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Montag, 23. Dezember 2024

A Very Merry Flexmas!*

                A bigger splash (David Hockney)

If you leave the light on, I'll leave the light on. (Maggie Rogers)

Show me my silver lining. (First Aid Kit)

Als Kind im Grundschulalter hatte ich für mein erwachsenes Leben die Vision, als Hexe mit Katze in einem Häuschen im Wald zu wohnen. Fast zwei Jahrzehnte später hatte ich dann den Plan, eine große Nummer in Hollywood zu werden und in einer Villa am Hang zu wohnen – mit einem großen, blau blitzenden und schillernden Swimming-Pool.

Als meine Mutter 2009 starb, erwarb ich mit ihrem Geld eine Wohnung vor den Toren Hamburgs, um mich und meine Trauer zu parken. Für den Fall, dass ich mich nie wieder erholen würde, hatte ich alles vorher sorgfältig und hoch vernünftig geplant – in dieser Wohnung konnte Frau auf praktische Weise alt und/oder krank sein: Erdgeschoss, klein genug, um bei Hartz IV sicher zu sein, keine Miete, gleich zwei Krankenhäuser im Umkreis weniger Kilometer, zu Fuß fünf Minuten bis zu den Allgemeinärzt*innen und, ebenso naheliegend, zwei Apotheken, eine Bäckerei, ein Supermarkt, eine Optikerin – und eine S-Bahn nach Hamburg, ebenfalls in 10 bis 15 Gehminuten zu erreichen (sollte ich mit 99 Jahren nicht mehr Auto fahren können oder wollen).

Was sich jedoch schnell herausstellte, war, dass die Aussicht, in dieser Wohnung wirklich alt zu werden, eher dazu angetan war, mich tatsächlich noch verzweifelter zu machen, als ich es ohnehin schon war. Nervige WEG*-Sitzungen, untätige, unverschämte und haarsträubend inkompetente Hausverwaltungen, durchgeknallte und bösartige Nachbar*innen, die auf ihre Weise für Cringe, Creep, Lärm und Chaos sorgten und schließlich der Bau eines zutiefst geschmacklosen Mehrfamilienbunkers direkt vor meiner Nase, wo sich ursprünglich ein großer, wilder Garten befunden hatte. Abgesehen davon, dass trotz kostspieliger Anfragen meinerseits unklar bleiben wird, wie dieses Ungetüm, das ganz klar mit dem Bebauungsplan kollidiert, genehmigt werden konnte, hatten meine Eichhörnchen die Nase voll von der Versiegelung nebenan und zogen in kürzester Zeit um – auf Nimmerwiedersehen – und ließen meine Nussstation verwaist zurück.

Ich hätte es ihnen umgehend gleichtun sollen.

Hab ich damals aber nicht. Duh.

Dann stellte sich zu Beginn meiner Beziehung zu meinem Ex-Partner sehr schnell und zu meiner ausgesprochenen Freude heraus, dass wir den Haustraum, wie so Vieles, teilten. Wir besichtigten potentielle Eigenheime für eine gemeinsame Zukunft mit viel Platz, Ruhe und Natur (ich berichtete). Ich schmiedete kühne Pläne. Er tat nur so, weil er mir verheimlicht hatte, dass er und seine Ressourcen längst alle aus der Kurve geflogen waren.

Es wäre mir ehrlich nicht in den Sinn gekommen, uns ein Haus zu kaufen. Ich machte mich in den folgenden Jahren unserer Beziehung vielmehr daran, ihn in die Verfassung zu hieven, das Vorhaben mit mir gemeinsam zu verwirklichen. In meinem Drehbuch kauften wir uns ein Haus. Außerdem sollte meine Wohnung als „Stadtwohnung“ für Ausflüge in die Zivilisation und zum Zwecke des Theater- oder Museumsbesuches, zum Einkaufen und für berufliche Einsätze idealerweise erhalten bleiben. So unsere Überlegung. Aus heutiger Sicht: Facepalm. Klar.

Für das letzte Weihnachten, bevor er mich verließ, hatten wir ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst, dass wir dieses endlich „im neuen Haus“ feiern würden, bzw. nun ernsthaft in die Umsetzung einsteigen würden. Geklappt hat es dann bekanntlich wieder nicht.

Bibbidi-bobbidi-boo!  

Aber eineinhalb Jahre, nachdem der Ex mich hat sitzen lassen, ist es jetzt soweit. Ich wohne im Wald. Mit meinen Katzenmädchen. Im eigenen Hexenhaus, das allerdings gar nicht so klein ist, wie frau sich ein Hexenhaus gemeinhin vorstellen mag. Ich habe mir ein Haus gekauft.

Und so ist es nun Zeit, kurz vor den Feiertagen auch einmal aus vollstem Herzen Danke zu sagen:

Wenn du mich nicht entsorgt hättest, wäre unsere Geschichte womöglich auf eine von zwei Weisen weitergegangen:

a)

Wir säßen vielleicht zu diesen Festtagen gemeinsam in einem Haus mit Glasfaser nur eine Stunde entfernt von Hamburg am knisternden Feuer des Ofens mit Blick auf ein Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Garten, in dem es genug Platz gäbe für ein Dutzend vintage Wohnmobile, einen Zaun und Hecken, die für jeden Hund hoch genug wären – und einen Swimming-Pool.

(Ja, ich bin endlich Besitzerin eines Pools. Eines himmelblauen Hexenpools im Wald. So verweben sich in meinem neuen Zuhause nun meine Kindheitspläne mit den Zielen meines Ichs bis Mitte Zwanzig auf ganz bemerkenswerte Weise. Hometour folgt im neuen Jahr.)

b)

Oder wir würden heute weiterhin zusammen leicht verunsichert und/oder angesäuert vor uns hin stagnieren und das Beste daraus machen. Seien wir ehrlich. Das wäre der wahrscheinliche Ausgang gewesen.

Also, mein Lieber: Danke für alles! Ich habe es verdient. :)


NH

*Flexen – angeben

*WEG – Wohnungseigentümer*innengemeinschaft

Donnerstag, 25. Juli 2024

Follow me around 60: Nach Hause

"Aber unser Heim ist nichts anderes als eine Spielstube gewesen."
Henrik Ibsen (Nora oder Ein Puppenheim)

"Nach Hause telefonieren." E.T.





Ich würde in der letzten Zeit wieder nachts oft gern jemanden anrufen. Ich wüsste aber noch immer nicht, wo ich anrufen soll. So hilfreich die Telefonseelsorge vor einem Jahr noch war, so wenig kann sie jetzt für mich tun. Der Vibe ist nicht mehr danach. Dank unseres Clubs, Zeit, Sertralin und ein paar kurzen Monaten der Ablenkung durch einen Beziehungsversuch, der sich vom wundersamen Höhen- schneller in einen Sturzflug verwandelte, als ich mit den Augen rollen konnte, bin ich nicht mehr zutiefst verzweifelt - sondern nur so verzweifelt, wie sonst ohnehin auch. Das Leben ist sinnlos, und das ist ein ewiges Ärgernis für mich. Seit meiner Kindheit weiß ich es und seitdem knabbere ich daran, dass offenbar niemand um mich herum das auch so sieht. 

Seit meiner Kindheit versuche ich auch, endlich nach Hause zu kommen. Ich berichtete und berichtete und berichtete. Und seit ich dieses Blog vor über einem Jahrzehnt zur Anti-Diät-Zone umgebaut habe, erzähle ich hier von der scheinbar aussichtslosen Suche, die nach der fürchterlichen Unterbrechung durch den Tod meiner Mutter einfach mit unverminderter Sehnsucht und Orientierungslosigkeit weiterging. Das weiß ich, weil ich vor ein paar Tagen in meinen alten Blogposts gebrowst habe. So, wie beim Blick in alte Tagebücher, steht das ewig trübe, sumpfige Ungemach im Grunde unveränderlich Jahr für Jahr und ich finde den Stöpsel nicht, um die Soße abzulassen und auf den Grund zu blicken. Das Blog und die Tagebücher beweisen, dass ich für immer auf der Stelle zu trete, aber mich zumindest für immer an eben dieser Stelle über Wasser halte - verbissen trotz schwindender Hoffnung.

Fast tut es mir leid, meine Leser*innen beständig mit den selben Nörgeleien vollgetextet zu haben. Das Ausmaß war mir gar nicht so bewusst. In den letzten zehn Jahren hat sich nichts verändert. Obwohl ich täglich daran arbeite. Eigentlich ist das eher zum Lachen. Nichts ändert sich jemals wirklich.  

Wo wäre zuhause? 

Es ist in meinem Fall und meiner Vorstellung in der Tat ein physischer Ort. Mit freistehenden Wänden und genug Abstand zwischen mir und den Nachbar*innen. Mit einem Zaun. So hoch wie möglich. Mit Sicherheit und Frieden und Ruhe. Ich liebe Häuser. Ich liebe Puppenhäuser, Ich liebe bekanntlich Bilderbücher mit Mäusewohnungen in Baumstämmen und chaotischen Hexenhäusern. Ich liebe es, durch die Gegend zu fahren oder zu laufen und Häuser anzusehen. Ich kann mir stundenlang Häuser ansehen und im Geiste automatisch Kurzgeschichten über ihre Bewohner*innen aufploppen lassen.

Meine Kindheit hat maßgeblich in einem Haus mit Garten stattgefunden. Aber das Haus hat das alles, Ruhe Frieden und Sicherheit, trotzdem nie hergegeben. Eine Kindheit mit meinen Eltern war eine psychisch höchst unsichere Sache. Ausbrüche, Unberechenbarkeit, Ungerechtigkeiten, physische Bedrohung, die sich nicht wirklich manifestierte, aber sich zu regelmäßigem Terror verstetigte, Alkoholsucht, Depression, Desinteresse und gleichzeitige symbiotische Vereinnahmung standen immer ausgeprägten Privilegien, Toleranz, Werten, Freiheit, Bücherwänden und Humor gegenüber. Meine Eltern waren beides: Monster und irgendwie auch toll. Das geht. Und das ist besser, als vieles Andere, was auch möglich ist. Aber sie haben mich zurückgelassen mit der Suche nach dem Zuhause, das nicht zutiefst ambivalent ist. Wie bei der Katze mit Hut, würde ich das Haus meiner Kindheit gern "glücklichwohnen" dürfen. Aber natürlich hatten es meine Eltern nur gemietet. Ich weiß, da sind viele von uns auf der Suche nach dem seelischen Heimweg. Es ist mir, wie bei allem, klar, dass keine Erfahrung, die wir im Leben machen, einzigartig ist. 

Die Vorstellung, dass das Zuhause kein Ort, sondern ein Mensch sein könnte, hat sich im letzten Jahrzehnt immer weiter zerfasert. Menschen kommen in meiner Idee von einem sicheren Zuhause nur noch am Rande vor. Vor gut einem Jahr dachte ich, ich sterbe an dem Kummer des Verlassenwerdens. Der war auch deshalb so groß, weil ich selbstverständlich ebenfalls in der Beziehung auf ein Zuhause hingearbeitet hatte. So wie mein ganzes Leben lang. Und diese Arbeit hatte ich in eben jener Phase meines Lebens eng an die Gegenwart meines Ex-Partners geknüpft. Aus heutiger Sicht war das womöglich blöd. Aber ich mag es doch nicht so recht als blöd bezeichnen. Es war damals folgerichtig, sich mit meinem ehemaligen Partner auf der Reise zusammenzutun, weil das Versprechen so leuchtend und groß war und die Reise allein so aussichtslos und beschwerlich. Aber mein Reisebegleiter war schnell überfordert und hatte die Überforderung dann bekanntlich nach sechseinhalb Jahren satt.

Am Anfang unserer Beziehung haben wir uns mit großer Freude von Makler*innen Häuser weit auf dem Land zeigen lassen. Ich dachte, wir hätten beide vor, eins zu kaufen und war bereit, im Wendland auf 200 renovierungsbedürftigen Quadratmetern im Team mit ihm ganz neu anzufangen. Ob er je den selben Plan hatte, wird ewig ein Mysterium bleiben. Jedenfalls zerschellte das Vorhaben lange vor unserer Trennung an Sprachlosigkeit und seinen weltlichen Schwierigkeiten.








Dafür hat mir der Ex zu einem unserer Weihnachtsfeste tatsächlich ein Haus gebaut, s.o.. Das Puppenheim blieb allerdings immer ein etwas wackeliger Rohbau, an dem frau sich leicht einen Splitter einfangen konnte. Sein Bau wurde auf experimenteller Ebene als Vorschlag begonnen und danach niemals weiterverfolg. Und damit war es als Symbol für unsere Pläne hochkonsequent. In meiner Wohnung verbreitete es als grimmiger Fremdkörper zuletzt nur noch den traurigen Dunst des erneuten Scheiterns. Und so habe ich mich vor ein paar Wochen davon befreit.





Mein neuester Vorstoß, nach Hause zu gelangen, hängt derzeit vom Wohnungsverkauf ab. Ich brauche das Geld aus dem Wohnungsverkauf, um allein (nicht ganz so weit) auf das Land zu ziehen. Meine Wohnung will aber seit Monaten niemand kaufen. Wenn ich an Zeichen glauben würde, müsste ich mich wohl langsam dafür entscheiden, doch in dieser Wohnung auszuharren. Es bleibt dabei: Es ist nie etwas einfach. 

Ach, und noch ein paar Durchsagen:

Der Club der dicken Damen trifft sich weiterhin regelmäßig. Unser Motto ist noch immer: Und Wie geht es dir so? Das nächste Treffen ist am Sonntag, dem 04.08.2024 um 17.30 Uhr über Skype. Jede*r kann sich anmelden unter office(at)nicola-hinz.com.

Noch gebe ich ja trotz allem nicht so recht auf, meinen Menschen zu finden. Wenn jemand mich heiraten (oder mit mir die NordArt in Büdelsdorf besuchen will) - mein Profilname bei Finya lautet übrigens Katzundbuch.

Sollte außerdem eine*r auf der Suche nach einer Eigentumswohnung (im Auto 30 Minuten vom Stadtzentrum Hamburgs entfernt und direkt am Sachsenwald liegend) sein - ich habe da zufällig eine zu verkaufen. Spread the word.

Und schließlich - wenn ihr ihn noch nicht kennt: HeyWolfie ist ein sehr sympathischer und sehr gründlicher antifaschistischer Kommentar-Channel für Gesellschaftliches, Politik und Medien bei YouTube, der es dringend verdient zu wachsen. Es war mir irgendwie ein Bedürfnis, ihn hier weiterzuempfehlen. :)


NH

Sonntag, 1. Dezember 2019

Adventsblog 1: Nach Hause



Trigger Warning: Lustig wird es hier nicht.

Da haben wir es wieder fast geschafft - das Jahr ist vorbei. Zeit für den Fragebogen, der hier mittlerweile zur Tradition geworden ist. Eine der Fragen ist für gewöhnlich, was das "Lieblingslied" des vergangenen Jahres war.

Vor ein paar Tagen habe ich durch Zufall Catie Turners "Home" auf YouTube entdeckt. Und aus heiterem Himmel Rotz und Wasser geheult.

Wenn man mich fragt, wie es mir geht, antworte ich bereits seit Jahren: "Danke, man tut immer sein Bestes." Dabei lächle ich und vermutlich denken die Meisten, ich mache einen drolligen Witz. Dabei ist es mein voller Ernst und die absolute Wahrheit. Aus Unterhaltungen mit meinen Leserinnen weiß ich aber auch, dass viele ganz genau verstehen dürften, was ich meine.

Catie Turners Lied beginnt mit "I miss you when I least expect it" (Ich vermisse dich dann, wenn ich es am wenigsten erwarte) Mittendrin heißt es "I just wanna go home" (Ich will einfach nur nach Hause). Es waren wohl diese beiden Stellen im Text, die mich besonders erwischt und aufgemischt haben.

Es war wieder kein leichtes Jahr. Wenn ich mich durch den Alltag boxe und in der Tat immer mein Bestes versuche, rede ich oft mit mir selbst (natürlich nur, wenn ich mit mir allein bin : )), besonders morgens. Mein reflexartiges Grundeingestellungsmantra ist: "Ich will nach Hause. Ich will nur noch nach Hause. Bitte lasst mich doch endlich nach Hause." Offenbar bricht sich in dieser Ansprache das kulturell tief verwurzelte Konzept einer unsichtbaren aber zuständigen Instanz Bahn. Es überrascht mich immer wieder, denn natürlich bin ich nicht religiös. Manchmal wünschte ich, ich könnte es sein. So, wie ich mir manchmal wünsche, ich könnte mich einfach mal sinnlos betrinken. Aber ich kann weder das Eine noch das Andere, denn wenn ich etwas mehr hasse als alles andere, dann ist es, Kontrolle abzugeben.

Meiner Mutter habe ich kurz vor ihrem Tod verordnet, dass sie nicht sterben dürfe, denn ohne sie würde ich kein Zuhause mehr haben. Auch das war die Wahrheit.

Jetzt bin ich fast 48 Jahre alt und statt sich von der Zeit heilen zu lassen, wird meine Haut immer dünner. Mir sind bis heute zu viele weggestorben und mir war nicht klar, wie nah unter der Oberfläche die Trauer sich, vermischt mit panischer Verlustangst, abgelagert hat. Mir graut es vor noch mehr Gräbern. Und wenn es nur eine weitere kleine Katzenurne im Regal ist. Die Verluste bis hierher stapeln sich wie die Kisten im Keller. Und die dazugehörenden Schmerzen brechen unerwartet aus dem Unterholz.

Wenn mir irgendetwas Erzählenswürdiges passiert, ist der erste Impuls auch nach 10 Jahren noch zumeist, es meiner Mutter erzählen zu wollen. Das verschiebt sich nun ein wenig, und Oliver rückt langsam an die Stelle des wichtigsten Empfängers für Neuigkeiten.

Wie dem auch sei, es ist ein schönes und tieftrauriges Lied. Der Rest des Fragebogens kommt später.

NH