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Samstag, 17. Februar 2024

Wie es mir so geht - Teil 3: Geld und Selbstsabotage



Mir geht es weiterhin ziemlich mies. Die Medikamente müssen überdacht werden und die Lage schwankt gewaltig. Es gibt auch bemerkenswert weite Ausschläge nach unten. Diese werden allerdings fast immer durch äußere Faktoren getriggert. (Kommt alles ins Buch.) 

In den letzten Wochen habe ich ein für allemal begriffen und begreifen wollen, was bekanntlich nicht das Selbe ist, dass in der aktuellen Phase meines Lebens das wahre Problem und gleichsam am Ende wirklich die Lösung für fast alles - dieses ist: 

Geld. 

Ganz ehrlich, auch der abgehauene Ex ließe sich mittlerweile gefühlsmäßig durch einen vintage Jeep Cherokee Wagoneer mit Verkleidung in Holzoptik mehr als angemessen ersetzen. Siehe oben. Das alles war irgendwie schon ewig klar, aber nun hat sich das Nachdenken über Geld auf Platz 1 der To-Do-Liste eingenistet und ist mittlerweile sogar bestimmendes Thema in der Therapie. 

Dabei geht es natürlich nicht wirklich um die Anschaffung von Luxusartikeln zur Kompensation inneren Leidensdrucks; es geht konkret darum, dass Geld bzw. ein real eintretender oder befürchteter Mangel daran den größten Stressfaktor in meinem momentanen Leben darstellt. Meine Verzweiflung ist nur anteilig das Ergebnis einer persönlichen Disposition. Sie scheint im Gegenteil, oh Wunder, so gut wie komplett käuflich zu sein. Wenn ich keine Angst vor der nächsten Werkstattrechnung hätte, die anfällt, damit das unbedingt benötigte Auto durch den TÜV kommt, wäre mir schon viel wohler. Wenn ich mich und meine MS regelmäßig in den Urlaub schicken könnte, wäre ich vermutlich gesünder. Wenn ich nicht immer Angst hätte, dass mir jederzeit Aufträge und damit der Lebensunterhalt für mich und die Katzen kurzfristig wegbrechen könnten, wäre ich nicht täglich im Kampf- oder Fluchtmodus. Wenn ich nicht immerzu Angst haben müsste, dass ich mir angesichts überraschender Sonderumlagen das Wohnen in meiner Wohnung womöglich irgendwann nicht mehr leisten kann, obwohl sie mir gehört, fände ich es vermutlich auch einfacher, mich wenigstens in meinen eigenen vier Wänden sicher zu fühlen. Wie sich das wohl anfühlen würde, ist mir nicht wirklich bekannt, aber ich stelle es mir ziemlich geil vor. 

Ich weiß, ich bin - wie immer - nicht allein mit diesen Sorgen. Ich weiß, dass Rücklagen etwas sind, wovon inzwischen mehr und mehr Haushalte nur noch träumen können. Und mir ist aus meiner Arbeit mit Menschen ziemlich bewusst, dass beim Wegfall finanzieller Ungewissheit häufig vermutlich auch die Einnahme von Psychopharmaka sofort eingestellt werden könnte. Es ruiniert das Leben, wenn die zuverlässige Finanzierung einer normalen, würdigen Existenz immer auf der Kippe steht und frau nicht über genug Resilienz und Grundvertrauen verfügt, um sich damit zu beruhigen, dass sich schon immer alles irgendwie finden werde.

Geld wird ein neues Themenfeld auf diesem Blog sein. Es ist bekanntlich ein Empfindliches - übrigens auch im Hinblick auf die Erwartungen von Leser*innen und die gefühlte Integrität bzw. den Idealismus von Content-Creator*innen. 

Es stellen sich einige Fragen: Darf ich überhaupt über Geld reden? Darf ich zugeben, dass ich nicht genug habe, bzw. mehr brauche? Darf ich womöglich sogar sagen, dass ich schlicht mehr Geld verdienen und haben will? Soll ich darüber reden, wie ich meine eigene finanzielle Situation verändern will oder muss? Was ist meine Arbeit wert und wie bekomme ich das, was ich wert bin?

Natürlich kann frau auch die Systemfrage stellen. Warum müssen wir überhaupt in einer Welt leben, in der irgendwer jemals Angst um seine Existenz haben muss? Aber die Veränderung des Systems wird sie nicht erleben.

Meine persönlich größte Frage ist dieser Tage somit eine dem System total angepasste: Wie schaffe ich es, meine wirtschaftliche Situation, die mich oft so sehr bedrückt und meine Anxiety* in immer neue Höhen treibt, trotz dieser psychischen Beschwerden zu verbessern? Wie ergreife ich Maßnahmen gegen äußere Umstände, deretwegen ich mich eigentlich viel zu kraftlos fühle, um Maßnahmen zu ergreifen? Hinweise in den Kommentaren sind (meistens) erwünscht. 

Was mich an dieser Stelle noch zum Begriff "Selbstsabotage" bringt. Da hieß es vor einiger Zeit in den Kommentaren, dass ich meine Kraft (die vermutlich schon besäße) gegen mich "selbst drehe". Das war als Ratschlag gegen meine "lebenslange Selbstsabotage" gemeint. Auf Nachfrage wurde noch ausgeführt, dass es sich hierbei nicht um einen Vorwurf handle, sondern um einen "sanften Hinweis" dass, wenn bei einer Person, die, so wie ich, über vermeintlich viele Ressourcen verfügt und einen "sehr privilegierten Start ins Leben" hatte, im Leben dann alles so schief läuft bzw. sie so unglücklich ist über den Verlauf der eigenen Biographie, hier eine innere Verweigerung bzw. Blödheit im Spiel sein muss, die verhindert hat, dass die dumme Nuss eben jene überreichen Ressourcen hat nutzen können.

Es mag ja sein, dass in manchen Kreisen unwissenschaftlicher Motivationsscharlatanerie der Begriff "Selbstsabotage" noch modern ist, aber kein*e Therapeut*in, die ihr Geld wert sind, würde damit arbeiten, weil es sich hier natürlich um nichts anderes, als um eine verächtliche Umdeutung mit eingebauter Schuldzuweisung handelt. Natürlich kann ich es Selbstsabotage nennen, wenn ich unglückliche und/oder erfolglose Menschen nicht mag. Alle anderen reden hier wohl lieber von Trauma und Depression. Und darüber haben wir wiederum nur bedingt Kontrolle. Mitunter, frau mag es kaum glauben, fast genauso wenig Kontrolle, wie über Schicksalsschläge, Erkrankungen, Wetterkatastrophen, Todesfälle, unsere Eltern und andere dumme Zufälle. 

Wie frau auf die Idee kommt, dass Privilegien vor Unglück retten, ist mir zusätzlich schleierhaft. Ich kriege jeden Tag Werbe-E-Mails von der Firma, die Kate Spade einst gegründet hat. Erstens, weil ich ihre Taschen gerne ansehe. Und zweitens, weil mich ihre Geschichte berührt hat. Sie hat sich im Alter von 55 Jahren in einem Luxusapartment in Manhattan erhängt, obwohl sie wirklich alles zu haben schien, was wir gemeinhin als Zeichen eines erfolgreichen Lebens deuten würden. Vielleicht sollte frau sich lieber noch einmal gründlicher in der Welt umschauen, bevor sie anderen als Rat getarnte Zurechtweisungen in die Kommentare schreibt.


*Generalisierte Angststörung


PS: Zum Thema Geld und Bloggen fiel mir dieser Post von Ragen Chastain wieder ein - nicht komplett zur Thematik oben passend, aber dennoch interessant, finde ich.


NH


Mittwoch, 22. November 2023

Memory Lane

Die Feldmark hinter Kuddewörde in Schleswig Holstein, 2022


Ich bin kein Zauberer, doch kenn einen Trick
Leih mir irgendwas, ich geb' dir einen Müllhaufen zurück
Ein'n Müllhaufen zurück, ein'n Müllhaufen zurück
Ich verwandele dein Lächeln in ein'n bestürzten Blick 

(Antilopen Gang: Hokus Pokus)

Irgendjemand hat mich für den Newsletter des 3Pagen Versands angemeldet. Ich hab keine Ahnung wer und warum, aber ich bekam die Aufforderung, meine Registrierung zu bestätigen - mit dem Hinweis:  "Sollten Sie diese Mail nicht angefordert haben, dann können Sie die E-Mail ignorieren." Ich aber habe die fremde Registrierung bestätigt, weil ich durch diese kleine Merkwürdigkeit in einem kuriosen Wägelchen auf die Straße der Erinnerung geschoben wurde. Der Katalog des 3Pagen Versands (1954 gegründet) mit seinen kitschigen Dekoartikeln und den betulichen, bunten Haushaltsartikeln war ein Teil meiner frühen Kindheit in den Siebzigern. Er lag regelmäßig frisch auf dem Wohnzimmertisch und ich hatte einen riesigen Spaß, all die wunderbaren, sinnlosen Dinge anzusehen., die damals wie heute vorgaben, absolut essentiell zu sein. 

Vor ein paar Jahren erinnerte ich mich durch puren Zufall daran und forderte aus schierer nostalgischer Neugier den Papierkatalog an, den das Unternehmen noch immer verschickt. Ich war überrascht, wie wenig sich scheinbar verändert hatte und war fasziniert von den kunstvoll und komplett unironisch gezwirbelt formulierten Texten, die die Produkte anpriesen. Von innen erleuchtete, winkende Pinguine, solarbetriebene Libellen, Teetassen mit Veilchen bedruckt...ich kam aus der Freude gar nicht mehr raus. An meinem Esstisch wurde dann für einige Zeit wieder eine Tradition daraus, jeden neuen Katalog genau zu studieren, und es war hervorragendes Entertainment, denn mein Ex-Freund las mir die Texte in angemessen grandios-theatralischer und begeisterter Rede vor. Ich habe regelmäßig geweint vor lachen. Es war großartig. Zum Dank an den Versand habe ich ein paar kleine Bestellungen aufgegeben. Aber nicht genug - irgendwann wurde die Zustellung des Katalogs wieder eingestellt. Und nun poppte plötzlich diese Mail auf.

Seit ich noch tiefer im Jammertal stecke, als vor dem Verlassenwerden ohnehin schon, fordern alle möglichen Leute, die in therapeutischen Berufsfeldern arbeiten, dass ich mich bitte darauf konzentriere, was im Leben alles gut war/ist. Frau wird pausenlos dazu ermahnt, sich auf das Positive zu konzentrieren und sich ins Bewusstsein zu rufen, dass niemals alles nur schlecht ist. Es ist unmöglich, dass alles nur schlecht ist - das soll ich bitte jetzt endlich begreifen! 

Nun, solange mein Gegenüber sich nicht dazu versteigt, mir einreden zu wollen, alles - auch jede persönliche Katastrophe - sei für etwas gut, bleibe ich zumeist noch halbwegs höflich. Wer insistiert, guckt allerdings leicht mal schnell betroffen aus der Wäsche, wenn ich fertig bin. 

Manchmal machen sie lenkende Vorschläge, um mir auf die Sprünge zu helfen. Das geht immer schief:

"Sie haben doch so eine schöne Wohnung." - "Ja, die ich mir vielleicht irgendwann nicht mehr leisten kann, und die Sorge lässt mich nachts nicht schlafen. Außerdem finde ich sie schon lange nicht mehr besonders schön. Aber es kauft sie mir auch keiner ab, wie es aussieht."

"Aber Sie haben doch zwei süße Katzen." - "Ja, die ich mir vielleichtt irgendwann nicht mehr leisten kann, und das erfüllt mich täglich mit Panik. Außerdem halten sie mich nachts wach und fallen mir immer öfter auf die Nerven. Dann fühle ich mich dafür schuldig, dass ich von ihnen genervt bin. Und dass ich nicht mehr mit ihnen spiele, weil mir die Energie fehlt."

"Sie waren in Ihrer Beziehung doch auch nicht komplett glücklich. Da ist es doch gut, dass Sie jetzt frei für etwas schönes Neues sind." - "Ich habe mich nicht getrennt, weil ich nicht den letzten Funken Hoffnung auf eine fröhlichere Zukunft aufgeben wollte. Und diese Hoffnung hing an der Beziehung und unseren Plänen. Ich wollte nicht zugeben, dass ich Jahre an ein augenscheinlich sinnloses Projekt verschwendet hatte, das mir trotzdem so sehr am Herzen lag. Ich wollte ein Zuhause und es war, verdammt nochmal, wirklich der schlechteste Moment für einen solchen Schlag, weil es mir eh schon so fürchterlich mies ging. Und Waren Sie in letzter Zeit mal auf einem Partnersuche-Portal? Schön ist es da wirklich nicht. Ach, und hatte ich schon erwähnt, dass der Ex neuerdings versucht, über gemeinsame Bekannte an Informationen über mich heranzukommen? Das ist ein ganz schön gruseliger Gipfel, das kann ich Ihnen sagen."

"Sie können doch stolz sein, dass Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn so vielen Menschen Unterstützung und Hilfe haben zukommen lassen." - "Wissen Sie, was ich eigentlich beruflich vorhatte? Einen Oscar für das beste Drehbuch zu gewinnen."

"Was könnten Sie sich denn heute noch Gutes tun, um es sich ein bisschen schön zu machen?" - "Ich will lieber nicht auch noch im Knast landen. Gehe ich wohl besser schlafen."

"Es wird wieder besser. Es dauert eben nur seine Zeit." - "Was soll das heißen, wieder besser? Ich erinnere mich wirklich nicht daran, dass es nachhaltig gut war. Ich erinnere mich hauptsächlich an 52 Jahre Kampf. Und jetzt bin ich langsam zu müde für all das."

Mir ist nicht klar, was die Tatsache, dass nicht alles im Leben schlecht war oder ist, damit zu tun hat, dass ich dieser Tage dieses Leben immer öfter nicht mehr will. Ich soll doch eigentlich auch immer im Jetzt leben. Oder wie war das bitte noch? Und wäre vorher tatsächlich so ziemlich alles wunderbar gewesen, würde es mir jetzt wirklich besser gehen, wenn ich mich an das erinnere, was ich mit einem Fingerschnippen verloren habe? 

Ich erzähle ja immer wieder gern von einem Zitat, das ich vor Jahrzehnten in einer Traumschiff-Episode aufgeschnappt habe: Es ist besser, etwas gehabt und verloren zu haben, als es nie besessen zu haben. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich das so unterschreiben würde. Mir scheint, der Preis für vieles, was sich gelegentlich oder kurz gut anfühlt, ist hinterher oft unverhältnismäßig hoch.

Im Grunde ist das Herumgereite auf dem Hervorheben des Positiven genauso hilfereich, wie der Hinweis, dass es anderen Menschen in ihren Lebensgeschichten noch viel schlechter geht/ging. Der Vergleich ist wirkungslos, egal ob mit dem eigenen oder anderen Leben. Denn das individuelle Leiden im Innern ist immer unvergleichlich. Und ja, das eigene Hemd lässt sich nicht ausziehen.

Einkaufen hilft. Vielleicht bestelle ich irgendetwas Leuchtendes bei 3Pagen.

NH

Freitag, 24. Juli 2015

Follow me around 30: Umnachtung

Stimmung

Die letzte Woche fing schon schlecht an, als sie eigentlich noch gar nicht angefangen hatte. Ich wurde am Samstagabend auf einer eigentlich sehr schönen Party an einem Tisch platziert, an dem u.a. bereits ein Steuerberater/Lokalpolitiker und seine dicke Frau saßen. Sie war mit echtem und falschem Glitzerkram geschmückt, wie ein Weihnachtsbaum und brachte die passende sprudelige Stimmung gleich mit. Erst dachte ich nur, sie wäre halt eine von diesen, wie ich finde, unangenehmen Dicken, die mit überzogen fröhlicher Hoppla-jetzt-komm-ich-Attitude die Tatsache ausgleichen wollen, dass sie, so wie ich, zu einer als minderwertig empfundenen Bevölkerungsschicht gehören. Später stellte ich fest, dass sie auch ausgesprochen unhöflich war, denn sie setzte sich nach dem Essen zwischen mich und meine Nachbarin und blockte mich aus der Unterhaltung, indem sie mir ihren Rücken zudrehte.

Wahrscheinlich hatte sie es mir übel genommen, dass ich ihren Mann dabei erwischt hatte, ein nicht besonders heller Schwätzer zu sein. Wir konnten vom Tisch aus den Michel (St. Michaelis, Hamburg) sehen. Meine Nachbarin sagte: "Oh, der Michel!" Er erklärte ihr im Brustton der Überzeugung, das sei nicht der Michel. Mein Google sagte, dass er schlicht Unrecht hatte. Und das sagte ich ihm dann. Der Mann belehrte halt mal wieder besonders gern Frauen. Nacheinander meine Nachbarin, dann mich und schließlich sogar seine eigene Frau. Dummerweise lag er mit so ziemlich allem falsch. Heutzutage ist das ja im Zweifel besonders schnell und leicht nachzuweisen. Was manche Ehefrauen so aushalten...aber vermutlich sieht sie nichts bzw. alles ganz anders. Sie nannte ihn stolz "großer Bär". Ein Bild vom "kleinen Bären" (das Kind heißt tatsächlich "Urs") hatte sie mir bereits Sekunden nachdem ich mich an den Tisch gesetzt hatte, unter die Nase gehalten.

Was bedeutet diese Episode nun eigentlich? Ich kann öfter mal gar nicht so gut mit anderen Dicken. Das hat mich immer ein wenig frustriert, wenn das passiert ist. Aber warum eigentlich? Schließlich sind wir nicht automatisch im selben Club. Und Dicke sind nicht automatisch bessere Menschen. Das denkt man nur immer, wegen ihrer persönlichen Diskriminierungsgeschichte, die sie schließlich, wie wir alle, irgendwie schon haben müssen. Aber nicht jede(r) kommt am Ende des Spülganges mit der gleichen Gemütsverfassung und Weltsicht wieder heraus. Und Solidarität ist im Alltag und auch sonst ja ohnehin immer so eine Sache. So wie Angela Merkel keine Verpflichtung hat, Politik für Frauen zu machen, und darüber hinaus nun auch über das mühsam erstrittene Recht verfügt, ganz genauso reaktionär und machthungrig zu agieren, wie jeder reaktionäre und machthungrige Mann, haben Dicke natürlich keine Verpflichtung, ausgerechnet zu mir nett zu sein.Und sind sie halt oft auch nicht.

Konkurrenz unter Dicken?

Ich bin bereits in all diesen Kategorien gescheitert: mit der besten dicken Freundin, diversen Stammtischen für dicke Frauen, auf dicken Tanzparties, sowie in Internetforen für Dicke. Es macht mich als Feministin nicht froh, von Bissigkeit und Konkurrenzgebaren unter Frauen zu sprechen, weil es mir viel lieber wäre, das bliebe in meiner Welt nur ein  abgedroschenes Klischee, aber oft waren es wohl wirklich solche Schwingungen, die mich dazu gebracht haben, mich von entsprechenden Zusammenschlüssen wieder zu trennen. "Wenn du immer und überall fast ausschließlich auf dicke verbissene Konkurrentinnen statt Schwestern triffst, bist am Ende womöglich doch du selbst die, die immer automatisch konkurriert", schallt es aus naseweiser Quelle über die Straße. Wer weiß...

Was ich weiß (und vermutlich auch hinreichend mitgeteilt habe) ist, dass meine Wut stetig auf jene wächst, die sich anpassen, den Kopf einziehen, insgeheim noch immer auf dünne Zeiten hoffen, und den Kampf für die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und gegen die eigene Diskriminierung im günstigen Falle anderen überlassen. Im schlechteren stemmen sie sich noch gegen derartige Bemühungen. Dicke Anti-Dicke sind mir genauso ein Rätsel, wie Antifeministinnen. Auf beide bin ich mitunter so sauer, dass ich gelegentlich mit dem Gedanken spiele, doch noch eine Karriere als Autorin seifiger, antiemanzipatorischer Frauenromane zu starten, in denen dicke, tramplige Heldinnen regelmäßig schön und schlank werden, bevor sie endlich doch noch ihr Glück finden.

Meine Therapeutin hat mich letzte Woche Donnerstag in einer Gruppensituation beobachtet (therapeutische Kochgruppe in ihrer Praxis) und mir danach am Dienstag mitgeteilt, ich hätte so viel unnahbarer gewirkt, als im normalen Gespräch und damit womöglich die anderen Gruppenmitglieder verunsichert. Das fand ich bemerkenswert, denn ich hatte mich einfach nur zurückgehalten, um explizit niemanden zu verschrecken. Mir ist bewusst, dass ich leicht zu viel werden kann, wenn ich meine Ansichten, Überlegungen, meinen Humor und meine Abneigungen zu deutlich austeile. Darum nehme ich mich im direkten Zusammentreffen mit anderen oft zurück. Offenbar mit dem Ergebnis, dass man mich dann leicht für unzugänglich hält. Schöner Mist.

"Zu viel" zu sein, ist eine Erfahrung, die ich mehr als hundertmal gemacht habe. Und das eben nicht nur, was meinen Körper angeht. Ich bin im persönlichen Umgang oft bemüht, Menschen nicht zu überfordern, weil es nicht meiner Erfahrung entspricht, dass ich besonders gemocht werde, wenn ich da den Rahmen sprenge.

Während kapriziöses Drama beispielsweise geradezu ein Lebens- und Erfolgsrezept vieler Frauen im Umgang mit Männern zu sein scheint und sie offenbar niedlich, geheimnisvoll und schutzwürdig erscheinen lässt, hat bei mir "Kompliziertheit" eigentlich immer nur dazu geführt, dass sich andere abwenden. Mich hebt keiner fasziniert vom Boden auf, streicht mir über den Kopf und hält mein emotionales und geistiges Übermaß für eine Aufforderung, sich zu Rettungsaktionen aufzuschwingen. Warum eigentlich nicht, wollte ich von meiner Therapeutin wissen. Das ist sowas von unfair. Wusste sie aber auch nicht.

Das Ende vom Lied

Als Beispiel für oben beschriebenes Dilemma endete in dieser Woche die spaßhafte Androhung durch mich, persönlich ein Geburtagsständchen vorzutragen, unbegreiflicherweise in einem weiteren zwischenmenschlichen Bruch. Wahrscheinlich hätte ein Video von mir mit Sprühsahne auf dem Busen (wie im letzten Jahr) mehr Anklang gefunden, aber dazu hatte ich keine Lust. Wahrscheinlich hätte ich mich wieder komplett zurück halten sollen - ich weiß schließlich, dass Geburtstage eine kniffelige und empfindliche Angelegenheit sein können. Aber es war mir ein Bedürfnis, mich einfach zu melden. Genau genommen war es mir ein Bedürfnis, vom Empfänger mal wieder wahrgenommen zu werden. Aber er hat mich scheinbar abermals nicht gesehen. Und nach zwei Jahren, in denen ich mich in dieser Verbindung oft wie der letzte Dreck gefühlt und mich trotzdem weiter bemüht habe, weil sie mir so furchtbar wichtig war/ist, habe ich dann so deutlich gesagt, was ich denke, dass von nun an zumindest ich selbst nicht mehr in der Position bin, hier, wie vielleicht vormals noch möglich, eine Rückabwicklung vorzunehmen. Und da ich wirklich nicht damit rechne, dass mir derjenige plötzlich vom Boden aufhilft, weil er mich so niedlich findet - one down, no one to go.*

Nachtwanderung

Sonntagnacht wanderte ich allein durch den Ort. Zwei junge Menschen kamen mir im Dunkeln auf dem Bürgersteig mit einem Hund entgegen. Die Frau lief auf meiner Seite direkt auf mich zu. Es bestanden zwei Möglichkeiten: Entweder sie weicht hinter oder vor ihren Begleiter aus, oder sie rennt direkt in mich rein. Und das hat sie dann auch getan. Offenen Auges. Weil sie bis zum letzten Moment hinter ihren stylischen Brillengläsern geglaubt hat, dass die dicke Alte schon einen Schritt zur Seite und auf die Straße machen wird, wenn sie in Paarformation auf mich zurauscht...

...War dann regelrecht ein wenig schmerzhaft, der Zusammenstoß. Und von ihrer Seite erstaunlicherweise komplett stumm. Während ich die Augen rollte und seufzte "Unfassbar!", begannen die beiden erst einige Meter die Straße hinauf damit, sich wieder murmelnd zu unterhalten.

Und nun ist schon wieder Freitag.



*Noch einer erledigt, keiner mehr da.

NH

Sonntag, 7. Juni 2015

Follow me around 25: It's a small world after all


Liebster Award


Ich bin schon vor einiger Zeit von Hendrikje, die ihr Blog hier führt: Septemberwelle, nominiert worden - für den Liebster Award. Vielen Dank dafür! : ) Teil des Awards ist ja wohl immer die Beantwortung einer Liste von Fragen, und nun komme ich endlich dazu, hier meine Antworten zu liefern. 

1. Hast du lange nachgedacht, bevor du deinen (ersten) Blog eröffnet hast, oder war das eher eine spontane Idee?
Ich habe schon ein wenig geplant, bevor ich mein Diät-Tagebuch gestartet habe. Das war 2005. Ja, das Blog gibt es seit 10 Jahren. Nur ist es natürlich heute ein anderer Planet.

2. Hast du schon mal ein Posting bereut? 
Nein. Ich bedauere es ein wenig, überhaupt jemals über Diäten geschrieben zu haben. Aber das ist alles. Es gibt ja die Regel: Wenn du es nicht auf dem Titel der Bildzeitung über dich lesen wollen würdest, stelle es auch nicht ins Netz. Daran halte ich mich, und bin gleichzeitig nicht sehr ängstlich, wenn es darum geht, persönliche Dinge zu teilen - schon allein darum nicht, weil ich noch immer glaube, dass das Private auch politisch ist, und ich bekanntlich eine Mission habe. Es ändert sich halt nichts, wenn keiner den Kopf aus dem Fenster hält.

3. Weiß dein näheres Umfeld dass du bloggst?

Ja! 
 
4. Falls du/ihr einen Garten habt: wer mäht den Rasen?

Ich habe keinen Rasen, für den ich persönlich zuständig bin. Den macht also der Gärtner. 

5. Wenn du wählen müsstest: Katze oder Hund? 
Naja...ich kenne da jemanden, der wäre not amused, wenn ich jetzt etwas Falsches sage. Aber ich mag natürlich Katzen und Hunde sehr. Ich wollte ja auch immer eine Dogge...

6. Stell dir vor, du bist unter der Woche krank, liegst auf der Couch und möchtest unbedingt fernsehen. Es ist 14 Uhr - für welches Programm/welche Sendung entscheidest du dich? 
Ich habe weder eine Couch noch einen Fernseher.

7. Wenn du die Chance bekämst, mit all deinen Erfahrungen noch mal 18 zu sein und neu anfangen zu können - würdest du etwas anders machen? (Beruf/Partner...)
Ja! Ich würde keine Diäten mehr machen. Und ich würde konsequent und total berechnend alle beruflichen Verbindungen und das Vitamin B, das mein Vater zu bieten hatte, ausnutzen und nicht, wie geschehen, aus Stolz ausschlagen.

8.  Was glaubst du, wie wir uns in 50 Jahren fortbewegen werden?
Ich wünschte, wir könnten uns hin und her beamen, aber ich glaube, es werden wohl eher Elektroautos sein, die von Computern gesteuert werden. Wenn ich mit über 90 noch immer im Stau stehen muss, werde ich jedenfalls sowas von sauer sein...

9. Kannst du stricken/häkeln/nähen? 

Nein. Nichts davon.

10. Auf wen oder was bist du manchmal neidisch? 

Ich bin neidisch auf jeden, der einen apfelgrünen Porsche hat. ; )

11. Bist du ein spontaner Mensch?
Eher nicht, denke ich. Ich weiß auch ganz ehrlich nicht genau, was das überhaupt bedeutet. Es scheint immer positiv gemeint zu sein und Lebensfreude zu implizieren. So wie in Fernsehwerbung für Margarine, wo sich Leute mit dem Gartenschlauch bespritzen...Ich plane auch jeden Fall eher viel und gründlich, sonst komme ich leicht durcheinander.


Kleine Gärten für kleine Frauen

Ich hatte schon immer etwas für Bühnen und Kunstwelten übrig. Als Kind habe ich Möbelgeschäfte geliebt, weil ich in ihren Ausstellungen immer so tun konnte, als wäre ich an Film-Sets.Ganz besonders mag ich allerdings auch solche, die in Schuhkartons oder Wassereimer passen - siehe unten. Tatsächlich habe ich insbesondere in den letzten Jahren in dem Bereich ein paar Arbeiten produziert.

Wenn doch alles so einfach abzuarbeiten wäre, wie das japanische Set für den Magic Garden, das ich bei The Optimistic Project in der hamburger Hafencity gekauft habe. Das war mal ein Produkt, bei dem das Foto auf der Packung vom Ergebnis im wahren Leben übertroffen wurde - zumindest was die Fluffigkeit der Bäumchen anging. Nachdem Corbi den Garten dann nach ein paar Tagen mit kräftiger Pfote und biestiger Begeisterung zerstört hatte, machte ich noch ein paar Fotos von einer Frau und einem Drachen in den Überresten, bevor das Ganze in die Tonne wanderte.

Ich wünschte, die Dinge würden einfach funktionieren. Aber das tun sie mehrheitlich einfach nicht. Meiner Erfahrung nach ist nichts jemals einfach einfach.









So ein Theater

Die Frage "Was will ich eigentlich im Leben?" stellt sich ja immerzu, wenn man keinen Anhang oder zukunftsorientierte Partnerschaft hat, und noch immer den selben Job macht, den man als Studentin mal begonnen hat. Der Plan war und ist ein anderer - das muss ich nicht mehr erzählen. Das habe ich ja schon so oft. Ich weiß nur nicht, wohin. Soll ich noch eine Ausbildung machen? Als was? Soll ich mein Buch endlich selbst verlegen, wenn es keiner für mich tut? Soll ich für das Alter sparen, oder doch lieber für einen Ausflug in ein japanisches Einkaufszentrum? Soll ich mich mit dem Alleinsein abfinden? Sollen Corbi und ich eine frauchenlose Dogge adoptieren? Die passt nicht in mein aktuelles Auto, und das Geld für ein Abendstudium müsste ich dann stattdessen in eine Huta (Hundetagesstätte) investieren.

Was meine Therapeutin für mich will, weiß sie ganz genau. Sie findet, wenn ich schon ohne Familie, Beziehung und solides Netzwerk aus Freunden bin, brauche ich wenigstens eine Gruppe, um wenigstens einmal pro Woche "unter Leute zu kommen", mit denen ich nicht arbeite, und aus denen vielleicht "Freunde" werden könnten. Sie entwickelt kühne Fantasien von mir in Yoga-Kursen oder bei ehrenamtlicher Wohltätigkeitsarbeit. 

Ich selbst hatte ja immer so eine romantische Vorstellung von der Mitwirkung in einer lokalen Amateur-Theatergruppe - diese resultierte vermutlich aus meinem Überkonsum betulicher, britischer Fernsehserien aus den 80er Jahren. Und weil ich an Freitagabenden selten etwas Besseres vorhabe, ging ich mit meiner Nachbarin zu der ersten Vorstellung eines Amateurtheaters meines Lebens. 

Es kann selbstverständlich durchaus sein, dass andere Theatergruppen anders sind. Vielleicht sollte man sich hiernach doch noch unverdrossen weitere ansehen. Und wenn etwas an der Darbietung nicht schrecklich war, dann die spürbar große Spielfreude, mit der einige der alters- und geschlechtsmäßig wirklich gut gemischten Mitglieder offenbar und trotz teilweise grober Unbegabung auf ihrer Bühne standen. Der Titel des Stückes war "Mörderstund ist ungesund", und so sehr mir einleuchtet, dass man eines wählen musste, bei dem viele eine Rolle abbekommen, kann ich schlicht noch immer nicht glauben, dass irgendjemand sich jemals irgendwo für eine Aufführung dieses Blödsinns entscheiden konnte. Und da zeigt es sich doch schon wieder: Ich eigene mich nicht für Gruppen. Und schon gar nicht für solche, die das, was sie tun, ausschließlich für sich und zum Spaß tun. Ich gehe auf keine Bühne, ohne mir vorher ziemlich ausladende Gedanken darüber zu machen, was ich da vor Publikum und für das Publikum zu tun gedenke. Ich bewerte immerzu und viel zu streng. Meine Gruppe muss mithin noch gebacken werden. 

Vielleicht wäre meine Einschätzung der Vorstellung eine andere, wenn meine Oma im Ensemble gewesen wäre. Denn vermutlich setzte sich das Publikum ohnehin fast ausschließlich aus Freunden und Verwandten der Darsteller zusammen. Obwohl ich keine meiner Großmütter persönlich kennengelernt habe, schließe ich allerdings, zumindest was meine Großmutter mütterlicherseits angeht, aus Schilderungen ihrer Persönlichkeit, die der meiner Mutter nicht unähnlich gewesen sein dürfte, dass auch sie eher dem Ich-mach-mich-doch-nicht-zum-Affen-Club angehörte. 

Während ich noch die Männer mittleren Alters unter den Schauspielern auf Attraktivität scannte (denn seien wir doch ehrlich - warum wohl sonst jemals eine Gruppe?), begann meine Nachbarin bereits nach einer halben Stunde, unruhig auf ihrem Stuhl hin- und herzurutschen, und raunte mir genervt zu, ob wir nicht doch lieber in die Eisdiele gehen wollten. Wir haben noch bis zur Pause ausgehalten und uns dann verdrückt. 

Sie braucht übrigens keine Gruppe. Sie ist 77 und hat gleich zwei glühende Verehrer, die sie täglich auf Trapp halten. Da kann ich selbstverständlich nicht mithalten, und um auf die Frage aus dem Award-Fragebogen zurückzukommen, auf was ich manchmal neidisch bin - ja, darauf auch. Wobei es sich bei beiden Herren um in letzter Zeit wiedergefundene und ursprünglich platonische Bekannte handelt. Mit dem einen ist sie zur Schule gegangen, den anderen haben sie und ihr Mann offenbar vor Jahrzehnten in der Hundeschule kennengelernt. Ein ähnliche Konstellation wünsche ich mir lieber nicht, weil mir aus meiner Schulzeit beileibe kein Junge einfällt, von dem ich mir heute gern nachstellen lassen würde. 
......

Die Möglichkeiten sind angeblich unendlich, aber ich sitze am Samstagabend wieder zu Hause und schmiere mir zum ersten Mal Argan-Öl in die neublonden Haare. Meine Göttin, was ist das denn für ein schrecklicher Geruch!?! ; )

Eine der ersten kleinen Welten - mittlerweile fast so alt, wie ein Dino.

"Doll House", 2012

"Other Worlds", 2012

2013


© Nicola Hinz 2015

Sonntag, 19. April 2015

Follow me around 22: Wen die ständige Motzerei nervt, der liest besser nicht bis zum Ende




Der Griff ins Klo

Nachdem nun fast alles aufgeräumt ist, kommt der Dreck dran. Bei mir gibt es zugegebenermaßen ziemlich viel alten Dreck. Vor allem Staub und Kalk. Aber auch durstiges Holz (Parkett und Möbel). Fingerabdrücke an der Wand. Katzenhaare auf Kissen und Stühlen. Zutiefst mysteriöse Flecken im Teppich...

Mit dem Putzen verhält es sich nun neuerdings bei mir, wie mit dem Jäten von Unkraut. Wenn ich erst einmal damit anfange, höre ich mitunter so schnell nicht wieder auf, denn wenn man seine Aufmerksamkeit erst einmal bewusst auf den Schmutz lenkt, fällt einem alle paar Minuten wieder etwas vorher Unbekanntes ins Auge. Und ich interessiere mich zum ersten Mal in meinem Leben für Putzmethoden und Schmutzlösungen.

Ein besonders schwieriges Projekt war seit meinem Einzug vor fünf Jahren das Klo mit einem Kranz aus Urinstein, den mir mein Vorbesitzer vermacht hat, und den ich nie wirklich wegbekommen habe. Probiert hatte ich alles Mögliche: Ich habe die Ablagerungen eingeweicht in Scheuermilch, Baking Soda, Essig, Chlor, Zitronensäure, Orangenöl. Ich habe geschrubbt mit Scotch Brite und zuletzt mit Stahlwolle - mit dem Ergebnis, dass sich der gesamte Innenraum der Toilette grau verfärbte...

YouTube war mir bekanntlich bei der Ausdünnung und Neuorganisation meiner Wohnung eine hervorragende Informations- und Motivationsquelle. Und jetzt hat es mir geholfen, endlich mein Klo und mich von den Spuren den vergangenen Pipi zu befreien. Zwei unerschrockene, reizend verschrobene und unterhaltsame Putzexpertinnen aus England (How clean is your house?) haben mir die Lösung geliefert. Zitronensäure (damit lag ich also gar nicht so falsch) und - aufgepasst - Bimsstein!!! Aber nur der echte, graue! Nicht etwa der aus Plastik...

Jetzt gucke ich immer staunend ins Klo und wundere mich jedes Mal, wie einfach das war. Und ich frage mich, was im Leben wohl noch eigentlich ganz einfach wäre, wenn man nur wüsste, wie...


Die Heimatlosen

Das ist das neue "Obdachlosenheim" in meiner Wohnung. Auch Klöterkiste genannt. Alles, was zunächst kein Zuhause hat, alle, deren Zuhause gerade schlecht zu erreichen ist, und Dinge, bei denen unklar ist, ob sie überhaupt eins bekommen, landen erst einmal hier. Schrauben unbekannter Herkunft, Kieselsteine, Murmeln, alte Filmrollen, verwaiste Schlüssel, ausländisches Kleingeld, kaputte Schlüsselanhänger, Figuren aus Überraschungseiern, Osterdekoration, die beim Gang in den Keller vergessen wurde, etc.

So eine Kiste hilft, chronisch Clutter-Belasteten wie mir, Entscheidungen über Gegenstände unter Zeitdruck ohne schlechtes Gewissen verschieben zu können. Natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt, denn irgendwann ist die Schachtel voll. Ein sehr kluge Einrichtung.


Kalte Küche

In meiner Küche kann es ja nun bekanntlich niemandem mehr zu heiß werden, weil dort (außer in der Mikrowelle) nicht mehr gekocht wird. Außerdem wird bewusst möglichst wenig Geschirr verwendet, um das Ausbrechen einer erneuten Auftürmung und Versiffung zu unterbinden. Und da der Kater sich ja weigert, von Papptellern zu essen, brauche ich den Vorrat nun auf. Ich bin da nicht so anspruchsvoll, wie er. ; )

Frühstück

Public Service Announcement:

Und dann habe ich noch ausgerechnet bei Lidl und Budnikowsky die (fast) ideale kochfreie Verpflegung gefunden: Vegetarische Schnellgerichte mit einem anständigen Eiweißanteil, die auch noch wirklich gut schmecken und preiswert sind.



Und dann noch...

Am Freitag war ich bei Gisela Enders in ihrer berliner Coaching-Praxis, wo sie vorab aus ihrem bald erscheinenden Buch "Wohl in meiner Haut" gelesen hat. Die Lesung war sehr erhellend, und ich freue mich schon auf das ganze Buch.

Die Unterhaltungen waren auch hochinteressant, aber im Rückblick und im Hinblick auf die Möglichkeiten in den Bereichen dicke Selbstakzeptanz und die Bekämpfung von Verunglimpfung und Diskriminierung Dicker fast ein wenig desillusionierend. Das kann ich eigentlich gar nicht brauchen, weil ich ohnehin schon unsicher bin, was die Chancen auf echten Wandel angeht. Und was die Sinnhaftigkeit von tatsächlich stattfindenden Veränderungen betrifft, bin ich momentan auch nicht besonders optimistisch.

Tatsächlich bin ich mit einem leicht flauen Gefühl im Magen wieder nach Hause gefahren.

Ein Thema war die Szene/Community dicker Modebloggerinnen und ihr politischer Beitrag zur gesellschaftlichen Akzeptanz dicker Menschen. Wobei es hier natürlich fast ausschließlich um Frauen und Kleidung für Frauen geht. Meine Frustration darüber, dass Mode in großen Größen augenscheinlich nicht nur das wichtigste, sondern gefühlt das fast einzige Scharnier ist, an dem sich deutscher "Fett-Aktivismus" im Internet (woanders findet er ja ohnehin noch weniger statt) aufhängt, äußere ich ja immer wieder mal.

Ja, natürlich ist mir der gesellschaftspolitische Zweck der öffentlichen Sichtbarmachung selbstbewusster dicker Körper und ihrer Besitzerinnen durchaus klar. Ich bin mir auch bewusst, dass Kleidung und die Frage, ob man welche kaufen kann, die einem passt, einem sehr nah ist und viel mit dem Gefühl gesellschaftlicher Dazugehörigkeit zu tun hat. Ich bin selbstverständlich sogar der Überzeugung, dass die Tatsache, dass Dicke nicht nur im Bereich Mode, sondern auch bei anderen Aspekten einer "zu kleinen Welt" (ich sage nur Flugzeugsitze) systematisch übergangen und damit pausenlos öffentlich gedemütigt und ins Abseits gestellt werden, ein riesiges und wichtiges Thema wäre. Allein, über Flugzeugsitze habe ich in einem deutschen Fett-Akzeptanz-Blog, soweit ich mich erinnere, noch nie etwas gelesen. Überhaupt geht es in Modeblogs sehr selten um das, was man als dicke Kleiderkäuferin und als Konsumentin im Allgemeinen alles nicht angeboten bekommt. Da wird nicht gern geklagt. Da wird das Beste draus gemacht. Und so geht es eigentlich immer nur um all das Tolle, das man heutzutage trotz seines dicken Körpers schon kaufen kann.

Ich bleibe dabei: Fatshion interessiert mich nur, wenn sie gängige Sehgewohnheiten (bewusst) herausfordert, ohne womöglich den Versuch zu unternehmen, diese Erfahrung für das Publikum gefällig abzumildern. Und nur dann ist sie aus meiner Sicht überhaupt Fatshion - und politisch.

Dream big

Was ich mir ja noch immer wünsche, wäre ein komplettes Umdeuten von Körpernormen, bzw. eine komplette Abschaffung solcher Normen. Wenn ich dann aber dicke Modebloggerinnen im Fernsehen sehe, die eine andere Dicke modisch "umgestalten" dürfen, und ihr eine Kette umhängen, um zu strecken und vom runden Gesicht abzulenken, dann kann ich mir nicht helfen. Dann finde ich, da läuft etwas ganz fürchterlich schief. Das ist Verrat. Und zutiefst beunruhigend. Denn was im Bereich Mode durch die gelegentliche Einbeziehung Dicker vielleicht als positive Veränderung wahrgenommen wird, ist doch nur die halbherzige Aufnahme der Dicken in einen Club, der ohnehin abgeschafft gehört.

Es ist, wenn man tatsächlich mal die ganz große Bühne des Lebens in ihrer tatsächlichen Weite zum Maßstab nimmt, nicht wichtig, was einer anhat. Und es ist nicht wichtig, wie einer aussieht. Ich habe schon mal gesagt, dass die Dicken mit ihrem Kampf um Akzeptanz einen Prozess anstoßen könnten, von dem alle, und vor allem Frauen, wirklich mal etwas hätten: Das Auflösen der Schönheitsstandards überhaupt. Und womöglich die Abschaffung von Modediktaten und Uniformierungsregeln gleich mit. Das könnten sie, wenn sie in ihrer Mehrheit nicht doch so verdammt anpassungswillig wären. An gängige und geltende Körper- und Frauenbilder. Einge dicke Modebloggerinnen bloggen ja zusätzlich auch noch über ihre aktuellen und Diätbemühungen...kann man da eigentlich noch Teil einer Community sein, deren Ziel die Förderung dicker Selbstakzeptanz ist?

Aber ja, ich verstehe auch das (irgendwie zumindest): Es wäre halt doch so schön, "normal" zu sein. 

Ich gebe zu - ich bin nicht gut darin, "Menschen da abzuholen", wo sie gedanklich und emotional gerade stehen. Mir ist halt oft nicht einmal klar, wie sie überhaupt da hinkommen konnten, wo sie gerade stehen. ; ) Ich schnappe nach Luft und rufe dann aufgebracht: "Jetzt komm' endlich da weg! Was ist denn bloß los mit dir?!"

Und nach der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch bei Gisela Enders' Lesung hat sich bei mir mal wieder sehr deutlich die Frage aufgetan, ob dicker Aktivismus überhaupt einen Sinn hat, bzw. zu gegebener Zeit endlich nennenswerten gesellschaftlichen und öffentlichen Einfluss entfalten kann. Meiner Ansicht nach hat er den nur, wenn er nicht in der Hauptsache daraus besteht, physische und mediale Schutzräume für Betroffene zu schaffen. Was jedoch vermutlich mehrheitlich gerade deren sehr persönliches Hauptanliegen ist.

Aktivismus wird, wenig überraschend, da richtig anstrengend, wo er aus seinem Schutzraum und dem Kreis der ohnehin Überzeugten heraustritt. Und ich müsste irgendwann wohl mal begreifen, dass nicht jede dicke Frau auch nur annähernd so wütend ist wie ich. Und viele wollen wirklich schlicht nur ein einfacheres Leben für sich selbst, bis sie doch endlich abnehmen. Und weil das bald sein wird, lohnt es sich eigentlich auch nicht, sich zwischendurch noch auf den steinigen Weg der Fett- und Selbstakzeptanz zu begeben.

Ich habe ja schon einmal beklagt, dass der Aktivismus offenkundig selbst für die einstigen Anführerinnen einer Bewegung oftmals so anstrengend wird, dass sie sich an einem bestimmten Punkt doch zurückziehen und die von ihnen angestoßene Entwicklung sowie die erfolgreich angestachelten Anhängerinnen sodann sich selbst überlassen.

Golda Poretzky, ehemals Coach für dicke Selbstakzeptanz mit Praxis in New York, hat eben diese faktisch stillgelegt. Ich verdanke ihr was, weil mich die eintägige Online-Vorlesungsreihe, die sie vor zwei Jahren organisiert hat, sehr beeindruckt und mir ziemlich viele neue Felder zum anschließenden, gründlichen Bedenken eröffnet hat.

Wie dem auch sei - Golda Poretzky lebt nicht mehr das Leben einer Aktivistin. Und sie ist heilfroh darüber. Das ist ihrem letzten Blog-Post vom Dezember des letzten Jahres deutlich zu entnehmen. Ich unterstelle nun, es ist nicht nur die Tatsache, dass sie als Anwältin in Festanstellung ein besseres Einkommen hat. Ich unterstelle, es ist auch einfach die Erleichterung, in einem "normalen" und irgendwie regelrecht "dünnen" Leben angekommen zu sein, d.h. in einem Leben, in dem man sich nicht dauernd auch und vor allem in eigener Sache empören, solidarisieren und rüsten muss. Und in dem man nicht pausenlos durch die Kundinnen auch mit dem eigenen Lebenshindernis konfrontiert ist. Und welches sie für sich als Dicke, Coach hin oder her, selbst vielleicht gar nicht für erreichbar gehalten hat. Sie sagt, man darf seine Lebensträume ändern. Das darf man natürlich. Ich aber unterstelle: Die Lebensberatung für Dicke war von Anfang an nicht der große Traum. Es war der Versuch, die eigenen Hürden zum Sprungbrett zu machen. Auch daran ist nichts Verwerfliches. Es ist halt nur blöd für das interessierte und betroffene Publikum, wenn die Bemühungen eingestellt werden, weil es am Ende für die Anführerin eben doch besser ist, "normal" zu werden. Wenigstens Golda ist nun erleichtert, auch nicht mehr so viel twittern zu müssen.

Besser scheitern

Soll man schwierige Ziele besser irgendwann aufgeben, um das Leben zu vereinfachen? Um es im Zuge des faktischen Scheiterns dann zu verbessern? Schließlich ist zumindest die Vereinfachung des persönlichen Alltags seit geraumer Zeit eines meiner Hauptprojekte...Und wenn es um Diäten geht, würde ich die Frage selbstverständlich mit einem lauten "Ja!" beantworten. Wenn es aber um das Durchsetzen gesellschaftlicher Fettakzeptanz geht, wäre eine Antwort noch immer "Nein!".

Ich bin ja mitunter so viel zu viel und so vergnatzt, dass ich selbst meine Therapeutinnen dazu bringe, zu entgleisen und alle Professionaltät über Bord zu kippen. Meine vorletzte schleuderte mir in einer der letzten Sitzungen entgegen, dass das mit mir und meiner psychischen Genesung ohnehin nichts werden könne, "weil Sie sich selbst abgrundtief hassen!". Sie war überwältigt und ratlos angesichts der offenbar in ihrer Praxis noch nie dagewesenen Härte und dem hochfrustrierten Perfektionismus einer dicken Dame, die damals seit über drei Jahrzehnten nicht einen Tag in friedvoller Übereinstimmung mit ihrem aktuellen Selbst verbracht hatte, weil es ihr die Welt seit früher Kindheit unmöglich gemacht hatte. Ich behaupte: Die Ärmste kannte schlicht nicht allzu viele dicke Damen. Denn gerade das, was sie so erschreckt hat, ist etwas, was viele von uns vermutlich gemeinsam haben.

In einer meiner aktuellen Therapiesitzungen vor zwei Wochen schrieb ich dann spontan folgende, eigentlich sehr einfache Erkenntnis auf: "Die heute (noch) gefühlte Selbstverachtung speist sich maßgeblich aus nicht erfüllten Erwartungen an das eigene, ideale Ich. Und das (ist so) seit ich ein Kind bin."

Wobei sich die Vorstellungen, wie der eigene Körper eigentlich sein sollte, in den letzten zwei Jahren tatsächlich komplett verändert hat. Ich kam aus dem Bad, huschte am Spiegel vorbei, stutzte, kam noch einmal zurück - und fand mich tatsächlich schön. Nicht nur akzeptabel. Schön.

It can be done. ; )



NH

© Candybeach.com 2015

Sonntag, 28. Dezember 2014

The Shit List

Now, is there anything else 

                                                   I can get you? 

     A killer blow to the face? 

                                                                                                                                                                       (Miranda Hart)                        

Jetzt wo Weihnachten und das ganze Besinnlichkeitsgedusel hinter uns liegen, kann ich's ja sagen: Ich halte die Vorstellung, Verzeihen sei der Schlüssel zum Seelenfrieden für ausgemachten Quatsch. Weil geplantes und isoliertes Verzeihen um des Verzeihens willen ohnehin nicht klappt. So wie Selbstliebe nicht einfach herbeigeredet oder -gewünscht werden kann. Denn davor schaltet sich das antagonistische Prinzip ein - und die Chancen stehen gut, dass man auf einen anderen niemals sauerer sein wird, als zu dem Zeitpunkt, zu dem man versucht, sich einzureden, man sei es nicht mehr.  So wie man niemals dringender Schokolade will, als zum Beginn einer Diät.

Ich stehe ja auf Rache.

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich auf dem Land in Schleswig Holstein gelebt – an zwei verschiedenen Enden des selben Dorfes zu unterschiedlichen Zeiten. Zweimal wurden Katzen von mir dort von Jugendlichen eingefangen, gequält und beinahe getötet. Auch an beiden Enden, aber von Mitgliedern der selben Familie. Das kann auf dem Dorf ja leicht mal vorkommen. Einmal war es ein männlicher Teenager (Kater Anton kam mit zertrümmertem Kiefer und abgeschnittenen Krallen zurück nach Haus), viele Jahre später drei Schwestern in einer ähnlichen Altersklasse. Sie und ihre Freunde hatten bei einer Party offenbar versucht, Kasimir aufzuspießen, hatten aber letztendlich nur die Hautschichten am Rücken durchstochen. Auch er überlebte schwer verletzt. Und ja, ich denke manchmal, womöglich säße ich heute im Gefängnis, hätte ich nicht eine Mutter gehabt, die mich nach dem zweiten Vorfall zurückgehalten hat. Vielleicht aber auch nicht. Womöglich verfüge ich trotz all meiner lodernden Wut über eine im Notfall doch noch halbwegs funktionierende Schwelle, wenn es um Gewalt geht und leide nicht unter der gleichen kriminellen Entgrenztheit, wie die von einer Lehrerin in einem ökologischen Holzhaus großgezogene Brut aus der Hölle. Sonst hätte ich womöglich doch noch Gas gegeben, und wäre ihnen in die Kniekehlen gefahren, als sie, ein paar Tage nachdem sie meinen Kater fast umgebracht hatten, provokativ die Straße blockierten und langsam und ganz nah vor meiner Stoßstange hergeschlenderten. Sie fühlten sich sicher. Zu recht. Ich bin nun einmal für andere nicht lebensgefährlich. Was mich noch immer im Rückblick verblüfft, ist, wie sie eigentlich dazu kamen, anzunehmen, dass es ganz genau so sein würde. Wirklich wissen konnten sie doch eigentlich nicht, ob sie es am Ende nicht womöglich doch mit Ihresgleichen zu tun hatten - mit einer Psychopathin, die kurz den Rückwärtsgang einlegt, Anlauf nimmt und sie ins Jenseits oder zumindest für ziemlich lange Zeit ins Krankenhaus befördert. Weil sie schlicht denkt, sie darf das. Vielleicht waren sie einfach zu dumm, um Angst um ihre Unversehrtheit zu haben. Oder sie hatten einfach nicht besonders viel zu verlieren. Ich nehme an, es dürfte eine großzügige Mischung aus beidem gewesen sein.

Ich vergesse fast nie - über viele Dinge, die mir im Leben passiert sind, war ich bisher für immer wütend und empört und fassungslos. Aber nach dem Entrümpeln meiner Umgebung geht es nun in der Tat an das Entrümpeln im Innern. Und da türmt sich weiß Göttin der Unrat. Die Shit List an sich ist schon mal eine hübsche Übung, sich von negativen Gefühlen gegenüber Menschen und den Erfahrungen, die man mit ihnen gemacht hat, zu lösen. Man schreibt einfach alle auf - alle, alle, alle die man gern mit einem Mähdrescher überrollen würde. All jene, denen man wünscht, dass sie am nächsten Bissen, den sich runterschlucken, ersticken werden. Alle, denen man nicht eine Träne nachweinen würde, wenn sie im Schlund eines durch den Asphalt hervorbrechenden Monsterkrokodils verschwinden würden. Alle, denen man ihre höchstpersönliche Lawine oder Flutwelle herbeizaubern würde, wenn man es könnte. Wer besonders gründlich sein will, schreibt auch noch den Grund für die Wut oder Verachtung auf.

Meine Liste umfasst rund 80 Personen, Gruppen und Organisationen. Darunter findet sich z.B. jeder Vermieter, den ich in Deuschland je hatte. Oder der Hausmeister, der aus dem Fenster des Treppenhauses gegenüber spannte. Meine Schwester, die das Grab unseres Vaters aufgelöst hat, ohne Bescheid zu sagen. Ziemlich viele Ärzte und Ärztinnen diverser Krankenhäuser, die an der Behandlung meiner Mutter beteiligt waren. Meine ehemalige Bank. Alle, die mich jemals wegen meines Gewichtes herabgesetzt oder beleidigt haben. Freundinnen meiner Mutter, die sie nicht ein einziges Mal besucht haben, nachdem sie krank wurde. Die Jäger, die Molly erschossen haben. Eine ganz bestimmte Gynäkologin. Polizisten. Mitarbeiter von Stromversorgern. Versicherungsvertreter. Bauunternehmer. Und natürlich die bereits erwähnte abscheuliche Kinderschar aus der Nachbarschaft. UND SO WEITER. Ja, es ist eine sehr, sehr, sehr lange Liste. Aber wenn man schon einmal dabei ist, aufzuräumen, sind auch keine Grenzen gesetzt. Es ist egal, wie groß oder klein die Verletzung - die, an die man sich erinnert, haben Spuren hinterlassen, für die sie jetzt endlich bezahlen werden.

Natürlich symbolisch.

Denn im zweiten Teil jagt man sie dann allesamt in die Luft! Dazu bietet Silvester einen pragmatischen Rahmen, sowie einen perfekten Anlass. Erstens: Wenn es ohnehin überall knallt, fällt dieser Teil der persönlichen Reinigungsaktion nicht groß auf.  Wenn man nämlich so viel Rache zu üben hat, wie ich, wird die Sprengung ein wenig länger dauern. Zweitens: Man startet idealerweise um einige Tonnen Groll erleichtert und erfrischt ins neue Jahr.

Meine Shit List habe ich entsprechend auf schmalen Etiketten verfasst. Jedes Etikett kriegt sodann seinen eigenen Böller. Und ich kann es kaum erwarten, ein Streichholz dranzuhalten. ; )

Die Beschriftung der Etiketten ist mit Absicht unleserlich, aber ich denke, der Versuchsaufbau ist klar. ; )
Die Vorbereitungen erfolgten zunächst unter den wachsamen Augen eines Sprengstoffexperten,...
...dem das Ganze am Ende aber doch ohnehin total am A..., also am haarigen Luxuspo vorbeiging.

Mögen wir uns 2015 möglichst immer gleich, geistesgegenwärtiger und wirksamer wehren, damit die Listen gar nicht erst so lang werden.

EIN MUTIGES NEUES JAHR!


PS: Der Soundtrack zur Übung

NH

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Scherenschnitt

 

Das hier sind meine Umrisse. Ich lag auf dem Papier, und meine Therapeutin hat sie nachgezeichnet. Dann wurden sie ausgeschnitten, ein paar Einzelteile, die Arme und ein Stück der Hüfte, um genau zu sein, wurden angeklebt, weil sie über die Unterlage hinausragten und ihre eigenen Bögen benötigten. Natürlich diente die Übung unter anderem der Erkenntnisgewinnung über die tatsächliche (ungefähre) Form des eigenen Körpers. Wie sieht das aus, und kann man damit leben? Und wenn das mit den Grenzen nach außen dann angemessen begutachtet worden war, sollte das Innere ausgefüllt werden. Mit einer spontanen Darstellung der eigenen Gefühlslage.

Zu diesem Zweck nahm ich die Pappkameradin mit an meine Farbtöpfe - und hätte sie am liebsten mit Farbkugeln beschossen, denn ich fühlte ganz urplötzlich veritable Verachtung für sie. Statt dessen schleuderte ich sie jedoch nur noch halb aufgerollt auf den Boden des Schlafzimmers, als ich mit ihr nach Hause kam, um dann dort ungefähr eine Woche demonstrativ auf ihr herumzutrampeln, bevor es mir gut genug ging, um sie zu glätten und zu bemalen. Der Abend an dem das geschah, war einer, an dem ich offenbar ausreichend freundlich zu mir sein und mich über meinen Körper freuen konnte. Wobei ich selbst noch immer oder schon wieder wirklich erschrocken bin, was für eine riesige Ambivalenz und tiefen Zwiespalt diese Übung trotz aller Bemühung um Selbstakzeptanz ans Licht befördert hat.

Die Mitte scheint für den dicken Durchbruch und die damit verbundene Lebensfreude zu stehen, aber die roten Umrisse - das sind handfeste Spannungen. Ich habe sie so eingezeichnet, wie ich sie fühle, und am Ende stellt sich nun also heraus, dass sie doch nach wie vor beinahe die ganze Hülle betreffen. Das ist keine Haut, in der man sich wohlfühlt und wohnt. Das ist hektisch und schmerzhaft. Und es ist obendrein unklar, ob das Innere oder die Außenwelt blockiert wird. Und weil alles so unklar war, gab's auch nur ein Auge. Mir fehlt doch anscheinend noch immer der Durchblick. Dem Kater vermutlich nicht. Der versuchte in weiser Voraussicht und mit allen Tricks, die Gestaltung der Puppe gleich ganz zu verhindern. Nicht dass sie mir jetzt nicht gefällt. Nicht, dass ich nicht etwas über den Stand meiner Körperakzeptanz lernen wollte. Aber weiß war sie einfach viel weniger stressig, wenn offenbar aber auch schon aufregend genug.......Es ist halt doch noch ein ziemlich weiter Weg. ; )

NH





© Nicola Hinz 2013

Freitag, 30. Dezember 2011

Wie im Himmel

(© Gahan Wilson - Danke Barbara! : ))

Ich könnte wetten, dass meine Therapeutin sich das irgendwie anders gedacht hatte, als sie mir vorschlug, mich einmal am Tag vor den Spiegel zu stellen und zu mir zu sagen "Du bist liebenswert, so wie du bist". Ich weiß ja dann immer nicht recht, was ich tun soll – den Spiegel zerschlagen, oder mich kaputt lachen. Mein Verhältnis zu mir selbst ist halt – na sagen wir mal – komplex. Bemerkenswerterweise soll ich natürlich gar nicht so bleiben, wie ich bin. Sonst wäre ich ja schließlich nicht ihre Patientin. Veränderung ist der Kern ihres Geschäfts – ohne Veränderung schlägt man in der Therapie irgendwann im Niemandsland auf. Wozu also jetzt noch der ganze Aufwand mit dem alten Ich?

ODER ABER: Man hört auf, sich zu entschuldigen.

Auf der Reise zu mir selbst, so stellt sich nun heraus, bin ich einmal im Kreis gelaufen, und wer macht mir die Tür auf: Eine alte Jungfer mit mieser Laune und Doppelkinn – und Menschenskind, war ich vielleicht froh, sie zu sehen! Je stärker die Bemühungen, sich von ihr zu entfernen, desto größer der Widerstand. Jetzt weiß ich auch warum – hätte man mich im Zuge all des therapeutischen Aufwands dazu bewegen wollen, mir einen Arm amputieren zu lassen, wäre das vermutlich auf ähnliche Weise gescheitert. Ich hätte ihn einfach nicht hergegeben. Und ich gebe sie auch nicht her. Sie ist Teil meiner Show. Und – egal wie weit man die Definition vielleicht auch ausdehnen muss – ich bin ein Showgirl, sonst wäre ich schließlich überhaupt nicht hier.

Ich will mich selbst nicht liebenswert finden. Die bloße Vorstellung fühlt sich einfach nur an, wie eine zu enge Unterhose. Ich fänd es zwar echt magisch, wenn ein bestimmter Herr endlich zu eben jener Einsicht gelangen könnte (Yes, YOU! Call me!), aber im Gegensatz zu allem was die Folklore des positiven Denkens uns lehren will, ist es weder notwendig noch ausschlaggebend, dass man sich selbst liebt, um geliebt zu werden. Das weiß jeder, der den Lauf der Welt ein paar Jahrzehnte beobachtet hat. Aber wo war ich…ach ja – also, ich persönlich würde auch nicht meinen eigenen "Like Button" drücken (aber ich bedanke mich vielmals bei den beiden, die es getan haben : )). Ich will viel lieber denken können, was ich will (auch über mich selbst) – und sei es noch so garstig. Denn das ist es, was ich bin. Und ganz nebenbei habe ich das Gefühl, dieses Blog wird davon noch richtig profitieren.

Und selbstverständlich halte ich weite Teile des Lebens für eine schiere Zumutung: Von der Steuererklärung über das Fernsehprogramm und die neue Brigitte Diät bis hin zum Tod – ABER ich entschuldige mich nicht mehr dafür. NIE MEHR! Ich habe es vermutlich schon einmal gesagt, ich sage es gern immer wieder: Was für eine Einstellung sollte man denn zu Wasserrohrbrüchen und Bankenskandalen bitteschön auch sonst haben?

Ach, und wo es nun schon seit Oktober als Merkwürdigkeit auf meinem Schreibtisch liegt: Was für eine Einstellung ist eigentlich die richtige, wenn man von einer dumpfbackigen, im Ursumpf der 50er festgekeilten Autorin namens Danijela Pilic beim bloßen Blättern in einer Frauenzeitschrift auf folgende Art und Weise angepöbelt wird: "Kennt jeder: Frauen, die allein sind (…) Die Verbitterte: Sie hasst Männer, und, wo wir schon dabei sind, auch Kinder, weil sie wahrscheinlich nie welche haben wird. Dafür liebt sie ihre sieben Katzen abgöttisch (…) Nachts weint sie in ihre Kissen und hat Angst davor, tagelang nicht entdeckt zu werden, wenn sie sterben sollte." Das Bild zu diesem Artikel ist übrigens eine Vogelscheuche. Damit hier kein Missverständnis entsteht – die Chefredaktion des Magazins Myself hat ihr gestattet, über uns alle (und insbesondere über all ihre Leserinnen, die obendrein auch noch was dafür bezahlt haben) herzuziehen, egal ob mit Familienanhang oder tatsächlich alleinstehend, weil sie schlicht unterstellt, dass es eine richtige und eine falsche Art des Frauenlebens gibt und die "falsche" mit der muffigen Lustigkeit einer Schülerzeitung diffamiert. Oder um mal ein themennahes Beispiel zu verwenden: Sie ist ungefähr so nervig wie eine von diesen verbiesterten Ex-Dicken, die sich gerade zum Rothorn Run angemeldet haben, und sich vorher noch kurz in eine Talk-Show setzen, um dort zu behaupten, dass es schier ein Ding der Unmöglichkeit sei, als dicker Mensch ein halbwegs zufriedenes Leben zu führen. Man kann über trutschige Modestrecken ohne Models und die nächste abwegige "Diätenwende" auf dem Cover ja sagen, was man will (und das werde ich auch noch), aber das wäre der Brigitte vermutlich nicht passiert.

Wahrscheinlich könnte man sich den Mist des Lebens vorübergehend schöntrinken. Schöndenken – wer weiß. Mein Grundsatz ist ja immer, so Einiges für möglich zu halten und möglichst wenig zu glauben. Wenn mich zum Beispiel in Hamburgs City ein verdächtig übereifriger Passant wild und wichtig mit den Armen fuchtelnd anhält und mir vorschreiben will "Sie müssen zurück, da geht es nicht weiter!", kann es durchaus vorkommen, dass ich erst einmal…tja, nun…weiterfahre. Ich mache mir halt gern selbst ein Bild. Glauben kann ein feines Lebenskonzept sein. Wie Optimismus. Oder wie Karma. Bis sie ausscheren, wie ein überlanger Schwertransport auf einer richtig engen Dorfkreuzung. Guten Menschen passieren schlimme Dinge. Am Ende gibt es doch Erdbeben der Stärke 8,9 im Nordosten Japans. Obwohl man geglaubt hat, dass das nicht möglich ist. Und eines Tages stellt sich womöglich heraus, dass der liebe Gott in Wahrheit eine "Crazy Cat Lady" ist – so eine, wie die, vor der die Frau Pilic so große Angst hat. Und die natürlich schon längst ihren festen Platz in der Ahnengallerie der Popkultur-Archetypen hat. Sie ist ein bisschen die Hexe des 21. Jahrhunderts, die neue wilde Frau.

Und wo wir gerade beim Thema waren: Eine Vorgängerin meiner jetzigen Therapeutin hatte mir mal als Hausaufgabe aufgegeben, meinen persönlichen Misthaufen zu zeichnen. Was ich prompt vergaß, woraufhin sie mir eine Standpauke hielt, und ich die Arbeit mit ihr abbrach. Aber vielleicht hole ich das jetzt doch noch nach – und male den höchsten und schönsten Haufen persönlichen Mists, den je eine Therapiepatientin gemalt hat – oder je malen wird. Und es erfüllt mich schon jetzt mit tiefer Zufriedenheit, mir vorzustellen, wie weit man von der Spitze meines Misthaufens wohl sehen könnte.

Kurz vor Weihnachten warf ich also tatsächlich einen Blick in den Spiegel. Und fand just meine innere Crazy Cat Lady – zum ersten Mal (hat ja auch nur zwei bis drei Jahrzehnte gedauert). Und ich beschloss, endlich die zu werden, die ich ohnehin bin. Und mich nicht mehr zu entschuldigen. Das wäre mein erster Vorsatz fürs neue Jahr. Mein zweiter ist, endlich und endgültig auf eine vegane Ernährung umzusteigen. Drittens hoffe ich, mehr zu schreiben. Viertens muss ich mich noch immer entscheiden, ob und – wenn überhaupt – wie viel ich abnehmen will (ja, die Frage steht nun doch wieder im Raum). Fünftens plane ich, im Sommer ins Tierheim zu gehen und wieder zwei Notfellchen zu adoptieren. Außerdem soll möglichst bald mein kleines Kunstprojekt zum Thema Körperimage und Schönheitsideal (The Ugly Girl Project) in Schwung kommen. Und ein kurzer Aufsatz zu Sinn, Aussage und Absicht ist bereits in Arbeit. Wenn jemand von euch sich auch kreativ mit dem Kampf um Selbstwert und gegen die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers befasst, würde ich es mir wirklich sehr freuen, etwas darüber zu erfahren.

Na, ihr Lieben – dann rutscht mal schön!

Ich hoffe, wir sehen uns im Neuen Jahr wieder…also, im Prinzip…gleich. : )

NH