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Sonntag, 10. September 2023

THE UGLY GIRL PROJECT - Body of Evidence: Beine / Legs

Ein Jahrzehnt nach dieser und dieser und dieser und dieser Fotoreihe zum Thema Beine habe ich The Ugly Girl Project wieder aufleben lassen - aus gegebenem Anlass...





Das Ugly Girl Project diente einst dazu, Bilder von mir selbst zu erzeugen, auf denen ich mich gut aushalten konnte. Es war Teil meiner Reise zu dicker Selbstakzeptanz. Obwohl es sich auf in der Zwischenzeit eher angestaubte Standards und Darstellungen von weiblicher Attraktivität und Sexualität stützte und das auch jetzt (zugegebenermaßen) wieder tut, war es ein Werkzeug zur Annäherung an den eigenen verachteten und bekämpften Körper.

Die Einhaltung solcher Standards war damals notwendig, damit es für mich funktionieren konnte. Ich, VOGUE-Leserin seit dem 16. Lebensjahr, wollte mich "schön" finden, weil ich, wie die meisten von uns, aus meiner persönlichen Entwicklungsgeschichte heraus dachte, Normschönheit sei das Wichtigste. 

Heute geht es nun nicht mehr nur um einen dicken Frauenkörper, sondern um einen, der über fünfzig Jahre alt ist und in einer Welt existiert, in der sich die  Erwartungen an die Bemühung um das Äußere nur bedingt aufgelöst haben. Eher sind sie hier und da noch rabiater geworden (siehe Instagram).

Ich finde meine Beine nicht schön. Das Missverständnis ist ja oft, dass Fett- und Selbstakzeptanz damit einhergehen sollten, sich selbst schön zu finden. Das ist nicht so. Vielmehr geht es darum, zu begreifen, dass es nicht so wichtig ist, den eigenen Körper schön zu finden, um ihn zu respektieren und als Wohnort adäquat nutzen zu können. Dellen und Wellen und Hautfalten. Und von all dem noch viel mehr als vor zehn Jahren - klar.

Hinzukommt, dass meine Beine und Füße mich im Augenblick ohnehin nicht besonders gut tragen. Ich stehe nicht mit beiden Beinen fest auf dem Boden, sondern muss regelrecht aufpassen, dass ich nicht umkippe oder mich nur noch setzen kann und aufgeben. Meine MS und ein starker Schmerz in der Hüfte, den ich schon lange hätte abklären lassen müssen, sorgen u.a. für Empfindungsstörungen in den Füßen und lassen mich im Augenblick buchstäblich durchs Leben wackeln und schlingern. 

Ich liebe ja hohe Absätze.

Ich habe seit vielen Jahren keine hohen Schuhe mehr getragen und es ist ein maßgeblicher Teil meines Bitterkeitsrepertoires, nicht mehr auf ihnen laufen zu können. Mein ideales Ich ist mir auf ihnen davongerannt und ich weiß, dass ich es mit meinen knarrenden Knien und den am Nachmittag bereits schon geschwollenen Füßen nie wieder werde einholen können. Ich habe viel zu wenig Absätze getragen, als ich es gekonnt hätte. 

Nun kam unlängst noch die Erfahrung hinzu, in einer Beziehung für jemanden verlassen zu werden, der nicht normschöner ist, als frau selbst. Das stellt sich für mich noch immer als verwirrend und nagend heraus. Mir hat es den Teppich aus Selbstwertgefühl und Stolz auf meinen Körper und seine Sexualität just like that unter den Füßen weggerissen. Da ist es auch egal, dass es eigentlich der persönliche Anspruch ist, Äußerlichkeiten erstens nicht nach gängigen Regeln und zweitens am besten überhaupt nicht zu bewerten. Beides ist Übungssache und eine Frage der Umstände. Im Augenblick bin ich nicht gut darin. 

Obwohl das Ugly Girl Project eine alte Strategie ist, sind die Bilder diesmal doch anders geworden. Deutlich weniger bemüht und auf jeden Fall kaum gefällig. Finde ich. : )






NH

Montag, 2. Mai 2016

Walking Vlog #2: Die dicke Dame sucht die Liebe (nicht mehr)

Ich habe mich also wieder auf die Socken gemacht und habe die Kamera mitgenommen*. Dummerweise hatte ich vom letzten Mal wenig gelernt (oder schon wieder alles verdrängt) und so habe ich auf den Wind das himmlische, nervige Kind natürlich wieder überhaupt nicht geachtet. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass ich an einigen Stellen Untertitel einblenden musste, so als wäre ich mit einem sehr exotischen Dialekt in eine Doku-Soap geraten...

Die Themen Liebe und Partnerschaft sind bekanntlich keine, bei denen ich zu den Gewinnerinnen gehöre. Und dieser Beitrag wird vermutlich der letzte zum Thema sein - es sei denn, ich mache im Zuge des Thin Privilege Projektes noch erhellende Erfahrungen auf dem Gebiet.

Oder ich schwinge mich doch noch einmal einsam und verfügbar dreinblickend auf einen Barhocker. Das passiert aber nicht absehbarer Zeit - auch deshalb nicht, weil mir Zeit und das Geld für Cocktails fehlen - und bei meinem Glück mit den Männern müsste ich mich vermutlich den ganzen Abend auf eigene Kosten mit Flüssigkeit versorgen. Selbst dann, wenn einer anbeißt...

Das ist überhaupt ein Punkt, den ich im Vlog gar nicht angesprochen habe, obwohl ich ihn mir auf meine Stichwortliste gesetzt hatte: Wenn Männer mit einem einzigen Aspekt der Emanzipation WIRKLICH GANZ UND GAR NICHT UND NIEMALS UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EIN PROBLEM haben, dann damit, dass sie nicht mehr automatisch diejenigen sind, die die Rechnung zahlen. Eigentlich ist es meiner Erfahrung nach eher so, dass sie automatisch nicht mehr die sind, die einladen. Dafür finden sie aber überhaupt nichts dabei, sich automatisch einladen zu lassen und so lassen Professoren, die zehn Jahre älter sind als ihr Date, dieses anstandslos den Kaffee zahlen. Nicht alle, wohlgemerkt. Aber fast alle und unabhängig davon, wie gut es ihnen finanziell geht...Seufz.

Das war es also. 

Ein "Lebens-Update" gibt es im nächsten Blogbeitrag. Ich bin schon gefragt worden, wo ich denn bin, und dazu kann ich nur sagen: Weiterhin so ziemlich außer mir. Aber dazu später mehr. Hier kommt jetzt das Filmchen. Links zu alten Beiträgen aus meiner Dating-Geschichte findet ihr darunter.

Sonntag, 24. Mai 2015

Proseminar Selbstakzeptanz für Dicke


Fimo-Vagina - eines meiner "entweder du verwendest den Kram JETZT, oder er kommt weg"-Werke. Die Masse war schon ganz bröckelig, aber ich bin froh, dass ich diese Vagina noch  geknetet habe - sie steht für die Freude am Körper, die entsteht, wenn man neu  und mutig hinsieht, Grenzen und Tabus im Kopf überwindet, unbekanntes Land endlich richtig kennen lernt und sich selbst zurückerobert.

11 Programmpunkte auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz und zu einem friedlicheren Zusammenleben mit dem eigenen, dicken Körper:


1. Den eigenen Körper wahrnehmen / kennenlernen

Wie gut hast du dir deinen dicken Körper überhaupt in der letzten Zeit / den letzten Jahren angesehen? Weißt du ganz sicher, wie dein nackter Rücken aussieht? Kennst du deine Oberarme wirklich? Oder deine Knie? Die Unterseite des Busens? Den Verlauf der Dehnungstreifen und Krampfadern? Wie ist es mit der Innenseite der Oberschenkel? Oder der Poritze? Oder den Achseln?

Eine ehrliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers ist der erste Schritt zu dicker Selbstakzeptanz. Dazu sind mehrere größere und kleinere Spiegel natürlich hilfreich. Ich selbst habe mich am Anfang meiner Reise von allen Seiten fotografiert und gefilmt - auch die Stellen, die schwerer zugänglich sind. Es kann übrigens auch nicht schaden, sich mal so richtig zu beschnuppern.

Wer besonders gründlich sein will, kann ein kurzes "Reisetagebuch" führen: Wie sieht es aus in den Achseln? Sind da Narben vom Rasieren, von denen man nichts wusste? Ist die Farbe der Haut etwas dunkler? etc.

Der Zweck der Übung ist folgender: Man kann nur wirksam akzeptieren, was man auch kennt. Außerdem stehen die Chancen gut, dass diese Art der Betrachtung aus dem gefühlt unförmigen, unbekannten Monsterkörper wieder einen guten Bekannten macht, der ganz bestimmt nicht überall so grauslich ist, wie man ihn für lange Zeit zuvor verbucht hat. Selbst das, was man nicht schön findet, verdient es, betrachtet und beschrieben zu werden. So wie man es auf einer tatsächlichen Reise auch tut.

Das Beste: Man gewöhnt sich an den Anblick der eigenen dicken Körperlandschaft, wenn man sie regelmäßig wahrnimmt. Der Anblick wird "normal". Und was wir "normal" finden, TATATAAA, finden wir automatisch irgendwann auch nicht mehr hässlich.

2. Vorbilder suchen

Einige Jahre bevor ich mich entschied, mich dem Schlankheitsterror zu entziehen, saß ich in einem Café und der Kaffee wurde von einer wirklich coolen, hübschen, jungen und sehr dicken Kellnerin serviert. Sie war tätowiert und hatte ein paar Piercings im Gesicht. Sie hatte braune, hochgezwirbelte Haare, einen sehr großen Busen unter dem engen, weißen T-shirt und trug abgewetzte Birkenstock-Sandalen. Ihre Fußnägel waren dunkel lackiert.Sie war nicht einmal besonders freundlich, sondern eher ein wenig genervt. Aber sie war vermutlich (und leider) die allererste dicke Frau, bei der ich die Körperfülle nicht als störend empfand, sondern als stimmiges und dazugehöriges Merkmal ihrer Erscheinung. Ich weiß noch, dass ich zu meiner Mutter sagte: "Die ist aber hübsch." Und meine Mutter drehte sich ein wenig überrascht um, guckte und sagte dann: "Ja, stimmt." Und ich dachte damals: "Wenn es möglich ist, dick und cool zu sein - warum schaffe ich das nicht?" Ich erinnere mich an all das so genau, weil ich tatsächlich einen Tagebucheintrag über die Begegnung verfasst habe - auf meinem Blackberry (so lange ist das schon her), noch während ich dort am Tisch saß. Trotzdem war ich gedanklich noch immer im Diät-Modus.

Das Internet ist eine ganz besonders gute Quelle, um sich dicke Vorbilder zu suchen und zu finden. Fatshion- und Fettakzeptanzblogs und- vlogs sind voll mit dicken, schicken und mutigen Frauen, die öffentlich interessante Dinge tun und wissen. Auch die Zahl dicker Popkultur-Vorbilder hat in den letzten Jahren zugenommen - ich persönlich verdanke ja Beth Dito und Melissa McCarthy eine ganze Menge.

Wenn man sich mit attraktiven, dicken Vorbildern / Bildern umgibt, passieren drei Dinge: Man gewöhnt sich daran, dass dicke Körper überhaupt auf positive Weise sichtbar gemacht und in den Vordergrund gerückt werden. Der eigene, innere Richter verändert seine Kriterien, und man gewöhnt sich an die Idee, dass dick gut/erfolgreich/schön/etc. ist. Das führt irgendwann zu der Schlussfolgerung, dass das eigene Fett auch schön und erfolgreich sein kann.

3. Andere dicke Körper wahrnehmen

Andere dicke Körper im wahren Leben oder in Büchern und im Internet zu betrachten, ist ein sinnvolle Übung, weil man feststellt, dass es natürgemäß recht viele Ähnlichkeiten gibt. Und an anderen Körpern findet man Dehnungstreifen mitunter weniger "unansehnlich", als an sich selbst. Dabei sind es im Prinzip die gleichen Streifen. Wieder geht es um eine Veränderung der Perspektive hin zu "Normalität". Wer sich regelmäßig andere Körper, die gängigen Schönheitsstandards nicht entsprechen, genau ansieht, stellt fest, dass es "normal" ist, diesen Standards nicht zu entsprechen.

4. Lesen, Lesen, Lesen

Teil meines Einstiegs in die dicke Selbstakzeptanz war die eifrige Lektüre von einschlägigen Blogs und Büchern zum Thema Fettakzeptanz, die mich dankenswerter Weise und üppig mit Strategien, Informationen und moralischer Unterstützung versorgt haben. Leider ist Fettakzeptanz bisher kein wirklich großes Thema in Deutschland, so dass die folgende kurze Liste mit "Klassikern" zum Thema ausschließlich auf Englisch zu haben ist.

Lesley Kinzel: Two Hole Cakes

Virgie Tovar (Hrsg.): Hot & Heavy

Golda Poretsky: Stop Dieting Now

Wendy Shanker: The Fat Girl's Guide to Life

Marilyn Wann: Fat!So?

Rebecca Jane Weinstein: Fat Sex

Kate Harding, Marianne Kirby: Lessons from the Fat-O-Sphere

5. Sex

Ich habe immer wieder beschrieben, was für eine große Hilfe die Begegnung mit Fettliebhabern dabei war, meinen dicken Körper selbst schön zu finden und mich auch in sexueller Hinsicht nicht mehr für ihn zu schämen, sondern regelrecht stolz auf ihn zu sein. Kontakt zu gutaussehenden, respektvollen und leidenschaftlichen Fettliebhabern findet frau im Internet in der Regel ohne große Schwierigkeiten. Natürlich sind gesunder Menschenverstand, konsequente Selbstfürsorge und Klarheit über die eigenen Wünsche und Grenzen, sowie angemessene Gründlichkeit bei der Auswahl immer essentielle Voraussetzungen beim Online-Dating.

Es lohnt sich sehr, Sex mit jemandem zu haben, der den oftmals lang schamhaft verhüllten und diffarmierten Körper einfach nur super findet. Es ist eine unbezahlbare Erfahrung, die ich jeder von unserer fettphobischen Kultur entmutigten Frau wünsche.

Wer sich in einer Partnerschaft befindet, in der das Gegenüber eine im Grunde negative/neutrale Einstellung zum Fett hat, sollte die Sache unbedingt auf den Tisch bringen. Partner, die einem nicht das Gefühl geben, dass man attraktiv ist, sind nicht gut. Für niemanden! Und ganz besonders nicht für jemanden, der um Selbstakzeptanz kämpft.

In einigen, komplett anders gelagerten Fällen könnte sich bei einem offenen Grundsatzgespräch herausstellen, dass der Partner das Fett lieber mag, als man selbst geglaubt hat. Das ist dann ja auch mal gut zu wissen. ; )

6. Intuitives Essen

Dicke Selbstakzeptanz und Diät-Programme schließen einander aus. Ich kann nicht mit einem Bein im Diät-Land stehen bleiben, wenn ich eine wirkliche Veränderung meines Lebens und meiner Einstellung zu mir selbst erreichen will. Diäten scheitern. Scheitern fühlt zu Schuldgefühlen, und Schuldgefühle fahren das Selbstwertgefühl in den Keller. Das kann man sich auf der Reise zu dicker Selbstakzeptanz schlicht nicht leisten.

Dicke Selbstakzeptanz heißt, sich heute für den Körper zu entscheiden, den man heute hat, und fortan gut zu ihm zu sein. Das bedeutet, ihn nicht mehr mit Verachtung zu strafen und ihn gedanklich zu beschimpfen. Das Bedeutet aber auch, ihn nicht mehr phasenweise hungern zu lassen, oder mit klumpigen Weight-Watchers-Fertiggerichten zu quälen.

Ich habe ja, wie berichtet, sehr gute Erfahrungen mit "intuitivem Essen" gemacht. Die Regeln des intuitiven Essens sind sehr einfach: Iss das, was du willst, wann du es willst und höre auf, wenn du satt bist. Nein, man wird sich in Zukunft nicht nur von Kartoffelchips ernähren. Das ist die Erfahrung so ziemlich aller intuitiven Esserinnen, von denen ich gelesen oder mit denen ich gesprochen habe: Wer isst, was er will, stellt fest, dass der Körper sehr viele verschiedene Sachen will, wenn er alles haben DARF. Und nein, er wird auch bestimmt nicht so groß wie ein Zeppelin, weil ein Körper, der alles essen darf, keine Angst vor Hungersnöten hat, und außerdem nicht durch Schuldgefühle bei jedem Bissen gestresst ist, gar nicht mehr alles essen WILL.

7. Sich endlich Wut gestatten und Angriffe abwehren

Angreifer lauern überall. Ich habe sogar schon von meinen Fettliebhabern gesagt bekommen, dass sie ein wenig auf ihre Figur achten müssen und lieber keinen Apfelkuchen wollen. Freundinnen und Kollegen jammern auch gern über ihre schier unförmigen Körper, während man dick daneben steht. Verwandte und Partner werden leicht mal etwas deutlicher und persönlicher, wenn es darum geht, das Fett von Angehörigen zu kritisieren und Veränderungen anzumahnen. Und offenbar gibt es auch Idioten auf freier Wildbahn, die einen im Supermarkt über Ernährung belehren wollen, die Beleidigungen über die Straße schreien oder am Nebentisch tuscheln. Ärzte können ja auch oft nur schwer mit ihren Vorurteilen hinterm Berg halten.

Es ist an der Zeit, sich klar zu machen, dass man eine solch respekt- und oft gedankenlose Behandlung durch die Umwelt NICHT VERDIENT. Die anderen sind die, die falsch liegen. Sie haben die Regeln einer fettphobischen Gesellschaft so stark verinnerlicht, dass ihnen Feingefühl und Kinderstube in den beschriebenen Situationen offenbar komplett abhanden kommen. Und das muss man nicht hinnehmen. Das muss man ansprechen.

Man könnte damit beginnen, das Gegenüber in ruhigem Ton darüber zu informieren, dass man sich in Zukunft nicht mehr über die Bekämpfung von Fett auseinandersetzen wird, weil man sich so OK findet, wie man ist. Man kann auch (Fremden) mitteilen, wie mies man sich eigentlich jedes Mal fühlt, wenn jemand negative Bemerkungen über Dicke macht. Eine anschließende Diskussion ist übrigens nicht nötig und auch nicht wünschenswert. Tatsächlich fordert man hier nämlich nur die Einstellung eines Verhaltens, das man niemals so lange hätte aushalten sollen.

Man kann sich alternativ auch über die Angreifer lustig machen - man kann z.B. der jammernden Freundin zustimmen, wenn sie wieder über ihre Oberarme nörgelt und sie ausfragen, was sie denn nun endlich dagegen zu tun gedenkt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sie was merkt.

Wer sich im Ringen um Selbstakzeptanz so richtig weit zurückgeworfen fühlen will, muss neben allem anderen natürlich nur den Fernseher einstellen, oder eine Zeitschrift aufschlagen. Mainstream-Medien sind etwas, das man als Dicker im Interesse des eigenen Selbstbewusstseins ohnehin nur sehr sorgfältig ausgewählt nutzen sollte. Und dabei sollte man gedanklich immer seine kugelsichere Weste tragen.

8. Regelmäßige Angreifer aussortieren

Manchmal dauert es etwas, bis das Umfeld begreift, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Bemerkungen über Diäten und Fett gehen vielen Menschen reflexartig über die Lippen, und oft fällt es ihnen ausgesprochen schwer, damit aufzuhören - selbst wenn sie es wollen. Wenn sie verstehen, worum es geht und sich bemühen, ist schon sehr viel gewonnen. Bei allen, die das nicht tun, muss man sich irgendwann fragen, wie viel Zeit man noch mit ihnen verbringen kann. Dicke Selbstakzeptanz ist schwer und kein Spiel, und es hängt viel davon ab.

9. Mit anderen Dicken kommunizieren

Der Austausch mit anderen "Betroffenen" hilft immer! Dicke Biographien ähneln sich oft auf erstaunliche Weise, und es ist keine Neuigkeit, dass es schlicht gut tut, zu wissen, dass man mit seinen negativen Erfahrungen nicht allein ist. Auch hier dürfte das Internet wieder eine bevorzugte Anlaufstelle sein, aber es gibt natürlich auch analog dicke Stammtische, Selbsthilfegruppen etc.. Ich selbst trage mich ja auch immer noch mit dem Gedanken, irgendwann einen "Club der dicken Damen" zu gründen.

10. Den Kleiderschrank überarbeiten

Ein Kleiderschrank, der voll ist mit Kleidern, die einem erst in schlanker Zukunft passen, ist voll mit Schuld und Versagen und Negativität - egal wie schön die Kleider sind. Weg damit! Die Umgestaltung meiner Garderobe war ein ganz entscheidender Schritt für mich. Schöne Kleidung, die man gern anzieht, ist Wertschätzung, die der Körper endlich verdient hat. Ich habe heute (fast*) nur noch Kleidungsstücke im Schrank, die ALLE der folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Ich finde sie schön.
2. Sie passen mir gut.
3. Sie sind bequem.
4. Sie sind heil**.

Mein Ziel war/ist es außerdem, mich bei meiner Kleiderwahl zukünftig "mehr zu trauen" (enger, bunter, ausgefallener), und dadurch sichtbarer zu werden. Denn öffentliche Sichtbarkeit ist für Dicke oft eine regelrechte Mutprobe. Und eine wichtige Übung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz.

*Bis auf ein paar Erb- und Erinnerungsstücke.

**Das ist in der Tat eine große Sache, denn ich habe ja schon mal über die Hosen mit den zerschrabbelten Stellen zwischen den Oberschenkeln gesprochen, und wie schmerzhaft das werden kann.

11. Aktiv werden (in jeder Hinsicht)

All die vorangegangenen Punkte erfordern, dass man den Mut zusammennimmt, den es braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Tatsächlich ist das aber etwas, was man trainieren kann, und was bei regelmäßiger Übung immer leichter wird. Man sollte dann bei den oben beschriebenen Punkten auch nicht Halt machen. Man sollte sich und seinen dicken Körper ins Leben stürzen, und sich immer mehr trauen. Etwas, was vielen Dicken große Schwierigkeiten macht, ist z.B. der Gang ins öffentliche Schwimmbad. Vermeidung ist nur selten eine befriedigende Lösung.

Aber weil man sich selbst schneller akzeptieren wird, als die Umwelt, muss man als dicker Mensch auch in Zukunft oft Mut aufbringen, um öffentlich das zu tun, was man will: Schwimmen, Tanzen, Vorträge halten, bunte Hüte tragen, seine Meinung sagen, Eis essen. Aber man muss es tun, weil man das Leben nicht vermeiden kann, ohne es zu vertun.

Wie gesagt: Es wird alles leichter. Selbstakzeptanz führt zu mehr Mut, und mehr bestandene Mutproben zu noch mehr Selbstakzeptanz.


NH

Dienstag, 5. Mai 2015

Wie man so richtig schlechten Sex hat

"Some people have real problems" (Sia)

Hin und wieder betreibe ich ja bekanntlich Feindbeobachtung - und kaufe mir dazu eine herkömmliche Frauenzeitschrift. Nicht zu oft, denn das ist schlecht für meinen Blutdruck und die allgemeine Stimmung für den Rest des Jahres. Manchmal sind die Bösartigkeit und Blödheit, die einer aus den Seiten entgegen schwappen eben einfach so haarsträubend, dass man vorübergehend so unsagbar sauer auf das eigene Geschlecht wird, dass man nicht übel Lust hätte, die eine oder andere Redakteurin während ihres fettfreien Lunches vom Nachbartisch mit vollen Windeln und Büchern von Birigit Kelle zu bewerfen.

Die Tipps für ein beschisseneres Frauen(sex)leben kommen heute aus der Mai-Ausgabe der Shape. Zu finden ist der fragliche Text unter der Überschrift "Heißer aussehen beim Sex" auf Seite 108 - eigentümlicherweise in der Kategorie "Psychologie". Das ist meiner Auffassung nach nicht sehr passend, aber vermutlich war der Kram halt schlecht einzuordnen - eine (offensichtliche) Rubrik für "Selbsthass" gibt es ja nicht.

Mir ist natürlich klar, dass solche Magazine davon leben, dass wir unsere Körper nicht leiden können. Mich überrascht nicht, dass sie im Hinblick auf das Überleben ihres Blattes kein echtes Interesse daran haben, daran wirklich etwas zu ändern. Was mich überrascht, ist nicht das, was sie nicht für Frauen tun. Aber was mich mitunter (fast) sprachlos macht, ist das, was sie tun. Gegen Frauen. Und damit gegen sich selbst.

Christy Forers (das ist die Verfasserin des Artikels) "schlimmster Albtraum" ist, dass sie "eines Tages Sex mit einem Mann (hat), der vergessen hat, seine GoPro-Kamera auszuschalten." Nicht, weil sie etwa Angst davor hat, der Mann könnte sein Werk womöglich im Internet in Form von Rache-Porn veröffentlichen, oder sowas. Nein, sie befürchtet vielmehr, dass sich unwiderlegbar herausstellen könnte, dass sie beim Sex scheiße aussieht. Ihre sorgenvolle Frage, die aber doch uns alle regelmäßig umtreibt, ist: "Ob mein Körper immer so sexy und durchtrainiert wirkt, wie er wirklich ist?"

GÄHN.

Dazu würde ich zunächst einmal gern dieses einwerfen:

1. Meiner ja!*

2. Es ist immer gut, wenn der/die mit der Kamera auch ein wenig Talent im Umgang mit eben jener hat.

3. Ich würde tatsächlich jeder Frau, die an ihrer körperlichen Selbstakzeptanz arbeitet, empfehlen, sich auch mal beim Sex zu filmen. Meiner Erfahrung nach, kann das die selbe heilende Wirkung haben, wie Selbstportraits und Nacktbilder. Man kann besser akzeptieren, was man auch kennt. Und wie soll man sich der Welt endlich in voller Größe zumuten, wenn man sich vor sich selbst immer weiter versteckt? Das eigene Bild zunächst auszuhalten und sich dann daran zu gewöhnen und es anzunehmen, ist in meinen Augen noch immer einer der ersten und wichtigsten Schritte.

Bei der Aufzeichnung von Sex kommt hinzu, dass man sich währenddessen in einer Situation mit jemandem befindet, der den Körper, den man selbst gerade hat, offenbar aufregend und attraktiv genug findet, um...mit ihm Sex zu haben! Während man also vielleicht vom eigenen Anblick zunächst nicht begeistert oder gar erschrocken ist, muss man zumindest zur Kenntnis nehmen, dass das Gegenüber das vermutlich anders gesehen hat. Dass das also möglich ist. Sich dieses klar zu machen, hilft. Sogar ungemein.

*Ja, mein Körper wirkt im Film immer genauso sexy und untrainiert, wie er wirklich ist. Ich brauche also keinen der "5 kleinen Tricks", um mich beim Sex "super in Szene zu setzen". Außer der verunsicherten Christy selbst braucht die ohnehin keine andere Frau mehr, als ein Loch im Kopf.

Schockstarre

1. Dicke Hintern
Hier rät die Christy Frauen "mit etwas mehr Po" zur Seitenlage, denn die ist "schmeichelhafter, weil sie Hüftknochen und Taille betont". Wer seinem Partner unbedingt sein mächtiges Hinterteil entgegenstrecken will, der sollte wenigstens einen "langen Rücken" machen, um insgesamt "schmaler zu wirken".

2. Doppelkinn
Kissen unter dem Kopf sind bei Rückenlage verboten.

3. Keine Kissenschlacht
Für einen straffer wirkenden Busen, muss man ein Hohlkreuz machen (beim Sitzen auf ihm oder in der Rückenlage) und dieses dann bitte auch bis zum Ende durchhalten, damit nicht womöglich doch noch irgendein schwer erziehbares Fettgewebe anfängt, in bewegten Zeiten wild herumzuschlackern. Für scheinbar mehr Busen bitte "gerade liegen bleiben". Ich frage mich, ob man hier nicht realistischerweise grundsätzlich "bewegungslos" einfügen müsste, um den gewünschten Effekt zu erhalten.

4. Sitz gerade!
Wer will, dass der Bauch flacher wirkt, muss sich liegend oder sitzend grundsätzlich "gerade halten". Wem das auf oder unter dem Partner nicht gelingt, hat der Christy zufolge gute Chancen auf eine ganz besondere Auszeichnung: "Plauze des Jahres".

5. Posen
Wer hat der hat, und darf dann nicht nur, sondern soll sogar mit dem Becken kreisen, "denn gerade bei trainierten Frauen zeichnen sich (auf diese Weise) wunderschöne Muskeln (am Bauch) ab".

Wahrheitsfindung

Natürlich geht es in der Shape ausschließlich um Frau/Mann-Sex. Umso mehr müsste man mal einen Mann fragen, was er eigentlich so von Hohlkreuzen und verschämter Seitenlage im Bett hält. (Wo ist denn eigentlich gerade mal der Theo?) Nicht dass ich womöglich irgendjemanden dazu ermutigen möchte, sich primär an männlichen Präferenzen zu orientieren, wenn es um die eigene Sexualität und Selbstakzeptanz geht, aber wenn uns die giftigen Schwestern aus den Redaktionen weismachen wollen, dass Männer fraglos und mehrheitlich ganz besonders auf stocksteife Frauen mit ordentlichem Muskelspiel am Bauch abfahren, lohnt sich hier womöglich doch mal wieder eine praktische Überprüfung dieser Behauptungen. Könnte ja sein, dass das am Ende gar nicht stimmt, und dass es aus seiner Perspektive ebenfalls komplett umsonst wäre, auch nur den Versuch zu unternehmen, aus ästhetischen Gründen kerzengerade auf seinem Schwanz sitzen zu bleiben.

Obwohl die Christy in ihrem Artikel wirklich alles gegeben hat, damit ihre Leserinnen in Zukunft wieder das Licht beim Sex ausmachen, stimmt der folgende Satz selbstverständlich: "Wer sich selbst gut findet, hat mehr Spaß an Sex." Das ist übrigens eine Bildunterschrift und dürfte den meisten Leserinnen entgehen. Sie ist ja auch nicht gut gemeint. Ich glaube ja außerdem, wer mit dem richtigen Partner Sex hat, hat mehr Spaß an Sex. Richtige Partner sind die, bei denen man sich schön fühlt. Ganz besonders dann, wenn es wackelt und bebt.


NH

Freitag, 9. Januar 2015

Ausgelesen: Rebecca Jane Weinsteins "Fat Kids"


"That's my story, and I'm stuck with it."                                                           (Rebecca Jane Weistein, "Fat Kids", Seite 23)


Während Rebecca Jane Weinsteins erstes Buch, "Fat Sex", eine Offenbarung für mich war, mein Leben wahrhaftig verändert und mich auf meiner Reise zur dicken Selbstakzeptanz quasi im Rennwagen nach vorn gebracht hat, verhält es sich mit ihrer zweiten Veröffentlichung, "Fat Kids", nicht ganz so.  

Ich bin sicher, es ist ein wichtiges Buch. Nur erkenne ich das heutzutage alles sofort wieder. Ich war hier schon so oft.

Die Lebensgeschichten der Interview-Partnerinnen und -Partner, die als Kind von der Welt als "zu dick" eingeordnet wurden und heute dicke Erwachsene sind, berühren und erschüttern mich natürlich. Jede ist allerdings irgendwie auch meine eigene. Und eben wie viele andere, die ich in den letzten zwei Jahren gelesen oder gehört habe. Die Bilder gleichen sich bekanntlich immer und auf immer wieder verblüffende Weise: Viele von uns waren als Kind gar nicht dick. Uns wurde aber gesagt, wir wären es. Denn Dicksein ist, wenig überraschend, auch eine Frage der Perspektive. Und selbst wenn wir rund waren, haben wir uns keinesfalls aus uns selbst heraus gehasst. Die Welt, natürlich zumeist am Anfang repräsentiert durch die Eltern, hat uns irgendwann mitgeteilt, dass wir "nicht normal" und nicht "richtig" sind. Und das war der Startschuss für die Fahrt mitten hinein in Diät-Höllen, Essstörungen, Demütigungen, seelisches Leiden, schwache Selbstbilder, verpfuschte Leben und harte und manchmal verlorene Kämpfe um Erkenntnis und um einen Weg zurück ans Licht.

Ich weiß mittlerweile ganz genau, dass ich mit meiner Geschichte als dickes Mädchen nicht allein bin. 

Das hilft mir aber merklich nicht mehr ganz so sehr, wie am Anfang. Und manche der Geschichten in "Fat Kids" wurden für mich ein wenig zu lang. Womöglich bin ich nun langsam doch nicht mehr so sehr an Rückschau interessiert, sondern mehr an Strategien zur aktuellen und zukünftigen Selbststärkung.

Nichtsdestotrotz ist "Fat Kids" ein gutes Einsteigerwerk für Neulinge auf dem Gebiet der Fettakzeptanz. Und eine notwendige Lektüre und sodann eine wertvolle Stütze für ratlose Eltern dicker Kinder. Es kann ihnen helfen, das Richtige zu tun. Es kann ihnen das Selbstbewusstsein vermitteln, das sie selbst durchaus benötigen, um sich von einer fettphobischen Gesellschaft nicht zwingen zu lassen, ihr Kind endlich "gesellschaftlich akzeptabel" zu machen.

Neben Weinsteins Gesprächspartnern kommen auch die Ernährungswissenschaftlerin Emily J. Dhurandhar, sowie die Psychologin Peggy Elam und die Soziologin Pattie Thomas zu Wort. Diese drei Teile enthielten Informationen, die mir in der Mehrzahl nicht ganz neu, bzw. für mich kaum mehr überraschend/schockierend waren. Aber noch einmal: Für Einsteiger findet sich hier eine Sammlung von wissenschaftlichen Daten/Betrachtungen, die auf dem letzten Stand ist: Diäten funktionieren nicht, Diäten führen zu Essstörungen und Überessen, Dicksein ist keine Krankheit, und gesunde runde Kinder haben gute Chancen, gesunde runde Erwachsene und richtig alt zu werden, wenn man sie nicht vorher seelisch fertig macht. Es ist in der Hauptsache die Stigmatisierung, die die Gesundheit dicker Menschen und vor allem die dicker Kinder gefährdet. Dass diese Stigmatisierung allgegenwärtig ist, ist offenbar ein gesellschaftliches Problem. Und kein individuelles. Und erst recht kein medizinisches.

NH

Dienstag, 25. März 2014

Die Liebe zur Masse

© candybeach.com 2014
Theo und ich kennen uns bereits ein Weilchen, und ich dachte, er sei ein Fettliebhaber. Darum hatte ich auch schon lange vor, ein Interview für Das Lied der dicken Dame mit ihm zu führen. Gleich am Anfang des folgenden Gespräches stellte sich dann heraus, dass er gar keiner ist…irgendwie. Trotzdem - nichts ist für jemanden, der mit seinem Körper hadert, hilfreicher beim Perspektivenwechsel, als die Wertschätzung eines anderen, dessen Meinung einem wichtig ist und den man ernst nimmt. (Besonders, wenn derjenige 1,90 m groß ist und Oberarme hat wie Mr. Proper. ; )) Achtung: Wer etwas gegen Ausdrücke wie „Titten“ und „Arsch“ sowie  eine gewisse Deutlichkeit bei Gesprächen über Sexualität hat, sollte an diesem Post besser vorbeisurfen.
T(heo): Ich glaube, ich bin eigentlich gar kein ausgesprochener Fettliebhaber. Ich bin eher ein Fettrealist.
N(icola): Was bitte ist denn ein Fettrealist?
T: Fettrealist heißt, dass ich nicht alles was Fett ist in den Himmel lobe, nur weil es Fett ist. Es gibt gutes und…nicht so gutes Fett.
N: Welches Fett ist denn eher unbeliebt bei dir?
T: Na, ich sag mal, der Fettrand am Nackensteak…
N: Au weia.
T: Spaß beiseite. Ich glaube, wenn bei Oberschenkeln das Fett in überlappenden Lagen so ausgeprägt wäre, dass man sich grabenderweise dem Leckerchen nähern müsste, das würde mich eher abstoßen. Aber lass‘ uns das einfach mal positiv formulieren, das ist einfacher und macht den Ausdruck „Fettrealist“ im Verlauf vielleicht klarer. Mann findet halt immer irgendwelche Attribute besser oder schlechter. Ich erfülle ja dieses männliche Klischee und finde große Brüste besser als kleine, einen großen Arsch besser als einen kleinen und außerdem finde ich, dass das Gefühl in der Umarmung besser ist, wenn da mehr ist. Eine gewisse Brustgröße haben Frauen aber in der Regel nicht, wenn sie nicht sehr dick sind und eben auch an anderen Stellen eine entsprechende Körpermasse aufweisen. Es sei denn, es sind fake Titten, und fake Titten sind ja…nicht so schön. Die sehen auch peinlich aus…
N: Falsche Titten? Die findest du peinlich?
T: Ja! Ich finde sie peinlich. Und sie fassen sich zunächst einmal auch ganz schlecht an. Für mich ist die Haptik ja viel wichtiger als die Optik. Darum finde ich hängende Brüste viel besser als stehende, es sei denn natürlich, es sind riesengroße, echte, stehende Brüste…und vielleicht existiert ja so ein Paar auch irgendwo auf der Welt.
N: Da kommt einem halt immer die Schwerkraft ins Gehege.
T: Bei Kunsttitten nicht, die sitzen immer mittig und aufrecht. Aber zurück zum Fettrealisten. Ich habe also eine Vorliebe für besonders voluminöses Frausein. Also die Rubensfrau – in diese Richtung geht es schon. Aber kennst du die Zeichentrickfigur Jessica Rabbit? Die hat auch diese extremen Eigenschaften. Extremer Busen, extremer Arsch, aber dann ebenfalls eine extreme Taille, wie eine Sanduhr. Mit Fettrealist meine ich also in diesem Fall, den persönlichen Kompromiss zu finden. Es ist eine Frage des Gesamtbildes. Und wenn die Brust nicht mehr weiter fällt, als der Bauchumfang, finde ich das nicht mehr attraktiv. Obwohl ich natürlich auch gern in einen weichen, runden Bauch greife.
N: Es gibt also Grenzen, was die Fettfülle angeht?
T: Fett ist bei mir kein Fetisch. Ich erinnere mich da an den Film Feed, in dem es um einen Mann geht, der eine Frau mästet, bis sie nur noch völlig unbeweglich als Fleischberg dahinvegetiert. Das war auf verstörende Weise faszinierend, aber sexuell stimulierend finde ich das nicht.
N: Wie steht es denn mit der Unterwelt von dicken Frauen? Mit fleischigen Schamlippen zum Beispiel?
T: Je dicker die Schamlippe, desto größer die Spannung, was wohl dahinter sein mag!
N: Auch in Zeiten, in denen Frauen sich den Unterleib vom Schönheitschirurgen aufräumen und alles zurechtstutzen lassen?
T: Tun sie das? Ach, doch – davon habe ich auch schon gehört. Aber ich habe es nicht verstanden.
N: Naja, damit das alles übersichtlich und sportlich aussieht.
T: Na, aber es gibt halt viele verschiedene Ausprägungen. Mal sind sie so, und dann wieder so. Und dann so. Und dann hier so. Und dann da so. Oder auch so.
N: Ich habe ja auch eine überlappende Schamlippe…
T: Ja. Dann lass uns doch mal eine Situation konstruieren, in der das relevant sein könnte.
N: Also, was mich ja tatsächlich schon erstaunt, ist die Furchtlosigkeit vor dunklen Winkeln und Ecken, die viele dicke Frauen an ihren Körpern selbst nicht so genau kennen, bzw. mitunter regelrecht vermeiden, schon. Ich hatte mir z.B. jahrelang die Innenseite meiner Oberschenkel nicht mehr so richtig angesehen, bevor ich mit meinem Selbstakzeptanz-Projekt anfing.
T: Ja, und das ist nicht deine Zuckerseite, das wissen wir beide.
N: Erzähl‘ mal etwas, über das Gefühl, unter einer dicken Frau zu liegen.
T: Ich glaube, unter ist noch geiler als über, weil man voll umfasst ist, von allem. Man hat die Hände auf dem Hintern, wenn man möchte und man kann gleichzeitig im Tittenmeer ertrinken. Eigentlich ist das für mich die ideale Stellung. Oben ist aber auch gut, weil man alles so schön im Blick hat.
N: Wie ist das mit all den vermeintlichen Makeln, die das Selbstbewusstsein von Frauen so stark beeinflussen können? Streifen, Wellen, Dellen? Stört dich das gar nicht?
T: Wenn sie nicht da wären, wäre es besser. Aber sie stören mich auch nicht. Sie sind nicht im Fokus der Wahrnehmung, denn die Brüste und der Hintern sind zu groß und zu prächtig. Und womöglich in Bewegung. Und wenn man dann nur noch die Hand auszustrecken braucht, um sie anzufassen, wen sollen in dem Zusammenhang – was war das? –  Streifen, Wellen und Dellen interessieren? Wellen und Dellen klingt unterhaltsam. Wie ein Fahrgeschäft auf dem Dom.
N: Wie ist es mit angezogenen dicken Frauen? Gibt es etwas, das sie besser nicht tragen sollten?
T: Ich finde, dicke Frauen sollten nicht in Leggings herumlaufen. Wenn sie schon ein Statement machen wollen, dann sollten sie in Latex das Haus verlassen.
N: Ich würde das ja heutzutage fertigkriegen.
T: Das glaube ich nicht. Du gehst nicht so über die Mönkebergstraße und kaufst bei Karstadt ein.
N: Doch, das mach‘ ich.
T: Sag‘ mir wann und wo. Ich halte die Kamera…Besser noch als Latex, wäre ja Körperfarbe.
N: In Körperfarbe gibt’s mich schon im Internet.
T: Aber nicht, wie du so durch die Fußgängerzone läufst.  Da hätten wir doch mal eine Aktion – einen Auflauf von lauter stolzen, dicken Frauen in Körperfarbe. Das wäre Femen, Teil 2!
N: Was symbolisiert weibliches Fett?
T: Ich würde eher sagen „Was symbolisiert Weiblichkeit? Fett.“
N: Oh!
T: Das beantwortet jetzt vielleicht nicht die Frage, aber meine Antwort finde ich viel geiler als deine Frage…Na schön. Fett ist weich. Fett ist Geborgenheit. Fett ist warm. Fett ist Energie. Fett ist Sicherheit. Dicke Frauen haben ja oft fast etwas Mütterliches. Sie sind keine Bedrohung, sondern können Bedrohungen abwehren – einfach mit ihrer Präsenz.
N: Hattest du schon immer eine Vorliebe für runde Frauen, oder gab es einen bestimmten Auslöser?
T: Da muss ich mal zurückblättern in meiner Liebschaftsgeschichte. Meine Partnerinnen waren tatsächlich alle sehr unterschiedlich. Ich hatte Freundinnen, die gängigen Schönheitsstandards durchaus entsprachen. Und es waren auch sehr dicke Frauen dabei, aber ich glaube, und das ist die Kernbotschaft hier, dass nicht ständig irgendwelche Schubladen aufgerissen werden sollten. Ihr (Frauen) guckt vielleicht auf eure Einzelteile und seid verunsichert, aber „er“ sieht zunächst das Ganze. Und dann guckt er ohnehin auf seine Favorites.
N: Na, ich weiß nicht, ob der Blick überall so freundlich ist. Erkläre es mir noch einmal – warum bleibst du da, wo andere, im übertragenen Sinne, schreiend raus rennen? Dem Druck gesellschaftlicher Normen folgend, oder aus welchem Grund auch immer.
T: Weil ich eine Frau holistisch wahrnehme. Und übrigens auch als Person. Frauen ziehen ihr Selbstbewusstsein oft ganz extrem aus ihrem Äußeren. Das ist nicht wirklich klug, denn damit setzen sie dann natürlich von Anfang an auf ein sterbendes Pferd.
NH

Sonntag, 9. Februar 2014

Zum Kugeln

Sind sie nicht hübsch?

 


Ich LIEBE ja Plastik in klaren, knalligen Farben. Das ist auch der Grund, warum ich jetzt im Besitz von drei Paaren Vaginalkugeln, sowie einer Analkette bin. Die Ostereier und die Kette stammen von einer Dildo-Party, zu der ich vor Kurzem eingeladen war (ein Haul, ein Haul!*) - das ist quasi eine Tupperparty, nur halt mit Vibratoren und anderen nützlichen Produkten wie Toy-Reiniger, billigen, aufdringlich riechenden Massageölen, quietschbuntem Badesalz, Lotion für frisch rasierte Körperregionen, etc.

Ja, die Dildo-Verkaufspräsentation war überraschenderweise in weiten Teilen mit Körperpflegeprodukten befasst. Wie ich später von der "Dildo-Fee" persönlich erfuhr, ist das ein Zugeständnis an die Tatsache, dass offenbar auch heutzutage noch viele Kundinnen leicht an ihre Grenzen kommen, wenn bei Kaffee und Schnittchen zu viel von Penetration die Rede ist. Und der kühlende und knisternde Schaum, den ich am Ende zusätzlich erworben habe, lässt sich im Sommer auch ganz hervorragend für heiße und geschwollene Füße verwenden. Man muss sich nicht alles zwischen die Beine schmieren, was hier die Runde machte. Nicht einmal das Gleitgel - das eignet sich nämlich auch sehr schön als Handcreme.

All das Phallusartige, das dann doch noch herumgereicht wurde, war zumeist pastellfarben, hatte lustige Tierköpfe, oder sah aus, wie Softeis. Seit wann ist es eigentlich abgemachte Sache in Biedermeierland, dass Frauen lieber vibrierende Delfine als Schwänze in ihrer Vagina haben? Ist es gar eine Frage von sauber gegen schmutzig / unschuldig gegen unanständig? Ich kann nicht umhin zu sagen, dass mich dieser Verdacht einigermaßen betroffen macht. Die anwesenden Einkäuferinnen hielten sich der Reihe nach auf Anraten der Dildo-Fee die Maschinchen an die Nasespitze, um die vermeintlich beachtliche Vibrationsleistung zu erfahren und be-uhhten und be-ahhten auch wahrlich den offenbar durchschlagenden Effekt. Ich war nicht beeindruckt - ich glaube ja, dass sich da seit dem Kauf meines ersten und einzigen Vibrators vor rund zwanzig Jahren nicht viel geändert hat. Das nervige Geräusch ist auf jeden Fall noch immer da. Und die Position der Häkchen an einigen der Geräte, die angeblich die Klitoris adequat stimulieren sollen, ist auch noch immer die selbe - und mir nach wie vor ein Rätsel.

Das Highlight der Veranstaltung war eine vibrierende Vaginalklammer mit Fernbedienung. Diesen Teil der Gerätschaft, so hieß es, könne man dann ja dem Partner anvertrauen, weil Männer doch so viel Spaß an Technik haben. Das fanden scheinbar alle lustig - außer mir natürlich. Eine Fernbedienung mit der ein anderer die Vorgänge in meiner Muschi kontrolliert - geht's noch?! Für den Partner dürfte das unter Umständen natürlich ausgesprochen praktisch sein, denn wenn er über die eine Fernbedienung verfügt, muss er die für den Fernseher ja im Prinzip ebenfalls gleich gar nicht mehr aus der Hand legen. Und womöglich die Hosen runterlassen.

Ich persönlich habe ja grundsätzlich nicht sehr viel übrig für Sex mit Platzhaltern. Ich finde, sie sind irgendwie wie diese Tampons mit den prüden Applikatoren. Sie halten einen fern von sich selbst. Man macht sich halt die Hände nicht "schmutzig". Ein "Auflegevibrator" für die Klitoris? Ernsthaft? Für jemanden, der seit geraumer Zeit um Selbstakzeptanz, Selbsterfahrung und das Abschütteln von Scham ringt, scheinen sie ein eher steriles und damit eindeutig entgegengesetztes Verständnis von weiblicher Körperlichkeit und Körperbewusstsein zu symbolisieren. Naja..., und wenn man mich fragt, ist Sex im Idealfalll ohnehin stürmische und achtsame Kommunikation mit jemand anderem, den man so richtig toll findet.

Was nun allerdings die Kugeln angeht - diese dienen natürlich weniger der Stimulation, als dem Training des Beckenbodens. Wenn die Unterwelt schön straff ist, ist das schließlich gut fürs Gefühl und obendrein hat frau bessere Chancen, sich nicht irgendwann beim Husten ins Höschen zu machen. Von diesen Hochglanz-Schönheiten kann man also gar nicht genug haben. ; )

*"Haul" (Beute): Blogger-Ausdruck für die Präsentation von Einkäufen.

NH


 

Montag, 23. Dezember 2013

Das Fest der Liebe...



...verbringe ich allein. Und das nicht so sehr im Sinne von "ohne andere Leute", denn das ist eher selbstgewählt, sondern gefühlstechnisch. Nach einem Jahr Online-Dating-Selbstversuch, sitze ich wieder einsam unter dem metaphorischen Weihnachtsbaum. Zwar sehe ich momentan den Wald nicht, aber dennoch kann ich zumindest dieses weiterhin als gesicherte Erkenntnis verkünden: Für dicke Frauen, die sich für ihren Körper schämen, ist Sex mit freundlichen, begeisterten Fett-Liebhabern eine großartige Möglichkeit, sich in der eigenen Haut sehr schnell sehr viel besser zu fühlen, lang vermisste Bestätigung zu bekommen, und obendrein eine Menge Spaß zu haben. Es kann gar nicht oft genug gesagt werden, und meine Entwicklung von der ersten Idee über das Zögern bis zur Umsetzung kann man auf dem Blog ganz gut nachvollziehen. Ich habe es zuerst auch nicht für möglich gehalten. Und dann musste ich den nötigen Mut aufbringen. Und natürlich muss man wählerisch, egoistisch, selbstbestimmt und umsichtig sein in der Auswahl der Partner, denn was selbstverständlich nicht passieren soll, ist ein blödes Erlebnis. Peinlichkeit, Herabsetzung oder Unverschämtheit sind Gift fürs ohnehin gebeutelte Selbstwertgefühl einer dicken Dame und auf jeden Fall zu vermeiden. Darum stürze frau sich nur kopfüber ins Vergnügen, wenn die Sicht bis auf den Grund reicht, bzw. wenn sie echt gute Gründe hat, zu vertrauen. Im Zweifel Finger weg, anziehen und gehen.

All I want for Christmas...

Bekanntlich hatte die dicke Dame dann den Plan, den nächsten Schritt zu machen und so etwas wie eine feste Beziehung anzustreben. Zu einem Mann. Um genau zu sein: "Ich suche tatsächlich nach DER altmodischen starken Schulter zum Anlehnen. Nach jemandem, der weiß, was er will, selbstbewusst, klug und verlässlich ist, eine Menge Energie, Humor, und Feuer im Herzen, aber dafür weder Angst vor Verbindlichkeit noch Ungewissheit hat, gern redet, gut riecht und definitiv KEIN Sexmuffel ist. Ach, und es ist von vitaler Bedeutung, dass er Ironie versteht. Ich bin für vieles offen, tolerant, abenteuerlustig und lasse mich gern überraschen. Was ich nicht ertrage, sind Langweiler und Erbsenzähler." Das Vorangegangene ist mein Text im letzten noch bestehenden Profil bei einer Internet-Partnerbörse, nämlich rubensfan.de. Wie schon einmal erwähnt, habe ich alle anderen zwischendurch gelöscht. Man muss meiner Erfahrung nach verdammt aufpassen, dass die Suche nach einem Partner im Internet nicht zum Lifestyle und damit zum Selbstzweck wird. Trotzdem, der obige Text dürfte von selbst erklären, warum sich das Projekt Beziehung bis heute ungleich schwerer gestaltet, als passende Bettgenossen zu rekrutieren.


Dabei waren sie doch alle an meiner Seite, um mir auf die Sprünge zu helfen: Die Petra, die Brigitte, die Maxi und all die anderen Tussis. Wo wäre ich ohne die geballte Weisheit von Frauenmagazinen? Naja, vermutlich genau dort, wo ich jetzt ohnehin bin. Obwohl ich nun doch endlich mal weiß, woran ich einen "richtigen Mann" erkenne: am Bart. Offenbar stehen Männer außerdem auf Pornographie und Grillen - wer hätte das gedacht. Und übrigens sollte frau sich keine Sorgen machen, wenn sie in der Wohnung eines Mannes einen Teddybären entdeckt - was für eine Erleichterung. An anderer Stelle herrscht  allerdings frische Verwirrung: Welcher Typ Partnerin bin ich denn nun? "Kumpel, Sexkätzchen oder Ersatzmutti?" Es soll ja Männer geben, die ihre Partnerin als "Regierung" bezeichnen. Na wenigstens ein Problem hätten wir dann doch für immer aus der Welt geschafft: Wenn Frau nicht will, dass ein Mann nach dem Sex sogleich aufspringt und wegläuft, sollte sie stets "eine Flasche Sekt und etwas Obst neben das Bett stellen." Finde ich vernünftig. Wenn er dann doch wegrennt (und das wird mit der fraglichen Disposition vermutlich trotz der Aussicht auf eine Ladung Vitamin C passieren), muss man selbst wenigstens nicht aufstehen, um es sich allein noch ein wenig gemütlich zu machen. Persönlich würde ich so gesehen ja auch noch ein paar belegte Brote vorbereiten. In dem Zusammenhang ohnehin noch ein Wort zur Warnung: "Sex ohne Verlieben" sollte frau laut Brigitte gleich gar nicht erst versuchen. Seitdem kann ich es nun ja kaum erwarten zu sehen, wann das Cover wieder so züchtige Überschriften zieren werden, wie: "Was Männern so gut schmeckt." Ernsthaft - wer würde sich eigentlich nicht lieber seine Hand abhacken, als so einen Quatsch zu schreiben? Ich glaube, ich erwähnte bereits an anderer Stelle, dass ich noch immer und trotz des anorektischen Personals in den Modestrecken VOGUE-Leserin bin, weil dort der Göttin sei Dank keine bescheuerte Lebenshilfe erteilt wird.

Gern gedruckt wird nebenbei auch der Hinweis, dass Männer im Grunde Kinder sind. Oder so etwas wie Eichhörnchen. Sie sind niedlich, aber tun halt dauernd Dinge, die vernünftige Menschen (Frauen) niemals täten. Im Grunde muss man sie nicht ernst nehmen. Aber lenken muss man sie schon. Das heißt, man muss ihnen sagen, was sie anziehen sollen. Und sie davon abhalten, singende Karpfen an die Wand zu nageln. Was Frauenmagazine eher selten vorschlagen, ist dass man seinem Partner mal deutlich erklärt, warum er gefälligst mehr Frauen in den Vorstand seiner Firma befördern sollte, aber wahrscheinlich bin ich da schon wieder auf einem überwucherten Holzweg unterwegs - quasi in einer lila Latzhose und ohne BH. So wie ich vermutlich auch exotisch in der Hinsicht bin, dass ich um Himmels Willen keinen Mann will, den ich nicht ernst nehmen kann. Ich will kein putziges aber abwegiges Tierchen von einem anderen Planeten in meinem Bett. Ich will kein Augenzwinkern und mildes Lächeln über die angeblich geschlechtsspezifischen Marotten des anderen. Ich will einen ganzen und erwachsenen Kerl, der meine Sprache spricht.

Wo wir gerade bei Ratschlägen waren, die ratlos machen - da ich nun öffentlich erzählt habe, dass ich mir eine Beziehung wünsche, bekam ich zum Geburtstag erstmals in meinem Leben themenbezogene Geschenke, u. a. ein Buch des Autors Eckhart Tolle mit dem schmissigen Titel "Lebendige Beziehungen jetzt!" Mit einem roten Herz auf jeder zweiten Seite und voll mit so bemerkenswerten Betrachtungen wie der folgenden: "Zurzeit befinden sich die meisten Männer ebenso wie die meisten Frauen noch fest in den Klauen des Verstandes: Sie sind mit dem Denker und dem Schmerzkörper identifiziert. Genau das verhindert natürlich die Erleuchtung und das Erblühen der Liebe. In der Regel ist der denkende Verstand das größte Hindernis für die Männer und der Schmerzkörper für die Frauen, obwohl in vereinzelten Fällen auch das Gegenteil der Fall ist und in anderen Fällen beide Faktoren gleichermaßen wirken." (Tolle, S. 62)

Ich werde mich jetzt selbstverständlich nicht dazu hinreißen zu lassen, Witze über Männer zu machen, deren größtes Problem offenbar ihr denkender Verstand ist - obwohl zumindest der Autor selbst es eindeutig verdient hätte, aber eins wird verdammt noch einmal nicht ungesagt bleiben, weil sonst mein Schmerzkörper vermutlich explodieren würde: WOMIT VERFICKT NOCHMAL HABE ICH DAS VERDIENT?!! WIE KOMMT JEMAND DAZU, MIR SO EINEN MÜLL INS HAUS ZU TRAGEN - GETARNT MIT GESCHENKPAPIER?!!

Ist es nicht genug, dass ich einem Horrorladen wie elitepartner.de ein Jahr lang fast 40 Euro pro Monat gezahlt habe, weil ich schlicht blöd bin? (Aber dazu in einem späteren Post mehr.) Reicht es nicht, dass ich mich monatelang täglich mit Männern auseinandergesetzt habe, die die Verwendung von "das" und "dass" bisher nicht gemeistert haben und ihre erste E-Mail an eine ihnen zwar sympathische aber eigentlich unbekannte Frau mit "Moinsen, schöne Frau, geht's gut?" beginnen? War es wirklich kein ausreichendes Opfer, sich 2013 wahrhaftig mehrmals sagen zu lassen, dass es sich nicht lohnt, mit mir Kaffee trinken zu gehen, weil ich ja keine Kinder will und es deshalb mit mir ja auch keine Zukunft geben kann?

Nicht so schlimm

Wie dem auch sei, ein sehr viel erfreulicheres und lebensnäheres Geschenk war auf jeden Fall die Körperlotion, die mir eine Verwandte übergab - in Verbindung mit dem Hinweis, dass ich mich ja jetzt schließlich hübsch machen muss, wenn ich einen Mann suche. Aus der selben Richtung kam sodann obendrein das durchaus nett gemeinte Lob, dass ich in einem bestimmten T-shirt, dass ich an jenem Abend trug, ja "gar nicht so schlimm" aussähe. Gemeint war natürlich "nicht so dick" (merke: dick = schlimm).

Golda Poretsky hat einen Leitfaden für dicke Frauen erstellt, der es ihnen erleichtern soll, die Feiertage zu überstehen - besser gesagt, die Vielzahl der versteckten und offenen Angriffe auf das eigene Selbstwertgefühl, denen die meisten Dicken vermehrt ausgesetzt sind, wenn die folgenden Dinge aufeinandertreffen: Freunde und Familie in größeren Mengen auf engem Raum zusammen mit einer noch größeren Menge Essen. Alle futtern und jammern, dass sie fett werden. Und sie beobachten die Dicke, die erst recht nichts essen sollte. Denn die ist ja schon fett. Wenn man Pech hat, machen sie Anspielungen oder äußern ihre Meinung über Körper und Essverhalten anderer unverblümt.

Tatsächlich sind Diet Talk und seine Allgegenwart etwas, wofür ich erst in den letzten Monaten eine entsprechende Sensibilität entwickelt habe. Ich hätte zuvor schwören können, dass er um mich herum die meiste Zeit gar nicht vorkommt, aber da lag ich total falsch. Würde ich Buch darüber führen, wie oft sich Menschen in meiner Gegenwart zumeist ohne böse Absicht sondern nur basierend auf ihrer kulturellen Prägung direkt oder indirekt negativ über Dicke und Essen äußern, über Diäten reden und ihren eigenen Kampf um eine "gute Figur", hätte ich mittlerweile vermutlich eine kleine Bibliothek füllen können: "Der Pullover steht dir, der kaschiert gut." "Eigentlich dürfte ich ja nicht." "Ich muss ja auch aufpassen." "Nach Weihnachten ist aber Schluss, da wird wieder trainiert." "Man muss auch mal sündigen." "Ab morgen ist wieder Schluss." "Sie sah richtig gut aus - so schlank." "Er hat so ein Glück, er kann essen, was er will." Sogar Fettliebhaber können erstaunliche Ambivalenz an den Tag legen, wenn es um Diäten und Dicksein im Allgemeinen geht. Auch das wäre in einer Beziehung schlicht nicht akzeptabel.

Vor dem eben geschilderten Hintergrund ist es vermutlich auch gar keine so schlechte Entscheidung, Weihnachten 2013 ohne Leute zu verbringen. Dafür gehe ich Anfang des Jahres zu meiner ersten Dildoparty. Ich habe das Gefühl, Fett wird dort kein Thema sein. Größe schon. ; )

Von allen Männern, die im fast vergangenen Jahr für ein Weilchen an mir hängengeblieben sind, ist übrigens nur das Ei noch immer da. Hat sie alle überdauert. Indem es ist, was es ist. Indem es mir am liebsten von allen ist. Obwohl es selbst mich eigentlich gar nicht so unbedingt wirklich mag und auch lieber überhaupt nicht so richtig will vielen Dank aber nein danke vielmals......oooh, wie sehr ich mir wünschte etwas Hulkartiges, Wildes würde die Schale von innen sprengen und IRGENDETWAS TUN. Egal was.


NH