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Donnerstag, 12. März 2026

Frühling


Die Sonne im Eingang.



Willow in der Sonne.

Ich habe einen Baum eingepflanzt, den ich schon immer im Garten haben wollte. Eine Trauerweide, die jetzt neben dem Teich steht. "Der Wind in den Weiden" war eines meiner Lieblingsbücher als ich ein Kind war. Wie ich immer wieder gern erzähle, erfreut mich auch heute noch kaum etwas so sehr, wie Geschichten von kleinen Wildtieren, die in Höhlen, Kaffeekannen, Pilzen oder Baumstämmen wohnen. Hoffentlich wächst sie schnell. Die Weide.

Endlich ist der Schnee weg und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben erleichtert, dass die Sonne scheint. Ich bin keine Freundin von prallem Sonnenschein, war ich noch nie, aber die Katzen saugen jeden Strahl gierig mit allen Seidenhärchen auf. Sie halten ihre Kuschelbäuche der Sonne entegegen, als ob es darum ginge, einen inneren Vorrat anzulegen. Offenbar waren wir alle komplett ausgezehrt. Der Winter hat uns alle total erledigt. Willow scheint es auch sonst besser zu gehen - sie ist weniger nervös und zoomt abends mit Tippi fröhlich von einem Ende des Hauses zum anderen. In der (noch immer nicht fertig eingeräumten) Bibliothek hat sie sich auf einem Sessel einen speziellen Ort in der Nachmittagssonne organisiert, um den sie nicht konkurrieren muss. Sie ist auch viel allein im Catio.

Ich bin nun auch ein wenig wie der Mauwurf in Kenneth Grahames "The Wind in the Willows" - ich rieche den Frühling und komme auf Ideen, die mich aus dem Haus treiben. Darum auch die Weide. Aber abgesehen davon läuft alles weiter schleppend. Und was sich nicht schleppt, das triggert. Die meiste Zeit verbringe ich mit dem Kampf gegen Angst und Gram. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und mit dem Frühling beginnt sie naturgemäß immer, besonders erfolgreich zu sprießen. Überall frische und erfolgreiche Anfänge in der Natur - das war noch nie hilfreich, wenn frau selbst dem Druck des Alltags alles entgegen stemmt, was sie erübrigen kann und damit natürlich kaum Resourcen hat für große Pläne und persönliche Ziele.

Frühjahrsmüde bin ich ja immer. 

Insgeheim würde ich noch immer gern schön und reich werden. Und glücklich. Manch eine Programmierung sitzt so tief - frau wird sie niemals los. Was blöd ist, weil meine verstimmte Disposition eben auch immer so hartnäckig war, dass es nie für das Durchhalten großer Erfolgs- oder Selbstverbesserungsprogramme gereicht hat. Frau hat eine ziemlich genaue Ahnung, was zu tun wäre, um massiv etwas im Äußeren zu verändern, allein ihr fehlt der Saft. Und zwar schon immer. Aber seit jeher ploppt alle Nase lang der Wunsch auf, einfach doch noch einmal "alles in Angriff" zu nehmen - und bei dem Vorhaben zu gewinnen. Fit werden. Gesund werden. Finanziell stabil werden. Vegan werden. Politisch aktiv werden. Beliebt werden. Fröhlich werden. Organisiert werden. Wieder lesen. Wieder schreiben. Endlich mal schreiben, was erfolgreich ist. Endlich Gehör finden. Endlich gesehen werden. Sie lässt sich nicht abschütteln. Die Vorstellung, ich hätte mehr sein müssen und können - und es sei der Zeitpunkt zum Aufgeben noch gar nicht gekommen. Eine Vorstellung wie ein Klotz am Bein. Ich wünschte, ich könnte einfach aufgeben. So richtg, wirklich und umfassend. Meine Bucket List, mein unrealistisches Selbstbild, meine Ansprüche, meine Erwartungen, Angst vor der Sinnlosigkeit, alles. Aber nicht einmal das klappt. 

Am rechten Fuß habe ich einen mittleren Zeh, der seit Monaten so entzündet ist, dass er beim Laufen fast immer in verschiedenen Intensitäten schmerzt. Eine Behandlung mit Antibiotika war unlängst nur mäßig wirksam. Ich glaube ja, mir sitzen die enttäuschten Hoffnungen im Zeh. Sie erschweren jeden Schritt und hören nie auf zu nörgeln und zu sticheln. Auch das ist übrigens nichts Neues. Meine Füße haben in über 50 Jahren immer wieder ebenso überzeugende wie unberechenbare  Gründe gefunden, mich nicht angemessen zu tragen. Sie sind eine angewachsene, täglich gültige Metapher. Die tatsächlichen Ursachen blieben mithin zumeist unklar. Ich erinnere mich an eine sehr lange Phase mit Mitte Dreißig, in der ich jeden Morgen die ersten Minuten auf Zehenspitzen gehen musste, weil es zu schmerzhaft war, aus dem Bett frisch aufgestanden mit der ganzen Sohle aufzutreten.

Immerhin haben ein paar Fische im Teich den Winter überlebt. Das hatte ich nicht erwartet. Aber da kamen sie plötzlich an die Oberfläche. Sie wollten wohl auch zur Sonne.

NH

Montag, 23. Dezember 2024

A Very Merry Flexmas!*

                A bigger splash (David Hockney)

If you leave the light on, I'll leave the light on. (Maggie Rogers)

Show me my silver lining. (First Aid Kit)

Als Kind im Grundschulalter hatte ich für mein erwachsenes Leben die Vision, als Hexe mit Katze in einem Häuschen im Wald zu wohnen. Fast zwei Jahrzehnte später hatte ich dann den Plan, eine große Nummer in Hollywood zu werden und in einer Villa am Hang zu wohnen – mit einem großen, blau blitzenden und schillernden Swimming-Pool.

Als meine Mutter 2009 starb, erwarb ich mit ihrem Geld eine Wohnung vor den Toren Hamburgs, um mich und meine Trauer zu parken. Für den Fall, dass ich mich nie wieder erholen würde, hatte ich alles vorher sorgfältig und hoch vernünftig geplant – in dieser Wohnung konnte Frau auf praktische Weise alt und/oder krank sein: Erdgeschoss, klein genug, um bei Hartz IV sicher zu sein, keine Miete, gleich zwei Krankenhäuser im Umkreis weniger Kilometer, zu Fuß fünf Minuten bis zu den Allgemeinärzt*innen und, ebenso naheliegend, zwei Apotheken, eine Bäckerei, ein Supermarkt, eine Optikerin – und eine S-Bahn nach Hamburg, ebenfalls in 10 bis 15 Gehminuten zu erreichen (sollte ich mit 99 Jahren nicht mehr Auto fahren können oder wollen).

Was sich jedoch schnell herausstellte, war, dass die Aussicht, in dieser Wohnung wirklich alt zu werden, eher dazu angetan war, mich tatsächlich noch verzweifelter zu machen, als ich es ohnehin schon war. Nervige WEG*-Sitzungen, untätige, unverschämte und haarsträubend inkompetente Hausverwaltungen, durchgeknallte und bösartige Nachbar*innen, die auf ihre Weise für Cringe, Creep, Lärm und Chaos sorgten und schließlich der Bau eines zutiefst geschmacklosen Mehrfamilienbunkers direkt vor meiner Nase, wo sich ursprünglich ein großer, wilder Garten befunden hatte. Abgesehen davon, dass trotz kostspieliger Anfragen meinerseits unklar bleiben wird, wie dieses Ungetüm, das ganz klar mit dem Bebauungsplan kollidiert, genehmigt werden konnte, hatten meine Eichhörnchen die Nase voll von der Versiegelung nebenan und zogen in kürzester Zeit um – auf Nimmerwiedersehen – und ließen meine Nussstation verwaist zurück.

Ich hätte es ihnen umgehend gleichtun sollen.

Hab ich damals aber nicht. Duh.

Dann stellte sich zu Beginn meiner Beziehung zu meinem Ex-Partner sehr schnell und zu meiner ausgesprochenen Freude heraus, dass wir den Haustraum, wie so Vieles, teilten. Wir besichtigten potentielle Eigenheime für eine gemeinsame Zukunft mit viel Platz, Ruhe und Natur (ich berichtete). Ich schmiedete kühne Pläne. Er tat nur so, weil er mir verheimlicht hatte, dass er und seine Ressourcen längst alle aus der Kurve geflogen waren.

Es wäre mir ehrlich nicht in den Sinn gekommen, uns ein Haus zu kaufen. Ich machte mich in den folgenden Jahren unserer Beziehung vielmehr daran, ihn in die Verfassung zu hieven, das Vorhaben mit mir gemeinsam zu verwirklichen. In meinem Drehbuch kauften wir uns ein Haus. Außerdem sollte meine Wohnung als „Stadtwohnung“ für Ausflüge in die Zivilisation und zum Zwecke des Theater- oder Museumsbesuches, zum Einkaufen und für berufliche Einsätze idealerweise erhalten bleiben. So unsere Überlegung. Aus heutiger Sicht: Facepalm. Klar.

Für das letzte Weihnachten, bevor er mich verließ, hatten wir ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst, dass wir dieses endlich „im neuen Haus“ feiern würden, bzw. nun ernsthaft in die Umsetzung einsteigen würden. Geklappt hat es dann bekanntlich wieder nicht.

Bibbidi-bobbidi-boo!  

Aber eineinhalb Jahre, nachdem der Ex mich hat sitzen lassen, ist es jetzt soweit. Ich wohne im Wald. Mit meinen Katzenmädchen. Im eigenen Hexenhaus, das allerdings gar nicht so klein ist, wie frau sich ein Hexenhaus gemeinhin vorstellen mag. Ich habe mir ein Haus gekauft.

Und so ist es nun Zeit, kurz vor den Feiertagen auch einmal aus vollstem Herzen Danke zu sagen:

Wenn du mich nicht entsorgt hättest, wäre unsere Geschichte womöglich auf eine von zwei Weisen weitergegangen:

a)

Wir säßen vielleicht zu diesen Festtagen gemeinsam in einem Haus mit Glasfaser nur eine Stunde entfernt von Hamburg am knisternden Feuer des Ofens mit Blick auf ein Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Garten, in dem es genug Platz gäbe für ein Dutzend vintage Wohnmobile, einen Zaun und Hecken, die für jeden Hund hoch genug wären – und einen Swimming-Pool.

(Ja, ich bin endlich Besitzerin eines Pools. Eines himmelblauen Hexenpools im Wald. So verweben sich in meinem neuen Zuhause nun meine Kindheitspläne mit den Zielen meines Ichs bis Mitte Zwanzig auf ganz bemerkenswerte Weise. Hometour folgt im neuen Jahr.)

b)

Oder wir würden heute weiterhin zusammen leicht verunsichert und/oder angesäuert vor uns hin stagnieren und das Beste daraus machen. Seien wir ehrlich. Das wäre der wahrscheinliche Ausgang gewesen.

Also, mein Lieber: Danke für alles! Ich habe es verdient. :)


NH

*Flexen – angeben

*WEG – Wohnungseigentümer*innengemeinschaft