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Donnerstag, 12. März 2026

Frühling


Die Sonne im Eingang.



Willow in der Sonne.

Ich habe einen Baum eingepflanzt, den ich schon immer im Garten haben wollte. Eine Trauerweide, die jetzt neben dem Teich steht. "Der Wind in den Weiden" war eines meiner Lieblingsbücher als ich ein Kind war. Wie ich immer wieder gern erzähle, erfreut mich auch heute noch kaum etwas so sehr, wie Geschichten von kleinen Wildtieren, die in Höhlen, Kaffeekannen, Pilzen oder Baumstämmen wohnen. Hoffentlich wächst sie schnell. Die Weide.

Endlich ist der Schnee weg und ich bin zum ersten Mal in meinem Leben erleichtert, dass die Sonne scheint. Ich bin keine Freundin von prallem Sonnenschein, war ich noch nie, aber die Katzen saugen jeden Strahl gierig mit allen Seidenhärchen auf. Sie halten ihre Kuschelbäuche der Sonne entegegen, als ob es darum ginge, einen inneren Vorrat anzulegen. Offenbar waren wir alle komplett ausgezehrt. Der Winter hat uns alle total erledigt. Willow scheint es auch sonst besser zu gehen - sie ist weniger nervös und zoomt abends mit Tippi fröhlich von einem Ende des Hauses zum anderen. In der (noch immer nicht fertig eingeräumten) Bibliothek hat sie sich auf einem Sessel einen speziellen Ort in der Nachmittagssonne organisiert, um den sie nicht konkurrieren muss. Sie ist auch viel allein im Catio.

Ich bin nun auch ein wenig wie der Mauwurf in Kenneth Grahames "The Wind in the Willows" - ich rieche den Frühling und komme auf Ideen, die mich aus dem Haus treiben. Darum auch die Weide. Aber abgesehen davon läuft alles weiter schleppend. Und was sich nicht schleppt, das triggert. Die meiste Zeit verbringe ich mit dem Kampf gegen Angst und Gram. Ich habe Angst vor der Zukunft. Und mit dem Frühling beginnt sie naturgemäß immer, besonders erfolgreich zu sprießen. Überall frische und erfolgreiche Anfänge in der Natur - das war noch nie hilfreich, wenn frau selbst dem Druck des Alltags alles entgegen stemmt, was sie erübrigen kann und damit natürlich kaum Resourcen hat für große Pläne und persönliche Ziele.

Frühjahrsmüde bin ich ja immer. 

Insgeheim würde ich noch immer gern schön und reich werden. Und glücklich. Manch eine Programmierung sitzt so tief - frau wird sie niemals los. Was blöd ist, weil meine verstimmte Disposition eben auch immer so hartnäckig war, dass es nie für das Durchhalten großer Erfolgs- oder Selbstverbesserungsprogramme gereicht hat. Frau hat eine ziemlich genaue Ahnung, was zu tun wäre, um massiv etwas im Äußeren zu verändern, allein ihr fehlt der Saft. Und zwar schon immer. Aber seit jeher ploppt alle Nase lang der Wunsch auf, einfach doch noch einmal "alles in Angriff" zu nehmen - und bei dem Vorhaben zu gewinnen. Fit werden. Gesund werden. Finanziell stabil werden. Vegan werden. Politisch aktiv werden. Beliebt werden. Fröhlich werden. Organisiert werden. Wieder lesen. Wieder schreiben. Endlich mal schreiben, was erfolgreich ist. Endlich Gehör finden. Endlich gesehen werden. Sie lässt sich nicht abschütteln. Die Vorstellung, ich hätte mehr sein müssen und können - und es sei der Zeitpunkt zum Aufgeben noch gar nicht gekommen. Eine Vorstellung wie ein Klotz am Bein. Ich wünschte, ich könnte einfach aufgeben. So richtg, wirklich und umfassend. Meine Bucket List, mein unrealistisches Selbstbild, meine Ansprüche, meine Erwartungen, Angst vor der Sinnlosigkeit, alles. Aber nicht einmal das klappt. 

Am rechten Fuß habe ich einen mittleren Zeh, der seit Monaten so entzündet ist, dass er beim Laufen fast immer in verschiedenen Intensitäten schmerzt. Eine Behandlung mit Antibiotika war unlängst nur mäßig wirksam. Ich glaube ja, mir sitzen die enttäuschten Hoffnungen im Zeh. Sie erschweren jeden Schritt und hören nie auf zu nörgeln und zu sticheln. Auch das ist übrigens nichts Neues. Meine Füße haben in über 50 Jahren immer wieder ebenso überzeugende wie unberechenbare  Gründe gefunden, mich nicht angemessen zu tragen. Sie sind eine angewachsene, täglich gültige Metapher. Die tatsächlichen Ursachen blieben mithin zumeist unklar. Ich erinnere mich an eine sehr lange Phase mit Mitte Dreißig, in der ich jeden Morgen die ersten Minuten auf Zehenspitzen gehen musste, weil es zu schmerzhaft war, aus dem Bett frisch aufgestanden mit der ganzen Sohle aufzutreten.

Immerhin haben ein paar Fische im Teich den Winter überlebt. Das hatte ich nicht erwartet. Aber da kamen sie plötzlich an die Oberfläche. Sie wollten wohl auch zur Sonne.

NH

Sonntag, 15. Februar 2026

Winter


Ich bin zum ersten Mal fest angestellt. Nachdem mich eine Auftraggeberin nach etlichen Jahren der Zusammenarbeit ohne Vorwarnung kurz vor Weihnachten vor die Tür gesetzt hatte, habe ich in höchster Panik im Internet nach Optionen gesucht und bin ausgerechnet bei Instagram zum ersten Job als angestellte Arbeitnehmerin meines Lebens gekommen - Teilzeit, mit Sozialabgaben und Krankenkasse und Urlaubstagen und all dem. Außerdem auch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit.

Aber ich war bisher immer selbständig. Ich habe mich mit Mitte zwanzig und mitten im Studium als Freiberuflerin in die Welt der unabhängigen Arbeit begeben und nie zurückgeschaut. Ich wollte nie Vorgesetzte - ich traf auf die Vorgesetzten von anderen Leuten in Besprechungszimmern und war zumeist verdammt erleichtert, dass diese Leute mir keine Vorschriften machen konnten. Ich hörte die Geschichten von anderen über ihre Chef*innen und war heilfroh, nur eine einzige Chefin je gehabt zu haben - mich selbst. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mit Kompromissen und stillem Rückzug/Groll die vermeintliche Sicherheit zu erkaufen, die ein festes Arbeitsverhältnis angeblich mit sich bringt. Ich habe nie verstimmt oder sehnsüchtig an dem Umstand geknabbert, dass frau mit sozialversicherungspflichtigem Job “auch mal krank werden konnte” ohne sofortige finanzielle Einbußen. Auch dann nicht, wenn ich krank war. Was so gut wie nie vorkam. Ich war nicht zu krank, um zu arbeiten. Ich war vielleicht zu krank, um im Rest meines Lebens klarzukommen. Aber ich falle nicht aus, wenn es darum geht, wirtschaftlich weiter irgendwie über die Runden zu kommen - auch ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe mich immer zusammengerissen, wie es meine Mutter mir beigebracht hat. Freiheit macht glücklicher als eine höchst trügerische Sicherheit. Ich war meine Sicherheit. Mit Ach und Krach. Und zusammengerissen bis zum Reißen.

Ich war also nie neidisch auf feste Arbeitsplätze. Als freier Coach und Beraterin in Unternehmen war mir immer klar, dass die Absicherung dort einen nicht geringen Preis hatte und mitunter durch Wegducken und Aushalten erhalten wurde. Ich war allerdings sehr wohl manchmal neidisch darauf, wie versorgt (mit Geld und Status) andere Frauen durch ihre Beziehungen zu sein schienen. Ich hätte zu bestimmten Zeiten im Leben gern daran geglaubt, dass es möglich ist, Verantwortung und Belastungen des Alltags, aber auch die Mühen der allgemeinen Lebensplanung, hin und wieder abzugeben oder zumindest einigermaßen gerecht zu teilen. Es ist mir bekanntlich nie gelungen, einen Lebenspartner zu finden, mit dem das möglich gewesen wäre. Und ich weiß natürlich, dass es den meisten heterosexuellen Cis-Frauen nicht wirklich gelingt. Allen voran meine Mutter.


Sie hat zugegebenermaßen ordentlich Status und Versorgung durch ihre Ehe mit meinem Vater an Land gezogen. Dafür ist er irgendwann im Laufe ihrer Schwangerschaft mit mir eines Morgens vom Frühstückstisch aufgestanden, um sie zu würgen. Meine Mutter war vor ihrer Trauung schwanger geworden, weil sie unbedingt ein Kind wollte (mich) und meine Existenz zur Voraussetzung für eine Eheschließung gemacht hatte, damit sich mein mittelalter Vater (47 Jahre), der schon eine Tochter hatte, es sich nach der Hochzeit nicht plötzlich anders überlegen würde - so wie ihr erster Ehemann. Die Schneiderin, die ihr Hochzeitskleid nähte, überredete sie, den Mann, der sie gewürgt hatte, doch noch zu heiraten, weil das Kind (ich) doch einen Namen brauchte. Also den Nachnamen meines würgenden Vaters. 


In meiner Familie gab es danach meines Wissens nach keine körperliche Gewalt. Nur die Bedrohlichkeit, die das abwegige und unvorhersehbare Verhalten eines Alkoholikers mit Waffenschein so täglich mit sich brachte. 


Der Schnee liegt wie eine Kruste aus weißem Schorf um mein Haus herum. Zu bestimmten Zeiten in diesem Winter hatte ich panische Angst vor den Schneemengen auf meinem alten Dach. Ja, ich wohne im Hexenhaus am Wald, aber während der erste Winter, in dem ich auch eingezogen war, in erschöpfter aber auch triumphaler Hoffnung vorüberzog, habe ich nach dem ersten Jahr der vielen großen und kleinen Katastrophen in den letzten Monaten so sehr gefroren, wie noch nie zuvor in meinem Leben - innerlich wie äußerlich. Das Haus scheint nicht mehr warm zu werden - auch dann nicht, wenn das Feuer im Ofen lodert und gleichzeitig die Heizung voll aufgedreht ist (was ich mir eigentlich gar nicht leisten kann). Der Dauerfrost droht mit Unberechenbarkeit und Zerstörung an Bauwerk und Anlagen.


Ich fürchte, mein Zitrusbaum hat trotz unordentlicher und zielloser Verhüllung in der Garage nicht überlebt. Er ist über fünfzig Jahre alt. ICH habe ihn vor über fünfzig Jahren gepflanzt. Meine Mutter gab mir einen Kern und zeigte mir, wie ich ihn in der Erde eines Blumentopfes versenken sollte, damit einst ein Baum daraus werden würde. Und eben jenen symbolträchtigen Baum haben das Haus im Wald und all die Umstände, die es mit sich gebracht hat, womöglich in unserem zweiten Winter dahingerafft. Ich konnte ihn nicht retten. Ich konnte ihn nicht mehr ins Gästehaus verschieben. Ich hatte Rücken und Füße. Und ich habe gefroren wie noch nie. Und der Baum hat übrigens nie geblüht - darum war auch immer unklar, ob er eine Zitrone oder Orange ist. Aber Kerne aus einer Supermarktorange erzeugen offenbar keine blühenden Bäume. Natürlich nicht…


Die letzten Jahre waren ein unendlicher Fall über eine Böschung. Hier und da konnte frau sich am Gestrüpp festkrallen, um die Vehemenz zu drosseln. Nicht selten hat sie sich dabei Hände und Arme zerkratzt, musste vor Schmerzen wieder loslassen und fand nie echten Halt. Von außen hätte das keine gesehen oder auch nur vermutet. Nicht einmal mein eigener Psychiater hat mir vor Jahrzehnten zunächst geglaubt, dass mein Kampf, im und am Leben zu bleiben, nicht nur echt, sondern auch verdammt verzweifelt, verbissen und vor allem für immer war. Ich kannte nichts Anderes. Ich kenne nichts Anderes. Frau könnte denken, der Kampf wird durch Vertrautheit einfacher. Aber das ist nicht so. Der Körper wird müder. Die Enttäuschung und die Wut über die vertane Zeit werden größer und roher. Die Hoffnung auf Erklärung - wofür das alles? - und Erlösung/Erleichterung wird jedoch mit jeder Sekunde, in der ich frierend strample und klammere, durchscheinender und brüchig. Sie wabert und geistert und verglüht. Ich frage mich jeden Tag, wann sie wohl ausläuft. Und wie lebt es sich dann?


Irgendwie muss das Leben noch ein wenig friedlich und ein bisschen schöner werden, damit nicht alles umsonst war. 


Willow hat neue gesundheitliche Probleme. Vor einem knappen Jahr ist sie fast gestorben und hat nun vermutlich mit neurologischen Langzeiteffekten zu tun. Ich wünsche mir so sehr, dass es ihr endlich wieder richtig gut geht. Für Tippi wünsche ich mir das auch, denn der geht die wunderliche Willow ziemlich auf die Nerven.


Und die Zeit läuft. Immer. 


Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht dauernd. Ich hoffe wirklich, ich wiederhole mich nicht dauernd.


Und ich habe zum zweiten Mal ein totes Reh im Garten gefunden. Am hinteren Tor, das in den Wald führt. Da lag es, äußerlich scheinbar unversehrt, reglos im ewigen Schnee.


NH


Montag, 23. Dezember 2024

A Very Merry Flexmas!*

                A bigger splash (David Hockney)

If you leave the light on, I'll leave the light on. (Maggie Rogers)

Show me my silver lining. (First Aid Kit)

Als Kind im Grundschulalter hatte ich für mein erwachsenes Leben die Vision, als Hexe mit Katze in einem Häuschen im Wald zu wohnen. Fast zwei Jahrzehnte später hatte ich dann den Plan, eine große Nummer in Hollywood zu werden und in einer Villa am Hang zu wohnen – mit einem großen, blau blitzenden und schillernden Swimming-Pool.

Als meine Mutter 2009 starb, erwarb ich mit ihrem Geld eine Wohnung vor den Toren Hamburgs, um mich und meine Trauer zu parken. Für den Fall, dass ich mich nie wieder erholen würde, hatte ich alles vorher sorgfältig und hoch vernünftig geplant – in dieser Wohnung konnte Frau auf praktische Weise alt und/oder krank sein: Erdgeschoss, klein genug, um bei Hartz IV sicher zu sein, keine Miete, gleich zwei Krankenhäuser im Umkreis weniger Kilometer, zu Fuß fünf Minuten bis zu den Allgemeinärzt*innen und, ebenso naheliegend, zwei Apotheken, eine Bäckerei, ein Supermarkt, eine Optikerin – und eine S-Bahn nach Hamburg, ebenfalls in 10 bis 15 Gehminuten zu erreichen (sollte ich mit 99 Jahren nicht mehr Auto fahren können oder wollen).

Was sich jedoch schnell herausstellte, war, dass die Aussicht, in dieser Wohnung wirklich alt zu werden, eher dazu angetan war, mich tatsächlich noch verzweifelter zu machen, als ich es ohnehin schon war. Nervige WEG*-Sitzungen, untätige, unverschämte und haarsträubend inkompetente Hausverwaltungen, durchgeknallte und bösartige Nachbar*innen, die auf ihre Weise für Cringe, Creep, Lärm und Chaos sorgten und schließlich der Bau eines zutiefst geschmacklosen Mehrfamilienbunkers direkt vor meiner Nase, wo sich ursprünglich ein großer, wilder Garten befunden hatte. Abgesehen davon, dass trotz kostspieliger Anfragen meinerseits unklar bleiben wird, wie dieses Ungetüm, das ganz klar mit dem Bebauungsplan kollidiert, genehmigt werden konnte, hatten meine Eichhörnchen die Nase voll von der Versiegelung nebenan und zogen in kürzester Zeit um – auf Nimmerwiedersehen – und ließen meine Nussstation verwaist zurück.

Ich hätte es ihnen umgehend gleichtun sollen.

Hab ich damals aber nicht. Duh.

Dann stellte sich zu Beginn meiner Beziehung zu meinem Ex-Partner sehr schnell und zu meiner ausgesprochenen Freude heraus, dass wir den Haustraum, wie so Vieles, teilten. Wir besichtigten potentielle Eigenheime für eine gemeinsame Zukunft mit viel Platz, Ruhe und Natur (ich berichtete). Ich schmiedete kühne Pläne. Er tat nur so, weil er mir verheimlicht hatte, dass er und seine Ressourcen längst alle aus der Kurve geflogen waren.

Es wäre mir ehrlich nicht in den Sinn gekommen, uns ein Haus zu kaufen. Ich machte mich in den folgenden Jahren unserer Beziehung vielmehr daran, ihn in die Verfassung zu hieven, das Vorhaben mit mir gemeinsam zu verwirklichen. In meinem Drehbuch kauften wir uns ein Haus. Außerdem sollte meine Wohnung als „Stadtwohnung“ für Ausflüge in die Zivilisation und zum Zwecke des Theater- oder Museumsbesuches, zum Einkaufen und für berufliche Einsätze idealerweise erhalten bleiben. So unsere Überlegung. Aus heutiger Sicht: Facepalm. Klar.

Für das letzte Weihnachten, bevor er mich verließ, hatten wir ein Jahr zuvor den Entschluss gefasst, dass wir dieses endlich „im neuen Haus“ feiern würden, bzw. nun ernsthaft in die Umsetzung einsteigen würden. Geklappt hat es dann bekanntlich wieder nicht.

Bibbidi-bobbidi-boo!  

Aber eineinhalb Jahre, nachdem der Ex mich hat sitzen lassen, ist es jetzt soweit. Ich wohne im Wald. Mit meinen Katzenmädchen. Im eigenen Hexenhaus, das allerdings gar nicht so klein ist, wie frau sich ein Hexenhaus gemeinhin vorstellen mag. Ich habe mir ein Haus gekauft.

Und so ist es nun Zeit, kurz vor den Feiertagen auch einmal aus vollstem Herzen Danke zu sagen:

Wenn du mich nicht entsorgt hättest, wäre unsere Geschichte womöglich auf eine von zwei Weisen weitergegangen:

a)

Wir säßen vielleicht zu diesen Festtagen gemeinsam in einem Haus mit Glasfaser nur eine Stunde entfernt von Hamburg am knisternden Feuer des Ofens mit Blick auf ein Gästehaus, ein Gewächshaus, einen Garten, in dem es genug Platz gäbe für ein Dutzend vintage Wohnmobile, einen Zaun und Hecken, die für jeden Hund hoch genug wären – und einen Swimming-Pool.

(Ja, ich bin endlich Besitzerin eines Pools. Eines himmelblauen Hexenpools im Wald. So verweben sich in meinem neuen Zuhause nun meine Kindheitspläne mit den Zielen meines Ichs bis Mitte Zwanzig auf ganz bemerkenswerte Weise. Hometour folgt im neuen Jahr.)

b)

Oder wir würden heute weiterhin zusammen leicht verunsichert und/oder angesäuert vor uns hin stagnieren und das Beste daraus machen. Seien wir ehrlich. Das wäre der wahrscheinliche Ausgang gewesen.

Also, mein Lieber: Danke für alles! Ich habe es verdient. :)


NH

*Flexen – angeben

*WEG – Wohnungseigentümer*innengemeinschaft

Freitag, 23. Februar 2024

Aus dem Nähkästchen: Beziehungstipps


Der mehrstufige, aufklappbaren Nähkasten, dessen Inhalt ich fotografiert habe, war ein Weihnachtsgeschenk. Ich habe ihn auf einem Weihnachtsmarkt an einem Stand für Antiquitäten gesehen und ihn mir gewünscht. Er war voll mit Utensilien, so wie der Nähkorb meiner Mutter, den ich auch noch immer besitze - zusammen mit ihren Garnspulen, die in einem transparenten, länglichen Plastikbehälter sorgfältig farblich sortiert auf kleinen Plastikstäbchen sitzen, wie in einem Bus. 

Nähkästen sind Frauengeschichte. Sie sind Wahrzeichen für die Sorge der Hüterin des Hauses für die Menschen und Dinge, die sich darin befinden. Es wird repariert, gepflegt, verwandelt und vor allem zusammengehalten. Es entsteht Neues. Manchmal aus Altem. Die Grundlegenden Dinge des Lebens werden von ihr im Fluss gehalten. Der Nähkasten markierte den Bereich ihrer Verantwortung und ihres Wirkens, aber auch die bis heute vorhandene Einschränkung. Denn natürlich steht der Nähkasten auch für erzwungene Häuslichkeit und unterschätzte bzw. missachtete Leistung und Wirkung - und für das spezifische Wissen, das aus einer solch eingeschränkten, weiblichen Existenz erwächst.



Ich bekam also den Kasten zu Weihnachten mit Inhalt und wartete dann Monate, um ihn zu öffnen und die Alltagsschätze meiner Vorbesitzerin zu sichten. Ich wartete auf den richtigen Moment, so als würde sich mit ihm womöglich ein größeres, umfassenderes Geheimnis eröffnen. Dafür würde ich Zeit und angemessene Ruhe und Aufmerksamkeit brauchen. So bewegt ich schließlich davon war, diesen kleinen persönlichen Einblick in das Leben einer Unbekannten zu bekommen, so war das Gefühl der Verbindung bzw. die zwischen den Knöpfen und Nadeln konservierte Weisheit nicht annähernd so stark wie gehofft. Und zwei Tage später beendete mein Ex unsere Beziehung.

Das Wissen anderer Frauen

Ich quäle mich gerade durch Nicole Jägers letztes Werk "Unkaputtbar". Erstens sind toxische Beziehungen seit geraumer Zeit mein Lebensthema - länger, als mir bewusst war. Und zweitens dachte ich mir, dass, wenn die Frau Jäger aus ihren vergangenen Liebschaften einen ganzen Ratgeber machen kann, dann kann ich zumindest einen Blogpost dabei rausholen. Natürlich ist es der Frau Jäger nur gelungen, ein dickes Buch zu schreiben, weil sie, wie bei jeder ihrer Veröffentlichungen, immer und immer wieder den gleichen Inhalt wiederkäut. Aber dazu mehr in der Rezension des Buches, die, hoffentlich, irgendwann zeitnah folgt.

Nachdem ich vor ein paar Monaten nach sechseinhalb Jahren verlassen und dadurch in das tiefste und schwärzeste Loch meines Lebens geschubst worden bin (und regelmäßige Leser*innen wissen, dass ich mit mich Depression und Unzufriedenheit Zeit meines Lebens schon immer ganz gut ausgekannt habe), kann ich rückblickend von festen Verbindungen mit Männern eigentlich ohnehin nur abraten. Wie gesagt: Vier maßgebliche gescheiterte Beziehungen (von kurzen Episoden und Dates ist hier natürlich nicht die Rede) liegen hinter mir. Das ist gut eine pro Jahrzehnt meines Erwachsenenlebens und mag für manche noch überschaubar erscheinen. Für mich war es mit meiner Verlustangst und meinen Ansprüchen an einen Partner auf jeden Fall zu guter Letzt nicht mehr so richtig verkraftbar.

Meiner Erfahrung nach ist der Preis, der hinterher und im Verlauf vermutlich gezahlt wird, ohnehin immer - ja wirklich immer - viel zu hoch, für das, was am Ende bleibt - selbst dann, wenn das Ganze nicht mit einem riesigen Getöse und Geheule in die Brüche geht, sondern sich immer weiter zieht, bis es gnädig versandet. Das will natürlich nicht jede*r hören. Ich eigentlich auch nicht, aber sei es drum.

Insbesondere zu den frühen Warnzeichen der ersten Tage, Wochen und Monate in der Beziehung mit einem Mann kann ich Folgendes zur Unterhaltung beitragen:

1. Du stehst zum ersten Mal in seiner Wohnung und er erzählt dir umgeben von Müll und Gerümpel, er sei nur nach seinem Einzug noch nicht zum Aufräumen gekommen, obwohl du ja nicht blöd bist und sehr wohl weißt, dass du dich in einer Messie-Wohnung befindest. Entweder du nimmst jetzt die Füße in die Hand, oder aber gibst den Wunsch nach einer gemeinsam komfortabel bewohnbaren Wohnung am besten gleich an der Tür ab. Lügen und Gerümpel sind eine richtig schlechte Basis für eine gemeinsame Zukunft.

2. Es befindet sich kein Buch in der Wohnung. So oder so ein schlechtes Zeichen. Auf Nachfrage erfährst du, dass er die Bücher, die er angeblich schon liest, im Keller lagert, weil sie die Optik stören. Auch hier stellt sich die Frage nach den Zukunftsplänen. Natürlich muss frau die gar nicht erst haben - dann ist sie fein raus.



3. Ein weiteres frühes Warnsignal ist, wenn bereits kurz nach dem offiziellen Start der Beziehung grundlegende Hygiene zum wiederkehrenden Problem wird. Schlechter Atem, Schweißgeruch, dreckige Fingernägel, usw. gab es vor dir auch schon, und es fehlt ihm der Drive (und der Respekt), über die Honeymoon-Phase hinaus normale Pflegerituale aufrechtzuerhalten und sich regelmäßig was Sauberes anzuziehen. Darum also der Rückfall in die alte Normalität. Grundsatzgespräche über Körperpflege werden ein ständig notwendiges Ereignis sein. Wenn du das nicht willst, zieh die Reißleine lieber gleich.

4. Erst soll alles ganz schnell gehen. Wohnungsschlüssel werden sofort ausgetauscht, Heiratspläne bereits nach Wochen geschmiedet (fast wird schon der Tanzkurs belegt, damit das Paar beim Hochzeitsfest eine gute Figur macht) und nach einem gemeinsamen Haus wird ebenfalls schon aktiv gesucht. Wenn in Wirbelwindgeschwindigkeit mit allem ernst gemacht soll, stellt sich die Frage, warum überhaupt so hastig? Was soll das sein - Love-Bombing? Auf jeden Fall ist es notwendig, hier zeitnah und ebenso rasch vorher alle wichtigen Informationen einzufordern - z.B. wer soll das alles bezahlen? Oder: Wie viele Leichen liegen da im Keller?



5. Wenn sein Auto überraschend abgeholt wird, weil die Raten nicht mehr bezahlt worden sind, ist das ein Zeichen, dass er offenbar etwas verschwiegen bzw. gelogen hat. Es ist deine Entscheidung, ob du dich mit den finanziellen Problemen eines Partners herumschlagen willst, denn das wirst du, wenn du in der Beziehung bleibst, aber mach dir auf jeden Fall klar, dass du nie alles weißt. Da ist auf jeden Fall immer noch mehr Geldärger, von dem du erst erfahren wirst, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt.

6. Alkohol und Drogen sind wie Schulden und Chaos oder Agoraphobie und Putzzwang - wenn du Lust hast, jemanden zu pflegen und zu therapieren, die sicheren Rückschläge und jahrelange Enttäuschung auszuhalten, dich regelmäßig anschwindeln zu lassen und dich in der Zwischenzeit über die (ganz) kleinen Dinge zu freuen, dann bleib ruhig da.

7. Mangelnde Bereitschaft zur Übernahme von gegenseitiger Verantwortung füreinander sollten immer ein rotes Tuch sein. Wenn du fast an einer Fischvergiftung stirbst und er auch nach Stunden des Kotzens nicht aufsteht, um nach dir zu sehen, verabschiede dich besser, sobald es dir besser geht. Wenn du nach einer Routine-Operation auf der Intensivstation landest und das Krankenhaus ihn nicht erreichen kann, weil er bei fremden Nummern nicht ans Telefon geht, verabschiede dich, wenn es dir wieder besser geht. Oder tue es lieber gleich.



8. Zuverlässigkeit und Respekt gehen Hand in Hand. Wenn er mit deiner Zeit so umgeht, als wäre sie nichts wert und dich regelmäßig ohne guten Grund warten lässt, mach dir klar, dass du offenbar keine Priorität hast. 

9. Wenn in seiner Wohnung nur großformatige Bilder von ihm selbst hängen, lass es besser.

10. Wenn er sich nicht wirklich für deine Arbeit interessiert, bzw. seine immer wichtiger ist, ist das langfristig schlecht für dein Selbstwertgefühl. Das ist am Ende womöglich ein ziemlich hoher Preis.

11. Wenn die Trennung von der Partnerin vor dir erst eine kurze Zeit her ist, und er es ganz offenkundig auch noch nicht geschafft hat, sich komplett abzunabeln, wird das unweigerlich zu Problemen führen. Es gibt Fälle, da klappt das mit der Abnabelung von der Ex übrigens über Jahre hinweg nicht. Just sayin'. Schön ist das nicht.



12. Sollte es mit der Kommunikation von Anfang an holperig sein, sollte er Auseinandersetzungen und Klärung regelmäßig umgehen wollen und sich wegducken, wird es in Zukunft nicht besser werden. Auch wenn bereits in der ersten Phase der Beziehung seine Launen schwanken, es ihn augenscheinlich oft nicht interessiert, wie es dir eigentlich geht und du dir seiner Gefühle nicht wirklich sicher sein kannst, bringe dich besser in Sicherheit, denn ständige Ungewissheit kann zermürben und das Leben ziemlich unerträglich machen.

13. Wenn er Dinge, die dir gehören, in deinem Haushalt oder an deinem Auto kaputt macht, aber sich nie entschuldigt oder seine Haftpflichtversicherung ins Spiel bringt, ist auf jeden Fall Vorsicht geboten.

14. Wenn er sich fortgesetzt über dich und das, was dir wichtig ist, milde lustig macht, bzw. häufig stichelt und dich mit Humor getarnt kritisiert, renn so schnell du kannst. Du kannst es dir auf keinen Fall leisten, dich so behandeln zu lassen.







NH

Mittwoch, 13. Dezember 2023

Rachearie* - und kein Abgesang


Heute wäre der siebte Jahrestag meiner Beziehung gewesen, wenn es die Beziehung noch gäbe. Diese endete in diesem Sommer - am siebten Juli, um genau zu sein. Was dann kam, war mein freier Fall. Garniert mit Lügen und Hinhalten und unbegreiflichen Peinlichkeiten und Demütigung und Beleidigungen und Drohungen und übler Nachrede und noch mehr Bösartigkeit. Ich bin auf absurd langatmige Weise über Monate hinweg verlassen und abserviert worden. Zuerst hieß die Trennung nur "Pause". Dass ich das geglaubt habe und als Grund für Hoffnung begriff, hat vermutlich auf der anderen Seite für ordentlich viel Häme und Belustigung gesorgt. Getriggert durch, wie ich nur vermuten kann, Scham und den Wunsch, schon wieder alles Belastende zu verdrängen, hat mein Ex-Partner dann an einem bestimmten Punkt plötzlich alle Kommunikation unterbunden, was echt unpraktisch war angesichts der Tatsache, dass es trotz allem noch administrative Dinge zu klären gibt. Nun werden wir womöglich sogar um eine juristische Auseinandersetzung nicht mehr herumkommen. 

Nein, ich weiß bis heute nicht so ganz genau, wohin mit meiner Wut. Und ich nehme weiterhin Tabletten, damit die erlebte Verletzung, die die entscheidende Kirsche auf dem Kuchen des Grauens war, mich nicht daran hindert, irgendwie durch die Tage zu kommen. 

Eine Leserin schrieb mir, sie sei manchmal erschrocken, wenn sie meine Blogposts liest. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die rückhaltlose Thematisierung der persönlichen Katastrophe und der Unwille, sich endlich davon zu lösen und gutgemeinte, konventionelle Ratschläge zur Heilung anzunehmen, ungewöhnlich drastisch und redundant wirken. Aber meine Grundsätze zur Heilung widersprechen nun einmal ganz klar dem, was therapeutische Angebote gängigerweise im Repertoire haben.

1) Ich werde den Teufel tun und vergessen. Und ich werde mich auch nicht künstlich und verbissen ablenken.

2) Ich werde nicht die "Klügere" sein, die nachgibt (und in der Folge verliert).

3) Ich werde nie verzeihen und womöglich dem Täter am Ende noch alles Gute wünschen. Ha, soweit kommt das noch! Es wäre verlogen. Und weder souverän noch "erwachsen", sondern eher schwächlich und sinnlos - egal, was immerzu überall behauptet wird.

4) Ich werde Wut nicht als fortgeschrittene, vorübergehende Station in einem niedlichen, abgestuften "Heilungsprozess" begreifen, sondern als nie versiegende Energiequelle.

5) Ich werde mich revanchieren - auf total legale Weisen.

6) Ich werde Wut zu Kunst machen.

7) Ich werde mich und meine Wut immer weiter ins Schaufenster stellen, solange es mir und anderen hilft.

8) Ich werde nie behaupten, dass diese Phase meines Leben für irgendeinen Scheiß gut gewesen sei.

9) Ich werde mich nie aus der Arena verdrücken, um billigen, unechten "inneren Frieden" zu finden.  Der bedeutet mir nichts. Ich strebe bekanntlich stattdessen nach Genugtuung.

10) Ich verlange eine Entschuldigung. Ich wäre also tatsächlich bereit, echten Frieden zu schließen. Aber wenn sie nie kommt, die Entschuldigung, dann endet auch die Forderung nie. Damit kann ich auch gut leben.

Die Weihnachtstage werden, allein verbracht, voraussichtlich eine harte Zeit. Aber ich werde sie, wenn möglich, auch nutzen, um mich nach besten Kräften zu ordnen und in Stellung zu bringen. Und ich wünsche allen, denen es zum Jahresende ähnlich geht, genug Bestimmtheit, klare Gedanken und ausreichend Egoismus, um weiterzumachen.

See you on the other side, ihr Lieben! 
Happy Everyhing - und ein akzeptables Neues.


*Königin der Nacht


NH


Mittwoch, 22. November 2023

Memory Lane

Die Feldmark hinter Kuddewörde in Schleswig Holstein, 2022


Ich bin kein Zauberer, doch kenn einen Trick
Leih mir irgendwas, ich geb' dir einen Müllhaufen zurück
Ein'n Müllhaufen zurück, ein'n Müllhaufen zurück
Ich verwandele dein Lächeln in ein'n bestürzten Blick 

(Antilopen Gang: Hokus Pokus)

Irgendjemand hat mich für den Newsletter des 3Pagen Versands angemeldet. Ich hab keine Ahnung wer und warum, aber ich bekam die Aufforderung, meine Registrierung zu bestätigen - mit dem Hinweis:  "Sollten Sie diese Mail nicht angefordert haben, dann können Sie die E-Mail ignorieren." Ich aber habe die fremde Registrierung bestätigt, weil ich durch diese kleine Merkwürdigkeit in einem kuriosen Wägelchen auf die Straße der Erinnerung geschoben wurde. Der Katalog des 3Pagen Versands (1954 gegründet) mit seinen kitschigen Dekoartikeln und den betulichen, bunten Haushaltsartikeln war ein Teil meiner frühen Kindheit in den Siebzigern. Er lag regelmäßig frisch auf dem Wohnzimmertisch und ich hatte einen riesigen Spaß, all die wunderbaren, sinnlosen Dinge anzusehen., die damals wie heute vorgaben, absolut essentiell zu sein. 

Vor ein paar Jahren erinnerte ich mich durch puren Zufall daran und forderte aus schierer nostalgischer Neugier den Papierkatalog an, den das Unternehmen noch immer verschickt. Ich war überrascht, wie wenig sich scheinbar verändert hatte und war fasziniert von den kunstvoll und komplett unironisch gezwirbelt formulierten Texten, die die Produkte anpriesen. Von innen erleuchtete, winkende Pinguine, solarbetriebene Libellen, Teetassen mit Veilchen bedruckt...ich kam aus der Freude gar nicht mehr raus. An meinem Esstisch wurde dann für einige Zeit wieder eine Tradition daraus, jeden neuen Katalog genau zu studieren, und es war hervorragendes Entertainment, denn mein Ex-Freund las mir die Texte in angemessen grandios-theatralischer und begeisterter Rede vor. Ich habe regelmäßig geweint vor lachen. Es war großartig. Zum Dank an den Versand habe ich ein paar kleine Bestellungen aufgegeben. Aber nicht genug - irgendwann wurde die Zustellung des Katalogs wieder eingestellt. Und nun poppte plötzlich diese Mail auf.

Seit ich noch tiefer im Jammertal stecke, als vor dem Verlassenwerden ohnehin schon, fordern alle möglichen Leute, die in therapeutischen Berufsfeldern arbeiten, dass ich mich bitte darauf konzentriere, was im Leben alles gut war/ist. Frau wird pausenlos dazu ermahnt, sich auf das Positive zu konzentrieren und sich ins Bewusstsein zu rufen, dass niemals alles nur schlecht ist. Es ist unmöglich, dass alles nur schlecht ist - das soll ich bitte jetzt endlich begreifen! 

Nun, solange mein Gegenüber sich nicht dazu versteigt, mir einreden zu wollen, alles - auch jede persönliche Katastrophe - sei für etwas gut, bleibe ich zumeist noch halbwegs höflich. Wer insistiert, guckt allerdings leicht mal schnell betroffen aus der Wäsche, wenn ich fertig bin. 

Manchmal machen sie lenkende Vorschläge, um mir auf die Sprünge zu helfen. Das geht immer schief:

"Sie haben doch so eine schöne Wohnung." - "Ja, die ich mir vielleicht irgendwann nicht mehr leisten kann, und die Sorge lässt mich nachts nicht schlafen. Außerdem finde ich sie schon lange nicht mehr besonders schön. Aber es kauft sie mir auch keiner ab, wie es aussieht."

"Aber Sie haben doch zwei süße Katzen." - "Ja, die ich mir vielleichtt irgendwann nicht mehr leisten kann, und das erfüllt mich täglich mit Panik. Außerdem halten sie mich nachts wach und fallen mir immer öfter auf die Nerven. Dann fühle ich mich dafür schuldig, dass ich von ihnen genervt bin. Und dass ich nicht mehr mit ihnen spiele, weil mir die Energie fehlt."

"Sie waren in Ihrer Beziehung doch auch nicht komplett glücklich. Da ist es doch gut, dass Sie jetzt frei für etwas schönes Neues sind." - "Ich habe mich nicht getrennt, weil ich nicht den letzten Funken Hoffnung auf eine fröhlichere Zukunft aufgeben wollte. Und diese Hoffnung hing an der Beziehung und unseren Plänen. Ich wollte nicht zugeben, dass ich Jahre an ein augenscheinlich sinnloses Projekt verschwendet hatte, das mir trotzdem so sehr am Herzen lag. Ich wollte ein Zuhause und es war, verdammt nochmal, wirklich der schlechteste Moment für einen solchen Schlag, weil es mir eh schon so fürchterlich mies ging. Und Waren Sie in letzter Zeit mal auf einem Partnersuche-Portal? Schön ist es da wirklich nicht. Ach, und hatte ich schon erwähnt, dass der Ex neuerdings versucht, über gemeinsame Bekannte an Informationen über mich heranzukommen? Das ist ein ganz schön gruseliger Gipfel, das kann ich Ihnen sagen."

"Sie können doch stolz sein, dass Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn so vielen Menschen Unterstützung und Hilfe haben zukommen lassen." - "Wissen Sie, was ich eigentlich beruflich vorhatte? Einen Oscar für das beste Drehbuch zu gewinnen."

"Was könnten Sie sich denn heute noch Gutes tun, um es sich ein bisschen schön zu machen?" - "Ich will lieber nicht auch noch im Knast landen. Gehe ich wohl besser schlafen."

"Es wird wieder besser. Es dauert eben nur seine Zeit." - "Was soll das heißen, wieder besser? Ich erinnere mich wirklich nicht daran, dass es nachhaltig gut war. Ich erinnere mich hauptsächlich an 52 Jahre Kampf. Und jetzt bin ich langsam zu müde für all das."

Mir ist nicht klar, was die Tatsache, dass nicht alles im Leben schlecht war oder ist, damit zu tun hat, dass ich dieser Tage dieses Leben immer öfter nicht mehr will. Ich soll doch eigentlich auch immer im Jetzt leben. Oder wie war das bitte noch? Und wäre vorher tatsächlich so ziemlich alles wunderbar gewesen, würde es mir jetzt wirklich besser gehen, wenn ich mich an das erinnere, was ich mit einem Fingerschnippen verloren habe? 

Ich erzähle ja immer wieder gern von einem Zitat, das ich vor Jahrzehnten in einer Traumschiff-Episode aufgeschnappt habe: Es ist besser, etwas gehabt und verloren zu haben, als es nie besessen zu haben. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Mir scheint, der Preis für vieles, was sich gelegentlich oder kurz gut anfühlt, ist hinterher oft unverhältnismäßig hoch.

Im Grunde ist das Herumgereite auf dem Hervorheben des Positiven genauso hilfereich, wie der Hinweis, dass es anderen Menschen in ihren Lebensgeschichten noch viel schlechter geht/ging. Der Vergleich ist wirkungslos, egal ob mit dem eigenen oder anderen Leben. Denn das individuelle Leiden im Innern ist immer unvergleichlich. Und ja, das eigene Hemd lässt sich nicht ausziehen.

Einkaufen hilft. Vielleicht bestelle ich irgendetwas Leuchtendes bei 3Pagen.

NH

Dienstag, 24. Oktober 2023

NEUES VOM CLUB!

 

ACHTUNG! ACHTUNG! ACHTUNG!

Das 3. Treffen des

CLUBS DER DICKEN DAMEN

findet an diesem Wochenende außerplanmäßig NICHT am Samstag, sondern

AM SONNTAG, DEM 29.10.2023

UM 18:30 UHR

auf Skype statt!

Das Motto ist nach wie vor „Und wie geht es dir so?“. Wir reden über alles, was uns gerade so beschäftigt – gut oder schlecht. Wir sind auch - das hat sich in den beiden ersten Sitzungen schnell gezeigt - ein echter solidarischer und offener Safe Space. Jede*r kann sich trauen. : )

Wir planen außerdem ein Adventstreffen im „wahren Leben“. Ob das klappt, werden wir wohl am Sonntag weiter besprechen.

Wir freuen uns, wie gesagt, auch immer weiter über neue Gesichter. Meldet euch einfach bei mir (an):

office(at)nicola-hinz.com

 

PS: Mitglieder des Clubs der dicken Damen, der aus der Leser*innenschaft des Blogs "Das Lied der dicken Dame" hervorgegangen ist, treffen sich einmal im Monat, um sich über Persönliches auszutauschen. Es ist nicht notwendig, dick oder Dame zu sein, um sich hier anzuschließen, aber es gibt klare Grundsätze, gegen die nicht verstoßen werden darf: Dieses ist ein feministischer und antifaschistischer Club und es herrscht eine Zero-Tolerance-Policy im Hinblick auf Sexismus, Homophobie, Transphobie, Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungstheorien sowie sonstige Schwurbelei.

Sonntag, 22. Oktober 2023

Wie es mir so geht - Teil 2


Ich befinde mich in Woche 14 meines Sitzengelassenwerdens durch den Ex und habe seitdem meine Befindlichkeit hier ja regelmäßig beschrieben. Ich dachte mir, damit höre ich auch nicht so bald wieder auf. : ) Im Moment gibt es ein paar Hauptgebiete, auf denen ich mich um Bewegung und Fortschritt bemühe, oder auf denen ich mich schlicht zur Ablenkung betätige. Als da sind:

Psychische Gesundheit

Nicht gut. Dosis erhöht. Könnte pausenlos heulen. Und das ist keine Floskel, sondern wahr. Damit mache ich gefühlt Rückschritte. Allerdings steigt auch die Wut weiter. Ich hätte nicht vermutet, dass das eigentlich noch möglich ist. Und Wut soll ja tragen. Ich stelle sie mir allerdings vor, wie ein Rettungsfloß, das sich erst noch viel weiter aufblasen muss, um mich sicher durch das Unwetter zu bringen.

Die Hüfte

Sie schmerzt immer, mal mehr, mal weniger. Und sie sorgt dafür, dass ich mich nun schon seit längerer Zeit mit der Barrierefreiheit an öffentlichen Orten befassen muss, denn ich benötige für meine Behinderung zumindest ein Geländer. Das ist ein neuer Blick auf die Welt. Was ich dabei in ihr erfahre und erkenne, ist - mal wieder - nicht gut. 

Ich habe nun einen Termin beim Orthopäden - Ende November.

Haussuche und Wohnungsverkauf

Die Wohnung ist seit einer guten Woche auf dem Markt und noch nicht verkauft. : ) Dass wurmt mich enorm, denn jetzt, wo ich mich durchgerungen habe, will ich, dass es am liebsten vor drei Monaten schon erledigt gewesen wäre. 

Heute habe ich einen weiteren Bungalow auf dem Land besichtigt. Mit einer erstaunlichen Ansammlung von Wespen um den Rahmen des Küchenfensters herum, einem Garten voller überwucherter (leerer) Tiergehege und einer Bahntrasse direkt auf dem Hügel über dem Grundstück. Das Beste am Ganzen war mal wieder das Abendlicht auf der Fahrt. Und viel Himmel hatten wir auch wieder. (s.o.)

Der Roman

Ich muss mir endlich einen Ort suchen, an dem ich all die Post-It-Notizen und Servietten konsolidiere, auf denen ich mir dauernd Notizen mache. Ich habe ein Dutzend Anfangsszenarien. Die Konzeption und Planung fließen, aber der Prozess ist, wie gerade alles, ziemlich chaotisch. Ich überlege, doch Agenturen anzusprechen.

Dating

Nun, lasst mich anhand folgender Begebenheit darstellen, wie es da so läuft.

In meinem Profil auf einer Dating-Plattform steht u.a.: „Ich mag echte Kerle, die keine Angst vorm Gendern haben.“

Darauf bekam ich von einem (nach eigenen Angaben) Zweiundvierzigjährigen ohne Bilder im Profil folgenden aufgeregten Aufsatz zugeschickt (Rechtschreibfehler und leicht entglittene Syntax wurden wie im Original belassen):

„Ich weiß nicht ob man darüber lachen oder weinen soll. Du bist doch eine erfahrene, gebildete, kunstliebende und wie es scheint unabhängige Frau. Wie kann man dennoch auf diesen Zug aufspringen? Ich wollte Dich schon öfter anschreiben aber deine woke Ideologie macht es einem echt schwer.

Gerade Literaturliebhaber die mit der Schönheit der Literatur bewandert sind sollten so etwas wie gendern verachten und intelligent genug sein das dies keine Toleranz schafft und sich niemand außer 1-2 Prozent die eher an einer Identitätsstörung leiden, anspricht.

Entschuldige das ich mich so auskotze aber das sind so schlimme unnötige First World Problems und ich fand es schade das so eine Frau wie Du darauf so einen Wert liegt.

Sorry, ich bin eigentlich sehr lieb und vor allem ein sehr toleranter Mensch. Sehr Integer.“

Meine Antwort: „Heul doch.“

Frau ist offenbar nirgendwo sicher vor homo- und transphoben Männerrechtlern. Da ist frau im Dating-Zirkus dann schon froh, wenn sie es nur mit ganz normalen luschigen Idioten zu tun kriegt, die vor dem ersten Telefonat auf dem Sofa einschlafen. Ganz ehrlich – dass passiert mir jetzt regelmäßig, dass sich ein Mann nach dem verpasssten Termin so dafür entschuldigt. Das, oder sie hatten Rücken und konnten nicht aufstehen. Lügen die alle? Oder liegt das daran, dass die Typen jetzt auch alle sieben Jahre älter sind und ohne Ende schwächeln?

 

NH

Samstag, 7. Oktober 2023

"Ich bin ja nicht weg"


The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster. 
(aus "One Art" von Elizabeth Bishop)

Die größte Angst, die mich im Augenblick hauptsächlich noch umtreibt, ist, jemanden komplett zu verlieren, so als wäre er tot, ohne dass er tot ist.

Um das mit einem vielleicht nicht ganz exakt passenden Beispiel noch zu verdeutlichen: Die absolute Horrorvorstellung als Katzenmutter von Freigängerkatzen war stets, nicht der Tod einer Katze, sondern das spurlose Verschwinden und die Ungewissheit über den Verbleib des Tieres, darüber, wie es ihm geht sowie die Frage, ob ich noch etwas tun könnte, um es zu retten, wenn ich nur das Richtige zu tun wüsste.

Wie wiederholt berichtet - ich verstehe was von Verlust. Worin ich naturgemäß nicht gut bin, ist Menschen oder Tiere zu verlieren. Wer ist das schon? Aber meine nicht unerhebliche Verlustangst traf in meiner letzten Beziehung auf sehr viel passiv-aggressive, emotionale und sogar tatsächliche Nicht-Verfügbarkeit. Das tat mir nie gut und war oft eine Quelle großer Enttäuschung, aber auch von Angst und Sorge. Wir haben nicht zusammen gewohnt, und wenn wir nicht räumlich beisammen waren, waren Kommunikation und Kontakt mitunter schleppend bis unterbunden. Ich habe mir daraufhin oft ganz praktisch Sorgen gemacht, ob etwas passiert sein könnte. Andererseits fühlte ich mich auch häufig ängstlich und unsicher, was meine Rolle und meinen Wert in der Beziehung anging.

Allerdings habe ich ein Recht auf das immerwieder fett unterstrichene Vorhaben, "Freunde zu bleiben", weiter Kontakt zu halten und gar zukünftig gemeinsam Dinge zu unternehemen, scheinbar verwirkt. Ich bin in Ungnade gefallen, weil ich angesichts dessen, was mir angetan worden war, mit Wut und Eifersucht und noch mehr Wut reagiert habe. Am Esstisch und am Telefon.

Wenn das mit der Freundschaft je ernst gemeint gewesen war (und wer weiß das schon), dann muss die Überraschung über meine normale und menschliche Reaktion ja ziemlich groß und regelrecht schockierend gewesen sein. Die offensichtliche Frage ist, wie kann das sein? Wer rechnet denn in so einem Szenario nicht mit einer solchen Reaktion? Und wie fair ist es, die blutrote Verzweiflung eines auf diese Weise betrogenen und verletzten Menschen wirklich am Ende auch noch gegen sie zu verwenden?

Lasst mich hier komplett klar sein: Keine meiner Reaktionen war überzogen oder unangemessen im Hinblick auf die Umstände, die ich nicht kreiert hatte. Das weiß ich ganz sicher. Ich bin vor den Bus geschubst worden. Dass der selbe Bus dann den Ex in seiner Gefühlswelt auch noch angefahren hat, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es ist schlicht kindlich und egozentrisch zu glauben, Menschen auf bestimmte Weise  behandeln zu dürfen und sich dann zu beschweren, wen sie adäquat und zutiefst menschlich antworten. Und dabei womöglich fluchen. Ich weiß, wie konnte ich nur...

Ich hätte mir gewünscht, in meinem Ausnahmezustand und meinem Schmerz auch besonders in der Phase der Zuspitzung noch irgendwie gesehen zu werden. Das hätte ich anständig und angebracht gefunden. Und ich hätte obendrein sehr gern ein wie auch immer fortgeführtes freundschaftliches Verhältnis aufrechterhalten. Das tue ich noch immer. Wut und ausgestreckte Hände schließen sich nämlich überhaupt nicht aus. Ich habe schon an anderer Stelle erzählt, dass ich neben Wut und Verzweiflung trotzdem auch stets dafür gekämpft habe - ich habe Angebote gemacht, ich habe Zeichen desetzt, ich habe mich geöffnet, ich habe ihn nicht von der Unterhaltung ausgeschlossen oder ignoriert - weder vor noch nach dem ganz großen Knall. 

Und dessen Wirkung scheint, was mich betrifft, nun an manchen Tagen sogar weitgehend verpufft. So schnell kann es dann manchmal doch gehen. Die ohnmächtige Fassungslosigkeit angesichts der Eröffnung, wer meine Nachfolgerin war - geschenkt. 

Heute Nachmittag dachte ich, ich würde einfach nur gern anrufen können und fragen, ob er mal wieder Lust auf unser ehemaliges Sushi-Stammrestaurant hätte. Da war ich nun seit Monaten nicht. Aber ich könnte ihn dafür auch dann nicht anrufen, wenn ich es vorhätte. Für wichtigere, rein praktische Anliegen, die wir noch zu klären hätten, ginge das ebenfalls nicht. Ich bin nämlich geblockt worden. Und auch auf Textanfragen erhalte ich keine Antwort. Im Prinzip ist da ironischerweise mitunter gar kein Unterschied, ob wir in unserer Beziehung sind oder nicht... 

Dass wir auf diese Weise bestimmte Angelegenheiten nie komplett auseinanderfriemeln werden, die eigentlich jetzt abschließend noch anstünden, und die Entscheidungen alle an mir hängenbleiben, ist auch klar. Wer aber nun doch einen endgültigen Schlussstrich will, sollte die Abwicklung nicht pausenlos verhindern und alles mal wieder bis in alle Ewigkeit hinauszögern. Es sei denn, er will den Schlussstrich gar nicht. 


NH

Freitag, 15. September 2023

Ich bin noch da




Ich bin hier. Ich gehe nirgendwohin.

Und ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Denn zwischendurch dachte ich, ich würde mich einfach auflösen und spurlos verschwinden.

Seit mein Ex-Partner mich sitzenließ (DLDDD berichtete), wollen viele der Menschen, mit denen ich Kontakt habe, dass ich ab jetzt was "nur für mich" tue. Und davon bitte ganz viel. Je mehr Aktionismus, desto besser. Das hat in der letzten Zeit zu etlichen frustrierenden Immobilienbesichtigungen und nebenbei noch zu vier Dates geführt. Drei der Letzteren waren natürlich mal wieder ganz genau so, dass frau sich erstens fragte, wie sie in diesen Film geraten war und zweitens, wie sie aus der Nummer einigermaßen höflich wieder rauskommen sollte. Das vierte war freundlich, aber trotzdem sinnlos.

Es fühlt sich so an, als ob die ganze Welt darauf besteht, dass es bei mir nun endlich auch mal wieder besser werden muss. Jetzt ist auch mal gut mit all dem Kummer. Ist doch schon ganze drei Monate her. Move on. Ich soll mich um mich selbst kümmern. Um mein eigenes Glück. (Wenn ich das Wort schon höre/sehe, könnte ich tatsächlich kotzen.) Denn für unser Glück sind wir ja bekanntlich selbst verantwortlich. Lohnt sich doch nicht, noch viel Energie für den Kerl zu verschwenden. Du kannst halt niemanden zwingen, bei dir zu bleiben. Vergiss den Idioten. Die bekommen schon, was sie verdienen, nämlich einander. Wir können ja mal wetten, wie lange das mit der Neuen hält. Alles ehrlich und unterstützend gemeint...Und trotzdem sitze ich da und denke, "aber ich wollte ihn ja gar nicht loswerden". Ich will und wollte nichts von alledem. Dennoch soll ich, schwupps, bitte endlich aufhören zu trauern. 

Die offizielle Frist, bis frau in den Augen der Umwelt zum Crazy Ex-Girlfriend wird, das einfach nicht in der Lage ist, gedanklich souverän und erwachsen loszulassen, habe ich vermutlich längst überschritten.

Ich finde es dennoch wichtig, gerade hier darüber zu reden, dass es nicht notwendigerweise hilft, pausenlos ins Motivationshorn zu tröten, sobald jemand im Leben hingeknallt ist und sich die Knie offenbar bis zum Knochen aufgeschlagen hat. Krone richten, aufstehen, weiter...eigentlich ist das doch nur grausam. Was ist das eigentlich für ein Druck? Und eine Missachtung der inneren Realität eines verletzten Menschen?

Hinzu kommt, dass es mir nicht vorher gut ging und jetzt eben nicht mehr. Ich habe kein "Normal", in das ich einfach allein wieder zurückkehren kann. Verlassen wurde ich an einem persönlichen Tiefpunkt. Verlassen wurde ich auch nicht trotz  sondern wegen meiner schlechten Verfassung - weil mir eh nicht mehr zu helfen war. Weil ich ein freudloses Monster bin. Es war mit mir im Hause zu schrecklich, zu erschöpft, zu ausgelaugt, zu ungemütlich, zu pessimistisch, zu anstrengend. Ziemlich kraftzehrende Jahre liegen hinter mir. Die Beziehung war das Projekt im Zentrum, alles drumherum wurde vernachlässigt und kann eben nicht einfach voller Schwung wieder aufgenommen werden. So einfach soll das jetzt aber bitte sein. So einfach wird es aber nicht sein. 

Und kann mir jemand nebenbei das hier erklären: Aus irgendwelchen Gründen wollen alle, dass ich umziehe. Meine kurzatmige Idee direkt nach dem Beziehungsaus war, das lang geplante ländlich-idyllische Zuhause, für das der Partner am Ende nicht mehr zur Verfügung stand, allein zu erwerben. Verdächtig einstimmig, von der Therapeutin bis zum Ex, waren alle möglichen Menschen erstaunlich angetan und beklatschten den hektischen und wenig durchdachten Plan, mich sofort auf die Suche nach einem Häuschen in der tiefen Provinz zu machen und mich damit selbst ins Crazy-Cat-Lady-Exil zu schicken - weil ich dann angeblich endlich wieder nach vorne gucken und mir die Veränderung einer gigantischen und logistisch sowie finanziell komplett überwältigenden Entwurzelungsaktion bestimmt gut tun würde. Keine*r sagte: "Lass das nach. Ist jetzt viel zu früh und zu stressig."

Wie oben erwähnt: Bis ich erfuhr, wer unser echter Trennungsgrund war und unsere Verbindung danach von ihm gekappt wurde, riet mir sogar mein Ex-Partner mit herzhafter Überzeugung zum Hauskauf als Mittel der psychologischen Stabilisierung, denn da durfte ich ihn mit all meiner Verwüstung und Verzweiflung noch gelegentlich als Notfallohr anrufen, falls die Telefonseesorge mal wieder besetzt war.

Du weißt, du bist am Arsch, wenn dein Ex und deine Therapeutin dir die gleichen Ratschläge erteilen.

Klar, ich fessle mich am besten auf einen Schlitten, lass mir noch einen wohlmeinenden Tritt verpassen, und wenn ich dann so den vereisten Berg runtersause, kann ich mir einreden, dass ich mich nun selbstbestimmt und mit vollem Empowerment auf den Weg in eine wunderbare Zukunft gemacht habe. Als Bonus falle ich dann auch nicht mehr allen auf die Nerven. 

Außerdem ist doch allgemein bekannt, dass alles für etwas gut ist, und am Ende kann ich noch dankbar sein, dass es so gekommen ist. Denn wer scheitert, lernt ja für die Zukunft. Und wenn der Umzug nicht hilft, dann geh ich halt mehr unter Leute, setze mich in den Park in die Sonne und erfreue mich, wie vorgeschrieben, an den kleinen Dingen. Das Allerallerwichtigste ist stets, dass frau ins Handeln kommt! Also auf die Plätze, fertig, los!

Trotz aller Bemühungen wieder gescheitert. Frau versucht immer, das Richtige zu tun. Aber ich krieg es einfach nicht hin. Und ich weiß, auch damit bin ich nicht allein.

Ich wiederhole es immer wieder gern: Schöner scheitern my ass.

Ich sehe die Türen entweder nicht, die sich im Fall des Endes von etwas angeblich überall öffnen. Oder, und das halte ich für wahrscheinlicher, sie sind nicht wirklich da. Ich habe außerdem keinen Bedarf mehr, an Unglück zu wachsen. Ich bin groß genug. 

Im Grunde bin ich, ich erzählte es mindestens schon einmal an anderer Stelle, mit allem Wichtigen gescheitert, was ich so vorhatte. Und ich bin über 50. Ich werde das Gefühl nicht los, dass da auch nicht mehr viel kommt. Natürlich kann ich gleichzeitig den gutgemeinten Aufschrei schon hören, dass da selbstverständlich noch eine ganze große Welt wartet. Aber es ist eine freundliche Lüge, dass es nie zu spät ist. Ich hab keine Ahnung, wie viel Arbeit, Energie und Disziplin in aufbringen müsste, um irgendeinen meiner eigenen Ansprüche noch einzuholen, aber ich weiß ziemlich genau, dass ich sie momentan auf keinen Fall hätte. Im Augenblick kann ich dank MS und anderer medizinischer Probleme nicht einmal anständig geradeaus laufen. Durchschlafen wäre was. Hm...fat chance.*

Ich bin auch beruflich häufig gescheitert. Drei Verlage haben je ein Buch von mir verlegt, und es hinterher bitter bereut, weil sie alle gefloppt sind. Alles, was ich je mit Freude hergestellt habe, war etwas, was dann niemand wollte - mitunter nicht einmal geschenkt. Bücher, Blogposts, Schmuck, Kunst - alles so gut wie unverkäuflich. 

Dass ich übrigens auch keinen Oscar für das beste Drehbuch gewonnen habe (quasi das Ur-Ziel, mit dem ich das Studium in Los Angeles begann) ist da wohl keine weitere Erwähnung mehr wert. Ja, die Fallhöhe ist so hoch, wie die Erwartungen. Also arbeite ich seit Jahrzehnten in einem Job, den ich gut kann, der aber nicht Teil des Originalplanes war. Und der im Augenblick nicht genug Geld reinbringt, um andere Ziele von der Bucketlist zu streichen, z.B. gelegentlichen Urlaub in irgendeinem interessanten Land zu machen UND die restlichen Rechnungen zu bezahlen.

Jede Beziehung, die ich gern behalten hätte, ging mir verloren. Und der dazugedachte Film vom Garten mit dem Zaun um das beschützende Haus und dem Bewusstsein, einen Platz zu haben, an den ich ganz sicher gehöre - nichts davon habe ich erreicht (nicht einmal für einen kurzen Moment). 

Was ich aus meiner Geschichte gelernt habe, ist, dass meistens irgendetwas fürchterlich schief läuft.

Dafür habe ich offenkundig eine endlose Auswahl an Belegen parat. Ich habe es beispielsweise auch nicht geschafft, meine Mutter über die berühmten fünf Jahre Überlebenszeit zu hieven (was mein erklärtes Ziel war nach ihrer Krebsdiagnose), obwohl ich mich dafür komplett verantwortlich gefühlt und hart daran gearbeitet habe. Sie aber hat die zweite Chemo dann nicht vertragen. Ich verstehe viel von Verlust. Ich gewöhne mich trotzdem nicht daran. Ich weiß, das ist ebenfalls keine besonders exklusive menschliche Erfahrung. Darum teile ich sie hier, damit andere, denen es hilft, das zu wissen, es eben wissen.

Aber auch was mein Engagement auf dem Blog angeht, bin ich wohl eher gescheitert. Fettakzeptanz in Kombination mit radikalem Feminismus ist noch immer eine Nische auf halbwegs verlorenem Posten. Dicke Models auf dem Cover der VOGUE hin oder her. Inzwischen ist der Terror der Normschönheit auf Instagram verantwortlich für eine Zunahme von Suiziden unter jungen Frauen. Frau kommt so unendlich langsam voran. Outlets wie Printmedien und Fernsehen entscheiden sich längst wieder (eigentlich schon immer) für andere, mildere Quellen, wenn sie mit lächerlicher und harmloser Body Positivity Alibibeiträge produzieren wollen. Reichweite ist das Stichwort. Und nach dem Ende der Diäten auf dem Blog schmolz die langsam weg.

Gibt es eigentlich so etwas, wie schöner aufgeben? Ich kann ja immer noch Rebecca Niazi-Shahabis Bücher zum Thema empfehlen. Sie schlägt vor, alle großen und kleinen Ziele auf eine Liste zu schreiben und diese dann kurzerhand wegzuwerfen. Das sei der wahre Schlüssel zu einem akzeptablen Leben.

Vielleicht hätten wir das als Paar tun sollen. Nicht die Beziehung aufgeben. Sondern die To-Do-Liste. Am besten wäre das vermutlich gleich am Anfang passiert.

Ich sitze hier und überlege jetzt schon, wie es dieses Jahr mit Weihnachten wohl werden wird. Gehe ich dann allein am 23. Dezember zum traditionellen Einkaufsbummel in die Stadt und begucke die Hektik der anderen Einkaufenden, während ich weiß, dass bei mir längst alle Vorbereitungen abgeschlossen sind? Wie wird es sich anfühlen, wie früher, in den ersten Jahren nach dem Tod meiner Mutter, über die Feiertage mit niemandem mehr zu reden? Und dann sind da die Theaterkarten, die wir nach unserer Trennung noch zusammen gebucht haben, um uns im Herbst vielleicht doch noch einmal "neu kennenzulernen". Was für ein großes Kino das war...

Mittlerweile habe ich außerdem das Gefühl, ein Strategiewechsel ist zur Verarbeitung überfällig. Ich sollte mir ein paar Stunden auf einer Shooting Range genehmigen, denn das habe ich seit Jahren vor. Oder mit Squash anfangen. Noch so ein nie abgearbeiteter Punkt auf der Liste. Wenn mir die Entzündung in der Hüfte nur nicht so wehtäte. Vielleicht miete ich mir aber endlich mal den Porsche, den ich immer fahren wollte und verbringe etwas Zeit auf der Autobahn, bevor wir doch noch eine Geschwindigkeitsbegrenzung kriegen.**

NH


*Keine Chance.

**Ja, das wäre ohnehin ein Wunder, wenn wir uns in diesem Land endlich dazu durchrängen. Da muss frau sich wenigstens keine Sorgen machen, dass sie mit ihren Träumen vom Rasen zu spät dran ist.

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Das Ende

 




Corbinian ist tot.

Ich musste ihn einschläfern lassen. Zwischen dem Augenblick, an dem ich begriff, dass irgendetwas nicht stimmt und seiner Einäscherung lagen ungefähr vier Wochen. Er hatte Krebs und ist nur 11 Jahre alt geworden. Nun ist Tippi allein. Mal wieder. Sie ist noch nicht einmal zwei Jahre auf der Welt, aber hat bereits drei maßgebliche Abschiede hinter sich - von ihrer Mutter und den Geschwistern, von einer Mitkatze, die Teil ihrer ersten Menschenfamilie war -  und jetzt ist ihr nach nicht einmal 10 Monaten ihr großer, dicker Freund aus heiterem Himmel weggestorben. Die beiden waren ein sagenhaftes Team. Sie hat ihn aufgemischt und er hat mit großer Freude, Geduld und angemessener Achtsamkeit mit ihr gerangelt - und seine Lieblingsplätze und Dreamies mit ihr geteilt. Seine Abwesenheit ist täglich ein Schock. 




Dieses ist der zweite und letzte Blogeintrag in diesem Jahr. Es war auch so ziemlich schauerlich, aber, wie durch das Ableben des Katers erneut bewiesen, geht es immer noch ein wenig bescheuerter.

In ein paar Tagen werde ich 50. Ein halbes Jahrhundert dahin. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, es fühlt sich nicht an, wie ein Grund zur Freude. Zuviel Ungemach schiebt sich ins Bild, wenn ich Bilanz ziehe über das Leben bis hierher. Verstellt den Blick. Was ich in fünf Jahrzehnten gelernt habe, ist, dass die Dinge sehr viel öfter schiefgehen als nicht. Komisch, wie unmöglich eine solche Prognose einer mit zwanzig vorgekommen wäre. Obwohl ich natürlich auch keine besonders fröhliche Zwanzigjährige war. Trotzdem hätte ich damals niemals glauben können, dass es eigentlich kein Gewinnen gibt. Ich habe, genau genommen, sogar verdammt lange damit gerechnet, dass noch alles wirklich gut wird. 

Aber überlebt. Zumindest das. 

Der Fragebogen zum Jahresende entfällt natürlich - bis auf die folgende Playlist der von mir meistgehörten Lieder. 


Danger Dan - Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt



Vermutlich könnte frau bei zwei Beiträgen pro Jahr auch von einem Ende des Blogs sprechen. Tatsächlich hätte ich genug Wut und Ärger für zehn Blogs. Zusätzlich habe ich seit Ewigkeiten Pläne für die Gründung eines Clubs der dicken Damen. Aber genug Energie habe ich dafür gerade nicht. Und wenn frau es genau betrachtet, auch nicht mehr genug Inhalte. Es gibt im Grunde nichts Neues zu sagen. Denn es ändert sich ja auch nichts. Irgendwann erwischt es uns wohl alle, die Motivation kracht in den Keller und zwar auf Nimmerwiedersehen - feministische Fettakzeptanz war nun einmal noch nie ein lohnendes Thema, wenn frau eigentlich gern beliebt und erfolgreich oder auch einfach nur im Ansatz wirksam wäre. Mit großer Verblüffung verfolge ich die Instagram-Posts von Kate Harding. Sie war eine meiner Heldinnen auf meiner Reise zur Selbstakzeptanz. Heute: Fotos von ihrem Hund. Und sonst kaum noch etwas.

Kommt gut in 2022 an.

NH