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Sonntag, 25. Oktober 2015

Follow me around 34: Budenkoller

Ich habe es getan - ich habe mich wieder im Fitness-Studio angemeldet. Hach, wie haben sie mir gefehlt, die aufgepumpten Männer mit den Halbkörpertätowierungen und den gezupften Augenbrauen.... Nicht wirklich. Aber nun habe ich nach 20 Jahren mal wieder einen Ausweis fürs Drehkreuz.

Ich spielte laut mit dem Gedanken, in den kommenden Monaten gern ein paar Geräte für bestimmte Körperteile nutzen zu können, bräuchte aber ein Studio, das wirklich günstig da liegt, wo ich auch oft und sozusagen natürlicherweise vorbeikomme, wo es niemals, wirklich niemals Parkprobleme und vor allem großzügige Öffnungszeiten gibt. Teuer sollte es bittesehr auch nicht sein. Ich hatte da auch schon eins im Auge, und ein schwuler Bekannter sagte dann, da würde er nicht hingehen wollen, denn er habe gehört, dass sei eine echte "Muckibude" voll mit lauter hypereitlen Muskelmännern, die dort voreinander angeben würden. Und schwupp - gekauft! Wenn ich schon turnen muss, dann will ich wenigstens die passende Show dazu sehen. Tatsächlich weiß ich zufällig, dass zwei meiner verpatzten Ex-Dates dort auch Mitglied sind/waren. Einer von ihnen litt bedauernswerterweise an einer Testosteroninsuffizienz, der andere an einer Gehirnzelleninsuffizienz. Aber das Risiko, einem von ihnen dort zu begegnen, halte ich angesichts all der anderen Vorteile jetzt einfach mal aus. Überhaupt muss man ja erst einmal hingehen.

In Eile

Und dann noch: Speed Dating. Ach, geh' mir wech.

Nicht die Männer waren das Problem. Die waren nämlich zu 50% gar nicht angetreten. Hatten tatsächlich die Schwänze eingezogen und waren der Veranstaltung ferngeblieben. Doch dann begannen die Dates in meiner Altersgruppe auch noch viel zu spät und wurden kurzerhand von zehn auf fünf Minuten verkürzt, vermutlich, weil "Love Angel" Arthur auch irgendwann mal Feierabend haben wollte. Die Organisation war schlecht. So schlecht, dass wir Gutscheine für ein weiteres, kostenfreies Speed Dating in Anspruch nehmen können. Wenn wir unbedingt wollen. Ich überlege noch.

Unter den fünf Männern, die anwesend waren, waren drei durchaus freundliche Gesprächspartner, sowie eine Nervensäge ohne böse Absicht, die ich aus einem Dating-Forum vom Sehen (auf meiner Besucherliste) schon kannte. Er erkannte mich auch - das war klar, aber wir haben es lieber nicht angesprochen. Der zweite echte Flop war ein Zahnarzt, der Golftennispolo spielt, pausenlos in die exotischsten Länder reist, schnelle Autos fährt und ansonsten sehr, sehr, sehr, sehr, sehr viel arbeitet. Hinterher waren sich in der "Frauenlounge" (also einer Ecke in der Turmbar) alle einig - das war DER ARSCH DES ABENDS. Überhaupt - Freundinnen hätte frau auf dem Event sehr viel leichter finden können, als einen Mann. Und es war ja auch mal interessant zu sehen, mit was für Frauen ich in meiner Altersklasse so oben auf dem Single-Regal sitze. Und ja, da scheinen sie sich wirklich zu tummeln, die starken Weiber mit dem trockenen Humor ; ).

Mein letztes Fünf-Minuten-Date hatte ich übrigens mit dem - einen Tusch bitte und das Augenrollen nicht vergessen - Vertreiber eines Diätprogrammes... Der hielt mich für gefundenes Fressen und wandelte unsere Unterhaltung mit leichtfüßigem Pragmatismus in ein Verkaufsgespräch um. Seufz. Darauf kam es aber dann auch schon nicht mehr an. Zumindest war er ganz hübsch und brachte eine zum Lachen.

Nach der Veranstaltung hatte jeder 48 Stunden lang Zeit, seine Dates im Internet zu bewerten. Erstens konnte man angeben, ob und wen man gern wiedersehen würde. Und zweitens konnte man einen ganzen Fragebogen zu den anderen Personen abarbeiten und ihren Sympathiewert, das Aussehen, die Kleidung, die Körpersprache und noch irgendetwas bewerten. Von den fünf Männern hatten nur zwei von dieser Möglichkeit überhaupt Gebrauch gemacht. Von diesen beiden (und ich weiß nicht, wer sie waren, weil man diese Informationen nur bei Übereinstimmung bekommt) wollte mich einer gern treffen und einer fand offenbar, dass ich ziemlich Scheiße aussehe.

Der Gründlichkeit halber hatte ich ja zwei Termine gebucht, bei zwei verschiedenen Veranstaltern. Der zweite Termin wäre heute gewesen. Ist aber abgesagt und auf den 22. November verschoben worden. Vermutlich gab es von vornherein nicht genug männliche Anmeldungen und ich war fast froh, mich heute nicht mehr aufrüschen zu müssen.

Trotzdem, wenn ich an das Universum glauben würde, würde ich mittlerweile den Verdacht hegen, es will schlicht verhindern, dass ich jemanden neues kennenlerne.

Ein Schwein ruft mich an

Allerdings ist es ja nun in den letzten Tagen nicht wirklich so gewesen, dass ich zuwenig männliche Aufmerksamkeit bekommen hätte. Und als Krönung kriegte ich dann doch nach 20 Jahren plötzlich auch mal wieder einen "obszönen" Anruf. Nachts um zwölf - da ruft hier sonst nur noch Ilse an, denn die sieht ja immer, ob noch Licht ist. War das wohl ein Zufall nach all dem, was hier auf dem Blog vorangegangen war? I think not. 

An all die besserwisserischen Heulsusen und Spinner, die hier in den letzten Tagen vorbeigetrieben sind, und die heutzutage offenbar noch immer Bücher kaufen müssen, um überhaupt zu wissen, dass Wenigessen oft dünner macht: Immer schön die Lippen zusammenpressen, damit ihr nicht am Ende zu viel von meinem Staub schluckt!

Es sei denn, da kommt mittendrin noch ein richtig schicker und schlauer Fettliebhaber mit wedelnden Armen um die Ecke gerannt und  ruft "Neiiiin!" - dann wäre das Thin Privilege Project nämlich mit einem Schlag sowas von gestorben, das kann ich euch aber versprechen. ; )


NH

Sonntag, 24. Mai 2015

Proseminar Selbstakzeptanz für Dicke


Fimo-Vagina - eines meiner "entweder du verwendest den Kram JETZT, oder er kommt weg"-Werke. Die Masse war schon ganz bröckelig, aber ich bin froh, dass ich diese Vagina noch  geknetet habe - sie steht für die Freude am Körper, die entsteht, wenn man neu  und mutig hinsieht, Grenzen und Tabus im Kopf überwindet, unbekanntes Land endlich richtig kennen lernt und sich selbst zurückerobert.

11 Programmpunkte auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz und zu einem friedlicheren Zusammenleben mit dem eigenen, dicken Körper:


1. Den eigenen Körper wahrnehmen / kennenlernen

Wie gut hast du dir deinen dicken Körper überhaupt in der letzten Zeit / den letzten Jahren angesehen? Weißt du ganz sicher, wie dein nackter Rücken aussieht? Kennst du deine Oberarme wirklich? Oder deine Knie? Die Unterseite des Busens? Den Verlauf der Dehnungstreifen und Krampfadern? Wie ist es mit der Innenseite der Oberschenkel? Oder der Poritze? Oder den Achseln?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers ist der erste Schritt zu dicker Selbstakzeptanz. Dazu sind mehrere größere und kleinere Spiegel natürlich hilfreich. Ich selbst habe mich am Anfang meiner Reise von allen Seiten fotografiert und gefilmt - auch die Stellen, die schwerer zugänglich sind. Es kann übrigens auch nicht schaden, sich mal so richtig zu beschnuppern.

Wer besonders gründlich sein will, kann ein kurzes "Reisetagebuch" führen: Wie sieht es aus in den Achseln? Sind da Narben vom Rasieren, von denen man nichts wusste? Ist die Farbe der Haut etwas dunkler? etc.

Der Zweck der Übung ist folgender: Man kann nur wirksam akzeptieren, was man auch kennt. Außerdem stehen die Chancen gut, dass diese Art der Betrachtung aus dem gefühlt unförmigen, unbekannten Monsterkörper wieder einen guten Bekannten macht, der ganz bestimmt nicht überall so grauslich ist, wie man ihn für lange Zeit zuvor verbucht hat. Selbst das, was man nicht schön findet, verdient es, betrachtet und beschrieben zu werden. So wie man es auf einer tatsächlichen Reise auch tut.

Das Beste: Man gewöhnt sich an den Anblick der eigenen dicken Körperlandschaft, wenn man sie regelmäßig wahrnimmt. Der Anblick wird "normal". Und was wir "normal" finden, TATATAAA, finden wir automatisch irgendwann auch nicht mehr hässlich.

2. Vorbilder suchen

Einige Jahre bevor ich mich entschied, mich dem Schlankheitsterror zu entziehen, saß ich in einem Café und der Kaffee wurde von einer wirklich coolen, hübschen, jungen und sehr dicken Kellnerin serviert. Sie war tätowiert und hatte ein paar Piercings im Gesicht. Sie hatte braune, hochgezwirbelte Haare, einen sehr großen Busen unter dem engen, weißen T-shirt und trug abgewetzte Birkenstock-Sandalen. Ihre Fußnägel waren dunkel lackiert.Sie war nicht einmal besonders freundlich, sondern eher ein wenig genervt. Aber sie war vermutlich (und leider) die allererste dicke Frau, bei der ich die Körperfülle nicht als störend empfand, sondern als stimmiges und dazugehöriges Merkmal ihrer Erscheinung. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mutter sagte: "Die ist aber hübsch." Und meine Mutter drehte sich ein wenig überrascht um, guckte und sagte dann: "Ja, stimmt." Und ich dachte damals: "Wenn es möglich ist, dick und cool zu sein - warum schaffe ich das nicht?" Ich erinnere mich an all das so genau, weil ich tatsächlich einen Tagebucheintrag über die Begegnung verfasst habe - auf meinem Blackberry (so lange ist das schon her), noch während ich dort am Tisch saß. Trotzdem war ich gedanklich noch immer im Diät-Modus.

Das Internet ist eine ganz besonders gute Quelle, um sich dicke Vorbilder zu suchen und zu finden. Fatshion- und Fettakzeptanzblogs und- vlogs sind voll mit dicken, schicken und mutigen Frauen, die öffentlich interessante Dinge tun und wissen. Auch die Zahl dicker Popkultur-Vorbilder hat in den letzten Jahren zugenommen - ich persönlich verdanke ja Beth Dito und Melissa McCarthy eine ganze Menge.

Wenn man sich mit attraktiven, dicken Vorbildern / Bildern umgibt, passieren drei Dinge: Man gewöhnt sich daran, dass dicke Körper überhaupt auf positive Weise sichtbar gemacht und in den Vordergrund gerückt werden. Der eigene, innere Richter verändert seine Kriterien, und man gewöhnt sich an die Idee, dass dick gut/erfolgreich/schön/etc. ist. Das führt irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass das eigene Fett auch schön und erfolgreich sein kann.

3. Andere dicke Körper wahrnehmen

Andere dicke Körper im wahren Leben oder in Büchern und im Internet zu betrachten, ist ein sinnvolle Übung, weil man feststellt, dass es natürgemäß recht viele Ähnlichkeiten gibt. Und an anderen Körpern findet man Dehnungstreifen mitunter weniger "unansehnlich", als an sich selbst. Dabei sind es im Prinzip die gleichen Streifen. Wieder geht es um eine Veränderung der Perspektive hin zu "Normalität". Wer sich regelmäßig andere Körper, die gängigen Schönheitsstandards nicht entsprechen, genau ansieht, stellt fest, dass es "normal" ist, diesen Standards nicht zu entsprechen.

4. Lesen, Lesen, Lesen

Teil meines Einstiegs in die dicke Selbstakzeptanz war die eifrige Lektüre von einschlägigen Blogs und Büchern zum Thema Fettakzeptanz, die mich dankenswerter Weise und üppig mit Strategien, Informationen und moralischer Unterstützung versorgt haben. Leider ist Fettakzeptanz bisher kein wirklich großes Thema in Deutschland, so dass die folgende kurze Liste mit "Klassikern" zum Thema ausschließlich auf Englisch zu haben ist.

Lesley Kinzel: Two Hole Cakes

Virgie Tovar (Hrsg.): Hot & Heavy

Golda Poretsky: Stop Dieting Now

Wendy Shanker: The Fat Girl's Guide to Life

Marilyn Wann: Fat!So?

Rebecca Jane Weinstein: Fat Sex

Kate Harding, Marianne Kirby: Lessons from the Fat-O-Sphere

5. Sex

Ich habe immer wieder beschrieben, was für eine große Hilfe die Begegnung mit Fettliebhabern dabei war, meinen dicken Körper selbst schön zu finden und mich auch in sexueller Hinsicht nicht mehr für ihn zu schämen, sondern regelrecht stolz auf ihn zu sein. Kontakt zu gutaussehenden, respektvollen und leidenschaftlichen Fettliebhabern findet frau im Internet in der Regel ohne große Schwierigkeiten. Natürlich sind gesunder Menschenverstand, konsequente Selbstfürsorge und Klarheit über die eigenen Wünsche und Grenzen, sowie angemessene Gründlichkeit bei der Auswahl immer essentielle Voraussetzungen beim Online-Dating.

Es lohnt sich sehr, Sex mit jemandem zu haben, der den oftmals lang schamhaft verhüllten und diffarmierten Körper einfach nur super findet. Es ist eine unbezahlbare Erfahrung, die ich jeder von unserer fettphobischen Kultur entmutigten Frau wünsche.

Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der das Gegenüber eine im Grunde negative/neutrale Einstellung zum Fett hat, sollte die Sache unbedingt auf den Tisch bringen. Partner, die einem nicht das Gefühl geben, dass man attraktiv ist, sind nicht gut. Für niemanden! Und ganz besonders nicht für jemanden, der um Selbstakzeptanz kämpft.

In einigen, komplett anders gelagerten Fällen könnte sich bei einem offenen Grundsatzgespräch herausstellen, dass der Partner das Fett lieber mag, als man selbst geglaubt hat. Das ist dann ja auch mal gut zu wissen. ; )

6. Intuitives Essen

Dicke Selbstakzeptanz und Diät-Programme schließen einander aus. Ich kann nicht mit einem Bein im Diät-Land stehen bleiben, wenn ich eine wirkliche Veränderung meines Lebens und meiner Einstellung zu mir selbst erreichen will. Diäten scheitern. Scheitern fühlt zu Schuldgefühlen, und Schuldgefühle fahren das Selbstwertgefühl in den Keller. Das kann man sich auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz schlicht nicht leisten.

Dicke Selbstakzeptanz heißt, sich heute für den Körper zu entscheiden, den man heute hat, und fortan gut zu ihm zu sein. Das bedeutet, ihn nicht mehr mit Verachtung zu strafen und ihn gedanklich zu beschimpfen. Das Bedeutet aber auch, ihn nicht mehr phasenweise hungern zu lassen, oder mit klumpigen Weight-Watchers-Fertiggerichten zu quälen.

Ich habe ja, wie berichtet, sehr gute Erfahrungen mit "intuitivem Essen" gemacht. Die Regeln des intuitiven Essens sind sehr einfach: Iss das, was du willst, wann du es willst und höre auf, wenn du satt bist. Nein, man wird sich in Zukunft nicht nur von Kartoffelchips ernähren. Das ist die Erfahrung so ziemlich aller intuitiven Esserinnen, von denen ich gelesen oder mit denen ich gesprochen habe: Wer isst, was er will, stellt fest, dass der Körper sehr viele verschiedene Sachen will, wenn er alles haben DARF. Und nein, er wird auch bestimmt nicht so groß wie ein Zeppelin, weil ein Körper, der alles essen darf, keine Angst vor Hungersnöten hat, und außerdem nicht durch Schuldgefühle bei jedem Bissen gestresst ist, gar nicht mehr alles essen WILL.

7. Sich endlich Wut gestatten und Angriffe abwehren

Angreifer lauern überall. Ich habe sogar schon von meinen Fettliebhabern gesagt bekommen, dass sie ein wenig auf ihre Figur achten müssen und lieber keinen Apfelkuchen wollen. Freundinnen und Kollegen jammern auch gern über ihre schier unförmigen Körper, während man dick daneben steht. Verwandte und Partner werden leicht mal etwas deutlicher und persönlicher, wenn es darum geht, das Fett von Angehörigen zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Und offenbar gibt es auch Idioten auf freier Wildbahn, die einen im Supermarkt über Ernährung belehren wollen, die Beleidigungen über die Straße schreien oder am Nebentisch tuscheln. Ärzte können ja auch oft nur schwer mit ihren Vorurteilen hinterm Berg halten.

Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass man eine solch respekt- und oft gedankenlose Behandlung durch die Umwelt NICHT VERDIENT. Die anderen sind die, die falsch liegen. Sie haben die Regeln einer fettphobischen Gesellschaft so stark verinnerlicht, dass ihnen Feingefühl und Kinderstube in den beschriebenen Situationen offenbar komplett abhanden kommen. Und das muss man nicht hinnehmen. Das muss man ansprechen.

Man könnte damit beginnen, das Gegenüber in ruhigem Ton darüber zu informieren, dass man sich in Zukunft nicht mehr über die Bekämpfung von Fett auseinandersetzen wird, weil man sich so OK findet, wie man ist. Man kann auch (Fremden) mitteilen, wie mies man sich eigentlich jedes Mal fühlt, wenn jemand negative Bemerkungen über Dicke macht. Eine anschließende Diskussion ist übrigens nicht nötig und auch nicht wünschenswert. Tatsächlich fordert man hier nämlich nur die Einstellung eines Verhaltens, das man niemals so lange hätte aushalten sollen.

Man kann sich alternativ auch über die Angreifer lustig machen - man kann z.B. der jammernden Freundin zustimmen, wenn sie wieder über ihre Oberarme nörgelt und sie ausfragen, was sie denn nun endlich dagegen zu tun gedenkt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie was merkt.

Wer sich im Ringen um Selbstakzeptanz so richtig weit zurückgeworfen fühlen will, muss neben allem anderen natürlich nur den Fernseher einstellen, oder eine Zeitschrift aufschlagen. Mainstream-Medien sind etwas, das man als Dicker im Interesse des eigenen Selbstbewusstseins ohnehin nur sehr sorgfältig ausgewählt nutzen sollte. Und dabei sollte man gedanklich immer seine kugelsichere Weste tragen.

8. Regelmäßige Angreifer aussortieren

Manchmal dauert es etwas, bis das Umfeld begreift, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Bemerkungen über Diäten und Fett gehen vielen Menschen reflexartig über die Lippen, und oft fällt es ihnen ausgesprochen schwer, damit aufzuhören - selbst wenn sie es wollen. Wenn sie verstehen, worum es geht und sich bemühen, ist schon sehr viel gewonnen. Bei allen, die das nicht tun, muss man sich irgendwann fragen, wie viel Zeit man noch mit ihnen verbringen kann. Dicke Selbstakzeptanz ist schwer und kein Spiel, und es hängt viel davon ab.

9. Mit anderen Dicken kommunizieren

Der Austausch mit anderen "Betroffenen" hilft immer! Dicke Biographien ähneln sich oft auf erstaunliche Weise, und es ist keine Neuigkeit, dass es schlicht gut tut, zu wissen, dass man mit seinen negativen Erfahrungen nicht allein ist. Auch hier dürfte das Internet wieder eine bevorzugte Anlaufstelle sein, aber es gibt natürlich auch analog dicke Stammtische, Selbsthilfegruppen etc.. Ich selbst trage mich ja auch immer noch mit dem Gedanken, irgendwann einen "Club der dicken Damen" zu gründen.

10. Den Kleiderschrank überarbeiten

Ein Kleiderschrank, der voll ist mit Kleidern, die einem erst in schlanker Zukunft passen, ist voll mit Schuld und Versagen und Negativität - egal wie schön die Kleider sind. Weg damit! Die Umgestaltung meiner Garderobe war ein ganz entscheidender Schritt für mich. Schöne Kleidung, die man gern anzieht, ist Wertschätzung, die der Körper endlich verdient hat. Ich habe heute (fast*) nur noch Kleidungsstücke im Schrank, die ALLE der folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Ich finde sie schön.
2. Sie passen mir gut.
3. Sie sind bequem.
4. Sie sind heil**.

Mein Ziel war/ist es außerdem, mich bei meiner Kleiderwahl zukünftig "mehr zu trauen" (enger, bunter, ausgefallener), und dadurch sichtbarer zu werden. Denn öffentliche Sichtbarkeit ist für Dicke oft eine regelrechte Mutprobe. Und eine wichtige Übung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.

*Bis auf ein paar Erb- und Erinnerungsstücke.

**Das ist in der Tat eine große Sache, denn ich habe ja schon mal über die Hosen mit den zerschrabbelten Stellen zwischen den Oberschenkeln gesprochen, und wie schmerzhaft das werden kann.

11. Aktiv werden (in jeder Hinsicht)

All die vorangegangenen Punkte erfordern, dass man den Mut zusammennimmt, den es braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist das aber etwas, was man trainieren kann, und was bei regelmäßiger Übung immer leichter wird. Man sollte dann bei den oben beschriebenen Punkten auch nicht Halt machen. Man sollte sich und seinen dicken Körper ins Leben stürzen, und sich immer mehr trauen. Etwas, was vielen Dicken große Schwierigkeiten macht, ist z.B. der Gang ins öffentliche Schwimmbad. Vermeidung ist nur selten eine befriedigende Lösung.

Aber weil man sich selbst schneller akzeptieren wird, als die Umwelt, muss man als dicker Mensch auch in Zukunft oft Mut aufbringen, um öffentlich das zu tun, was man will: Schwimmen, Tanzen, Vorträge halten, bunte Hüte tragen, seine Meinung sagen, Eis essen. Aber man muss es tun, weil man das Leben nicht vermeiden kann, ohne es zu vertun.

Wie gesagt: Es wird alles leichter. Selbstakzeptanz führt zu mehr Mut, und mehr bestandene Mutproben zu noch mehr Selbstakzeptanz.


NH

Samstag, 21. März 2015

So ziemlich



"Du bist ziemlich dick. Darf Dein Partner denn auch ziemlich dick sein ? Oder betreibst Du hier eine Art von Doppelmoral ?"(Nachricht an mich, erhalten bei finya.de am 20.03. um 18.05 Uhr von einem Mitglied mit dem Profilnamen "Firstforward", nach eigenen Angaben 44 Jahre alt, Profil ohne Foto - die liebe ich ja ohnehin immer ganz besonders.)


Man könnte weinen. Wenn es nicht so komisch wäre. Und ja - es wird wirklich höchste Zeit, Worten auch Taten folgen zu lassen und endlich alle meine Profile auf Dating-Plattformen platt zu machen, bevor sie mich doch noch schaffen.  
Natürlich habe ich Fuckfucker oderwieauchimmer nicht direkt geantwortet, sondern habe ihn nur geblockt. Aber ich werde seine Frage beantworten. Hier. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass sie vielen auf den ersten Blick gar nicht so abwegig und anmaßend vorkommt, wie sie tatsächlich ist. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele Leute unbedarfterweise sagen würden, dass man "sowas" doch durchaus auch mal fragen dürfen muss.
Also:
Erstens: Dicke haben selbstverständlich keinerlei Verpflichtung, andere Dicke attraktiv zu finden. Schon gar nicht als potentielle Partner. So wie für jemanden mit blauen Augen oder langen Haaren oder großen Füßen ganz sicher keine Obligation besteht, sich zu Partnern mit blauen Augen, langen Haare oder großen Füßen hingezogen zu fühlen. Im Hinblick auf Vorlieben bei der Partnerwahl Moral ins Spiel zu bringen (so es sich nicht um Pädophilie handelt), passiert meiner Erfahrung nach nur Menschen, die noch viel, viel, viel verbitterter sind als ich. Wir alle sind jedoch sehr wohl dazu verpflichtet, andere nicht auf der Basis körperlicher Eigenschaften herabzusetzen, zu diskriminieren und ihrer Würde zu berauben.
Zweitens bin ich tatsächlich nicht dumm genug, um nicht ziemlich genau zu verstehen, was der unsympathische Steller der vorangestellten Frage tatsächlich gemeint hat: Der Frager findet schlicht, dass Dicke hässlich sind. Um sich überhaupt mit ihnen abzugeben, muss man in seinem Universum schon ganz gehörig Toleranz und Milde mitbringen, um dann erfüllt von Edelmut über die ekelerregende Hülle hinwegzusehen und sich womöglich für innere Werte zu interessieren. Und wenn Dicke einen solch enormen Kraftakt von anderen verlangen, werden sie ja wohl bereit sein, diesen ebenfalls auf sich zu nehmen. Was da außerdem ganz deutlich mitschwingt ist dieses: Wer hässlich ist, kann nicht einfach ankommen und womöglich mehr verlangen, als ihm zusteht. Denn es steht Hässlichen nun einmal nicht viel zu. Am besten bleiben sie also ohnehin gleich unter sich.
Tja. Was soll man dazu sagen? Zunächst siehe natürlich „Erstens“. Und dann erlaube ich mir, hier auf einen offensichtlichen und zutiefst egozentrischen, aber natürlich oft gemachten Denkfehler hinzuweisen: Denn das, was ich selbst hässlich finde, muss noch lange nicht für den Rest der Welt auch hässlich sein…Aber natürlich war ich all meinen Fettliebhabern immer ausgesprochen dankbar, dass sie sich so großzügig überwunden haben, mir ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken, obwohl sie selbst so gar nicht dick und hässlich waren. ; ) Allerdings ist es ja auch längst kein Geheimnis mehr, dass ich dieser Tage sehr viel mehr Probleme habe, meine inneren Werte dauerhaft an den Mann zu bringen, als meine äußeren.
Damit drittens keiner auf die verwirrte, nörgelnde Idee kommt, ich würde mich vor einer persönlichen Antwort drücken: Klar könnte mein Partner dick sein. Er könnte aber auch muskulös oder dünn sein. Denn ich gucke zuerst in Gesichter und Augen. Und dann auf Hände. Dann kommt die Stimme. Der Geruch. Und dann das Gehirn. Wenn ich all das wirklich will, will ich vermutlich auch den Rest. Denn das ist dann ohnehin schon ein Lottogewinn.
Und viertens habe ich das dringende Bedürfnis, vorzuschlagen, dass Idioten endlich unter sich bleiben sollten. Zu ihrem eigenen Besten. Denn dann müssen sie auch unter dem Rest von uns nicht immer so schrecklich leiden.

NH

Sonntag, 1. März 2015

Follow me around 17: Klimawandel


Tatsächlich ist die Überschrift dieses Blogposts irreführend. Denn echten Wandel gibt es hier nicht. Alles ist wie immer. Das ist ja das Schlimme. Sogar das Abendessen ist mir schon wieder angebrannt. Ich sollte sie wirklich nur noch einmal blitzeblank überpolieren, und dann nie, nie, nie wieder benutzen. Diese verdammte Küche. Ich spiele ja ohnehin schon so lange mit dem Gedanken, mich nur noch von Blaubeeren, Joghurt und Baileys zu ernähren.

Allerdings ändert sich das Klima im Kopf. Es wird rauer. Als Frau E. aus B. mir in einem ihrer Kommentare schrieb, dass man sich als "Leserin, die mit ihrer Protagonistin mitfühlt, natürlich auch mal das ein oder andere (Zwischen)-Happy-End" wünscht, wusste ich ganz genau, was sie meinte. Was bei ihr aber Bedauern war, ist bei mir ein schon länger grummelnde Unzufriedenheit mit dem Blog und vor allem mit mir selbst, weil halt nichts Aufregenderes zu berichten ist. Fast könnte man es als bloggerische Sinnkrise bezeichnen. Auch weil ich gefühlsmäßig ohnehin wenig bewege.Während andere Fettakzeptanz-Blogger, gleichwohl hauptsächlich im englischsprachigen Ausland, immer wieder berichten, wie sie mit fettphobischer Besserwisserei und Bösartigkeit überschüttet werden, gelingt es mir hier nicht einmal, die Gemüter so zu erhitzen, dass mir ein paar Trolle gelegentlich ein paar Schimpfwörter ins Poesiealbum tippen. Nicht ein einziges Mal hat man mir so richtig wutentbrannt vorgeworfen, ich würde einen ungesunden Lebensstil propagieren und damit meine Leserinnen mit ins Unglück reißen. Wenig Kontroverse, wenig Ehre? Wer weiß.

Ach, ja...nicht einmal für einen impulsiven Sofakauf hat es gereicht. Dieses wäre das erste Sofa meines Leben gewesen - wären im Augenblick etwas mehr Schwung und weniger Zukunftssorgen im Spiel:


Zu allem Überfluss geht mir in letzter Zeit immer mal wieder das wirklich Blödeste, was einer dicken Feministin einfallen kann, durch den Kopf: Nimm schneller und mehr ab, vielleicht findest du dann doch endlich einen Partner. Also einen Mann, den du in deinem Leben willst, und der dich in seinem auch will. Und triffst nicht nur auf Fettliebhaber, die tatsächlich in letzter Konsequenz doch nur dicken Sex wollen. Dass mein Körper, so wie er ist, regelrecht begehrt sein könnte, hatte ich mir vor zwei Jahren nicht vorstellen können. Das habe ich ja auch oft genug erzählt. Zu wissen, dass es so ist, ist eine wirklich feine Sache. Aber wie es ist, wenn ein Mann, den ich interessant finde, im Gegenzug ebenfalls ernsthaft an mir als äußeres/inneres Gesamtpaket interessiert ist - daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Man kann seine Wünsche oftmals schwer steuern. Sie sind kulturell geprägt und begleiten einen womöglich schon seit einer Ewigkeit. Manchmal ohne, dass man sich ihrer so richtig bewusst ist. Aber ich erinnere mich, dass ich mir diese Frage in ähnlicher Form schon 2013 während der Online-Vortragsreihe zum Thema dickes Internet-Dating gestellt habe: Was ist, wenn die meisten der Männer, die ich persönlich mir gern mal näher ansehen würde, von mir nichts wissen wollen, solange ich dick bin? Da nützt es wenig zu sagen, "der Richtige nimmt dich so, wie du bist". Das tut der aus meiner Sicht Richtige eben nicht...und der Richtige ist nun einmal der, den ich dafür halte. Richtig ist nicht automatisch irgendeiner, bloß weil er mich dick ok findet. Sonst wäre ich tatsächlich längst zumindest ernsthaft verbandelt und würde fortan Europa in einem Wohnmobil durchkreuzen, oder im schleswig-holsteiner Hinterland Dressurpferde züchten...Oh, Göttin...

Ich glaube, ich hol' mir noch ein Gläschen. Ich meine, das Gute daran, am ganzen Wochenende wieder allein zu Haus zu sitzen, ist ja immerhin, dass man nicht mehr fahren muss.

Unwetter

Ich hab' ja gesagt, dass Aussortieren und Heim-/Selbstorganisation süchtig machen können. Heute habe ich sodann die drei Kisten, die eigentlich mit Flohmarktartikeln gefüllt und inzwischen zum ständigen Hochsitz des Katers geworden waren, abgebaut und den Inhalt auf drei Empfänger verteilt: Oxfam, die Kemenate in Hamburg (ein Tagestreff für obdachlose Frauen) und das örtliche Sozialkaufhaus. Nun liegt alles im Auto und wartet darauf, ausgeliefert zu werden. Ganz ehrlich - ein freier Durchgang ist jetzt mehr wert, als die zu erwartenden Einnahmen aus einem langen Flohmarkttag. Und ich habe in meinem Leben so viele davon hinter mich gebracht, dass ich auf der Basis einschlägiger Erfahrungen verkünden kann, dass man sich in den Stunden zwischen 5 und 17 Uhr oft sehr viel mehr ärgert als freut. Am Ende ist man dann so geschafft, dass man abends die Hälfte des Verdienstes in ein Restaurant trägt, um sich dafür zu belohnen, dass man es hinter sich gebracht hat und jetzt eine Kram-Kiste weniger zurück in Auto stopfen musste.

Umzugskartons also erledigt. Und dann fiel mein Blick auf die Schneekugeln. Ich holte sie vom Regal und schüttelte sie alle mal so richtig gut durch. Und stellte fest, dass die Wetterbedingungen in den meisten von ihnen längst nicht mehr stürmisch genug sind. Das Wasser ist bis zur Hälfte verschwunden, oder es ist trüb geworden. Die Glitzer- und Schneepartikel vermischen sich mit grauslichen, grauen Schwebteilchen, die da nicht hingehören, sie klumpen oder legen sich wie ein Film über die Figuren, auf die sie eigentlich herabrieseln sollen. Also: Weg damit! Ich bin noch immer ein wenig verwirrt, wenn ich jetzt plötzlich freie Flächen habe, für die es nicht sofort wieder eine Verwendung gibt. Dann suche ich regelrecht nach einer. Ich nehme an, ich werde mich noch gewöhnen - an die Leerstellen. Wenn das so weiter geht.





Presseschau

Die EMMA für Januar/Februar enthält einen Artikel über den "großen Diätschwindel". Darum habe ich das Heft gekauft. Entweder er ist sehr schlecht aus dem Englischen übersetzt, oder, freundlich gesagt, sehr viel mittelprächtiger und am Thema vorbei, als sich das das wichtigste deutsche feministische Magazin im Hinblick auf die offensichtliche Verknüpfung von Fettphobie, Diskriminierung und der massiven kulturellen Schwächung von Frauen durch destruktive Schönheitsideale eigentlich erlauben sollte. Druckfehler und eigenartige Gedankensprünge seien dahin gestellt. Bei der im letzten Satz implizierten Mahnung, sich "gesund" zu erhalten, wird das Ganze allerdings langsam Brigitte-würdig und verdammt ärgerlich. Und wer z.B. das Folgende vor der Lektüre noch nicht wusste, dem ist ohnehin nicht zu helfen: "Laufend erscheinen auf den Bestsellerlisten neue Diätratgeber, die entweder völlig undurchführbaren Diäten oder Neuauflagen altbekannter Rezepturen das Wort reden." (S. 46, Emma Jan./Feb. 15)

Dafür fällt auf den ersten Blick scheinbar mal wieder die Brigitte Woman mit ihrer Februarausgabe dem Mutterblatt in den Rücken und fordert ihre Leserinnen allen Ernstes schon auf dem Titel auf: "Lasst's euch schmecken!" Mit Aurufezeichen! Im Heft gibt es gar ein mehrere Seiten langes "Plädoyer", endlich zu essen, was man will. Und was kommt dann? Eine ganzseitige Anzeige für die Brigitte Kochbuch-Edition: "Ganz ohne Diät zum Gleichgewicht - gesund bleiben und glücklich essen." Aha. So ist das also. Traut niemandem, liebe Schwestern.

NH

Samstag, 18. Oktober 2014

Follow me around 9: Das Ende der Jagd

Schmetterlingsnetz 1

Betrachten wir das Experiment hiermit als abgeschlossen.

Seit ich auf Online-Dating-Plattformen nach nichts außer einer festen Partnerschaft suche, wird es, wie bereits berichtet, ausgesprochen zäh. In meinem Postkasten im biederen Dating Cafe herrschte gähnende Leere - bis gestern, weil da nämlich der letzte Tag meiner Mitgliedschaft war. Eigenartig, wie das Geschäft auf diesen Seiten immer kurz vor Ladenschluss so überdeutlich anzieht.

Bei Neu.de schaue ich gar nicht mehr rein. Das Publikum ist schlicht zu deprimierend und in vielerlei Hinsicht zu alt, obwohl die Mitgliedschaft dort noch für ein knappes Jahr bezahlt ist. Bei Zoosk ist eine Menge los. Wer fortgesetzt Bewegung und eine große Auswahl will, dem würde ich diese Partnerbörse durchaus empfehlen. Aber für mich war dort auch nach einem Monat Schluss. Ich bin zu schlapp, um die Schlechten immer weiter ins Kröpfchen zu sortieren, wenn es vor den Augen bereits nur noch flimmert.

Ich hätte zu gern noch einmal gewusst, wie echte (Ver)bindung geht, bevor ich alt und grau werde. Aber sei es drum. Einer könnte mich retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich könnte ihn im Gegenzug auch ein bisschen retten. Wenn er wollte. Will er nicht. Ich gehe neuerdings immer mit Wärmflasche ins Bett. Kein Scherz - die wärmt meine Seele und meine zerlöcherte Mitte, und das ohne Wenn und Aber.

Schmetterlingsnetz 2

Dating down*

Sex ohne alles hingegen wäre noch immer kein Problem. Wenn man ihn noch wollte. Ich will ihn, glaube ich, nicht, obwohl ich eigentlich ein wenig Rehabilitation auf dem Gebiet gebrauchen könnte...

Es war eigentlich immer eine meiner Grundregeln, und dennoch habe mich zuletzt dämlicherweise selbst nicht daran gehalten: Es ist eine ganz schlechte Idee, die eigenen Erwartungen bei der Partnersuche der Qualität des aktuellen Angebots anzupassen. Andere mögen es Oberflächlichkeit nennen, ich nenne es Bauchgefühl. Und damit ist nicht zu spaßen.

Natürlich ist da aber auch der einfältige Rat, den jede berufene Stelle gerne gibt: Ansprüche zurückfahren. Sich mal auf jemanden einlassen, der die Eierstöcke auf den ersten Blick nicht hüpfen lässt, weil er vielleicht doch zu spießig, einfach gestrickt, langweilig oder buckelig erscheint...denn das könnte alles nur Tarnung sein. Ein schwaches Bild, projeziert auf Pergamentpapier, durch das dann zur Belohnung für die Überwindung eigener, vermessener Standards der wahre Prinz dahinter auf  seinem feurigen Ross zu gegebener Zeit hervorbrechen wird. Das zumindest ist die Annahme, die Autoren von Büchern mit schlicht gelogenen Titeln wie "Make Every Man Want You" (Marie Forleo) im Brustton der Überzeugung unters Weibervolk streuen. Aber auch auf den Dating-Portalen im Internet wird immer wieder vehement daran erinnert, dass man besonders als Frau willens sein muss, tiefer zu graben und hinter die Kulissen zu schauen, um verborgene Schätze der Männerwelt zu heben.

Meine Damen: So wird es nicht laufen. Warum sollten tolle Männer sich mit verschrobener Mittelmäßigkeit tarnen, wenn es auf einem Dating-Portal doch auch ihr Ziel sein dürfte, sich möglichst attraktiv zu präsentieren? Wieso sollten sich dort lauter Supermänner auf geheimer Mission tummeln? Die sind schon so, wie ihre Profile: Sie geben sich Namen wie Master666 und posieren dann fürs Foto vor Wasserkochern auf Spitzendeckchen. Oder sie haben ein kluges Profil. Dann sind sie vermutlich auch nicht ganz dumm.

Und wer live bereits nach dem ersten Händeschütteln nach Lahmheit und schlechtem Sex riecht, bei dem wird es keine Überraschungen der spritzigen Art geben. Ich hab's ausprobiert. Ich war sehr gründlich und hatte dank dieses Umstandes am Ende den schlechtesten Sex meines Lebens. Zweimal. Ist schwer zu entscheiden, wer der traurigere von beiden war. Und bevor ich mich sodann aufraffen und von meiner Seite die Abschlussgespräche initiieren konnte, hatten sich beide Kandidaten spontan anderweitig verknallt und mich ihrerseits ohne viel emotionales Trara schriftlich abserviert. Wenn einen dann auch schon die nicht mehr wollen, die man selbst auch nicht gewollt hätte, wird es langsam kritisch. ; ) Man kann die Nase rümpfen und sich lustig machen so viel wie man will - Tatsache ist, dass man den betulichen Langweilern mit ihren behaarten Rücken, ihren kurzen Schwänzen sowie ihrer Humorlosigkeit nicht gut genug war.



Fette, geile Weiber (tanzend)

Etwas, was ich früher (also vor dem Einstig ins Online-Dating) noch nie hatte, ist ein kleines (sehr dünnes und auch nur symbolisches) schwarzes Büchlein mit Nummern von Männern, die man als Single-Frau im Notfall anrufen kann. Also, im Prinzip Typen, mit denen man ehrlich nicht zusammen passt, sich aber aus unbestimmten Gründen gut genug versteht, um locker in Kontakt zu bleiben. Da meldet man sich dann einfach mal, wenn man  z.B. jemanden braucht, der mit einem auf eine Ü100-Party geht. So wie ich gestern Abend. "Oh ja, lass uns fette, geile Weiber angucken gehen!" freute sich Richard durchs Telefon. Natürlich nur, um mich mal wieder zu ärgern.

Richard, mit seiner Vorliebe für Fülle aber ohne Ü100-Erfahrung (h65tttttttttttttttttttttttttttttt - geheime Botschaft vom Kater), hatte mich seinerzeit dazu bewegen wollen, im fleischfarbenen Oma-Hüfthalter und mit hohen Stiefeln durch sein Wohnzimmer zu stöckeln. Nun ist es nicht so, dass ich nicht bei Gelegenheit dazu bereit wäre, etwas Bestimmtes anzuziehen, wenn es meinen Partner scharf macht. Nur muss man dafür auch mein Partner sein. Und warum kann man mit mir noch einmal keine Beziehung haben, Richard? - "Du würdest mich einfach fertigmachen. Du bist so ein unglaublich anstrengendes und resolutes Menschenkind." - Ach ja, das war es... Und dann machte sich Richard am Rande des Tanzbodens doch tatsächlich an die einzige dünne Dame heran, die da herumstand, bis ich ihm sein Jacket entgegen schleuderte und sagte: "Ab nach Hause!" 

Eigentlich hatte ich über die Party schreiben wollen. Aber es gibt nicht viel zu erzählen. Wenig Publikum, viele freie Sitzplätze, Leere auf der Tanzfläche. Um halb zwölf warteten die Taxis auf Fahrgäste vor der Tür. Und Richard sagte, als wir gingen: "Von all den Frauen, die ich heute hier gesehen habe, haben allenfalls zwei oder drei den Eindruck gemacht, dass sie sich in ihren Körpern richtig wohl fühlen und sich nicht verstecken wollen." Und ich glaube, er hatte recht. Traurig irgendwie, aber so war es.

Barhocken

Wohlgemerkt und das letzte Mal verkündet, für alle, die es noch einmal hören wollen/sollen: Sex zu bekommen, ist für dicke Frauen kein Problem im Internet, wo Leute mit spezifischen Vorlieben gehäuft und konzentriert auf einen zusteuern.

Auf freier Wildbahn sah und sieht das anders aus. Da will mich so, wie ich bin, offenbar weiterhin keiner. Für gar nichts. Ich habe auch dieses schon öfter gesagt, ich sage es noch einmal: Nichts macht einen so auffällig und gleichzeitig so unsichtbar wie Fett.

Meine grundsätzliche Annahme/Erfahrung ist nach wie vor diese: Desexualisiert und entfraut durch sein Fett muss man sich keine Sorgen um plumpe Abschleppversuche machen. Man kann den ganzen Abend in Ruhe in der Öffentlichkeit herumlungern, ohne dass einem jeMANNd zu nahe kommt. Selbst dann nicht, wenn man sich strategisch und äußerlich aufgerüstet im passenden Rahmen, also in einer nächtlichen Barlandschaft platziert. Dafür muss man dann aber auch alle Martinis selbst bezahlen. Und das kann teuer werden.

Und obgleich die Männerjagd nun vorzeitig auf Eis gelegt worden ist, werde ich dieses Experiment auf jeden Fall noch einmal machen. Ich werde mich in die Bar begeben. Noch ist nicht ganz klar, wann. Aber es wird so kommen. Denn womöglich ist mit meiner neuen Einstellung zu mir selbst ja alles anders. Vielleicht war es ja meine Säuerlichkeit als Dicke und nicht mein Fett, die mir die Männer in dicken Zeiten stets effektiver vom Leib gehalten hat, als Pockennarben oder Schwefeldünste. Wäre ja mal nett, das wenigstens zu wissen.

NH

Freitag, 11. Juli 2014

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Nicht schwanger

Vor ein paar Wochen bekam ich meine Periode nicht rechtzeitig. Und ich dachte mir zunächst überhaupt gar nichts dabei. Nach zwei Wochen wunderte ich mich, aber dachte noch immer nicht weiter. Nach vier Wochen wurde ich plötzlich ausgesprochen unruhig. Mich ergriff eine flammende Panik, und ich kaufte nach über einem Jahrzehnt mal wieder einen Schwangerschaftstest. Ich trug ihn nach Haus, legte ihn in eine Schublade und begriff, dass ich alt werde.

Ich wollte nie Kinder haben. Mein Leben lang war ich in Verhütungsangelegenheiten immer  übergründlich. Und niemals wäre zuvor ein ganzer blutungsfreier Monat ins Land gegangen - der Sache wäre innerhalb weniger Tage auf den Grund gegangen worden. Es gab ja auch keine Entscheidung zu fällen, keinen inneren Konflikt. Eine Schwangerschaft wäre in meinem Fall immer ungewollt gewesen und damit auch automatisch beendet worden.

Bis jetzt. Jetzt bin ich zweiundvierzig Jahre alt. Und ich fand mich mit Herzklopfen auf meinem Badezimmerhocker kauernd, das Gesicht in den Händen, den Kopf voller verstörender weil zutiefst konventioneller Fragen: Was, wenn nun kurz vor Ladenschluss doch noch was passiert ist? Was das Kinderkriegen angeht, wäre das hier mit ziemlicher Sicherheit dein allerletzter Aufruf...WAS WÜRDEST DU ALSO TUN, WENN ES WIRKLICH SO WÄRE?! Ein Kind wäre endlich mal was Normales in deinem Leben. Das wäre die Gelegenheit, am Ende doch noch wenigstens ein gängiges Lebensritual abzuarbeiten. Außerdem - vielleicht ist es ja tatsächlich sinnstiftend, wer weiß...zumindest käme deine gesamte Bilderbuchsammlung noch einmal so richtig zum Einsatz.

Die Freundin, mit der ich dann darüber sprach, kriegte sich über die ungelegten Eier fast gar nicht mehr ein vor Vorfreude: "Oh, wie schön! Das ist doch super! Das würde mich aber für dich freuen! Kinder sind doch sowas Schönes! Und eins kriegt man doch immer groß - auch, wenn man alleinerziehend ist...!" (Bitte gedanklich hier das Geräusch quietschender Bremsen einfügen.) Beruhigter war ich danach keinesfalls, denn sie hatte mich ja erst an einen nicht unbedeutenden Aspekt erinnert: Dem Vater müsste man dann vermutlich auch noch irgendwann Bescheid geben...

Dann machte ich den Test, und er war negativ. Ich war in der Tat erleichtert, wenn vielleicht auch nicht ganz so sehr, wie erwartet.

Weg

"Womit denn seine Stunden verbringen, wenn die Lippen müßig sind? Mit der Liebe? Mit der Liebe? Diese Betrachtungen gehen über meinen Verstand, in ihnen liegt eine Fähigkeit zum Glück und zur Trägheit, etwas Befriedigtes, das mich anwidert." (Flaubert)




Erst wusch ich einen Korb voll schwarzer, alleinstehender Socken. Als es dann ans Sortieren ging, gab ich entnervt und im wahrsten Sinne angewidert auf, stopfte sie in eine Plastiktüte und warf sie kurzerhand weg. An einigen von ihnen hatten noch Fusseln und Haare geklebt. Ein paar hatten durchscheinende Sohlen. Ich wollte mich mit dem Elend nicht mehr befassen. Ich wollte den Quatsch für immer vom Tisch. Jetzt bin ich komplett ohne schwarze Socken, aber noch ist ja Sommer.

Und es landete noch etwas im Container. Ich bin jetzt so alt, dass es in meinem Haushalt Bücher gibt, die ich immer lesen wollte, aber bei denen mir langsam klar wird, dass ich es in diesem Leben vermutlich trotzdem nicht mehr tun werde. Ich habe mir vermutlich so ungefähr ein gutes Semester in der Hamburger Staatsbibliothek um die Ohren geschlagen, um dort die 360 Seiten zu kopieren, aus denen Ralph-Rainer Wuthenows "Muse, Maske, Meduse - Europäischer Ästhetizismus" besteht. Die oben stehende Textstelle stammt daraus.Vermutlich wäre es ohnehin sehr viel billiger gewesen, es schlicht fertig im Laden zu erwerben. Wobei - heute bekommt man halt fast alles im Internet. Möglicherweise war es damals vergriffen. So oder so - nun liegt es ungelesen im Müll. Ein Projekt weniger.

Periorale Dermatitis


Zwischendrin verlor ich dann mein Gesicht. Die biestige Ironie und Ambiguität blieben mir nicht verborgen. Jetzt war ich keine dicke Frau mit dem vielbemühten "hübschen Gesicht" mehr. Ich war eine dicke Frau mit einem nässenden, brandroten Ausschlag um den Mund, vor dem sich Menschen merklich erschreckten, wenn sie mich sahen. Ich war ein komplett "hässliches" Mädchen - ohne Milderung oder Alibi. Ganz unbekannt war mir dieser Zustand nicht. Als Teenager litt ich an Akne. Und ich habe noch immer die Angewohnheit, an Pickeln oder Insektenstichen zu pulen, bis Blut fließt. Trotzdem - was für eine Ausweitung des Übungsfeldes im Hinblick auf Selbstakzeptanz.

Der Verlust des Gesichtes wirkte sich übrigens auch auf persönlicher Ebene umgehend aus. Ich bekam keinen Abschiedskuss mehr. Dabei wäre das lebensnotwendig gewesen.

Weil es sich nun gerade so anbietet, und ich selbst im Internet hilfreiche Tipps zur Behandlung einer perioralen Dermatitis fand, werde ich hier in guter Beauty-Blogger-Manier kurz schildern, wie ich das Ganze wieder halbwegs in den Griff bekommen habe.

Die periorale Dermatitis wird auch volksmundig als "Stewardessenkrankheit" bezeichnet. Sie resultiert wohl zumeist aus einer Überpflegung der Haut, gepaart mit Stress, Bakterien und einer persönlichen Disposition, diese Krankheit zu bekommen. Sie beginnt mit Bläschen um Nase und Mund (und manchmal am Auge), bei denen man noch nichts Böses vermutet und geht dann, wenn es mies läuft, ziemlich schnell in entzündliche, schuppende Schollen über.

Was mir (relativ) schnell, also innerhalb von drei bis vier Wochen, geholfen hat:

  • Nulldiät für die Gesichtshaut, d.h. es dürfen gar keine Kosmetika mehr verwendet werden. Das Gesicht soll auch nur noch mit Wasser gewaschen werden. (Ich verwende manchmal einen Wattebausch mit Isopropylalkohol, wenn es mir zu klebrig wird, das desinfiziert auch.)
  • Tägliches Wechseln des Kopfkissenbezuges.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Erythromycin für die Nacht.
  • Eine verschreibungspflichtige Creme mit Metronidazol für den Tag.
  • Heilerde-Masken (allerdings selbst angerührt, nicht die fertigen Masken aus der Tube).
  • Die anfänglich starken Entzündungen haben bei mir ganz gut auf Kühlung mit Eiswürfeln aus schwarzem Tee reagiert.
  • Autogenes Training zum Stressabbau.

Braves Mädchen

Und noch mehr ist weg. Gewicht. Ich erzähle gern allen, dass ich heute 12 kg weniger wiege, als Ende 2013. Weil alle genauso reagieren, wie ich es vermutet habe, und ich halt so gern Recht behalte. ; ) Obwohl die meisten dieser Menschen genau wissen, dass ich ein Blog über Fettakzeptanz schreibe, hält sich kaum einer mit Ambivalenz auf. Sie sind wie die Roboter - wo Gewicht verloren wird, da ist nach wie vor alles gut und uneingeschränkt beklatschbar. Einige scheinen regelrecht froh, dass die dicke Nicola offenbar zur Vernunft gekommen ist. "Oh, schöön! Dünner ist ja doch auch gesünder." "Toll, was tust du denn so, um abzunehmen?" "Find ich richtig gut, dass du das jetzt machst." "Du, das sieht man auch schon!" "Weiter so! Wollen Sie sich nicht vielleicht doch mal einer Laufgruppe anschließen?" (Das war meine Frauenärztin.) Und dann kam auch noch Theo: "Cool."... Ja, das hat er gesagt. Und was gäbe ich für ein Foto von meinem Gesichtsausdruck in eben jener Sekunde.

NH

Dienstag, 25. März 2014

Die Liebe zur Masse

© candybeach.com 2014
Theo und ich kennen uns bereits ein Weilchen, und ich dachte, er sei ein Fettliebhaber. Darum hatte ich auch schon lange vor, ein Interview für Das Lied der dicken Dame mit ihm zu führen. Gleich am Anfang des folgenden Gespräches stellte sich dann heraus, dass er gar keiner ist…irgendwie. Trotzdem - nichts ist für jemanden, der mit seinem Körper hadert, hilfreicher beim Perspektivenwechsel, als die Wertschätzung eines anderen, dessen Meinung einem wichtig ist und den man ernst nimmt. (Besonders, wenn derjenige 1,90 m groß ist und Oberarme hat wie Mr. Proper. ; )) Achtung: Wer etwas gegen Ausdrücke wie „Titten“ und „Arsch“ sowie  eine gewisse Deutlichkeit bei Gesprächen über Sexualität hat, sollte an diesem Post besser vorbeisurfen.
T(heo): Ich glaube, ich bin eigentlich gar kein ausgesprochener Fettliebhaber. Ich bin eher ein Fettrealist.
N(icola): Was bitte ist denn ein Fettrealist?
T: Fettrealist heißt, dass ich nicht alles was Fett ist in den Himmel lobe, nur weil es Fett ist. Es gibt gutes und…nicht so gutes Fett.
N: Welches Fett ist denn eher unbeliebt bei dir?
T: Na, ich sag mal, der Fettrand am Nackensteak…
N: Au weia.
T: Spaß beiseite. Ich glaube, wenn bei Oberschenkeln das Fett in überlappenden Lagen so ausgeprägt wäre, dass man sich grabenderweise dem Leckerchen nähern müsste, das würde mich eher abstoßen. Aber lass‘ uns das einfach mal positiv formulieren, das ist einfacher und macht den Ausdruck „Fettrealist“ im Verlauf vielleicht klarer. Mann findet halt immer irgendwelche Attribute besser oder schlechter. Ich erfülle ja dieses männliche Klischee und finde große Brüste besser als kleine, einen großen Arsch besser als einen kleinen und außerdem finde ich, dass das Gefühl in der Umarmung besser ist, wenn da mehr ist. Eine gewisse Brustgröße haben Frauen aber in der Regel nicht, wenn sie nicht sehr dick sind und eben auch an anderen Stellen eine entsprechende Körpermasse aufweisen. Es sei denn, es sind fake Titten, und fake Titten sind ja…nicht so schön. Die sehen auch peinlich aus…
N: Falsche Titten? Die findest du peinlich?
T: Ja! Ich finde sie peinlich. Und sie fassen sich zunächst einmal auch ganz schlecht an. Für mich ist die Haptik ja viel wichtiger als die Optik. Darum finde ich hängende Brüste viel besser als stehende, es sei denn natürlich, es sind riesengroße, echte, stehende Brüste…und vielleicht existiert ja so ein Paar auch irgendwo auf der Welt.
N: Da kommt einem halt immer die Schwerkraft ins Gehege.
T: Bei Kunsttitten nicht, die sitzen immer mittig und aufrecht. Aber zurück zum Fettrealisten. Ich habe also eine Vorliebe für besonders voluminöses Frausein. Also die Rubensfrau – in diese Richtung geht es schon. Aber kennst du die Zeichentrickfigur Jessica Rabbit? Die hat auch diese extremen Eigenschaften. Extremer Busen, extremer Arsch, aber dann ebenfalls eine extreme Taille, wie eine Sanduhr. Mit Fettrealist meine ich also in diesem Fall, den persönlichen Kompromiss zu finden. Es ist eine Frage des Gesamtbildes. Und wenn die Brust nicht mehr weiter fällt, als der Bauchumfang, finde ich das nicht mehr attraktiv. Obwohl ich natürlich auch gern in einen weichen, runden Bauch greife.
N: Es gibt also Grenzen, was die Fettfülle angeht?
T: Fett ist bei mir kein Fetisch. Ich erinnere mich da an den Film Feed, in dem es um einen Mann geht, der eine Frau mästet, bis sie nur noch völlig unbeweglich als Fleischberg dahinvegetiert. Das war auf verstörende Weise faszinierend, aber sexuell stimulierend finde ich das nicht.
N: Wie steht es denn mit der Unterwelt von dicken Frauen? Mit fleischigen Schamlippen zum Beispiel?
T: Je dicker die Schamlippe, desto größer die Spannung, was wohl dahinter sein mag!
N: Auch in Zeiten, in denen Frauen sich den Unterleib vom Schönheitschirurgen aufräumen und alles zurechtstutzen lassen?
T: Tun sie das? Ach, doch – davon habe ich auch schon gehört. Aber ich habe es nicht verstanden.
N: Naja, damit das alles übersichtlich und sportlich aussieht.
T: Na, aber es gibt halt viele verschiedene Ausprägungen. Mal sind sie so, und dann wieder so. Und dann so. Und dann hier so. Und dann da so. Oder auch so.
N: Ich habe ja auch eine überlappende Schamlippe…
T: Ja. Dann lass uns doch mal eine Situation konstruieren, in der das relevant sein könnte.
N: Also, was mich ja tatsächlich schon erstaunt, ist die Furchtlosigkeit vor dunklen Winkeln und Ecken, die viele dicke Frauen an ihren Körpern selbst nicht so genau kennen, bzw. mitunter regelrecht vermeiden, schon. Ich hatte mir z.B. jahrelang die Innenseite meiner Oberschenkel nicht mehr so richtig angesehen, bevor ich mit meinem Selbstakzeptanz-Projekt anfing.
T: Ja, und das ist nicht deine Zuckerseite, das wissen wir beide.
N: Erzähl‘ mal etwas, über das Gefühl, unter einer dicken Frau zu liegen.
T: Ich glaube, unter ist noch geiler als über, weil man voll umfasst ist, von allem. Man hat die Hände auf dem Hintern, wenn man möchte und man kann gleichzeitig im Tittenmeer ertrinken. Eigentlich ist das für mich die ideale Stellung. Oben ist aber auch gut, weil man alles so schön im Blick hat.
N: Wie ist das mit all den vermeintlichen Makeln, die das Selbstbewusstsein von Frauen so stark beeinflussen können? Streifen, Wellen, Dellen? Stört dich das gar nicht?
T: Wenn sie nicht da wären, wäre es besser. Aber sie stören mich auch nicht. Sie sind nicht im Fokus der Wahrnehmung, denn die Brüste und der Hintern sind zu groß und zu prächtig. Und womöglich in Bewegung. Und wenn man dann nur noch die Hand auszustrecken braucht, um sie anzufassen, wen sollen in dem Zusammenhang – was war das? –  Streifen, Wellen und Dellen interessieren? Wellen und Dellen klingt unterhaltsam. Wie ein Fahrgeschäft auf dem Dom.
N: Wie ist es mit angezogenen dicken Frauen? Gibt es etwas, das sie besser nicht tragen sollten?
T: Ich finde, dicke Frauen sollten nicht in Leggings herumlaufen. Wenn sie schon ein Statement machen wollen, dann sollten sie in Latex das Haus verlassen.
N: Ich würde das ja heutzutage fertigkriegen.
T: Das glaube ich nicht. Du gehst nicht so über die Mönkebergstraße und kaufst bei Karstadt ein.
N: Doch, das mach‘ ich.
T: Sag‘ mir wann und wo. Ich halte die Kamera…Besser noch als Latex, wäre ja Körperfarbe.
N: In Körperfarbe gibt’s mich schon im Internet.
T: Aber nicht, wie du so durch die Fußgängerzone läufst.  Da hätten wir doch mal eine Aktion – einen Auflauf von lauter stolzen, dicken Frauen in Körperfarbe. Das wäre Femen, Teil 2!
N: Was symbolisiert weibliches Fett?
T: Ich würde eher sagen „Was symbolisiert Weiblichkeit? Fett.“
N: Oh!
T: Das beantwortet jetzt vielleicht nicht die Frage, aber meine Antwort finde ich viel geiler als deine Frage…Na schön. Fett ist weich. Fett ist Geborgenheit. Fett ist warm. Fett ist Energie. Fett ist Sicherheit. Dicke Frauen haben ja oft fast etwas Mütterliches. Sie sind keine Bedrohung, sondern können Bedrohungen abwehren – einfach mit ihrer Präsenz.
N: Hattest du schon immer eine Vorliebe für runde Frauen, oder gab es einen bestimmten Auslöser?
T: Da muss ich mal zurückblättern in meiner Liebschaftsgeschichte. Meine Partnerinnen waren tatsächlich alle sehr unterschiedlich. Ich hatte Freundinnen, die gängigen Schönheitsstandards durchaus entsprachen. Und es waren auch sehr dicke Frauen dabei, aber ich glaube, und das ist die Kernbotschaft hier, dass nicht ständig irgendwelche Schubladen aufgerissen werden sollten. Ihr (Frauen) guckt vielleicht auf eure Einzelteile und seid verunsichert, aber „er“ sieht zunächst das Ganze. Und dann guckt er ohnehin auf seine Favorites.
N: Na, ich weiß nicht, ob der Blick überall so freundlich ist. Erkläre es mir noch einmal – warum bleibst du da, wo andere, im übertragenen Sinne, schreiend raus rennen? Dem Druck gesellschaftlicher Normen folgend, oder aus welchem Grund auch immer.
T: Weil ich eine Frau holistisch wahrnehme. Und übrigens auch als Person. Frauen ziehen ihr Selbstbewusstsein oft ganz extrem aus ihrem Äußeren. Das ist nicht wirklich klug, denn damit setzen sie dann natürlich von Anfang an auf ein sterbendes Pferd.
NH

Dienstag, 14. Januar 2014

OOTD: Gepflastert



Eines habe ich jetzt, wo es Nacht ist, endlich begriffen: Heller wird es heute nicht mehr. Und ich habe außerdem gerade sechsmal hintereinander so geniest, dass ich dachte, das Gesicht fliegt mir davon. Ist es zum Teil auch. Und auf dem Computerbildschirm gelandet. Der Drucker war so entsetzt, dass er daraufhin das Drucken aufgab, obwohl es sich hier eher um einen Zufall handeln dürfte. Zuerst schwor er Stein und Bein, er habe einen Papierstau erlitten. Als Nächstes verlangte er trotzig, dass seine Trommel gereinigt werden müsse. Ich habe ihn dann ausgestellt, damit mir sein rotes Warnlicht nicht mehr auf die Nerven geht. Und ich habe das Drucken eingestellt. Schon wieder eine höchst verstörende Metapher fürs Leben. Stau ohne Grund. Irgendetwas blockiert immer. Irgendetwas fällt immer runter und rollt in die hinterste Ecke. Irgendetwas blinkt oder stürzt wahrscheinlich in wenigen Sekunden schon wieder ab.

Zu den Accessoires der Stunde erkläre ich nun oben abgebildete Pflaster. So kommt es, wenn man nicht mehr aufhören kann, an seinen Fingern herumzubeißen. Die Pflaster sind quasi der letzte Schrei, bevor man die Hände vors Gesicht schlägt. Meine Mutter hat mich immer ermahnt, ich solle aufhören "mich selbst aufzuessen". Ich nehme an, es ist eine besondere Variante des Frustessens. Angst essen Finger auf. Was aber auch bedeutet, dass ich noch immer eher mich selbst verletze, anstatt mir endlich ein Revolvergebiss wachsen zu lassen, meine Zahnreihen in die Welt zu schlagen und sie hin und her zu schütteln, wie ein Hai seine Beute.

Was einen Tag zum Scheißtag macht, ist nicht immer leicht zu erklären. In der Regel kommen viele kleine Dinge dazwischen und es bestehen viele kleine und größere Unklarheiten. Unklar ist oft auch das eigene Verhalten. Aber wenigstens ergibt alles, was im Prinzip unzumutbar ist, in der Regel am Ende immerhin eine prima Anekdote. So wie das Telefonat, dass ich mit einem Mann hatte, der mich ursprünglich kontaktiert hatte, weil er angeblich auf dicke Damen steht und der dann aber gern über das Für und Wider kohlenhydratarmer Ernährung diskutieren wollte, weil er schließlich aus ersichtlichen Gründen in mir so etwas wie eine Expertin auf dem Gebiet erwarten durfte. Seine große Sorge war, mit zunehmendem Alter im Gesicht "fett" zu werden. Ich erklärte ihm, dann solle er doch gefälligst aufhören zu essen. Am besten sofort. Denn so wird man dünn. Einfach nichts mehr essen. Bis ans Ende seines Lebens...

Die Frage ist nicht, warum so ein fettphobischer Idiot mich (BBWxy - ja, der Name ist Programm) auf einem Online-Dating-Portal überhaupt je angeschrieben hat. Die Frage ist nicht, warum ich ihm eigentlich zugetraut habe, mehr als ein Idiot zu sein, und ihm meine Nummer gegeben habe. Die Frage, bevor der Kopf auf die Tischplatte knallt, ist: Was mache ich hier eigentlich?!

Wenn ich dünn wäre, wäre ich nicht hier.

Das Problem ist: DAS ist die Wahrheit. Trotz allem. Wenn Kate Harding behauptet, dass man das, was man dick nicht schafft, auch dünn im Leben nicht erreicht hätte, hat sie halt DOCH Unrecht. Wie sollte es auch anders sein? In einer Gesellschaft, die keinen größeren Feind kennt als Körperfett?

Kate Harding hat aber natürlich Recht, wenn sie uns auffordert, im JETZT mit unseren dicken Körpern neu anzufangen. Seinen Mut zusammen zu nehmen und so, wie man ist, dem Leben abzuringen, was man nur kriegen kann, nachdem man womöglich sein ganzes Leben zuvor den Kopf eingezogen und versucht hat, sich unter schwarzen Zelten zu verbergen, verlangt Biss. Es ist immer eine Frage des Mutes, was man aus seinem Leben macht. Aber die einzige Ermutigung, auf die Dicke immer zählen können, ist die, endlich eine Diät durchzuhalten.

Nein, dünne Lebensläufe werden nicht mit Feenblut geschrieben. Und weder ich noch Kate hätten dünn George Clooney geheiratet. (Und seien wir ehrlich - wer will das eigentlich wirklich?) Aber geheiratet hätte ich als "langfristig dünne" Ausgabe von mir selbst möglicherweise dann doch. Vielleicht hätte ich heute bereits ein paar Ehemänner hinter mir. Und wenn ich genau betrachte, wie viel Kraft der Kampf gegen den eigenen Körper und das gleichzeitige Abstrampeln um Selbstwerterhalt in den letzten Jahrzehnten gekostet hat, glaube ich eigentlich auch, dass ich dünn beruflich erfolgreicher wäre. Die Energie, die Dicke oftmals aufbringen müssen, um sich überhaupt der Welt zuzumuten, oder um sich stetig darum zu kümmern, endlich dünn zu werden, können andere in ihre Karriere stecken. So müsste (dürfte) es nicht sein. Wenn es der Welt egal wäre, ob jemand dünn oder dick ist.

Wäre ich dünn, wäre ich nicht nett.

Ich bin mir ziemlich sicher, ich wäre geradezu garstig, super-hochnäsig und egoistisch - und vermutlich meistens sehr, SEHR viel fröhlicher. ; ) Hässlichkeit (Dicksein), so wie jede andere adverse Schicksalskomponente, ist der sicherste Weg, ein besserer Mensch zu werden. Stiller. Weniger stolz. Weniger laut. Geduldiger mit anderen. Mitfühlender. Gerechter. Angepasster. Bescheidener. Weiser gar. Und wenn auch nur für die Außenwelt. Das ist eine Tatsache und nebenbei ein gern verarbeitetes Motiv in amerikanischen Fernsehspielen für Teenager.

Nicht dass ich Gefahr liefe, womöglich wieder abnehmen zu wollen. Ich werde den Teufel tun und den Einsatz meiner Ressourcen noch einmal auf irgendetwas Anderes lenken, als auf das Erlangen größtmöglicher persönlicher Freiheit und Selbstbestimmtheit!

Es ist wohl hauptsächlich die Wut auf eben jene oben genannten Umstände, die mich dieser Tage mal wieder vermehrt mich selbst anfressen lässt. Dass sie sich noch immer nicht genug nach außen richtet und auch nicht annäherend ausreichend in Selbstfürsorge fließt, ist der Tatsache geschuldet, dass meine Umprogrammierung nur schleppend verläuft. Das zieht sich alles mit der dicken Selbstakzeptanz. Grollen ist halt auch eine zeitaufwendige Beschäftigung. Aber vermutlich ein notwendiger Teil des Weges. Dabei kann ich es gar nicht abwarten, eine garstige und egoistische Dicke zu werden.

NH
 

Montag, 23. Dezember 2013

Das Fest der Liebe...



...verbringe ich allein. Und das nicht so sehr im Sinne von "ohne andere Leute", denn das ist eher selbstgewählt, sondern gefühlstechnisch. Nach einem Jahr Online-Dating-Selbstversuch, sitze ich wieder einsam unter dem metaphorischen Weihnachtsbaum. Zwar sehe ich momentan den Wald nicht, aber dennoch kann ich zumindest dieses weiterhin als gesicherte Erkenntnis verkünden: Für dicke Frauen, die sich für ihren Körper schämen, ist Sex mit freundlichen, begeisterten Fett-Liebhabern eine großartige Möglichkeit, sich in der eigenen Haut sehr schnell sehr viel besser zu fühlen, lang vermisste Bestätigung zu bekommen, und obendrein eine Menge Spaß zu haben. Es kann gar nicht oft genug gesagt werden, und meine Entwicklung von der ersten Idee über das Zögern bis zur Umsetzung kann man auf dem Blog ganz gut nachvollziehen. Ich habe es zuerst auch nicht für möglich gehalten. Und dann musste ich den nötigen Mut aufbringen. Und natürlich muss man wählerisch, egoistisch, selbstbestimmt und umsichtig sein in der Auswahl der Partner, denn was selbstverständlich nicht passieren soll, ist ein blödes Erlebnis. Peinlichkeit, Herabsetzung oder Unverschämtheit sind Gift fürs ohnehin gebeutelte Selbstwertgefühl einer dicken Dame und auf jeden Fall zu vermeiden. Darum stürze frau sich nur kopfüber ins Vergnügen, wenn die Sicht bis auf den Grund reicht, bzw. wenn sie echt gute Gründe hat, zu vertrauen. Im Zweifel Finger weg, anziehen und gehen.

All I want for Christmas...

Bekanntlich hatte die dicke Dame dann den Plan, den nächsten Schritt zu machen und so etwas wie eine feste Beziehung anzustreben. Zu einem Mann. Um genau zu sein: "Ich suche tatsächlich nach DER altmodischen starken Schulter zum Anlehnen. Nach jemandem, der weiß, was er will, selbstbewusst, klug und verlässlich ist, eine Menge Energie, Humor, und Feuer im Herzen, aber dafür weder Angst vor Verbindlichkeit noch Ungewissheit hat, gern redet, gut riecht und definitiv KEIN Sexmuffel ist. Ach, und es ist von vitaler Bedeutung, dass er Ironie versteht. Ich bin für vieles offen, tolerant, abenteuerlustig und lasse mich gern überraschen. Was ich nicht ertrage, sind Langweiler und Erbsenzähler." Das Vorangegangene ist mein Text im letzten noch bestehenden Profil bei einer Internet-Partnerbörse, nämlich rubensfan.de. Wie schon einmal erwähnt, habe ich alle anderen zwischendurch gelöscht. Man muss meiner Erfahrung nach verdammt aufpassen, dass die Suche nach einem Partner im Internet nicht zum Lifestyle und damit zum Selbstzweck wird. Trotzdem, der obige Text dürfte von selbst erklären, warum sich das Projekt Beziehung bis heute ungleich schwerer gestaltet, als passende Bettgenossen zu rekrutieren.


Dabei waren sie doch alle an meiner Seite, um mir auf die Sprünge zu helfen: Die Petra, die Brigitte, die Maxi und all die anderen Tussis. Wo wäre ich ohne die geballte Weisheit von Frauenmagazinen? Naja, vermutlich genau dort, wo ich jetzt ohnehin bin. Obwohl ich nun doch endlich mal weiß, woran ich einen "richtigen Mann" erkenne: am Bart. Offenbar stehen Männer außerdem auf Pornographie und Grillen - wer hätte das gedacht. Und übrigens sollte frau sich keine Sorgen machen, wenn sie in der Wohnung eines Mannes einen Teddybären entdeckt - was für eine Erleichterung. An anderer Stelle herrscht  allerdings frische Verwirrung: Welcher Typ Partnerin bin ich denn nun? "Kumpel, Sexkätzchen oder Ersatzmutti?" Es soll ja Männer geben, die ihre Partnerin als "Regierung" bezeichnen. Na wenigstens ein Problem hätten wir dann doch für immer aus der Welt geschafft: Wenn Frau nicht will, dass ein Mann nach dem Sex sogleich aufspringt und wegläuft, sollte sie stets "eine Flasche Sekt und etwas Obst neben das Bett stellen." Finde ich vernünftig. Wenn er dann doch wegrennt (und das wird mit der fraglichen Disposition vermutlich trotz der Aussicht auf eine Ladung Vitamin C passieren), muss man selbst wenigstens nicht aufstehen, um es sich allein noch ein wenig gemütlich zu machen. Persönlich würde ich so gesehen ja auch noch ein paar belegte Brote vorbereiten. In dem Zusammenhang ohnehin noch ein Wort zur Warnung: "Sex ohne Verlieben" sollte frau laut Brigitte gleich gar nicht erst versuchen. Seitdem kann ich es nun ja kaum erwarten zu sehen, wann das Cover wieder so züchtige Überschriften zieren werden, wie: "Was Männern so gut schmeckt." Ernsthaft - wer würde sich eigentlich nicht lieber seine Hand abhacken, als so einen Quatsch zu schreiben? Ich glaube, ich erwähnte bereits an anderer Stelle, dass ich noch immer und trotz des anorektischen Personals in den Modestrecken VOGUE-Leserin bin, weil dort der Göttin sei Dank keine bescheuerte Lebenshilfe erteilt wird.

Gern gedruckt wird nebenbei auch der Hinweis, dass Männer im Grunde Kinder sind. Oder so etwas wie Eichhörnchen. Sie sind niedlich, aber tun halt dauernd Dinge, die vernünftige Menschen (Frauen) niemals täten. Im Grunde muss man sie nicht ernst nehmen. Aber lenken muss man sie schon. Das heißt, man muss ihnen sagen, was sie anziehen sollen. Und sie davon abhalten, singende Karpfen an die Wand zu nageln. Was Frauenmagazine eher selten vorschlagen, ist dass man seinem Partner mal deutlich erklärt, warum er gefälligst mehr Frauen in den Vorstand seiner Firma befördern sollte, aber wahrscheinlich bin ich da schon wieder auf einem überwucherten Holzweg unterwegs - quasi in einer lila Latzhose und ohne BH. So wie ich vermutlich auch exotisch in der Hinsicht bin, dass ich um Himmels Willen keinen Mann will, den ich nicht ernst nehmen kann. Ich will kein putziges aber abwegiges Tierchen von einem anderen Planeten in meinem Bett. Ich will kein Augenzwinkern und mildes Lächeln über die angeblich geschlechtsspezifischen Marotten des anderen. Ich will einen ganzen und erwachsenen Kerl, der meine Sprache spricht.

Wo wir gerade bei Ratschlägen waren, die ratlos machen - da ich nun öffentlich erzählt habe, dass ich mir eine Beziehung wünsche, bekam ich zum Geburtstag erstmals in meinem Leben themenbezogene Geschenke, u. a. ein Buch des Autors Eckhart Tolle mit dem schmissigen Titel "Lebendige Beziehungen jetzt!" Mit einem roten Herz auf jeder zweiten Seite und voll mit so bemerkenswerten Betrachtungen wie der folgenden: "Zurzeit befinden sich die meisten Männer ebenso wie die meisten Frauen noch fest in den Klauen des Verstandes: Sie sind mit dem Denker und dem Schmerzkörper identifiziert. Genau das verhindert natürlich die Erleuchtung und das Erblühen der Liebe. In der Regel ist der denkende Verstand das größte Hindernis für die Männer und der Schmerzkörper für die Frauen, obwohl in vereinzelten Fällen auch das Gegenteil der Fall ist und in anderen Fällen beide Faktoren gleichermaßen wirken." (Tolle, S. 62)

Ich werde mich jetzt selbstverständlich nicht dazu hinreißen zu lassen, Witze über Männer zu machen, deren größtes Problem offenbar ihr denkender Verstand ist - obwohl zumindest der Autor selbst es eindeutig verdient hätte, aber eins wird verdammt noch einmal nicht ungesagt bleiben, weil sonst mein Schmerzkörper vermutlich explodieren würde: WOMIT VERFICKT NOCHMAL HABE ICH DAS VERDIENT?!! WIE KOMMT JEMAND DAZU, MIR SO EINEN MÜLL INS HAUS ZU TRAGEN - GETARNT MIT GESCHENKPAPIER?!!

Ist es nicht genug, dass ich einem Horrorladen wie elitepartner.de ein Jahr lang fast 40 Euro pro Monat gezahlt habe, weil ich schlicht blöd bin? (Aber dazu in einem späteren Post mehr.) Reicht es nicht, dass ich mich monatelang täglich mit Männern auseinandergesetzt habe, die die Verwendung von "das" und "dass" bisher nicht gemeistert haben und ihre erste E-Mail an eine ihnen zwar sympathische aber eigentlich unbekannte Frau mit "Moinsen, schöne Frau, geht's gut?" beginnen? War es wirklich kein ausreichendes Opfer, sich 2013 wahrhaftig mehrmals sagen zu lassen, dass es sich nicht lohnt, mit mir Kaffee trinken zu gehen, weil ich ja keine Kinder will und es deshalb mit mir ja auch keine Zukunft geben kann?

Nicht so schlimm

Wie dem auch sei, ein sehr viel erfreulicheres und lebensnäheres Geschenk war auf jeden Fall die Körperlotion, die mir eine Verwandte übergab - in Verbindung mit dem Hinweis, dass ich mich ja jetzt schließlich hübsch machen muss, wenn ich einen Mann suche. Aus der selben Richtung kam sodann obendrein das durchaus nett gemeinte Lob, dass ich in einem bestimmten T-shirt, dass ich an jenem Abend trug, ja "gar nicht so schlimm" aussähe. Gemeint war natürlich "nicht so dick" (merke: dick = schlimm).

Golda Poretsky hat einen Leitfaden für dicke Frauen erstellt, der es ihnen erleichtern soll, die Feiertage zu überstehen - besser gesagt, die Vielzahl der versteckten und offenen Angriffe auf das eigene Selbstwertgefühl, denen die meisten Dicken vermehrt ausgesetzt sind, wenn die folgenden Dinge aufeinandertreffen: Freunde und Familie in größeren Mengen auf engem Raum zusammen mit einer noch größeren Menge Essen. Alle futtern und jammern, dass sie fett werden. Und sie beobachten die Dicke, die erst recht nichts essen sollte. Denn die ist ja schon fett. Wenn man Pech hat, machen sie Anspielungen oder äußern ihre Meinung über Körper und Essverhalten anderer unverblümt.

Tatsächlich sind Diet Talk und seine Allgegenwart etwas, wofür ich erst in den letzten Monaten eine entsprechende Sensibilität entwickelt habe. Ich hätte zuvor schwören können, dass er um mich herum die meiste Zeit gar nicht vorkommt, aber da lag ich total falsch. Würde ich Buch darüber führen, wie oft sich Menschen in meiner Gegenwart zumeist ohne böse Absicht sondern nur basierend auf ihrer kulturellen Prägung direkt oder indirekt negativ über Dicke und Essen äußern, über Diäten reden und ihren eigenen Kampf um eine "gute Figur", hätte ich mittlerweile vermutlich eine kleine Bibliothek füllen können: "Der Pullover steht dir, der kaschiert gut." "Eigentlich dürfte ich ja nicht." "Ich muss ja auch aufpassen." "Nach Weihnachten ist aber Schluss, da wird wieder trainiert." "Man muss auch mal sündigen." "Ab morgen ist wieder Schluss." "Sie sah richtig gut aus - so schlank." "Er hat so ein Glück, er kann essen, was er will." Sogar Fettliebhaber können erstaunliche Ambivalenz an den Tag legen, wenn es um Diäten und Dicksein im Allgemeinen geht. Auch das wäre in einer Beziehung schlicht nicht akzeptabel.

Vor dem eben geschilderten Hintergrund ist es vermutlich auch gar keine so schlechte Entscheidung, Weihnachten 2013 ohne Leute zu verbringen. Dafür gehe ich Anfang des Jahres zu meiner ersten Dildoparty. Ich habe das Gefühl, Fett wird dort kein Thema sein. Größe schon. ; )

Von allen Männern, die im fast vergangenen Jahr für ein Weilchen an mir hängengeblieben sind, ist übrigens nur das Ei noch immer da. Hat sie alle überdauert. Indem es ist, was es ist. Indem es mir am liebsten von allen ist. Obwohl es selbst mich eigentlich gar nicht so unbedingt wirklich mag und auch lieber überhaupt nicht so richtig will vielen Dank aber nein danke vielmals......oooh, wie sehr ich mir wünschte etwas Hulkartiges, Wildes würde die Schale von innen sprengen und IRGENDETWAS TUN. Egal was.


NH