr viel mehr so wie die, als ich wirklich weiß und zugeben würde.

Die Krönung

Im Schlosspark am Ort findet heute und morgen einer dieser Landmärkte statt, wo man seit Jahrzehnten Pflanzen, immer die gleiche rostig-rustikale Gartendekoration, mit Rosen bedruckte Gummistiefel, mit Krönchen benähte Kissenhüllen, sowie selbstgemachte Seife, Marmelade, und Obstliköre erwerben kann. Und ja, ich besitze oder besaß aus jeder Kategorie mindestens einen Gegenstand, denn als meine Mutter noch lebte, besuchte ich mit ihr jährlich im Schnitt mindestens 4 solcher Veranstaltungen, wobei da die Weihnachtsmärkte noch gar nicht mitgerechnet sind. Bei einigen Märkten war es mittlerweile "Tradition", bzw. ein Ritual, das die jeweilige Jahreszeit einläutete. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich nicht Freude an der zu solchen Gelegenheiten gebotenen idyllischen Karikatur von Landleben gehabt hätte. Den letzten von einer Landfrau zusammengebrauten Schlehenlikör aus dem Bestand meiner Mutter habe ich übrigens erst im letzten Jahr an einen Fußfetischisten "verfüttert" - vorm Füßebeschnüffeln und beim Tarotkartenlegen.

Kurzum, eigentlich hatte ich vor, da heute hinzugehen. Aber keiner wollte/konnte mit. Auch meine 77jährige Nachbarin nicht. Die hat zwischenzeitlich einen ihrer Verehrer abgesägt, und zwar den, der nicht, wie sie, auch das Jagdhorn bläst. In den Verbliebenen ist sie nun so verknallt und darum so fröhlich und voll mit zwitschernden Geschichten über die gemeinsamen Unternehmungen, dass ich ihr ständig eine runterhauen könnte. Er muss auch ausgesprochen verschossen sein, denn obwohl er mehr auf James Last steht, begleitet er sie nun in jedes Kirchenkonzert und jede provinzielle Freilicht-Opernaufführung, die auf ihrer Wunschliste steht.

Bei mir läuft bekanntlich gar nichts, wobei das bei den beiden wohl in zumindest einer ganz bestimmten Abteilung auch so ist...jahaaa, das sind die Informationen, bei denen man die Finger gar nicht schnell genug in die Ohren rammen und laut "Lalalala!" schreien kann. Jetzt wo sie so begehrt ist, gibt sie mir übrigens gern Beziehungstipps und vermutet ganz fachfraulich, dass ich mit Männern zu streng und anspruchsvoll bin, und darum keinen abbekomme...glückliche Leute sind einfach die Pest.

Nicht zum Landmarkt zu gehen, war am Ende dann doch ok, denn jetzt kommt es doch endlich - das Gewitter. Mein kluges Telefon behauptet übrigens noch immer, bei mir seien es 27 Grad und sonnig. Neulich stand ich an der Tankstelle und habe nur mal so aus Quatsch im Navigationssystem nach der nächsten Tankstelle gesucht - woraufhin es mich 21 km in eine andere Stadt weiterdirigieren wollte...soviel...dazu.


*Ich weiß noch immer, was du letzte Woche gegessen hast.

**Die Umkehrung der Gentrifizierung

NH

Donnerstag, 11. Juni 2015

Ich bin nicht schwanger. Ich bin dick.*

Beim Surfen im Internet und auf Fat-Acceptance-Seiten bin ich auf ein T-shirt mit obigem Zitat gestoßen. Es wird *Benazir Bhutto zugeschrieben. Die ehemalige Premierministerin Pakistans soll sich so gegen die unangebrachten Nachfragen von Journalisten gewehrt und außerdem noch hinzugefügt haben: "Und als Premierministerin ist es auch mein gutes Recht, dick zu sein, wenn ich das will."

Wir hier arbeiten ja mittlerweile auf Hochtouren daran, zu verinnerlichen, dass wir in dieser Hinsicht alle Benazir Bhutto sind, und alle das Recht haben, so zu sein, wie wir sein wollen. Und wie unsere Körper sind, geht andere einen feuchten Dreck an.

Dass dicke Frauen für schwanger gehalten und darauf dann auch noch angesprochen werden, ist ein gängiges Vorkommnis im Fundus der Demütigungen, die Dicken regelmäßig und offenbar weltweit widerfahren. Mir selbst ist es auch passiert: Ich war fünfzehn und nicht dick, aber bekleidet mit einem großen Schlabberpullover, weil ich ja immer dachte, ich sei dick und damit außerdem automatisch zu hässlich, um vollständig gesehen zu werden. Eine aufdringliche und offenbar komplett umnachtete Verkäuferin robbte sich breit grinsend an meine Mutter und mich heran und unterstellte meiner perplexen Mutter, dass sie "sich doch sicher freue, bald Oma zu werden". Mir ist immer mal wieder aufgefallen, dass Menschen, die nie von ihrer Umwelt für "zu dick" gehalten wurden, entsprechende Attacken und Peinlichkeiten aus dem Hinterhalt zunächst gar nicht so recht als solche begreifen, wenn sie mit ihnen konfrontiert werden. Erst als ich dann sagte, dass ich nicht schwanger sei, der Verkäuferin das Lachen aus dem Gesicht fiel und sie sich merklich entsetzt entschuldigte, wurde meine Mutter scheinbar überhaupt darauf aufmerksam, dass hier etwas vorgefallen war. Vielleicht tat sie aber auch nur so, als hätte sie nichts verstanden. Jedenfalls war sie keine Leuchte darin, mir hinterher dabei zu helfen, mich nicht mies und auf der Stelle ausgelöscht zu fühlen. Wie sollte sie denn - schließlich war sie ja auch immer und ständig die treibende Hauptakteurin in meiner Diät- und Selbsthasslaufbahn. Und um genau zu sein, erinnere ich mich gar nicht mehr, ob sie irgendetwas Tröstendes oder Stärkendes zu der Angelegenheit zu sagen hatte. Aber wie ich mich gefühlt habe, werde ich nie vergessen: Ich fühlte mich zutiefst wertlos und erschüttert, und das aus genau zwei Gründen: Erstens, weil mir diese grässliche Person wieder mal bestätigt hatte, dass ich offenbar wirklich unförmig fett sein musste, denn sonst hätte sie diesen "Fehler" nicht gemacht. (Und fett zu sein, war in meiner Welt schließlich schlimmer als alles andere.) Und zweitens hatte sie es für möglich gehalten, dass ich als Teenager Mutter wurde, und das, in meiner damaligen Welt, stempelte mich obendrein als asoziales Dummchen ab, das zu blöd war, um zu verhüten. Ein unbedachter, unverschämter Satz von einer taktlosen Idiotin, und ich lag am Boden. Lange. Noch heute wünsche ich ihr, dass ihr Haare auf dem Rücken wachsen mögen. So sie noch lebt.
*
Die Tatsache, dass diese Art der "Fehleinschätzung" wohl immerzu und überall passiert, scheint auf den ersten Blick einfach und unschuldig erklärt. Es ist halt ein leicht gemachter Fehler. Würden vermutlich die behaupten, die ihn machen.Mir hingegen ist es ja schlicht unbegreiflich, wie man einen schwangeren Bauch mit einem dicken Bauch verwechseln kann. Sie sehen überhaupt nicht gleich aus. Sie sehen schlicht komplett anders aus. Auch ein dicker und schwangerer Bauch unterscheidet sich meiner Auffassung nach deutlich von einem dicken Bauch...aber eigentlich ist das auch total egal.

Ich unterstelle ja gern vorsorglich immer erst einmal böse Absicht. Meiner Erfahrung nach spart das Zeit - und kommt meistens schon ziemlich genau hin.

Das Problem wäre nicht ganz so groß, wenn "schwanger" und "dick" gleichwertig, bzw. neutral besetzt wären. Die Feststellung, dass das nicht der Fall ist, erübrigt sich. "Schwanger" ist gut und kommt ja sozusagen mit einem "Mehwert" daher. Die einhergehende "Unförmigkeit" wird zumeist entschuldigt und ist ja bitteschön auch nur temporär (wenn nicht, wird es ganz schnell wieder kritisch). "Nur dick" ist immer schlecht. Und unentschuldbar. Und so kommt die Demütigung der Dicken automatisch mit der Auflösung (und der offensichtlichen Enttäuschung der peinlich berührten Angreifer) - denn nicht der kurzsichtige Schwachkopf, der sich geirrt hat, wird am meisten dabei beschädigt, sondern diejenige, die nur einfach mit ihrem Körper zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie und ihr Körper sind gar nicht "gut". Das Fett wird als das enttarnt, was es ist - als nutzlos, wertlos, unweiblich und als Zeichen von Faulheit und Versagen.

Ich bin überzeugt, dass diese Variante der Beleidigung Dicker in einer Vielzahl der Fälle durchaus bewusst angewandt wird, um deviante, weibliche Fettklopse daran zu erinnern, dass sie nicht nur unmögliche und hässliche Körper haben, sondern, dass sie, so die unterschwellige Botschaft, auch keine "echten Frauen" (weil unförmig aber nicht schwanger) sind.

Oben habe ich gesagt, dass es im Grunde egal ist, ob man schwangere und dicke Bäuche auseinander halten kann, oder nicht. Wenn ich es nicht könnte, würde mir hier trotzdem niemals ein nennenswerter Fehler unterlaufen.

WEIL ICH, VERDAMMT NOCHMAL, IM LEBEN NICHT DARAUF KÄME, UNGEFRAGT DIE KÖRPER VON WILDFREMDEN MENSCHEN ZU KOMMENTIEREN, WÄHREND ICH IHNEN INS GESICHT SEHE.

Ich würde niemals an einer Kasse stehen und zu der schwangeren Frau vor mir sagen: "Wann ist es denn soweit?" Denn es geht mich nichts an! Es soll ja Leute geben, die (mitunter ohne zu fragen) an ihnen unbekannte Bäuche fassen. Was die meiner Ansicht nach für ein solch ungeheuerliches Übertreten persönlicher Grenzen verdienen, mag ich hier gar nicht sagen. Denn obwohl Schwangerschaftsbäuche bei uns kulturell grundsätzlich bejubelt werden, habe ich gehört, dass auch das in der Praxis verdammt unangenehm und übergriffig werden kann.

Prinzipiell sage ich Menschen nur freundliche Dinge über ihren Körper. Aber das selbstverständlich dann auch nur in Situationen, in denen es erwartet und/oder wirklich angebracht ist. Ein Liebhaber freut sich bestimmt über Komplimente. Wenn ich dem Mann an der Kasse vor mir sage, was für schöne Hände er hat, macht er sich womöglich Sorgen, ob ich ihm später heimlich im Auto zu seiner Wohnung nachfahre. Darum lasse ich das halt lieber sein.

Auf einer anderen Website, einer Art Knigge für Männer, las ich dann folgenden Rat: Wenn mann glaubt, eine Frau sei schwanger, und er ihr deshalb seinen Sitzplatz im Bus anbieten will, soll er schlicht aufstehen und sagen: "Ladies first!" Damit kann ihm dann der oben erwähnte Fehler auf keinen Fall unterlaufen.

Ein schwangerer Körper ist nicht besser, als ein dicker Körper. Weil kein Körper besser ist, als der andere. Wir sind alle gleich viel wert. Egal wie schnell wir rennen oder wie hoch wir springen können, egal wie viele Zehen, Augen oder Beine wir haben. Egal wie alt, wie groß, wie klein, wie dünn, wie dick, wie männlich, wie weiblich wir sind.

*Nachtrag: Ich bin darauf hingewiesen worden, dass es natürlich auch body shaming ist, wenn ich mich über starke Behaarung an Frauenkörpern lustig mache. Das sehe ich ein, und wünsche der Verkäuferin nun stattdessen...eingewachsene Fußnägel - an ALLEN Zehen. Oder dass die Henkel ihrer Handtasche jedes Mal reißen, wenn sie gerade über die Ampel läuft. 

Ach, und noch etwas: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in Zukunft einen männlichen haarigen Rücken shame, ist weiterhin relativ groß. 


NH

Donnerstag, 23. April 2015

Theo und die Maskulisten

"If you're not outraged, you're not paying attention."*

(Die Damen vom Women & Women First Book Shop, Portlandia, Staffel 1, Episode 1)


Erster Buchtipp der Woche


Schrift wird ohnehin komplett überbewertet. ; ) www.hotguysandbabyanimals.com

Die Maskulisten

Maskulisten oder Aktivisten/Anhänger der modernen Männerrechtsbewegung, betrachten Männer als Opfer in einer Welt, die mittlerweile von Frauen dominiert wird. Ihr Ziel ist es, die "feministische Unterwanderung" der Gesellschaft zu stoppen und die Rechte von Männern zu stärken. Die Subkultur der Maskulisten überlappt deutlich mit denen von Familienfundamentalisten, Hobbybiologisten, Homophobikern, Rassisten und Neonazis.

Ihr Hauptaktionsfeld ist noch immer das Internet, wo Maskulisten sich gern in den Kommentarspalten oder bei Twitter tummeln, um die eigene Weltanschauung zu verbreiten und zu verteidigen. Zwei der wichtigsten Anlaufstellen im Netz sind "Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land" und "WikiMANNia".

Zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung in Deutschland zählen u.a. der Autor Arne Hoffmann, Bernhard Lassahn (ja genau - der hat Käpt'n Blaubär erfunden) und Eugen Maus (Gründer von "MANNdat").

Und es kam schlimmer: Die dicke Feministin. 

Das maskulistische Weltbild ist zum Bersten vollgestopft mit Feindbildern - neben gierigen Exfrauen und herrischen Kindsmüttern, sind da nicht nur Feministinnen an sich, sondern gern auch mal Schwule und "Ausländer" und...andere Männer im Allgemeinen. Denn Männer die nicht gegen eine Gleichstellung der Geschlechter sind, werden in der Szene u.a als "lila Pudel" bezeichnet.


Ein neueres, aber selbstverständlich nur allzu offensichtliches Feindbild ist die Fettakzeptanz-Bewegung. Die dazugehörige Gleichung ist keine Überraschung: Dicke Frau = hässlich = erfolglos bei Männern = Lesbe = Feministin. In den USA, wo Fat Pride und Fat Feminism natürlich öffentlich ohnehin viel sichtbarer sind, als hier, nimmt auch der maskulistische Widerstand in diese Richtung verstärkt zu. Fast amüsant finde ich die Tatsache, dass die Argumente der Wahl oft ausgerechnet auf die angebliche Gesundheitsgefährdung der fetten Feministin abstellen. Andere bemühen gar kulturgeschichtliche Betrachtungen oder die Evolution als Kampfmittel.


"Wenn der Staat Gleichberechtigung verordnen will, 
sollte er (...) mit gutem Beispiel vorangehen" 

Das war eine Unterüberschrift zu einem Artikel in der Zeit (Nr. 11, 12.03.2015) von Elisabeth Niejahr. Es ging um gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, und nur um das klar zu sagen: Die Elisabeth ist schon dafür. Was mir als ehemaliger und genervter Zeitleserin nur gleich wieder auffiel, war der trotzige Seitenhieb beim Einstieg...

Denn das Lamentieren und Sticheln über "staatlich verordneten Feminismus" und den drohenden Untergang der Männlichkeit/Männer in unserer Gesellschaft wurden in der Zeit in den letzten Jahren so vehement betrieben, dass ich bekanntlich auf die Lektüre der "Bravo für Abiturienten" (Volker Pispers - ja ich wiederhole es immer wieder gern;)) mittlerweile komplett verzichte und auf dem Klo nur noch das manager magazin (kein Witz übrigens) lese, denn das ist nicht ganz so anti-feministisch und reaktionär.

Außerdem kann man das Elend ja irgendwann nicht mehr mit ansehen, auch nicht in der wöchentlichen Zeitung...Jungen versagen grundsätzlich alle in der Schule, weil die Lehrerinnen sie hassen, und die, die danach nicht durch eine feministische Opferkultur verunglimpft als Vergewaltiger im Knast landen, schuften sich zu Tode, um den Unterhalt für Ex-Ehefrauen und Kinder zu sichern, wobei sie ihre letzte Energie im Kampf ums Besuchsrecht lassen und dann im zarten Durchschnittsalter von 78 Jahren und ewig lange vor den Frauen (die werden im Durchschnitt 83 Jahre) verglühen. Und dann will ihnen Alice Schwarzer auch noch das Recht streitig machen, sich zwischendurch gelegentlich eine Zwangsprostituierte zu kaufen.

Im Ernst: Die Männerrechtsbewegung (Maskulismus) ist vielleicht hauptsächlich, aber eben nicht nur eine Subkultur zutiefst verstörter und wütender (zumeist weißer, heterosexueller) Männer, die sich im Zuge ihres privaten, verzweifelten Ringens um Identität und männliche Selbsteinordnung vor dem Bildschirm (zumeist anonym) Luft machen. Die Weltbilder und die Wut der Frauenhasser (ja, das sind sie - und nicht vorrangig Männerechtler) schwappen auch zunehmend wieder in den Mainstream, in Form von mehr oder weniger vorsichtig dosierter Feminismuskritik. Die Zeit macht mit, der Spiegel macht mit, der Focus macht mit, die FAZ macht mit, die Welt macht erst recht mit. Die Uni Düsseldorf macht mit und richtet "Männerkongresse" aus, auf denen es eher maskulistisch als wissenschaftlich zugeht. Und damit das Ganze dann gar nicht so frauenfeindlich wirkt, werden gern weibliche Antifeministen vorgeschickt.

Theo

Vielleicht sollte frau einfach mal einen Mann fragen, wie es sich aus seiner Sicht mit der voranschreitenden Entrechtung des männlichen Geschlechts verhält.

Um genau zu sein, sollte frau Theo fragen, denn frau kann sich darauf verlassen, dass er eine Meinung hat. Außerdem gehört Theo natürlich zu der Bevölkerungsgruppe, die weltweit augenscheinlich am allerwenigsten (soll heißen so gut wie nie - außer vielleicht im Damenklo oder bei einer Stillgruppe) Diskriminierung erfährt. Er ist männlich, weiß, Westeuropäer, heterosexuell, mittelalt, akademisch gebildet, wirtschaftlich stabil, groß, hatte insgesamt viel Glück im Hinblick auf das Erfüllen geltender körperlicher Attraktivitätsstandards und hat keine Behinderung. Dennoch ist er einer, für dessen Rechte Arne Hoffmann et. al. "kämpfen".



Ich: Willst du denn, dass die für deine Rechte kämpfen?

Theo: Für welche Rechte?

Ich: Zum Beispiel dein Recht auf blaue Überraschungseier.

Theo: Also, von der Häsin hier wirst du nicht viel abkriegen.

Ich: Wie findest du das, dass es spezielle Überraschungseier für Mädchen gibt?

Theo: Kommt darauf an, was drin ist...Oh, das ist ne Katze! Mit so einer kleinen Schleife im Haar!...Oder ist das ein Fuchs? Das könnte auch ein Fuchs sein!

Ich : Auf jeden Fall ist es ein Ring.

Theo: Ach, das ist ja toll!...Ist mir aber zu klein. Wie ich das finde, dass es Mädcheneier gibt?

Ich: Als sie vor ein paar Jahren auf den Markt kamen, gab es eine Protestwelle von Feministinnen. Die haben gegen die systematische "Pinkisierung" von Mädchen protestiert. Dann hat die Feministin Antje Schrupp eine sehr interessante Analyse geschrieben, die besagt, dass das pinkfarbene Ei für Mädchen nur eine"zusätzliche" Option ist. Sie können beides - "Mädchen" und "Für alle". Jungs nicht. Das pinkfarbene Ei ist eher so ein Warnschild für sie, denn wer sich als Junge in Mädchenwelten begibt, muss mit erheblichem Spott rechnen.

Theo: Aber Jungs können sich die Eier doch auch kaufen, wenn sie wollen. 

Ich: Das werden sich die meisten nicht trauen.

Theo: Das sollte man schon ihnen überlassen. Vielleicht ja irgendwann doch.

Ich: Es gab, soweit ich weiß, bisher kein blaues Überraschungsei - jedenfalls nicht durchgängig. Ist das unfair?

Theo: Ja, natürlich ist es das.

Ich: Ich habe dich ja vorhin schon gefragt, ob du von der Männerrechtsbewegung eigentlich schon mal gehört hast, und du hast gesagt...

Theo:...nein. Aber von einer Bewegung von Vätern, die keine Rechte an ihren Kindern haben, und sich zur gegenseitigen Unterstützung organisieren. Ich nehme an, deren Anliegen haben schon ihre Berechtigung.

Ich: Leider gibt es oft recht deutliche Verbindungen zwischen Väterrechtlern und Maskulisten. Und beide Gruppen stilisieren sich gern zu Opfern. Bist du Maskulisten noch nie im Internet begegnet?

Theo: Nein, nicht bewusst.

Ich: Und bist du bisher überhaupt groß mit Feministinnen in Berührung gekommen?

Theo:...Naja...Mit einer Feministin zumindest. Und wenn das alles so extreme Tanten sind, wie du...

Ich: Sind Feministinnen Männerhasserinnen?

Theo: Ich könnte mir schon vorstellen, dass es verschiedene Strömungen und dass es auch durchaus Männerhass unter einigen Feministinnen gibt. Grundsätzlich ist es mein Eindruck, dass die Botschaft oft schon sehr unlocker bis aggressiv rüberkommt. Aber nicht jeder Rezipient ist schlau genug, um zu begreifen, dass Ton und Botschaft nicht das Gleiche sind. Und dann erreicht man die Dummen wohl noch schlechter, als vermutlich ohnehin schon.

Ich: Fühlst du dich Frauen gegenüber in unserer Gesellschaft benachteiligt?

Theo: Nein.

Ich: Hast du dich aufgrund deines Mannseins jemals diskriminiert gefühlt?

Theo: Nein. Und es bringt auch nichts, auf alten Privilegien herumzureiten. 

Ich: Dann brauchst du auch keine Männerechtsbewegung, die für deine Rechte kämpft? Und es braucht keine Gegenbewegung zum Feminismus für Ausgewogenheit?

Theo: Nein. Der Feminismus gehört unterstützt. Bis auf so Männerhasserinnen wie dich.

Ich: Schau mal auf diese Website und sag mir, ob du nun womöglich ein "lila Pudel" bist?

Theo: Nein, bin ich nicht. Sich für Frauenrechte auszusprechen, ohne allerdings aktiv irgendwas beizutragen, ggf. mit Ausnahme dieses Interviews, macht noch keinen Pudel. Des Weiteren bin ich durchaus "pro Mann" - als Mitglied dieses Geschlechts. Das ist aber nicht gleich "gegen Frau".

Ich: Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land?

Theo (spielt mit dem Ring aus dem Ei):...Was?...Wie viel Gleichberechtigung verdient das Land?

Ich: ...VERTRÄGT das Land. Das ist der Titel einer maskulistischen Plattform im Netz.

Theo: Na, so viel wie nötig, oder? Wenn es darum geht, Diskriminerung durch eine entsprechende Gesetzgebung zu verhindern, dann kann man aufhören, wenn alle gleich wenig diskriminiert werden. Es wäre natürlich schöner, Menschen könnten so etwas ohne Vorschriften regeln. Mir scheint allerdings, die Frage selbst dient ohnehin nur dazu, Unfrieden zu stiften.

Ich: Du hast mal gesagt, du würdest dich gern mal mit Alice Schwarzer unterhalten.

Theo: Oh Gott, hast du etwa ihre Telefonnummer? Ich fand sie früher richtig gut - als Kind schon. Als ich sie immer in Talkshows gesehen habe. Heute ist sie ja leider durch so ein paar Entwicklungen doch eher ein beschädigter Popstar. Wie man hört, macht sie sich wohl heute auch viele Feinde im eigenen Lager. Aber sie war natürlich auch schon immer so eine Kampflesbe wie du...

Ich: (sehe mir einfach wieder Theos Bizeps an und stelle mir vor, wie aufregend er erst mit einem flauschigen Katzenkind auf dem Arm aussähe...Hoppla, war das jetzt etwa männerfeindlich? ; ))

Letzter Buchtipp der Woche


The Guy's Guide To Feminism von zwei Männern:  Michael Kaufmann und Michael Kimmel (Seal Press,  2011)

Das "Feminismus-Handbuch für Männer" ist eine  humorvolle, schnelle und klar aufgebaute Aufstellung von zum Feminismus gehörenden Stichworten: Sex, Berufswelt, Religion, Gewalt, Männerrechte, etc. Die Erläuterungen und Überlegungen sollen Männern im Prinzip vermitteln, dass sie selbst in ihrem Leben und Alltag von der Gleichstellung von Frauen durchaus  profitieren. 

Das Buch enthält einen Fragebogen, mit dem Mann überprüfen kann, ob er sich womöglich bereits mit Feminismus "angesteckt" hat, ohne es zu wissen. Denn die Definition von "Feminist" ist einfach: Jemand, der für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Gleichheit der Geschlechter ist. Das kann fast jeden treffen. ; )


*"Wenn du nicht empört bist, passt du nicht gut genug auf."

NH