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Mittwoch, 22. November 2023

Memory Lane

Die Feldmark hinter Kuddewörde in Schleswig Holstein, 2022


Ich bin kein Zauberer, doch kenn einen Trick
Leih mir irgendwas, ich geb' dir einen Müllhaufen zurück
Ein'n Müllhaufen zurück, ein'n Müllhaufen zurück
Ich verwandele dein Lächeln in ein'n bestürzten Blick 

(Antilopen Gang: Hokus Pokus)

Irgendjemand hat mich für den Newsletter des 3Pagen Versands angemeldet. Ich hab keine Ahnung wer und warum, aber ich bekam die Aufforderung, meine Registrierung zu bestätigen - mit dem Hinweis:  "Sollten Sie diese Mail nicht angefordert haben, dann können Sie die E-Mail ignorieren." Ich aber habe die fremde Registrierung bestätigt, weil ich durch diese kleine Merkwürdigkeit in einem kuriosen Wägelchen auf die Straße der Erinnerung geschoben wurde. Der Katalog des 3Pagen Versands (1954 gegründet) mit seinen kitschigen Dekoartikeln und den betulichen, bunten Haushaltsartikeln war ein Teil meiner frühen Kindheit in den Siebzigern. Er lag regelmäßig frisch auf dem Wohnzimmertisch und ich hatte einen riesigen Spaß, all die wunderbaren, sinnlosen Dinge anzusehen., die damals wie heute vorgaben, absolut essentiell zu sein. 

Vor ein paar Jahren erinnerte ich mich durch puren Zufall daran und forderte aus schierer nostalgischer Neugier den Papierkatalog an, den das Unternehmen noch immer verschickt. Ich war überrascht, wie wenig sich scheinbar verändert hatte und war fasziniert von den kunstvoll und komplett unironisch gezwirbelt formulierten Texten, die die Produkte anpriesen. Von innen erleuchtete, winkende Pinguine, solarbetriebene Libellen, Teetassen mit Veilchen bedruckt...ich kam aus der Freude gar nicht mehr raus. An meinem Esstisch wurde dann für einige Zeit wieder eine Tradition daraus, jeden neuen Katalog genau zu studieren, und es war hervorragendes Entertainment, denn mein Ex-Freund las mir die Texte in angemessen grandios-theatralischer und begeisterter Rede vor. Ich habe regelmäßig geweint vor lachen. Es war großartig. Zum Dank an den Versand habe ich ein paar kleine Bestellungen aufgegeben. Aber nicht genug - irgendwann wurde die Zustellung des Katalogs wieder eingestellt. Und nun poppte plötzlich diese Mail auf.

Seit ich noch tiefer im Jammertal stecke, als vor dem Verlassenwerden ohnehin schon, fordern alle möglichen Leute, die in therapeutischen Berufsfeldern arbeiten, dass ich mich bitte darauf konzentriere, was im Leben alles gut war/ist. Frau wird pausenlos dazu ermahnt, sich auf das Positive zu konzentrieren und sich ins Bewusstsein zu rufen, dass niemals alles nur schlecht ist. Es ist unmöglich, dass alles nur schlecht ist - das soll ich bitte jetzt endlich begreifen! 

Nun, solange mein Gegenüber sich nicht dazu versteigt, mir einreden zu wollen, alles - auch jede persönliche Katastrophe - sei für etwas gut, bleibe ich zumeist noch halbwegs höflich. Wer insistiert, guckt allerdings leicht mal schnell betroffen aus der Wäsche, wenn ich fertig bin. 

Manchmal machen sie lenkende Vorschläge, um mir auf die Sprünge zu helfen. Das geht immer schief:

"Sie haben doch so eine schöne Wohnung." - "Ja, die ich mir vielleicht irgendwann nicht mehr leisten kann, und die Sorge lässt mich nachts nicht schlafen. Außerdem finde ich sie schon lange nicht mehr besonders schön. Aber es kauft sie mir auch keiner ab, wie es aussieht."

"Aber Sie haben doch zwei süße Katzen." - "Ja, die ich mir vielleichtt irgendwann nicht mehr leisten kann, und das erfüllt mich täglich mit Panik. Außerdem halten sie mich nachts wach und fallen mir immer öfter auf die Nerven. Dann fühle ich mich dafür schuldig, dass ich von ihnen genervt bin. Und dass ich nicht mehr mit ihnen spiele, weil mir die Energie fehlt."

"Sie waren in Ihrer Beziehung doch auch nicht komplett glücklich. Da ist es doch gut, dass Sie jetzt frei für etwas schönes Neues sind." - "Ich habe mich nicht getrennt, weil ich nicht den letzten Funken Hoffnung auf eine fröhlichere Zukunft aufgeben wollte. Und diese Hoffnung hing an der Beziehung und unseren Plänen. Ich wollte nicht zugeben, dass ich Jahre an ein augenscheinlich sinnloses Projekt verschwendet hatte, das mir trotzdem so sehr am Herzen lag. Ich wollte ein Zuhause und es war, verdammt nochmal, wirklich der schlechteste Moment für einen solchen Schlag, weil es mir eh schon so fürchterlich mies ging. Und Waren Sie in letzter Zeit mal auf einem Partnersuche-Portal? Schön ist es da wirklich nicht. Ach, und hatte ich schon erwähnt, dass der Ex neuerdings versucht, über gemeinsame Bekannte an Informationen über mich heranzukommen? Das ist ein ganz schön gruseliger Gipfel, das kann ich Ihnen sagen."

"Sie können doch stolz sein, dass Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn so vielen Menschen Unterstützung und Hilfe haben zukommen lassen." - "Wissen Sie, was ich eigentlich beruflich vorhatte? Einen Oscar für das beste Drehbuch zu gewinnen."

"Was könnten Sie sich denn heute noch Gutes tun, um es sich ein bisschen schön zu machen?" - "Ich will lieber nicht auch noch im Knast landen. Gehe ich wohl besser schlafen."

"Es wird wieder besser. Es dauert eben nur seine Zeit." - "Was soll das heißen, wieder besser? Ich erinnere mich wirklich nicht daran, dass es nachhaltig gut war. Ich erinnere mich hauptsächlich an 52 Jahre Kampf. Und jetzt bin ich langsam zu müde für all das."

Mir ist nicht klar, was die Tatsache, dass nicht alles im Leben schlecht war oder ist, damit zu tun hat, dass ich dieser Tage dieses Leben immer öfter nicht mehr will. Ich soll doch eigentlich auch immer im Jetzt leben. Oder wie war das bitte noch? Und wäre vorher tatsächlich so ziemlich alles wunderbar gewesen, würde es mir jetzt wirklich besser gehen, wenn ich mich an das erinnere, was ich mit einem Fingerschnippen verloren habe? 

Ich erzähle ja immer wieder gern von einem Zitat, das ich vor Jahrzehnten in einer Traumschiff-Episode aufgeschnappt habe: Es ist besser, etwas gehabt und verloren zu haben, als es nie besessen zu haben. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Mir scheint, der Preis für vieles, was sich gelegentlich oder kurz gut anfühlt, ist hinterher oft unverhältnismäßig hoch.

Im Grunde ist das Herumgereite auf dem Hervorheben des Positiven genauso hilfereich, wie der Hinweis, dass es anderen Menschen in ihren Lebensgeschichten noch viel schlechter geht/ging. Der Vergleich ist wirkungslos, egal ob mit dem eigenen oder anderen Leben. Denn das individuelle Leiden im Innern ist immer unvergleichlich. Und ja, das eigene Hemd lässt sich nicht ausziehen.

Einkaufen hilft. Vielleicht bestelle ich irgendetwas Leuchtendes bei 3Pagen.

NH

Dienstag, 24. Oktober 2023

NEUES VOM CLUB!

 

ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG!

Das 3. Treffen des

CLUBS DER DICKEN DAMEN

findet an diesem Wochenende außerplanmäßig NICHT am Samstag, sondern

AM SONNTAG, DEM 29.10.2023

UM 18:30 UHR

auf Skype statt!

Das Motto ist nach wie vor „Und wie geht es dir so?“. Wir reden über alles, was uns gerade so beschäftigt – gut oder schlecht. Wir sind auch - das hat sich in den beiden ersten Sitzungen schnell gezeigt - ein echter solidarischer und offener Safe Space. Jede*r kann sich trauen. : )

Wir planen außerdem ein Adventstreffen im „wahren Leben“. Ob das klappt, werden wir wohl am Sonntag weiter besprechen.

Wir freuen uns, wie gesagt, auch immer weiter über neue Gesichter. Meldet euch einfach bei mir (an):

office(at)nicola-hinz.com

 

PS: Mitglieder des Clubs der dicken Damen, der aus der Leser*innenschaft des Blogs "Das Lied der dicken Dame" hervorgegangen ist, treffen sich einmal im Monat, um sich über Persönliches auszutauschen. Es ist nicht notwendig, dick oder Dame zu sein, um sich hier anzuschließen, aber es gibt klare Grundsätze, gegen die nicht verstoßen werden darf: Dieses ist ein feministischer und antifaschistischer Club und es herrscht eine Zero-Tolerance-Policy im Hinblick auf Sexismus, Homophobie, Transphobie, Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungstheorien sowie sonstige Schwurbelei.

Sonntag, 22. Oktober 2023

Wie es mir so geht - Teil 2


Ich befinde mich in Woche 14 meines Sitzengelassenwerdens durch den Ex und habe seitdem meine Befindlichkeit hier ja regelmäßig beschrieben. Ich dachte mir, damit höre ich auch nicht so bald wieder auf. : ) Im Moment gibt es ein paar Hauptgebiete, auf denen ich mich um Bewegung und Fortschritt bemühe, oder auf denen ich mich schlicht zur Ablenkung betätige. Als da sind:

Psychische Gesundheit

Nicht gut. Dosis erhöht. Könnte pausenlos heulen. Und das ist keine Floskel, sondern wahr. Damit mache ich gefühlt Rückschritte. Allerdings steigt auch die Wut weiter. Ich hätte nicht vermutet, dass das eigentlich noch möglich ist. Und Wut soll ja tragen. Ich stelle sie mir allerdings vor, wie ein Rettungsfloß, das sich erst noch viel weiter aufblasen muss, um mich sicher durch das Unwetter zu bringen.

Die Hüfte

Sie schmerzt immer, mal mehr, mal weniger. Und sie sorgt dafür, dass ich mich nun schon seit längerer Zeit mit der Barrierefreiheit an öffentlichen Orten befassen muss, denn ich benötige für meine Behinderung zumindest ein Geländer. Das ist ein neuer Blick auf die Welt. Was ich dabei in ihr erfahre und erkenne, ist - mal wieder - nicht gut. 

Ich habe nun einen Termin beim Orthopäden - Ende November.

Haussuche und Wohnungsverkauf

Die Wohnung ist seit einer guten Woche auf dem Markt und noch nicht verkauft. : ) Dass wurmt mich enorm, denn jetzt, wo ich mich durchgerungen habe, will ich, dass es am liebsten vor drei Monaten schon erledigt gewesen wäre. 

Heute habe ich einen weiteren Bungalow auf dem Land besichtigt. Mit einer erstaunlichen Ansammlung von Wespen um den Rahmen des Küchenfensters herum, einem Garten voller überwucherter (leerer) Tiergehege und einer Bahntrasse direkt auf dem Hügel über dem Grundstück. Das Beste am Ganzen war mal wieder das Abendlicht auf der Fahrt. Und viel Himmel hatten wir auch wieder. (s.o.)

Der Roman

Ich muss mir endlich einen Ort suchen, an dem ich all die Post-It-Notizen und Servietten konsolidiere, auf denen ich mir dauernd Notizen mache. Ich habe ein Dutzend Anfangsszenarien. Die Konzeption und Planung fließen, aber der Prozess ist, wie gerade alles, ziemlich chaotisch. Ich überlege, doch Agenturen anzusprechen.

Dating

Nun, lasst mich anhand folgender Begebenheit darstellen, wie es da so läuft.

In meinem Profil auf einer Dating-Plattform steht u.a.: „Ich mag echte Kerle, die keine Angst vorm Gendern haben.“

Darauf bekam ich von einem (nach eigenen Angaben) Zweiundvierzigjährigen ohne Bilder im Profil folgenden aufgeregten Aufsatz zugeschickt (Rechtschreibfehler und leicht entglittene Syntax wurden wie im Original belassen):

„Ich weiß nicht ob man darüber lachen oder weinen soll. Du bist doch eine erfahrene, gebildete, kunstliebende und wie es scheint unabhängige Frau. Wie kann man dennoch auf diesen Zug aufspringen? Ich wollte Dich schon öfter anschreiben aber deine woke Ideologie macht es einem echt schwer.

Gerade Literaturliebhaber die mit der Schönheit der Literatur bewandert sind sollten so etwas wie gendern verachten und intelligent genug sein das dies keine Toleranz schafft und sich niemand außer 1-2 Prozent die eher an einer Identitätsstörung leiden, anspricht.

Entschuldige das ich mich so auskotze aber das sind so schlimme unnötige First World Problems und ich fand es schade das so eine Frau wie Du darauf so einen Wert liegt.

Sorry, ich bin eigentlich sehr lieb und vor allem ein sehr toleranter Mensch. Sehr Integer.“

Meine Antwort: „Heul doch.“

Frau ist offenbar nirgendwo sicher vor homo- und transphoben Männerrechtlern. Da ist frau im Dating-Zirkus dann schon froh, wenn sie es nur mit ganz normalen luschigen Idioten zu tun kriegt, die vor dem ersten Telefonat auf dem Sofa einschlafen. Ganz ehrlich – dass passiert mir jetzt regelmäßig, dass sich ein Mann nach dem verpasssten Termin so dafür entschuldigt. Das, oder sie hatten Rücken und konnten nicht aufstehen. Lügen die alle? Oder liegt das daran, dass die Typen jetzt auch alle sieben Jahre älter sind und ohne Ende schwächeln?

 

NH

Samstag, 7. Oktober 2023

"Ich bin ja nicht weg"


The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster. 
(aus "One Art" von Elizabeth Bishop)

Die größte Angst, die mich im Augenblick hauptsächlich noch umtreibt, ist, jemanden komplett zu verlieren, so als wäre er tot, ohne dass er tot ist.

Um das mit einem vielleicht nicht ganz exakt passenden Beispiel noch zu verdeutlichen: Die absolute Horrorvorstellung als Katzenmutter von Freigängerkatzen war stets, nicht der Tod einer Katze, sondern das spurlose Verschwinden und die Ungewissheit über den Verbleib des Tieres, darüber, wie es ihm geht sowie die Frage, ob ich noch etwas tun könnte, um es zu retten, wenn ich nur das Richtige zu tun wüsste.

Wie wiederholt berichtet - ich verstehe was von Verlust. Worin ich naturgemäß nicht gut bin, ist Menschen oder Tiere zu verlieren. Wer ist das schon? Aber meine nicht unerhebliche Verlustangst traf in meiner letzten Beziehung auf sehr viel passiv-aggressive, emotionale und sogar tatsächliche Nicht-Verfügbarkeit. Das tat mir nie gut und war oft eine Quelle großer Enttäuschung, aber auch von Angst und Sorge. Wir haben nicht zusammen gewohnt, und wenn wir nicht räumlich beisammen waren, waren Kommunikation und Kontakt mitunter schleppend bis unterbunden. Ich habe mir daraufhin oft ganz praktisch Sorgen gemacht, ob etwas passiert sein könnte. Andererseits fühlte ich mich auch häufig ängstlich und unsicher, was meine Rolle und meinen Wert in der Beziehung anging.

Allerdings habe ich ein Recht auf das immerwieder fett unterstrichene Vorhaben, "Freunde zu bleiben", weiter Kontakt zu halten und gar zukünftig gemeinsam Dinge zu unternehemen, scheinbar verwirkt. Ich bin in Ungnade gefallen, weil ich angesichts dessen, was mir angetan worden war, mit Wut und Eifersucht und noch mehr Wut reagiert habe. Am Esstisch und am Telefon.

Wenn das mit der Freundschaft je ernst gemeint gewesen war (und wer weiß das schon), dann muss die Überraschung über meine normale und menschliche Reaktion ja ziemlich groß und regelrecht schockierend gewesen sein. Die offensichtliche Frage ist, wie kann das sein? Wer rechnet denn in so einem Szenario nicht mit einer solchen Reaktion? Und wie fair ist es, die blutrote Verzweiflung eines auf diese Weise betrogenen und verletzten Menschen wirklich am Ende auch noch gegen sie zu verwenden?

Lasst mich hier komplett klar sein: Keine meiner Reaktionen war überzogen oder unangemessen im Hinblick auf die Umstände, die ich nicht kreiert hatte. Das weiß ich ganz sicher. Ich bin vor den Bus geschubst worden. Dass der selbe Bus dann den Ex in seiner Gefühlswelt auch noch angefahren hat, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist schlicht kindlich und egozentrisch zu glauben, Menschen auf bestimmte Weise  behandeln zu dürfen und sich dann zu beschweren, wen sie adäquat und zutiefst menschlich antworten. Und dabei womöglich fluchen. Ich weiß, wie konnte ich nur...

Ich hätte mir gewünscht, in meinem Ausnahmezustand und meinem Schmerz auch besonders in der Phase der Zuspitzung noch irgendwie gesehen zu werden. Das hätte ich anständig und angebracht gefunden. Und ich hätte obendrein sehr gern ein wie auch immer fortgeführtes freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Das tue ich noch immer. Wut und ausgestreckte Hände schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle erzählt, dass ich neben Wut und Verzweiflung trotzdem auch stets dafür gekämpft habe - ich habe Angebote gemacht, ich habe Zeichen desetzt, ich habe mich geöffnet, ich habe ihn nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen oder ignoriert - weder vor noch nach dem ganz großen Knall. 

Und dessen Wirkung scheint, was mich betrifft, nun an manchen Tagen sogar weitgehend verpufft. So schnell kann es dann manchmal doch gehen. Die ohnmächtige Fassungslosigkeit angesichts der Eröffnung, wer meine Nachfolgerin war - geschenkt. 

Heute Nachmittag dachte ich, ich würde einfach nur gern anrufen können und fragen, ob er mal wieder Lust auf unser ehemaliges Sushi-Stammrestaurant hätte. Da war ich nun seit Monaten nicht. Aber ich könnte ihn dafür auch dann nicht anrufen, wenn ich es vorhätte. Für wichtigere, rein praktische Anliegen, die wir noch zu klären hätten, ginge das ebenfalls nicht. Ich bin nämlich geblockt worden. Und auch auf Textanfragen erhalte ich keine Antwort. Im Prinzip ist da ironischerweise mitunter gar kein Unterschied, ob wir in unserer Beziehung sind oder nicht... 

Dass wir auf diese Weise bestimmte Angelegenheiten nie komplett auseinanderfriemeln werden, die eigentlich jetzt abschließend noch anstünden, und die Entscheidungen alle an mir hängenbleiben, ist auch klar. Wer aber nun doch einen endgültigen Schlussstrich will, sollte die Abwicklung nicht pausenlos verhindern und alles mal wieder bis in alle Ewigkeit hinauszögern. Es sei denn, er will den Schlussstrich gar nicht. 


NH

Donnerstag, 5. Oktober 2023

An die Arbeit

 

Go ahead. Make my day.

(Clint Eastwood in Sudden Impact, 1983)


Der Ex liest scheinbar mit. Und die neue Partnerin schreibt mir jetzt regelmäßig Briefe -  randvoll mit Beschimpfungen. Das ist einerseits beängstigend und meiner ohnehin schon angeschlagenen Verfassung nicht wirklich zuträglich.

Andererseits ist es natürlich hochinteressant. 

So wie vieles an der gesamten Situation - wenn Frau schließlich die Ruhe findet, die verstreuten Einzelteile genau unter die Lupe zu nehmen. 

Ich habe ja schon an anderer Stelle darüber gesprochen, wie dankbar ich bin, durch das Unglück des Verlassenwerdens zum Schreiben zurückgefunden zu haben. Die große Krise des plötzlichen Beziehungsendes war quasi die Wiedergeburt des Blogs. Endlich hatte ich wieder Zeit, Grund und Drive zu schreiben -  so merkwürdig das vielleicht noch immer anmutet.

Die Dankbarkeit dafür ist in der Tat ziemlich unendlich. Die Rückkehr zum Schreiben war offenbar die vielzitierte Tür, die sich inmitten all des Terrors, der mir in den letzten Wochen nur so um die Ohren geflogen ist, plötzlich für mich geöffnet hat.

Es hat öfter Phasen in meinem Leben gegeben, in denen ich buchstäblich um mein Leben geschrieben habe. Meistens als sehr junge Frau und mit der Hand. Und nicht für eine Veröffentlichung geeignet. Das ist diesmal anders. 

Ich setze mich nun endlich zurück an den Schreibtisch und mache mich an den lang geplanten Roman - allerdings mit einem ganz neuen thematischen Kernstück: Schlammschlacht, Verrat, Betrug und Psycho-Thrill. Das könnte dann womöglich sogar mal ein Erfolg werden. : ) Und weil wir das Jahr 2023 haben, muss ich nicht einmal auf eine*n Agent*in oder einen Verlag warten, um das Buch auf den Markt zu bringen. Das kann frau heute ja bequem selbst. Ein Toast auf Amazon und BoD! : ) Mit Cola Zero wohlgemerkt - Alkohol verträgt sich nicht mit meinen Medikamenten...

Was lustig klingt, ist halt noch immer ziemlich blöde Realität. Ich habe bereits davon erzählt, dass ich zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder regelmäßig Beruhigungsmittel nehme. Und das tue ich selbstverständlich weiterhin, bis ich mich stabil genug fühle. Ich habe auch über die besondere Erfahrung von Passive Suicidal Ideation (die Vorstellung, dass es besser wäre, nicht mehr zu leben, aber ohne konkrete Pläne, sich zu töten) die ich nun in meine lange Liste von (Er-)kenntnissen aufnehmen kann, berichtet. Es wäre mir nach wie vor lieber, mir wäre nicht passiert, was mir passiert ist. Aber nun ist u.a. ein neues Projekt aus den Trümmern entstanden. Und das ist eine wirklich gute Überraschung.

Eine Lehre über das Schreiben, die ich schon lange mit mir herumtrage, stammt aus einer Sitcom. Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, wer mitspielte oder irgendetwas. Ich erinnere mich nur an eine Episode, in der eine erfolgreiche Schriftstellerin eher widerwillig einem/einer Ratsuchenden Folgendes mitgibt: Schreibe das, von dem du nicht willst, dass sie es wissen. Es war mir bisher gar nicht bewusst, aber im Prinzip ist es das, was ich seit Jahren bereits tue. Ich schreibe und zeige auf dem Blog Dinge, die anderen unangenehm wären. Und mich auch ein wenig Überwindung kosten. Auf jeden Fall denke ich, dass ich diesen Grundsatz für meinen angepeilten kleinen Roman ebenfalls beherzigen und ausbauen sollte.

"You know who you are. And you will be in the book."*

Als ich dem Ex vor ein paar Wochen davon erzählte, dass ich in all der Trauer und Einsamkeit zu einem vor langer Zeit bereits angefangenen Manuskript zurückgefunden und ein wenig daran gearbeitet hätte, hat er sich scheinbar noch für mich gefreut. Wie niedlich im Rückblick. Da wusste ich allerdings auch noch nicht, dass der alte Entwurf nur das Gerüst für eine ganz frische Arbeit sein würde.

Es ist noch nicht so lange her, dass er den Kontakt komplett abgebrochen hat. Das erfolgte, als ich erfuhr, wer die neue Partnerin ist und ihm die Neuigkeit mitteilte. Offenbar war dieses Detail etwas, was unter allen Umständen hätte geheim bleiben sollen. Ich persönlich frage mich ja noch immer, warum eigentlich. Dass diese Information für mich kein Geheimnis blieb, nimmt er offenbar ausgerechnet mir übel. Das ist womöglich Geschmackssache, aber ich wäre ja eher auf die Quelle sauer. Ich würde mich vermutlich fragen, von wo die Information indiskreterweise eigentlich in die Welt hineingeraten ist (und zwar offenbar so gründlich, dass sie es überhaupt durch die Welt bis zur Ex-Freundin geschafft hat). Es würde vermutlich auch helfen, endlich einmal ganz genau hinsehen. Also, am besten mit offenen Augen.

NH


*Rue McClanahan 


Donnerstag, 9. Dezember 2021

Das Ende

 




Corbinian ist tot.

Ich musste ihn einschläfern lassen. Zwischen dem Augenblick, an dem ich begriff, dass irgendetwas nicht stimmt und seiner Einäscherung lagen ungefähr vier Wochen. Er hatte Krebs und ist nur 11 Jahre alt geworden. Nun ist Tippi allein. Mal wieder. Sie ist noch nicht einmal zwei Jahre auf der Welt, aber hat bereits drei maßgebliche Abschiede hinter sich - von ihrer Mutter und den Geschwistern, von einer Mitkatze, die Teil ihrer ersten Menschenfamilie war -  und jetzt ist ihr nach nicht einmal 10 Monaten ihr großer, dicker Freund aus heiterem Himmel weggestorben. Die beiden waren ein sagenhaftes Team. Sie hat ihn aufgemischt und er hat mit großer Freude, Geduld und angemessener Achtsamkeit mit ihr gerangelt - und seine Lieblingsplätze und Dreamies mit ihr geteilt. Seine Abwesenheit ist täglich ein Schock. 




Dieses ist der zweite und letzte Blogeintrag in diesem Jahr. Es war auch so ziemlich schauerlich, aber, wie durch das Ableben des Katers erneut bewiesen, geht es immer noch ein wenig bescheuerter.

In ein paar Tagen werde ich 50. Ein halbes Jahrhundert dahin. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es fühlt sich nicht an, wie ein Grund zur Freude. Zuviel Ungemach schiebt sich ins Bild, wenn ich Bilanz ziehe über das Leben bis hierher. Verstellt den Blick. Was ich in fünf Jahrzehnten gelernt habe, ist, dass die Dinge sehr viel öfter schiefgehen als nicht. Komisch, wie unmöglich eine solche Prognose einer mit zwanzig vorgekommen wäre. Obwohl ich natürlich auch keine besonders fröhliche Zwanzigjährige war. Trotzdem hätte ich damals niemals glauben können, dass es eigentlich kein Gewinnen gibt. Ich habe, genau genommen, sogar verdammt lange damit gerechnet, dass noch alles wirklich gut wird. 

Aber überlebt. Zumindest das. 

Der Fragebogen zum Jahresende entfällt natürlich - bis auf die folgende Playlist der von mir meistgehörten Lieder. 


Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt



Vermutlich könnte frau bei zwei Beiträgen pro Jahr auch von einem Ende des Blogs sprechen. Tatsächlich hätte ich genug Wut und Ärger für zehn Blogs. Zusätzlich habe ich seit Ewigkeiten Pläne für die Gründung eines Clubs der dicken Damen. Aber genug Energie habe ich dafür gerade nicht. Und wenn frau es genau betrachtet, auch nicht mehr genug Inhalte. Es gibt im Grunde nichts Neues zu sagen. Denn es ändert sich ja auch nichts. Irgendwann erwischt es uns wohl alle, die Motivation kracht in den Keller und zwar auf Nimmerwiedersehen - feministische Fettakzeptanz war nun einmal noch nie ein lohnendes Thema, wenn frau eigentlich gern beliebt und erfolgreich oder auch einfach nur im Ansatz wirksam wäre. Mit großer Verblüffung verfolge ich die Instagram-Posts von Kate Harding. Sie war eine meiner Heldinnen auf meiner Reise zur Selbstakzeptanz. Heute: Fotos von ihrem Hund. Und sonst kaum noch etwas.

Kommt gut in 2022 an.

NH

Sonntag, 1. Dezember 2019

Adventsblog 1: Nach Hause



Trigger Warning: Lustig wird es hier nicht.

Da haben wir es wieder fast geschafft - das Jahr ist vorbei. Zeit für den Fragebogen, der hier mittlerweile zur Tradition geworden ist. Eine der Fragen ist für gewöhnlich, was das "Lieblingslied" des vergangenen Jahres war.

Vor ein paar Tagen habe ich durch Zufall Catie Turners "Home" auf YouTube entdeckt. Und aus heiterem Himmel Rotz und Wasser geheult.

Wenn man mich fragt, wie es mir geht, antworte ich bereits seit Jahren: "Danke, man tut immer sein Bestes." Dabei lächle ich und vermutlich denken die Meisten, ich mache einen drolligen Witz. Dabei ist es mein voller Ernst und die absolute Wahrheit. Aus Unterhaltungen mit meinen Leserinnen weiß ich aber auch, dass viele ganz genau verstehen dürften, was ich meine.

Catie Turners Lied beginnt mit "I miss you when I least expect it" (Ich vermisse dich dann, wenn ich es am wenigsten erwarte) Mittendrin heißt es "I just wanna go home" (Ich will einfach nur nach Hause). Es waren wohl diese beiden Stellen im Text, die mich besonders erwischt und aufgemischt haben.

Es war wieder kein leichtes Jahr. Wenn ich mich durch den Alltag boxe und in der Tat immer mein Bestes versuche, rede ich oft mit mir selbst (natürlich nur, wenn ich mit mir allein bin : )), besonders morgens. Mein reflexartiges Grundeingestellungsmantra ist: "Ich will nach Hause. Ich will nur noch nach Hause. Bitte lasst mich doch endlich nach Hause." Offenbar bricht sich in dieser Ansprache das kulturell tief verwurzelte Konzept einer unsichtbaren aber zuständigen Instanz Bahn. Es überrascht mich immer wieder, denn natürlich bin ich nicht religiös. Manchmal wünschte ich, ich könnte es sein. So, wie ich mir manchmal wünsche, ich könnte mich einfach mal sinnlos betrinken. Aber ich kann weder das Eine noch das Andere, denn wenn ich etwas mehr hasse als alles andere, dann ist es, Kontrolle abzugeben.

Meiner Mutter habe ich kurz vor ihrem Tod verordnet, dass sie nicht sterben dürfe, denn ohne sie würde ich kein Zuhause mehr haben. Auch das war die Wahrheit.

Jetzt bin ich fast 48 Jahre alt und statt sich von der Zeit heilen zu lassen, wird meine Haut immer dünner. Mir sind bis heute zu viele weggestorben und mir war nicht klar, wie nah unter der Oberfläche die Trauer sich, vermischt mit panischer Verlustangst, abgelagert hat. Mir graut es vor noch mehr Gräbern. Und wenn es nur eine weitere kleine Katzenurne im Regal ist. Die Verluste bis hierher stapeln sich wie die Kisten im Keller. Und die dazugehörenden Schmerzen brechen unerwartet aus dem Unterholz.

Wenn mir irgendetwas Erzählenswürdiges passiert, ist der erste Impuls auch nach 10 Jahren noch zumeist, es meiner Mutter erzählen zu wollen. Das verschiebt sich nun ein wenig, und Oliver rückt langsam an die Stelle des wichtigsten Empfängers für Neuigkeiten.

Wie dem auch sei, es ist ein schönes und tieftrauriges Lied. Der Rest des Fragebogens kommt später.

NH



Mittwoch, 2. Oktober 2019

Decluttering: Handtaschenreport

Anders als früher, habe ich diesmal unter dieser Rubrik nicht nur meine Handtasche gelehrt und aufgeräumt (obwohl ich das auch mal wieder tun könnte), sondern mich mit meinem gesamten Taschenbestand beschäftigt. Das war langwierig - das entstandene Video ist fast eine Stunde lang. Aber es war auch für mich interessant, den "Trennungkampf" noch einmal von außen beobachten zu können. Das schwierige, innere Verhandeln für und wider einen Gegenstand, den ich oftmals seit Jahen nicht gesehen, geschweige denn benutzt habe. Es hängt noch immer so viel an den Dingen. Insbesondere die Handtaschen meiner Mutter waren eine Herausforderung. Denn hier ging es insgesamt um die letzten Überlebenden - ich weiß, ich werde nicht müde, es zu betonen, aber ALLES, was ich besitze ist bereits viele Male bearbeitet worden im Kampf gegen die Dinge.

Eigentlich sollte 2019 dieser Kampf ja beendet werden. Ein für alle Mal. Dummerweise wird das Jahr langsam kurz und der Angriff auf den Keller ist noch nicht einmal gedanklich groß begonnen worden. Das Ziel aber bleibt. Ich gebe mich erst zu Silvester geschlagen und verspreche, das nächste Vlog kommt aus eben jenem Keller.

Bis dahin - hier ist mein Taschenfilmchen:




NH



MEHR LESESTOFF GIBT ES HIER:




Sonntag, 24. November 2013

THE UGLY GIRL PROJECT: Ugly Crier / Heulsuse

Was ich jetzt weiß: Ich könnte heutzutage realistischerweise beim Heulen sterben. Ersticken, um genau zu sein. Die Nase komplett zu, und die Kehle auch, weil voller Schleim. Husten und prusten und schniefen und für eine scheinbare Ewigkeit keine Luft mehr. Einsetzende Panik, weit aufgerissene Augen und wildes Wedeln mit Taschentüchern. Dann Gekeuche, als käme ich gerade noch rechtzeitig aus einem Gewässer an die Oberfläche. Heulen, und nicht gegen den übermächtigen Strom der zähen Flüssigkeiten ankämpfen - was für eine Art, sich womöglich selbst in die ewigen Jagdgründe zu befördern.

Ich hatte so lange nicht mehr richtig geheult. Jahre, glaube ich. Nicht, dass ich dazu zu glücklich gewesen wäre. Wohl eher blockiert. Verhärtet. Zusammengerissen bis zum Anschlag. Alles verstaubt und völlig unvorbereitet auf eine plötzliche Sintflut und damit einhergehende Schlammlawinen. 
 
Hinterher war mir allerdings auch nicht viel leichter ums Herz. Obwohl das ja gerade der landläufig erwartete Effekt ist. Alles rauslassen, und dann geht's wieder. Von wegen. Man lässt nichts raus, außer Schnodder. Alles andere ist noch da. Ich war nur unendlich müde - zwar irgendwie betäubt aber mit spaltenden Kopfschmerzen. Selbst die Erleichterung, nicht an sich selbst ertrunken zu sein, war kaum der Rede wert.

NH






© Nicola Hinz 2013

Samstag, 17. September 2011

7 Leben

Also das hier hat jetzt nichts mit Diät zu tun. Aber - ist ja mein Blog - plötzlich fiel mir ein/auf, dass ich hier ja machen kann, was ich will. Und ich will ein bisschen etwas über den Kater schreiben, denn er ist am vergangenen Montag gestorben.

Knapp zehn Jahre haben wir miteinander verbracht. Er ist an dem Tag bei mir eingezogen, an dem wir die letzte von vier alten und kranken Katzen hatten einschläfern lassen müssen. Er war wie ein pelziger Rettungsring, und den Vorbesitzern, die ihn vermutlich einfach im Stich gelassen hatten, so dass er sich eine neue Bleibe suchen musste und mich wie durch ein Wunder fand, werde ich für ihre Verantwortungslosigkeit ewig dankbar sein.


Ich hatte Kasi verdient. Und er mich. Er hatte eine wuchtige, freundliche Persönlichkeit. Er hat mich regelmäßig morgens um vier geweckt, weil er halt fand, dass das eine gute Zeit war, um wach zu sein. Erst patschte er mir mit der Pfote ins Gesicht und stieg dann immer von links über meinen Kopf, sprang auf den Boden, lief ums Bett herum und begann die Prozedur von vorn - bis ich aufstand und eine frische Dose aufmachte. Wir waren wie ein altes Paar. Hätte er sprechen können, wir hätten regelmäßig die Sätze des anderen beendet. Er hat meiner kranken Mutter jeden Abend durchs Telefon etwas vorgeschnurrt, bevor sie vor zwei Jahren starb. Die beiden waren im letzten Jahrzehnt meine Familie. Und nun sind beide weg.

So wie sechs weitere Katzen vor Kasimir:

Molly war meine erste Katze. Sie war eine Amazone. Sie versteckte sich in Büschen und sprang einem plötzlich an die Füße. Aber sie war heißgeliebt. Sie mochte uns auch. Sie lief unserem Auto hinterher, wenn wir in den Urlaub fuhren, so dass wir umdrehen und sie ins Haus bringen mussten. Und dann mussten wir uns aus dem Staub machen, bevor sie durch die Katzenklappe im Keller wieder hervorschoss. Leider wurde sie nicht sehr alt, weil sie von Jägern auf dem Feld hinterm Haus erschossen wurde. Wo ich jetzt schon einmal dabei bin: Es ist NICHT NORMAL, Freude daran zu haben, Tiere zu töten. Es ist roh, unzivilisiert und falsch.


Pünktchen und Anton waren Geschwister. Wir nahmen sie als Babys zu uns, um die Trauer um Molly besser zu bewältigen. Anton war schön und stolz. Pünktchen war schlau. Die beiden hingen aneinander, und als Pünktchen mit 16 an einer Nierenerkrankung starb, hatte Anton auch keine Lust mehr, wurde schwach und folgte seiner Schwester.



Wenn es irgendwo gemütlich ist, spricht sich das unter Katzen herum, so dass unsere WG über die Jahre drei neue Mitglieder bekam. Nach und nach saßen sie alle irgendwann vor dem Fenster und wollten einziehen.

Moses kam zuerst dazu. Er war der freundlichste Kater, den ich je getroffen habe. Gutmütiger sogar als Kasimir. Er rollte sich auf den Schultern, Rücken und Hüften seiner Leute zusammen, sobald sie sich irgendwo hinlegten. Er wurde recht alt, und wäre noch älter geworden, wäre er nicht vor ein Auto gelaufen.


Pietzke zog einige Jahre nach Moses in die Katzen-WG. Mit Getöse erreichte er uns durch die Nacht. Laut klagend und ausgehungert lief er mir im dunklen Garten entgegen, als ich gerade panisch und auf der Suche nach Anton war, der mal wieder nicht pünktlich nach Hause gekommen war. Er schlang drei Dosen Futter hinunter, hörte auf zu jammern - und dann setzen wir uns zusammen vors Haus und warteten auf Anton. Pietzke und ich waren ab da Verbündete. Wir hatten eine geheime Zeichensprache. ; )


Zuletzt kam Bobby. Bobby entschloss sich, aus der Nachbarschaft zu uns zu ziehen, weil es ihm, dort wo er war, nicht gut ging. Seine schlechten Erfahrungen hatten ihn misstrauisch gemacht. Er lebte fortan mit uns, aber hielt vornehme Distanz zu allen - bis auf Pietzke, mit dem er schließlich Rücken an Rücken auf Pietzkes Lieblingssessel schlief.


Bobby hatte eine Immunschwäche, und nachdem wir in kurzen Abständen Moses, Pünktchen, Anton und Pietzke verloren hatten, die offenbar alle ungefähr im gleichen hohen Alter gewesen waren, mussten wir auch ihn einschläfern lassen.

Und was mache ich jetzt? Ich bin absolut frei. Ich bin für niemanden mehr zuständig. Freunde sagen einem, man soll sich am besten gleich ins Auto setzen und zum Tierheim fahren. Und ich habe auch daran gedacht. Aber der Tod ist bekanntlich nichts für Feiglinge. Mensch oder Tier - die Wahrheit ist, dass die Seele da mitunter keinen großen Unterschied macht, wenn die Verbindung zu dem, der gestorben ist, stark genug war. Und irgendwo habe ich dieses Zitat gelesen - ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat - dass es viel Mut braucht, sein Herz an etwas zu hängen, das man vermutlich überleben wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Mut noch einmal aufbringe. Insgeheim hatte ich in den letzten Tagen immer gehofft, das die Antwort einfach wieder plötzlich auf meiner Terrasse sitzt.

NH