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Freitag, 17. April 2020

Corona-Lockdown Tag 33


Das Ende des Ich-Museums


Wenn frau Glück hat, lernt sie ja immer noch etwas dazu. Ich dachte wirklich, ein Tagebuch für fünf Jahre wäre eine gute Idee. Jeden Tag ein oder zwei Sätze mit dem Ergebnis, dass frau die Einträge aus fünf Jahren hinterher direkt miteinander vergleichen kann. Ich nehme an, vergleichen ist hier das entscheidende Stichwort. Mit einem Tagebuch, in dem die Beiträge für das gleiche Datum über fünf Jahre hinweg übereinander gestapelt sind, kann frau sich vortrefflich mit sich selbst messen. Mit anderen Leuten sollen wir das ja nicht mehr, hüstel. Das ist nicht mehr in Mode. Neid und Fremdbestimmung und all das Zeug.

Unnötig zu sagen - ich habe es selbstverständlich nicht bis ins fünfte Jahr geschafft. Ich habe am ersten Januar 2019 mit den Aufzeichnungen begonnen und das Ganze bis zum sechsten knallhart durchgezogen. Dann folgten nur noch sporadische Einträge und ab dem siebzehnten März war dann komplett Schluss.

Ich kenne mich gut aus, mit angeblich persönlichkeits- und bewusstseinsbildenden gestalterischen Langzeitherausforderungen. Weil ich immer total an Persönlichkeits- und Bewusstseinsbildung geglaubt habe. Ich schlage vor, dass frau möglichst jung damit anfängt, denn dann hat sie noch genug Zeit und Hoffnung. Also, Lebenszeit. Und Hoffnung, dass alles gut bzw. besser wird, wenn sie sich nur genug anstrengt. Mit Anfang zwanzig habe ich zu diesem Zweck mal drei Monate lang jeden Tag ein Bild getuscht. Und das war nur eines von vielen Selbstfindungsprojekten, dass seine Grundlage in langfristiger Wiederholung der gleichen Rituale hat. Leider gab es da noch kein Instagram. : ) Denn in den sozialen Medien kommen solche Challenges ja heute noch immer besonders gut an.

Jetzt bin ich 48 Jahre alt. Und der letzte Eintrag in meinem Fünfjahrestagebuch lautet so:

16.04.2020

Es klappt eben einfach nicht. Die Zeit all dieser Projekte zur Selbstdokumentierung ist nun wirklich abgelaufen. Und offenbar bin ich sogar im Jahr verrutscht. (Anm.: Ich hatte meinen Text einfach im oberen Feld begonnen. Technisch war das ja aber 2019.) Wie schrecklich schnell die Zeit vergeht. Und wie schrecklich wenig sich verändert. Das Büchlein fand ich so hübsch und sinnvoll. Aber was mittlerweile längst überwiegt, ist die Klarheit, dass ich sterben werde. Bis dahin muss ich noch so viel erledigen. Das wäre ein verdammt guter Grund, entscheidend weniger für das Ich-Museum zu ramschen. 

Und wenn ich dann tot bin, liest das hier ohnehin keiner mehr. Das ist so. Das ist es. So, wie es jetzt aussieht, wird niemand je ein Buch über mich schreiben wollen und sich dann über den ganzen Gedankensalat freuen. Keine wird nach mir jemals all dieses Papier brauchen. Ich habe es gebraucht, um mich zu retten und um Klarheit und Trost zu finden. Ich habe zu bestimmten Zeiten um mein Leben geschrieben. Jetzt müsste ich ja eigentlich endlich mal leben. 

Es ist die Wahrheit. Lange schon erkannt, aber nicht wirklich umgesetzt - trotz all des Ausmistens. Das Buch jedoch kommt vom Regal. Es wird mich nicht länger daran erinnern, dass ich der Challenge nicht gewachsen war. Das nervt, selbst wenn die Challenge selbst komplett bedeutungslos ist.

Als ich jung war, habe ich eifrig und täglich Tagebuch geführt. Und, wie oben berichtet, mitunter um mein Leben geschrieben. Wenn frau die alten Bücher durchgeht, ist immer wieder am erschütterndsten, wie sich die Bilder gleichen. Nichts ändert sich wirklich. Ich vermute, in den meisten Leben nicht. Was ich herauslese, war und ist noch immer meine Realität. Ich strample heute auch noch erheblich, um nicht vor Gram unterzugehen. Und ich habe stapelweise schriftliche Souvenirs daran, dass es kaum jemals anders war.

Weil das Schreiben aber am Ende auch nicht zu großen Schritten verhilft, dient mein aktuelles Tagebuch (unten im Bild, Nr. 42 - jahaa, meine Tagebücher sind durchnummeriert), das ich im Dezember 2017 begonnen habe, hauptsächlich zum Einkleben von Eintrittskarten zu verschiedenen Veranstaltungen. Wenn ich vom verramschten Ich-Museum rede, meine ich auch das. Festhalten ist noch immer das Motto. Jeden Eindruck. Jedes Bild. Jede Erinnerung. Jede Idee. Und es ist so verdammt schwer, die persönliche Geschichte nicht mehr so erst zu nehmen. Been there, done that* - und dann weg mit all den Dingen, die zum Erlebnis gehört haben. Das wäre was. Aber das schaffe ich noch immer nur mit großer Mühe.

Wenn ich schon nichts vom Geschehen behalten darf, muss ich nämlich wenigsten eintausend Fotos machen. Die Zahl der Bilder auf meinen externen Festplatten liegt im oberen sechstelligen Bereich. Und ich fotografiere erst seit ca. 10 Jahren regelmäßig digital. Von der Anzahl der Fotokisten aus der Zeit davor wollen wir gar nicht erst reden. Bei zwei externen Festplatten gibt es von jedem Bild oder Video selbstverständlich zur Sicherheit zwei Kopien. Frau kann nie zu vorsichtig sein bei der Konservierung der eigenen Geschichte. Natürlich nimmt auch die Pflege und Ordnung digitaler Dinge Zeit und Konzentration, die woanders viel besser dazu dienen könnten, das Leben in der Spur zu halten. Und auch hier gilt: Niemand will das noch sehen, wenn ich nicht mehr da bin. Und ich sollte wirklich andere Dinge zu tun haben, als (buchstäblich) eine Million Bilder noch einmal durchzuarbeiten. Es ist lächerlich, so zu tun, als müsse man seine Erinnerungen für die Nachwelt ordnen, so als wolle sie noch etwas davon haben oder studieren. Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher, das gilt selbst dann, wenn frau Kinder hat.

Das aktuelle Tagebuch
Überhaupt - Notizbücher. In Erwartung großer Dinge, dich ich natürlich im Laufe meines Leben noch handschriftlich zu Papier bringen werden, habe ich es bei mindestens drei Dutzend nicht über mich gebracht, sie im Zuge des großen Aussortierens aus dem Haus zu schaffen und zu spenden. Die Überschätzung der eigenen Großartigkeit und Produktivität ist auch bei Menschen mit vordergründig eher geringem Selbstbewusstsein oft ein heimlicher Anlass zum Hamstern. Von Baumaterial und Kunstbedarf zum Beispiel. Aber während ich Farben und Leinwände vor ein paar Jahren kistenweise weggegeben habe, blieben die leeren Bücher da. Die Kartons mit den Glasperlen übrigens auch - aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag. Natürlich finde ich sie auch einfach nur schön. Ich liebe Papier. Ich lieber Läden, in denen es Papier zu kaufen gibt. Aber ich lebe eben offenbar auch weiterhin mit der geheimen Resterwartung, vor meinem Ableben einen Jahrhundertroman mit einem Füller zu erschaffen. Würde mir das gelingen, wären womöglich Literaturwissenschaftler*innen auch wieder an meinen 42 Tagebüchern interessiert. Hurra! Wie gut, dass ich sie alle so übersichtlich archiviert habe.

Möglicherweise widerspricht es dem im Rest dieses Post geäußerten Ansatz, dass die Gegenwart wichtiger sein sollte, als (t65zzzrfttttttttttttttt - Nachricht vom Kater) alter, sentimetaler Kram, aber ich habe in den letzten Wochen gern Coco Peru dabei zugesehen und zugehört, wie sie auf YouTube die Geschichten von Gegenständen in Ihrem Haushalt erzählt. Das tut sie anlässlich der Corona-Ausgangssperre in Kalifornien, bei der sie nun allein zu Haus ihre Schätze wiederentdeckt. Dabei spricht sie zwar Englisch, aber sehr klar und deutlich. Ich kann die Reihe zur allgemeinen Aufmunterung empfehlen. Dinge stehen natürlich nicht nur zwischen uns und einem leichteren Leben. Es gibt ein paar Dinge, die muss frau behalten, weil in ihnen eben doch der Geist des Ereignisses wohnt. Allerdings dürfen sie dann nicht tief in Kisten und Schränken ohne angemessene Würdigung vergraben sein. ; )

*Hab' ich schon gesehen, hab' ich schon gemacht.


Vielleicht braucht ihr ja frischen Lesestoff :) - den gäbe es hier:


NH

Sonntag, 26. Juni 2016

Follow me around 48: Traurige Tage


Ich bin mir sicher, dass Gustav bis dahin schon etwas geahnt hat, aber als ich sein Terrassenkörbchen reingeholt und mit seinem Futter und Spielzeug gefüllt habe, wusste er es auch ganz sicher - irgendetwas Einschneidendes würde passieren. Er lag lang auf dem Teppich und keuchte ein wenig. Ich weiß nicht, ob wegen der Hitze, oder ob ihn die Panik ergriff.

Er hörte auf, sich zu beschweren, dass er nicht mehr raus durfte und ging plötzlich auch Corbinian aus dem Weg. Der entspannte sich zusehends, als ob er begriffen hatte, dass es nicht sein Koffer war, der gepackt worden war und jetzt auf die Abreise wartete.

Erst vor einigen Tagen hatte ich durch Zufall herausbekommen, was Gustavs Lieblingsessen ist - gekochtes Huhn. Damit habe ich ihn dann bis zum Aufbruch den Tag über vollgestopft. Ich weiß, dass die Chancen, dass ihm so bald wieder jemand Huhn kocht, nicht sehr groß sind. So freundlich und fürsorglich die Leute, die ihn aufgenommen haben auch sein mögen, so viel Aufwand wie bei mir, wird dort vermutlich nicht betrieben werden.

Er konnte nicht mehr bleiben.

Er hat es sich selbst vermasselt. Er hätte Corbinian einfach aus dem Weg gehen müssen, anstatt ihn zu triezen, ihn im Garten und in der Wohnung zu scheuchen und zuletzt sogar richtig zu attackieren. Corbinian hatte sich in den letzten Tagen nur noch verkrochen. In Ecken oder auf Schränken. Er hat auch nur noch auf dem Tisch gefressen, um Gustav stets im Auge zu behalten. Und er hatte sich nicht mehr in den Garten getraut, weil Gustav ihn auch da verfolgte. Da wird man selbst zutiefst unvernünftig und verlangt Vernunft vom Tier: "Warum bist du nur so dumm!? Warum, warum, warum nur!? Hör doch einfach damit auf, und du kannst für immer bei uns bleiben!!" Und ich hätte es mir so gewünscht, dass er bleibt.

Als ich mich dann angesichts der verzweifelten Lage, in der sich Corbinian befand, steinschweren Herzens und heulend entschieden hatte, Gustav ins Tierheim zu bringen, und erst mit dem Tierheim Süderstraße und danach mit der Göttin und der Welt telefonierte, stellte ich fest, dass Tierheime ganz offensichtlich nicht in jedem Fall für Tiere zuständig sind, sondern in der Regel eher dafür, sie sich vom Leib zu halten: "Damit haben wir ja gaaar nichts zu tun!", "Da sind wir ja gaaar nicht zuständig!", "Da sind Sie bei uns ja gaaanz falsch!". Der Ton gedehnt bis patzig. Der Hamburger Tierschutzverein herrschte mich an, dass meine 22 Jahre Mitgliedschaft hier überhaupt keinen Unterschied machen würden. Vielleicht hätte ich American Express um Hilfe bitten sollen ("Membership has its privileges") - weniger sinnlos und unerfreulich wäre das auf jeden Fall nicht geworden.

Man ist verzweifelt und ziemlich allein mit einem echten Problem, und es ist mal wieder niemand zuständig. Alle anderen sind zuständig. Sollen die doch machen. Die Polizei zumindest hätte Gustav dann doch abgeholt, und wenn die ihn ins Heim bringt, so erkärte mir ein hilfreicher Beamter, "müssen die das Tier auch aufnehmen". Aber ich wollte den Kater eigentlich ja ohnehin gar nicht so recht hergeben - und ihn schon gar nicht verhaften lassen.

Wer mir dann wirklich half, waren zwei Mitarbeiterinnen unserer Tierarztpraxis. Eine von ihnen hat ihre Pferde auf einem Hof untergebracht, der Gustav dann nach einem Anruf von ihr ein Zuhause angeboten hat. Dort wohnt er zukünftig umgeben von Kühen, Schafen, Pferden und Reitern. "Bekommt er dort denn auch Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten?" - "Ja, natürlich!" - "Gibt es denn dort noch mehr Katzen, wo er doch gerade solche Probleme mit Corbi hatte?" - "Ja, eine andere Katze. Aber die wohnt im anderen Haus auf dem Gelände. Und auf dem Hof können die sich gut aus dem Weg gehen." - "Er wohnt also auch drinnen?" - "Ja, er kann raus und rein. Und er bleibt auch erst einmal ein paar Tage drinnen, um sich an die neuen Menschen zu gewöhnen." - "Und er wird auch ein ruhiges Plätzchen speziell für sich haben?" - "Ja!"

Er wird seinen Namen behalten, er konnte sein Körbchen, sein Spielzeug und sein Futter mitnehmen. Er bekam vor seiner Abreise einen frischen Chip (weil er bis dahin keinen gehabt hatte), und ich kann mich in ein paar Tagen in der Praxis erkundigen, wie er sich eingelebt hat...eigentlich hatten wir unfassbares Glück. Trotzdem rannen mir während der Übergabe am Freitagabend ohne Unterlass die Tränen über das Gesicht. Es war kein wirkliches Weinen. Kein Schluchzen und Rotzen mehr. Vielmehr ein stetes Rinnsal, wie aus einem Wasserhahn.

Obwohl sie furchtbar nett waren, müssen sie mich in der Praxis für einen wunderlichen und komplett überemotionalen Kontrollfreak halten.Und buchstäblich sowie auch ganz allgemein für nicht ganz dicht. Ich weiß, dass sie es entweder schon tun, oder kurz davor waren. Und ich würde es ihnen nicht übel nehmen. Ich betrachte mich im Spiegel und denke, vielleicht bin ich es ja auch nicht. Dicht. Aber ich habe auch immer wieder das kleine entsetzte Gesichtchen von Gustav vor Augen, das mich auf der Fahrt in die neue, unbekannte Zukunft vom Nebensitz verzweifelt und anklagend anstarrte und anschrie, während er gleichzeitig vor Angst den Katzenkorb mit Pipi tränkte.

Und dann beobachte ich Corbinian, der sich in seinem Zuhause und im Garten scheinbar wieder wohl fühlt und bereits am Freitag alles darin innerhalb von ein paar Stunden für sich zurückerobert hat. Ich kann mir trotzdem nicht helfen - fast halte ich es für möglich, dass Gustav jetzt am Ende sogar das bessere Katzenleben erwartet. In unaufgeregter Umgebung, mit relativ großer Freiheit und im Kontakt mit mehreren bodenständigen Menschen, während Corbi weiterhin ziemlich unmittelbar und ungefiltert mir, meinen Neurosen und meiner schier bodenlosen Verlustangst ausgesetzt sein wird.

...

Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt.


NH

Montag, 28. März 2016

Follow me around 44: Schöner scheitern - Zwischenbericht 1

Ich hänge in der Kurve. Bei allem. Bei der geplanten Buchveröffentlichung im Eigenverlag, Beim "30 Tage Entrümplungsprojekt", bei den Walking-Vlogs und bei den guten Vorsätzen, mich über Ostern mal so richtig zu erholen, erst recht. Außerdem noch beim Karrieremachen und Heiraten, beim Putzen, der Gartenarbeit, beim Lernen für meine IHK-Prüfung, sowie beim Erstellen einer Kapsel-Garderobe.

Typisch, die Abteilung für Faden und Kleber geschlossen. Wie so oft. Wie soll frau da alles zusammenhalten?
(Kunsthalle Kiel)

Eigentlich sollten ja 500 Gegenstände den Haushalt in 30 Tagen verlassen. Jetzt ist nur noch Zeit bis zum 8. April und ich bin gerade eben erst bei Ding Nr. 199 angekommen. Das war eine hasenförmige Kerze, die nun heruntergebrannt ist. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich nicht jeden individuellen Gegenstand gezählt, sondern so Ansammlungen wie z.B. eine "Hand voll Make-up-Schwämmchen" als Einheit verbucht habe - sonst wäre ich vielleicht schon bei der Hälfte. Vermutlich werde ich doch den Keller in das Projekt einbeziehen müssen, und dann so richtig die Ärmel hochkrempeln. Wobei viele der aussortierten Dinge dann natürlich noch lange nicht ganz WEG sind und auf Weitervermittlung und Abtransport warten.

Diesmal plane ich nicht, alles zu Oxfam zu schaffen, denn da ich nun einmal pro Woche die Schulbank einer privaten Ausbildungsstätte drücke und dafür natürlich monatlich Schulgeld bezahlen muss, werde ich ganz im Geiste von "ich bin alt und brauche das Geld" einen Internetverkauf, insbesondere meiner zum Teil nagelneuen Kleidung ab Größe 50 aufwärts, organisieren. Hoffentlich in der kommenden Woche. Ungetragene Schuhe wird es auch geben. Mehrheitlich mit hohen Hacken. Bei diesen Souvenirs aus London ringe ich noch mit mir, ob ich sie auf den Markt werfe...


Ostern war doof. Aus vielen Gründen. Und am Ende wirklich mal wieder einsam und traurig. Erst fehlte der Antrieb. Dann die Zeit. Vom Nachbargrundstück gähnt uns weiterhin das riesige Monsterloch entgegen und trotz fester Vorsätze habe ich es nicht einmal bis ans Meer geschafft, oder irgendein Schloss besichtigt. Meine Therapeutin wird mit mir ganz und gar nicht zufrieden sein.

PS: Hat jemand von euch eine Meinung zu #gamergate, bzw. Frauenfiguren in Computerspielen? Ich würde mich über eine kurze Unterhaltung und erhellendes Input freuen.

PPS: Aber dann kam soeben das Glück, das mich wahrhaftig immer und überall findet: hungrige Katzen.



NH

Sonntag, 14. Februar 2016

Follow me around 42: Rote Fäden

Ein 25jähriger "Unternehmer" schrieb mir auf finya.de: 
"Für 44 siehst du aber noch verdammt gut aus." 
Ich antwortete ohne zu zögern: "Verpiss dich."

Ich nehme keine Gefangenen mehr.*


*Soll heißen: Meine Geduld ist am Ende, und ich lasse keinen mehr leben, der mir irgendwie dumm kommt. Ein Ergebnis meiner zunehmend rabiaten Grundhaltung ist natürlich, dass ich den Valentinstag wieder allein verbringe. Wie in den ca. letzten 15 Jahren auch. Man würde denken, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnt. Habe ich aber nicht nur nicht, es ist bekanntlich in den letzten Jahren obendrein nicht leichter geworden, allein zu sein.

Der Kater hatte unlängst einen besonders schlimmen Allergieschub und muss nun doch auf hypoallergenes Futter umsteigen, weil ich seine tägliche Kortisondosis nicht weiter erhöhen kann, aber er sich sonst nackig kratzt. Er will das neue Essen nicht und gibt mir die Schuld. So wie sonst an schlechtem Wetter. Er meckert und randaliert. Und obwohl ich weder für das Wetter noch seinen Stoffwechsel etwas kann, fühle ich mich dieser Tage selbst in meiner Funktion als Crazy Cat Lady als Versagerin.

Dann steckte vorgestern ein Rundbrief der Familie Band in allen Briefkästen der umliegenden Häuser. Auf dem Grundstück vor all meinen Fenstern wird ab nächster Woche offenbar ein Haus abgerissen. Und dann baut die Familie Band, wer immer diese Leute sind, dort ein Mehrfamilienhaus. Die Fertigstellung soll im Herbst sein. Da gehen der Frühling und der Sommer begleitet von Baulärm also schon einmal den Bach runter. Die Bands freuen sich indessen, uns alle "als neue Nachbarn begrüßen zu dürfen" - so als wären wir neu in der Straße - und nicht sie. Merkwürdige Wortwahl. Sowie vergebliche Liebesmüh. Für mein Verständnis brauchen sie sich auch nicht im Voraus zu bedanken. Denn ich werde es im Ernstfall nicht haben. 

Ich ertrage ja keinen (fortgesetzen) Lärm. Oder Verkehrsbehinderungen vor meiner Haustür. Darum wohne ich ja auch eigentlich hier und nicht woanders. Außerdem bin ich grundsätzlich in einer veritablen Scheißstimmung, denn ich hatte bisher ein Scheißjahr. Mein Nachbar, der seit drei Monaten und vorzugsweise vor acht Uhr oder am Wochenende meiner persönlichen Einschätzung nach eher orientierungslos an seiner Wohnung herum renoviert, was den restlichen Bewohnern neben Müll und Lärm unter anderem eine Überflutung im Keller und einen Stromausfall im Treppenhaus beschert hat, könnte beim nächsten sonntäglichen Aufjaulen seiner Schleifmaschine derjenige sein, bei dem mir der berühmte Faden reißt. Der Kragen platzt. Das Fass überläuft. Ich rechne jeden Tag damit. Ich weiß nicht, was passieren würde. Aber es wäre wahrscheinlich kein Bild fürs Familienalbum.

Und wenn das alles noch nicht gereicht hätte, um meine Dysthymia im trüben Fluss meines Lebens so richtig unterzugluckern und in ganz neue Tiefen zu befördern, habe ich mich dann dummerweise gestern auch noch durch das Buch "Die Fettlöserin" von  Nicole Jäger gearbeitet, um darüber zu schreiben. Die Lektüre war so unerwartet fürchterlich und frustrierend, und ich war ohnehin so mies drauf, dass ich ungelogen über den letzten Seiten unvermittelt in Tränen ausgebrochen bin. Und während ich im Wohnzimmer auf und ab ging und mal wieder darum rang, nicht an einem Schwall aus Schleim und Rotz zu ersticken (verschleppte Nebenhöhlen- UND Magenschleimhautentzündung), sprang der Kater verärgert an mir hoch und krallte sich in meine Wade...

Meine Besprechung des Buches erscheint hier nun im Laufe des Tages.



NH



Freitag, 29. Januar 2016

Follow me around 40: Note to self

Ich bin meine Voice Memos der letzten Wochen durchgegangen. Wie sich herausstellt, erzählen auch diese, so wie ein Haul, ein Handtaschenreport oder eine Homestory sehr viel mehr über jemanden, als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde.

Was ist das wohl für eine Persönlichkeit, die sich selbst folgende Nachrichten ins Diktiergerät (Smartphone) spricht?

1. "Konto bei Live Jasmin endlich mal löschen?"

2. "81 Jahre Nessie."

3. "Mit Dicken-Schutzräumen hatte ich auch kein Glück - da wollten sie mich in der Regel nicht. Und sich selbst auch nicht. Elitäre, exklusive Strukturen. Szene Codes und Double Standards untersuchen."

4. "Wenn man ganz viel macht, passiert auch irgendwann etwas Gutes."

5. "Verkäuferin bei Ulla Popken will mir wohl schmeicheln, als ich mit der Fleece-Jacke zur Kasse komme: "Größe 54! Wo verstecken Sie denn all das?" Sprach's, und disst damit gleich mal einfach so all ihre Kundinnen in Größe 54. Merke: selbst bei Ulla ist weniger EIGENTLICH doch besser."

6. "Mit einem Blog voll Sex und Diät wärst du viel erfolgreicher."

7. "Hatte es auch irgendwelche Vorteile für dein Leben, dick zu sein?"

8. "Laufschuhe ins Auto legen - für den Fall."

9. "Mukabang - Eating Show? Nachforschen!"

10. "Sinupret kaufen. Soll wirklich wirken."

11. "Regale hinterm Schreibtisch umräumen."

12. "McFit kündigen."

13. Bitte googeln: Darstellung sexueller Gewalt in den Märchen der Gebrüder Grimm - Die Räuberbraut, Das zersprungene Herz, Fitchers Vogel (oder so)."

14. "Rachekörper ist ein wirklich schönes Wort."

15. "Eine Selbstakzeptanz-Fibel herausbringen. Ein Bändchen für Einsteigerinnen sozusagen."

16. "Post für Englisch-Seite: Warum es nicht immer effektiver und oft schon gar nicht effizienter ist, Englisch von Muttersprachlern zu lernen."

17. "Bitte bestellen: Susan Sontag: Regarding the Pain of Others."

18. "Bildergeschichten."

19. "Candybeach-T-shirt entwerfen?"

20. "Jetzt wäre ich fast in das Auto vor mir gekracht, weil ich mir selbst auf den Busen gestarrt habe."

21. "Dünn ist immer ein zu "hoch gestecktes Ziel". Kann man jede Therapeutn fragen, die ich je hatte. Schlank nicht."

22. "Gib es auf. Er will dich nicht mehr."

23. "Vision Box statt Vision Board?"

24. "Natalie Rosenke, Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung - googeln!"

25. "Ritalin - Wirkung. Googeln!"

26. "Schönheit-ist-nicht-wichtig-Bullshit-Bingo: die inneren Werte zählen, Schönheit vergeht, Schönheit kommt von innen, zu seinen Falten stehen, Lachfalten, Lebenserfahrung, ganz tolle Ausstrahlung, positive Einstellung, apart, ein Typ sein, in Würde altern, blablabla.

27. Bitte googeln: Anna-Perenna-Brunnen in Rom.

28. "Feenkönigin."

29. "Noch nicht aufgeben: Haus beschaffen, das zu und in das ein Sofa passt."




NH

Sonntag, 20. Dezember 2015

Follow me around 36: Große Erwartungen




Ich kann mich nicht daran erinnern, so darauf gewartet zu haben, dass es endlich Weihnachten wird. Weil ich es in diesem Jahr nicht erwarten kann, meine Ruhe zu haben. Ich nehme an, hier machen sich dann doch fünf urlaubsfreie Jahre bemerkbar. Frau wird in der Tat nicht jünger. Davor war ich ein ganzes Jahrzehnt ohne herkömmliche Verschnaufpause ausgekommen. Und mit denkbar wenig Erbauung zwischendurch.

Einen Schaden

Vor einer Woche stand ich mit einem Klempnermeister in meinem Bad und war mir klar darüber, dass ich gerade ausgeraubt wurde, während ich daneben stand. Und die Polizei konnte ich nicht rufen.

Sein Mitarbeiter hatte seiner Problemanalyse und seinem Geheiß zufolge ein Teil ausgetauscht, das gar nicht hätte ausgetauscht werden müssen. Der minderbemittelte Geselle hatte 45 Minuten nach dem vereinbarten Termin in meiner Wohnungstür gestanden und hatte auf meinen Hinweis angesichts der Verspätung geantwortet: "Ach, ich bin zu spät? Das ist ja schlecht." Da hätte ich ihn vors Schienbein treten und vom Hof jagen sollen. Aber ich bin zu zivilisiert. Leider.

Jetzt bekomme ich eine Rechnung für eine unnötige Reparatur. Dass sie unnötig war, hatte ich ermittelt, indem ich mich halb unter mein Klo geschoben und beobachtet hatte, wo das Wasser wirklich hervorquoll und sich zu Tropfen formte. Da war der Geselle schon weg. Vorher hatte er mir die Tupper-Schüssel gereicht, die unter dem Leck gestanden hatte, weil ich die ja nun nicht mehr brauchte. Aber ich hatte eine dunkle Ahnung, und stellte sie sofort wieder an Ort und Stelle. Der erste Tropfen fiel nur Minuten nach dem Abgang des Eingehirnzellers.

Auf meine vehemente telefonische Beschwerde hin erschien sein Chef einige Stunden später noch einmal höchstpersönlich. Er war sowieso im Ort und hatte gerade etwas bei der Polizei repariert, wie er mir stolz erklärte. Und als ich ihm sagte, dass er sich bei meinem Tropfproblem geirrt hatte, antwortete er: "Nein, nein. Das hat schon gestimmt. Vielleicht hat sich hier oben bei der Reparatur etwas gelockert." Damit zog er Schrauben und Dichtungen fest, die von Anfang an das das Problem gewesen waren. Der Kater und ich sahen ihm zu und ich sagte zum Kater: "Das glauben wir doch im Leben nicht, oder?" Der Kater zuckte die Schultern, während der Handwerksmeister pissig wurde und mir mitteilte, dass er "sowas" schließlich jeden Tag machen würde. Woraufhin ich ihm mitteilte: "Ja, darum dachte ich ja auch, dass Sie das eigentlich können müssten."

Ich habe die Nase sooo voll von solchen Typen. Sie lügen einem ins Gesicht und wissen genau, dass alle Anwesenden es wissen. Aber sie halten das ganz leicht aus, weil ihnen entscheidende, soziale und selbstbeschränkende Mechanismen schlicht ins Klo gefallen sind. Ich frage mich, ob die Polizeistation wohl noch steht, oder ob sie nach fachmännischer Reparatur inzwischen auf einer Flutwelle aus polizeilichen Exkrementen hinweg geschwommen und im Sachsenwald verschwunden ist...das wäre immerhin eine kleine Entschädigung. Ich und die Polizei sind bekanntlich auch nicht befreundet.

Ruhe

Möglichst wenig Kontakt mit der Außenwelt ist mein erklärtes Ziel für die Feiertage. Zwei Wochen, in denen man in der Welt so gut wie nichts bewegen kann - und darum auch nicht muss. Nichts müssen - das wäre mal was. Und damit ich nicht zwischen den Jahren rumsitze und immer denke "du müsstest", versuche ich vorher, noch alles Mögliche zu reißen - aufräumen, abschließen, abschicken, aufstocken...mein Albtraum ist, am 24. morgens festzustellen, dass ich vergessen habe, irgendetwas einzukaufen und doch noch einmal aus dem Haus muss.

Am liebsten wäre es mir, ich könnte mich bis Neujahr einigeln. Tatsächlich habe ich aber zumindest am 27. um 16:00 Uhr in der Gecko Bar einen neuen Termin zum Speed Dating. Der ist übrigens inzwischen schon zweimal mangels Teilnehmern verschoben worden. Diesmal wurde er nun bestätigt - offenbar versuchen einsame Leute ausgerechnet zwischen den Jahren doch noch einmal ihr Glück.

Mir fällt in den letzten Wochen noch öfter etwas runter/aus der Hand/daneben, als sonst. Vorhin knallte mir eine Schachtel mit Schokostreuseln auf den Küchenboden. Sie war voll. Und offen. Irgendjemand sagte: "Immer, wenn dir etwas runterfällt, denkt jemand an dich und will dich sehen." Ich frage mich, wer das wohl sein könnte. Muss irgendwie dringend sein.

Der Dekorateur...

...hat ein beunruhigend intensives Interesse an der Dekoration.

NH

Sonntag, 27. September 2015

Follow me around 32: Haul


Schon wieder Samstagabend. Nicola allein zu Hause. Wenigstens habe ich vorher eingekauft. So habe ich nun trotz allem Trott was zu erzählen. Wenn meine Mutter und ich früher zusammen einkaufen gegangen sind, gab es hinterher immer beim Kaffee eine Runde "Schätze herzeigen". So etwas Ähnliches sind ja auch die "Hauls" im Internet heute.

Zunächst einmal würde ich gern sagen, dass die veganen Reissirup Schoko Flakes mit Zartbitterschokolade von 3 PAULY nichts, ABER AUCH NICHTS mit herkömmlichen Choco-Crossies zu tun haben. Eigentlich, wenn man mir eine Pistole auf die Brust setzen und mich zu rückhaltloser Ehrlichkeit zwingen würde, müsste ich sagen, dass sie meiner Ansicht nach noch nicht einmal viel mit Nahrung zu tun haben. Und, oooh ja, sie sind verdammt bitter.

Was auch vegan, aber natürlich ausgesprochen essbar ist, ist meine (zumindest bei mir selbst) allseits beliebte, alljährliche Kürbissuppe. Zum Kürbis habe ich mir in diesem Jahr ein schickes, scharfes Messer gekauft, um nicht, wie vormals, Stunden damit zu verbringen, ihn in der Mitte zu spalten. Mit dem richtigen Messer könnte ich das nun den ganzen Tag über tun. Sozusagen als Prelude zu Halloween und als Hommage an Michael Myers. Und als Ventil, um schnaubende Wut über die kleinen Dinge abzulassen.

Denn "die kleinen Dinge" im Leben, sind nicht immer die, die sprichwörtlich Freunde bereiten. Wenn ihr mich fragt, sind ihr Einfluss und Ruf in dem Bereich komplett überbewertet. Denn die "kleinen Dinge" sind es auch, die einen absolut fertig machen können. Dauernd klemmt was. Dauernd fällt was. Dauernd ist irgendetwas im Weg oder ganz anders als gedacht. Aber ich nehme an, Gemüse kleinzuhämmern, wäre vermutlich die bessere Wahl als...na, sagen wir mal, als auf den Computer einzudreschen, nachdem er zum hundertsten Mal abgestürzt ist. Es war nicht wirklich seine Schuld. Was ihm zugesetzt hat, waren die abgegrabbelten DVDs, die ich aus der Zentralbibliothek ausgeliehen habe. 

Ja, zum ersten Mal seit dem Studium bin ich wieder Mitglied einer öffentlichen Leihbücherei. Das Konzept, Bücher und Medien nicht mehr kaufen und dann auch noch auf meinen 62 Quadratmetern permanent lagern zu müssen, schien mir plötzlich eine himmlische Lösung für viele Probleme zu sein -  und die ruhigen Hallen voller Bücher kamen mir natürlich ohnehin paradiesisch vor. Zu meinem Entzücken hat die hamburger Zentralbibliothek sogar ein Parkhaus!

Das ändert nichts daran, dass ich schon Probleme beim Ausleihen der Medien hatte, weil erst der dritte Automat sie erkannt und freigegeben hat. Und nun kann mein Computer sie nicht störungsfrei abspielen, und die vierte Staffel von "Parks and Recreation" schlingert bereits zum x-ten Mal im Laufwerk. Ich kann so nicht arbeiten... wünscht mir und Bette Davis für den Rest des Abends Glück. 

Ganz habe ich natürlich nicht damit aufgehört, Bücher zu erwerben. Insbesondere was Bilderbücher für meine Sammlung angeht, ist der Besitzerstolz natürlich Teil des Deals. Und meine Liebe für Mäuse, die in Baumwurzeln wohnen, ist ungebrochen. Das antiquarische Bilderbuch, das ich letzte Woche bestellt habe, kam mir plötzlich merkwürdig bekannt vor, als ich es ausgepackt hatte...jupp, das passiert mir übrigens mit Büchern öfter mal. Was das beweißt ist aber auch, dass man auf vielen Feldern keine großen Wandlungen durchmacht / durchmachen kann, bzw. im Kern erstaunlich konsistent ist. 


 Und dann sah ich im Schaufenster Ohrringe, die ich wirklich nicht brauche und dachte, dass ich sie ganz dringend brauche, um mich für irgendeinen zukünftigen Anlass hübsch zu machen. Es war das Swimming-Pool-Blau und dass das scheinbar opake Glas doch Licht hindurch lässt und bricht, wenn es im richtigen Winkel einfällt. Anprobiert habe ich sie im Laden nicht. Wer kommt denn auch auf die Idee, dass die Hänger für meine fleischigen und langen Ohrläppchen (wie bereits berichtet, vom Vater geerbt) zu kurz sind? Und da sie nicht angedrahtet sondern angelötet sind, kann ich sie nun zum Juwelier tragen, und ändern lassen. In Ohrring-Hänger könnte man sich vermutlich nicht hineinhungern, selbst wenn man es vorhätte.


Durch puren Zufall und in Begleitung einer lauferfahrenen Person fand ich mich letzte Woche in einem Marken-Outlet in Neumünster wieder. Dass ich große Pläne habe, was meinen Fitness-Level angeht, aber bisher wenig bis nichts unternommen habe, um ihn zu steigern, erzähle ich ja immer gern jedem der es hören oder nicht hören will. Und obwohl ich natürlich über Turnschuhe verfüge, habe ich noch nie zuvor ein Paar ausgewiesene High-Tech-Laufschuhe besessen. Jetzt schon. Quasi wie die Jungfrau zum Kinde.Und preiswert geschossen.

Ich tue mich mit der unruhigen Optik der meisten modernen Sportschuhe schwer. Sie sehen fast alle aus, wie grelle Omagesundheitsschuhe. Am Fuß allerdings sind die, die ich dann doch mitgenommen habe (asics, GEL-Super J33 in Purple/Lime/Raspberry (!!!)), fast nicht zu spüren. Es fühlt sich an, als wäre man irgendwie barfuß, aber mit einem Luftpolster zwischen Fußsohle und dem Boden. Sie sehen schrill und wirr aus, aber das Laufgefühl ist wirklich ziemlich gut. Jetzt müsste ich also wirklich nur noch losschweben.


Samstag, 4. Juli 2015

Follow me around 28: Graue Vorzeit



Wenn ich als Kind mal wieder mit aufgeschlagenen Knien am Garten der Nachbarin vorbei humpelte, einer echten Landpartie in Kittelschürze und grundsätzlich einer Plastikschüssel mit selbstgezogenem Gemüse im Arm, sagte sie immer: "Bis du heiratest, ist alles wieder gut." Das kann also noch alles etwas dauern.

Ich habe endlich Abzüge von alten Negativen machen lassen, die ich beim Äufräumen gefunden habe. Ich wusste, dass ich auf den Bildern bin, aber als ich sie dann in den Händen hielt, war ich mal wieder komplett erstaunt und verwirrt. Zunächst. Und dann war ich wieder verdammt wütend.

Die Bilder zeigen mich, so um die elf Jahre alt, auf einer im Garten improvisierten Wasserrutsche. Ich war immer groß und weit entwickelt für mein Alter. Andere Kinder holten mich erst ein paar Jahre später in der Pubertät so richtig ein. In den Köpfen meiner Eltern, meiner Umwelt und somit auch in meiner eigenen Gedankenwelt galt ich seit meinem dritten Lebensjahr als dick und damit für alle Beteiligten als dringend korrekturbedürftig.

Was ich heute auf den Bildern sehe, ist ein schöner, starker Körper mit langen Beinen, rundem Po und viel Spannung. Ich hätte eine Frau mit einem schönen, starken Körper und einem runden Po werden können, die sich gern bewegt, niemals hungert und keinen Anlass sieht, sich zu verstecken. Hätten sie mich einfach in Ruhe gelassen. Hätten sie mich nicht belogen und betrogen und gequält mit ihrem krankhaften Bestehen auf vermeintliche, körperliche "Normalität".

Obwohl ich bereits als Kleinkind Diäten gemacht habe, sieht es so aus, als ob ich mit elf durchaus noch eine Chance gehabt hätte, halbwegs unbeschadet aus der Sache rauszukommen. Wenn der Krieg gegen meinen Körper ab da aufgehört hätte. Hat er aber bekanntlich nicht. Und so wurde ich stattdessen nach jeder Diät immer runder, unsicherer und unglücklicher. Und übrigens auch unbeweglicher, denn wenn einem immer unterstellt wird, man sei unsportlich und faul (weil ja dick), dann fördert das nicht die Freude an Bewegung. Zwang und Vorwürfe machen traurig und verbreiten Stress. Nichts weiter.

Klar, ich wäre vermutlich nicht auf den Weg der Fettakzeptanz und des Fettaktivismus gelangt, aber was wäre mir alles erspart geblieben? Wie viel Selbsthass? Wie viel Scham? Wie viele Schwindelanfälle vor Hunger? Wie viele verpasste Chancen, weil ich mich und mein Fett so oft versteckt habe, und darum so selten zur rechten Zeit am rechten Ort war? Wie anders wäre mein Leben wohl verlaufen? Ich kann in letzter Zeit nicht mehr so recht aufhören, mir diese Frage zu stellen. Ich habe die Bitterkeit und schiere Empörung darüber schon öfter beschrieben. Sie wird aber mit der Zeit nicht kleiner, sondern nimmt zu. Ich frage mich nun, ob es je gut wird. Und wenn doch, dann wann endlich?



Räumungsverkauf



Ich hatte etwas Zeit auf dem Weg zum nächsten Termin, war gerade in der Gegend und dachte, "Ach, gehst du mal wieder zu Hagedorn". Davor hatte ich den Buchladen jahrelang nicht besucht, weil ich nicht mehr in der Nähe wohne. Wie sich herausstellte, kam ich gerade noch rechtzeitig, bevor der Buchladen meiner Kindheit und Schulzeit nach 40 Jahren geschlossen hat. Aus welchem Grund weiß ich nicht. Ich war so erschüttert, dass ich vergessen habe, zu fragen.

Stunden habe ich als Kind in der Bücherecke verbracht und mein Taschengeld dort für das ausgegeben, was ich mehr liebte als alles andere - Bücher. Weite Teile meiner Bilderbuchsammlung stammen von da. Ich war sechs, als ich mir dort selbst das erste "richtige Buch" gekauft habe (soll heißen ohne größere Buchstaben oder Handschrift für Leseanfänger). Aber nun ist Schluss. Wieder so ein Stück persönliche Geschichte weg. Und es wird einem ein wenig mulmig. Ist es wirklich schon so spät?

Mein erstes vom Taschengeld in der Bücherecke selbstgekauftes Buch - ich bin sicher, die Katze auf dem
Cover hat den Ausschlag gegeben. ; ) 
Noch eins der ersten "echten" Bücher, die ich mir selbst gekauft habe - da gab es offenbar  auch schon
immer eine Vorliebe für "Horror".
Der letzte Einkauf in der Bücherecke - trotzdem lauter Kinderbücher.

Die Suppe auslöffeln

Wie berichtet, bin ich nun wirklich beim "Meal Prepping", also beim strategischen Vorkochen angekommen. Die Küche wird so  nur einmal pro Woche chaotisch, wenn ich einen großen Pott vegane Gemüsesuppe koche, die für eine Woche reicht.

Was ich noch gelernt habe: Vegane Sour Cream und Vegannaise sind ok - tatsächlich besser, als ich gehofft hätte. Sojasahne und -milch gehen so.Veganer Käseersatz funktioniert für mich absolut nicht. Ich kann mich weder an den Geruch noch an die Konsistenz gewöhnen. Das bedeutet, ich müsste in Zukunft ohne Käse leben. Mist...


Männliche Anerkennung

Es hat zwar ein paar Jahre gedauert, aber nun hatte auch ich in letzter Zeit Maskulisten-Besuch. Erst wenn die sich so richtig aufregen, weiß frau schließlich, sie ist auf dem richtigen Weg. Talk of male validation, huh? Wer wissen will, wie bescheuert die mich so finden und einen starken Magen hat - bitteschön.

Ich will nicht sagen, dass frau hier irgendwann über fast jede Art männlicher Aufmerksamkeit froh ist, aber seien wir ehrlich - der einzige "Sex on the Beach", den ich dieser Tage kriege, ist der von Penny.

My head is a jungle

Und ins Kino ist dann ob meines abwegigen Geschmackes wie bereits prognostiziert auch wieder keiner mitgekommen. Ich brauche jemanden, wie den Ewald meiner Nachbarin. Einen, der sich aus purer Liebe opfert. Denn ein Opfer wäre es wahrhaftig gewesen. Jurassic World hat wenig mehr zu bieten, als der Trailer bereits zeigt. Von der lächerlichen Continuity, die die Hauptdarstellerin immer wieder erst mit und dann nach dem nächsten Schnitt ohne hochhackige Schuhe auf der selben Hetzjagd durch den Dschungel rennen ließ, will ich gar nicht erst reden. Obwohl mich bei einer so teuren und massigen Produktion solche Basisfehler schon irgendwie ganz nervös und fassungslos machen. Aber ich ertrage auch keine schlechten, sinnlosen Geschichten mit unschlüssigen Übergängen mehr. Und was ich auch nicht ertrage, ist der ständige Hollywood-Backlash. Wir haben 2015, und in einem hochglänzenden Spielberg- Film für Kinder (wenn er am Ende auch haarsträubend brutal, komplett humorlos, langatmig und nervig ist) gibt es ganze vier weibliche Sprechrollen, von denen nur eine eine Hauptrolle (die Tante der zwei männlichen Kinder) ist, in einem wahren Heer von männlichen Darstellern. Am Ende hing ich nur noch gähnend im Sessel, nachdem mir das Popcorn ausgegangen war, und war schon fast zu schwach, um mich darüber zu ärgern, dass der Film auch noch Dicke basht. Weinerlicher Loser-Sicherheitsdienst-Mitarbeiter und Bösewicht - beide sind dicke Männer.

Komisch, dass mich ausgerechnet da dann die Sinnlosigkeit unserer Existenz überhaupt überfiel. Das tut sie immer wieder mal. Ich habe schon als Kind manchmal in den Himmel gesehen und kleine Panikattacken bekommen, weil mir siedend heiß klar wurde, dass ich nie wissen werde, was dahinter ist. Ich bin aus dem kalten Kino in die stickige Nacht gestolpert, und wusste nicht wohin mit mir.

Am Ende war es im Film übrigens der Mosasaurier, der alle gerettet hat. Mir gegenüber im Regal steht ein Mosasaurier-Zahn, den mir meine Mutter mal geschenkt hat, weil ich ja die Wassersaurier schon  immer am liebsten gemocht habe.

Vor ein paar Tagen habe ich von einer Übung gehört, die Menschen, die zu viel Kram horten, dabei helfen soll, zu bestimmen, welche von den Dingen, die sie besitzen ihnen wirklich am wichtigsten sind. Und ich habe sie auch gleich ausprobiert. Man soll sich vorstellen, das Haus brennt und man hat nur zwei Minuten, um ein paar Sachen zu retten. Für mich war die Sache klar: 1. Kater, 2. Transportkorb für Kater (der ist, das habe ich durch die Übung gelernt, im Notfall nicht gut genug erreichbar gewesen), 3. Handtasche und Telefon, 4. Jacke und Schuhe. Wenn ich dann noch Zeit hätte: Fotoalben, ein paar Bücher, ein Bild von der Wand. Wenn noch mehr Zeit wäre: eine ganz bestimmte Vase und vielleicht den Schmuck meiner Mutter. PENG. Plötzlich war es in meiner Vorstellung ganz leicht, auch den ganzen großen Rest meines Hausstandes zurückzulassen, den ich nach meinen vielen Aufräumaktionen noch besitze. Das Gefühl, dass ich mich immer leichter von Dingen trennen kann, macht mich sehr froh. Und erleichtert.


NH

© Candybeach.com 2015

Samstag, 13. Juni 2015

Follow me around 26


I still know what you ate last week*

Doch, ich komme schon klar. Und immer ein wenig besser. Ohne Fleisch, Eier und Milch auszukommen ist für mich auf jeden Fall sehr viel leichter, als ohne Kohlenhydrate. Das ist und bleibt ein entscheidendes Hindernis. Inzwischen finde ich im Supermarkt sogar vieles, was vegan ist, ohne dass es draufsteht. Was für mich wirklich nicht funktioniert, ist Käseersatz. Um genau zu sein, wird mir davon bei größeren Mengen sogar ein wenig übel. Irgendjemand riet, Aufläufe mit Mandelmus zu überbacken. Ich bin skeptisch - und, herrje!, ist das Zeug teuer. Wieder mehr selber zu kochen, führt weiterhin regelmäßig zu Küchenexplosionen. Ich time jetzt die Aufräumarbeiten, um sie im Spiel gegen die Uhr etwas "sportlicher" zu gestalten. Trotzdem muss das Problem anders gelöst werden. Im Augenblick spiele ich mit der Idee, mich im "Meal prepping", also im Vorkochen für eine halbe oder ganze Woche zu versuchen.

Tatsache ist: Wenn man sich erst einmal mit den Hintergründen zur Produktion von Eiern und Milch (auch bei Bio-Betrieben) beschäftigt hat, gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Offenbar ist es fast humaner, die Tiere zu essen, als ihre Produkte.

Rentnerinnenalltag



Samstag. Spät aufgestanden, in olle Kleider gestiegen und auf zum Friedhof.

Eigentlich wollte ich vorher noch staubsaugen. Staubsaugen und auf dem Friedhof Steine verlegen - das waren die zwei wichtigsten weil unerquicklichsten und damit schwierigsten Ziele für dieses Wochenende. Ich hasse es aus vollster Seele zu staubsaugen. Weil man immerzu irgendwo hängen- oder steckenbleibt. Irgendwo gegen fährt. Oder irgendwas umreißt. Oder das Kabel nicht reicht. Oder der Beutel voll ist. All das macht es zu so einer wahnsinnig kraftvollen Metapher für meine Wahrnehmung des Lebens und seiner Widerstände an sich, dass ich erstaunliche Aggressionen entwickeln kann, sobald ich die Staubsaugmaschine nur anwerfe. Aber das ist ja nichts Neues - nichts ist hier jemals einfach.

Zumindest ist nun das Grab meiner Mutter mit Steinen umrandet. Offenbar ist das jetzt große Mode und gehört sich regelrecht so, weil es mittlerweile alle so machen. Und man muss nicht glauben, dass keiner darauf achtet, was sich auf Nachbarsgräbern tut. Da wird ganz genau beobachtet, ob einer überhaupt noch mit angemessener Mühe betrauert wird, also ob sich überhaupt noch jemand um das Grab kümmert. Andererseits soll natürlich auch Ordnung herrschen. Auch der Nachbar meiner Mutter hatte plötzlich ein zackig-eckiges Mäuerchen, bei dessen Anlage der Rasen zwischen den Gräbern mir nichts dir nichts abgestochen wurde, eine Senkung entstand und so nun bei Regen die Erde in Form von Matsch ohne Halt auf das Grab meiner Mutter floss.

Meine Mutter hatte ja immer eher eine für Friedhöfe untypische Bepflanzung. Keine Stiemütterchen im Frühling. Keine Tannenabdeckung und Gestecke im Winter. Weil ich weiß, dass sie mir ein solches Gesteck um die Ohren hauen würde, wenn sie könnte. Aber nun hat auch sie so eine ortsübliche Grundstücksbegrenzung. Damit klar ist, wo wer anfängt und aufhört.

Es hört nie auf - das mit den Nachbarn aus der Hölle.

Gentrification reversed**

Apropos.

Ich wohne in einer sogenannten "Villengegend". Wohlgemerkt: Ich selbst wohne in gelbem Klinker mit Flachdach aus den siebziger Jahren. Es hat aber natürlich ganz klare Vorteile, bei den reichen Leuten im Wald zu wohnen, weil es bei denen in der Regel ruhiger, grüner und großzügiger ist, als an anderen Orten. Und ich brauche ruhig, grün und großzügig, weil ich hochneurotisch und hypersensibel bin und eine sehr geringe Toleranzschwelle für alles habe, was anders als grün, ruhig und großzügig ist. Besonders in langfristiger Hinsicht. Das ist nun einmal einfach so.

Als ich jedoch heute auf dem Weg zum Friedhof und deswegen ohnehin schon angepisst war, kam ich mal wieder kaum aus meiner eigenen Straße raus. Die führt auf die Haupteinkaufsstraße, also die mit dem kleinen Supermarkt, dem Bäcker, dem Fleischer, dem Frisör, dem Tabakladen, den Ärzten und den zwei Apotheken. Dass sich in einem Ort dieser Größe zwei Apotheken halten, liegt vermutlich weitgehend daran, dass die hier lebenden reichen Leute in großer Zahl auch schon ziemlich alt sind. Die Straße mit den Geschäften versinkt jeden Morgen im Chaos, denn es gibt zu wenig Parkplätze für zu viele Menschen in großen Autos, von denen zwar fast alle denken, ihnen gehört die Welt, aber von denen bei Weitem nicht alle ihre Panzer so besonders sicher navigieren können.

Es ist ein täglicher Kampf, der aber vormals vorbei war, sobald man das Ende der Straße und damit wieder das Wohnviertel erreichte. Das ändert sich jetzt auf rapide und rabiate Weise. Denn wenn reiche alte Leute sterben, hinterlassen sie ihre großen Häuser und Gärten heutzutage Kindern, die es sich nicht mehr leisten können oder wollen, diese Häuser zu (er)halten. Aus Parks werden Parzellen. Und während sich die neuen Bewohner der zuhauf hingeklatschten Toskanavillen zwar noch immer einen Geländewagen, einen Mini und ein Wohnmobil leisten können, fehlt ihnen offenbar nicht selten das Geld für den Grund, der nötig wäre, um die Vehikel nicht allesamt auf der Straße abzustellen zu müssen. Das wiederum macht mein Leben zunehmend schwierig und ärgerlich. Es regt mich auf, Slalom fahren zu müssen. Es regt mich auf, minutenlang warten zu müssen, bis sich nun auch auf allen anderen Durchgangsstraßen im Dorf die Verkehrsknoten entwirren, die entstehen, wenn nicht mehr genug Lücken zum Ausweichen bleiben. Und Lücken lassen Menschen, die glauben, dass ihnen alles auf dem Planeten zusteht, ohnehin nicht gern. Es gibt in meiner Nachbarschaft mittlerweile sogar solche, denen es nicht zu peinlich ist, auf öffentlichem Gelände Schilder zu platzieren, die lauthals verkünden: "Land Rover Parking Only". Arme Schlucker. Wahrer Reichtum ist Platz. In meiner Gegend sind es heute die mit dem verhältnismäßig kleinen, alten, roten Haus mit der geschmackvollen, kleinen, weißen Veranda am Ende der 200 Meter langen Einfahrt, die es wirklich geschafft haben.

Was sagt uns das nun alles? 1. Ich bin ein Snob mit einer Garage. 2. Ich bin oft spät dran. 3. Ich ertrage es nicht, wenn mir andere im Weg herumstehen. 4. Ich ertrage es nicht, dass man noch so sorgfältig entscheiden und planen kann, wo man hinzieht, und die Realität einem dann doch die Straßen des eigenen Heimatortes verstopft. 5. Ich ertrage dieser Tage so gut wie gar nichts. 6. Menschen in guten Gegenden sind mitunter sehr viel unangenehmer als woanders. Wer das hautnah bewiesen haben will, dem sei ein Info-Abend der hiesigen FDP empfohlen (don't ask how I got there). Für weitere soziale Studien in die Psyche überprivilegierter Hausfrauen bietet sich der jährlich stattfindende Ladies' Night Flohmarkt in der örtlichen Kirchengemeinde an. Die dort zu bestaunenden raffigen Kämpfe um abgelegte Designer-Kleidung sind ein verräterisches Spektakel der ganz eigenen Art. 7. Ich bin wahrscheinlich sehr viel mehr so wie die, als ich wirklich weiß und zugeben würde.

Die Krönung

Im Schlosspark am Ort findet heute und morgen einer dieser Landmärkte statt, wo man seit Jahrzehnten Pflanzen, immer die gleiche rostig-rustikale Gartendekoration, mit Rosen bedruckte Gummistiefel, mit Krönchen benähte Kissenhüllen, sowie selbstgemachte Seife, Marmelade, und Obstliköre erwerben kann. Und ja, ich besitze oder besaß aus jeder Kategorie mindestens einen Gegenstand, denn als meine Mutter noch lebte, besuchte ich mit ihr jährlich im Schnitt mindestens 4 solcher Veranstaltungen, wobei da die Weihnachtsmärkte noch gar nicht mitgerechnet sind. Bei einigen Märkten war es mittlerweile "Tradition", bzw. ein Ritual, das die jeweilige Jahreszeit einläutete. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich nicht Freude an der zu solchen Gelegenheiten gebotenen idyllischen Karikatur von Landleben gehabt hätte. Den letzten von einer Landfrau zusammengebrauten Schlehenlikör aus dem Bestand meiner Mutter habe ich übrigens erst im letzten Jahr an einen Fußfetischisten "verfüttert" - vorm Füßebeschnüffeln und beim Tarotkartenlegen.

Kurzum, eigentlich hatte ich vor, da heute hinzugehen. Aber keiner wollte/konnte mit. Auch meine 77jährige Nachbarin nicht. Die hat zwischenzeitlich einen ihrer Verehrer abgesägt, und zwar den, der nicht, wie sie, auch das Jagdhorn bläst. In den Verbliebenen ist sie nun so verknallt und darum so fröhlich und voll mit zwitschernden Geschichten über die gemeinsamen Unternehmungen, dass ich ihr ständig eine runterhauen könnte. Er muss auch ausgesprochen verschossen sein, denn obwohl er mehr auf James Last steht, begleitet er sie nun in jedes Kirchenkonzert und jede provinzielle Freilicht-Opernaufführung, die auf ihrer Wunschliste steht.

Bei mir läuft bekanntlich gar nichts, wobei das bei den beiden wohl in zumindest einer ganz bestimmten Abteilung auch so ist...jahaaa, das sind die Informationen, bei denen man die Finger gar nicht schnell genug in die Ohren rammen und laut "Lalalala!" schreien kann. Jetzt wo sie so begehrt ist, gibt sie mir übrigens gern Beziehungstipps und vermutet ganz fachfraulich, dass ich mit Männern zu streng und anspruchsvoll bin, und darum keinen abbekomme...glückliche Leute sind einfach die Pest.

Nicht zum Landmarkt zu gehen, war am Ende dann doch ok, denn jetzt kommt es doch endlich - das Gewitter. Mein kluges Telefon behauptet übrigens noch immer, bei mir seien es 27 Grad und sonnig. Neulich stand ich an der Tankstelle und habe nur mal so aus Quatsch im Navigationssystem nach der nächsten Tankstelle gesucht - woraufhin es mich 21 km in eine andere Stadt weiterdirigieren wollte...soviel...dazu.


*Ich weiß noch immer, was du letzte Woche gegessen hast.

**Die Umkehrung der Gentrifizierung

NH

Samstag, 14. März 2015

Follow me around 19: Defizite

Im Deckel einer Snapple Lemonade...

Gestern ging ich um sieben Uhr abends ins Bett, um mich "kurz mal hinzulegen". Ich wachte acht Stunden später auf, wankte etwas desorientiert aufs Klo, fütterte den Kater und nahm eine Tablette gegen die Kopfschmerzen, die ich bekommen hatte. Die kriege ich übrigens leicht, wenn ich länger schlafe als gewöhnlich. Ich ging wieder ins Bett, um ein paar Minuten abzuwarten, bis die Tablette wirken würde und wachte wiederum sechs Stunden später auf. Ich nahm noch eine Tablette und ließ den ungehaltenen Kater endlich in den Garten.

Und dann begann das Wochenende. Ich werde es wieder allein zu Hause verbringen. Es ist nicht so, dass ich mich am Schreibtisch langweilen würde - da ist genug zu erledigen. Ich langweile mich ohnehin nie. Ich würde nur bekanntlich sehr viel lieber nicht allein hier sitzen.

Aber keiner will was. Und was ich will, ist außer Reichweite. Darüber hinaus fehlen mir Nerven und ganz ehrlich auch tatsächlich abermals Mut und Selbstbewusstsein, mich als dicke Frau vielleicht doch allein ins Getümmel einer Single-Veranstaltung in Hamburg zu werfen, oder mich, wie ja schon lange geplant, in Experimentierlaune in eine Bar zu setzen.

Dass gar keiner etwas mit mir unternehmen wollte, stimmt auch nicht ganz: Einer der Männer aus meinem "kleinen, schwarzen Buch" hatte angefragt, ob ich mit nach Recklinghausen komme, zu einer Ü100-Party. Aber die Vorstellung, 6 Stunden im Auto zu verbringen, und Geld für ein Hotelzimmer zu investieren, nur um wieder in den Genuss der Gesellschaft der vermutlich gleichen dicken Clique von Insidern zu kommen, mit der ich schon einmal nur wenig Freude hatte, schien einfach kein sehr attraktiver Plan.



Men don't protect you anymore. 
                                                  (Jenny Holzer)

Ja, es stockt, wenn es um mein dickes Selbstbewusstsein geht. Und jetzt, wo ich nach und nach meine letzten Profile auf den Online-Dating-Portalen im Internet lösche, weil die bezahlten Mitgliedschaften nun auch ausgelaufen sind, wird mir im Rückblick immer klarer, dass und warum der zweijährige Ausflug ins Online-Dating nicht nur einerseits sehr hilfreich war, was meine dicke Selbstakzeptanz betrifft, sondern andererseits auch mit einer allgemeinen, menschlichen und auch anhaltenden Enttäuschung einhergeht, die für mein Selbstbewusstsein gar nicht so günstig ist. Eine Enttäuschung, die aus der Erfahrung resultiert, es dem Gegenüber immer und immer wieder nicht wert gewesen zu sein, auch nur die grundlegendsten sozialen Gesten anzuwenden und/oder zu erwidern.

Fast könnte man glauben, die einfachsten Rituale im gesellschaftlichen Miteinander werden schlicht nur noch von einer Minderheit beherrscht. Vielleicht ist es so. Vielleicht handelt es sich hier wieder einmal um eine Entwicklung, die ich verpasst habe und ein Phänomen, das man nicht persönlich nehmen sollte. Aber ich kann mir nicht helfen. Es fühlt(e) sich einfach ziemlich persönlich an, wenn man es offenbar nicht wert war, dass einer am Tag nach einer Verabredung mal eine Nachricht schickt. Man war es nicht wert, ein Treffen rechtzeitig und nicht erst ein paar Stunden vorher abzusagen. Man war es nicht wert, Glückwünsche zum Geburtstag zu bekommen, obwohl der andere wusste, dass man gerade Geburtstag hatte und man heutzutage ja eigentlich sogar jedem seiner XING-Kontakte gratuliert. Man war es nicht wert, eine Nachricht zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel zu schicken, obwohl man sich in dieser Zeit des Jahres gerade kennengelernt hatte. Man war es nicht wert, einfach mal so zwischendurch und aus purer Sympathie angerufen zu werden.

Ich war es nicht wert, einen Schirm aufzuspannen und sich trotz Regens in die Innenstadt von Hamburg zu begeben, um mich zu treffen. Ich war es nicht wert, überhaupt rechtzeitig aufzustehen, um zu einer Verabredung mit mir kommen. Ich war es nicht wert, von zu Hause abgeholt zu werden. Ich war es erst recht nicht wert, eine Blume oder eine Flasche Wein zum Treffen bei mir zu Hause mitzubringen. In zwei Jahren und nach mittlerweile Dutzenden von Dates/Kontakten habe ich nur einmal Blumen bekommen. Ich war damals so außer mir vor Freude und Erstaunen, dass ich sie auch gleich fotografiert habe:

Ich war es nicht wert, dass mir die Tür aufgehalten wird. Ich war es nicht wert, dass man mich zum Kaffee oder gar zum Essen einlädt (wo denke ich auch hin?!). Ich war es nicht wert, dass man während des Telefonats mit mir den Fernseher ausschaltet. Ich war es nicht wert, sich für ein Treffen mehr als eine Stunde Zeit zu nehmen. Ich war es nicht wert, dass man mich im Dunkeln zum Wagen begleitet.

Klar, fragt ruhig, ob ich denn selbst frohe Weihnachten und gute Besserung wünsche, Verabredungen einhalte, kleine Geschenke mache, jemanden im Auto abhole und kurze Nachrichten sende. JA, VERDAMMT - das tue ich. Ich habe auch schon beide Tassen Kaffee bezahlt...und meiner Begleitung wäre es im Leben nicht eingefallen zu protestieren. Mit diesem Effekt weiblicher Emanzipation haben Männer meiner Erfahrung nach ganz und gar kein Problem. Was Männer dazu bringt, in bestimmten Situationen nicht einmal mehr ein Minimum an verbindlichem Wohlwollen oder Fürsorge zu demonstrieren, obwohl sie sich in Kontakt mit einer Frau befinden, die sie eigentlich ganz interessant finden (denn sonst stünden sie ja vermutlich nicht mit ihr in Kontakt) bleibt mir ein Rätsel. Ebenso rätselhaft ist oft ihr Erstaunen oder ihre schiere Empörung, wenn man ihnen dann mitteilt, dass sie einem durch ihr "überentspanntes" Verhalten das Gefühl geben, dass sie eigentlich kaum Wert auf eine weitere Verbindung legen und dass man im Gegenzug nun auch die Lust verloren hat, sich noch länger mit ihnen zu befassen.

Wie dem auch sei, so vielen männlichen Menschen nicht einmal so wenig wert gewesen zu sein, hat meinem Selbst-WERT keinen Schwung gegeben, sondern hinterlässt nun doch eher einen bitteren Nachgeschmack. Das merke und schmecke ich jetzt. Aber das ist halt noch immer die blödeste Seite des Online-Datings: Man kann sehr schnell sehr viel über viele Männer lernen und dabei gründlich erleben, dass es halt ganz bestimmte Einzelfälle gibt...Und das sind die, die die Blumen mitbringen.

Der Kater frisst jetzt nur noch von Papptellern.

Und gekocht wird auch nicht mehr. Ab jetzt wirklich nicht mehr! Trotz aller Bemühung, mir das Operieren in der Küche durch Organisation, Zugänglichkeit und "Ein-Schritt-Lösungen", also einen Küchenaufbau, der es einem erlaubt, bestimmte Dinge mit nur einem Handgriff zu erreichen oder zu erledigen, so einfach wie möglich zu machen, schaffe ich es alle paar Tage, diesen Raum zum Schlachtfeld zu machen. Davon gibt es keine Fotos. Es mag mir nicht peinlich sein, meinen nackten Po in die Kamera zu halten. Der Zustand meiner Küche ist es.

Natürlich findet dort täglich eine echte Schlacht fest. Chaotische (nicht fein säuberlich gestapelte) Berge von dreckigem Geschirr entstehen innerhalb von Stunden, und werden erst einmal nicht beseitigt. Das bewerkstellige ich dadurch, dass ich für jeden Handgriff und jede Walnuss einen neuen Teller oder eine frische Schüssel und immer neues Besteck verwende. Ich lasse leere Verpackungen und Abfälle erst einmal auf der Arbeitsfläche liegen, anstatt sie gleich wegzuwerfen. Ich lasse Sachen spritzen und anbrennen. Ich kreiere dieses Chaos so, als wäre es mit Absicht. Ich sehe und verstehe, wie es entsteht. Aber es ensteht nicht mit Absicht. Es ist, und das ist ja schon seit Längerem meine Überzeugung, die Manifestation meiner noch immer vorhandenen Essstörung. Sie ist das Abbild des inneren fast vier Jahrzehnte alten Schlachtfeldes, wenn es um Nahrungsaufnahme geht. Und während ich bei eben jener Nahrungsaufnahme selbst diese Störung heute kaum mehr verspüre und weitgehend schuldfrei esse, scheint es so, als ob mich irgendetwas in mir für das Abschütteln der Schuld doch nicht ganz vom Haken lassen will. Ich begreife die Unordnung in der Küche als Bestrafungsmechanismus und/oder als eine wilde Äußerung von unterbewusst noch immer vorhandener Ambivalenz und Verwirrung im Bezug auf Ernährung. Und besonders in den letzten Tagen schien sich die Situation eher noch zu verstärken.

Und weil ich im Augenblick keine besseren Ideen mehr habe, bleibt die Küche nun endlich doch kalt. Nun ja, erwärmt wird nur noch in der Mikrowelle, und Lebensmittel, die in ihrem eigenen Behältnis auch gleich verzehrt werden können, werden klar bevorzugt. Dass das viel mehr Müll erzeugt als sonst, ist mir natürlich klar. Aber es geht hier schlicht um Selbstverteidigung. Der Kühlschrank ist heute voll mit Salatschalen, vorgeschnittenen und verpackten Früchten, Quark, Joghurt, und meinen Lieblingstofubällchen, die man gut kalt essen kann. Eine Liste mit den neuen Regeln hängt jetzt an der Küchentür. Mal sehen, ob ich mich so selbst überlisten kann.

Und da Fett- und Selbstakzeptanz weder leicht zu entwickeln noch zu erhalten sind,...

...nehme ich ja jede Hilfe, die ich irgendwie kriegen kann. Und ich würde in diesem Zusammenhang gern noch einmal auf das Buchprojekt von Gisela Enders hinweisen, für dessen Zustandekommen noch immer MitstreiterInnen gebraucht werden, die zur finanziellen Unterstützung eines der vorgestellten Angebote buchen. Ich selbst habe, wie gesagt, das Buch vorbestellt, denn ich finde es wirklich wichtig, die (äußerst überschaubare) Reihe der auf Deutsch verfügbaren Publikationen zum Thema Selbstakzeptanz für Dicke durch einen substantiellen Beitrag zu erweitern. Ich möchte das Buch gern lesen.

VORSICHT - Polemik! 

Die Tatsache, dass die Unterstützung des Projektes tatsächlich im Augenblick zu stagnieren scheint, finde ich ärgerlich und bestürzend. Die Hälfte aller Deutschen ist statistisch betrachtet "übergewichtig". Millionen von Deutschen leiden an Essstörungen, und dennoch ist es augenscheinlich so gut wie unmöglich, das Thema auf einer breiteren, öffentlichen Ebene als relevant zu etablieren.

Selbst das Interesse derer, die sich zumindest im Ansatz mit der Problematik befassen und das Internet regelmäßig nutzen, um sich hier zu informieren und zu äußern, scheint sie oft noch immer nicht viel weiter zu tragen, als bis zum nächsten Modeblog, in dem sich dicke Frauen in mehrheitlich verdammt spießigen Outfits "auch hübsch" machen. Los Mädels, es wird Zeit - ein wenig Aktivismus steht jeder Frau! Genau wie ein wenig Feminismus! Tut mal was Politisches! Kauft ein Buch statt der nächsten billigen Handtasche!

Ich weiß, ich werde hierfür wieder eine Hand voll Leserinnen einbüßen. Aber wenn es gleichzeitig dazu führt, dass das Interesse anderer für das Projekt geweckt wird, ist das schon in Ordnung. ; )

NH

Samstag, 14. Februar 2015

Follow me around 16: Im Eimer / Wochenendausgabe


Hätte ich den heutigen Tag gevlogt, hätte man Folgendes zu sehen bekommen:

Auf der Fahrt zum Tierfuttermarkt habe ich begonnen, vor mich hinzuweinen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Als ich auf den Parkplatz fuhr, bekam ich eine freundliche E-Mail von einem Bekannten, fing mich ein wenig, blickte kurz ins Leere, wischte mir im Gesicht herum und ging dann in den Laden. Dort kaufte ich ein rotes Stoffherz, gefüllt mit Baldiran, für Corbi und ausnahmsweise ein paar Dosen von dem gaaanz teuren Futter, das er (dummerweise) halt am liebsten mag, denn ich hatte einen Valentinstagsgutschein über 5 Euro. Ich stieg zurück ins Auto und wollte schlicht nicht nach hause. 

Also begab ich mich auf die Flucht und fuhr weiter zum nahen Hello Kitty Outlet Store. Wohin auch sonst? Und was kauft man da, wenn man eigentlich gar nichts kaufen darf? Erstens, weil das Geld sowieso knapp ist. Und zweitens, weil man mit sich selbst ein Abkommen geschlossen hat, im Februar nichts zu erwerben, was nicht wirklich notwendig oder essbar ist? Einen pinkfarbenen Eimer. Was auch sonst? Hey, er ist pink. Er ist aus glänzendem Plastik. Man kann Dinge hineintun. Lass mich in Ruhe, ok?

Und weil sie quasi gegenüber vom Outlet liegt, fuhr ich kurzerhand weiter zur örtlichen Edel-Variante eines Edeka-Marktes, nur um festzustellen, dass die bei ihrem Umbau die kleine Abteilung mit Lebensmitteln aus den USA aufgelöst haben und nun keine Reese's Peanut Butter Cups mehr führen. Und auch keine Macaroni and Cheese von Kraft. 

Der Laden war gerammelt voll. Und ich war automatisch voller Abscheu. Und plötzlich voller Neid. Nein, nicht auf die flusigen Eltern um ihr hässliches Kleinkind, das unzureichend beaufsichtigt den Familien-Einkaufswagen mal in diese Person oder jenes Regal rammte. Und beileibe auch nicht auf das erschütternde Schicksal der Frau des offenkundig welt-stoffeligsten Ehemannes, der immerzu ihr und anderen im Weg stand, bis sie sagte: "Du kannst ja schon mal das Leergut wegbringen." Er: "Wo ist denn das Leergut?" Sie: "Na, im Einkaufswagen!" Er: "Wo ist denn der Einkaufswagen?" 

Mir ist schon klar, dass ich ein Eingebundensein in diese spezifischen Lebenssysteme unter den öffentlich sichtbaren Umständen vermutlich keine fünf Minuten ertragen könnte. Aber das Eingebundensein an sich, das war es, worum ich alle beneidete, die nicht allein und mit einem Körbchen für eine Person am Arm ziellos durch die Gänge wanderten. So sehr, dass vermutlich grüne Lichtblitze aus meinen Augen schossen. Wenigstens für einen Moment. Zu irgendwem irgendwie zu gehören. Und sich über die Organisation des gemeinsamen Systems auseinanderzusetzen - irgendwie. Ich will das. Und ich weiß schlicht noch immer nicht, wie man es bekommt. 

Mit grummelnder Bitterkeit schlich ich für eine unangemessen lange Zeit um die überteuerte Salatbar und kaufte mir am Ende mein eigenes All-you-can-eat-Buffet zusammen, das ich bei meiner Heimkehr fast nicht in den Kühlschrank bekommen habe.

Zu guter Letzt landete ich in einem Geschäft, das Retouren des Impressionen Versandes verkauft. Und da stand ein Sofa. Mein Sofa. Mit einem grünen Polster auf der breiten Sitzfläche und geschwungenen Rück- und Seitenwänden aus feinem, altmodischen Flechtwerk. Ich wünschte, ich hätte ein Foto gemacht. Es sind ja immer alle ganz erstaunt, wenn sie erfahren, dass ich kein Sofa habe. Haben doch nun wirklich alle. Mit nem Tischchen davor. Und mit Blick auf einen Fernseher. Aber ich hatte noch nie eins. Nur drei Sessel. Zwei davon sind zerzauste Erbstücke. Und auf einen davon setzt man sich besser gar nicht. 

Ich habe natürlich im Augenblick gar kein Budget für ein Sofa. Und erst recht keinen Platz. Und auch niemanden, der mit mir darauf sitzt. Der Kater würde es vermutlich in wenigen Tagen in Fetzen reißen. Aber ich will jetzt das Sofa...

Mit all den vorgenannten Ereignissen als unspektakulärem Inhalt hätte sich mein Vlog nicht besonders von denen unterschieden, die bei YouTube täglich frisch und zu tausenden (wenn nicht mehr) zu bewundern sind. Inklusive der Heulerei im Auto übrigens. Nichts ist ungewöhnlich. Wenn man begreift, dass wir, zumindest im Kern unseres Wesens, alle gleich sind.


NH

Dienstag, 10. Februar 2015

10 Jahre candybeach.com: Hallo, wie geht es Ihnen?*

Am 10. Februar 2005 habe ich begonnen zu bloggen. Die Domain war UND IST candybeach.com. Warum der Name? Er gefiel mir. Das ist alles. Ich mag Strände. Und Süßigkeiten. Und der Klang war gut.

Alle, die damals schon mitgelesen haben (einige sind ja auch noch hier), wissen, dass die Website in jenen Zeiten etwas pinklastiger war. Und natürlich, dass es sich bei meinen Aufzeichnungen zunächst um ein Diättagebuch handelte. Ich wog über 122 kg und wollte im Leben mal wieder nichts dringender, als dünn zu werden. 

*Die Überschrift des allerersten Eintrages lautete allen Ernstes: "Hallo, wie geht es Ihnen?" Und weiter unten verkündete ich unumwunden, dass ich "gern ein Rennpferd wäre anstelle eines untersetzten Ponys". Ich war grausam und ziemlich gnadenlos mit mir. Wenn man sich auf aktuellen Diät-Blogs umsieht, erkennt man den Ton unschwer wieder. Die Autorinnen sind nicht netter zu sich als ich es war. Wenn ich heute auf mich und mein Verhältnis zu mir selbst zurückblicke, bin ich, ich kann es nicht anders sagen, entsetzt.

Das Diättagebuch war ein echter Hit. Natürlich war der Candybeach danach nie wieder so gut besucht. Aber das ist keine echte Überraschung: Es gibt schließlich kaum größere Themen als Diäten und Sex. Wer richtig viel Aufmerksamkeit will, sollte sich zumindest auf eins spezialisieren (wenn nicht gar auf eine Kombination aus beidem). 





Bekanntlich hatte ich selbst aber vor ungefähr gut zwei Jahren endgültig genug. Genug von Diäten und dem Selbsthass, der mich Zeit meines Lebens dazu angefeuert hat. Ich empfinde diese persönliche Evolution, die ohne die öffentliche Form des Blogs womöglich bis heute nicht stattgefunden hätte, als riesiges Glück. Wer sich öffentlich in Entwicklungsprozesse begibt, hat es manchmal leichter, weiter zu machen, denn da schauen ja welche zu und erwarten Berichterstattung. Das Aufarbeiten für eine Leserinnenschaft, sowie das Schreiben an sich helfen außerdem bei der geordneten Betrachtung der eigenen Situation. Man lernt schneller und mehr über sich, als wenn man ganz mit sich allein wäre.

Außerdem bin ich zahlreichen anderen Bloggerinnen, die sich, als ich als Neuling auf dem Gebiet herum eierte, schon viel länger mit Fett- und Selbstakzeptanz beschäftigt hatten, unendlich dankbar. Sie haben mir buchstäblich den Weg zu einem neuen Leben gezeigt. Und ich weiß heute natürlich auch, dass es anfangs mitunter sehr viel Kraft und Energie kostet, sich mit all seinem gesellschaftlich inakzeptablen Fett ins Schaufenster zu stellen und für sich in Anspruch zu nehmen, dass der eigene Körper so, wie er ist, endlich Respekt verdient. Hätten sie diesen Mut nicht vor mir gehabt, hätte ich ihn heute auch nicht.

Und jetzt? Jetzt mache ich hier einfach so weiter, wie in den letzten zwei Jahren. Danke an all die Beach Babes (dick oder dünn), die regelmäßig für einen kleinen Strandspaziergang vorbeikommen. Mal sehen, was wir in den nächsten 10 Jahren noch alles so finden werden...

In diesem Zusammenhang möchte ich auch nochmals an die heutzutage hier geltenden Regeln für das Erlangen eines perfekten "Beach Bodies" erinnern - 1. Hab' einen Körper. 2. Geh' an den Strand. 

NH