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Dienstag, 17. März 2026

Männer - eine Abschlussrede


Wusstet Ihr, was der Begriff  "Alpine Divorce" bedeutet? Ich auch nicht, bis ihn mir @mirgehts_gucci auf Instagram erklärt hat. Offenbar beschreibt er das Phänomen, dass Männer als primär verantwortliche weil erfahrenere Wanderer und Bergsteiger mit ihren Partnerinnen Ausflüge in die wilde und potentiell gefährliche Natur der Berge machen, um sie dann dort zurückzulassen - mit der Absicht, sich ihrer so für immer zu entledigen. Mal klappt das, mal nicht. Wenn es klappt, ist eine Mordabsicht schwer nachweisbar. Alpine Divorce ist offenbar kein isoliertes Freak-Ereignis, es kommt wohl schon lange vor und öfter, als frau sich träumen lässt. It's quasi a thing.

Igitt, was ist das denn?

Im letzten Jahr schrieb Chanté Joseph für Vogue einen Artikel darüber, dass es peinlich ist, mit einem Mann verpartnert zu sein - besonders als Frau. Er sorgte für viel Aufregung, allerdings nicht bei mir, denn ich hatte ja keinen Partner mehr. Und als ich einen hatte, war das fraglos immerzu und auf vielfältige Art extrem peinlich.

Aber Peinlichkeit bringt dich nicht um. Wenn dein Freund nur peinlich ist, dann sei froh. Es ist immerhin erschreckend wahrscheinlich, dass er auch eine Gefahr für Leib und Leben darstellt. Männer bringen dich dauernd in Gefahr, z.B. dann, wenn frau ihnen das Steuer eines Autos überlässt. Meine Mutter hat bereits in grauer Vorzeit meinem Vater gedroht, sie würde mit mir an der nächsten Raststätte nicht mehr weiter mitfahren, wenn er nicht aufhören würde, so zu rasen. Ich habe Jahrzehnte später meinen Partner angeschrien, weil er in Rage auf ein Auto zuraste, das auch mit Idioten besetzt war. Keiner der Männer wollte ausweichen. Ich war diejenige, die eine zusätzliche Versicherung abgeschlossen hatte und diese auch bezahlte, damit er überhaupt mit meinem Auto fahren konnte. Denn er selbst hatte kein Auto mehr. Er war pleite. Und hätte mich an jenem Tag mit meinem eigenen Vehikel womöglich beinahe umgebracht. Ich erinnere mich übrigens auch noch gut an den waidwunden Blick, als ich ihm einst auf einem Parkplatz zurief, er solle sich zum Pinkeln nicht an sondern hinter den Baum stellen, schließlich sei er kein Hund.

Männer sind also gern beides: Peinlich und lebensgefährlich. Und mir kommt keiner mehr ins Haus. Denn der, den ich noch aushalten wollte, müsste aus einem Holz sein, das so gut wie nicht zu finden sein dürfte.

Das Private ist politisch. 

Im toxischen Dunste der Epstein-Files, angesichts der Trumpisierung der USA und fassungslos konfrontiert mit dem schamlosen Rechtsgeruckel durch unsere aktuelle Regierung unter einem Kanzler Merz (#MerzleckEier), dem Prototyp des alten weißen Mannes, und mit einem Frauenanteil von gerade noch 32% im  Budestag, erwarte ich von Männern, dass sie sich erklären, distanzieren, entschuldigen und einschreiten. Die Welt brennt und das ist und war ihre Schuld. Sie verhelfen Faschisten an die Macht. Sie zerstören die Umwelt. Sie beginnen Kriege. Sie vergewaltigen und morden. Alle zehn Minuten wird eine Frau auf dieser Welt Opfer eines Femizids. ALLE ZEHN MINUTEN. 

Frauen hassen das Patriarchat. Männer hassen Frauen.

Natürlich plane ich nach meinem letzten Beziehungscrash, als Crazy Cat Lady zu "enden". Was mehr könnte Frau wollen? Don't threaten me with a good time. Es hat halt nur wieder sehr viele Lektionen gebraucht, um zu begreifen und umzusetzen, was jüngere Generationen sehr viel einfacher kapiert haben. Unter jungen Frauen spricht es sich schneller rum, dass es peinlich ist, in einer Beziehung mit einem Mann zu "enden".

In vier Jahren werden, so die Berechnungen, 45% aller Frauen in westlichen Industrienationen unter 40 kinderlos und alleinlebend sein. Und das ist gut so, denn Frauen, die ohne Mann und Kinder sind, sind statistisch glücklicher. Und sie leben länger.

Warum sollte ich mit mehr als fünf Jahrzehnten und mit vermutlich rund 100 Beziehungsanbahnungsversuchen (Dates) mit Männern auf dem Buckel noch ein einziges Mal meinen häuslichen Frieden und meine Sicherheit für das Privileg eintauschen, einem ebenso alten Mann erklären zu dürfen, wie die Spülmaschine eingeräumt wird und warum es rassistisch ist, sich über asiatische Akzente lustig zu machen. 

Männer laufen entweder auf der Straße in dich rein, wenn du dich weigerst, ihnen auszuweichen. Oder sie laufen 100 Meter vor dir her. Ich bin dann immer mal gern stehengeblieben um abzuwarten, wie lang es wohl dauern würde, bis mein Partner merkt, dass er allein unterwegs ist. Manchmal war er schon außer Sichtweite, wenn das endlich passierte.

Was hat dich radikalisiert?

Ich war immer Feministin - immer, seit ich ungefähr zehn war und "Die dressierte Frau" von Hannelore Schütz in den Bücherwänden meiner Familie fand. Das war eine feministische Antwort auf das lächerliche, antifeministische Werk "Der dressierte Mann" von Esther Vilar und es machte mich zu dem, was ich heute noch immer bin. Ich erzähle immer wieder gern, dass meine Eltern von der Existenz des Buches gar nichts gewusst haben wollten und dementsprechend auch nicht wussten, wie es ins Haus gekommen war. Für mich war es ein intellektuelles und prägendes Wunder. Meine Mutter habe ich in den Jahren danach mit meinen Versuchen, sie zu emanzipieren, fast in den Wahnsinn getrieben - sie war damals gedanklich noch nicht so weit. Kurz danach wurde ich dann auch noch Vegetarierin. Es hörte halt nie auf mit dem Kind.

Ich dachte als junge Frau zuerst, Feministin und in einer Beziehung mit einem Mann zu sein - das geht. Mir wurde schnell klar, dass es nicht geht, ohne Federn zu lassen. Es kostete in (beinahe) jedem Fall unendliche Kraft, Prinzipien aufrechtzuerhalten, dauernde Konflikte auszuhalten und auszudiskutieren, zu erklären und zu belehren, oder sich mit den Kompromissen kompromittiert und mies zu fühlen. 

Die romantisch gemeinte Gesellschaft eines Mannes, das ist nun auch endlich bei mir angekommen, ist die Mühe nicht wert. Und Sex war meiner Erfahrung nach auch immer mit unverhätnismäßig viel Aufwand verbunden für etwas, was ich am Ende ohne Mann viel einfacher hätte haben können. Ehrlich, wenn ich noch einmal so viel Zeit für irgendetwas übrig habe, lese ich lieber mal wieder ein gutes Gedicht.


NH

Dienstag, 9. Dezember 2025

Follow me around 61 - Stille Wasser


Ich habe ein totes Reh im Pool gefunden.

Heute am frühen Morgen hat es Tippi außerdem geschafft, im Catio gleich zwei Mäuse hintereinander umzubringen und ins Haus zu schleppen, um sie hier noch weiter durch die Luft zu schleudern und sie zu jagen, als lebten sie noch.

Die letzten Wochen des Jahres fühlen sich an, wie einer von diesen trüben, dunstigen Psychokrimis, die auf dem Land und in alten Häusern spielen. Durchtränkt mit reflexartiger Symbolik für Tod und Verderben, die quasi schon vor der Tür stehen. 

Wartet, da war doch was. Ach ja, ich bin vor einem Jahr aufs Land in ein altes Haus gezogen. 

Wer nach unserem Umzug tatsächlich fast gestorben wäre, das war Willow. Sie musste operiert werden und eine Woche in der Klinik bleiben. Sie war erst auf der Intensivstation, konnte zwischendurch nicht mehr sehen, brauchte dann sehr lange sehr teure Medikamente, bekam Physiotherapie und ist nun nach Monaten weitgehend wiederhergestellt, wenn sie auch neurologisch und motorisch nicht mehr ganz die Alte werden wird. Hätte es Willow nicht zufällig gerade dann erwischt, als ich noch Geld vom Wohnungsverkauf übrig hatte, wäre sie jetzt tot. Ihre Rettung hat Tausende gekostet und damit ein weit aufgerissenes Loch ins Budget getrieben. Aber sie ist noch da und weitgehend fröhlich, wie es scheint, und dafür bin ich sehr dankbar. Sie hat wie die sprichwörtliche Löwin um ihr Leben gekämpft und es auf jeden Fall komplett verdient, dass ich sie mit allem unterstützt habe, was ich geben konnte.

Dann bin ich in diesem Jahr zweimal buchstäblich auf die Fresse geflogen. Einmal in Eppendorf und einmal in Barmbek. Vermutlich durch die MS. Mein rechtes Bein ist ja seit Jahren eine 'Wackelkandidatin" und gibt hin und wieder ohne Vorwarnung nach. Na, jedenfalls konnte ich danach wochenlang meine Arme nicht mehr richtig benutzen, weil die vom Trauma des Abstützens beim Fallen schmerzten und blockierten.

Als ich sie dann wieder bewegen konnte, schickte ich mich im Spätsommer an, einen Aufsitzmäher von einer Palette herunterzuheben, auf der er mir geliefert worden war. Dabei habe ich mir den Rücken so verletzt, dass ich erst jetzt halbwegs wieder genauso schlecht laufen kann, wie vorher. Ich habe wochenlang im Bett gelegen (wenn ich nicht gerade auf Krücken damit befasst war, angemessene medizinische Hilfe zu kriegen - don't get me started über das Gesundheitssystem), Einkünfte verloren und geglaubt, das sei jetzt wirklich das Ende von allem. Mir ist mithin in der Zeit nicht nur meine Lendenwirbelsäule sondern auch meine Depression um die Ohren geflogen.

Die Kirsche auf dem Kuchen kam rechtzeitig zu Weihnachten. Ein größerer Auftraggeber teilte mir gerade mit, dass er mich und meine Dienste nach jahrelanger Zusammenarbeit ab sofort nicht mehr braucht. 

Mit Kleinkram wie einer Überschwemmung im Keller oder einem Auto, das nicht durch den TÜV kommt, will ich euch gar nicht weiter aufhalten.  

Und nun ist also ein Reh in eben jenem Pool ertrunken, den ich in diesem Jahr nicht in Betrieb nehmen konnte, weil zumeist einfach gar nichts mehr ging.

Der Pool und die Erfüllung eines lebenslangen Wünschens und Strebens haben für mich nicht stattgefunden. Es gab kein Gewinnen. Ich bin nicht angekommen. Das ist die Wahrheit. Und deutlicher kann ich es auch nicht gesagt bekommen.

Wie es weitergeht, wird frau sehen. Ob sie will oder nicht.

Ich drücke uns allen die Daumen für 2026 - also allen, die es wollen und brauchen können.

Der Club der dicken Damen existiert übrigens noch und trifft sich online wieder Ende Januar. Wer zu kämpfen hat, kann da Unterstützung finden und ist wirklich von Herzen eingeladen.


NH

Donnerstag, 25. März 2021

Alles muss raus - oder: ein Rant - TEIL 1

"I'm about this close from gettin' in a tower 
and hurtin' some people!"*
(Suzanne Sugarbaker, Designing Women)


Das ist Tippi. 

Benannt nach Tippi Hedren. Tippi ist knapp zehn Monate alt. Seit etwa einem Monat wohnt sie nun 564r44444444444444444444444444444444444444ere (Nachricht von Tippi) bei uns. 

Wie berichtet, sitzt Corbinian seit dem letzten Sommer im Catio. Vorbei die Tage der Freiheit. Vorbei allerdings auch die Tage, an denen ich mich von alten und neuen Nachbarn beschimpfen lassen muss, weil ich mit einer Tüte Dreamies die Straße hinunterlaufe und nach meiner Katze rufe. Es ist unklar, ob diese Menschen mit mir oder tatsächlich mit Katzen ein Problem hatten. Ich kannte keinen von ihnen näher, in einigen Fällen nicht einmal vom Sehen, und hatte zuvor nie auch nur einen ganzen Satz mit ihnen gewechselt. Aber ich traue ihnen und ihrer Impulskontrolle, die schließlich ganz offenkundig gestört ist, auf keinen Fall mehr über den Weg, wenn es um die Sicherheit meines Tieres geht. 

Corbi war über die neue Lage nicht froh. Es war klar, dass er, nun unverständlicherweise inhäusig, Gesellschaft brauchte. Der ursprüngliche Plan war allerdings ein anderer, nämlich eine mittelalte, gemütliche und weibliche Wohnungskatze zu adoptieren, die ungefähr zeitgleich mit Corbi das Zeitliche segnen würde. Aber, wie es mit allem ist - nichts ist jemals einfach. Hilda, zehn Jahre alt und momentan Bewohnerin eines Tierheims in Brandenburg, durfte ich nicht aufnehmen, weil ich zu weit weg wohne. Ja. Whatever. Ich habe mich aufgeregt, das hat niemanden beeindruckt. Und Hilda ist weiterhin ohne eigenes Zuhause. Andere Heime hatten nur Freigänger*innen im Angebot. Aber dann brauchte Tippi wegen eines Umzugs ihrer Familie eine neue Bleibe. Ich sah die Anzeige, ihr Bild und bewarb mich erfolgreich. 

Sie ist jung, schnell, schlau und eher ungemütlich. Und sie plant schon jetzt den Ausbruch aus dem Catio, obwohl sie bisher noch nie Ausgang hatte. Sie will die Welt. Sie atmet sie ein in tiefen Zügen, starrt in die Sonne und hangelt sich am Maschendraht in die Höhe, um das Eichhörnchen zu erwischen. Für mich ist sie eine echte Herausforderung. Und für Corbi ist sie ein ganz neues Leben. Stundenlang wird in der Wohnung nun gespielt, zusammen gerannt und alles verwüstet. Er ist elf und ein Riese neben ihr, aber er versucht, angemessen mitzuhalten.

Da Tippi im Grunde brandneu auf dieser Erde ist, erzähle ich seither jeder, die es hören oder nicht hören will, dass ich nun offenbar noch mindestens zwanzig Jahre leben muss, um sie zu versorgen bzw. zu überleben. Denn als meine und eine Wohnungskatze hat sie natürlich ziemlich gute Aussichten, was ihre Lebenserwartung angeht. Ich rede über diese zwanzig Jahre so viel, weil sie mich in Angst und Schrecken versetzen. Aus verschiedenen Gründen.

Denn seit ihrer Adoption habe ich zum einen eiskalte Sorge, dass ich die zwei Jahrzehnte womöglich nicht mehr schaffe. In zwanzig Jahren bin ich siebzig. Mein Vater war 67, als er mit einem Herzkasper vor der Staatsoper in Hamburg zusammenbrach. Meine Mutter war 66, als sie mir im Universitätskrankenhaus Eppendorf davonstarb. Genetisch bin ich offenbar schon einmal nicht gerade brilliant aufgestellt.

Und dann mal grundsätzlich- WTF? Wie bin ich überhaupt jemals so alt geworden? Wie konnte es mir jemals passieren, näher am Tod als an meiner Geburt zu sein? Wie habe ich so einfach und wie nebenbei meine Lebensmitte überschritten und dabei noch gar nichts begriffen und nichts wirklich erreicht? Meine Bucket List ist meilenlang und ohnehin ist es mir vollkommen schleierhaft, wie ich bitteschön überhaupt in der Lage bin, eine mittelalte Frau zu sein. Zumindest als Kind dachte ich immer, dass frau dafür eine Reihe von Qualifikationen erwerben und Lebensereignisse abarbeiten müsse. Mir war nicht klar, dass es einfach so passiert. Und ich kann in letzter Zeit ohnehin nichts so recht von dem glauben, was ist.

Fettaktivismus my ass.

Und der ganze Müll liegt hier auch schon wieder viel zu lange rum. Ein ganzer Ordner voll mit unerfreulichem Material zu Themen, die ich hier behandeln wollte. Dazu ein Stapel Bücher. Keines davon verspricht eine erbauliche Lektüre; alle sollten tatsächlich nur gelesen werden, weil ich aus irgendwelchen Gründen glaube, dass ich es der Welt schulde, den Schrott auseinanderzudröseln. Dabei macht es nicht den Eindruck, dass irgendetwas, was wirksamem oder auch nur ernstgemeintem Fettaktivismus nahekommt, in Deutschland in den letzten Jahren eine Chance gehabt hätte, einen Zeh in die Tür der Medienlandschaft zu bekommen.

Vor einiger Zeit hat mich eine Freundin gefragt, ob ich ihr ein Buch über Fettakzeptanz auf Deutsch empfehlen könnte. Konnte ich irgendwie nicht. Und kommt mir bloß nicht wieder mit Magda Albrecht

Happy Size macht im Katalog jetzt Reklame für ein Buch, das Tanja Marfo geschrieben hat - über Selbstliebe. Würg. Jetzt kann ich bei Happy Size nix mehr kaufen. So wie ich keine Geflügelwurst von Gutfried mehr kaufen konnte, als Johannes B. Kerner begann, in den Werbespots aufzutreten. Ich erinnere mich ja immer wieder gern an das von ihr geleitete Seminar zum gleichen Thema, bei dem wir zu dritt vor einem Tablet in einem Imbiss saßen (das war der Veranstaltungsort) und die zweite Teilnehmerin in wilde Tränen ausbrach, weil sich ihr dicker Selbsthass just in dieser Situation so richtig Bahn brach. Es ist alles Betrug. Frau Marfo war noch nie an der Selbstliebe anderer interessiert. Alles, was sie je wollte, war irgendwie eine Karriere mit Medien. Als dicke Frau entschied sie sich sodann, den Body-Positivity-Zug für ihre Zwecke kapern. Sie macht aber bekanntlich auch ohne zu zögern Reklame für Diätpulver und Fitnesstrainer, wenn sie glaubt, dass sie das weiterbringt. Und auch das wird sie  schamlos als Selbstfürsorge verkaufen. Noch einmal, an alle, die es noch immer nicht begriffen haben: Ein "Umstyling" hat nichts mit Selbstliebe zu tun. Genau genommen bedeutet es das Gegenteil.

Mein Instagram Feed ist naturgemäß voll mit Accounts, deren Kernthema eigentlich "Body Positivity" ist. Bei den Bildern handelt es sich in letzter Zeit immer seltener um OOTDs o.Ä. und zunehmend um nackte oder in Reizwäsche gekleidete dicke Frauen, die gern auch mal auf diesem Wege Werbung für ihr "OnlyFans-Account" machen. Von mir aus soll selbstverständlich jede, die das will, ins Pornogeschäft einsteigen. Entschuldigt, wenn ich trotzdem nur noch kotzen könnte, wenn mir noch einmal irgendwer weismachen will, dass es ein Fortschritt ist, wenn dicke Frauen in der Pornographie, bei Modelwettbewerben und Misswahlen endlich genauso intensiv zur Objektifizierung von Frauen beitragen "dürfen" wie normattraktive. Wenn ihr mich fragt, ist "Body Positivity", wenn das Konzept überhaupt je etwas wert war, inzwischen totgetrampelt worden. 

Göttin, ich habe das alles so satt. Ach ja, und dann war da auch noch das...

Die wirklich allerletzte Presseschau: The Curvy Magazine

Ich habe eine Ausgabe des Curvy Magazines erworben (die Ausgabe für Sept, Okt, Nov. 2020). Bekanntlich habe ich für Frauenzeitschriften nicht viel übrig. Und ja, ich glaube, dass die Möglichkeit, schöne Kleider zu tragen, nicht den Mittelpunkt fettaktivistischer Arbeit ausmachen kann. Natürlich bin ich mir auch bewusst, dass weite Teile des Publikums das anders sehen, bzw. dass schöne Kleider in großen Größen und dicke Models in Magazinen ihnen reichen würden, weil ihr Ärger über die eigene Diskriminierung sie schlicht noch immer nicht weiter trägt. 

Nun ja, auf jeden Fall ist das Modemagazin für dicke Frauen vollgestopft mit Fat Shaming. Quelle surprise, I know. Die Brigitte könnte hier regelrecht noch etwas lernen. Zwischen den Seiten tut sich auch in diesem Fall wieder genau die Hölle auf, in die alle Beteiligten immer geraten, wenn dicke Frauen, die die Ambivalenz dem eigenen Fett gegenüber niemals überwunden haben (siehe Barbara Schöneberger), einfach so tun als ob, weil sie glauben, dass es sich vermarkten lässt. Was dann oft nicht einmal der Fall ist. 

Auf Seite 11 beginnt Susanne Ackstaller ihren Kommentar "Dick sein als Chance" mit der Überlegung, dass sie "die Vorteile eines dünneren Ü50-Ichs durchaus (sieht)!" Auf ihrem Instagram-Account gab es übrigens zu den Festtagen im letzten Jahr auch eine gute Portion Selbstherabsetzung: "Platze gerade aus meiner Jeans, weiß jetzt, warum es "Plätzchen" heißt."

Etwas weiter im Magazin schickt sich dann die dänische Comedienne Sofie Hagen an, noch etwas mehr am eigenen Klischee-Gefängnis zu zimmern: Fett ist "powerful, schön, weich, belastbar, einfach herrlich". Und ich so: Was, wenn Fett nicht belastbar ist, bzw. die Person, zu der es gehört? Dass Fett nicht einfach sein kann, dass es immerzu noch zusätzlich etwas sein muss, das es rechtfertigt oder aufwertet, macht mich inzwischen so sauer.

Im Vogue-Interview behauptet die Gründerin des Curvy Magazins, Carola Niemann, man müsse "ab Größe 42 genauer, liebevoller mit einem Körper umgehen", denn ab da sind alle Körper "plötzlich unterschiedlich" und das macht die Herstellung von Kleidung über 42 angeblich so kniffelig. Sie hat das Magazin gegründet, um Frauen Vorbilder zu liefern, "die auch nicht perfekt sind, aber toll aussehen..." Auch nicht perfekt. Sie verspritzt weiterhin nichts weiter als Gift. Und bemerkt absolut nichts. 

Damit also keine ihrer Leserinnen jemals auf die Idee kommt, nicht ganz schön scheiße und obendrein nicht zu dumm zu sein, sich morgens etwas anzuziehen, kommt dann ab Seite 70 ihrer Publikation die große "Beratung": "Welches Business-Outfit passt zu deinem Körpertyp". Und ich traute meinen verdammten Augen mal wieder nicht.

Oben schmal, unten breiter: "Locker sitzende Hosen aus weich fließenden Materialien (...) umspielen die Hüften und Oberschenkel und gleichen so deine Proportionen (...) aus. Eine Bluse (...) mit V-Ausschnitt sowie Stiefeletten mit Absatz strecken zusätzlich."

Schmale Taille: "Es gilt, deine Körpermitte zu betonen."

Rundliche Körpermitte: "In dem locker sitzenden Jumpsuit ist alles gut verpackt und durch den lässigen Schnitt trägt auch nichts auf. Mit einem weiten Mantel kannst du deine Körpermitte umspielen."

Oben breiter, unten schmal: "Deine Beine können sich sehen lassen. (...) Obenrum auf Schnickschnack verzichten. (...) der Ausschnitt streckt und lässt deinen Oberkörper schmaler wirken."

Schwer zu glauben, wenn frau nicht dabei war, aber das Motto auf dem Cover lautet tatsächlich "Respekt!". Wie jede Frauenzeitschrift ist auch diese nichts als ein Cocktail aus beschränkten, toxischen Kleinmädchenträumen, fahrlässiger Feigheit und skrupelloser Selbsterhöhung. 

Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen. Schon gar keine Vorbilder.

Fortsetzung folgt.


*Achtung: Schwarzer Humor. 
Ich bin so kurz davor, auf einen Turm zu steigen und ein paar Leuten wehzutun!
Suzanne Sugarbaker ist eine Hauptfigur in einer meiner Lieblingssitcoms. In "Designing Women" parodierte Delta Burke eine ebenso exzentrische wie reaktionäre Südstaatlerin. "Designing Women" war in den 80ern und frühen 90ern zusammen mit dem anderen berühmten Frauen-Ensemble seiner Zeit, "Golden Girls", bekannt und beliebt dafür, die Plattform, die das Fernsehen bot, auch zum Kampf gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus zu nutzen. 

Das Zitat bezieht sich auf einen Massenmord im Jahre 1966, als der Ex-Marine Charles Whitman bis unter die Zähne bewaffnet auf den Turm des Hauptgebäudes der Universität von Texas in Austin stieg, von dort aus wahllos in die Menge schoss und 18 Menschen ermordete. Designing Women thematisierte auch das noch immer hochaktuelle Thema Waffenkontrolle mit Suzanne als komplett verantwortungsloser Inhaberin einer Schusswaffe.


NH

Sonntag, 14. Februar 2016

Follow me around 42: Rote Fäden

Ein 25jähriger "Unternehmer" schrieb mir auf finya.de: 
"Für 44 siehst du aber noch verdammt gut aus." 
Ich antwortete ohne zu zögern: "Verpiss dich."

Ich nehme keine Gefangenen mehr.*


*Soll heißen: Meine Geduld ist am Ende, und ich lasse keinen mehr leben, der mir irgendwie dumm kommt. Ein Ergebnis meiner zunehmend rabiaten Grundhaltung ist natürlich, dass ich den Valentinstag wieder allein verbringe. Wie in den ca. letzten 15 Jahren auch. Man würde denken, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnt. Habe ich aber nicht nur nicht, es ist bekanntlich in den letzten Jahren obendrein nicht leichter geworden, allein zu sein.

Der Kater hatte unlängst einen besonders schlimmen Allergieschub und muss nun doch auf hypoallergenes Futter umsteigen, weil ich seine tägliche Kortisondosis nicht weiter erhöhen kann, aber er sich sonst nackig kratzt. Er will das neue Essen nicht und gibt mir die Schuld. So wie sonst an schlechtem Wetter. Er meckert und randaliert. Und obwohl ich weder für das Wetter noch seinen Stoffwechsel etwas kann, fühle ich mich dieser Tage selbst in meiner Funktion als Crazy Cat Lady als Versagerin.

Dann steckte vorgestern ein Rundbrief der Familie Band in allen Briefkästen der umliegenden Häuser. Auf dem Grundstück vor all meinen Fenstern wird ab nächster Woche offenbar ein Haus abgerissen. Und dann baut die Familie Band, wer immer diese Leute sind, dort ein Mehrfamilienhaus. Die Fertigstellung soll im Herbst sein. Da gehen der Frühling und der Sommer begleitet von Baulärm also schon einmal den Bach runter. Die Bands freuen sich indessen, uns alle "als neue Nachbarn begrüßen zu dürfen" - so als wären wir neu in der Straße - und nicht sie. Merkwürdige Wortwahl. Sowie vergebliche Liebesmüh. Für mein Verständnis brauchen sie sich auch nicht im Voraus zu bedanken. Denn ich werde es im Ernstfall nicht haben. 

Ich ertrage ja keinen (fortgesetzen) Lärm. Oder Verkehrsbehinderungen vor meiner Haustür. Darum wohne ich ja auch eigentlich hier und nicht woanders. Außerdem bin ich grundsätzlich in einer veritablen Scheißstimmung, denn ich hatte bisher ein Scheißjahr. Mein Nachbar, der seit drei Monaten und vorzugsweise vor acht Uhr oder am Wochenende meiner persönlichen Einschätzung nach eher orientierungslos an seiner Wohnung herum renoviert, was den restlichen Bewohnern neben Müll und Lärm unter anderem eine Überflutung im Keller und einen Stromausfall im Treppenhaus beschert hat, könnte beim nächsten sonntäglichen Aufjaulen seiner Schleifmaschine derjenige sein, bei dem mir der berühmte Faden reißt. Der Kragen platzt. Das Fass überläuft. Ich rechne jeden Tag damit. Ich weiß nicht, was passieren würde. Aber es wäre wahrscheinlich kein Bild fürs Familienalbum.

Und wenn das alles noch nicht gereicht hätte, um meine Dysthymia im trüben Fluss meines Lebens so richtig unterzugluckern und in ganz neue Tiefen zu befördern, habe ich mich dann dummerweise gestern auch noch durch das Buch "Die Fettlöserin" von  Nicole Jäger gearbeitet, um darüber zu schreiben. Die Lektüre war so unerwartet fürchterlich und frustrierend, und ich war ohnehin so mies drauf, dass ich ungelogen über den letzten Seiten unvermittelt in Tränen ausgebrochen bin. Und während ich im Wohnzimmer auf und ab ging und mal wieder darum rang, nicht an einem Schwall aus Schleim und Rotz zu ersticken (verschleppte Nebenhöhlen- UND Magenschleimhautentzündung), sprang der Kater verärgert an mir hoch und krallte sich in meine Wade...

Meine Besprechung des Buches erscheint hier nun im Laufe des Tages.



NH



Donnerstag, 8. August 2013

THE UGLY GIRL PROJECT: Wallflower / Mauerblümchen

So, meine Lieben - nackig komme ich jetzt wirklich klar. ; ) Die Formel, wie ich endlich zu meinem unbekleideten, dicken Körper nach Hause fand, scheint im Rückblick fast ein wenig zu einfach: Selbstauslöser, Sex und das Glück, trotz aller eingebrannter Scham und Selbstverachtung über ein solides, hochnarzistisches Quantum exhibitionistischer Neigungen zu verfügen - wer hätte gedacht, dass auf mein inneres Showgirl nach Jahren und Jahren im Verließ doch noch so viel Verlass ist? Aber natürlich war es in Wahrheit doch schwer. Es war auch eine Menge Arbeit, sich umzuprogrammieren. Und so merkwürdig das nun klingen mag: Die nächste Mutprobe ist, sich wieder anzuziehen. Und zwar so, dass einen niemand mehr so leicht übersieht. Und zwar am besten täglich. Auf der Straße. In Läden. In Besprechungsräumen. In Restaurants. Ausschnitte. Breite Gürtel. High Heels. Mehr klimpernde Accessoires. Womöglich sichtbare Knie (oh, Göttin...).

Ich habe jetzt bereits seit Monaten einen Kleiderschrank, in dem sich fast nur noch Kleider befinden, die mir auch passen. Das allein war ein Triumph. Gern große Größen einzukaufen, ist die halbe Miete. Sie jetzt endlich auszuführen und sich so als dicke Frau ganz im rebellischen Sinne von Fatshion bemerkbar zu machen - das war ein bisher ehrlicherweise eher vernachlässigtes Projekt. Vor zwei Wochen trug ich zum ersten Mal seit Jahren einen Rock. Um in ihm auf einer einsamen Wiese zu sitzen und zu picknicken - aber immerhin ein Anfang. Das "Outfit Of The Day" für die folgende Serie von Fotos war übrigens Fair Trade Schleierkraut. Und Rosen von gestern, denn auch für die weitere Arbeit an der Selbstakzeptanz der dicken Dame gilt selbstverständlich DAS HIER.

So, jetzt gehe ich wieder in die Sommerpause...

NH


















© CANDYBEACH.COM N. Hinz 2013

Freitag, 30. Dezember 2011

Wie im Himmel

(© Gahan Wilson - Danke Barbara! : ))

Ich könnte wetten, dass meine Therapeutin sich das irgendwie anders gedacht hatte, als sie mir vorschlug, mich einmal am Tag vor den Spiegel zu stellen und zu mir zu sagen "Du bist liebenswert, so wie du bist". Ich weiß ja dann immer nicht recht, was ich tun soll – den Spiegel zerschlagen, oder mich kaputt lachen. Mein Verhältnis zu mir selbst ist halt – na sagen wir mal – komplex. Bemerkenswerterweise soll ich natürlich gar nicht so bleiben, wie ich bin. Sonst wäre ich ja schließlich nicht ihre Patientin. Veränderung ist der Kern ihres Geschäfts – ohne Veränderung schlägt man in der Therapie irgendwann im Niemandsland auf. Wozu also jetzt noch der ganze Aufwand mit dem alten Ich?

ODER ABER: Man hört auf, sich zu entschuldigen.

Auf der Reise zu mir selbst, so stellt sich nun heraus, bin ich einmal im Kreis gelaufen, und wer macht mir die Tür auf: Eine alte Jungfer mit mieser Laune und Doppelkinn – und Menschenskind, war ich vielleicht froh, sie zu sehen! Je stärker die Bemühungen, sich von ihr zu entfernen, desto größer der Widerstand. Jetzt weiß ich auch warum – hätte man mich im Zuge all des therapeutischen Aufwands dazu bewegen wollen, mir einen Arm amputieren zu lassen, wäre das vermutlich auf ähnliche Weise gescheitert. Ich hätte ihn einfach nicht hergegeben. Und ich gebe sie auch nicht her. Sie ist Teil meiner Show. Und – egal wie weit man die Definition vielleicht auch ausdehnen muss – ich bin ein Showgirl, sonst wäre ich schließlich überhaupt nicht hier.

Ich will mich selbst nicht liebenswert finden. Die bloße Vorstellung fühlt sich einfach nur an, wie eine zu enge Unterhose. Ich fänd es zwar echt magisch, wenn ein bestimmter Herr endlich zu eben jener Einsicht gelangen könnte (Yes, YOU! Call me!), aber im Gegensatz zu allem was die Folklore des positiven Denkens uns lehren will, ist es weder notwendig noch ausschlaggebend, dass man sich selbst liebt, um geliebt zu werden. Das weiß jeder, der den Lauf der Welt ein paar Jahrzehnte beobachtet hat. Aber wo war ich…ach ja – also, ich persönlich würde auch nicht meinen eigenen "Like Button" drücken (aber ich bedanke mich vielmals bei den beiden, die es getan haben : )). Ich will viel lieber denken können, was ich will (auch über mich selbst) – und sei es noch so garstig. Denn das ist es, was ich bin. Und ganz nebenbei habe ich das Gefühl, dieses Blog wird davon noch richtig profitieren.

Und selbstverständlich halte ich weite Teile des Lebens für eine schiere Zumutung: Von der Steuererklärung über das Fernsehprogramm und die neue Brigitte Diät bis hin zum Tod – ABER ich entschuldige mich nicht mehr dafür. NIE MEHR! Ich habe es vermutlich schon einmal gesagt, ich sage es gern immer wieder: Was für eine Einstellung sollte man denn zu Wasserrohrbrüchen und Bankenskandalen bitteschön auch sonst haben?

Ach, und wo es nun schon seit Oktober als Merkwürdigkeit auf meinem Schreibtisch liegt: Was für eine Einstellung ist eigentlich die richtige, wenn man von einer dumpfbackigen, im Ursumpf der 50er festgekeilten Autorin namens Danijela Pilic beim bloßen Blättern in einer Frauenzeitschrift auf folgende Art und Weise angepöbelt wird: "Kennt jeder: Frauen, die allein sind (…) Die Verbitterte: Sie hasst Männer, und, wo wir schon dabei sind, auch Kinder, weil sie wahrscheinlich nie welche haben wird. Dafür liebt sie ihre sieben Katzen abgöttisch (…) Nachts weint sie in ihre Kissen und hat Angst davor, tagelang nicht entdeckt zu werden, wenn sie sterben sollte." Das Bild zu diesem Artikel ist übrigens eine Vogelscheuche. Damit hier kein Missverständnis entsteht – die Chefredaktion des Magazins Myself hat ihr gestattet, über uns alle (und insbesondere über all ihre Leserinnen, die obendrein auch noch was dafür bezahlt haben) herzuziehen, egal ob mit Familienanhang oder tatsächlich alleinstehend, weil sie schlicht unterstellt, dass es eine richtige und eine falsche Art des Frauenlebens gibt und die "falsche" mit der muffigen Lustigkeit einer Schülerzeitung diffamiert. Oder um mal ein themennahes Beispiel zu verwenden: Sie ist ungefähr so nervig wie eine von diesen verbiesterten Ex-Dicken, die sich gerade zum Rothorn Run angemeldet haben, und sich vorher noch kurz in eine Talk-Show setzen, um dort zu behaupten, dass es schier ein Ding der Unmöglichkeit sei, als dicker Mensch ein halbwegs zufriedenes Leben zu führen. Man kann über trutschige Modestrecken ohne Models und die nächste abwegige "Diätenwende" auf dem Cover ja sagen, was man will (und das werde ich auch noch), aber das wäre der Brigitte vermutlich nicht passiert.

Wahrscheinlich könnte man sich den Mist des Lebens vorübergehend schöntrinken. Schöndenken – wer weiß. Mein Grundsatz ist ja immer, so Einiges für möglich zu halten und möglichst wenig zu glauben. Wenn mich zum Beispiel in Hamburgs City ein verdächtig übereifriger Passant wild und wichtig mit den Armen fuchtelnd anhält und mir vorschreiben will "Sie müssen zurück, da geht es nicht weiter!", kann es durchaus vorkommen, dass ich erst einmal…tja, nun…weiterfahre. Ich mache mir halt gern selbst ein Bild. Glauben kann ein feines Lebenskonzept sein. Wie Optimismus. Oder wie Karma. Bis sie ausscheren, wie ein überlanger Schwertransport auf einer richtig engen Dorfkreuzung. Guten Menschen passieren schlimme Dinge. Am Ende gibt es doch Erdbeben der Stärke 8,9 im Nordosten Japans. Obwohl man geglaubt hat, dass das nicht möglich ist. Und eines Tages stellt sich womöglich heraus, dass der liebe Gott in Wahrheit eine "Crazy Cat Lady" ist – so eine, wie die, vor der die Frau Pilic so große Angst hat. Und die natürlich schon längst ihren festen Platz in der Ahnengallerie der Popkultur-Archetypen hat. Sie ist ein bisschen die Hexe des 21. Jahrhunderts, die neue wilde Frau.

Und wo wir gerade beim Thema waren: Eine Vorgängerin meiner jetzigen Therapeutin hatte mir mal als Hausaufgabe aufgegeben, meinen persönlichen Misthaufen zu zeichnen. Was ich prompt vergaß, woraufhin sie mir eine Standpauke hielt, und ich die Arbeit mit ihr abbrach. Aber vielleicht hole ich das jetzt doch noch nach – und male den höchsten und schönsten Haufen persönlichen Mists, den je eine Therapiepatientin gemalt hat – oder je malen wird. Und es erfüllt mich schon jetzt mit tiefer Zufriedenheit, mir vorzustellen, wie weit man von der Spitze meines Misthaufens wohl sehen könnte.

Kurz vor Weihnachten warf ich also tatsächlich einen Blick in den Spiegel. Und fand just meine innere Crazy Cat Lady – zum ersten Mal (hat ja auch nur zwei bis drei Jahrzehnte gedauert). Und ich beschloss, endlich die zu werden, die ich ohnehin bin. Und mich nicht mehr zu entschuldigen. Das wäre mein erster Vorsatz fürs neue Jahr. Mein zweiter ist, endlich und endgültig auf eine vegane Ernährung umzusteigen. Drittens hoffe ich, mehr zu schreiben. Viertens muss ich mich noch immer entscheiden, ob und – wenn überhaupt – wie viel ich abnehmen will (ja, die Frage steht nun doch wieder im Raum). Fünftens plane ich, im Sommer ins Tierheim zu gehen und wieder zwei Notfellchen zu adoptieren. Außerdem soll möglichst bald mein kleines Kunstprojekt zum Thema Körperimage und Schönheitsideal (The Ugly Girl Project) in Schwung kommen. Und ein kurzer Aufsatz zu Sinn, Aussage und Absicht ist bereits in Arbeit. Wenn jemand von euch sich auch kreativ mit dem Kampf um Selbstwert und gegen die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers befasst, würde ich es mir wirklich sehr freuen, etwas darüber zu erfahren.

Na, ihr Lieben – dann rutscht mal schön!

Ich hoffe, wir sehen uns im Neuen Jahr wieder…also, im Prinzip…gleich. : )

NH