Montag, 19. Oktober 2026

Der Sommer war sehr groß*


Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr...*


Well, guess what...Ich habe ein Haus. Das musste ich nur endlich begreifen.

Eines Nachts habe ich, einem plötzlichen Impuls folgend, einen Notizzettel beschrieben: Eine Liste mit allem, was ich wirklich mag und darum dringend brauche. Ich weiß in der Tat schon mein Leben lang, was ich am meisten will. Das hat sich im Verlauf der Jahrzehnte nie maßgeblich verändert. Und nun mit 54 habe ich alles, was auf der Liste steht - ein Haus, das hinter hohen Hecken keiner sieht. Einen hellblauen, schillernden Pool, der groß und tief genug ist, um auch wirklich darin zu schwimmen. Katzen, Bücher und grüne Ruhe habe ich erst recht. Und was die Kunst betrifft...ich besitze einen Garten, der weitläufig genug für meinen eigenen Skulpturengarten wäre. Wir werden sehen.

Was mir im Augenblick noch fehlt, ist genug Geld für all die Pläne, die ich für mein Zuhause habe. Und es ist auch nicht genug, um mich richtig sicher zu fühlen. 

Aber angekommen bin ich. Und das fühlt sich so richtig merkwürdig an. 

Auf Instagram tauchte in meinem Feed eine Frau namens Susan Young Browne auf (gepostet von @drflorencecomite), die mit 108 Jahren noch munter, fröhlich und selbständig am Leben ist. Ein Ziel, das ich übrigens auch seit ich denken kann verfolge, ist, mindestens einhundert Jahre alt zu werden. Und das, obwohl ich das Leben in seiner Beschwerlich- und Ärgerlichkeit eigentlich nie besonders gemocht habe. Was mich immer antrieb, war die Hoffnung, dass irgendwann die große Freude auf mich wartet, wenn ich nur lang genug durchhalte. Mir war vermutlich obendrein schon immer klar, dass ich für alles, was ich im Leben herstellen und lesen wollte, sehr viel Zeit brauchen würde. Was ich nicht wusste, war, dass ich für alles so verdammt lange würde rudern müssen, weil ich durch die exekutive Paralyse einer wahrscheinlichen ADHS-Erkrankung einfach Jahr um Jahr ewige Stränge meiner Lebenszeit am Stuhl festgenagelt verbringen würde. Meine Aussicht auf das Leben war immer durch die universelle Erfahrung gefärbt, dass einfach so gut wie gar nichts jemals einfach ist. Jetzt warte ich auf den Anruf meines Psychiaters, dass mit der Diagnostik begonnen werden kann. Ich kann es kaum erwarten, die entsprechenden Betäubungsmittel aus der Apotheke zu holen.

Na, jedenfalls bin ich halb so alt wie Susan Young Browne - und ich werde von nun an in der Annahme existieren, dass ich mich tatsächlich erst in der Mitte meines Lebens befinde. Und sollte ich eine späte Diagnose und dann entsprechende Medikamente bekommen, und sollten diese Medikamente dann gut wirken, werde ich in den nächsten 54 Jahren ALLES auf- und nachholen. Und ich werde meine Wäsche waschen und nicht stattdessen dauernd neue Unterhosen kaufen.

Jetzt gerade geht es den Katzen gut und das ist immer das Wichtigste. Außerdem habe ich zum ersten Mal einen versicherungspflichtigen Arbeitsplatz und der ist sicher. Das Haus ist auch sicher und obendrein groß genug für uns sowie für all meine Bücher und mein gesamtes Ich-Museum. In die spektakulären Himmel, das Mondlicht und die Blätter, zwischen denen die Sonne spielt, gucke ich vom Bett aus - mit Tippi und Willow links und rechts. Das einzige, was ich nachts höre, sind der Ruf eines Käuzchens, der Wind und der Regen. Und das leise Surren der Filteranlage des Pools.





Ich war heute zum allerersten Mal umfassend dankbar und nicht abgelenkt vom Mangel, von allem, was nicht geklappt hat. Trotzdem habe ich regelrecht noch immer Schwierigkeiten, mich zu freuen. Stattdessen trage ich immer weiter die murrende Furcht bei mir, es könnte noch etwas schiefgehen. Und bevor ich es gestern aufgelistet habe, war mir ehrlich nicht klar, dass alles auf dieser Liste nun wahrhaftig erledigt und abgearbeitet ist. 

Wie dem auch sei - wenigstens setzt jetzt doch noch das erwartete große Erstaunen ein, dass ich es tatsächlich bis hierher geschafft habe. Die dramatische Musik braust ein wenig lauter. Die Größe des Etappenziels wird mir bewusst. Und das tut, ich muss es sagen, ganz gut.
















Da hat sich jemand im letzten Winter in der Garage auch ein Haus gebaut. :)









NH

*Rilke, "Herbsttag"