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Sonntag, 11. Dezember 2016

Follow me around 53: 45


Selfie, 29.11.2016

Schneckenpost

Die Weihnachtskarten aus meiner kleinen Schneckenpostaktion sind nun alle geschrieben und verschickt. Die Resonanz war erheblich größer, als ich erwartet hatte. Das hat mich natürlich sehr gefreut, aber ich hatte auch Sorge, dass mir irgendetwas logistisch entgleitet (und nicht nur am Ende meine Handschrift), bzw. dass ich etwas übersehe oder verwechsle. Wenn jemand von euch, die mir ihre Adresse haben zukommen lassen, bis Anfang kommender Woche aus irgendeinem Grunde keine Karte erhalten hat, dann sagt bitte einfach Bescheid - noch ist ja Zeit. : ) Ach, und an die, die mir mitteilten, ich solle sie bitte wissen lassen, ob ich ihre Adresse haben möchte, um ihnen dann eine Karte schicken zu können: Nö, will ich nicht. What the hell, ladies?!

Für die lieben Antworten, von denen ich auch bereits einige bekommen habe, möchte ich mich hier bereits schon einmal ganz herzlich bedanken. (Das tue ich auch noch persönlich, aber das wird noch ein wenig dauern.) Das gilt auch für eure vielen freundlichen und ermunternden Nachrichten, die ihr zusammen mit euren Adressen geschickt habt. Ich bin auch deshalb ausgesprochen fröhlich darüber, dass ich die Idee mit den Karten hatte, weil ich plötzlich von so vielen "stillen Mitleserinnen" gehört habe. Das war ein wirklich schönes Geburtstagsgeschenk. Und bewegend war es auch.Dafür noch einmal vielen, vielen Dank!

Gute Fragen

Und schwupp, ist es schon wieder Zeit für den alljährlichen Fragebogen. Seit 2011 fülle ich ihn nun aus - immer mit kleinen Abwandlungen. Die vorangegangenen Ergebnisse sind hier zu finden.

1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? 4. 

2. Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. 

3. Haare länger oder kürzer? Gleich. Und auf dem Weg zurück zu Mausbraun.

4. Mehr Geld oder weniger? Weniger.

5. Mehr Blogleserinnen, oder weniger? Mehr.

6. Was war das beste Buch, das du 2016 gelesen hast? The Sound of a Wild Snail  eating von Elizabeth Tova Bailey.

7. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Nichts und wieder nichts.

8. Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Schockstarre sozusagen.

9. Die teuerste Anschaffung: Ein Notebook, weil das alte unerwartet den letzten Schnaufer getan hat. 

10. Der beste Film, den du 2016 gesehen hast: Where to Invade Next? von Michael Moore.

11. Das schönste Geschenk: Vielleicht kommt es ja noch.

13. Die meiste Zeit wo verbracht? Alles wie zuvor. Schreibtisch, Auto, Bett. Und im Keller, um auszumisten.

14. Die größte Enttäuschung: Wo anfangen?

15. Die beste Investition: Ein Einhorn-Körnerkissen mit ziemlich gereiztem Gesichtsausdruck. Wir werden uns gut verstehen.


16. Die wichtigste Erkenntnis: Ich brauche einen Mann tatsächlich so dringend wie ein Fisch ein Fahrrad.

17. Was machst du zu Weihnachten? Noch immer Kartoffelsalat, Michel in der Suppenschüssel, selbstbestellte und von Amazon liebevoll verpackte Geschenke...wieder keine Reise.

18. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Mehr Geld. Weniger Kram. Mehr Klarsicht. Und die eiserne Härte einer Margaret Thatcher in eigener Sache.

19. Was ist dein wichtigstes Ziel für 2017: Urlaub. Irgendwie. Irgendwohin.

20. Und was jetzt? Jetzt bin ich offiziell Mittvierzigerin. Ich habe keine Ahnung, wie das passiert ist. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo die Jahre geblieben sind, aber das bringt eine Orientierungslosigkeit und Verblüffung mit sich, die ich auch zu Themen des Blogs machen werde. Im kommenden Jahr werde ich mein Bloggerei wieder regelmäßiger betreiben. In den Kommentaren gab es außerdem eine Frage zum Stand des Thin Privilege Projects. Nachdem ich in letzter Zeit  immer mal wieder der irrigen Annahme aufgesessen bin, es könnte da in meiner Zukunft womöglich jemanden geben, der es bedauern würde, wenn ich meinen Körperumfang verringere, ist es nun doch mein erklärter Plan, damit weiterzumachen. Außerdem bin ich seit Beginn meiner letzten Ausräumphase bei 2140 Gegenständen angekommen. Und das ist auch längst noch nicht das Ende.

Gute Vorsätze

Ich saß in meinem Auto auf einem Parkplatz vor einem öffentlichen Schwimmbad in Hamburg-Volksdorf. Minuten zuvor war ich in eine Parklücke gefahren und kramte gerade meine sieben Sache zusammen, als einer von diesen panzerartigen Geländewagen mir gegenüber links ranfuhr und hielt. Ihm entstieg ein junger Mann mit wallendem Bart und ernster Miene. Er kam auf mich zu und klopfte an meine Beifahrerscheibe. Als ich sie verwundert herunterließ, erklärte er mir mit einer sonoren Mischung aus unterdrückter Anklage und Appell, dass ich den Parkplatz zu Unrecht besetzt hätte, denn am anderen Ende des Parkplatzes sei eine Familie mit drei kleinen Kinder in einem Kleinbus, die schon viel länger nach einem Parkplatz suchen würden als ich. Außerdem war er darüber unterrichtet, dass die Familie zum allem Überfluss auch noch in größter Eile war, weil sie nämlich auf dem Weg in den Kindergottesdienst war, der gleich beginnen sollte, und er war der Ansicht, dass ich ihnen angesichts all dieser Faktoren meinen Platz überlassen müsste.

Ich bin schließlich keine Frau mit Mann und Kindern und Kleinbus und christlichem Glauben. Und so habe ich in den Augen von  bestimmten Leuten gefälligst Platz zu machen für die, die wichtiger sind, weil sie so viel mehr gesellschaftlich anerkanntes Gedöns bei sich tragen. Ich war, bin und bleibe für immer die alleinstehende Frau im Kleinwagen. Was kann die schon Wichtiges vorhaben? Allerdings würde ich jede Wette machen, dass auch Ersatzjesus sich niemals dazu verstiegen hätte, einem männlichen Mittvierziger im, sagen wir mal Porsche Cayenne, die selbe Botschaft zu überbringen. "Frau im Kleinwagen" ist eben nicht nur ein symbolischer Status. Er wirkt sich auch immer wieder verdammt real aus.

Das Blöde ist, dass man trotz aller Antennen und Sirenen mitunter über die nassforsche Unverschämtheit der Welt so verblüfft ist, dass man es in den ersten Schrecksekunden auch nach jahrzehntelangem Training mitunter nicht schafft, sich gedanklich angemessen zurechtzurütteln und aufzubäumen. Ich war zunächst sprachlos. Und mich durchzuckte stattdessen tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Hatte ich den Leuten womöglich ihren Platz gestohlen, ohne es zu bemerken? Ich starrte dem Bartträger erst unschlüssig hinterher, als er wieder zu seinem Auto stapfte...und dann gab ich meine Parklücke auf. Ich fuhr raus, und der Minibus fuhr rein.

Was ich hätte sagen sollen, ist natürlich dieses: "Gott ist tot. Und ich gehe jetzt schwimmen." Und das nächste Mal (und das kommt bestimmt) werde ich auch ganz genau das tun. So wahr mir die Göttin helfe.

NH

Sonntag, 25. Oktober 2015

Follow me around 34: Budenkoller

Ich habe es getan - ich habe mich wieder im Fitness-Studio angemeldet. Hach, wie haben sie mir gefehlt, die aufgepumpten Männer mit den Halbkörpertätowierungen und den gezupften Augenbrauen.... Nicht wirklich. Aber nun habe ich nach 20 Jahren mal wieder einen Ausweis fürs Drehkreuz.

Ich spielte laut mit dem Gedanken, in den kommenden Monaten gern ein paar Geräte für bestimmte Körperteile nutzen zu können, bräuchte aber ein Studio, das wirklich günstig da liegt, wo ich auch oft und sozusagen natürlicherweise vorbeikomme, wo es niemals, wirklich niemals Parkprobleme und vor allem großzügige Öffnungszeiten gibt. Teuer sollte es bittesehr auch nicht sein. Ich hatte da auch schon eins im Auge, und ein schwuler Bekannter sagte dann, da würde er nicht hingehen wollen, denn er habe gehört, dass sei eine echte "Muckibude" voll mit lauter hypereitlen Muskelmännern, die dort voreinander angeben würden. Und schwupp - gekauft! Wenn ich schon turnen muss, dann will ich wenigstens die passende Show dazu sehen. Tatsächlich weiß ich zufällig, dass zwei meiner verpatzten Ex-Dates dort auch Mitglied sind/waren. Einer von ihnen litt bedauernswerterweise an einer Testosteroninsuffizienz, der andere an einer Gehirnzelleninsuffizienz. Aber das Risiko, einem von ihnen dort zu begegnen, halte ich angesichts all der anderen Vorteile jetzt einfach mal aus. Überhaupt muss man ja erst einmal hingehen.

In Eile

Und dann noch: Speed Dating. Ach, geh' mir wech.

Nicht die Männer waren das Problem. Die waren nämlich zu 50% gar nicht angetreten. Hatten tatsächlich die Schwänze eingezogen und waren der Veranstaltung ferngeblieben. Doch dann begannen die Dates in meiner Altersgruppe auch noch viel zu spät und wurden kurzerhand von zehn auf fünf Minuten verkürzt, vermutlich, weil "Love Angel" Arthur auch irgendwann mal Feierabend haben wollte. Die Organisation war schlecht. So schlecht, dass wir Gutscheine für ein weiteres, kostenfreies Speed Dating in Anspruch nehmen können. Wenn wir unbedingt wollen. Ich überlege noch.

Unter den fünf Männern, die anwesend waren, waren drei durchaus freundliche Gesprächspartner, sowie eine Nervensäge ohne böse Absicht, die ich aus einem Dating-Forum vom Sehen (auf meiner Besucherliste) schon kannte. Er erkannte mich auch - das war klar, aber wir haben es lieber nicht angesprochen. Der zweite echte Flop war ein Zahnarzt, der Golftennispolo spielt, pausenlos in die exotischsten Länder reist, schnelle Autos fährt und ansonsten sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel arbeitet. Hinterher waren sich in der "Frauenlounge" (also einer Ecke in der Turmbar) alle einig - das war DER ARSCH DES ABENDS. Überhaupt - Freundinnen hätte frau auf dem Event sehr viel leichter finden können, als einen Mann. Und es war ja auch mal interessant zu sehen, mit was für Frauen ich in meiner Altersklasse so oben auf dem Single-Regal sitze. Und ja, da scheinen sie sich wirklich zu tummeln, die starken Weiber mit dem trockenen Humor ; ).

Mein letztes Fünf-Minuten-Date hatte ich übrigens mit dem - einen Tusch bitte und das Augenrollen nicht vergessen - Vertreiber eines Diätprogrammes... Der hielt mich für gefundenes Fressen und wandelte unsere Unterhaltung mit leichtfüßigem Pragmatismus in ein Verkaufsgespräch um. Seufz. Darauf kam es aber dann auch schon nicht mehr an. Zumindest war er ganz hübsch und brachte eine zum Lachen.

Nach der Veranstaltung hatte jeder 48 Stunden lang Zeit, seine Dates im Internet zu bewerten. Erstens konnte man angeben, ob und wen man gern wiedersehen würde. Und zweitens konnte man einen ganzen Fragebogen zu den anderen Personen abarbeiten und ihren Sympathiewert, das Aussehen, die Kleidung, die Körpersprache und noch irgendetwas bewerten. Von den fünf Männern hatten nur zwei von dieser Möglichkeit überhaupt Gebrauch gemacht. Von diesen beiden (und ich weiß nicht, wer sie waren, weil man diese Informationen nur bei Übereinstimmung bekommt) wollte mich einer gern treffen und einer fand offenbar, dass ich ziemlich Scheiße aussehe.

Der Gründlichkeit halber hatte ich ja zwei Termine gebucht, bei zwei verschiedenen Veranstaltern. Der zweite Termin wäre heute gewesen. Ist aber abgesagt und auf den 22. November verschoben worden. Vermutlich gab es von vornherein nicht genug männliche Anmeldungen und ich war fast froh, mich heute nicht mehr aufrüschen zu müssen.

Trotzdem, wenn ich an das Universum glauben würde, würde ich mittlerweile den Verdacht hegen, es will schlicht verhindern, dass ich jemanden neues kennenlerne.

Ein Schwein ruft mich an

Allerdings ist es ja nun in den letzten Tagen nicht wirklich so gewesen, dass ich zuwenig männliche Aufmerksamkeit bekommen hätte. Und als Krönung kriegte ich dann doch nach 20 Jahren plötzlich auch mal wieder einen "obszönen" Anruf. Nachts um zwölf - da ruft hier sonst nur noch Ilse an, denn die sieht ja immer, ob noch Licht ist. War das wohl ein Zufall nach all dem, was hier auf dem Blog vorangegangen war? I think not. 

An all die besserwisserischen Heulsusen und Spinner, die hier in den letzten Tagen vorbeigetrieben sind, und die heutzutage offenbar noch immer Bücher kaufen müssen, um überhaupt zu wissen, dass Wenigessen oft dünner macht: Immer schön die Lippen zusammenpressen, damit ihr nicht am Ende zu viel von meinem Staub schluckt!

Es sei denn, da kommt mittendrin noch ein richtig schicker und schlauer Fettliebhaber mit wedelnden Armen um die Ecke gerannt und  ruft "Neiiiin!" - dann wäre das Thin Privilege Project nämlich mit einem Schlag sowas von gestorben, das kann ich euch aber versprechen. ; )


NH

Sonntag, 11. Oktober 2015

THE THIN PRIVILEGE PROJECT - Der Auftakt

Ich bleibe dabei: Es war eine wirklich interessante Idee, sich noch ein einziges Mal und diesmal mit vollem Bewusstsein einen "Thinsuit" überzustülpen, und das Ergebnis des Projektes hätte ausgesprochen aufschlussreich und erhellend sein können.
Trotzdem habe ich es nun endgültig verworfen. Aus dem Grund, den ich bereits früher als mögliche Begründung genannt habe: Der Mann, der heutzutage in meiner Küche steht, kocht einfach viel zu gut.

(Nachtrag vom 10. Juni, 2017)

***

So dick sehen wir uns nicht wieder. Jedenfalls nicht in den kommenden Monaten.

Ich weiß, wie es ist, dick zu sein. Denn die meiste Zeit meines Lebens galt ich als dick, oder war es tatsächlich. Ich habe "a fat mind", und ich verwende einen englischen Ausdruck in Ermangelung eines treffenderen auf Deutsch. Ich werde in meiner Interaktion mit der Welt von einem inneren, dicken seelischen und weltsichtlichen Programm gesteuert. Ich sehe alles durch eine "dicke" Brille. Daran ist nicht Verwunderliches. Wer im Kindergarten seine erste Diät macht, dem ist diese naturgemäß irgendwann auf der Nase festbetoniert. Im Unterschied zu früher, weiß ich nun, dass sie da ist, und wo sie herkam.

Ich weiß tatsächlich nicht, wie es ist, dünn zu sein. Das ist mir, wie so vieles, erst in letzter Zeit klar geworden. Aber es ist wahr. Denn ich war als Dünne immer ohne Bewusstsein. Buchstäblich wie gelähmt. Im Kopf weiter dick. Weiterhin auf der Flucht vor Spiegeln, bzw. auf Kriegsfuß mit meinem Äußeren und was meine Behandlung durch andere anging, zumeist mit nach innen gerichtetem Blick und mit der Decke über den Kopf gezogen, wie ein Kind in Gespensterangst.

Ich erinnere mich schon an plötzliche Komplimente und an das Gefühl großer, unter bitterer Entbehrung erstrittener Erleichterung, die sich hauptsächlich aus der Vorstellung speiste, dass ich dünner auch nicht mehr so unangenehm auffallen würde. Stolz war ich trotz des gewonnenen Kampfes gegen meinen eigenen Körper auf mein Post-Diät-Ich in der Regel eher nicht so sehr. Und mit den Komplimenten hatte ich immer Probleme und nahm sie eher zur Kenntnis als an - für gewöhnlich mit innerlich schnaubender Indignation und dem Gedanken: "Das könnt Ihr euch jetzt auch dahin schieben, wo die Sonne nicht scheint."

Obendrein war ich als Erwachsene ohnehin nie lange genug am Stück gleich dünn, um mich im Land von Thin Privilege einzurichten und genau umzusehen, oder um überhaupt zu begreifen, dass ich dort jetzt, zumindest theoretisch, wohnte.

Das hole ich jetzt nach. Wenn ich es schaffe.

Immer wieder mal ziehen sich dünne Leute im Rahmen eines Experiments für einen Tag einen Fat Suit an. Meistens sind sie hinterher demonstrativ erschüttert über die Behandlung, die sie als künstlicher Moppel erfahren haben. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, dass der Unterschied, insbesondere in so kurzer Zeit, so deutlich und offensichtlich wahrnehmbar ist. Ich bin als Dicke im Leben wenig persönlich gehänselt oder beschimpft worden - auch als Kind nicht. Meine Erfahrung dicker Stigmatisierung war immer eher dadurch geprägt, unsichtbar zu sein, ignoriert zu oder still gemieden zu werden. Leute haben hinter meinem Rücken über mein Fett geredet. Das heißt nicht, dass es auf mich keine Auswirkungen hatte.

Ich werde nun mein eigenes Experiment machen und versuchen, mir einen Thin Suit zuzulegen. Wie anders ist es wirklich dünn(er) zu sein? Wie anders wird man behandelt? Wie wird man wahrgenommen und gespiegelt? Wie viel leichter ist es, sich Gehör zu verschaffen, sich durchzusetzen oder Zustimmung zu erwirken? Wie viel freundlicher, interessierter und aufmerksamer begegnen einem andere Menschen? Wie viel mehr kann man sich erlauben, ohne automatisch die Sympathie anderer zu strapazieren/verlieren?

Thin(ner) Privilege

Thin Privilege steht für die Existenz von Bevorzugung und Vorteilen, die Menschen erleben, weil sie dünner sind als andere. Ebenso umfasst es die Abwesenheit von Stigmatisierung und Diskriminierung, die dicke(re) Menschen im Gegensatz erfahren, weil sie eben dick(er) sind. Tatsächlich greift Thin Privilege in Abstufungen: Eine dünnere Dicke kommt eher in den Genuss von Bevorzugung als eine dickere Dicke. Thin Privilege funktioniert, wenig überraschend, ganz genau dem selben Grundsatz folgend, wie unsere fettphobische Gesellschaft/Kultur auch: Je dünner desto besser.

Mehr Informationen, Beispiele und eine gründliche Erläuterung des Konzeptes "Thin Privilege" gibt es hier: This is Thin Privilege.

Versuchsaufbau

Es geht hier nicht darum, sich doch endlich all das zu holen, was einem als dicker Menschen alles entgeht. Das Ziel ist nicht, sich Vorteile zu verschaffen, indem man sich nun doch anpasst. Das ist schon deshalb nicht so, weil ich ja gar keine rechte Kenntnis habe, was mich erwarten könnte. Wie gesagt, ich leide unter ziemlicher Amnesie, was die Außenwelt in meinen dünnen Zeiten angeht. Es geht darum, heute zu guter Letzt zu begreifen, was für Vorteile Thin Privilege überhaupt mit sich bringt, und wie weitreichend sie sind. Es geht, genau genommen, um die Einschätzung des Ausmaßes der Benachteiligung, der ich als Dicke im Alltag in sämtlichen Lebensbereichen ausgesetzt bin und war, indem ich mir die Erfahrung des Gegenteils aus erster Hand verschaffe.

Für all das muss ich abnehmen. Klar. Das an sich bedeutet ja mittlerweile keinen totalen Bruch mit meinen Grundsätzen mehr, weil ich im Bemühen, meinen Zuckerwert unter Kontrolle zu bringen, gezwungenermaßen ohnehin seit geraumer Zeit möglichst wenige Kohlenhydrate esse und mein Gewicht nach und nach reduziere. Für das Experiment wäre es allerdings günstig, etwas schneller Gewicht zu verlieren. Idealerweise sollten Leute die Veränderung plötzlich und deutlich mitbekommen und keine Zeit haben, sich graduell daran zu gewöhnen.

Wie viel dünner muss ich wohl werden, um Thin Privilege zu erleben? Nun, auch das werde ich auf diesem Wege wohl herausfinden. Ich weiß ja, wie man abnimmt. Das wissen schließlich alle Dicken. Und natürlich weiß ich alles über die Risiken. Nicht zuletzt bin ich mir über die fette Chance auf einen erneuten Clash mit Jojo sehr wohl bewusst. Und erst die Haut, oh, die Haut, die bei all dem Auf und Ab immer so leidet... Trotzdem - die Diät wird hier nicht zu Thema werden. Jedenfalls nicht im Hinblick darauf, wie ich abnehmen werde. Höchstens könnte ich die psychischen Auswirkungen stark reglementierter Ernährung thematisieren, denn auch hier gilt das, was für das Dünnsein ebenso stimmt: Ich habe nie wirklich darauf geachtet, was eine Diät mit der Seele eigentlich alles macht. Am liebsten war es mir bei Diäten natürlich immer, dass die Seele möglichst wenig Theater veranstaltet. Das ist ja auch, wie ich heute vermute, das berühmte "Klick", das es einem erlaubt, eine Diät durchzuhalten: das Klicken, wenn sich die rebellische Seele selbst ausknipst.


P.S. Und morgen nun Speed Dating. Und ich hab keine Ahnung, was ich anziehen soll. Oh Göttin...


NH

Samstag, 18. Juli 2015

Follow me around 29: Stimmengewirr



Freitagabend war doch erst gestern.

Meine Therapeutin, die auf Hochtouren gegen meine Vereinsamung anarbeitet, wenngleich auch ohne maßgebliche Unterstützung von mir, will, dass ich "den Plan, Liebe zu finden" nicht aufgebe, bzw. wiederaufnehme. Ich werde bei dem Gedanken nur unendlich müde und traurig. Trotzdem habe ich heute Nachmittag aus einem Stapel Flohmarktbücher, die im Flur liegen, einen angegilbten Dating-Ratgeber wieder herausgezogen: "Jeder Fisch ist schön, wenn er an der Angel hängt" von Susanne Fröhlich und Constanze Kleis. Von 2002. Ich habe es selbst im letzten Jahr in einem Antiquariat gekauft - eigentlich, weil ich, wie immer bei solchen Büchern, dachte, es wäre eine gute Quelle für Satire. Aber mir war heute nicht mehr so recht zum Lachen. Natürlich steht in diesen Büchern immer das gleiche: 1. Ansprüche zurückschrauben. Und zwar so weit wie möglich. 2. Positiv sein. Und offen, offen, offen. 3. Unter Menschen gehen. Und das so viel wie möglich. Das alles sagt meine Therapeutin auch. Aber das alles liegt natürlich ganz und gar nicht in meiner Natur. Und damit schließt sich der Kreis. Die Vorbesitzerin hat 2002 ihren Namen auf die Innenseite des Covers geschrieben. Ob sie wohl im letzten Jahrzehnt angeleitet von Susanne Fröhlich einen dicken Fang gemacht hat?

Die Autorinnen empfehlen außerdem, nicht nur deshalb Orte außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen, weil sich dort womöglich viele Kerle herumtreiben (wie z.B. ein Fußballstadium oder einen Golfplatz), sondern weil man auch gern an diesen Orten ist. Wenn es dann nichts mit der Männerbekanntschaft wird (und das ist ziemlich wahrscheinlich), hat man wenigstens trotzdem ein wenig Spaß gehabt. Damit ist es erst recht besiegelt - ich bleibe für immer alleinstehend mit Katze. Denn wenn man in Museen, bei nächtlichen Kinovorstellungen und in Schuhgeschäften interessante Männer kennenlernen würde, dann wüsste ich das inzwischen.

Insgesamt habe ich Ratgeber-Burnout. Ich weiß ohnehin alles besser. Ich wurde alt geboren und bin mittlerweile naturgemäß steinalt. Ich kann selbst Ratgeber schreiben...ach stimmt ja, das habe ich bereits. Der gehört übrigens auch in den Flohmarktstapel.

Wobei,...

...seit ich blond bin, gehen mir Männer überall aus dem Weg...im Sinne von "Platz machen". Im Auto lassen Sie mich plötzlich vor ihnen abbiegen oder die Spur wechseln. Und im Supermarkt, wenn sich die Wege unserer Einkaufswagen kreuzen, weichen sie aus oder halten an. Sie nicken mir zu und lassen mich in den Fahrstuhl vorgehen. Offenbar macht mich die neue Haarfarbe sehr viel sichtbarer. So komme ich plötzlich wieder vermehrt in den Genuss allgemeiner Höflichkeiten, die ich eigentlich nicht mehr kannte. Und das macht mich wirklich, wirklich...verdammt sauer. Es gibt Klischees, die sind so absurd und ärgerlich - die dürften einfach nicht stimmen...Es könnte natürlich auch sein, dass ich mich selbst mit der neuen Haarfarbe so verändert habe, dass ich allein dadurch bei anderen Leuten entsprechend neuartige Reaktionen hervorrrufe. An sowas glaube ich ja bekanntlich nicht so recht. Aber neugierig wäre ich schon, zu erleben, was ich erst für Veränderungen in der Beziehung zwischen mir und meiner Umwelt beobachten könnte, wenn ich mit heutigem Blick und Wissen noch einmal mit einem normschlanken Körper (und blond) durch die Weltgeschichte laufen würde...Thin Privilege* noch einmal bewusst und vor dem Hintergrund der zur Genüge gemachten gegenteiligen Erfahrung wahrzunehmen, das wäre vermutlich ein ausgesprochen erhellendes und gleichzeitig zutiefst deprimierendes Experiment. Wenn man feststellt, dass alles, was man über die Oberflächlichkeit der anderen lieber nicht so recht glauben wollte, doch stimmt - das muss echt fürchterlich sein.

Dass in meinem Fall "dick und blond" allerdings noch immer in der Hauptsache "dick und mittelalt" ist, habe ich im Zuge des unerwarteten Vorgelassenwerdens auch mitbekommen. Ich glaube, ich habe noch nie die männliche Abscheu gegen die dicke Frau, die ich bin, so deutlich gespürt, wie bei dem Schnösel, der mir eine Tür aufhalten musste, weil sein Kollege mir zuvor woanders den Vortritt gelassen hatte. Da musste er mitziehen, um nicht wie ein unerzogener Arsch dazustehen - und fand mich so widerwärtig, dass ich es schier riechen konnte, als ich an ihm vorbeiging.

Aber wo ich gerade bei Thin Privilege bin...

Beim Surfen durch deutsche Fettakzeptanz-Blogs bin ich auf einen ein paar Tage alten Fernsehbeitrag über die Curvy Modemesse gestolpert (ZDF, Hallo Deutschland). Der Bericht war fünf Minuten lang und zeigte mehrere kurze Interviews mit dicken Modebloggerinnen, einer Designerin und einem Model für große Größen. Und diese Gespräche wiederum enthielten so viele fettphobische Spitzen, dass ich schon wieder mal meinen fleischigen Ohren (kein Witz übrigens, die habe ich von meinem Vater geerbt) kaum trauen konnte/wollte. Die Selbstverständlichkeit, mit in der in der Branche offenbar unablässig Publikumsbeschimpfungen stattfinden, ist mir absolut rätselhaft. Denn mich hat dieser Umstand bereits wiederholt dazu gebracht, lieber nichts zu kaufen. Wie gut für Anna Scholz und ihre Kollegen, dass die meisten anderen Kundinnen das scheinbar nicht annähernd so eng (ha!) sehen, wie ich alte Meckerziege. Denn die Anna hat nach eigener Aussage "ihre Schwäche" (eine große Kleidergröße) zu einer Stärke gemacht. Eine Bloggerin gibt zu bedenken, dass die Models, die die Mode auf der Messe präsentieren, zwar Plus-Size-Models sind, weil sie ja immerhin Größe 40 oder 42 tragen, aber eigentlich "keine übergroßen Models" sind, weil sie ja "wunderschöne Proportionen" und einfach eine "tolle Figur" haben. Bei Größe 40/42 ist also noch nicht alles "sooo schlimm". Von einer anderen Bloggerin will die Interviewerin wissen, wie sie nun eigentlich ihre "Pölsterchen versteckt", woraufhin diese prompt darauf hinweist, dass eine bestimmte Rockform sehr hilfreich ist, wenn es darum geht, zu "kaschieren". Das Model Caterina Pogorzelski findet allerdings generell: "Man sieht nicht oft irgendwie ne übergewichtige Frau, die gut gestylt ist, gut zurecht gemacht ist." Das im Kern zumeist zutiefst fettphobische Gebaren von Modefirmen, die sich zwar auf große Größen spezialisiert haben, aber ihre eigenen Kundinnen pausenlos ermuntern, sich wegzukaschieren und ihre große Mode verlogenenerweise noch immer mehrheitlich an vergleichsweise dünnen Models präsentieren, könnte mich, glaube ich, eines schönen Tages durchaus so wütend machen, dass ich womöglich abnehmen würde, nur um ihnen kein Geld mehr zu geben und mich nie mehr mit ihnen und ihren spießigen Katalogen auseinandersetzen zu müssen. 

So. Und nun ist schon wieder Samstag. Bevor ich gehe - wie wäre es mit einer schnellen Runde Plus-Size-Bullshit-Bingo: Curvy, kurvig, kaschieren, mollig, starke Frauen, Pölsterchen, Formen, Problemzonen, wegzaubern, verstecken, strecken, ablenken, betonen, mildern, Rundungen, weiblich, weich, schmeichelhaft, Vollweib, Rubensfrau, Lebensfreude, mogeln, schummeln, wegzaubern, ein paar Kilos zu viel, fließend...wer macht weiter? ; )



*Die Abwesenheit negativer Reaktionen, Bewertung und Diskriminierung durch die Umwelt, die zur grundsätzlichen und durchgängigen Lebenserfahrung Dicker gehören.


NH