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Mittwoch, 13. Dezember 2023

Rachearie* - und kein Abgesang


Heute wäre der siebte Jahrestag meiner Beziehung gewesen, wenn es die Beziehung noch gäbe. Diese endete in diesem Sommer - am siebten Juli, um genau zu sein. Was dann kam, war mein freier Fall. Garniert mit Lügen und Hinhalten und unbegreiflichen Peinlichkeiten und Demütigung und Beleidigungen und Drohungen und übler Nachrede und noch mehr Bösartigkeit. Ich bin auf absurd langatmige Weise über Monate hinweg verlassen und abserviert worden. Zuerst hieß die Trennung nur "Pause". Dass ich das geglaubt habe und als Grund für Hoffnung begriff, hat vermutlich auf der anderen Seite für ordentlich viel Häme und Belustigung gesorgt. Getriggert durch, wie ich nur vermuten kann, Scham und den Wunsch, schon wieder alles Belastende zu verdrängen, hat mein Ex-Partner dann an einem bestimmten Punkt plötzlich alle Kommunikation unterbunden, was echt unpraktisch war angesichts der Tatsache, dass es trotz allem noch administrative Dinge zu klären gibt. Nun werden wir womöglich sogar um eine juristische Auseinandersetzung nicht mehr herumkommen. 

Nein, ich weiß bis heute nicht so ganz genau, wohin mit meiner Wut. Und ich nehme weiterhin Tabletten, damit die erlebte Verletzung, die die entscheidende Kirsche auf dem Kuchen des Grauens war, mich nicht daran hindert, irgendwie durch die Tage zu kommen. 

Eine Leserin schrieb mir, sie sei manchmal erschrocken, wenn sie meine Blogposts liest. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die rückhaltlose Thematisierung der persönlichen Katastrophe und der Unwille, sich endlich davon zu lösen und gutgemeinte, konventionelle Ratschläge zur Heilung anzunehmen, ungewöhnlich drastisch und redundant wirken. Aber meine Grundsätze zur Heilung widersprechen nun einmal ganz klar dem, was therapeutische Angebote gängigerweise im Repertoire haben.

1) Ich werde den Teufel tun und vergessen. Und ich werde mich auch nicht künstlich und verbissen ablenken.

2) Ich werde nicht die "Klügere" sein, die nachgibt (und in der Folge verliert).

3) Ich werde nie verzeihen und womöglich dem Täter am Ende noch alles Gute wünschen. Ha, soweit kommt das noch! Es wäre verlogen. Und weder souverän noch "erwachsen", sondern eher schwächlich und sinnlos - egal, was immerzu überall behauptet wird.

4) Ich werde Wut nicht als fortgeschrittene, vorübergehende Station in einem niedlichen, abgestuften "Heilungsprozess" begreifen, sondern als nie versiegende Energiequelle.

5) Ich werde mich revanchieren - auf total legale Weisen.

6) Ich werde Wut zu Kunst machen.

7) Ich werde mich und meine Wut immer weiter ins Schaufenster stellen, solange es mir und anderen hilft.

8) Ich werde nie behaupten, dass diese Phase meines Leben für irgendeinen Scheiß gut gewesen sei.

9) Ich werde mich nie aus der Arena verdrücken, um billigen, unechten "inneren Frieden" zu finden.  Der bedeutet mir nichts. Ich strebe bekanntlich stattdessen nach Genugtuung.

10) Ich verlange eine Entschuldigung. Ich wäre also tatsächlich bereit, echten Frieden zu schließen. Aber wenn sie nie kommt, die Entschuldigung, dann endet auch die Forderung nie. Damit kann ich auch gut leben.

Die Weihnachtstage werden, allein verbracht, voraussichtlich eine harte Zeit. Aber ich werde sie, wenn möglich, auch nutzen, um mich nach besten Kräften zu ordnen und in Stellung zu bringen. Und ich wünsche allen, denen es zum Jahresende ähnlich geht, genug Bestimmtheit, klare Gedanken und ausreichend Egoismus, um weiterzumachen.

See you on the other side, ihr Lieben! 
Happy Everyhing - und ein akzeptables Neues.


*Königin der Nacht


NH


Dienstag, 5. Mai 2015

Wie man so richtig schlechten Sex hat

"Some people have real problems" (Sia)

Hin und wieder betreibe ich ja bekanntlich Feindbeobachtung - und kaufe mir dazu eine herkömmliche Frauenzeitschrift. Nicht zu oft, denn das ist schlecht für meinen Blutdruck und die allgemeine Stimmung für den Rest des Jahres. Manchmal sind die Bösartigkeit und Blödheit, die einer aus den Seiten entgegen schwappen eben einfach so haarsträubend, dass man vorübergehend so unsagbar sauer auf das eigene Geschlecht wird, dass man nicht übel Lust hätte, die eine oder andere Redakteurin während ihres fettfreien Lunches vom Nachbartisch mit vollen Windeln und Büchern von Birigit Kelle zu bewerfen.

Die Tipps für ein beschisseneres Frauen(sex)leben kommen heute aus der Mai-Ausgabe der Shape. Zu finden ist der fragliche Text unter der Überschrift "Heißer aussehen beim Sex" auf Seite 108 - eigentümlicherweise in der Kategorie "Psychologie". Das ist meiner Auffassung nach nicht sehr passend, aber vermutlich war der Kram halt schlecht einzuordnen - eine (offensichtliche) Rubrik für "Selbsthass" gibt es ja nicht.

Mir ist natürlich klar, dass solche Magazine davon leben, dass wir unsere Körper nicht leiden können. Mich überrascht nicht, dass sie im Hinblick auf das Überleben ihres Blattes kein echtes Interesse daran haben, daran wirklich etwas zu ändern. Was mich überrascht, ist nicht das, was sie nicht für Frauen tun. Aber was mich mitunter (fast) sprachlos macht, ist das, was sie tun. Gegen Frauen. Und damit gegen sich selbst.

Christy Forers (das ist die Verfasserin des Artikels) "schlimmster Albtraum" ist, dass sie "eines Tages Sex mit einem Mann (hat), der vergessen hat, seine GoPro-Kamera auszuschalten." Nicht, weil sie etwa Angst davor hat, der Mann könnte sein Werk womöglich im Internet in Form von Rache-Porn veröffentlichen, oder sowas. Nein, sie befürchtet vielmehr, dass sich unwiderlegbar herausstellen könnte, dass sie beim Sex scheiße aussieht. Ihre sorgenvolle Frage, die aber doch uns alle regelmäßig umtreibt, ist: "Ob mein Körper immer so sexy und durchtrainiert wirkt, wie er wirklich ist?"

GÄHN.

Dazu würde ich zunächst einmal gern dieses einwerfen:

1. Meiner ja!*

2. Es ist immer gut, wenn der/die mit der Kamera auch ein wenig Talent im Umgang mit eben jener hat.

3. Ich würde tatsächlich jeder Frau, die an ihrer körperlichen Selbstakzeptanz arbeitet, empfehlen, sich auch mal beim Sex zu filmen. Meiner Erfahrung nach, kann das die selbe heilende Wirkung haben, wie Selbstportraits und Nacktbilder. Man kann besser akzeptieren, was man auch kennt. Und wie soll man sich der Welt endlich in voller Größe zumuten, wenn man sich vor sich selbst immer weiter versteckt? Das eigene Bild zunächst auszuhalten und sich dann daran zu gewöhnen und es anzunehmen, ist in meinen Augen noch immer einer der ersten und wichtigsten Schritte.

Bei der Aufzeichnung von Sex kommt hinzu, dass man sich währenddessen in einer Situation mit jemandem befindet, der den Körper, den man selbst gerade hat, offenbar aufregend und attraktiv genug findet, um...mit ihm Sex zu haben! Während man also vielleicht vom eigenen Anblick zunächst nicht begeistert oder gar erschrocken ist, muss man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass das Gegenüber das vermutlich anders gesehen hat. Dass das also möglich ist. Sich dieses klar zu machen, hilft. Sogar ungemein.

*Ja, mein Körper wirkt im Film immer genauso sexy und untrainiert, wie er wirklich ist. Ich brauche also keinen der "5 kleinen Tricks", um mich beim Sex "super in Szene zu setzen". Außer der verunsicherten Christy selbst braucht die ohnehin keine andere Frau mehr, als ein Loch im Kopf.

Schockstarre

1. Dicke Hintern
Hier rät die Christy Frauen "mit etwas mehr Po" zur Seitenlage, denn die ist "schmeichelhafter, weil sie Hüftknochen und Taille betont". Wer seinem Partner unbedingt sein mächtiges Hinterteil entgegenstrecken will, der sollte wenigstens einen "langen Rücken" machen, um insgesamt "schmaler zu wirken".

2. Doppelkinn
Kissen unter dem Kopf sind bei Rückenlage verboten.

3. Keine Kissenschlacht
Für einen straffer wirkenden Busen, muss man ein Hohlkreuz machen (beim Sitzen auf ihm oder in der Rückenlage) und dieses dann bitte auch bis zum Ende durchhalten, damit nicht womöglich doch noch irgendein schwer erziehbares Fettgewebe anfängt, in bewegten Zeiten wild herumzuschlackern. Für scheinbar mehr Busen bitte "gerade liegen bleiben". Ich frage mich, ob man hier nicht realistischerweise grundsätzlich "bewegungslos" einfügen müsste, um den gewünschten Effekt zu erhalten.

4. Sitz gerade!
Wer will, dass der Bauch flacher wirkt, muss sich liegend oder sitzend grundsätzlich "gerade halten". Wem das auf oder unter dem Partner nicht gelingt, hat der Christy zufolge gute Chancen auf eine ganz besondere Auszeichnung: "Plauze des Jahres".

5. Posen
Wer hat der hat, und darf dann nicht nur, sondern soll sogar mit dem Becken kreisen, "denn gerade bei trainierten Frauen zeichnen sich (auf diese Weise) wunderschöne Muskeln (am Bauch) ab".

Wahrheitsfindung

Natürlich geht es in der Shape ausschließlich um Frau/Mann-Sex. Umso mehr müsste man mal einen Mann fragen, was er eigentlich so von Hohlkreuzen und verschämter Seitenlage im Bett hält. (Wo ist denn eigentlich gerade mal der Theo?) Nicht dass ich womöglich irgendjemanden dazu ermutigen möchte, sich primär an männlichen Präferenzen zu orientieren, wenn es um die eigene Sexualität und Selbstakzeptanz geht, aber wenn uns die giftigen Schwestern aus den Redaktionen weismachen wollen, dass Männer fraglos und mehrheitlich ganz besonders auf stocksteife Frauen mit ordentlichem Muskelspiel am Bauch abfahren, lohnt sich hier womöglich doch mal wieder eine praktische Überprüfung dieser Behauptungen. Könnte ja sein, dass das am Ende gar nicht stimmt, und dass es aus seiner Perspektive ebenfalls komplett umsonst wäre, auch nur den Versuch zu unternehmen, aus ästhetischen Gründen kerzengerade auf seinem Schwanz sitzen zu bleiben.

Obwohl die Christy in ihrem Artikel wirklich alles gegeben hat, damit ihre Leserinnen in Zukunft wieder das Licht beim Sex ausmachen, stimmt der folgende Satz selbstverständlich: "Wer sich selbst gut findet, hat mehr Spaß an Sex." Das ist übrigens eine Bildunterschrift und dürfte den meisten Leserinnen entgehen. Sie ist ja auch nicht gut gemeint. Ich glaube ja außerdem, wer mit dem richtigen Partner Sex hat, hat mehr Spaß an Sex. Richtige Partner sind die, bei denen man sich schön fühlt. Ganz besonders dann, wenn es wackelt und bebt.


NH

Dienstag, 10. Februar 2015

10 Jahre candybeach.com: Hallo, wie geht es Ihnen?*

Am 10. Februar 2005 habe ich begonnen zu bloggen. Die Domain war UND IST candybeach.com. Warum der Name? Er gefiel mir. Das ist alles. Ich mag Strände. Und Süßigkeiten. Und der Klang war gut.

Alle, die damals schon mitgelesen haben (einige sind ja auch noch hier), wissen, dass die Website in jenen Zeiten etwas pinklastiger war. Und natürlich, dass es sich bei meinen Aufzeichnungen zunächst um ein Diättagebuch handelte. Ich wog über 122 kg und wollte im Leben mal wieder nichts dringender, als dünn zu werden. 

*Die Überschrift des allerersten Eintrages lautete allen Ernstes: "Hallo, wie geht es Ihnen?" Und weiter unten verkündete ich unumwunden, dass ich "gern ein Rennpferd wäre anstelle eines untersetzten Ponys". Ich war grausam und ziemlich gnadenlos mit mir. Wenn man sich auf aktuellen Diät-Blogs umsieht, erkennt man den Ton unschwer wieder. Die Autorinnen sind nicht netter zu sich als ich es war. Wenn ich heute auf mich und mein Verhältnis zu mir selbst zurückblicke, bin ich, ich kann es nicht anders sagen, entsetzt.

Das Diättagebuch war ein echter Hit. Natürlich war der Candybeach danach nie wieder so gut besucht. Aber das ist keine echte Überraschung: Es gibt schließlich kaum größere Themen als Diäten und Sex. Wer richtig viel Aufmerksamkeit will, sollte sich zumindest auf eins spezialisieren (wenn nicht gar auf eine Kombination aus beidem). 





Bekanntlich hatte ich selbst aber vor ungefähr gut zwei Jahren endgültig genug. Genug von Diäten und dem Selbsthass, der mich Zeit meines Lebens dazu angefeuert hat. Ich empfinde diese persönliche Evolution, die ohne die öffentliche Form des Blogs womöglich bis heute nicht stattgefunden hätte, als riesiges Glück. Wer sich öffentlich in Entwicklungsprozesse begibt, hat es manchmal leichter, weiter zu machen, denn da schauen ja welche zu und erwarten Berichterstattung. Das Aufarbeiten für eine Leserinnenschaft, sowie das Schreiben an sich helfen außerdem bei der geordneten Betrachtung der eigenen Situation. Man lernt schneller und mehr über sich, als wenn man ganz mit sich allein wäre.

Außerdem bin ich zahlreichen anderen Bloggerinnen, die sich, als ich als Neuling auf dem Gebiet herum eierte, schon viel länger mit Fett- und Selbstakzeptanz beschäftigt hatten, unendlich dankbar. Sie haben mir buchstäblich den Weg zu einem neuen Leben gezeigt. Und ich weiß heute natürlich auch, dass es anfangs mitunter sehr viel Kraft und Energie kostet, sich mit all seinem gesellschaftlich inakzeptablen Fett ins Schaufenster zu stellen und für sich in Anspruch zu nehmen, dass der eigene Körper so, wie er ist, endlich Respekt verdient. Hätten sie diesen Mut nicht vor mir gehabt, hätte ich ihn heute auch nicht.

Und jetzt? Jetzt mache ich hier einfach so weiter, wie in den letzten zwei Jahren. Danke an all die Beach Babes (dick oder dünn), die regelmäßig für einen kleinen Strandspaziergang vorbeikommen. Mal sehen, was wir in den nächsten 10 Jahren noch alles so finden werden...

In diesem Zusammenhang möchte ich auch nochmals an die heutzutage hier geltenden Regeln für das Erlangen eines perfekten "Beach Bodies" erinnern - 1. Hab' einen Körper. 2. Geh' an den Strand. 

NH

Montag, 5. August 2013

Das Schweigen der Männer


"Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst."   
(Marie Antoinette)

Ich spreche ja kein Schweigen. Ich verstehe es weder in Wort noch Schrift, und in meiner Welt ist keine Antwort genau das, was sie ist - KEINE Antwort.

Es ist offenbar eine Sprache der Sprachlosen, und wie sprachlos Männer sein können, war mir bis zu meinem Online-Dating-Projekt gar nicht so klar. Dass jemand nicht anruft, obwohl er es angekündigt hat, war mir so gut wie nicht passiert. Dass jemand mitten in einer schriftlichen Kommunikation per E-mail oder Chat ohne Warnung und auf Nimmerwiedersehen verschwindet, war mir nicht untergekommen. Dass jemand zu einer Verabredung nicht auftaucht und sich hinterher nicht entschuldigt, war ziemlich unvorstellbar - es sei denn, er lag tot im Graben. Heutzutage und vor allem mit Internetbekanntschaften scheint das überhaupt keine ungewöhnliche Sache zu sein. Das bestätigen auch Freundinnen, die ich zum Thema befragt habe. Ich selbst habe dann ja zeitnah einmal nachgehakt, was sich derjenige dabei gedacht haben mag, nicht aufzutauchen und dann auch noch zu schweigen. Um dann doch noch folgende aufschlussreiche Antwort zu erhalten: "Ich war mir nicht sicher, ob du kommst." Das ergibt Sinn - er hat mich schlicht verdächtigt, genau so dysfunktional zu sein, wie er. Sein Fernbleiben war sozusagen vorausschauende Selbstverteidigung. Dumm nur, dass ich halt nicht bin, wie er und seinerzeit pünktlich aber leider versetzt und vor Wut in meinen Wein schnaubend im Restaurant saß.

Also halten wir an dieser Stelle erst einmal fest: Jemanden anzuschweigen, weil man nichts mehr von ihm will, aber zu feige ist, dieses klipp und klar (und mit ein wenig Respekt) bekanntzugeben, ist ein Umstand, der letztendlich nicht allzu sehr verblüfft. Der Typ bleibt wortlos weg, weil ihm die Eier, die Worte und die Kinderstube fehlen. Und er steht einfach nicht auf dich. Schon klar. Wenn es halt wirklich so einfach wäre...

In seinem wissenschaftlichen Meisterwerk "Brunftzeit" (kürzlich in der Hoffnung auf spontane Erleuchtung als Mängelexemplar vom Grabbeltisch erworben) setzt der Autor Humfrey Hunter verwirrte Frauen denn auch mit brutaler Klarheit in Kenntnis: "Das Einzige, was Sie ganz sicher wissen, wenn ein Mann Sie nicht anruft ist, dass er Sie nicht anruft."...Aaah ja...Der Autor legt immerhin noch nahe, dass ein Mann, der nicht anruft, wahrscheinlich "nicht sonderlich interessiert ist. Oder rufen Sie etwa Leute, die sie mögen, nicht an?" Nun, mein lieber Humfrey, ich rufe seit Monaten 24 Stunden am Tag jemanden, den ich mag, nicht an. Weil ich mich nicht traue. Das einzig Gute daran ist, dass der andere auch nicht auf den Anruf wartet. So viel dazu. Und sogar der Herr Hunter räumt einige Seiten später ein, "dass es tatsächlich Geschlechtsgenossen gibt, die Frauen nicht anrufen, obwohl sie sie nett finden." Grrr...oh du Hölle...3,95 für nix.

Wirklich frustrierend wird es, wenn nach einer persönlichen Begegnung alle Zeichen klar auf Sympathie stehen und es sogar Abmachungen über eine Fortsetzung gibt - und DANN der Rest trotzdem und unvorhersehbar nur noch Schweigen ist. Hätte sich eine Bekannte im Rahmen einer wahren Wirbelwindromanze in der Nähe einer Drive-In-Hochzeitskapelle befunden, wäre sie am Ende eines stürmischen Wochenendes vermutlich verheiratet nach Hause gekommen. Im Anschluss hörte sie dann jedoch nie wieder etwas von ihrem großen Fang. Sie fragt sich noch immer, wie sie die Situation so komplett missdeuten konnte. Aber hat sie das? Vielleicht sollte man sich eher fragen, was im Kopf des Schweigenden in der Zwischenzeit explodiert ist, dass er nicht einmal mehr eine angemessene (oder auch holprige) Verabschiedung hinbekam?

Dass jemand alle zwei Wochen oder so für einen halben Tag offenbar ganz verrückt nach mir ist, aber in der Zwischenzeit scheinbar so gar kein Bedürfnis verspürt, sich mit mir zu befassen, ist mir allerdings im Prinzip auch unverständlich. Und es stört mich natürlich. Und ewig wird das Ganze so dann auch nicht Bestand haben. (Darum würde ich mich weiß Göttin auch nicht zur Geliebten eignen.) Er hat zumindest versucht, es zu erklären, als ich mich am Anfang unserer Geschichte beklagte: Er sagte, ich sei unentspannt. Und er wolle die Spannung erhalten (?!?)...AAALSO, während ich mir ziemlich sicher bin, dass ihm an dieser Argumentation bis heute nichts Eigenartiges auffallen würde, muss ich doch zugeben, dass er zumindest teilweise recht hat. Ich bin tatsächlich nicht sonderlich entspannt, wenn ich jemanden dringend will. Und ich halte das - ja hört nur und staunt - für absolut normal und regelrecht wünschenswert. (Und ich freue mich übrigens auch wie blöde, von jemandem zu hören, den ich ihn dringend will.) Nicht dass Sprachlosigkeit in jedem Fall bedeutet, dass die Betroffenen nicht in der Lage wären, aus dem Stand ausladende Vorlesungen zu halten und einem im Restaurant oder im Bett die Welt zu erklären. Aber sie haben oft keine Fragen. Und sie beantworten auch ungern welche. Sprachlosigkeit in diesem Sinne ist die Verweigerung von tatsächlichem Austausch. Manchmal gekoppelt an den Anspruch, der/die Angeschwiegene möge bitteschön ein wenig besser im Gedankenlesen werden. Denn dafür braucht man kein Telefon. Und es spart Zeit.

So manch einer will also die Spannung erhalten, indem er schweigt...Nun, in dem einen oder anderen Fall mag es unter Umständen grundsätzlich die bessere Strategie sein, die Klappe zu halten, um überhaupt irgendetwas und nicht zuletzt den Schein (aufrecht) zu erhalten. Dummerweise sind es meiner Erfahrung nach jedoch gerade oft nicht die, von denen man sich wünscht, sie würden verstummen, die es dann auch tun.

Aber auch sonst ist das alles natürlich nur eine Frage der Art von Spannung, die erzeugt werden soll. Nicht ohne Grund spricht man von "Schweigefolter". Und jedes Kind weiß, dass es schmerzhafter ist, ignoriert zu werden, als sich anschreien zu lassen. Schweigen mag gelegentlich ein Ausdruck von Hilflosigkeit oder zwar ärgerlicher, im Kern jedoch unschuldiger Gedankenlosigkeit sein. Aber viel wahrscheinlicher ist es zumeist eine (zumindest unbewusst eingesetzte) Machtgeste und eine autoritäre Disziplinierungsmaßnahme. Wer schweigt, bestraft und weist in Schranken. Wer schweigt, kontrolliert, aber konserviert die Situation auch wie einen toten Schmetterling, indem er sie einfriert und eine Klärung/Befreiung unmöglich macht. Schweigen ist eine Waffe. Warum es eine Frau nach einem fraglos überkuscheligen Wochenende womöglich "verdient", wie ein ungezogenes Kind bestraft und weggestoßen zu werden, bzw. warum Mann sich urplötzlich mit Waffengewalt gegen sie verteidigen muss, ist vermutlich mehr eine gender-philosophische Frage als alles andere. Warum jemand andere Menschen allein dafür bestraft, dass sie ihn gern haben, ist wiederum eine Frage für die nächste Therapiesitzung...

Ich jedenfalls will quasseln und mich gegebenenfalls auch gern ein wenig herumstreiten. Ich will TEXT. (Zur Not nehme ich auch Symbole.) Und ich will einen beinharten, unerschrockenen Kerl, den ich jederzeit anrufen (weil ich weiß, dass er sich im Prinzip freut und dadurch nicht emotional überfordert ist) und fragen kann: "Und wie war dein Tag?" Und der dann sagt: "Du glaubst nicht, was jetzt schon wieder passiert ist!" Ja, DAS ist in der Tat der Grad an Intimität, den ich langfristig wieder anstrebe. Offenbar in diesen Zeiten eine ziemlich große Bestellung - ich weiß. ; )

Ich gehe jetzt wieder zurück in die Sommerpause. Mal sehen, was ich da noch so finde... ; )


NH
 

Donnerstag, 18. April 2013

Knall auf Fall

 
Nachdem ich vor zwei Monaten nun Golda Poretzky’s Body Positive Dating Master Class für runde Frauen absolviert und mir vorgenommen hatte, doch ein zweites Mal einen Kopfsprung ins kalte Wasser des Internet-Datings zu machen, ging dann alles erstaunlich schnell.

Wohlgemerkt: Springen, aber mit dem Kopf zuerst eintauchen – diesmal hatte ich vor, mit einem echten Plan an den Start zu gehen. Es gab also im Voraus ein paar Dinge zu bedenken:

1. Was will ich?

Ich sage jetzt einfach, wie es ist: Ich wollte zunächst einmal Sex, ohne die Sorge, wie mein Körper dabei wohl aussieht. Ich wollte Sex ohne Körperscham. Das hatte ich als schlanke Frau nicht wirklich und als dicke erst recht nie. In meinem Leben hatte ich für eine Anzahl von Jahren keinen und für eine weitere Anzahl so gut wie keinen Sex – AUS SCHAM. Wie bereits an anderer Stelle angerissen, halte ich Sex mit offenen Fettliebhabern für eine großartige Chance für dicke Frauen, genau das zu bekommen, und ich hatte mich nun nach zugegebenermaßen kurzer aber heftiger innerer Debatte doch entschlossen, diese zu ergreifen. Zweitens hätte ich gar nichts gegen eine Partnerschaft. Und ich hatte so die Vorstellung, man könnte zwei Fliegen mit einer Klappe…aber da war er halt, der Haken.

2. Was will ich nicht?

Möglichst wenig Anfragen von Schmierlappen und Dumpfbacken sowie BWL Studenten, die „reifen“ Frauen gern die Füße massieren. Das war das oberste Ziel. Denn obwohl man nichts, was bei einer ersten Kontaktaufnahme in einem solchen Forum  geäußert wird, persönlich nehmen darf,  piekst unpassende Anmache  trotzdem immer ein wenig und kann einem irgendwie doch den Abend versauen. Hinzu kommt, dass dumpf nicht unbedingt böse ist, und unter höflichen Menschen vielleicht trotz allem eine Absage verdient – dazu hatte ich diesmal weder Zeit noch Lust. Um Riff-Raff also gleich abzuschrecken, waren die Fotos ohne Grinsen („Warum schaust du denn so böse?“) und die Profiltexte in der Regel entsprechend streng  (jaja, mit positivem Unterton) formuliert  und vollgestopft mit Anforderungen an einen idealen Partner. Einige Besucher schafften es kaum, bis zum Ende meiner Ausführungen und konnten hinterher trotzdem nicht die Klappe halten: „der Text ist aber schwer bin nicht sicher op ich dass alles Kapiert habe.“ …Jaaa, ich weiß, wo war er bloß, der Knopf für die Falltür?
Ehrlichkeit in Bezug auf meinen Körperumfang und gegebenenfalls eine Klausel, die im Profiltext noch einmal extra auf diesen Umstand hinwies, waren natürlich obligatorisch.
3. Egoistisch und effizient sein
An nette, aber unpassende Anfragen verschickte ich Standard-Absagen. Den Rest des Ausschusses versuchte ich geflissentlich zu ignorieren. Das gelang nicht immer. Ich habe ja dieses bestialische Wesen in mir, diese Mischung aus einem Hulk und Fräulein Rottenmeier, und wenn die Impertinenz mir zu sehr entgegenspritzt, dann bricht es halt mitunter aus mir heraus, wie ein mutierter Alligator durch den New Yorker Asphalt…; ) Trotzdem – no men were harmed in the making of this post. ; )
4. Weite Streuung

Ich ging in der Tat weit, um mich anzupreisen: rubensfan.de, secret.de, neu.de, finya.de, elitepartner.de

Also, die gute Nachricht zuerst:
Sexpartner zu finden, ist für dicke Frauen im Internet ganz leicht. Und das Angebot ist nicht schäbig: Fettliebhaber sind überall, und nicht selten sind sie besonders groß, hübsch, breitschultrig und überdurchschnittlich gebildet. Obendrein muss frau sie eigentlich nicht suchen, denn sie finden einen schon, besonders wenn man sich deutlich als BBW (Big Beautiful Woman) ausweißt. Eine Bekannte sagte, wahlweise könne man gut das Wort „Rubens“ im Profilnamen verwenden. Ich kann mir jedoch nicht helfen - wenn diese peinliche, muffige Bezeichnung fällt, wünsche ich mir automatisch noch immer, in einer Size Zero zu versinken.

Um Sex mit jemandem zu haben, sollte man ihn sexy finden. Punkt. Nicht mehr und nicht weniger. Noch besser wird’s natürlich, wenn man den anderen ehrlich mag. Und man kann wohl sagen, dass meine Planung zunächst durchaus zu den erhofften Ergebnissen führte – in den letzten sechs Wochen hatte ich zwölf Verabredungen mit neun Männern, die allesamt über solide Kenntnisse der deutschen Orthografie, eine schicke Hülle, Humor und ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, sowie eine Vorliebe für runde Frauenkörper verfügen. Alle bis auf einen hatten mich zuerst kontaktiert. Neun mag viel klingen, heißt aber nicht, dass ich nicht jeden von ihnen äußerst sorgfältig ausgesucht hätte. Ich wollte schließlich Hauptgewinne, denn ich hatte fest vor, aus diesem Versuchsaufbau auf jeden Fall mit gestärktem Selbstwertgefühl hervorgehen. Und vier von ihnen waren auch welche (Hauptgewinne) – drei zumindest im Bett. ; ) Und ich danke ihnen aus vollstem Herzen. Tatsächlich haben sie mich mit ihrem freundlichen Blick auf und ihrer Freude an meinen Körper so viel weitergebracht auf meinem Weg der dicken Selbstakzeptanz, dass ich am liebsten eine Party für sie schmeißen würde. Zu dumm, dass ich zumindest von einem nicht einmal eine Telefonnummer hätte, um ihn einzuladen.
Es ist also möglich, in relativ kurzer Zeit relativ viele Männer abzuarbeiten und abzuwickeln, ohne dabei groß in emotionale Verwicklungen zu geraten. Das war mir neu. Dass offenbar keine der Begegnungen ein echtes Potential für Dauer hatte, war auch in Ordnung. Man kann nicht immer alles gleich haben, dachte ich mir. Doch dann ging das Experiment jäh zu Ende.
Das Fett ist nicht das Problem
Denn dann habe ich mich verknallt. So richtig und in voller Fahrt. Zum ersten Mal seit Jahren. Wir saßen am Küchentisch, und ich stand neben mir, starr vor Schreck. Ein Wunder, dass ich nicht im Laufe des Abends noch angefangen habe, zu stottern und nervöse Ticks zu entwickeln. Es war schrecklich. Und dann wollte er mich nicht mehr. Nicht wegen meines Körpers, sondern verständlicherweise wegen meiner Verstocktheit. Die mochte er so wenig, dass er sich in den folgenden Tagen nicht einmal mehr für den wie sauer Bier angebotenen Sex erwärmen konnte (und da muss man sich meiner Erfahrung nach schon als besonders fieses Schrapnell in das Bewusstsein des anderen gebohrt haben, wenn der andere männlich ist). Es war eine Variante, die mir bis dato nicht untergekommen und deren Möglichkeit mir auch nie in den Sinn gekommen wäre: Dass mein dicker Körper beliebter sein könnte als der Rest. Es war eine fürchterliche Lektion, aber offenbar auch eine notwendige Erfahrung, Abweisung nicht aufs Fett schieben zu können, sondern zu realisieren, dass man es allein mit purer Persönlichkeit (oder vielmehr mit einem Mangel an Ebensolcher) komplett verbockt hat, als es einem wirklich, wirklich wichtig gewesen wäre. Es ist halt die Wahrheit: Du bist immer dann am besten, wenn’s dir eigentlich egal ist. Was total unfair und sinnlos ist. Und das Fett ist nicht das Problem. Womöglich stimmt, was Kate Harding ihren Leserinnen zuruft: Was man dick nicht auf die Reihe kriegt, würde man dünn auch nicht besser machen. Und fürs Seelenheil hätte es nun nicht einmal einen Zweck, alten Mustern entsprechend den Plan zu fassen, dünn und schön zu werden, nur um es ihm zu zeigen, denn etwas Dünnes würde er ja vermutlich gar nicht so dringend gezeigt bekommen wollen.


NH

Sonntag, 10. Februar 2013

Vielleicht Sex

© Nicola Hinz
 
Was in meinem Lebensplan für eine SEHR,SEHR,SEHR lange Zeit auf Eis lag, ist mit meinem Entschluss, mich auf die Reise dicker Selbstakzeptanz zu begeben, fast automatisch und für mich selbst ein wenig überraschend wieder zum Thema geworden. Aber wenn jemand Reisen im Flugzeug, Arzttermine, das Tragen von gelben Wickelkleidern und sommerliche Kopfsprünge in öffentliche Schwimmbäder aufschiebt, dann liegt es nahe, dass er natürlich erst recht Beziehungen aufschiebt, in dessen Verlauf irgendwann die Hüllen fallen sollen...
 

Golda Poretsky's Body Positive Dating Master Class

 
Nachdem ich mir nun Mut angelesen und bereits einen kuriosen Ausflug in die Welt des Online-Datings unternommen hatte, dachte ich mir, es ist doch Zeit für noch ein wenig mehr Starthilfe von Expertinnen und habe gestern an etwas teilgenommen, das den wunderbar altmodischen Namen "Teleseminar" trägt, und im Prinzip eine Reihe von Vorlesungen war, an denen man live über das Internet teilnehmen konnte - mit der Möglichkeit, Fragen an die Dozentinnen zu richten.
 
Die Veranstaltung dauerte sieben Stunden, die längste Pause gab einem zehn Minuten, um sich frischen Kaffee zu verschaffen, die Ausbeute sind zwanzig Seiten mit Notizen und die Einsicht, dass es wahrscheinlich doch kein so guter Plan ist, darauf zu warten, dass der Rockstar in der Rüstung endlich sein Pferd auf der Veranda abstellt. Wo immer er gerade herumscheppern mag - von allein findet er vermutlich so bald nicht zurück. Also - und ich hatte es natürlich befürchtet - es hilft alles nichts: Man muss sich selbst nach ihm auf die Suche machen. Oder zumindest Wegweiser aufstellen. Darüber hinaus - und das ist natürlich der Kern des Problems - muss man sich selbst in seinem dicken Körper mental rüsten, bzw. Stolz auf, Freude an und einen selbstbewussten Umgang mit seiner aktuellen Fülle trainieren, damit der ganze Aufwand am Ende nicht umsonst war. Denn Scham und richtig guten Sex trifft man selten gemeinsam an - eine Tatsache, auf die auch die Rednerinnen der Body Positive Dating Class natürlich immer wieder eindrücklich hinwiesen.

Von den sieben Vortragenden, Fettaktivistinnen und Publizistinnen mit dem Arbeitsschwerpunkt Sex/Beziehungen und alle in den USA lebend, waren mir die meisten bereits bekannt, weil ich ihre Blogs oder Bücher zuvor gelesen hatte. Über Rebecca Weisteins "Fat Sex" habe ich hier schon berichtet, Virgie Tovars "Hot & Heavy" und Hanne Blanks "Big Big Love" hatte ich gerade beendet. Gastgeberin und Schlussrednerin war Golda Poretsky, die mit ihrer Firma Body Love Wellness dicke Frauen dabei unterstützt, sich vom Diätzwang zu befreien und den Mut zu fassen, ihr Leben nicht mehr aufzuschieben, bis sie in eine bestimmt Kleidergröße passen.
 
Sheri Winston: "You don't have to be a certain size to be a sex goddess." (Du must keine bestimmt Kleidergröße haben, um eine Sexgöttin zu sein."
 
Sheri Winston, ihres Zeichens ganzheitliche Sex-Trainerin, lieferte den ersten Beitrag und die Erkenntnis, dass die Qualität von Sex und Orgasmen schlicht eine Frage von Übung ist. Und üben sollte man so viel wie möglich - insbesondere allein, weil einem das die Möglichkeit gibt, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren und sich selbst (wieder/besser) kennenzulernen. Für dicke Frauen, die eine lange Periode der Entfremdung vom eigenen Körper hinter sich haben, ist neuer Schwung beim Solo-Sex der erste Schritt. Besonders schön fand ich hier den Hinweis, Atmung und "Geräusche" nicht zu vernachlässigen. Wer sich nicht traut zu stöhnen, weil die Nachbarn es vielleicht hören könnten, verzichtet auf wertvolle Orgasmusbeschleunigung. In dem Zusammenhang musste ich an die Aussage der Performance-Künstlerin Annie Sprinkle denken, die sich eigenen Angaben nach in einen Orgasmus hineinatmen kann. Das wäre ja auch praktisch. Zum Beispiel wenn man mal wieder im Stau steht. ; )
 
11.02.2013 - Nachtrag: Das mit dem Atmen und den "Geräuschen" habe ich jetzt einfach mal beim Fahren auf der Autobahn probiert, denn das ist ja auch immer so eintönig - und da hört einen garantiert niemand. Ich habe so getan, als würde ich einen Pornofilm sychronisieren und RICHTIG VIEL KRACH dabei gemacht. Meine Güte, das fördert WIRKLICH die Durchblutung - und das mit beiden Händen am Steuer. Ein bisschen habe ich allerding die Kontrolle über die Geschwindigkeit verloren, gut, dass ich in keine Radarfalle gerauscht bin... ; ) 
 
Rebecca Jane Weinstein: "If you think you're hot, others will think you're hot." (Wenn du dich selbst sexy findest, werden dich andere sexy finden.)
 
Rebecca Jane Weinstein las eine Passage aus ihrem Buch "Fat Sex", und ich hatte die Gelegenheit, ihr zwei Frage dazu zu stellen. Die erste war, ob es für die Menschen, die sie für das Buch interviewt hat, einfach war, sich zu öffnen. Rebeccas Antwort war, dass sie von deren Bedürfnis, ihre Erfahrungen mitzuteilen und ihre Geschichten (zumeist als dicke Frauen auf der Suche nach einer selbstbestimmten Sexualität) zu erzählen manchmal schlicht überwältigt war. Auf die zweite Frage, ob sie auch negative Reaktionen auf das Buch erhalten hätte, sagte sie, dass sie eigentlich von der großen Unterstützung, auch in den Medien, überrascht war, dass jedoch oft ein "Aber" in den positiven Reaktionen mitschwang (ABER es ist ungesund, dick zu sein). Die wichtigste Erkenntnis, die Rebecca aus der Arbeit an "Fat Sex" gewonnen hat, ist übrigens, dass es wirklich Selbstbewusstsein ist, das attraktiv macht.
 
Cija Black: "Don't ever settle." (Gib' dich nie einfach zufrieden.)
 
Cija Black hat ein Buch über Online-Dating geschrieben und rät allen, aber insbesondere dicken Frauen, einen kleinen Fragenkatalog abzuarbeiten, bevor sie sich überhaupt daran machen, sich im Internet auf die Suche nach Partnern zu begeben: Wer bist du JETZT eigentlich? Was steht dir zu? (Sie schlägt vor, eine Liste aufzustellen: Zehn gute Dinge, die man im Leben verdient.) Wie sind Menschen bisher mit dir umgegangen? Kann das so bleiben? Was für Grenzen habe ich, und wie kann ich dafür sorgen, dass sie respektiert werden? Bin ich bereit, meine Komfortzone zu verlassen? Natürlich ruft auch sie dazu auf, seinen Mut zusammenzunehmen und sich so zu lieben, wie man ist - und verweist auf eine Übung, die die Macht des Bildes nutzt: Die Erstellung eines Vision Boards mit positiven Abbildungen dicker Körper. Auf meine Frage, wie man beim Online-Dating mit Ablehnung am besten umgeht, antwortete sie: Nicht zu viel erwarten, Körbe nicht persönlich nehmen, nicht zu schnell zu viel Gefühl investieren, zu vielen Verabredungen gehen, denn das übt. Außerdem, so pflichtet Golda ihr hier bei, ist es nicht so schlimm, wenn das Date am Dienstag schlecht läuft, weil das nächste ja schon am Donnerstag ist.
 
Virgie Tovar: "Cuteness is a state of mind." (Hübschsein ist Einstellungssache.)
 
Mit Virgie Tovar ging es zur Sache. In ihrer Kurzvorstellung zum Seminar teilte sie uns bereits mit, dass sie am 21. Januar mit einem grauäugigen Spanier auf einer portugiesischen Terrasse im Mondlicht und mit dem Rauschen des Meeres in den Ohren Sex gehabt hat. Das können vermutlich nicht viele von uns behaupten. ; ) Virgie gibt zu bedenken, dass dicke Körper anders sind, als nicht-dicke und darum mitunter auch anderen Sex haben (sollten). Wenn unsere Kultur und die gängigen Abbilder von Sexualität nicht so "schlank-zentrisch" wären, wüssten wir das als Dicke und würden uns besser darauf einstellen, indem wir gleich passendere Positionen bzw. Techniken wählen. Wenn Virgie z.B. oben ist, "hüpft" sie nicht auf und ab, sondern rollt ihr Becken ("grind and gyrate"). Ach, und Sex Toys sind großartig! Und wie findet Frau nun Übungspartner? Ganz einfach: Man macht sich hübsch, frischt den Lippenstift auf, ändert seine Einstellung zu sich selbst, hält Augenkontakt, flirtet - und lässt Visitenkarten drucken, die man möglicherweise interessierten und interessanten Kandidaten in die Hand drückt (mit Namen, E-Mail-Adresse und vielleicht Telefonnummer). So einfach ist das. Wenn es nicht gerade schwierig ist, vermute ich. Virgie besteht darauf: Es gibt da draußen Leute, die mit dir schlafen wollen. Mein Problem ist weiterhin: Was, wenn ich die nicht will? Und die, die ich will, wollen mich nicht?
 
"Nicki im Wunderland", ca. 1995
© Nicola Hinz
 
Beim Vortrag von Tasha Fierce gab es bei mir ein kleines technisches Problem - ich konnte sie leider nur sehr schwer verstehen. Tasha beschäftigte sich mit Vorurteilen über die Sexualität von dicken Frauen - so sind dicke Frauen in den Köpfen vieler offenbar "dankbarer" für Sex und geben sich mehr Mühe, ihren Partner zu befriedigen, weil sie weniger Auswahl haben und darum weniger verlangen können. Und weil sie weniger Gelegenheit haben und nehmen müssen, was kommt, sind sie auch für den Glöckner von Notre Dame einfach und schnell ins Bett zu kriegen. Diese idiotischen Ideen entbehren schon deshalb jeder realen Basis, weil dicke Frauen Sex eben gerade aufgrund erheblicher Hemmungen oft ganz vermeiden. Tashas Rat an die dicke Frau, die endlich wieder sexuell richtig aktiv werden will, ist weitgehend ein Echo der vorangegangenen Vorträge: Selbstbestimmtheit üben und sich endlich klar gegen Diäten entscheiden. Masturbieren, was das Zeug hält, um herauszufinden, wie der eigene Körper aktuell funktioniert. Dann allen Mut zusammennehmen und sich einfach vor einem Partner nackig machen. Und wenn man den Mut nicht hat, dann tut man eben einfach so, als hätte man ihn (?!).
 
Hanne Blank: "What do you want?" (Was willst du?)
 
Hanne Blank griff die oben bereits erwähnten Klischees über dicke Frauen und ihre sexuellen Möglichkeiten wieder auf. Ihrer Ansicht nach dürfen dicke Frauen nicht auch noch selbst in die selbe Denkfalle geraten und am Ende glauben, sie könnten keine zu hohen Anforderungen stellen. Ihr Vorschlag war, eine genaue Erhebung über die eigenen sexuellen Vorlieben zu machen. Was für Sex will ich eigentlich haben? Das scheint eine einfache Frage und meine spontane Antwort war "Ich will alles!", was aber natürlich nur bewies, dass ich mir über die schiere Fülle der Möglichkeiten so spontan keine Gedanken gemacht hatte. Und sobald ich es tat, wurde mir sofort klar, dass es da verdammt viel gibt, was ich definitiv NICHT will. Natürlich hilft es, die eigenen Präferenzen und Grenzen gut zu kennen. Denn wie soll man etwas finden, von dem man nicht weiß, wie es eigentlich aussieht? Und das macht auch Hanne klar: Man verdient es, das zu bekommen, was man sich wünscht. Auch als dicke Frau.
 
Golda Poretsky: "I'm awesome and anyone who's with me is really lucky." (Ich bin toll, und jeder, der mit mir zusammen ist, hat wirklich Glück.)
 
Golda Poretskys abschließender Beitrag befasste sich mit dem Erstellen wirksamer Online-Dating-Profile. Ihr Rat ist, an die Sache heranzugehen, als wolle man ein Produkt an den passenden Käufer bringen. Die Frage, die man sich in der Tat stellen soll, lautet somit auch: Wer ist der ideale Konsument (Partner), und wie erreiche ich ihn am wirksamsten? Texte sollten kurz, knackig und positiv sein. Ein wenig Exzentrik, Drolligkeit oder Exotik kann nicht schaden, Ehrlichkeit ist allerding Trumpf. Das gilt übrigens auch für Bilder, die möglichst vorteilhaft aber nicht erheblich schöner oder jünger sein dürfen, als man wirklich ist. Am interessantesten fand ich die Idee, eine konkrete Handlungsaufforderung im Profil zu platzieren: "Wenn du dich gern auf einen Kaffee mit mir treffen würdest, sende mir eine Nachricht." Laut Golda sollte das mit dem Kaffee übrigens schnell über die Bühne gehen - lange E-Mails, die hin und her geschickt werden, können dieses Treffen nicht ersetzen und sind ihrer Auffassung nach mithin kontraproduktiv. Hab' ich doch immer gesagt. ; )
 
Wieder was gelernt.
 
Darf man den Dozentinnen glauben, ist Pragmatismus gepaart mit Kühnheit und dickem Selbstbewusstsein das Gebot der Stunde, wenn es darum geht, sein Liebesleben aufzumöbeln. Wer möglichst schnell viele Frösche küsst, hat bessere Chancen, dass ein Prinz darunter ist. Jeder Frosch, der einer bleibt, ist in ihren Augen trotzdem eine neue Chance, sich weiterzuentwickeln und dazuzulernen. Selbstbewusstsein gewinnt, wer seinen Körper kennt und schätzt - und weiß, was er will. So weit so gut.
 
Tatsächlich hatte ich bei der Veranstaltung viel Spaß. Es hat mir Kraft gegeben und Mut gemacht, von den Erfahrungen dieser starken Frauen zu hören, etwas über ihre erfolgreiche Reise zur Selbstakzeptanz zu erfahren und ein ums andere Mal zugerufen zu bekommen: Du bist großartig und wunderschön, so wie du bist! Jetzt geh raus und zeig es allen! Hab Spaß! Hab Sex! Sei du selbst! Und hol dir die Liebe, die du auch verdienst, denn die wartet da draußen schon auf dich! Genau genommen war das Ganze am Ende mehr ein Energietransfer und eine Reihe von Pep-Talks (oft basierend auf dem eigenen Beispiel - "wenn ich das kann, kannst du das auch") als alles andere.
 
Was bleibt ist trotzdem die atemlose Frage: Woher den Mut und das Selbstbewusstsein nehmen? Vermutlich muss man sie tatsächlich bauen wie ein Haus aus Lego. Immer wenn man wieder mal einen kleinen Schritt vorwärts und vielleicht eine positive Erfahrung gemacht hat, kommt ein neuer Stein dazu. Was mir ganz klar fehlte, war die gründlichere Thematisierung der offensichtlichen Mühsamkeit eben jenes Prozesses.
 
Und was einerseits zunächst und auch im Großen und Ganzen heilsam war, war in seiner Redundanz am Ende dann trotzdem manchmal etwas nervig. Auch der wiederholte Hinweis, dass es egal ist, welche Kleidergröße man trägt, weil Sexiness ohnehin von innen kommt, scheint mir nicht ohne Falltür. Entweder mein dicker Körper ist wunderschön und sexy oder nicht. Und wenn er es ist, wer braucht dann noch den Hinweis auf innere Werte? Außerdem, und das mag ein ganz persönliches Problem von mir sein, aber wenn man mir zu oft sagt, ich soll mich "hübsch machen und positiv sein", treten automatisch meine Adern an der Schläfen hervor und mein innerer Hulk beginnt zu rumoren. Dabei ist mit "Hübschmachen" natürlich auch ein Akt der Selbstliebe gemeint. Ich soll es mir wert sein, dass ich mich im bestmöglichen Zustand der Welt präsentiere. Allerdings tue ich das immer. Der Zustand in dem man mich auf der Straße antrifft, ist immer der beste, der mir in der gegebenen Situation und mit dem momentan zur Verfügung stehenden Selbstwertgefühl möglich war. Und das ist trotzdem oft ohne Lippenstift. Und eher unfröhlich obendrein. Womit wir wieder bei o.g. Frage wären.
 
Trotzdem, das Seminar war ein Bausteinchen, und ich habe das Gefühl, ich werde mich jetzt bald irgendetwas trauen, um mein Liebesleben tatsächlich in Fahrt zu bringen. Ich weiß nur noch nicht, was. ; )
 
 
NH

Sonntag, 20. Januar 2013

Fuck Diets!


Ich wusste ja gar nicht, dass die Brigitte im letzten Jahr schon wieder aufgehört hat, mit "echten Frauen" statt mit Models zu arbeiten. Und das nach einer Testphase von nur - wie lange war das - 2 Jahre(n), die offenbar erheblich danebengegangen sein muss. Der Grund dafür wurde übrigens den Leserinnen in die Schuhe geschoben, denn die wollten angeblich gar keine "echten Frauen" mehr sehen. Was vielleicht auch damit zu tun haben könnte, dass die "echten Frauen" in der Brigitte so ziemlich allesamt jünger, dünner und glatter, als die echten Leserinnen waren - also im Prinzip unentdeckte Models. Das heißt, die Optik blieb weitgehend gleich, nur der Druck auf die Leserin stieg, weil die jetzt gefühlt nicht einmal mehr mit der normalen Frau von der Straße konkurrieren konnte. Von der man dann ja obendrein auch noch lesen musste, dass sie in Kopenhagen Architektur studiert und leidenschaftliche Snowboarderin ist. Oder so ähnlich. Kurzum, jung, schön, erfolgreich UND "echt" - ich kann mir gut vorstellen, dass das ein wenig zu viel für das gebeutelte Publikum war. Aber das ist natürlich nicht die Schuld des Publikums. Da haben sich unfähige Redakteurinnen einfach nicht von ihren Vorstellungen lösen können, was ansehnlich ist. Und hatten zu wenig Schneid, um - Achtung! - ECHTE Veränderungen vorzunehmen.

Aber wie gesagt, davon hätte ich gar nichts mitbekommen, hätte ich neulich am Kiosk nicht die zweite Ausgabe dieses Jahres erworben, um mir "Die neue Brigitte Diät" (die ja noch nie wirklich neu war) anzusehen. Das tue ich halt immer. Feindbeobachtung sozusagen. Oder doch eher eine rituelle Rückkehr an den Tatort. Es ist die Brigitte-Diät, der ich einen großen Teil der Kilos verdanke, die ich heute mit mir herumschleppe, denn sie war unter den Diäten, mit denen als Kind meine Jojo-Karriere begann. Die Brigitte-Diät auf dem Papier und die im Kopf meiner Mutter haben maßgeblich dazu beigetragen, mich zu einer "echten", dicken Frau zu machen, die Jahrzehnte später noch immer mit den Folgen für ihren Körper und ihr Selbstbild kämpft. Wie so viele andere auch.

Und ohnehin: Das Problem der blanken Ungleicheit, das wir als Gesellschaft weiterhin haben, dürfte kaum plastischer darzulegen sein, als durch die Sätze, mit denen die Chefredakteurinnen (von denen eine männlich ist) ihr Editorial zur Diät-Ausgabe einleiten. Brigitte Huber sagt: "Frauen verheimlichen, vertuschen und unterschlagen. Zumindest, wenn es um sensible Daten geht, wie die Zahl der Kalorien, die sie zu sich nehmen." Stephan Schäfer sagt: "Meine schönste Diät habe ich mit 16 gemacht. Wir waren sechs Jungs, wild und entschlossen, Südfrankreich zu erobern. Leider hatten wir für die gesamten Sommerferien nur 250 Mark pro Mann. (...) Baguette, ein bisschen Käse, Fisch aus Dosen; der Rest versank in französischem Landwein." Sie fühlt sich schuldig und muss vertuschen, damit ihr die große Universumskalorienpolizei mit dem langen, weißen Bart nicht auf die Schliche kommt. Er hat offensichtlich noch nie in seinem Leben eine Diät gemacht. Und wird es auch nicht tun. Fat is a feminist issue?* Heute mehr denn je. Wenn ich mich dafür entscheide, Frauen auch nach fast sechzigjährigem Bestehen meiner Zeitschrift weiterhin mental und körperlich zu schwächen, indem ich sie anhalte, ihre Nahrung zu reglementieren, kann ein Bericht über Hillary Clinton ganz hinten im Blatt das jetzt ein für allemal auch nicht mehr rausreißen. Das hatte meine Mutter offenbar auch instinktiv begriffen, als sie ihr Abo mit Anfang 60 dann endlich kündigte.

Fuck it!

Und wie hört man nun endlich auf, Diät zu machen und permanent Diät zu denken? Das ist noch immer die alte neue Frage, um die sich hier im Prinzip alles dreht. Wie entreißt man jetzt wirklich und ernsthaft seinen Körper, seinen Alltag und seine Lebensfreude den Klauen eines seit Ewigkeiten verinnerlichten Kontrollprogramms?

John C. Parkins (Autor von "Fuck it!") Antwort ist ebenso einfach wie eindeutig: "Sagen Sie Fuck It zur "richtigen" Ernährung." Solange es kein "essensfreies" Essen gibt, wird es immer Ernährungsexperten geben, die an der Ernährung anderer Leute etwas zu nörgeln haben. Parkin rät, man solle seine Essgewohnheiten einfach so annehmen, wie sie sind. Wer irgendwann frei sein will vom Diätwahn, muss diesen Schritt machen. Die Angst, dass man immer weiter zunehmen könnte, wenn man die ständige Selbstkontrolle aufgibt, ist seiner Erfahrung nach unbegründet - im Gegenteil: er hält es für wahrscheinlich, dass man sogar Gewicht verliert, denn sobald man essen darf was und wann man will, will man vermutlich vieles gar nicht mehr so dringend essen. Das ist plausibel, denn dass restriktiver Umgang mit Nahrung zwangsläufig zu einer Obsession mit Nahrungsmitteln führt, ist schon lange erwiesen**, entspricht außerdem natürlich unseren persönlichen Erfahrungen und lässt sich in den Medien eindrucksvoll im Hinblick auf eine quasi gesamtgesellschaftliche Essstörung nachvollziehen: Nicht abreißende Berichterstattung über Diäten und vermeintlich gesunde Ernährung einerseits, Kochsendungen mit komplexen, hochkalorischen Kreationen im Minutentakt andererseits. Auch der Arzt Gunter Frank beschreibt in "Lizenz zum Essen" das Phänomen, dessen möglichen Eintritt Parke vorhersagt. Patienten verloren leicht an Gewicht, nachdem sie sich endlich entschieden hatten, keine Kalorien mehr zu zählen. Bei mir hält eine Tafel Schokolade übrigens auch entscheidend länger, seit ich mich mit der Möglichkeit beschäftige, einfach so zu bleiben, wie ich bin. Neulich habe ich hinten im Schrank sogar eine gefunden, die ich total vergessen hatte - das wäre früher nie passiert. ; ) Trotzdem darf man natürlich das Ende der Diäten nicht als neuen Diätplan begreifen - dass man sich damit ins eigene Knie schießt, dürfte auf der Hand liegen. Solche Erwartungen werden sich nicht erfüllen, sondern einen bei der Rückkehr zu einem nicht schuldbeladenen Essverhalten nur blockieren.

Parkins Strategie mag radikal erscheinen, deckt sich aber auch mit den Empfehlungen und Beobachtungen der Fettaktivistinnen Kate Harding und Marianne Kirby. Diese legen in ihrem Buch "Lessons from the Fat-O-Sphere" dar, dass die Angst, sich ins Koma zu futtern, wenn man sich plötzlich alles gestattet, jeder realistischen Grundlage entbehrt. Klar, wer gerade eine Diät hinter sich hat, wird wieder zunehmen. Das hätte man mit riesiger  Wahrscheinlichkeit jedoch ohnehin. Aber anders als von der Brigitte et al. immer suggeriert, sind die allermeisten von uns eben keine mehr schlecht als recht getarnten Fressmaschinen, die ohne Reglementierung im Transformermodus den Planeten schmatzend ratzekahl machen würden. Vielleicht stopft man sich anfangs ein paarmal mit vorher "Verbotenem" voll, weil es halt jetzt erlaubt ist, aber, so Harding/Kirby, diese Phase wird für gewöhnlich nicht lange dauern. Irgendwann will der Körper automatisch zu einer abwechslungsreichen Ernährung zurück, die mengenmäßig den momentanen Bedürfnissen entspricht, und er wird einem dieses auch wahrnehmbar mitteilen. An dem Punkt wird es dann wichtig, genau hinzuhören und "hinzufühlen", um folgende Fragen genau zu beantworten: Bin ich jetzt hungrig? Und was will ich jetzt essen? Für Harding/Kirby ist intuitives Essen die einzige Chance auf eine Flucht aus der grimmigen Welt der Diäten in ein diätfreies Leben und zu einer selbstbestimmten Ernährung - etwas, was viele von uns eigentlich gar nicht (mehr) kennen.

  • Grundvoraussetzung hierfür ist, dass man akzeptiert, dass Diäten schlicht nicht funktionieren. Dabei kann eine gesunde Portion Wut helfen.
  • Außerdem ist es von entscheidender Bedeutung, damit aufzuhören, Nahrungsmittel in gute und schlechte einzuteilen.
  • Wie Parkin raten die beiden, sämtliche Diät- und Ernährungsratgeber in den Müll zu werfen. Und ab da sollte man sich strikt an den Harding-Kirby Lifetime Diet Plan halten:
"Eat what you're hungry for, when you're hungry for it, and stop when you're full. Period."
(Iss wonach dir ist, dann, wenn dir danach ist und höre auf, wenn du satt bist. Punkt.)

Das ist nun eines meiner großen Ziele für das kommende Jahr - ich werde versuchen, hier weiter an mir zu arbeiten und besser darin zu werden, ohne Schuldgefühle das zu essen, was ich will. Meinen Plan einer kompletten Umstellung auf eine vegane Ernährung werde ich allerdings vorerst drangeben. Ich werde weiterhin vegetarisch leben und vielleicht versuchen, den Anteil tierischer Produkte nach und nach zu reduzieren. Ich hatte ja auch noch immer vor, mein Körpergewicht gezielt noch etwas zu verringern. Wegen der Knie und so. Aber ich werde ab jetzt keine Diät mehr machen. Und ich werde auch nicht "meine Ernährung umstellen". Wenn ich dann also einfach so bleibe, wie ich jetzt bin: FUCK IT! ; )

P.S.: Dann kann höchstens die Ausräumaktion im Kleiderschrank weitergehen - diesmal dann bis Größe 46 (einschließlich).

*Susie Orbach
** siehe z.B. Minnesota Starvation Experiment


NH

Sonntag, 2. September 2012

THE UGLY GIRL PROJECT: First Encounter / Erste Begegnung

Also habe ich es endlich aus dem Karton geholt und angezogen. Wir waren zum Zeitpunkt des ersten Zusammentreffens beide ungebügelt, das Kleid und ich.

Ich fand das Ganze so aufregend, dass ich unsere erste Begegnung sogar gefilmt habe. Ja, ich weiß, was für ein Theater um ein Stück gelben Stoff. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie neurotisch das für so manchen von außen aussehen muss.

Aber es ist halt nicht nur ein Kleid. es ist ein Symbol. Ich habe noch nie ein solches Kleid in einer solchen Größe besessen oder angehabt. Weil ich dachte, dass das NICHT GEHT. Es ist das Kleid, das ich wollte, an einem Körper, den ich vorher noch nie wirklich wollte. Und obwohl ich ihn noch immer jederzeit gegen den von Victoria Silvstedt eintauschen würde ; ), habe ich ihm jetzt was geschenkt, weil ich weiß, dass er bleibt. Ein gelbes Kleid, in das ich nicht mehr hineinschrumpfen muss, ist kein aufgeschobenes Leben, sondern Realität und JETZT. Und das ist für mich völlig neu. Das geht alles jetzt. Ha, das ist doch verrückt!

Mein ersten Gedanken waren allerdings die alten: Au weia. Hier wären wir nun also endgültig an den Grenzen des "So-tun-als-ob" angelangt - sogar im freundlichen, körnigen Blick der Webcam. Es ist wie mit dem Schwimmen. Das hier ist ein Kleid, in dem ich allenfalls durchs Bild husche. Also Kinder, in keiner der 100 Milliarden Galaxien werdet ihr mich voraussichtlich wirklich jemals SO antreffen. Glücklicherweise muss man die runden Knie ja nicht mit aufs Foto nehmen, aber es wird halt ein wenig schwierig, ohne sie in die Stadt zu laufen.

Mein zweiter Gedanke war: Nun lass das doch erst einmal sacken. Du bist ja schließlich noch neu im Geschäft des Hier-und-Jetzt. Und das nächste Mal trägst du einen hautfarbenen BH, denn - oh, was für eine Ironie - das Kleid ist tatsächlich ein wenig durchscheinend. Wenn schon herzeigen, dann doch bitte richtig. Obendrein entscheiden buchstäblich nur zwei winzige Knöpfchen am seidenen Faden über "angezogen" oder "Erregung öffentlichen Ärgernisses". Aber ich finde, es ist ein schönes Kleid. Und ich freue mich, dass ich es habe, und dass es halbwegs passt.

Die folgenden Bilder sind Ausschnitte aus dem Filmchen (echte Film Stills diesmal, was sagt man dazu? ; )).

NH

 

 

 






© Nicola Hinz 2012

Dienstag, 21. August 2012

Das Kleid


Jaaa, also jetzt kommen wir doch langsam mal voran! Vor ungefähr anderthalb Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Aus der Diät-Falle heraus. Irgendwie. Ich wusste, es lag etwas in der Luft.  Ich erkannte nur den Geruch nicht. Und ich fand DAS KLEID (rechts). In das wollte ich rein. Ich war mir nur nicht mehr ganz und gar sicher, in was für einer Größe. 36 oder 46?
Ich habe mich immer darüber beklagt, dass es für Dicke nichts Anständiges anzuziehen gibt. Und ich habe mich immer lustig gemacht über Bärchen auf T-Shirts und knisterndes Polyester, das die meisten Produzenten von Übergrößen ihren Kundinnen / Opfern weiterhin zumuten. Als ich DAS KLEID vor einem Jahr kaufen wollte, wusste ich nicht wo. Ich dachte daran, es für mich nähen zu lassen.  Aber das ist nun nicht mehr nötig, denn hier ist es (oder zumindest in sehr ähnlicher Ausführung). Und das gerade rechtzeitig zum Eintritt in eine weitere Entwicklungsphase als neue, ermutigte Dicke. Es gibt tatsächlich schöne Kleider jenseits der 46. Nicht so oft in deutschen Fußgängerzonen, aber im Internet. Das habe ich nur nie gewusst, weil mein Hauptinteresse als Dicke bisher immer gewesen ist, mich in meiner Kleidung unsichtbar zu machen. Nun ist die Situation wie folgt:

Ich habe das Kleid, aber nicht die verdammte Chuzpe, es anzuziehen.

Lesley Kinzel zitiert in „Two Whole Cakes“ eine Leserin, die sich als Dicke in Rock und hohen Schuhen vorkam, wie ein „elephant in drag“. Aber die Tatsache, dass eine große Menge Körperfett grundsätzlich gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit entgegensteht, kann auch befreiend sein. Wenn dicke Körper femininen Standards ohnehin nie entsprechen können und zumindest bis die Hölle zufriert keinen Blumentopf in dieser Disziplin gewinnen werden, warum sich dann nicht endlich aus dem Wettbewerb verabschieden und eigene Regeln aufstellen? Und wenn Dicken die Möglichkeit der modischen Selbstgestaltung und Selbstrepräsentation von Designern und der Modeindustrie weitgehen vorenthalten werden sollen, warum dann überhaupt noch den Versuch machen, sich anzupassen? Wenn Mode eine Sprache ist, warum nicht selbst eine eigene, laute und deutliche  erfinden?

Die Antwort war/ist: Fatshion (fat + fashion).

Man könnte nun denken, dass es bei Fatshion in der Hauptsache darum geht, als Dicke das Recht auf Mode als kreatives Ausdrucksmittel einzufordern. Aber laut Kinzel geht es um unendlich viel mehr, als nur „auch schick“ sein zu dürfen. Es geht im Wesentlichen um die oben bereits erwähnte eigene Sprache. Ein Körper, der  öffentlich in einem Kleid steckt, in dem er in den Augen des Publikums eigentlich nicht zu stecken verdient, weil er die Voraussetzungen nicht erfüllt, ist eine Botschaft an eben jenes Publikum – die Gesellschaft.
Fatshion ist oftmals bunter, schriller, kühner UND ENGER als bloße Mode. Da ihre Trägerinnen im Rennen um standardisierte Weiblichkeit ohnehin keine Chance haben, re-interpretieren und überspitzen viele Fatshionistas diese Standards auf spielerische und oft  ironische Art und gehen damit in der Tat ähnlich vor wie Drag Queens. „Femmeness“ (als Alternative zur  restriktiven, ausschließenden und diskriminierenden  Definition von Weiblichkeit) hat denn auch ihren Ursprung in der LGBTQ Community.
Damit kaschiert Fatshion den dicken Körper endgültig und definitiv nicht mehr, sondern macht ihn weithin sichtbar. In Blogs im Internet – und auf der Straße, wenn man sich auf eben jene traut. Diese Erhöhung der Sichtbarkeit von Dicken gegen den verächtlichen Widerstand und die ungnädigen Sehgewohnheiten der Umwelt macht Fatshion politisch und zu einer feministischen und fettaktivistischen Strategie. Fatshion hat als wahres Ziel nichts Geringeres als eine auf Sichtbarkeit und Abbildung basierende Revolution.
Fatshionistas brauchen Mut. Auf den Seiten vieler Fatshion-Bloggerinnen beschreiben diese, was für eine mühsame innere Reise sie hinter sich gebracht haben, um das Selbstbewusstsein zu entwickeln, das sie jetzt trägt.
Und ich frage mich nun: Wenn ich täglich ohnehin eine Extraportion Mut benötige, um aus dem Haus zu gehen, wie viel brauche ich dann wohl erst in einem engen, knielangen, knallgelben Kleid?Und was ist das eigentlich für eine abgefahrene Welt, in der IRGENDWER Mut braucht, um sich ein gelbes Kleid anzuziehen?

Hier noch einige Fatshion-Blogs:

NH

Mittwoch, 8. August 2012

Am Beckenrand


Abseits der Frage, von was ich mich auf Grundsicherungsniveau ernähren soll, stellt sich in den letzten Tagen immer mehr und dringlicher eine ganz andere. Zwar habe ich inzwischen  schon irgendwie begriffen, dass ich ab jetzt  keine Diät mehr machen und nicht mehr dünn werden werde (und das ist etwas, womit sich mein Umfeld tatsächlich noch immer schwer tut), aber wie ich von „erst leben wenn dünn“ zu „leben jetzt gleich“ komme, ist mir noch nicht ganz klar. Hinzu kommt, dass die Entschlossenheit, aus dem Diät-Karussell auszusteigen, nicht automatisch auch noch dazu ausreicht, einen ins Abenteuerland zu tragen.

Was macht man nach vierzig Jahren mit einem aufgeschobenen Leben? Und wie hört man auf, aufzuschieben?

Was erlebt ein Dicker in vierzig Jahren medialer, gesellschaftlicher und gar politischer Diffamierung? Er paddelt täglich durch Fluten von Bildern, die untergewichtige, vorgetäuschte und unerreichbare Schönheit zur Bürgerinnenpflicht machen. Er lebt damit, den Beweis seines vermeintlichen Versagens Tag ein Tag aus weithin sichtbar durch die Welt zu schleppen – und mit der daraus resultierenden Scham. Er lebt damit, unzulänglich, minderwertig und lächerlich zu sein. Und an allem, was ihm aufgrund seines Körperumfanges widerfährt,  ist er selbst schuld. Alles, was die Hexenjagd auf Dicke ausmacht, unterscheidet sich in nichts von der Diskriminierung und Diffamierung anderer Minderheiten. Der Nutzen ist immer gesellschaftliche Abgrenzung und Selbsterhöhung.

Das ist es, was sie (Medien, Diätindustrie und Politik) tun: Sie stehlen und zerstören Leben. Sie verändern Lebensläufe, indem sie eine gesellschaftliche Realität formen, in der Toleranz im Hinblick auf Körperumfang nur schwer eingefordert werden kann und in der gleichzeitig das Selbstbewusstsein und die Kraft von betroffenen Individuen, sich dennoch im Leben zu behaupten, verstümmelt werden. Ein Mensch, der durch Selbstzweifel und fest eingepflanzte Selbstverachtung nur schlecht gewappnet ist, trifft auf eine Welt, die ihn mehrheitlich sofort als „falsch“ erkennt und entsprechend reagiert. Selbst wenn man, wie ich, eher selten ganz direkte und offene Angriffe erlebt hat, ist eine quasi atmosphärisch erzeugte „Grundentmutigung“  ganz klar ein bestimmendes  Thema. Man zieht sich zurück. Man neigt dazu, sich zu ducken und zu verstecken und hofft inständig, eines Tages „normal“ zu werden. Das „normale“ und damit gute Leben kann erst dann beginnen, wenn der Körper gebändigt und halbwegs gesellschaftsfähig ist. Jahre gehen ins Land, und man verbringt sie weitgehend damit, auf den berühmten „Klick“ zu warten. 
 
Es ist schwer, auch im Kopf keine Diät mehr zu machen. Es ist schwer, nicht mehr abzuwarten. Es ist als ob man ewig in die Sonne gestarrt hat, und nun hofft, dass die grünen Punkte vor den Augen endlich aufhören zu tanzen.

Die Verunsicherung, in einem prekären, weil immer mal wieder übergewichtigen Körper zu leben, hat in meinem Leben bisher ALLES geprägt und beschnitten: berufliche Ambitionen und Erfolge, soziale und romantische Beziehungen, sowie alles andere, was das Leben fröhlich und spannend machen könnte.

Die Liste der Dinge, die ich zu einem bestimmt Zeitpunkt unterlassen und mir nicht gestattet habe, weil ich glaubte, dafür zu dick zu sein, ist endlos (und das Folgende ist nur eine kleine Auswahl):

-  schwimmen gehen
- tanzen gehen
- auf eine Party gehen
- Geisterbahn fahren
- eine Rede halten
- eine Einladung zum Essen annehmen
- Sex
- Gesangsstunden nehmen
- Theater spielen
- Fliegen
- zum Arzt gehen
- am Strand spazieren gehen
- zum Frisör gehen
- für einen Auftrag bewerben
- zu einer Vernissage gehen
- berufliche Kontakte pflegen
- ein Fernsehinterview geben

Die Erkenntnis, dass man all das ab jetzt doch dick tun muss, weil es dünn nicht mehr geben wird und man sonst den Rest seines Lebens schlicht und ergreifend verpasst, sorgt bei mir neben großem Erstaunen in den letzten Tagen auch für  eine Heidenangst. Allerdings ist sie auch der Sprung von einem sinkenden Dampfer ins Rettungsboot – man hat auf jeden Fall bessere Chancen, doch noch ans Ufer zu kommen, als wenn man geblieben wäre.

Es ist eine beliebte Theorie unter Therapeuten, dass ein runder Körper als Schutzwall gegen persönliche Ansprüche dient, die zu erfüllen man entweder nicht in der Lage oder eigentlich gar nicht bereit ist. Das Fett ist dieser Interpretation nach Alibi und Wächter zugleich und bewahrt uns vor dem Stress, den es bedeuten würde, sich z.B. tatsächlich in einer Produktion von Agatha Christies Mausefalle im Gemeindezentrum auf die Bühne zu stellen. Es ist nicht die Gesellschaft mit ihren Normen, die einen  sabotiert, sondern der eigene Körper, der sich so  Anforderungen und Herausforderungen entziehen will. Und schwupp - ist man abermals selbst für den ganzen Mist verantwortlich. Ich bin keine Anhängerin dieses Erklärungsversuches mehr, weil der unterstellte Mechanismus natürlich nur funktioniert, solange man sich auf die Außenwelt und ihre offensichtliche Missbilligung des dicken Körpers verlassen kann. In einer Welt, in der Dicke keinen besonderen Mut dazu bräuchten, im Mittelpunkt zu stehen, wäre es ganz offenkundig eine völlig sinnlose Strategie. Was war also zuerst da? Das Fett, oder das angeknackste Selbstbewusstsein? Fett ist nur Fett. Bis man ein Drama daraus macht. Ich war nur ein großes, molliges Kindergartenkind. Bis man mir sagte, dass ich ein dickes, fettes Sorgenkind sei.

Gegen Entmutigung hilft nur konsequente Ermutigung, und ich persönlich finde ja, dass auch Wut dabei  sehr hilfreich ist. Zumindest am Anfang. Wut auf die vertane Zeit. Wut auf alle, die einen entmutigt haben – und es weiterhin versuchen werden. Sie sollten sich besser warm anziehen. Freude hilft natürlich auch. Freude, dass es vielleicht noch nicht zu spät ist. Freude, dass das Leben endlich wirklich anfängt.

Und ich gehe dann jetzt erst mal schwimmen. Wer schwimmt, sinkt ebenfalls nicht.