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Samstag, 7. Oktober 2023

"Ich bin ja nicht weg"


The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster. 
(aus "One Art" von Elizabeth Bishop)

Die größte Angst, die mich im Augenblick hauptsächlich noch umtreibt, ist, jemanden komplett zu verlieren, so als wäre er tot, ohne dass er tot ist.

Um das mit einem vielleicht nicht ganz exakt passenden Beispiel noch zu verdeutlichen: Die absolute Horrorvorstellung als Katzenmutter von Freigängerkatzen war stets, nicht der Tod einer Katze, sondern das spurlose Verschwinden und die Ungewissheit über den Verbleib des Tieres, darüber, wie es ihm geht sowie die Frage, ob ich noch etwas tun könnte, um es zu retten, wenn ich nur das Richtige zu tun wüsste.

Wie wiederholt berichtet - ich verstehe was von Verlust. Worin ich naturgemäß nicht gut bin, ist Menschen oder Tiere zu verlieren. Wer ist das schon? Aber meine nicht unerhebliche Verlustangst traf in meiner letzten Beziehung auf sehr viel passiv-aggressive, emotionale und sogar tatsächliche Nicht-Verfügbarkeit. Das tat mir nie gut und war oft eine Quelle großer Enttäuschung, aber auch von Angst und Sorge. Wir haben nicht zusammen gewohnt, und wenn wir nicht räumlich beisammen waren, waren Kommunikation und Kontakt mitunter schleppend bis unterbunden. Ich habe mir daraufhin oft ganz praktisch Sorgen gemacht, ob etwas passiert sein könnte. Andererseits fühlte ich mich auch häufig ängstlich und unsicher, was meine Rolle und meinen Wert in der Beziehung anging.

Allerdings habe ich ein Recht auf das immerwieder fett unterstrichene Vorhaben, "Freunde zu bleiben", weiter Kontakt zu halten und gar zukünftig gemeinsam Dinge zu unternehemen, scheinbar verwirkt. Ich bin in Ungnade gefallen, weil ich angesichts dessen, was mir angetan worden war, mit Wut und Eifersucht und noch mehr Wut reagiert habe. Am Esstisch und am Telefon.

Wenn das mit der Freundschaft je ernst gemeint gewesen war (und wer weiß das schon), dann muss die Überraschung über meine normale und menschliche Reaktion ja ziemlich groß und regelrecht schockierend gewesen sein. Die offensichtliche Frage ist, wie kann das sein? Wer rechnet denn in so einem Szenario nicht mit einer solchen Reaktion? Und wie fair ist es, die blutrote Verzweiflung eines auf diese Weise betrogenen und verletzten Menschen wirklich am Ende auch noch gegen sie zu verwenden?

Lasst mich hier komplett klar sein: Keine meiner Reaktionen war überzogen oder unangemessen im Hinblick auf die Umstände, die ich nicht kreiert hatte. Das weiß ich ganz sicher. Ich bin vor den Bus geschubst worden. Dass der selbe Bus dann den Ex in seiner Gefühlswelt auch noch angefahren hat, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist schlicht kindlich und egozentrisch zu glauben, Menschen auf bestimmte Weise  behandeln zu dürfen und sich dann zu beschweren, wen sie adäquat und zutiefst menschlich antworten. Und dabei womöglich fluchen. Ich weiß, wie konnte ich nur...

Ich hätte mir gewünscht, in meinem Ausnahmezustand und meinem Schmerz auch besonders in der Phase der Zuspitzung noch irgendwie gesehen zu werden. Das hätte ich anständig und angebracht gefunden. Und ich hätte obendrein sehr gern ein wie auch immer fortgeführtes freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Das tue ich noch immer. Wut und ausgestreckte Hände schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle erzählt, dass ich neben Wut und Verzweiflung trotzdem auch stets dafür gekämpft habe - ich habe Angebote gemacht, ich habe Zeichen desetzt, ich habe mich geöffnet, ich habe ihn nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen oder ignoriert - weder vor noch nach dem ganz großen Knall. 

Und dessen Wirkung scheint, was mich betrifft, nun an manchen Tagen sogar weitgehend verpufft. So schnell kann es dann manchmal doch gehen. Die ohnmächtige Fassungslosigkeit angesichts der Eröffnung, wer meine Nachfolgerin war - geschenkt. 

Heute Nachmittag dachte ich, ich würde einfach nur gern anrufen können und fragen, ob er mal wieder Lust auf unser ehemaliges Sushi-Stammrestaurant hätte. Da war ich nun seit Monaten nicht. Aber ich könnte ihn dafür auch dann nicht anrufen, wenn ich es vorhätte. Für wichtigere, rein praktische Anliegen, die wir noch zu klären hätten, ginge das ebenfalls nicht. Ich bin nämlich geblockt worden. Und auch auf Textanfragen erhalte ich keine Antwort. Im Prinzip ist da ironischerweise mitunter gar kein Unterschied, ob wir in unserer Beziehung sind oder nicht... 

Dass wir auf diese Weise bestimmte Angelegenheiten nie komplett auseinanderfriemeln werden, die eigentlich jetzt abschließend noch anstünden, und die Entscheidungen alle an mir hängenbleiben, ist auch klar. Wer aber nun doch einen endgültigen Schlussstrich will, sollte die Abwicklung nicht pausenlos verhindern und alles mal wieder bis in alle Ewigkeit hinauszögern. Es sei denn, er will den Schlussstrich gar nicht. 


NH

Freitag, 15. September 2023

Ich bin noch da




Ich bin hier. Ich gehe nirgendwohin.

Und ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Denn zwischendurch dachte ich, ich würde mich einfach auflösen und spurlos verschwinden.

Seit mein Ex-Partner mich sitzenließ (DLDDD berichtete), wollen viele der Menschen, mit denen ich Kontakt habe, dass ich ab jetzt was "nur für mich" tue. Und davon bitte ganz viel. Je mehr Aktionismus, desto besser. Das hat in der letzten Zeit zu etlichen frustrierenden Immobilienbesichtigungen und nebenbei noch zu vier Dates geführt. Drei der Letzteren waren natürlich mal wieder ganz genau so, dass frau sich erstens fragte, wie sie in diesen Film geraten war und zweitens, wie sie aus der Nummer einigermaßen höflich wieder rauskommen sollte. Das vierte war freundlich, aber trotzdem sinnlos.

Es fühlt sich so an, als ob die ganze Welt darauf besteht, dass es bei mir nun endlich auch mal wieder besser werden muss. Jetzt ist auch mal gut mit all dem Kummer. Ist doch schon ganze drei Monate her. Move on. Ich soll mich um mich selbst kümmern. Um mein eigenes Glück. (Wenn ich das Wort schon höre/sehe, könnte ich tatsächlich kotzen.) Denn für unser Glück sind wir ja bekanntlich selbst verantwortlich. Lohnt sich doch nicht, noch viel Energie für den Kerl zu verschwenden. Du kannst halt niemanden zwingen, bei dir zu bleiben. Vergiss den Idioten. Die bekommen schon, was sie verdienen, nämlich einander. Wir können ja mal wetten, wie lange das mit der Neuen hält. Alles ehrlich und unterstützend gemeint...Und trotzdem sitze ich da und denke, "aber ich wollte ihn ja gar nicht loswerden". Ich will und wollte nichts von alledem. Dennoch soll ich, schwupps, bitte endlich aufhören zu trauern. 

Die offizielle Frist, bis frau in den Augen der Umwelt zum Crazy Ex-Girlfriend wird, das einfach nicht in der Lage ist, gedanklich souverän und erwachsen loszulassen, habe ich vermutlich längst überschritten.

Ich finde es dennoch wichtig, gerade hier darüber zu reden, dass es nicht notwendigerweise hilft, pausenlos ins Motivationshorn zu tröten, sobald jemand im Leben hingeknallt ist und sich die Knie offenbar bis zum Knochen aufgeschlagen hat. Krone richten, aufstehen, weiter...eigentlich ist das doch nur grausam. Was ist das eigentlich für ein Druck? Und eine Missachtung der inneren Realität eines verletzten Menschen?

Hinzu kommt, dass es mir nicht vorher gut ging und jetzt eben nicht mehr. Ich habe kein "Normal", in das ich einfach allein wieder zurückkehren kann. Verlassen wurde ich an einem persönlichen Tiefpunkt. Verlassen wurde ich auch nicht trotz  sondern wegen meiner schlechten Verfassung - weil mir eh nicht mehr zu helfen war. Weil ich ein freudloses Monster bin. Es war mit mir im Hause zu schrecklich, zu erschöpft, zu ausgelaugt, zu ungemütlich, zu pessimistisch, zu anstrengend. Ziemlich kraftzehrende Jahre liegen hinter mir. Die Beziehung war das Projekt im Zentrum, alles drumherum wurde vernachlässigt und kann eben nicht einfach voller Schwung wieder aufgenommen werden. So einfach soll das jetzt aber bitte sein. So einfach wird es aber nicht sein. 

Und kann mir jemand nebenbei das hier erklären: Aus irgendwelchen Gründen wollen alle, dass ich umziehe. Meine kurzatmige Idee direkt nach dem Beziehungsaus war, das lang geplante ländlich-idyllische Zuhause, für das der Partner am Ende nicht mehr zur Verfügung stand, allein zu erwerben. Verdächtig einstimmig, von der Therapeutin bis zum Ex, waren alle möglichen Menschen erstaunlich angetan und beklatschten den hektischen und wenig durchdachten Plan, mich sofort auf die Suche nach einem Häuschen in der tiefen Provinz zu machen und mich damit selbst ins Crazy-Cat-Lady-Exil zu schicken - weil ich dann angeblich endlich wieder nach vorne gucken und mir die Veränderung einer gigantischen und logistisch sowie finanziell komplett überwältigenden Entwurzelungsaktion bestimmt gut tun würde. Keine*r sagte: "Lass das nach. Ist jetzt viel zu früh und zu stressig."

Wie oben erwähnt: Bis ich erfuhr, wer unser echter Trennungsgrund war und unsere Verbindung danach von ihm gekappt wurde, riet mir sogar mein Ex-Partner mit herzhafter Überzeugung zum Hauskauf als Mittel der psychologischen Stabilisierung, denn da durfte ich ihn mit all meiner Verwüstung und Verzweiflung noch gelegentlich als Notfallohr anrufen, falls die Telefonseesorge mal wieder besetzt war.

Du weißt, du bist am Arsch, wenn dein Ex und deine Therapeutin dir die gleichen Ratschläge erteilen.

Klar, ich fessle mich am besten auf einen Schlitten, lass mir noch einen wohlmeinenden Tritt verpassen, und wenn ich dann so den vereisten Berg runtersause, kann ich mir einreden, dass ich mich nun selbstbestimmt und mit vollem Empowerment auf den Weg in eine wunderbare Zukunft gemacht habe. Als Bonus falle ich dann auch nicht mehr allen auf die Nerven. 

Außerdem ist doch allgemein bekannt, dass alles für etwas gut ist, und am Ende kann ich noch dankbar sein, dass es so gekommen ist. Denn wer scheitert, lernt ja für die Zukunft. Und wenn der Umzug nicht hilft, dann geh ich halt mehr unter Leute, setze mich in den Park in die Sonne und erfreue mich, wie vorgeschrieben, an den kleinen Dingen. Das Allerallerwichtigste ist stets, dass frau ins Handeln kommt! Also auf die Plätze, fertig, los!

Trotz aller Bemühungen wieder gescheitert. Frau versucht immer, das Richtige zu tun. Aber ich krieg es einfach nicht hin. Und ich weiß, auch damit bin ich nicht allein.

Ich wiederhole es immer wieder gern: Schöner scheitern my ass.

Ich sehe die Türen entweder nicht, die sich im Fall des Endes von etwas angeblich überall öffnen. Oder, und das halte ich für wahrscheinlicher, sie sind nicht wirklich da. Ich habe außerdem keinen Bedarf mehr, an Unglück zu wachsen. Ich bin groß genug. 

Im Grunde bin ich, ich erzählte es mindestens schon einmal an anderer Stelle, mit allem Wichtigen gescheitert, was ich so vorhatte. Und ich bin über 50. Ich werde das Gefühl nicht los, dass da auch nicht mehr viel kommt. Natürlich kann ich gleichzeitig den gutgemeinten Aufschrei schon hören, dass da selbstverständlich noch eine ganze große Welt wartet. Aber es ist eine freundliche Lüge, dass es nie zu spät ist. Ich hab keine Ahnung, wie viel Arbeit, Energie und Disziplin in aufbringen müsste, um irgendeinen meiner eigenen Ansprüche noch einzuholen, aber ich weiß ziemlich genau, dass ich sie momentan auf keinen Fall hätte. Im Augenblick kann ich dank MS und anderer medizinischer Probleme nicht einmal anständig geradeaus laufen. Durchschlafen wäre was. Hm...fat chance.*

Ich bin auch beruflich häufig gescheitert. Drei Verlage haben je ein Buch von mir verlegt, und es hinterher bitter bereut, weil sie alle gefloppt sind. Alles, was ich je mit Freude hergestellt habe, war etwas, was dann niemand wollte - mitunter nicht einmal geschenkt. Bücher, Blogposts, Schmuck, Kunst - alles so gut wie unverkäuflich. 

Dass ich übrigens auch keinen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen habe (quasi das Ur-Ziel, mit dem ich das Studium in Los Angeles begann) ist da wohl keine weitere Erwähnung mehr wert. Ja, die Fallhöhe ist so hoch, wie die Erwartungen. Also arbeite ich seit Jahrzehnten in einem Job, den ich gut kann, der aber nicht Teil des Originalplanes war. Und der im Augenblick nicht genug Geld reinbringt, um andere Ziele von der Bucketlist zu streichen, z.B. gelegentlichen Urlaub in irgendeinem interessanten Land zu machen UND die restlichen Rechnungen zu bezahlen.

Jede Beziehung, die ich gern behalten hätte, ging mir verloren. Und der dazugedachte Film vom Garten mit dem Zaun um das beschützende Haus und dem Bewusstsein, einen Platz zu haben, an den ich ganz sicher gehöre - nichts davon habe ich erreicht (nicht einmal für einen kurzen Moment). 

Was ich aus meiner Geschichte gelernt habe, ist, dass meistens irgendetwas fürchterlich schief läuft.

Dafür habe ich offenkundig eine endlose Auswahl an Belegen parat. Ich habe es beispielsweise auch nicht geschafft, meine Mutter über die berühmten fünf Jahre Überlebenszeit zu hieven (was mein erklärtes Ziel war nach ihrer Krebsdiagnose), obwohl ich mich dafür komplett verantwortlich gefühlt und hart daran gearbeitet habe. Sie aber hat die zweite Chemo dann nicht vertragen. Ich verstehe viel von Verlust. Ich gewöhne mich trotzdem nicht daran. Ich weiß, das ist ebenfalls keine besonders exklusive menschliche Erfahrung. Darum teile ich sie hier, damit andere, denen es hilft, das zu wissen, es eben wissen.

Aber auch was mein Engagement auf dem Blog angeht, bin ich wohl eher gescheitert. Fettakzeptanz in Kombination mit radikalem Feminismus ist noch immer eine Nische auf halbwegs verlorenem Posten. Dicke Models auf dem Cover der VOGUE hin oder her. Inzwischen ist der Terror der Normschönheit auf Instagram verantwortlich für eine Zunahme von Suiziden unter jungen Frauen. Frau kommt so unendlich langsam voran. Outlets wie Printmedien und Fernsehen entscheiden sich längst wieder (eigentlich schon immer) für andere, mildere Quellen, wenn sie mit lächerlicher und harmloser Body Positivity Alibibeiträge produzieren wollen. Reichweite ist das Stichwort. Und nach dem Ende der Diäten auf dem Blog schmolz die langsam weg.

Gibt es eigentlich so etwas, wie schöner aufgeben? Ich kann ja immer noch Rebecca Niazi-Shahabis Bücher zum Thema empfehlen. Sie schlägt vor, alle großen und kleinen Ziele auf eine Liste zu schreiben und diese dann kurzerhand wegzuwerfen. Das sei der wahre Schlüssel zu einem akzeptablen Leben.

Vielleicht hätten wir das als Paar tun sollen. Nicht die Beziehung aufgeben. Sondern die To-Do-Liste. Am besten wäre das vermutlich gleich am Anfang passiert.

Ich sitze hier und überlege jetzt schon, wie es dieses Jahr mit Weihnachten wohl werden wird. Gehe ich dann allein am 23. Dezember zum traditionellen Einkaufsbummel in die Stadt und begucke die Hektik der anderen Einkaufenden, während ich weiß, dass bei mir längst alle Vorbereitungen abgeschlossen sind? Wie wird es sich anfühlen, wie früher, in den ersten Jahren nach dem Tod meiner Mutter, über die Feiertage mit niemandem mehr zu reden? Und dann sind da die Theaterkarten, die wir nach unserer Trennung noch zusammen gebucht haben, um uns im Herbst vielleicht doch noch einmal "neu kennenzulernen". Was für ein großes Kino das war...

Mittlerweile habe ich außerdem das Gefühl, ein Strategiewechsel ist zur Verarbeitung überfällig. Ich sollte mir ein paar Stunden auf einer Shooting Range genehmigen, denn das habe ich seit Jahren vor. Oder mit Squash anfangen. Noch so ein nie abgearbeiteter Punkt auf der Liste. Wenn mir die Entzündung in der Hüfte nur nicht so wehtäte. Vielleicht miete ich mir aber endlich mal den Porsche, den ich immer fahren wollte und verbringe etwas Zeit auf der Autobahn, bevor wir doch noch eine Geschwindigkeitsbegrenzung kriegen.**

NH


*Keine Chance.

**Ja, das wäre ohnehin ein Wunder, wenn wir uns in diesem Land endlich dazu durchrängen. Da muss frau sich wenigstens keine Sorgen machen, dass sie mit ihren Träumen vom Rasen zu spät dran ist.

Freitag, 11. Mai 2018

Follow me around 58: Aufholen

DAS will ich. Eine Festung. (Dömitz)
Also, ich entschuldige mich gleich schon einmal im Vorfeld, mit Nachdruck und bei fast allen, die in den letzten 18 Monaten irgendetwas von mir wollten, oder denen ich versprochen habe, dass ich mich melde. Ich habe es nicht getan, und werde es womöglich auch so schnell nicht nachholen. Darüber hinaus hat eine notwendige Wiederbelebung meines Handys gestern mein WhatsApp getötet. Wenn wir also lose Pläne hatten, besteht eine gute Chance, dass ich sie jetzt komplett aus den Augen verliere. Ich verspreche lieber nichts mehr.

Außer dass ich in den kommenden Tagen Nicole Jägers unsägliches "Nicht direkt perfekt" ausgelesen haben werde und dann hier garantiert die Rezension dazu schreibe. Der ganze Krampf kann schließlich nicht umsonst gewesen sein. Ich lese im Auto. Wenn ich zwischen zwei Terminen Wartezeit überbrücken muss. Da kommt man nicht rasend schnell voran. Heute fiel mir im Buchladen zufällig Sarina Nowaks "Curvy" in die Hände. Das nehme ich dann als nächstes mit ins Auto. Ich musste sie googeln...Sie lacht wirklich sehr, sehr viel auf ihren Unterwäschebildern, nicht wahr?...Aber ich versuche ja, unvoreingenommen zu sein. Hüstel.

Insgesamt bin ich gerade tatsächlich in eher mieser Stimmung. In einem netten Kommentar wurde vermutet, dass ich in dieser Phase meines Lebens zu glücklich sei, um Blogposts zu schreiben. Das bin ich nicht. Ich bin einfach selbstorganisatorisch so weit ins Hintertreffen geraten, seit Mann und Hund in die Alltags- und Lebensplanung einzubeziehen sind, dass an den Seiten vieles von dem, was mir durchaus auch wichtig wäre, runtergefallen ist. Ich bin jetzt so eine, die bei Einladungen von Freundinnen Sachen sagt, wie "Das muss ich kurz mit Oliver abklären" oder "Ich frag mal gerade, ob wir da was vorhatten". Und während ich über Mann und Hund weiterhin sehr froh bin, bin es ich über das sich vertiefende Chaos nicht. Die beiden (nicht mehr ganz so) Neuen brauchen Zeit und Platz in jeder Hinsicht. Sie machen Unordnung und Lärm - buchstäblich und auch sonst. Und ich habe als neurotische Einzelgängerin zunehmend echte Adjustment-Schwierigkeiten. Als ob mein eigener Klumpatsch im Alltag früher nicht schon genug Herausforderung für mich gewesen wäre. Der Göttin sei Dank verstehen sich die Tiere wirklich prächtig. Corbinian findet es super, dass er jetzt einen eigenen Hund hat. Wie es so meine Natur ist, versuche ich in der Zwischenzeit, uns alle nebst persönlicher Eigenheiten und Bedürfnisse zu koordinieren. Und scheitere mitunter im ganz großen Stil. Mir ist auch klar, dass es hier kaum eine zufriedenstellende Lösung gibt. Wo man viel und eng aufeinander hockt, da ist es eben so, dass man sich auch in die Quere kommt. So sind Beziehungen, die nicht locker sind. Und locker sind wir nicht.

Während ich das hier schreibe, sehe ich meinen neuen Nachbarn aus den Augenwinkeln seine Terrasse putzen. Er kommt mir dabei sehr nah. Mindestabstände zur Grundstücksgrenze sind halt oft nicht wirklich menschenfreundlich. Und nicht einen Zentimeter mehr hatten die neuen Nachbarn zu erübrigen. Zur Erinnerung: Ich habe mir vor 9 Jahren eine Wohnung ausgesucht, von deren Fenstern aus ich in dichte Gärten schaute. Erst in meinen und dann zusätzlich in den dahinterliegenden. Dann wurde vor ca. zwei Jahren das alte Häuschen mit dem großen Garten verkauft und von den neuen Besitzern mit dem geschmacklosesten, raffgierigsten Versorgungsbunker bebaut, den man sich so denken kann, bzw. der gesamte Garten wurde zugeschüttet, um die Besitzer, deren alte Eltern und noch drei zusätzliche Mietparteien gestapelt auf dem Gelände unterzubringen. Die Nachbarschaft fragt sich noch immer, wie die überhaupt die Baugenehmigung für so ein Ungetüm bekommen haben. Und erst bei der letzten Kommunalwahl scheint das Zukleistern des Ortes mit überdimensionierten Horrorkästen ein Thema von gewisser Dringlichkeit geworden zu sein. Zu spät für uns. Mir ging es mit der Baustelle nebenan ein Jahr lang wie einem Gorilla in einem WWF-Werbespot, während die Bullodozer eine Schneise durch den Urwald schlagen und sekündlich seinen Lebensraum niederwalzen.

Dummerweise hat sich das Gefühl nicht wirklich verändert. Die neuen Bewohner, die sich komplett freiwillig und für viel Geld (wir reden hier nicht von "bezahlbarem Wohnraum") so einquartiert haben, dass sie ihren Nachbarn direkt in die Fenster glotzen und in die Suppe spucken können, sind nämlich nicht dezent und unsichtbar. Dafür aber zwanghaft und freudlos. Sie fegen und wischen ihre Terrasse. Feucht. Manchmal auf Knien. Sie beziehen ihre Gartenmöbel zu deren Schutz mit Plastikfolie. Sie verteilen über Tage hinweg mit aufwendiger Planung und viel Geraschel graue Holzstückchen am Rand der Terrasse, um möglichen Unkräutern Einhalt zu gebieten. Unablässig werden Sitzkissen, Gartenlaternen in allen Formen und Keramikhühner hin und her drapiert, um den perfekten Camping-Chic endlich zu erreichen. Und wenn es dann dunkel wird, bescheinen solarbetriebene Libellen in Multicolor das Werk...Ja, ich bin ein Snob. Hab nie etwas anderes behauptet.

Und ich kann einfach nicht weggucken und nicht aufhören, mich zu grämen. Die Geräusche und die Bewegung im Augenwinkel sind wie eine nervige, hochmotorige Stubenfliege. Die Sinnlosigkeit des aufgeregten Treibens auf der Terrasse nebenan schafft mich, und einen hohen Zaun kann ich mir zur Zeit nicht leisten. Abgesehen davon, dass über den Zaun hinaus ja auch noch immer zwei Drittel des Grauens in die Höhe ragen würden. Bäume wären ganz gut. Aber die brauchen bekanntlich ein paar Jahrzehnte.

Ich will (eigentlich) weg.

Oliver und ich haben längst darüber gesprochen zusammenzuziehen. Wir haben sogar schon Häuser angesehen. Aber dann kam wieder was dazwischen. Gleichzeitig stehen mir beim Gedanken an eine Konsolidierung unserer Haushalte zumindest innerlich die Haare zu Berge. Ich bin mit der kompletten Ordnung und dem Decluttern, also Ausmisten meiner Habe, wie mit all meinen Projekten, erheblich im Rückstand. Aber ich bin noch dabei. Mehr oder weniger versessen und manchmal für Außenstehende vermutlich gar ein wenig verbissen. Aber ich weiß halt, dass Ordnung und das Beseitigen von Kram ganz sicher wirken, wenn es um Lebensqualität geht. Natürlich weiß ich auch, wie beschwerlich die Reise ist, und plane genau dazu schon seit langem eine Reihe von YouTube-Videos. Wenn es gut läuft, drehe ich das erste doch endlich mal nächste Woche.

NH

Mittwoch, 15. Februar 2017

Follow me around 54: Valentinstage

Zwei Tage nachdem ich in meinem Fragebogen zum Jahresende auf die Frage nach der wichtigsten Erkenntnis aus 2016 geantwortet hatte, dass ich einen Mann so dringend brauche, wie ein Fisch das berühmte Fahrrad, hatte ich dennoch eine weitere Verabredung mit jemandem, der mich auf einem der Partnersuche-Portale, bei denen ich mich eigentlich gerade abmelden wollte, doch noch gefunden und angeschrieben hatte.

Eine etwas längere Unterbrechung mittendrin mitgerechnet, hatte ich zu diesem Zeitpunkt bekanntlich vier Jahre Online-Dating hinter mir und die Nase erklärtermaßen gestrichen voll.

Unsere erste Begegnung fand im Museum der Arbeit statt - bemerkenswerterweise auch noch in einer Ausstellung rund um das Thema Entscheidungsfindung. Mit Übungen, nach deren Erledigung ein Computer analysieren sollte, was für ein Entscheidungstyp man ist. Im Prinzip war die Ausstellung wie ein begehbarer Psychotest in einer Frauenzeitschrift. Wir amüsierten uns in spontaner Einigkeit angesichts der Schlichtheit  des Ausstellungskonzeptes und hatten obendrein die Öffnungszeiten nicht beachtet, so dass wir ohnehin nur eine knappe Stunde hatten, um all unsere Entscheidungen zu treffen. Bei uns beiden ging seither dann aber auch immer alles ziemlich schnell. In Windeseile haben wir einen Entwicklungsstand erreicht, bei dem wir uns gegenseitig anrufen, um die Einkaufsliste fürs Abendessen zu besprechen und jeder des anderen Schlüssel in Verwahrung hat. Bei mir lag zwischenzeitlich nun sogar schon männliche Bekleidung im Wäschekorb. Ist das zu glauben...?

Nur zwei der Rosensträuße, die ich in meinem Leben bekommen habe, waren von einem Mann (der Rest war von meiner Mutter zu Geburtstagen). Tatsächlich habe ich diese beiden Sträuße von ein und dem selben Mann erhalten. In den letzten zwei Monaten. Und ich musste 45 werden, damit das passiert.

Am vergangenen Valentinstag stellten wir nun fest, dass wir es auf den Tag genau seit bereits neun Wochen miteinander ausgehalten haben. Ich staune Bauklötze. Ich hatte ja gar keine Ahnung mehr, was Paaralltag so ausmacht. So hatte ich z.B. auch kein Bewusstsein mehr dafür, dass einer womöglich sofort eine Nachricht schreibt, ob er sich Sorgen machen müsse, wenn ich eine Verspätung nicht rechtzeitig ankündige. Weil er sich Sorgen macht. Um mich. Unfassbar.

Nun habe ich natürlich von euch auch Nachfragen erhalten, wo ich stecke. Danke dafür, ihr Guten! Ich bin noch immer hier. Aber zuerst hat das Blog darunter gelitten, dass alles zu traurig war. Und nun ist alles zu aufregend. Und die Zeit rennt bekanntlich, wenn man Freude hat. Ich jedenfalls komme zu so gut wie nichts anderem mehr.

Irgendwann kommt vielleicht wieder eine gewisse Ordnung in die Sache... : )

NH

Samstag, 10. September 2016

Follow me around 52: Neid



Für einen winzigen Augenblick dachte ich, ich hätte plötzlich doch jemanden gefunden, mit dem vielleicht irgendwann unter Umständen eventuell eine Beziehung möglich werden könnte. Das Gefühl dauerte genau einen Tag. Und dann floppte zunächst alles wieder ins verhaltene, zwischenmenschliche Chaos, um danach, wie gewöhnlich, zu freudloser, grotesker Leere zu werden.

Warum kann ich nicht wenigstens einmal im Leben genau das bekommen, was ich in der gegenwärtigen Lebenssituation auch am dringendsten will? 

Einer meiner Nachbarn, Endreißiger, stockig und stumpf, trüber Tassenblick, langsamer Kopf, fragwürdige Grammatik, kümmert sich einen Scheiß um irgendwas auf der Welt, Socken in den Sandalen zum Iron-Maiden-T-shirt, verkauft übrigens seine Wohnung, um mit seiner (eigentlich noch recht neuen) Freundin zusammenzuziehen. Die beiden tragen schon Parkettmuster in einer Plastikwanne mit sich herum und stellen sie gelegentlich im Treppenhaus ab, so dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme. Irgendwann erwischt es offenbar jeden. Niemand kommt auf Dauer ohne Deckel davon. Nur an mir bliebe offenkundig auch dann keiner hängen, wenn ich fortan ausschließlich mit einer magnetischen Rüstung durch die Gegend liefe.

Man fragt sich, wie der Rest der Welt es schafft, doch am Ende immer wieder zumindest zeitweise in konventionelles Fahrwasser zurückzufinden, während man selbst seit seiner Geburt nicht im Stande gewesen ist, aus dem Strudel, der einem damals offenbar zugewiesen wurde, herauszurudern. Das ist selbstverständlich eine gänzlich sinnlose Frage, die sehr viel Realität ausblendet, das weiß ich auch, danke sehr - aber so fühlt sich nun einmal an. Und ich werde grün vor Neid, wenn ich mir vorstelle, wie die beiden (mein Nachbar und seine Freundin) in ihren Caterpillar-Sandalen durch Möbelhäuser laufen, auf der Suche nach einem Eckalcantarasofa in Rost, auf dem sie dann beide genug Platz haben, um sich beim Fernsehen lang auszustrecken.

Einmal würde ich noch gern so richtig gewollt werden, bevor ich komplett ergraut und verschrumpelt bin. Aber es sieht verdammt nicht gut aus. Und eigentlich hatte ich das Unterfangen ja auch aufgeben wollen.

Die hier ja schon öfter bemühte Rebecca Niazi-Shahabi macht sich natürlich zu Recht darüber lustig, dass Beziehungsfähigkeit aus ihrer Sicht wirklich nur von einer Sache abhängt, nämlich von der Bereitschaft, die eigenen Erwartungen an einen Partner möglichst radikal herunterzuschrauben. Wie ich dereinst schon berichtete, habe ich das sogar versucht...und bin dann abserviert worden, weil der, den ich gar nicht so schrecklich gern wollte, sich kurzerhand in jemand anderen verliebt hat, die sich erstaunlicherweise auch in ihn verliebt hat. Offenbar verlieben sich pausenlos Leute ineinander. In mich allerdings nicht. Aber ich kann das nicht ändern. Das wenigstens habe ich begriffen.

Mit der Akzeptanz hingegen  tue ich mich weiterhin denkbar schwer. Und habe mich so gestern in durchwachter Nacht bei Gleichklang.de angemeldet, den Mitgliedsbeitrag für ein Jahr bezahlt und es nach kaum mehr als 15 Minuten auch schon bereut. Ich hatte offenbar überlesen, dass man sich bei Gleichklang.de nicht selbst auf die Suche nach einem Partner machen darf, sondern dass einem basierend auf den persönlichen Angaben, die man auf einem recht langen Fragebogen hinterlegen muss, Partnervorschläge unterbreitet werden. Wenn man Glück hat. Ich habe bisher ganze sechs Vorschläge erhalten. Einer der für mich ausgewählten Kandidaten hat übrigens das Asperger-Syndrom. Oh, wie sehr ich mir ein paar Wendungen und Ereignisse in meinem Leben wünschen würde, die sich mal ausnahmsweise nicht automatisch zur Satire eignen.

Aber es geht nicht nur um nicht funktionierende Beziehungen. Gepaart mit beruflichen Pleiten, stetig zunehmender Dünnhäutigkeit und Empfindlichkeit, sowie unendlicher Müdigkeit haben sie mich nach jahrelanger Pause mal wieder ins Sprechzimmer meines Psychiaters gebracht. Der fragte mich, was er mich auch zuvor immer gefragt hat: "Warum darf es Ihnen denn eigentlich nicht gut gehen?" Ich glaube, dabei kommt er sich verwegen kryptisch vor, also lasse ich ihn. Gleichwohl wusste ich, auch wie immer, natürlich keine Antwort darauf. Dann fand er, ich sei reif für eine stationäre Behandlung. Sechs Wochen mit Gruppensitzungen und Kunsttherapie. Yippie! Als ich das ablehnte, riet er mir zu einem Yoga-Kurs ("Den bezahlt vermutlich sogar Ihre Kasse."), und ich erinnerte mich wieder, warum ich ihn so lange nicht aufgesucht hatte.

Mein Leben steht weiterhin wie ein Sumpf. Während die Welt um mich herum aus den in diesem Jahr besonders zahlreichen und gefühlt unendlich langen Urlauben wiederkehrt, entwickelt und ergibt sich hier rein nichts - außer den Neurosen. Ich gehe nirgendwohin. Außer nach nebenan zu Ilse, die mir einen Kaffeebecher mit einem Froschkönig darauf geschenkt hat, als Glücksbringer, "damit mein Prinz bald kommt". Das Ergebnis war, dass ich über ihrem Pflaumenkuchen Rotz und Wasser geheult habe. Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich nun tun soll. Mit mir, dem Blog und auch sonst.

Und morgen ist schon wieder Flohmarkt. Diesmal direkt vor meiner Haustür; das ist wenigstens nicht so anstrengend. Und man muss nicht bereits um sechs Uhr mit dem Aufbau beginnen. 1890 Gegenstände weniger...immerhin.

NH

Montag, 2. Mai 2016

Walking Vlog #2: Die dicke Dame sucht die Liebe (nicht mehr)

Ich habe mich also wieder auf die Socken gemacht und habe die Kamera mitgenommen*. Dummerweise hatte ich vom letzten Mal wenig gelernt (oder schon wieder alles verdrängt) und so habe ich auf den Wind das himmlische, nervige Kind natürlich wieder überhaupt nicht geachtet. Mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass ich an einigen Stellen Untertitel einblenden musste, so als wäre ich mit einem sehr exotischen Dialekt in eine Doku-Soap geraten...

Die Themen Liebe und Partnerschaft sind bekanntlich keine, bei denen ich zu den Gewinnerinnen gehöre. Und dieser Beitrag wird vermutlich der letzte zum Thema sein - es sei denn, ich mache im Zuge des Thin Privilege Projektes noch erhellende Erfahrungen auf dem Gebiet.

Oder ich schwinge mich doch noch einmal einsam und verfügbar dreinblickend auf einen Barhocker. Das passiert aber nicht absehbarer Zeit - auch deshalb nicht, weil mir Zeit und das Geld für Cocktails fehlen - und bei meinem Glück mit den Männern müsste ich mich vermutlich den ganzen Abend auf eigene Kosten mit Flüssigkeit versorgen. Selbst dann, wenn einer anbeißt...

Das ist überhaupt ein Punkt, den ich im Vlog gar nicht angesprochen habe, obwohl ich ihn mir auf meine Stichwortliste gesetzt hatte: Wenn Männer mit einem einzigen Aspekt der Emanzipation WIRKLICH GANZ UND GAR NICHT UND NIEMALS UND UNTER KEINEN UMSTÄNDEN EIN PROBLEM haben, dann damit, dass sie nicht mehr automatisch diejenigen sind, die die Rechnung zahlen. Eigentlich ist es meiner Erfahrung nach eher so, dass sie automatisch nicht mehr die sind, die einladen. Dafür finden sie aber überhaupt nichts dabei, sich automatisch einladen zu lassen und so lassen Professoren, die zehn Jahre älter sind als ihr Date, dieses anstandslos den Kaffee zahlen. Nicht alle, wohlgemerkt. Aber fast alle und unabhängig davon, wie gut es ihnen finanziell geht...Seufz.

Das war es also. 

Ein "Lebens-Update" gibt es im nächsten Blogbeitrag. Ich bin schon gefragt worden, wo ich denn bin, und dazu kann ich nur sagen: Weiterhin so ziemlich außer mir. Aber dazu später mehr. Hier kommt jetzt das Filmchen. Links zu alten Beiträgen aus meiner Dating-Geschichte findet ihr darunter.

Mittwoch, 12. August 2015

DIE DICKE DAME SUCHT DIE LIEBE: Das Herz ist ein einsamer Jäger*



Reality TV

Es hilft ja nix. Ich muss mich wieder auf die Suche machen. Ich will nämlich nicht allein sein. Ich will einen Lebenspartner. Denn zusammen ist man weniger allein. Und gleichzeitig hätte ich gern jemanden, für den ich in ein brennendes Haus zurücklaufen würde (außer dem Kater). Denn das gibt so etwas wie Sinn. Außerdem möchte ich zu jemandem gehören, jemanden unterstützen und mich auch festhalten können, wenn alles sonst eher wackelig ist.

Nun bin ich natürlich noch älter, als vor zwei Jahren und, es lässt sich nicht anders sagen, durch die Flops der hinter mir liegenden Dating-Phase ein wenig geschwächt und entmutigt.

Das zweitgrößte Hindernis ist und war mein Fett. Nicht, weil ich mich hässlich finde. Obwohl ich in letzter Zeit immer mal meine sich abermals leerende Haut betrachte und mir schon überlege, ob das jemandem, der nicht explizit darauf steht, doch noch irgendwie vermittelbar ist. Das Fett macht die Männerjagd schwieriger, weil es den Kreis der Interessierten, an denen ich auch interessiert bin, deutlich verringert. Das ist eine rein statistische Angelegenheit, der auch mit dickem Selbstbewusstsein nur schwer beizukommen sein dürfte: Die meisten Männer wollen, aus welchen Gründen es auch sei, noch immer keine dicke Partnerin (jedenfalls nicht öffentlich und offiziell), und damit wollen die meisten tollen Männer auch keine. Und tolle Kerle an sich gibt es ohnehin nicht wie Sand am Meer. 

Das wiederum bringt uns zum immer-und-ewigen Hauptproblem, dem eigenen Anspruch.
Klar, ich könnte zumindest mal versuchen, komplett offen zu sein. Für alles. Grrr. So wie es einem dusselige Selbsthilfebücher für Single-Frauen immer vorsorglich weismachen wollen. (Gibt es eigentlich ähnliche Dating-Ratgeber für Männer, abseits unsäglicher Pickup-Artistry? Und wird denen auch immer nahegelegt, mit ihren Partnerschaftszielen stets hübsch weit unten anzusetzen? Note to self: Bitte googeln!) Wenn man so ziemlich jeden nehmen würde, bleibt selbstverständlich auch einer kleben. Wenn alles, was man noch erwartet, ist, dass der Zukünftige möglichst nicht dreißig Jahre älter und kein verrückter Massenmörder ist, kann man das Aufgebot innerhalb von ein paar Stunden bestellen. Aber so läuft das halt nicht – und insbesondere bei mir hat sich nach den Erfahrungen der letzten Zeit ein noch zusätzlich erschwerender Antagonismus eingeschlichen. Ich mag zwar älter und unstraffer und noch unvermittelbarer sein denn je, aber will gleichzeitig nicht mal mehr einen doofen Prinzen auf’m Pferd. Ich. will. einen. König.

WANTED (am besten lebendig). Gestandener Mann mit Charakterstärke, persönlicher Größe, klarer Haltung und starker Schulter. Ferner unerlässlich: Intelligenz, Kreativität, progressive und liberale Grundeinstellung, schwarzer Humor, Selbstreflektiertheit, Kommunikativität, Leidenschaft, Feingefühl, Mut, sowie anständige Rechtschreibung. Muss in meinen Augen schöne Augen und Hände, sowie eine angenehme Stimme haben, gut riechen und Katzen mögen. Und Sex. Nett muss er übrigens nicht sein. Respektvoll ist besser.


Nun sagt mal, das ist doch nicht wirklich zu viel verlangt, oder? Das kann doch so unmöglich nicht sein! Also echt, jetzt…

Die DICKE DAME DATING TOUR 2015 beginnt übrigens todesmutig (meine Therapeutin wird stolz sein, wie Bolle) am kommenden Samstag (15. August), so ab 22:30 Uhr im Goldbekhaus. Da findet die Winterhuder Tanznacht statt…Göttin steh‘ mir bei.


NH


*Carson McCullers

Samstag, 18. Juli 2015

Follow me around 29: Stimmengewirr



Freitagabend war doch erst gestern.

Meine Therapeutin, die auf Hochtouren gegen meine Vereinsamung anarbeitet, wenngleich auch ohne maßgebliche Unterstützung von mir, will, dass ich "den Plan, Liebe zu finden" nicht aufgebe, bzw. wiederaufnehme. Ich werde bei dem Gedanken nur unendlich müde und traurig. Trotzdem habe ich heute Nachmittag aus einem Stapel Flohmarktbücher, die im Flur liegen, einen angegilbten Dating-Ratgeber wieder herausgezogen: "Jeder Fisch ist schön, wenn er an der Angel hängt" von Susanne Fröhlich und Constanze Kleis. Von 2002. Ich habe es selbst im letzten Jahr in einem Antiquariat gekauft - eigentlich, weil ich, wie immer bei solchen Büchern, dachte, es wäre eine gute Quelle für Satire. Aber mir war heute nicht mehr so recht zum Lachen. Natürlich steht in diesen Büchern immer das gleiche: 1. Ansprüche zurückschrauben. Und zwar so weit wie möglich. 2. Positiv sein. Und offen, offen, offen. 3. Unter Menschen gehen. Und das so viel wie möglich. Das alles sagt meine Therapeutin auch. Aber das alles liegt natürlich ganz und gar nicht in meiner Natur. Und damit schließt sich der Kreis. Die Vorbesitzerin hat 2002 ihren Namen auf die Innenseite des Covers geschrieben. Ob sie wohl im letzten Jahrzehnt angeleitet von Susanne Fröhlich einen dicken Fang gemacht hat?

Die Autorinnen empfehlen außerdem, nicht nur deshalb Orte außerhalb der eigenen vier Wände aufzusuchen, weil sich dort womöglich viele Kerle herumtreiben (wie z.B. ein Fußballstadium oder einen Golfplatz), sondern weil man auch gern an diesen Orten ist. Wenn es dann nichts mit der Männerbekanntschaft wird (und das ist ziemlich wahrscheinlich), hat man wenigstens trotzdem ein wenig Spaß gehabt. Damit ist es erst recht besiegelt - ich bleibe für immer alleinstehend mit Katze. Denn wenn man in Museen, bei nächtlichen Kinovorstellungen und in Schuhgeschäften interessante Männer kennenlernen würde, dann wüsste ich das inzwischen.

Insgesamt habe ich Ratgeber-Burnout. Ich weiß ohnehin alles besser. Ich wurde alt geboren und bin mittlerweile naturgemäß steinalt. Ich kann selbst Ratgeber schreiben...ach stimmt ja, das habe ich bereits. Der gehört übrigens auch in den Flohmarktstapel.

Wobei,...

...seit ich blond bin, gehen mir Männer überall aus dem Weg...im Sinne von "Platz machen". Im Auto lassen Sie mich plötzlich vor ihnen abbiegen oder die Spur wechseln. Und im Supermarkt, wenn sich die Wege unserer Einkaufswagen kreuzen, weichen sie aus oder halten an. Sie nicken mir zu und lassen mich in den Fahrstuhl vorgehen. Offenbar macht mich die neue Haarfarbe sehr viel sichtbarer. So komme ich plötzlich wieder vermehrt in den Genuss allgemeiner Höflichkeiten, die ich eigentlich nicht mehr kannte. Und das macht mich wirklich, wirklich...verdammt sauer. Es gibt Klischees, die sind so absurd und ärgerlich - die dürften einfach nicht stimmen...Es könnte natürlich auch sein, dass ich mich selbst mit der neuen Haarfarbe so verändert habe, dass ich allein dadurch bei anderen Leuten entsprechend neuartige Reaktionen hervorrrufe. An sowas glaube ich ja bekanntlich nicht so recht. Aber neugierig wäre ich schon, zu erleben, was ich erst für Veränderungen in der Beziehung zwischen mir und meiner Umwelt beobachten könnte, wenn ich mit heutigem Blick und Wissen noch einmal mit einem normschlanken Körper (und blond) durch die Weltgeschichte laufen würde...Thin Privilege* noch einmal bewusst und vor dem Hintergrund der zur Genüge gemachten gegenteiligen Erfahrung wahrzunehmen, das wäre vermutlich ein ausgesprochen erhellendes und gleichzeitig zutiefst deprimierendes Experiment. Wenn man feststellt, dass alles, was man über die Oberflächlichkeit der anderen lieber nicht so recht glauben wollte, doch stimmt - das muss echt fürchterlich sein.

Dass in meinem Fall "dick und blond" allerdings noch immer in der Hauptsache "dick und mittelalt" ist, habe ich im Zuge des unerwarteten Vorgelassenwerdens auch mitbekommen. Ich glaube, ich habe noch nie die männliche Abscheu gegen die dicke Frau, die ich bin, so deutlich gespürt, wie bei dem Schnösel, der mir eine Tür aufhalten musste, weil sein Kollege mir zuvor woanders den Vortritt gelassen hatte. Da musste er mitziehen, um nicht wie ein unerzogener Arsch dazustehen - und fand mich so widerwärtig, dass ich es schier riechen konnte, als ich an ihm vorbeiging.

Aber wo ich gerade bei Thin Privilege bin...

Beim Surfen durch deutsche Fettakzeptanz-Blogs bin ich auf einen ein paar Tage alten Fernsehbeitrag über die Curvy Modemesse gestolpert (ZDF, Hallo Deutschland). Der Bericht war fünf Minuten lang und zeigte mehrere kurze Interviews mit dicken Modebloggerinnen, einer Designerin und einem Model für große Größen. Und diese Gespräche wiederum enthielten so viele fettphobische Spitzen, dass ich schon wieder mal meinen fleischigen Ohren (kein Witz übrigens, die habe ich von meinem Vater geerbt) kaum trauen konnte/wollte. Die Selbstverständlichkeit, mit in der in der Branche offenbar unablässig Publikumsbeschimpfungen stattfinden, ist mir absolut rätselhaft. Denn mich hat dieser Umstand bereits wiederholt dazu gebracht, lieber nichts zu kaufen. Wie gut für Anna Scholz und ihre Kollegen, dass die meisten anderen Kundinnen das scheinbar nicht annähernd so eng (ha!) sehen, wie ich alte Meckerziege. Denn die Anna hat nach eigener Aussage "ihre Schwäche" (eine große Kleidergröße) zu einer Stärke gemacht. Eine Bloggerin gibt zu bedenken, dass die Models, die die Mode auf der Messe präsentieren, zwar Plus-Size-Models sind, weil sie ja immerhin Größe 40 oder 42 tragen, aber eigentlich "keine übergroßen Models" sind, weil sie ja "wunderschöne Proportionen" und einfach eine "tolle Figur" haben. Bei Größe 40/42 ist also noch nicht alles "sooo schlimm". Von einer anderen Bloggerin will die Interviewerin wissen, wie sie nun eigentlich ihre "Pölsterchen versteckt", woraufhin diese prompt darauf hinweist, dass eine bestimmte Rockform sehr hilfreich ist, wenn es darum geht, zu "kaschieren". Das Model Caterina Pogorzelski findet allerdings generell: "Man sieht nicht oft irgendwie ne übergewichtige Frau, die gut gestylt ist, gut zurecht gemacht ist." Das im Kern zumeist zutiefst fettphobische Gebaren von Modefirmen, die sich zwar auf große Größen spezialisiert haben, aber ihre eigenen Kundinnen pausenlos ermuntern, sich wegzukaschieren und ihre große Mode verlogenenerweise noch immer mehrheitlich an vergleichsweise dünnen Models präsentieren, könnte mich, glaube ich, eines schönen Tages durchaus so wütend machen, dass ich womöglich abnehmen würde, nur um ihnen kein Geld mehr zu geben und mich nie mehr mit ihnen und ihren spießigen Katalogen auseinandersetzen zu müssen. 

So. Und nun ist schon wieder Samstag. Bevor ich gehe - wie wäre es mit einer schnellen Runde Plus-Size-Bullshit-Bingo: Curvy, kurvig, kaschieren, mollig, starke Frauen, Pölsterchen, Formen, Problemzonen, wegzaubern, verstecken, strecken, ablenken, betonen, mildern, Rundungen, weiblich, weich, schmeichelhaft, Vollweib, Rubensfrau, Lebensfreude, mogeln, schummeln, wegzaubern, ein paar Kilos zu viel, fließend...wer macht weiter? ; )



*Die Abwesenheit negativer Reaktionen, Bewertung und Diskriminierung durch die Umwelt, die zur grundsätzlichen und durchgängigen Lebenserfahrung Dicker gehören.


NH 

Samstag, 13. Juni 2015

Follow me around 26


I still know what you ate last week*

Doch, ich komme schon klar. Und immer ein wenig besser. Ohne Fleisch, Eier und Milch auszukommen ist für mich auf jeden Fall sehr viel leichter, als ohne Kohlenhydrate. Das ist und bleibt ein entscheidendes Hindernis. Inzwischen finde ich im Supermarkt sogar vieles, was vegan ist, ohne dass es draufsteht. Was für mich wirklich nicht funktioniert, ist Käseersatz. Um genau zu sein, wird mir davon bei größeren Mengen sogar ein wenig übel. Irgendjemand riet, Aufläufe mit Mandelmus zu überbacken. Ich bin skeptisch - und, herrje!, ist das Zeug teuer. Wieder mehr selber zu kochen, führt weiterhin regelmäßig zu Küchenexplosionen. Ich time jetzt die Aufräumarbeiten, um sie im Spiel gegen die Uhr etwas "sportlicher" zu gestalten. Trotzdem muss das Problem anders gelöst werden. Im Augenblick spiele ich mit der Idee, mich im "Meal prepping", also im Vorkochen für eine halbe oder ganze Woche zu versuchen.

Tatsache ist: Wenn man sich erst einmal mit den Hintergründen zur Produktion von Eiern und Milch (auch bei Bio-Betrieben) beschäftigt hat, gibt es eigentlich kein Zurück mehr. Offenbar ist es fast humaner, die Tiere zu essen, als ihre Produkte.

Rentnerinnenalltag



Samstag. Spät aufgestanden, in olle Kleider gestiegen und auf zum Friedhof.

Eigentlich wollte ich vorher noch staubsaugen. Staubsaugen und auf dem Friedhof Steine verlegen - das waren die zwei wichtigsten weil unerquicklichsten und damit schwierigsten Ziele für dieses Wochenende. Ich hasse es aus vollster Seele zu staubsaugen. Weil man immerzu irgendwo hängen- oder steckenbleibt. Irgendwo gegen fährt. Oder irgendwas umreißt. Oder das Kabel nicht reicht. Oder der Beutel voll ist. All das macht es zu so einer wahnsinnig kraftvollen Metapher für meine Wahrnehmung des Lebens und seiner Widerstände an sich, dass ich erstaunliche Aggressionen entwickeln kann, sobald ich die Staubsaugmaschine nur anwerfe. Aber das ist ja nichts Neues - nichts ist hier jemals einfach.

Zumindest ist nun das Grab meiner Mutter mit Steinen umrandet. Offenbar ist das jetzt große Mode und gehört sich regelrecht so, weil es mittlerweile alle so machen. Und man muss nicht glauben, dass keiner darauf achtet, was sich auf Nachbarsgräbern tut. Da wird ganz genau beobachtet, ob einer überhaupt noch mit angemessener Mühe betrauert wird, also ob sich überhaupt noch jemand um das Grab kümmert. Andererseits soll natürlich auch Ordnung herrschen. Auch der Nachbar meiner Mutter hatte plötzlich ein zackig-eckiges Mäuerchen, bei dessen Anlage der Rasen zwischen den Gräbern mir nichts dir nichts abgestochen wurde, eine Senkung entstand und so nun bei Regen die Erde in Form von Matsch ohne Halt auf das Grab meiner Mutter floss.

Meine Mutter hatte ja immer eher eine für Friedhöfe untypische Bepflanzung. Keine Stiemütterchen im Frühling. Keine Tannenabdeckung und Gestecke im Winter. Weil ich weiß, dass sie mir ein solches Gesteck um die Ohren hauen würde, wenn sie könnte. Aber nun hat auch sie so eine ortsübliche Grundstücksbegrenzung. Damit klar ist, wo wer anfängt und aufhört.

Es hört nie auf - das mit den Nachbarn aus der Hölle.

Gentrification reversed**

Apropos.

Ich wohne in einer sogenannten "Villengegend". Wohlgemerkt: Ich selbst wohne in gelbem Klinker mit Flachdach aus den siebziger Jahren. Es hat aber natürlich ganz klare Vorteile, bei den reichen Leuten im Wald zu wohnen, weil es bei denen in der Regel ruhiger, grüner und großzügiger ist, als an anderen Orten. Und ich brauche ruhig, grün und großzügig, weil ich hochneurotisch und hypersensibel bin und eine sehr geringe Toleranzschwelle für alles habe, was anders als grün, ruhig und großzügig ist. Besonders in langfristiger Hinsicht. Das ist nun einmal einfach so.

Als ich jedoch heute auf dem Weg zum Friedhof und deswegen ohnehin schon angepisst war, kam ich mal wieder kaum aus meiner eigenen Straße raus. Die führt auf die Haupteinkaufsstraße, also die mit dem kleinen Supermarkt, dem Bäcker, dem Fleischer, dem Frisör, dem Tabakladen, den Ärzten und den zwei Apotheken. Dass sich in einem Ort dieser Größe zwei Apotheken halten, liegt vermutlich weitgehend daran, dass die hier lebenden reichen Leute in großer Zahl auch schon ziemlich alt sind. Die Straße mit den Geschäften versinkt jeden Morgen im Chaos, denn es gibt zu wenig Parkplätze für zu viele Menschen in großen Autos, von denen zwar fast alle denken, ihnen gehört die Welt, aber von denen bei Weitem nicht alle ihre Panzer so besonders sicher navigieren können.

Es ist ein täglicher Kampf, der aber vormals vorbei war, sobald man das Ende der Straße und damit wieder das Wohnviertel erreichte. Das ändert sich jetzt auf rapide und rabiate Weise. Denn wenn reiche alte Leute sterben, hinterlassen sie ihre großen Häuser und Gärten heutzutage Kindern, die es sich nicht mehr leisten können oder wollen, diese Häuser zu (er)halten. Aus Parks werden Parzellen. Und während sich die neuen Bewohner der zuhauf hingeklatschten Toskanavillen zwar noch immer einen Geländewagen, einen Mini und ein Wohnmobil leisten können, fehlt ihnen offenbar nicht selten das Geld für den Grund, der nötig wäre, um die Vehikel nicht allesamt auf der Straße abzustellen zu müssen. Das wiederum macht mein Leben zunehmend schwierig und ärgerlich. Es regt mich auf, Slalom fahren zu müssen. Es regt mich auf, minutenlang warten zu müssen, bis sich nun auch auf allen anderen Durchgangsstraßen im Dorf die Verkehrsknoten entwirren, die entstehen, wenn nicht mehr genug Lücken zum Ausweichen bleiben. Und Lücken lassen Menschen, die glauben, dass ihnen alles auf dem Planeten zusteht, ohnehin nicht gern. Es gibt in meiner Nachbarschaft mittlerweile sogar solche, denen es nicht zu peinlich ist, auf öffentlichem Gelände Schilder zu platzieren, die lauthals verkünden: "Land Rover Parking Only". Arme Schlucker. Wahrer Reichtum ist Platz. In meiner Gegend sind es heute die mit dem verhältnismäßig kleinen, alten, roten Haus mit der geschmackvollen, kleinen, weißen Veranda am Ende der 200 Meter langen Einfahrt, die es wirklich geschafft haben.

Was sagt uns das nun alles? 1. Ich bin ein Snob mit einer Garage. 2. Ich bin oft spät dran. 3. Ich ertrage es nicht, wenn mir andere im Weg herumstehen. 4. Ich ertrage es nicht, dass man noch so sorgfältig entscheiden und planen kann, wo man hinzieht, und die Realität einem dann doch die Straßen des eigenen Heimatortes verstopft. 5. Ich ertrage dieser Tage so gut wie gar nichts. 6. Menschen in guten Gegenden sind mitunter sehr viel unangenehmer als woanders. Wer das hautnah bewiesen haben will, dem sei ein Info-Abend der hiesigen FDP empfohlen (don't ask how I got there). Für weitere soziale Studien in die Psyche überprivilegierter Hausfrauen bietet sich der jährlich stattfindende Ladies' Night Flohmarkt in der örtlichen Kirchengemeinde an. Die dort zu bestaunenden raffigen Kämpfe um abgelegte Designer-Kleidung sind ein verräterisches Spektakel der ganz eigenen Art. 7. Ich bin wahrscheinlich sehr viel mehr so wie die, als ich wirklich weiß und zugeben würde.

Die Krönung

Im Schlosspark am Ort findet heute und morgen einer dieser Landmärkte statt, wo man seit Jahrzehnten Pflanzen, immer die gleiche rostig-rustikale Gartendekoration, mit Rosen bedruckte Gummistiefel, mit Krönchen benähte Kissenhüllen, sowie selbstgemachte Seife, Marmelade, und Obstliköre erwerben kann. Und ja, ich besitze oder besaß aus jeder Kategorie mindestens einen Gegenstand, denn als meine Mutter noch lebte, besuchte ich mit ihr jährlich im Schnitt mindestens 4 solcher Veranstaltungen, wobei da die Weihnachtsmärkte noch gar nicht mitgerechnet sind. Bei einigen Märkten war es mittlerweile "Tradition", bzw. ein Ritual, das die jeweilige Jahreszeit einläutete. Und ich kann auch nicht sagen, dass ich nicht Freude an der zu solchen Gelegenheiten gebotenen idyllischen Karikatur von Landleben gehabt hätte. Den letzten von einer Landfrau zusammengebrauten Schlehenlikör aus dem Bestand meiner Mutter habe ich übrigens erst im letzten Jahr an einen Fußfetischisten "verfüttert" - vorm Füßebeschnüffeln und beim Tarotkartenlegen.

Kurzum, eigentlich hatte ich vor, da heute hinzugehen. Aber keiner wollte/konnte mit. Auch meine 77jährige Nachbarin nicht. Die hat zwischenzeitlich einen ihrer Verehrer abgesägt, und zwar den, der nicht, wie sie, auch das Jagdhorn bläst. In den Verbliebenen ist sie nun so verknallt und darum so fröhlich und voll mit zwitschernden Geschichten über die gemeinsamen Unternehmungen, dass ich ihr ständig eine runterhauen könnte. Er muss auch ausgesprochen verschossen sein, denn obwohl er mehr auf James Last steht, begleitet er sie nun in jedes Kirchenkonzert und jede provinzielle Freilicht-Opernaufführung, die auf ihrer Wunschliste steht.

Bei mir läuft bekanntlich gar nichts, wobei das bei den beiden wohl in zumindest einer ganz bestimmten Abteilung auch so ist...jahaaa, das sind die Informationen, bei denen man die Finger gar nicht schnell genug in die Ohren rammen und laut "Lalalala!" schreien kann. Jetzt wo sie so begehrt ist, gibt sie mir übrigens gern Beziehungstipps und vermutet ganz fachfraulich, dass ich mit Männern zu streng und anspruchsvoll bin, und darum keinen abbekomme...glückliche Leute sind einfach die Pest.

Nicht zum Landmarkt zu gehen, war am Ende dann doch ok, denn jetzt kommt es doch endlich - das Gewitter. Mein kluges Telefon behauptet übrigens noch immer, bei mir seien es 27 Grad und sonnig. Neulich stand ich an der Tankstelle und habe nur mal so aus Quatsch im Navigationssystem nach der nächsten Tankstelle gesucht - woraufhin es mich 21 km in eine andere Stadt weiterdirigieren wollte...soviel...dazu.


*Ich weiß noch immer, was du letzte Woche gegessen hast.

**Die Umkehrung der Gentrifizierung

NH

Sonntag, 7. Juni 2015

Follow me around 25: It's a small world after all


Liebster Award


Ich bin schon vor einiger Zeit von Hendrikje, die ihr Blog hier führt: Septemberwelle, nominiert worden - für den Liebster Award. Vielen Dank dafür! : ) Teil des Awards ist ja wohl immer die Beantwortung einer Liste von Fragen, und nun komme ich endlich dazu, hier meine Antworten zu liefern. 

1. Hast du lange nachgedacht, bevor du deinen (ersten) Blog eröffnet hast, oder war das eher eine spontane Idee?
Ich habe schon ein wenig geplant, bevor ich mein Diät-Tagebuch gestartet habe. Das war 2005. Ja, das Blog gibt es seit 10 Jahren. Nur ist es natürlich heute ein anderer Planet.

2. Hast du schon mal ein Posting bereut? 
Nein. Ich bedauere es ein wenig, überhaupt jemals über Diäten geschrieben zu haben. Aber das ist alles. Es gibt ja die Regel: Wenn du es nicht auf dem Titel der Bildzeitung über dich lesen wollen würdest, stelle es auch nicht ins Netz. Daran halte ich mich, und bin gleichzeitig nicht sehr ängstlich, wenn es darum geht, persönliche Dinge zu teilen - schon allein darum nicht, weil ich noch immer glaube, dass das Private auch politisch ist, und ich bekanntlich eine Mission habe. Es ändert sich halt nichts, wenn keiner den Kopf aus dem Fenster hält.

3. Weiß dein näheres Umfeld dass du bloggst?

Ja! 
 
4. Falls du/ihr einen Garten habt: wer mäht den Rasen?

Ich habe keinen Rasen, für den ich persönlich zuständig bin. Den macht also der Gärtner. 

5. Wenn du wählen müsstest: Katze oder Hund? 
Naja...ich kenne da jemanden, der wäre not amused, wenn ich jetzt etwas Falsches sage. Aber ich mag natürlich Katzen und Hunde sehr. Ich wollte ja auch immer eine Dogge...

6. Stell dir vor, du bist unter der Woche krank, liegst auf der Couch und möchtest unbedingt fernsehen. Es ist 14 Uhr - für welches Programm/welche Sendung entscheidest du dich? 
Ich habe weder eine Couch noch einen Fernseher.

7. Wenn du die Chance bekämst, mit all deinen Erfahrungen noch mal 18 zu sein und neu anfangen zu können - würdest du etwas anders machen? (Beruf/Partner...)
Ja! Ich würde keine Diäten mehr machen. Und ich würde konsequent und total berechnend alle beruflichen Verbindungen und das Vitamin B, das mein Vater zu bieten hatte, ausnutzen und nicht, wie geschehen, aus Stolz ausschlagen.

8.  Was glaubst du, wie wir uns in 50 Jahren fortbewegen werden?
Ich wünschte, wir könnten uns hin und her beamen, aber ich glaube, es werden wohl eher Elektroautos sein, die von Computern gesteuert werden. Wenn ich mit über 90 noch immer im Stau stehen muss, werde ich jedenfalls sowas von sauer sein...

9. Kannst du stricken/häkeln/nähen? 

Nein. Nichts davon.

10. Auf wen oder was bist du manchmal neidisch? 

Ich bin neidisch auf jeden, der einen apfelgrünen Porsche hat. ; )

11. Bist du ein spontaner Mensch?
Eher nicht, denke ich. Ich weiß auch ganz ehrlich nicht genau, was das überhaupt bedeutet. Es scheint immer positiv gemeint zu sein und Lebensfreude zu implizieren. So wie in Fernsehwerbung für Margarine, wo sich Leute mit dem Gartenschlauch bespritzen...Ich plane auch jeden Fall eher viel und gründlich, sonst komme ich leicht durcheinander.


Kleine Gärten für kleine Frauen

Ich hatte schon immer etwas für Bühnen und Kunstwelten übrig. Als Kind habe ich Möbelgeschäfte geliebt, weil ich in ihren Ausstellungen immer so tun konnte, als wäre ich an Film-Sets.Ganz besonders mag ich allerdings auch solche, die in Schuhkartons oder Wassereimer passen - siehe unten. Tatsächlich habe ich insbesondere in den letzten Jahren in dem Bereich ein paar Arbeiten produziert.

Wenn doch alles so einfach abzuarbeiten wäre, wie das japanische Set für den Magic Garden, das ich bei The Optimistic Project in der hamburger Hafencity gekauft habe. Das war mal ein Produkt, bei dem das Foto auf der Packung vom Ergebnis im wahren Leben übertroffen wurde - zumindest was die Fluffigkeit der Bäumchen anging. Nachdem Corbi den Garten dann nach ein paar Tagen mit kräftiger Pfote und biestiger Begeisterung zerstört hatte, machte ich noch ein paar Fotos von einer Frau und einem Drachen in den Überresten, bevor das Ganze in die Tonne wanderte.

Ich wünschte, die Dinge würden einfach funktionieren. Aber das tun sie mehrheitlich einfach nicht. Meiner Erfahrung nach ist nichts jemals einfach einfach.









So ein Theater

Die Frage "Was will ich eigentlich im Leben?" stellt sich ja immerzu, wenn man keinen Anhang oder zukunftsorientierte Partnerschaft hat, und noch immer den selben Job macht, den man als Studentin mal begonnen hat. Der Plan war und ist ein anderer - das muss ich nicht mehr erzählen. Das habe ich ja schon so oft. Ich weiß nur nicht, wohin. Soll ich noch eine Ausbildung machen? Als was? Soll ich mein Buch endlich selbst verlegen, wenn es keiner für mich tut? Soll ich für das Alter sparen, oder doch lieber für einen Ausflug in ein japanisches Einkaufszentrum? Soll ich mich mit dem Alleinsein abfinden? Sollen Corbi und ich eine frauchenlose Dogge adoptieren? Die passt nicht in mein aktuelles Auto, und das Geld für ein Abendstudium müsste ich dann stattdessen in eine Huta (Hundetagesstätte) investieren.

Was meine Therapeutin für mich will, weiß sie ganz genau. Sie findet, wenn ich schon ohne Familie, Beziehung und solides Netzwerk aus Freunden bin, brauche ich wenigstens eine Gruppe, um wenigstens einmal pro Woche "unter Leute zu kommen", mit denen ich nicht arbeite, und aus denen vielleicht "Freunde" werden könnten. Sie entwickelt kühne Fantasien von mir in Yoga-Kursen oder bei ehrenamtlicher Wohltätigkeitsarbeit. 

Ich selbst hatte ja immer so eine romantische Vorstellung von der Mitwirkung in einer lokalen Amateur-Theatergruppe - diese resultierte vermutlich aus meinem Überkonsum betulicher, britischer Fernsehserien aus den 80er Jahren. Und weil ich an Freitagabenden selten etwas Besseres vorhabe, ging ich mit meiner Nachbarin zu der ersten Vorstellung eines Amateurtheaters meines Lebens. 

Es kann selbstverständlich durchaus sein, dass andere Theatergruppen anders sind. Vielleicht sollte man sich hiernach doch noch unverdrossen weitere ansehen. Und wenn etwas an der Darbietung nicht schrecklich war, dann die spürbar große Spielfreude, mit der einige der alters- und geschlechtsmäßig wirklich gut gemischten Mitglieder offenbar und trotz teilweise grober Unbegabung auf ihrer Bühne standen. Der Titel des Stückes war "Mörderstund ist ungesund", und so sehr mir einleuchtet, dass man eines wählen musste, bei dem viele eine Rolle abbekommen, kann ich schlicht noch immer nicht glauben, dass irgendjemand sich jemals irgendwo für eine Aufführung dieses Blödsinns entscheiden konnte. Und da zeigt es sich doch schon wieder: Ich eigene mich nicht für Gruppen. Und schon gar nicht für solche, die das, was sie tun, ausschließlich für sich und zum Spaß tun. Ich gehe auf keine Bühne, ohne mir vorher ziemlich ausladende Gedanken darüber zu machen, was ich da vor Publikum und für das Publikum zu tun gedenke. Ich bewerte immerzu und viel zu streng. Meine Gruppe muss mithin noch gebacken werden. 

Vielleicht wäre meine Einschätzung der Vorstellung eine andere, wenn meine Oma im Ensemble gewesen wäre. Denn vermutlich setzte sich das Publikum ohnehin fast ausschließlich aus Freunden und Verwandten der Darsteller zusammen. Obwohl ich keine meiner Großmütter persönlich kennengelernt habe, schließe ich allerdings, zumindest was meine Großmutter mütterlicherseits angeht, aus Schilderungen ihrer Persönlichkeit, die der meiner Mutter nicht unähnlich gewesen sein dürfte, dass auch sie eher dem Ich-mach-mich-doch-nicht-zum-Affen-Club angehörte. 

Während ich noch die Männer mittleren Alters unter den Schauspielern auf Attraktivität scannte (denn seien wir doch ehrlich - warum wohl sonst jemals eine Gruppe?), begann meine Nachbarin bereits nach einer halben Stunde, unruhig auf ihrem Stuhl hin- und herzurutschen, und raunte mir genervt zu, ob wir nicht doch lieber in die Eisdiele gehen wollten. Wir haben noch bis zur Pause ausgehalten und uns dann verdrückt. 

Sie braucht übrigens keine Gruppe. Sie ist 77 und hat gleich zwei glühende Verehrer, die sie täglich auf Trapp halten. Da kann ich selbstverständlich nicht mithalten, und um auf die Frage aus dem Award-Fragebogen zurückzukommen, auf was ich manchmal neidisch bin - ja, darauf auch. Wobei es sich bei beiden Herren um in letzter Zeit wiedergefundene und ursprünglich platonische Bekannte handelt. Mit dem einen ist sie zur Schule gegangen, den anderen haben sie und ihr Mann offenbar vor Jahrzehnten in der Hundeschule kennengelernt. Ein ähnliche Konstellation wünsche ich mir lieber nicht, weil mir aus meiner Schulzeit beileibe kein Junge einfällt, von dem ich mir heute gern nachstellen lassen würde. 
......

Die Möglichkeiten sind angeblich unendlich, aber ich sitze am Samstagabend wieder zu Hause und schmiere mir zum ersten Mal Argan-Öl in die neublonden Haare. Meine Göttin, was ist das denn für ein schrecklicher Geruch!?! ; )

Eine der ersten kleinen Welten - mittlerweile fast so alt, wie ein Dino.

"Doll House", 2012

"Other Worlds", 2012

2013


© Nicola Hinz 2015

Freitag, 26. Dezember 2014

Outside

Sollte man einen ganzen Blog-Post darüber verfassen, dass man sich mit 43 noch immer oft so fühlt, wie das Vorschul-Ich, das meistens allein für sich spielte? Oder wie die Fünftklässlerin, die immer übrig blieb, wenn Mitschüler sich ein Team zum Völkerball auswählen sollten? Oder die 13-Jährige, die in der Klasse bei den Jungen saß, weil es bei den Mädchen für sie keinen Platz mehr gab? Oder die Nicola, die mit 16 auf dem Schulhof allein herumstand oder saß, weil sie nirgendwo dazu gehörte? Und sollte man wirklich darüber schreiben, dass man sich selten so einsam gefühlt hat, wie in den letzten Wochen und sich ein wenig fürchtet, dass sich das in diesem Leben einfach nicht mehr ändern wird?

„High-school doesn’t last forever.”* Oder doch?

Ich bin in der Schule und auch danach selten wegen meines Körpers direkt angegriffen oder gehänselt worden. Auch deshalb nicht, weil der dickgeglaubte Körper in bestimmten Phasen ja gar nicht so erheblich gegen gängige Normen verstieß. Aber durch das von der Welt quasi von Anfang an eingepflanzte „Bewusstsein“ in einem „anderen“ (im Zweifel minderwertigen) Körper zu existieren, hat mich mit Sicherheit einerseits verunsichert, eingeschüchtert und gleichzeitig ein Selbstbild zementiert, das schlicht und ergreifend auch „anders“ ist. Der Grad der Selbstliebe schwankte Zeit meines Lebens heftig und war oft im Keller. Und wenn man sich häufig wünscht, unsichtbar zu sein – wer weiß, am Ende klappt das doch mit der Tarnkappe. Und dann ist es am Ende schwer, sie wieder abzusetzen. Davon kann ich bekanntlich ein Lied singen. ; )

So passte ich selten ins Bild. Oder war schlicht nicht drin. Und fühlte mich meistens wie im falschen Film. Das war übrigens auch als Austauschschülerin in Laconia, New Hampshire nicht anders. Irgendwann im Verlauf meiner Teenagerzeit sagte mir eine Mitschülerin kopfschüttelnd, dass ich „echt beliebt“ sein könnte, würde ich es „nur wollen“. Und ein paarmal standen wahrhaftig gleich mehrere der „populären“ Jungs ernsthaft auf mich – das wäre unter Umständen mein Schlüssel gewesen, endlich dazu zu gehören, aber im Ergreifen von Chancen, die auf der Validierung durch männliches Interesse basieren, war ich immer schon denkbar schlecht. Und schlicht nicht interessiert.

Wollte ich also gar nicht mitspielen?

Ich war vermutlich nicht nur schüchtern und zurückhaltend. Ich war auch (immer schon) biestig. Hat ja keinen Sinn, so zu tun, als würde es nicht stimmen. Ich bin überempfindlich, ich kann das Denken und Hinterfragen nicht lassen, ich sehe und höre ständig zu viel. Ich habe Meinungen und ein Gebirge von Prinzipien (das zumindest verdanke ich teilweise meinen Eltern). Ich neige schon immer zu Sarkasmus/Zynismus. Vermutlich bin ich oft überkritisch. Und ja: Ich kann verdammt hochnäsig sein und bin leicht gelangweilt und genervt. Ich bin meistens höflich, aber nicht immer nett. Es fällt mir schwer, Begeisterung zu spielen, also tue ich es in der Regel auch nicht. Wenn ich welche äußere, ist sie daher allerdings meistens echt. Egozentrisch bin ich selbstverständlich auch. Ich habe nicht immerzu darunter gelitten, allein zu spielen. Ich habe es auch oft bevorzugt. Und ich kann mir heute noch immer anfangs ganz schlecht Namen merken. Dafür vergesse ich sie oft rasend schnell wieder, nachdem ich sie mal gelernt habe. Beim Verfassen meiner Shit List habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich die Namen der letzten schiefgegangenen Liebhaber der letzten Monate schon gar nicht mehr weiß. Dafür vergesse ich die Geschichten von Menschen nicht, selbst dann nicht, wenn es mir eigentlich viel lieber wäre. Natürlich spüren andere die Distanziertheit, die nur bedingt frei gewählt ist. Sie macht die spontane Interaktion mit mir offenbar mitunter schwierig und vielleicht ja auch unattraktiv – im wahren, sowie im virtuellen Leben. Allein die Zahl der Kommentare auf diesem Blog in Relation zu den Besuchern der Seite ist ein klarer Hinweis auf diesen Umstand. ; ) Nun gibt es aber natürlich genug Menschen, die egoistisch und schwierig sind,  und trotzdem immer genug andere finden, die das bereitwillig aushalten, zurückstecken und stützen. Und im Zweifel auch noch beim Umzug Möbel schleppen. Wie machen die das bloß?

Help wanted

Ein grandioser alter Herr namens Mr. Piette, der sich als Rentner der Förderung der Völkerverständigung verschrieben hatte und vor 26 Jahren für mich und andere Austauschschüler in der Gegend Ansprechpartner war, sagte mir mit sorgenvoller Miene etwas, das ich auch nie vergessen habe: „Du hast einen sehr strengen Ehrenkodex. Du machst es Menschen schwer, etwas für dich zu tun.“

 „Du willst ja immer keine Hilfe“, hab ich im Leben auch oft zu hören bekommen. Tue ich doch! Ich würde schon Hilfe wollen. Aber halt nicht unbedingt bei Dingen, die ich selber ganz gut kann oder schon weiß. Wozu soll das gut sein? Natürlich ist das nun aber auch genau die Haltung, die einen gerade bei Männerbekanntschaften immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Ich kann es nur immer wieder sagen – ich würde jederzeit und liebend gern den ganzen schwierigen Kram in starke Hände legen. Nur war der schwierige Kram den meisten, die in letzter Zeit vorbeigekommen sind, auch…, nun ja, zu schwer. In Ihrem Satire-Programm „Männer brauchen Grenzen“ zitiert Tina Teubner Adorno: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das wäre natürlich auch was: Einer, der einfach da ist.

Warum diese Betrachtungen überhaupt? Hab‘ ich doch gesagt: Weil ich mich verdammt allein fühle. So sehr, wie sonst nie. Wahrscheinlich war ich genau genommen auch noch nie so allein wie heute. Eine gute Hand voll Freundinnen ist mir im fast abgelaufenen Jahr abhanden gekommen. Und viel mehr hatte ich nicht. In einigen Fällen habe ich das Ende bewusst selbst herbeigeführt – durch ein Abstellen der Höflichkeit und eine klare Abgrenzung meinerseits. War ich halt einfach mal so, wie ich wirklich bin. Das hat so manche Verbindung nicht ausgehalten. Bei anderen musste man halt erkennen, dass sie von Konkurrenz geprägt und damit ohnehin toxisch waren. Wieder andere sind halt einfach zu Staub zerfallen. Ich bin dankbar für die, die noch da sind. Und ich freue mich, dass ich auch neue Bekannte im Cyberspace gefunden habe. Aber ich bräuchte noch viel mehr Menschen. Ich bräuchte mehr Plätze, an die ich gehöre. Also, wie finde ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter von 43 endlich meine Leute? Das wäre also noch ein Ziel fürs kommende Jahr.

NH


*Durchhalteparole für Schüler, die in der High School unter der Popularitätshackordnung oder gar Mobbing leiden.